Ich bin sehr müde, lieber Georg ...

Für jetzt soll Ihnen verziehen sein um Ihres heutigen Briefes willen. ‚Weil ich Sie brauche.‘ Dies ist schön.

Ich möchte lieber auf einem weichen Sofa sitzen und mich von jemand streicheln lassen. Lieber Prinz, behalten Sie mich lieb.

Georg war hocherfreut über ihre Geschicklichkeit im Wechsel der Anreden. — Nun kam die Stelle vom Umzug. Die nun folgende letzte Seite des Briefes war ein Gewirr; von allen vier Rändern nach der Mitte zu und kreuz und quer war der Bogen beschrieben, nebst zwei großen Tintenklecksen. Am obern Rande fing Georg zu seinem Vergnügen noch einmal zu lesen an:

Herrgott, was hab ich da gemacht! Also dies schrieb ich Sonntag vor acht Tagen, als ich mich grad mit Herbert gezankt hatte. Sie sollten es eigentlich nicht haben —

Aha, eigentlich! dachte Georg.

— ich hatte den Bogen in einem Papierkasten aufgehoben und nun verkehrt herum hervorgeholt. Und auch grad an Sie hab ich darauf schreiben müssen — also, ich schreibe den ganzen Brief deshalb nicht noch mal ab — hab auch keine Zeit dazu. Sie kriegen ihn.

Am untern Rande stand:

Ich bin totmüde, heut geht alles verquer. Adieu! Trösten Sie mich bald wieder. Unsre Wohnung ist aber fein. Extra ein Plätzchen, elektrisch beleuchtet, wo Sie vor mir knieen können, wenn Sie einmal kommen. Ihre müde Cora.

Am Rande rechts stand:

Indem fallen mir noch diese Kleckse aufs Papier. Soll es doch nicht sein? Tant pis — ich tu’s doch.

Am Rande links:

Nun finden Sie sich zurecht, wie Sie können.

Georg drehte das Blatt herum und las die von unten nach oben — Sonntag vor acht Tagen — geschriebenen Zeilen:

In später, stiller Nacht sitze ich allein und lese Ihre Gedichte noch einmal. Alle. Was ist es, das aus ihnen zu mir spricht? Ist es ein künstliches Hineinsteigern in Gefühle, die in Wirklichkeit nicht da sind? Sind es nur die Sinne? Ist es die wahre Leidenschaft, die echte, große, erträumte? Ich kenne Sie nicht. Kennen Sie mich? Ich bin nicht immer leicht.

Dies schrieb ich in der Sonntagsnacht und weiß nicht, ob ich es Ihnen je vor Augen kommen lassen werde. Eben schlägt es zwölf. Denken Sie an mich? ‚Sehen wir im Traum — wieder Stern bei Stern ...‘ Gute Nacht.

Georg, die Briefe samt dem, vom Maler ihm stillschweigend zurückgereichten, zusammennehmend, war plötzlich gerührt. — Du armes Kind, dachte er, ‚die echte, große, erträumte Leidenschaft?‘ Mußt du noch davon träumen? Warum hast du denn geheiratet? ‚Denken Sie an mich?‘ Das klang doch so rührend! Und da war es aus, ich bekam es mit der Angst und schrieb keinen Brief weiter. Ja, das bist nun du, Cora. Du lügst nicht, oh, niemals lügst du, und das Sonntag nacht Geschriebene und der unbedacht hervorgeholte Bogen und die Kleckse, das ist alles so gewesen, obwohl man schwören möchte, daß es nicht so war. —

Auf einmal ward ihm heiß. ‚Ich bin nicht immer leicht.‘ Bei dieser Stelle ist mir immer heiß geworden, wenn ich sie wieder las, empfand er. ‚Ich kenne Sie nicht.‘ Ja, das ist die problematische Stelle, wo die wirkliche Leidenschaft beginnen möchte — oder die eingebildete aufhören. Als ich Anna das erste Mal küßte, sagte eine unbezweifelbare Stimme in mir — aber ich überhörte sie! —: Ich kenne dich ja gar nicht! — So sind wir nun. Große, geträumte Leidenschaft! Jede träumt davon, und alle heiraten. Sei du in Beuglenburg, ich in Altenrepen! Oh nein, für eine wirkliche Leidenschaft warst du doch viel zu amüsant! Amüsante Frauen liebt man nicht, das würde einen um das ganze Vergnügen bringen. Oh, wie muß doch so manche geborene Kokotte im seichten Gewässer der ehelichen Niederungen verkümmern! Ich bin so spitzfindig auf einmal! Damals aber sollte ich Anna vergessen, sie wollte es ja! Bogner mit seinem lila Briefpapier hat wieder einmal alles gewußt. Wenn ich nun zum Beispiel an den letzten Nachmittag denke ... Mein dumpfer Schädel, — der Verband hitzte und drückte, und dann hatte ich Annas Scheidebrief wieder hervorgeholt, — mir war so elend! Wir fahren ja wieder, dachte er, sich unterbrechend, da er das langsame Rollen des Zuges hörte und das Vorbeiziehen von Lichtern in der Dämmerung draußen sah. Die Luft war ganz violett, dahinter ferne der Himmel leuchtend grün.

Briefe, dachte er, sollte man um so eher verbrennen, je begieriger man sie las. Der Duft ist hin, und sie später wieder lesen, das ist wie an der Schale von gegessenen Früchten kauen.

Und übrigens weiß ich jetzt, was an dem Nachmittag in ihr vorging, als ich von Anna sprach. Es gelang ihr, das, was sie an Zuneigung für mich besaß, mit Hülfe des Unterschiedes im Alter in Mitleid und Mütterlichkeit umzusetzen. Einen Augenblick erst schien mirs doch, als sei sie hülflos geworden. Ja, nun sehe ich sie viel enttäuschter; damals beherrschte mein eignes Schicksal mich ja ganz, — als sie aufgestanden war und am Fenster lehnte, im Laternenlicht, das von draußen hereinstrahlte, ganz weiß im Gesicht unter dem riesigen schwarzen Hut. Vielleicht hatte sie doch viel von mir erhofft. Prinz ist man ... Wie mag wohl ihr Mann sein? Von unerschütterlicher Strebsamkeit nannte ihn Bogner. Solche Frauen haben solche Männer. Und einen Augenblick stand sie da, ihre bescheidene kleine Seele in der Hand, das bißchen echter und verkümmerter Sehnsucht.

Und dann auf einmal sah ich sie ganz verschwommen in der Dunkelheit, und sie stand bei mir, ihr Gesicht war nah über mir, der Hutschatten verdeckte das Fenster ganz. Ich nahm ihre Hände ... Warum wohl? Es kam so ...

Und dann küßte sie schonend meine Stirn, ja, und dann war sie hingeschmolzen in Tröstlichkeit und Mitwehmut, und die erlaubten ihr, auf meinen Knieen zu sitzen, und mir, sie zu halten, und ihr Kopf lag an meiner Schulter, ein Umstand, der zur Folge hatte, daß ich sie küßte, und wie wir so dasaßen, war irgend etwas uns gemeinsam.

Und dann kamen die Briefe, und aus irgendwelchem Gefühlskeim stiegen diese Gedichte auf, groß einher wandelnd wie Seifenblasen, Regenbogenkugeln mit Stickstoff gefüllt und deshalb mit so majestätischer Schwere durch die reineren Lüfte segelnd, — ich weiß alles, dachte Georg geknickt.

O Anna, ich hätte dich nicht vergessen sollen! Was wird nun werden? Ob sie noch länger in Altenrepen bleiben wird? Aber wahrscheinlich geriet ich auch in das Gefühl für sie nur hinein, weil sie da war, und weil ich fühlen mußte. Suchte ich dich? hätte ich lebenslang nach dir suchen und dich finden müssen? Wie hätte ich dich dann vergessen können, jemals? — Man schwimmt im Dasein, sieht nichts als den kleinen Wasserkreis um sich her und erfaßt, was hineintreibt. Aber da sitzt mir ja Bogner gegenüber ...

„Noch sieben Minuten,“ sagte der Maler.

Bald darauf erschienen in der Dämmerung zwischen dunklem Wirrwarr von Gebäuden die wohlbekannten Häuserflächen mit Plakaten von Cakes und von Tinte und der große Arm, dessen Faust einen Radreifen hochhielt. Dann stand auf einmal: Dunlop! groß im Finstern. Georg sah Fabrikessen, von unten beleuchtet, ihr Qualm glühte, Kirchtürme; gegen die andre Seite des Wagens drängte sich plötzlich der große Biergarten unter Bäumen und vielen kleinen Lichtern. Eine Straße erschien, abgelegen, ein Waldrand, ein erleuchteter Straßenbahnwagen, leer und stillestehend.

„Pferdeturm,“ sagte der Maler vor sich hin. Gleich darauf: „Hier ist eine Kaserne gebaut.“ Darauf: „Hier ist alles anders geworden.“

Georg, um etwas zu sagen, meinte: „Sie waren doch neulich schon hier ...“

Bogner erwiderte, es sei nachts gegen Morgen gewesen. Plötzlich waren sie mitten in der Stadt, auf hohem Bahndamm zwischen den Häusern hindurchgerissen, es rauschte und donnerte, Fensterreihen, hunderte von kleinen Balkonen, das Innere von Zimmern, mit einer Hängelampe, einer Nähmaschine, flogen vorbei. Aus der Tiefe neben Georg fuhr jenes Gewimmel von Kette und Anordnungen roter, grüner und weißer Lämpchen herauf, lampengeschmückte Musikpavillons, eine Militärkapelle, Tisch und das Getümmel beleuchteter Menschen.

„Tivoli, genau wie damals,“ sagte der Maler und erhob sich.

Während sie ihre Mäntel überzogen, rauschten die Bremsen, stöhnten, quietschten, und der Zug stand in der leuchtenden Halle.

Zweites Kapitel

Nachtgang

Der Maler ging in seiner leichtlichen Rüstigkeit voran. Georg, in einem sonderlichen Gefühl von Heimkehr, mit der Ungewißheit der Erwartung, ob noch alles wie damals sei und was sich diesmal dahier mit ihm zutragen werde, folgte treppab, durch Menschengedränge, durch den Tunnel, stand eine Weile geduldig mit am Gepäcklager, wo der Maler seinen Zettel abgab, um sich den Koffer schicken zu lassen, und dann standen sie unter dem Überdach vor den Ausgängen. Georg sah das schwarze Reiterdenkmal wieder über Treppen und Blumenbeeten auf dem nassen, schwarzen Platz, hörte die elektrischen Bahnen in den Kurven kreischen, sah sie um die springenden Brunnen biegen, sah die breiten Straßen in der rötlichen Helle der Bogenlampen, hastig durchwimmelt von beschäftigten Menschen, die großen Hotelbauten im Umkreis und die Fluten verschiedenen Lichts aus den Spiegelscheiben der Auslagen im breiten Strom der Bahnhofstraße, alles so unendlich wohlbekannt, für den Hauch eines Augenblickes entfremdet, nun alles schon wieder wie vor einem Jahr, und er dachte dabei: Da bin ich nun in derselben Stadt wie Anna. Wenn sie mir doch gleich entgegenkommen wollte! Die Überraschung würde mich maskieren. Ob ich nicht vielleicht doch, wenn ich sie wiedersehe, mein verlorenes Gefühl wieder finde? Oh Gott, nein, betrügen kann ich sie nicht, und was sollte auch daraus werden?

„Ich möchte zu Fuß gehn,“ hörte er Bogner sagen, „meine Eltern wohnen in Waldhausen.“

Georg, unschlüssig was tun, da er ins Hotel immer noch früh genug kam, fragte, ob er durch die Wiesen gehn wolle, und da der Maler nickte, ob er ihn begleiten dürfte, — die Abendluft ...

Also sagte er dem blassen Egon Bescheid wegen des Hotels und der Koffer, und sie gingen schweigsam über den Platz, die Bahnhofstraße hinunter und weiter durch die Altstadt, wo Georg plötzlich in einer dunklen Seitenstraße den leuchtend grünen, jetzt schon in triefendes, tiefes Blau vergehenden Himmel wieder sah, in den der riesenhafte, breitschultrige Turm der Marktkirche hineinragte, schwarz wie aus Samt geschnitten.

Als sie auf die Allee des alten Friedrichswalls hinaustraten, blieb der Maler stehn. Rechts rauschten die vielen Wasserstrahlen des Zierbrunnens mit Krokodilen und Wassermännern in der Abendstille. Der Maler schüttelte den Kopf über ihn, blickte nach links gewandt die kleine Akazienallee hinunter, neben der auf dem glänzend nassen Fahrdamm die Straßenbahngeleise schimmerten, und schien der lang und dunkel hingestreckten Front des alten Rathauses mit dorischen Säulen und mächtigen Dreieckgiebeln zuzunicken. — Wie mag ihm zumute sein, dachte Georg teilnehmend, da er Alles wiedersieht nach so langer Zeit? — Indem sagte Bogner, in die dunklen Wiesenanlagen jenseits der Allee hinüberdeutend:

„Früher — ja, da reichten die Maschweiden bis hierher, und gleich da drüben stand der kleine Bretterkiosk, wo die Billette zur Schlittschuhbahn verkauft wurden, wenn im Winter die Wiesen unter Wasser standen. Für Jungens kostete es zwei Pfennig, es gab rote Zettel, und dann konnten wir uns gegen den Wind bis hinten zum Bahndamm hinausarbeiten. Auf dem Eis stand eine Bretterbude über Pfählen, wo es glühend roten ‚Kinderpunsch‘ gab für fünf Pfennige. Ja, zur Tür dieses Schuppens führte ein schräges Brückenbrett mit quergenagelten Leisten. Man sollte nicht glauben, daß man im Leben nicht so etwas vergißt wie diese mit Schnee und Schlamm bekrusteten Leisten, mit den Spuren der Schlittschuh, oder diese Mühsal, auf Schlittschuhen hinaufzukraxeln, immerfort angeklammert an die Andern, denn dort herrschte stets ein mächtiger Andrang. Drinnen dampfte alles, ein Kanonenofen war da ...“

Sie gingen wieder; überkreuzten die Allee, umwanderten den neuen kleinen Teich mit seinen Wiesenbuchten und Grotten von Bimsstein und Baumgruppen, gelangten an die Holzbrücke, die zu den großen Wipfelmassen von Bellavista hinüber führte, und wieder blieb der Maler stehn und erklärte, daß hier eine andre Brücke gewesen sei, damals, aus Eisen, mit so hohen Brüstungen, daß man als Junge sich auf die Zehen stellen mußte, um das Wasser sehen zu können und die Ruderboote im Fluß. Die Bootstation drüben war Georg wohlbekannt, aber ehe er etwas sagen konnte, sprang der Maler die Böschung hinunter in die weithin dunkel ausgebreitete Wiesenfläche, zur Linken von dem neuen, mächtig herumgeschwungenen Promenadendamm umarmt, wo Laternen brannten und erleuchtete Fenster in den Hinterhäusern der Stadt erglommen.

Sie folgten dem Wiesenpfad am Fluß hinunter, der braun und eilfertig, hier und da glucksend in der Hast, dahinzog. Mit dem Schweigsamen wanderten am andern Ufer die schweigenden Krüppelweiden, fabelhafte schwarze und verkrümmte Stammkörper mit einem mächtig gesträubten Haarwuchs dünner Ruten, durch die der trübrote Nachthimmel über der Fabrikstadt glühte. Sie gelangten an die Bismarcksäule, die mit einmal, ein dunkler Schatten, sich linker Hand aufrichtete, überstiegen die Anhöhe, die sie trug; Georg, in der Dunkelheit unsicher, zögerte, aber der Maler sprang schon wieder in die Wiesen hinunter, und nun gewahrte Georg fern drüben zur Linken die dunklen Festungsumrisse der Brauerei und weiter rechts in der Ferne die Zypressen und Mauern des Friedhofs, wo die dunklen Wiesenflächen uferten. Er erinnerte sich, daß der Bahndamm verlegt war, wandte sich und sah jenseits der ruhigen Flußbiegung ein stilles Volk von Fabrikschloten im Qualm des roten Städtehimmels stehn, daneben die Türme der Garnisonkirche und Gewipfel. Er hörte das Rauschen des unsichtbaren Wehrs zur Rechten, wo der Fluß sich teilte, und als jetzt die Nachtluft, lau, mit weichen, ungeschickten Stößen wie kindliche Küsse auf ihn eindrang, zitterte sein Herz in der wundervollen Bangnis des Frühlings.

Unten im Dunkel, ganz still, erhob sich der Schatten des Malers in seinem grauen Mantel; auch er bewegte sich nicht. Alles schien sich still zu verhalten auf einmal und zu warten. Wie feucht die Luft war, wie kühl nun wieder! Die Fläche des Flusses glänzte zwischen den Böschungen, sich verbreiternd, bevor er sich in die beiden Arme teilte; ununterbrochen rauschte das Wehr, heller als Meeresbrandung, doch zogen undeutliche Gedanken von See und Ebene durch Georgs Herz. Dann folgte er Bogner.

Der Weg über die Wiesen war nicht leicht, der nasse Grasboden höckerig und zerlöchert, zuweilen gelangten sie an sumpfige Stellen, die der Maler jedoch umkreiste, ohne sich zu besinnen; hier schien er jeden Fußbreit zu kennen. Nach einer Viertelstunde waren sie an einem Strebepfeiler der Friedhofsmauer angelangt und gingen unter den haushohen Bastionen und Türmchen einher, kamen an einen Zaun, einen Bach, einen Brückensteg, über den ein schiefes, halb offenes Stacketengitter gespannt war, gingen hindurch über eine kleine ansteigende Wiese neben einem schwarzen Graben, und — „Hier,“ sagte Bogner, „fingen wir Jungens Blutegel und Molche und Sticherlinge, oder wir stellten dahinten in den Kegelbahnen — das da ist der Biergarten vom Döhrener Turm! — Kegel auf für die hemdärmeligen Pfahlbürger. Da müssen wir hindurch. Übrigens — die erleuchteten Fenster da rechts unter den Bäumen gehören meines Wissens zur Güntherstraße.“

„Wo die Montforts wohnen?“ Georg erschrak. Im dunklen Gefühl, daß er mit der nächsten Minute Anna sehn werde, ging er hinter dem Maler her, der — suchend, wie es schien — sich in der Finsternis der Bäume verlor. Georg stolperte über Wurzeln; etwas, das wie ein Galgen aussah, stand plötzlich vor ihm; er erkannte das Balkengerüst einer an eisernen Stangen hängenden Schaukel, so groß, daß ein Dutzend Menschen darauf stehn konnte; er sah erleuchtete bunte Treppenhausfenster plötzlich ganz groß in der Dunkelheit schweben, und auf einmal kam ein gedämpftes, melodisches Brausen durch die Nacht geschwebt. Orgel ... Renates Orgel ... dachte Georg. Wo war denn Bogner? Er lauschte sekundenlang auf das schöne Rauschen und Quellen, das die Bäume friedlich überstieg; hellere Stimmen lösten sich freudig, stiegen, entwandelten feierlich. Es roch stark nach Erde, nasser Baumrinde, nach Knospen.

Aber wo war denn der Maler? Georg tat ein paar Schritte im Finstern und erblickte plötzlich sehr betroffen drei hohe und schmale, gotische Fenster, die sich in der Nacht aufgestellt hatten, erleuchtet, von einem sehr milden, bernsteinfarbenen Licht. Darüber erschienen alsbald die Schattenumrisse von Dach und Türmchen einer kleinen Kapelle.

So also sah dies alles aus? Und sieh, da stand der Maler; auf einmal sah er sein Profil, nach oben gerichtet, und da war auch ein Zaun und Buschwerk dahinter. Ängstlich und beklommen zu Bogner tretend, sah Georg hoch oben links ein helles Fenster weit offen, ein Stück weißer Zimmerdecke und ein Dienstmädchen mit weißer Tolle, das eine Steppdecke hochnahm und davontrug. Unten wurden Wege weißlich sichtbar, sodann ein roter Punkt, der sich bewegte, ein Raucher — die Orgel rauschte tief — daneben etwas Weißes, ein Kleid, und der rote Punkt glühte auf, und Georg erblickte deutlich und fast entsetzt in dem kleinen Lichtkreis Annas Gesicht und eine Hand, die am Halsausschnitt der dunklen Jacke lag. In diesem Augenblick, zurückfahrend, ließ er seinen Schirm fallen, der gegen den Zaun schlug, und aus dem Garten rief nach Sekunden eine männliche Stimme halblaut: „Ist da wer?“

Georg bückte sich nach seinem Schirm, fand ihn, da war alles still. Plötzlich erloschen die Fenster, gleich darauf knarrte eine Tür, er sah das dunkle Rechteck einen Fuß hoch über dem Erdboden, ein Schatten war darin, ein helles Gesicht; eine Gestalt, weiblich, die etwas Weißes in der Hand hatte, erschien auf einem Wege, der am Zaun vorüberführte, unverborgen durch das noch durchsichtige Strauchwerk, und Georg hörte die Männerstimme wieder, fragend: „Renate?“

Es war still. Der Name, durch die schweigende Nachtdämmerung gerufen, hallte ihm sonderbar durch das Herz. Er zauderte noch, dachte: Jetzt ists am besten! ermannte sich und sagte laut:

„Ich bin hier, Anna, Georg!“

Nun denkt sie freilich, ich habe sie überraschen wollen, dachte er zuckend. Das Buschwerk rauschte auf, teilte sich, Annas Gesicht erschien, er sah ihre Augen, ein wenig zusammengezogen aus Kurzsichtigkeit, er hörte sie atmen, sie schrie leise auf: „Wahrhaftig, Georg!“ und streckte die Hände aus. Rasch wieder loslassend, tastete sie am Zaun, eine Tür ging auf, sie stand atmend vor ihm, er sah ihre lieben, zarten Züge, die Augen, dunkel und groß offen, fühlte die Wärme ihrer Hände, war ganz glücklich. Er schloß aus einer Bewegung ihres Arms, daß sie ihn küssen wollte, und sagte hastig: „Hier ist noch jemand, Anna, erkennst du ihn?“

Da stand Maler Bogner. Sie jauchzte, lief auf ihn zu, packte ihn an den Schultern, wirbelte wieder herum, lief durchs Pförtchen, sich duckend unterm Gezweige, in den Garten, rief: „Renate! Renate! komm mal schnell her! hier ist wer!“ als könnte der Maler gleich wegrennen.

Sekunden später sah Georg sie wieder sich unter dem Strauchwerk bücken, eine weibliche Gestalt an der Hand mit sich ziehend, die sie nun losließ. Ein Frauenarm hob mit schöner Gebärde Zweigbogen empor, ein weißer Schal sank ihr vom Kopf auf die Schultern zurück, ein weißes, schmales Antlitz erschien mit gesenkten Lidern, die Lider hoben sich, und durch Georg, den zwei nächtige Augen anblickten, zuckte ein blendender Schmerz, der ihn erschütterte vom Kopf zu den Füßen, bis er langsam, taumelnd, begriff, daß es eine Seligkeit sein mußte und kein Schmerz.

Garten

Es war nun wie ein Traum oder ein Reigen.

Dunkel wars, wie immer in seinen Träumen, und wie in Träumen vollzog sich alles nur; er war dabei, er tat auch mit, aber es war alles ohne seinen Willen im Gange. Ein Reigen, ja, nach einer unhörbaren, ungeheuren Musik in den Lüften.

Die Fremde stand da, aufrecht. Sein Herz zuckte im Übermaß der Süße hin zu ihr, zu dieser hohen, unbeschreiblich schlanken Gestalt im weit gebreiteten, schwarz glänzenden Kleidrock; zu dieser schmalen Stirne, umrahmt vom Haar, dieser stolzesten Biegung der Nase, — aber sie sah ihn ja gar nicht an, sah vorüber an ihm in das Dunkel. Dort aber stand Bogner, und sie sagte mit einer heiligen Stimme einfach: „Ich bin Renate ...“

Bogner trat herzu, sie streckte den Arm aus; Bogner verneigte sich, faßte ihre Hand, und ihre Stimme machte sich wieder auf, machte die Luft süß um sich her und sagte: „Willkommen, lieber Freund.“

Ah, die Beiden kannten sich! Ja, so war das in Träumen. —

Nun verbeugte sich Georg, bekam eine federleichte Hand für den Hauch eines Herzschlags zu empfinden, und zu sehn, wie ein zartes Gesicht sich durch ein Lächeln der Mundwinkel und der Augen in solchen Liebreiz verwandelte, daß er hätte schluchzen mögen, und dennoch ertrug er den Blick dieser Augen, die so schwarz waren wie Winternächte. Auf einmal war er dann durch ein Dickicht in einen Garten gelangt.

In seinen Schläfen brannte es und sauste. Er glaubte blind zu sein und sah doch alles, nur alles sonderbar langsam und ohne es zu begreifen. Er gab auch mit leiser Stimme einige Erklärungen über sein Hiersein ab. Wem? Irgend jemand, der in der Nähe sein mußte, doch nun kam etwas dazwischen, ein gewaltig großer Unbekannter, schwarz, der glühende Augen und eine kleine Bartfliege am Kinn hatte und ihm die Hand gab und sagte: „Montfort.“

Annas Stimme schlug an sein Ohr, und er hörte die Worte:

„Hast du von meinem Papa gehört? Es geht ihm nicht gut! Ja, denke dir, er hat einen Schlaganfall gehabt, ganz leicht nur, aber — — und ich soll nicht kommen, er hat extra so telegraphieren lassen, was kann das bedeuten?“

Ja, was konnte das bedeuten? Papa? Was für ein Papa? — Immerhin sagte er irgend etwas und sah auf einmal Annas Hinterkopf mit aufgesteckten Flechten vor sich, der ihm sehr unbekannt vorkam. Sie sagte: „Siehst du nun?“

Plötzlich flammte in der Höhe über ihnen ein Licht so grell auf, daß er die Augen zukneifen mußte. Nun war es unglaubhaft hell.

„Richtig,“ sagte er, „der Mozartkopf ist ja weg!“ Darum sah sie wohl so verändert aus.

Ja, es war ein Garten. Buschwerk und hohe Bäume überall. Georg bemerkte, daß er auf einem Wege stand, der rund um einen großen, kreisförmigen Rasen führte. Drüben war das Haus, grau, mit einigen hellen Fenstern, davor eine Veranda mit breiter Treppe in der Mitte. Es war ganz still. In den Lüften oben rauschten Blätter.

Rechts dicht neben ihm stand wirklich Anna. Ihr Gesicht, wie er es nun von der Seite sah, schien schmaler, die Stirn dagegen breiter geworden, und etwas fehlte ganz gegen früher; was, wußte er nicht. Wohin sah sie denn? Ah, da standen die Beiden!

Ein paar Schritte voneinander entfernt standen sie Beide so, daß Georg sie fast von Rücken sah, Bogner etwas breitbeinig, die Hände hinter sich, das Gesicht leicht geneigt, als ob er zuhörte, auf die Erde blickend; Renate wuchs mit der schwarzen Glocke ihres Kleides aus dem Rasen empor, und über ihren Rücken hing das große weiße Dreieck eines glänzend bestickten Schulterschals mit langen Fransen herunter. Sprach sie denn? Nein, sie schwieg. Georg lächelte wunderbar zufrieden, denn nun konnte er sehen, daß sie eine Hand am Kinn hatte, den Ellbogen vermutlich in der andern, so wie er es einmal in einem Briefe gelesen hatte.

Und dort ganz links, am hohen Pfahl einer von oben hangenden elektrischen Lampe stand dieser Unbekannte mit der Bartfliege, eine Hand hoch über sich gegen den Stamm stützend, die Füße gekreuzt; die andre Hand hielt eine dicke Zigarrenhälfte, und seine Augen waren dunkel, fest und ruhig auf Renates Rücken eingestellt.

Ich bin Renate ... hörte Georg eine singende Stimme durch den Garten verhallen ...

Ja, jetzt sprach sie. Auf einmal zeigte sich ihr Profil, die Linie der Stirn, die stolze Biegung der Nasenspitze, der Mundwinkel, der sich redend bewegte, und die leise auf und nieder gehenden Wimpern des Auges, die in sanftem Wechsel den Blick zu Boden und zu Bogners Zügen emporlenkten. Georg verstand kein Wort, doch war es ein zauberhaftes, unsterbliches Spiel.

„Und Bennos Mama ist nun tot ...“, sagte Annas Stimme.

„Er war wohl sehr traurig?“ fragte Georg. „Ja, nun müssen wir wohl gehn,“ setzte er willenlos hinzu.

Renate und der Maler schritten schon nebeneinander über den Rasen. Ihr Kleid rauschte. Nun waren sie an der Veranda vorüber, da war die Hausecke, daneben ein Dämmergang; in den verschwanden sie. Jetzt war er selber in Bewegung, blieb aber wieder stehen, da jener Montfort seine Haltung löste, reichte ihm die Hand und preßte: „Guten Abend“ zwischen den Zähnen hervor. Anna neben sich begab er sich weiter. Sie kamen in den Gang zwischen Haus und gebüschverdeckter Gartenmauer, und nun wußte Georg, daß er etwas Liebevolles zu sagen habe, murmelte auch etwas derart und legte eine Hand um ihre Schulter.

Sie blieb stehn, sah ihn lange und durchdringend an und sagte: „Bist du’s denn, Georg?“

Er lächelte, verlegen im Innern, und antwortete besinnungslos: „Ja, siehst du nicht, daß ichs bin?“

Plötzlich dicht vor ihm stehend, zog sie sein Gesicht mit beiden Händen zu sich herunter, küßte es heftig, legte die Stirn gegen seine Schulter, atmete tief auf und sagte leise: „Gott sei Dank!“

Danach war sie verschwunden.

In einem dumpfen Gefühl der Wehmut ging Georg weiter den Gang hinab, wo ihm nun auf einem glänzenden Wege von Steinplatten durch einen Vorgarten die Gestalt Renates leis rauschend entgegenkam. Unfern dahinter stand Bogner vor einem hohen Gittertor im grünlichen Licht einer Straßenlaterne.

Noch glaubte Georg, zu Boden sinken zu müssen, auf die Knie, gleichviel was, nur liegen, unten sein, — als sie bereits vor ihm stand, die Hand ausstreckend, die er faßte.

Niemals loslassen! dachte er hülflos und sagte kaum hörbar: „Gute Nacht!“

„Gute Nacht!“ hörte er sagen. Duft entschwebte. Es rauschte. Schritte verhallten leicht, und er war allein.

Landstraße

Jedoch Bogner war noch zugegen. Sie gingen langsam nebeneinander die dunkle Gartenstraße unter Bäumen hinunter, deren zartes, grünes Laubwerk durchsichtig schimmerte im Licht der Laternen. Auch zarte Schatten, fedrige, waren auf den Weg gestreut, und wie zart erst war die Berührung der Luft, die um das Herz strich wie sonst um Stirne nur und Lippen. Allein sein! flehte Georg, oh nur erst allein sein! Die unerhörten Kleinodien, die er davontrug, von ihrer Hülle zu befrein, darüber sich zu werfen mit bloßem Herzen, Gold und Juwelen, Gold und Juwelen! — Er glaubte, jeden Augenblick in Tränen auszubrechen. Vielleicht waren das die Kleinodien, die er trug, nachwachsend noch immer wie ein Frühling, in seiner verwandelten Brust. Da fühlte er einen Tropfen auf der Oberlippe, aber der war kühl. Es regnete leise. Die Nacht, ach, sie hatte es gut, sie löste sich weich in Regen auf. Oder lag dort oben ein selig Weinender auf den Sternenbergen, schluchzend unhörbar durch die geheimnisvolle Nacht, und Wellenfrauen des Windes kamen und trugen seine tränende Glückseligkeit hinunter auf dankbares Land.

Bogner sagte etwas. Ob er es auch gemerkt habe —?

„Was?“ preßte Georg hervor, der kein Wort verstanden hatte.

„Es war etwas nicht in Ordnung in dem Hause.“

So, Bogner hatte es gemerkt. Er konnte etwas bemerken. Ein Stein war Bogner.

„Sie machte eine Andeutung,“ setzte er hinzu.

Georgs Gedanken fingen einen Veitstanz an. Andeutung, sagten sie, an Deutung, Deutung, Traumdeutung, reich an Deutung ...

Die Straße war zu Ende; sie standen vor dem breiten Damm der Chaussee, gegenüber der elektrischen Zentrale. Glimmende Gleisbündel waren von links und rechts in die matterleuchtete Halle hineingebogen, unter der leere Wagen standen, die einen hell, dunkel die andern, und vorne war ein hellglänzendes Zifferblatt, dessen Stunde Georg um keinen Preis der Welt abgelesen hätte. Die Augen ablösend, sah er rechts weit hinunter die Straße in eine waldige Halle davon ziehn, unten glimmend vom Stahl der Schienenstränge, oben von Laternen. Mitten auf dem Damm stand ein verlassener Anhängerwagen, dunkel und einsam. In ihm hätte Georg auf einem östlichen Gebirge sitzen mögen, still der Feuerrosse, die ihn entführen würden, wartend.

„Gute Nacht,“ sagte der Maler auf einmal, gab ihm die Hand und entfernte sich über den Damm in eine dunkle Waldstraße neben der Zentrale hinein.

Links hinab entrollte die Landstraße fernhin mit Bäumen und Laternen durch offenes Land. Ein paar rötliche Lichter waren fern drüben. Georg sah zu der Laterne auf, die neben ihm stand, nicht untröstlich, vielmehr schien sie eben angelangt zu sein und froh, ihn noch erreicht zu haben. Ihr Glühstrumpf brannte hell genug, obwohl unten ein Ring sich abgelöst hatte, und das Licht schwoll leise ab und an in dem zarten Gazegewirk, wie wenn ein kleiner Gott die Backen aufbliese, ganz atemlos vor Anstrengung des Leuchtens. Auch dieser sechseckige Glaskasten schien eine angenehme Homunkulusphiole; leise glitzernd wehte der Regenschleier um sie hernieder wie ein endloser Gestirnsnebel. Auf einmal stieg das Weinen in Georg auf, da schien ihm das unmännlich, er zerdrückte es schmerzhaft in der Kehle, — bis zum Munde, der fest blieb, gelangte es nicht, nur die Augen wurden feucht, ihre Winkel schmerzten, ein Stein marterte den Kehlkopf, er lächelte, schüttelte den Kopf und ging links hinunter der Stadt zu.

Und so trug er denn sein aufgeregtes Herz die nächtige Landstraße hinunter, ermuntert vom Takt seiner Füße, wandernd plötzlich kriegerischen Mutes, selber allein ein ganzer Heerbann, in Eilmärschen durch die letzte Nacht, um am Morgen mit allen Fahnen und riesigem Schrei in die Länder hinabzusteigen zur Eroberung. Renates Antlitz, weiß im Dunkel, ging ihm auf, wie es die Lider aufschlug gegen ihn, und ihre Blicke setzten sich wieder auf sein bloßes Herz wie Schmetterlinge, daß es ihn durchschauerte. Wogen seines Herzens, in denen er dahinging, schleppte er mit sich, hin und wieder stand eine auf vor ihm und schlug mit voller Kraft auf seine Brust, daß er ringsum erdröhnte, als sei er gepanzert. Goldene Wagen kamen ihm leuchtend entgegengestürmt; hergeschleift von gewaltigen Geistern über eisglatte Schienen, schaukelten sie vorbei, voll von fremden Menschen, die in ihrer Haltung saßen wie Sklaven, angefesselt und ohne Bestimmung. Wenn er den Kopf aufwarf, so erblickte er zwischen feuchtem Gewölk Sterne, die sich zitternd bewegten. Die Lüfte waren angefüllt mit Geräuschen des Frühlings, mit unsichtbaren Antlitzen, die sich lächelnd unterhielten im Vorbeiziehn, mit Musik, die aus dem Erdboden stieg wie aus Kratern voll elysischer Orchester und durch schaudernde Wipfel rollte. Sein gesalbter Blick öffnete das Erdreich, er sah die Wurzelwipfel der Bäume nach unten hangen, goldene Trauerweiden durch wolkiges, pelziges Schwarz, besetzt mit Tausenden roter Rubinaugen, die Licht saugten und grüne Speise aus dem erwärmten Dunkel. An einem Baum übermannte es ihn; freundschaftlich schien der borkige Stamm, er nahm den Hut ab, als trete er in ein Haus, lehnte die Stirn gegen seine Tür, bewegte die Lippen und brachte kein Wort hervor. Da ein feuchter Wind aufrauschte und schnellfüßig vorüberlief, fiel ihm ein, daß Frühling sei, und er ward froh. Da dachte er an Renates Brust, er hatte sie nicht gesehn, aber schon stand er, versunken in ihren marmornen Anblick, in einer roten Lohe, einer Flammenpappel, in der sich sein Wesen verzehrte, während er einen Pulsschlag lang nun unter sich ihr Gesicht sah, ihre Schultern, deren Bewegung ihm Atem und Sinne zerschnürte, ihre Arme und die Brust, alles aus den großen Augen voll rieselnder Zärtlichkeit schmachtend und widerstrebend, so daß er sich gern an die Erde geworfen hätte, um zu stammeln und zu weinen. — Einmal! sagte er sinnlos, Gott, nur einmal! —

Endlich ging er wieder, nun nur noch tönend von Gefühl, gleicherzeit hoffnungslos und erhaben, schwermutvoll und getröstet, gottesfürchtig und niedergeschlagen, so voll tosenden, innerlichen Lärms, als wäre seine Brust ein ehernes Paukenbecken, auf dem Dämonen trommelten, — all dem hingegeben mit Wollust der Bewußtlosigkeit, da Gedanken, sinnlos, wie Irrlichter, seitwärts über die Kartoffeläcker enthüpften, aber in den Straßen der Stadt nahm es langsam ein Ende, bis er sich vor etwas absonderlich Bekanntem fand, dem Kaffeehaus im Mittelpunkt, einer großen Anordnung von gläsernen Kästen mit erleuchteten, gelb verhangenen Spiegelscheiben um einen runden Mittelraum, mit eisernen Pilastern und Pavillondächern.

Hier war es nun aus. Es wimmelte auf dem Bürgersteig vor den Läden von gemächlich Spazierenden, Ladenmädchen in Frühjahrsblusen und Ladenjünglingen in Wintermänteln; es wimmelte auf dem schwarzglänzenden Fahrdamm von Asphalt, Straßenbahnwagen schoben sich unaufhörlich von beiden Seiten zusammen, es klingelte, kreischte, Automobile tuteten, Radglocken schrillten, und Georgs hülfloser Blick, nach rechts oben entgleitend, fand sich von einer gewaltig großen Mondsichel angezogen, die dort in der Nacht schwebte, überflattert von weißlichem und schwarzgrauem Gewölk.

Nun also war alles, was ihm zu tun blieb, daß er sich in eine stille Kaffeehausecke setzte, anstatt in eine große Dreschtenne mit kauenden Leuten, denn essen mußte auch er. Der Hunger äußerte sich in einem Verlangen nach natürlicher Speise, gekochten Eiern im Glase mit Butterschnitten, das wars.

Er zauderte. Er wußte, daß er ein Ende machte, wenn er drüben eintrat, in jene kleinen Zimmer, die er so wohl kannte aus Ballnächten, Ballmorgenden, mit den zerknitterten und zerzausten Bürgermädchen und ihren schrecklich zukunftallegorischen Müttern, unter Gewitzel und Gekicher, mit dem rotblonden, naseweis aussehenden Kellner Gustav und Frithjof dem ältlichen, mit dem runden und blassen, niemals rasierten Gesicht und dem hängenden rechten Augenlid, der so gern vom Weib und den Kindern erzählte. Ach, nicht dieses wars, nicht etwa diese kindischen Erinnerungen warens, sondern — das Ende, ja, das Ende, das kam, der Übergang ins Gewohnte, in ein Andres, und daß sich — oh mein Gott, daß sich niemals herauskommen ließ aus der unendlichen und unzerreißlichen Kette der Vorgänge. Daß es doch ein Mal einen Stillstand gäbe, einen Halt am Abgrund, wo zitternd im Rollen das Herz stillehält unter den Füßen der flüchtigen Stunde, die selber nichts tut als Ausschau halten über die Abgrundswelt und im Ausschaun unvermerkt hinüberschmilzt in die ernste Gestalt der Unendlichkeit. Welcher der Götter hält denn den Becher der Ewigkeit bereit, wenn nicht dieser ihn hat, Eros, dem doch die Posaune des Jüngsten Tags an die Lippen gesetzt ist?

Drittes Kapitel

Kaffeehaus

Fast alle Räume waren von Gästen leer. Hier und dort stand ein Kellner und las die Zeitung, und richtig, als Georg durch die große Glaswand den Mittelraum betrat, stand in der offenen Türe links Frithjof in schöner Attitüde, einen Fuß überm andern, den Ellbogen gegen den Rahmen gestemmt, die Hand am Hinterkopf, gesenkten Blicks verloren in Betrachtung. Doch zog er bei Georgs Anblick erstaunt und doch achtungsvoll die Lider empor, machte sich aus sich los und kam auf seinen Plattfüßen eifrig und wackelnd herbei, den Mund wie stets in Falten ungeheuren Ernstes verzogen.

„Durchlaucht,“ flüsterte er, Georg Schirm und Mantel abnehmend, „wieder zurück?“ Und als Georg auf der rotsamtenen Sichel des Ecksofas Platz genommen hatte, beugte er sich zart und vertraulich über den runden Marmortisch und raunte: „Zu Hause ists doch immer am besten!“ Er lächelte. „Was sag ich?“ Er lehnte sich triumphierend zurück und lachte voll Stolz. „Na, is es nich so?“ Und da Georg nickte und lachte, schloß er befriedigt ab: „So ist es!“ völlig mit Georg in Übereinstimmung.

„Was solls denn sein, Durchlaucht? Pilsner, Münchener, Kulmbacher?“

Georg bestellte drei Eier im Glase, Butterschnitten und ein Kulmbacher. — Merkwürdig übrigens, dachte er, wie man am Gewohnten hängt. Ich hätte im Hotel ganz einsam essen können, — freilich, aus welcher Fremde komm ich! ja, das spür ich erst nun, wo dies hier mich so heimatlich berührt! Herztröstlich klang ihm da Frithjofs alte Stimme nebenan, der an der Theke: „Ein Kulm!“ sagte. — Er griff nach einer daliegenden Zeitung, stellte sie sich mit dem Griff in den Schoß, blätterte sie auf, ließ sie gegen die Tischplatte sinken und glitt durch sein eigenes aufblühendes Lächeln wie durch ein zitterndes Gewebe von Süße hinunter ins Dunkel seiner Seele, wo in einem Kranze von Abenteuern Renate lieblich stand, eine verzauberte Säule, eine Karyatide, eine Galatee ...

Danach aß er und trank, unbekümmert wieder, versöhnt mit den äußeren Geschicken, künftiger Entzückungen gewiß. Nahe vor ihm sah er die roten Fische im grünen Wasserdickicht des großen Aquariums an den Glaswänden auftauchen und wieder verschwinden. Der sechseckige Riesenkasten stand auf einem, von kleinen roten Sofas umringten Unterbau, die jedes einen ganz kleinen Marmortisch, oval, wie mächtige Eier, und gegenüber zwei Stühle vor sich hatten, und aus einer, im Wasser halb verborgenen Pyramide von Tuffsteinen stieg ein feiner Wasserstrahl. Diese ganze Üppigkeit städtischen Wesens erfüllte Georg mit Beruhigung. Springbrunnen, Wasserwildnis, Fische, Marmor und roter Plüsch — das war so viel für das Gemüt, das arme Wesen, das er recht deutlich auf der untersten Stufe seines riesigen Seelentempels sitzen sah, so klein, daß eine einzige Stufe für es höher war als ein ganzes Haus, und dort hockte es in seiner Dürftigkeit und Unbestimmlichkeit, da nicht im entferntesten zu erkennen war, ob es eigentlich einen Hund vorstellte, einen Zwerg, einen Frosch oder einen Zaunkönig.

Aber war dies nicht jener Montfort? Da kam er hinter dem Aquarium zum Vorschein, seltsam anzusehn in einem kurzen sandfarbigen Mäntelchen mit hochgeschlagenem Kragen, einen steifen schwarzen Hut tief in die Stirn gerückt, die Ellenbogen eng an den Hüften mit etwas gezierter Haltung, einen dicken braunen Stock von knotiger Bambusart unter den Arm geklemmt. Nach einem Platz unendlich hoffärtig umherspähend, übersah er Georg, trat links in die offene Tür und verschwand, während nun hinter dem Aquarium etwas Anderes, weitaus Prächtigeres zum Vorschein kam: den unteren Saum eines scharlachroten Mantels über die linke Schulter geschlagen; auf leichten Füßen, sehr schlank, auch groß, — sehr frei und beweglich im Hierhin- und Dahinschaun den kleinen Kopf mit glattschwarzem, von Stirne und Schläfen straff zurückgespanntem Haar drehend, — groß-, braun-, klugäugig, — ein Mädchen, wie es schien. Aber das schönste war, daß dieser leichte Kopf über dem Scharlachtuch sich von einem groß hinter ihm stehenden, schwarzen und goldbestickten Stuartkragen abhob. Wenn sie zu diesem Montfort gehört, dachte Georg, so hat er das entzückend gemacht.

Montfort kehrte indessen zurück, erkannte Georg, zog den Hut und trat heran, um Erlaubnis bittend, sich niederlassen zu dürfen. Richtig: Georgs Wunsch erfüllte sich, sie gehörte zu ihm, er wurde ihr vorgestellt, konnte ihr beim Mantelablegen behülflich sein, ein schönes Kleid von matterer Farbe unter dem fallenden Scharlach hervorkommen sehn, schließlich die Biegung des Sofas mit ihr teilen. Auch sah er nun, während sie sich lächelnd und mit einer gewissen Bereitwilligkeit zurechtrückte, die kindliche Rundung ihrer Stirn, die übervolle Schwellung der Lippen in der Mitte, deren obere ein wenig emporstand, und vor allem die außerordentliche — ja, die höchst erstaunliche Rundheit ihrer Brauen und Augen, die, in ihrer wundersamen Offenheit dasitzend, dem ganzen Gesicht das eigentümlichste Aussehn verliehen, und sie erinnerten ihn — — schnell, woran erinnerten sie denn? Jawohl, jawohl: an den Hund in Andersens Märchen vom Feuerzeug mit den Augen so groß wie Teetassen.

Montfort, kaum ihnen gegenübersitzend, auf eine unerhört nichtachtende Art umherschauend, die Streichhölzer an sich ziehend, um eine große Zigarre zu entzünden, sagte:

„Was meinst du zu kleinen Hunden, Käthe, die ins Wasser geworfen werden?“

Er blies einen Dampfstrudel, schob Georgs ‚Jüngling‘, den der bis hierher geschleppt hatte, von sich, lehnte sich zurück, als habe niemand etwas gesagt, am wenigsten er selber, und schlug die Beine übereinander. — Nein, dieser Hundevergleich, dachte Georg, war doch gar nicht passend, denn wie weich war das Fleisch ihrer Wangen unter sehr zarter und klarer Haut. Ein erstauntes Waldwesen, ein langhaariger Windgeist, eine Dryade — ja, das schien sie zu sein.

„Hunde, Josef?“ erwiderte sie, bei großer Bereitwilligkeit leise besorgt, während Georg sich plötzlich in ungemeiner Heiterkeit befand. Frithjof stand, mit ernster Würde auf Montfort herunterblickend, den Mund in Falten, als ob er daran kaute, und nur das eine Augenlid schlief teilnahmslos und unbeweglich.

„Was solls denn sein, Herr Baron?“

„Pilsener, und eine Melange, nicht wahr?“

Sie nickte. „Ein Mellansch,“ wiederholte Frithjof und watschelte davon mit Gravität.

„Hunde,“ sagte Montfort, Georg ins Auge fassend, „die von ihren Herren zum Schwimmen ins Wasser geworfen werden. Man sieht sie an Sommerabenden um die Teiche stehn, groß und dick, diese Männer, Hausbesitzer mit Uhrketten auf dem Bauch, und die Hunde sind klein, weiß und unmäßig eifrig. Sie schwimmen atemlos nach einem unsichtbaren Gegenstand, sie klettern heraus, schütteln sich und stürzen auf Befehl wieder ins Nasse. Schamlose Gesellen sind das!“

Die Bereitwillige sagte: „Es sieht doch aber so niedlich aus, wenn sie —“

„Genau deine Worte brauchte meine elfjährige Muhme Elsbeth, als mein damaliger Hund einen andern bestieg und ich dazwischenfuhr,“ sagte er eiskalt. Sie senkte geschlagen den Kopf und setzte sich zurück, dieweil er, seitwärts blickend, eine alte Blumenfrau gewahrte, die ihm eine Hand voll gelber Tulpen hinhielt. Er ergriff sie sorglos, legte sie vor seine Dame auf den Tisch, griff in die Hosentasche, holte etwas heraus, das er der Blumenfrau in die Hand drückte, saß und lächelte leise und gütevoll auf seine Zigarre hinunter. Sie legte langsam eine Hand auf die Blumen; Georg sah, daß sie zitterte. Hier, dachte er, hier ist nun sicher etwas nicht in Ordnung.

„Erzählen Sie mehr von Hunden!“ sagte er mit Entschlossenheit.

Daraufhin, herzlicher lächelnd, blickte der Andre ihn an und begann, leichtherzig loszureden.

„Ist es Ihnen niemals folgendermaßen ergangen?“ fragte er. „Sie setzen sich um einen Tisch, zu Dreien oder zu Fünfen, und nun? Nun muß was geredet werden. Das Karussell muß in Gang, wer, ist die Frage, holt jetzt den sicheren Haken aus der Tasche? Auf einmal ist er da. Hat Sie’s nie geekelt vor dieser Verläßlichkeit des Sinnlosen? Also, da es völlig sicher war, daß Einer von uns Beiden hier diese Geschichte von den zufälligen Familien ergriffen hätte, worauf zweifelsohne, da Frau Ring beim Theater gewesen ist und eben aus dem Theater kommt — (Frau? dachte Georg. Beim zweiten Mal ists immer gelogen!) —, das Gespräch auf die hiesigen Theaterverhältnisse gekommen und von dort über Schnitzlers gerade gegebenen Anatol auf seine übrigen Werke und so weiter mit vollen Segeln in den Ozean der Literatur hinausgefahren wäre — so habe ich im Gegenteil von Hunden angefangen.“

„Und nun, — wars der Mühe wert?“ fragte Georg belustigt, allein Montfort hörte es gar nicht, legte die Hand zu ihm hin über die Marmorplatte und fuhr lebhafter fort:

„Dabei giebt es die köstlichsten Dinge, von denen zu reden wäre, liebliche, verborgene, kleine, erfreuliche Sachen, die aber jeder für sich behält, als könnte man sie ihm beim Vorzeigen entwenden, denn wir sind ja schamhaftig und haben alle kein Herz voreinander. So kommt es dann, wenn das Herz einmal mit einem rechten Ungewitter zusammenstoßen und gebraucht werden soll, daß ein jeder hülflos dasteht und fragt, wie mans verwendet. Ich habe eine alte Tante,“ sagte er, immer herzlicher lächelnd, „eine ganz entsetzliche Person, die zu nichts auf der Welt je gut war, und wir zanken uns, sobald wir uns zu sehn bekommen, jedoch in den geschliffensten Umgangsformen. Aber eines Abends sind wir uns in den Anlagen begegnet, wir sahen uns schon von fern, und da wir grüßend aneinander vorübergingen, so lachten wir uns Beide freundlich an und sagten: Sieh! und: Kuckeinmal! und es war uns Beiden erfreulich.“ Er endete, legte die offene Hand auf die Stirn und strich kräftig mit ihr über das Gesicht bis zur Oberlippe hinunter, so daß es faltig und gehagert zum Vorschein kam.

Georg in seiner steigenden Heiterkeit hatte derweilen schon von weitem Frithjof daherschaukeln sehn, einen riesigen Kuchenaufsatz mit drei Schalen übereinander auf der linken Hand, während er, Daumen und Zeigefinger der rechten um das Bierglas krallend, es mitsamt seinem Untersatz auf einem kleinen Nickeltablett festklemmte, auf dessen anderm Ende das Glas Milchkaffee sein Zuckerschälchen als Deckel trug, und dazwischen war tiefen Ernstes das würdige Gesicht mit seinem stoppelschwarzen, fest gegen die Brust herabgedrückten Kinn. Sonderbare Tätigkeiten verübten die Menschen doch allen Ernstes ... Aber Georg, der Montforts Freundin darauf aufmerksam machen wollte, bemerkte erschreckt, daß sie zurückgelehnt dasaß, das Gesicht ganz zur Seite von ihm abgewandt und in sich versteift; doch rollte nach einer Weile eine Träne aus dem, Georg sichtbaren Auge über die Wange und fiel auf ihre Brust. Ihre Hand auf der Tischplatte war so fest um die schilfgrünen Blätter und Stiele der Blumen gekrampft, daß die Knöchel weiß hervortraten.

Unwillkürlich fiel Georg, der sich hastig fortwandte, Anna ein und im Augenblick danach Renate; dies war, als erhielte er einen Paukenschlag mitten auf die Brust. Es flimmerte vor seinen Augen. Langsam erschien dann der Kopf des Dostojewski auf dem Buche unter ihm, und er fing an zu sprechen, willenlos:

„Da Sie von zufälligen Familien sprachen —“

„Also doch, Durchlaucht, muß es denn sein?“ fragte Montfort trüb und verdunkelt. Georg brauchte Sekunden, bis er begriff, daß Montfort ja gerade nicht von dem Buche hatte anfangen wollen, lächelte verlegen und sagte:

„Sie sehen eben: auch im Kleinsten läßt die Welt sich nicht regieren. Herr Bogner und ich sprachen in der Bahn mit einer Dame über Familienzufälligkeit. Wir kamen dabei —, Sie kennen vielleicht auch meinen Freund Prager?“

„Prager?“ Josef erinnerte sich mit leiser Erheiterung. „So — ist das eine zufällige Familie? Ja, es giebt ja tausend heute.“

Er schien nun bereit, einzuschlafen. Georg aber hielt ihn wach, es vermeidend, Frau Ring anzusehn, zu der Josef, hinter der Tischplatte zusammensinkend, hin und wieder einen ernsten, nicht ungütigen Blick hinüberschickte.

„Warum meinen Sie?“ fragte er. Josef ermunterte sich.

„Es wird am Besitz liegen, denk ich. Oder am Nichtbesitz. Es fehlt die Haltung.“

Georg, innerlich etwas beschämt, zitierte sich selbst:

„Besitz verleiht Sicherheit, meinen Sie, und Sicherheit Haltung ...“

„Ja, gewiß. Sie haben ja alle nur Geld —“

„Den einzigen Nichtbesitz ...“

„— von dem aber alle abhängig sind. Alle sind abhängig, alle Väter. Der Anwalt von den Klienten, der Beamte von den Vorgesetzten, der Kaufmann von der Kundschaft. Nur die Ärzte haben, wohl vom starken Verkehr mit dem Tode, ein wenig Haltung und umgängliches Wesen bekommen. Und der Kaufmann ist immer nur Zwischenhändler, vertreibt Lebensmittel oder Maschinengefertigtes, ohne es handgreiflich besessen, also ohne es be- oder verarbeitet zu haben. Also fehlt Zusammenhang und die Ehrfurcht vor sich selber. Es muß einmal Ideal eines Sohnes gewesen sein, zu werden, innerlich und äußerlich, was sein Vater ist. Heut ist es das Ideal aller Väter, daß ihre Söhne was Besseres werden. Mütter sitzen unselig dazwischen und müssen vermitteln von früh bis spät. Nun, darüber könnte man stundenlang reden.“ Montfort gähnte geheim mit geschlossenem Munde.

Georg sagte leise, während Josefs Freundin aufstand und hinausging:

„Die Frauen sind so viel besser als die Männer ...“

Sie schwiegen. Montfort saß zurückgelehnt in äußerst dekorativer Attitüde, warf aber nun plötzlich den Rest seiner Zigarre in den Aschenbecher, ließ das Gesicht auf sein geleertes Bierglas herabhängen und sagte, unterm Tisch eine Zigarette hervorzaubernd:

„Ahnen Sie wohl, wie recht Sie haben? Frauen sind immer gut. Alle haben sie die Bereitwilligkeit in sich, gut und nur gut zu sein.“ Dies sagte er ernst und mitleidig, lenkte aber nun auflächelnd ab und sagte: „Jetzt sind sie ja nun in diese merkwürdige Behinderung geraten.“

„Ach,“ meinte Georg leichtherzig, „das wird vorübergehn, nicht wahr? Gewisse Verhältnisse, nicht wahr, mehr sozialer als humaner Art, haben sich zu schnell geändert —“

„Und die Frau, meinen Sie, hat es nun einmal an sich, überall zu spät zu kommen ...“

„Natürlich! Und nun stehn sie da ratlos zwischen Altem und Neuem, sehen auf einmal Widerstände überall, übertreiben es alles, wie sie ja immer gern tun, und nun sollen sie ja auch kämpfen, nicht wahr, sie, die bisher immer nur beschwichtigt haben. Da weiß keine, wie man das macht.“

„Die Ritterlichkeit, ja, die einmal zum Kämpfen gehört ... die haben sie immer nur erfahren und niemals selbst angewandt. Sie haben ein gutes Herz, Prinz, woher wissen Sie das alles?“ fragte er plötzlich. „Zur Belohnung,“ fuhr er ernsthaft fort, „sollen Sie einen Spruch geschenkt haben, den besten, den ich weiß.“

„Nun?“ fragte Georg, leise geschmeichelt.

Montfort sah ihn durchdringend an.

„Erhalte dir dein Herz, sagt Salomo, denn aus ihm kommt das Leben.“ Darauf erhob er sich, die Hände vor sich aufstützend, und ging langsam hinaus.

Georg suchte fiebernd nach Renates Augen in seltsam verschleierten Tiefen. Der starke Honigduft in der Büchse seines Herzens war sehr flüchtig geworden. Dann kehrte Frau Ring, leicht auf federnden Füßen, zurück, setzte sich und fragte heiter: „Nun, haben Sie von mir gesprochen?“

„Nein, mein Kind,“ sagte Montfort, hinter ihr an den Tisch tretend, „wir sprachen vom Überhandnehmen der Kinos wegen der geistigen Faulheit der Männer.“

„Ach, bitte,“ bat sie ängstlich, „nicht vom Kino, Josef, du weißt doch, ich kanns nicht —“

„Sie kommt vom Theater,“ erläuterte Montfort friedlich, „daher die Voreingenonmenheit. Durchlaucht, was denken Sie vom Kulturwert des Kien—“

Frithjof brachte ein großes Wasserglas herbei, und alle drei sahen zu, wie das Mädchen die schönen, eirunden und eigelben Blumen mit den schilfgrünen Stielen hineinstellte. Frithjof entfernte sich zufrieden.

„Eigentlich,“ sagte Georg unschlüssig, „habe ich nie über diese Frage nachgedacht ...“

„Dann erlauben Sie mir, Durchlaucht, Sie zu bewundern!“

Schon wieder einer, dachte Georg.

„Ein Deutscher,“ redete Montfort heiter fort, „der über eine nationale Frage noch nicht nachgedacht hat. Wundervoll und außerordentlich. Würde ein jeder so tun, hätten wir auch nicht das subalterne Gesicht, das nur hierzulande zu sehn ist.“ Er blickte sich nach allen Seiten um, wo jetzt an den kleinen Tischen ringsum lesende Männer mit Zeitungen, auch ganze Familien mit Töchtern und Schwiegersöhnen saßen, für Georg so plötzlich vorhanden, als wären sie, oder als wäre er aus dem Boden dazwischen gezaubert.

„Meinen Sie, daß es daher kommt?“ fragte er gedankenlos.

„Nun, oder von was andrem. Ich hatte nur die Bemerkung anbringen wollen,“ versetzte Montfort gleichmütig.

Georgs Blick glitt langsam von ihm ab; niemand sagte etwas. Die Luft im Raum war nun dick von Tabaksrauch und schwirrend von Stimmen und Gelächter, die Kellner liefen geschäftig, Frithjof erschien, schwerbeladen, in jeder Hand schulterhoch einen ganzen Fächer von belasteten Tabletts, deren einen er schwingend in einen runden Familienkreis hineinschlittern ließ.

Oh Gott, dachte Georg gequält, so ist das nun! Warum sitze ich hier? Da hocken wir beisammen im Kaffeehaus. Der eine sagt, was er meint, der andre sagt, was er meint. Das Ganze ist ein Gespräch. Und alles hat diese gräßliche Blankheit von Nickelgeschirr. Ach, und eine sitzt daneben, das Herz bis zum Rande voll Tränen! — Dieser Montfort, da saß er, die Ellbogen auf der Marmorplatte, die Zigarre am Munde, an der er saugte. Georg, voll Haßverlangens, ihm etwas Heftiges anzuwerfen, und um wenigstens den Trumpf zu haben, daß er selber es sei, der die Gesprächekarre wieder in Gang brachte, fand auf der Suche nach irgendetwas endlich, daß es ihm schien, Montfort habe Deutschland beleidigt und er müßte es verteidigen. Also warf er, unwirsch wie ein zu geringes Trinkgeld, die Worte auf den Tisch:

„Sagen Sie nichts gegen Deutschland! Am Ende ist es doch das einzige Land, wo man leben und sterben möchte.“

Montfort wich plötzlich vor einer träg aufsteigenden Qualmwolke, die Augen zukneifend, zurück, wedelte mit der Hand, rieb sich das eine Lid und sagte:

„Leben? — das wäre die Frage. Sterben? — darüber ließe sich reden.“

Langsam, nachdem er seine Haltung wieder eingenommen, ließ er jetzt die Augen zu seiner Freundin hinübergleiten, so daß es Georg vorkam, als hätte er etwas gesagt, das für sie einen besonderen Sinn habe ... Gleichzeitig ergrimmt über Vorgänge des Herzens, die ihm verheimlicht wurden, und voll eifrigen Mitleids mit einem von diesen empfindsameren, weiblichen Geschöpfen, wagte Georg nicht, sie anzusehn, blickte auf Dostojewskis verschwommenen Kopf und sah trotzdem an seiner Seite das stille Gesicht des Mädchens, das vorgebeugt dasaß, die Arme auf der Tischplatte, eine Hand am Glas, mit der andern diesen und jenen Blumenstiel anzupfend und anders feststeckend.

„Nur die landschaftlichen Sachen,“ sagte sie getrost aufblickend, „die mag ich hier und da recht gern ...“

Georg hätte sie in die Arme schließen mögen. Die reine Seele, da stieg sie nun aus ihrem Leid und brachte sich obendrein zum Opfer, bloß weil ein Gespräch wieder ins Fahrwasser kommen mußte, und fing richtig vom Kinematographen an, den sie nicht leiden konnte. Er selber dabei, er konnte sie nicht streicheln noch ihre Hand ergreifen, er konnte weiter nichts als sich zu ihr neigen und brüderlich lachend und scherzhaft rufen:

„Ha! daran glaube ich nimmermehr! Alle reden davon, und alle wollen sie die Detektivschlager sehn!“

Welch einen Unsinn er redete! Aber nun — sie verstand ihn doch und schüttelte nur lächelnd den Kopf. Montfort sagte:

„Sie, Durchlaucht, gehören, hoff ich, nicht auch zu den Leuten, die der Bevölkerung die Hintertreppe wegnehmen wollen. Was verbleibt am Ende dem gemeinen Mann? Zur Vordertreppe lassen Sie ihn doch nicht heran, wie? Ach, teure Cornelia, als Frau möchtest du natürlich alles schön und fortschrittlich und heilsam haben, und den Gegenstand für die Verbesserungen findest du natürlich in den Kreisen, die sich seit alters haben alles gefallen lassen müssen. Der begüterte Mann hat hundert Arten, sich zu ruinieren, geistig und körperlich, Kaffeehäuser und Kabaretts, Absynth, Pferderennen, Automobilunfälle, Luftschiffe, Haschisch und Nackttänzerinnen. Selbst der Gewöhnlichste hat noch Pilsener Bier. Das Volk hingegen hat gar nichts, es soll nur immer belehrt werden. Nun soll es schon kein Bier und keinen Schnaps mehr trinken, was außer dem Kindermachen seine letzte Freude ist. Fang doch oben an, Herz, wenn du bessern möchtest, ihnen aber gönn ihre Mordsgeschichten, damit wenigstens ein halb Prozent als anständige Schwerverbrecher zum Galgen rennt, wo neunundneunzig ein halb Prozent als halbe Lüstlinge, halbe Wüstlinge, halbe Säufer, halbe Arbeiter — — überhaupt flau, flau, flau — die Welt ist so gottserbärmlich flau, süßsauer und abgestanden wie kalter Kohl. Gott sei Dank, da kommt der Maler Bogner.“

Ja, Gott sei Dank! Georg atmete auf, als er den Maler wie einen lange entbehrten Herzensfreund um das Aquarium kommen sah.

Traumdeutung

Bogner mußte sich an den Tisch setzen und Pilsener Bier trinken. Josef Montfort lud alle dazu ein. Georg, um nur gleich durch gewechselte Rede dem Maler noch näher zu kommen, fragte, ob er von Chalybäus’ Schlaganfall gehört habe. Augenblicks erschien ihm zwar Anna, aber der Gedanke: Renate! spülte sie hinweg wie ein gläserner Katarakt voll Visionen.

Das sei zu erwarten gewesen, erklärte Bogner. Er habe einen Grog nach dem andern getrunken, während al Manach ihm Geschichten erzählte, und Georg, der ihn nie hatte leiden können, bekräftigte das Gesagte mit Andeutungen über seine liederliche Wirtschaftsführung. „Seine Frau war eine Art Freundin von Mama, und so kam das Ganze.“

„Fuhr nach Böhne,“ sagte Bogner, „lehrte die Honoratioren das Pokern und kam betrunken heim, aber von Januar ab blieb er in Helenenruh und trank Grog. Seine Tochter tut mir leid, sie hat genug durchmachen müssen.“

„Meinen Sie?“ fragte Georg ratlos und sah Frithjof an, der unterm hängenden Lide prüfend auf Bogner hinabblickte.

„Was solls denn sein, Herr?“ sagte Frithjof.

Montfort bestellte sein Pilsener für alle. Georg sah auf einmal Anna im Wiesendunkel an der Erde liegen und gleich darauf in einem gläsernen Sarge. Das mußte er geträumt haben ... Indem fiel ihm jener Morgen und das kinematographische Stück seines Traumes ein und so lebhaft, daß er sagte:

„Erinnern Sie sich noch, Bogner, an die Nacht, wo wir zusammen die Bowle austranken? Da wir eben vom Kinematographen sprachen, so fällt mir ein, daß ich gegen Morgen die sonderbarsten Dinge träumte. Nun hab ich das meiste vergessen, aber das Letzte weiß ich noch. Ich stand in einem Theaterparkett — nicht wahr — in der Finsternis unter vielen Menschen, und über mir in dem grellen Lichtstreifen aus dem Projektionsapparat fuhren meine gespreizten Hände hin und her, ungeheuer groß und als wären es hundert. Und vorher, das weiß ich noch, erklärte Papas Sekretär — ja, nun hab ichs doch vergessen, — aber dann sagte ich: Ich komme nicht hinein! Ich wußte, glaub ich, im Traum, daß hinter der durchsichtigen Leinwand ein richtiger Festzug war, und daß ich dazu gehörte ...“

Montfort bog sich über den Tisch, sah ihn durchdringend an und sagte, den Traum wollte er ihm auslegen. Ja, er wäre so ein komischer Mensch, hätte Ahnungen und so, — mit einem Wort: Kassandra! —

„Also bitte!“

Er schloß die Augen, bog sich zurück wie ein Scharlatan, stemmte die Hände gegen die Tischplatte, formte das Gesicht zu einer Art tragischen Maske, öffnete pythisch den Mund, plötzlich auch die Augen und verkündete: Jawohl, Georg käme nicht hinein.

„Sie scheinen nicht zufrieden?“ sagte er dann, da Georg unverstehend lächelte. „Dann also weiter. Bitte, erzählen Sie Ihren Traum.“

Er nahm Frithjof, der mit den Gläsern dastand, eines aus der Hand, half die andern über den Tisch verteilen, hieß Frithjof das Kaffeegeschirr seiner Freundin wegräumen, die nichts vor sich behielt als ihre Tulpen, schaffte in jeder Beziehung Ordnung und Raum, — dieweil Georg gestand, wie schon gesagt, sei dies alles, was er wisse: ein Festzug, und Doktor Birnbaum, nein vielmehr Chalybäus, der ihn am Arme festgehalten habe ... Anna im Glassarge glaubte er unterschlagen zu müssen.

„Schadet nichts,“ meinte Josef, „wir müssen uns besinnen. Bitte, hören Sie zu, meine Verehrtesten —“ Er sah, den Maler neben sich am Arm fassend, die Cornelia oder Käthe an, oder wie sie nun hieß — „es wird hochinteressant. Also bitte! Jeder Traum, das ist ein Grundsatz der Deutung, ist mit einem kleinen Haken im vorhergehenden Tage befestigt, — also besinnen Sie sich bitte einmal! Halt, sehen Sie nicht umher, das lenkt ab, sehen Sie mich an, in meine Augen.“

Georg heftete mit innerlicher Verlegenheit die Augen auf das große, bräunlich bleiche und schwarze Gesicht, dann in die glühenden, kleinen, sonderbar weit voneinander sitzenden Augen, die sich zusammenzogen und wieder ausdehnten, als wollten sie seinen Blick wie mit einer Zange fassen, — allein nun kam er nicht los von dem gläsernen Sarge, zumal ja diese Erscheinung sichtlich im Abend vorher ihre Wurzelung hatte.

„Es geschah allerlei an dem Tage,“ sagte er zögernd.

„Keine Umstände,“ befahl Josef, „keine Begrifflichkeiten. Fassen Sie ein Bild und lassen Sie sich getrost weiter und weiter führen, bis ...“

Also half es nichts, er mußte mit dem Sarge herausrücken, nicht ohne peinlich zu argwöhnen, Bogner gegenüber errate sofort, was dies Bild bedeute, und so versuchte er das Gesagte eilig mit etwas andrem zu vertuschen, das ihm einfiel, daß nämlich die Menschen mit Fingern auf ihn deuteten und sagten: Er hats schuld!

„Halt!“ gebot Montfort, „da haben wir schon eine Menge. Und vorher also war der Maskenzug?“

„Ja, und nun fällt mir auch ein, daß ich ihn für den Maskenzug im Grünen Heinrich hielt, wenn das von Wichtigkeit —“

„Im Grünen Heinrich?“ Josef blickte nachdenklich seine Freundin an. „Da kommt freilich kein gläserner Sarg vor, aber — Sie erinnern sich wohl —“

Georg unterbrach ihn, um zu sagen, daß er sich erinnere, in jenen Tagen wieder im Grünen Heinrich geblättert zu haben; zudem wurde es ihm klar, daß Bogner ja nach der Windmühle gerannt war, also die Anna gar nicht liegen gesehn hatte.

„Kein gläserner,“ fuhr Josef fort, „aber einer mit einer kleinen Glasplatte über dem Gesicht der Toten. Es ist der, in dem die tote Anna ...“

„Anna?“ rief Georg erschrocken.

„Ja, was ist?“

„Nun,“ versetzte Georg, „Sie kennen Fräulein Chalybäus nur unter dem Namen Magda, aber ich nenne sie Anna, seit unserer Kindheit schon. Und —“ fügte er hastig hinzu, jetzt überzeugt, es sagen zu dürfen, „am Abend vor dem Traum hatte ich sie an der Erde liegen sehn. Sie erinnern sich, Bogner, nachdem sie auf den al Manach geschossen hatte, wurde sie ohnmächtig.“ Eilfertig, weiterzukommen, in eigenartiger Beklommenheit, gab er Montfort noch ein paar Erklärungen über al Manach und das andre.

„Nun einmal zu Ihrem: Er hats schuld!“ fuhr Josef fort. „Worte im Traum, bestimmte, deren man sich erinnert, gehen — das ist ein andrer Grundsatz der Deutung — immer auf bestimmte Worte aus dem Leben des Träumenden zurück. Können Sie sich — —?“

Georg versuchte, sich zu erinnern, doch gelang es ihm nicht; statt dessen sah er, Bogner gegenüber gewahrend, ihn in seinem Helenenruher Zimmer am Tisch sitzen. Es war ein Gewitter — richtig, er stritt sich mit Bogner, er sah ihn auf einmal seinen Bleistift in der Blechhülse hin und her schieben, und —

„Halloh!“ rief Georg aufgeregt, „jetzt habe ich den Anfang! Herr Bogner suchte seinen Bleistift, es war in einer finstern Straße, er fluchte, und ich half ihm, und dann —“

„Nicht so eilig!“ unterbrach ihn Josef mit halblauter Stimme aufmerksam. „Wir müssen untersuchen. Erstens die Straße. Was für eine Straße?“

Georg hatte sie nie gesehn.

„Also eine Straße aus Ihrer Kindheit,“ sagte Josef.

Georg erschrak seltsam.

„Und es war dunkel?“ fuhr Josef fort, „also Nacht?“

„Gewiß, ja, das heißt — eigentlich, — so wie es immer in meinen Träumen ist, — natürlich mit Ausnahmen.“

„Es ist immer dunkel in Ihren Träumen?“

„Ja, wie gesagt — dämmrig, kein rechtes Licht, — nicht wahr ... Übrigens auch keine Höhe eigentlich. Über meinem Kopfe ist es aus.“

„Und unten?“

„Unten? Ja — unten ist es ähnlich. Manchmal ist Boden da, meist aber — glaub ich — ist in der Kniegegend so — alles wie — verwischt ...“

„Durchlaucht ist ein sonderbarer Mensch,“ sagte Montfort zu Bogner gewandt. „Er kehrt des Nachts immer in seinen Mutterleib zurück.“

Georg fuhr heftig zusammen. War das gewiß? Oh es überzeugte ihn, geradeswegs, durch das Gefühl! Es war sehr wundersam und schaurig. — Mit unsicheren Augen sah er das Mädchen Cornelia etwas von ihm entfernt im Sofa sitzen, tief zurück, und ihr ganzes Gesicht war entstellt von heftigem Nachdenken; sie hielt es gesenkt, die Augen starrten in den Schoß, die Oberlippe, in tiefer Vergeßlichkeit, stand empor wie bei einem Kind, und die runde, kindliche Stirn war in der Mitte gewaltsam zusammengerunzelt. Dann löste aus ihrer Angespanntheit sich langsam der tastende Strahl eines dunklen Blicks, der aber zurückgezogen wurde, bevor er ganz Josef erreichte.

Georg, in undeutbare Empfindungen aufgelöst, hörte nach einer Weile Montfort sagen: „Hören Sie mal zu, ich will Ihnen ein wenig erklären.

„Denken Sie mal an ein schlafendes Tier. Haben Sie je einen Hund schlafen sehn? Gut. Also Sie sitzen im Zimmer, Leute herum am Tisch, im Winkel liegt Ihre dicke Wally und schläft. Auf einmal sagt einer: Pst! seht ihrs? Wally schläft. — Was tut da Wally?“

„Sie wacht auf,“ sagte Georg.

„Richtig! ausgezeichnet! Sehn Sie: so leicht schläft ein Tier. So leicht schlafen die Tiere, weshalb? Weil sie immer auf der Hut, weil sie immer in Angst sind. Der Hase bekanntlich hat sich vor lauter Furchtsamkeit die Lider abgewöhnt. Was beweist das? Mehreres. Erstens: Alles Lebendige, mit Füßen — zur Flucht — begabte, lebt in einer unablässigen Unruhe. Uralte Angst ist das, Urwaldsangst. Jeder Mensch ist mit ihr durchtränkt, aus Erinnerung an seine sämtlichen Vorväter und Millionen von gejagten Urwaldsleben, die er hinter sich hat. Eine metaphysische Angst, wenn Sie so wollen, die in Ihrem, in jedem Leben Ausdruck findet in den tausend persönlichen Ängsten des Alltags — Krankheit, Liebe, Ehrgeiz, Einkommen, Steuer, Examen, Karriere und so weiter. Könnten Sie Ihre Denkfähigkeit unterdrücken, Sie würden finden, daß Sie aus nichts als Angst gemacht — — Wie, Herr Bogner?“

„Ich sagte es ihm schon in der Bahn,“ sagte der Maler lächelnd. Georg fühlte sich umstrickt.

„Um so besser,“ fuhr Josef fort, jetzt mit unterdrückter Stimme, die allmählich zum Flüstern wurde: „Infolgedessen also haben Sie auch Angstträume, das wissen Sie ja selber, und infolge Ihres menschlichen Daseins überhaupt haben Sie noch etwas andres, nämlich Wünsche. Wünsche, teils positiver Art — zum Beispiel, daß Sie Schillers Werke zu Weihnachten kriegen; teils und meistenteils negativer — nämlich, daß Sie Schillers Werke nicht kriegen. Fast jeder Wunsch stellt sich, vermutlich kraft jener Grundangst, hundertmal häufiger als in positiver in der Form der Befürchtung dar, und der Traum, den Sie infolgedessen träumen, ist ein Beschwichtigungstraum. Ist Ihnen das klar?“

Georg, sonderbar und sonderbarer mitgerissen, bejahte fröstelnd. Montfort fuhr fort:

„Nun etwas andres. Sie legen sich zum Schlafen, strecken sich aus, möchten schlafen, was ist Ihr letzter Wunsch, ehe der Schlaf kommt? Der Wunsch, einzuschlafen. Wozu also dienen die Träume? Den Schläfer am Erwachen zu hindern. Sie hören etwa den Wecker rasseln, aber der Schlaf erzählt, es ist eine kostbare und sonderliche Fontäne, die auf diese Weise plätschert, und Sie ergötzen sich dran und schlafen weiter. Noch etwas. Ich will es durch ein Erfahrungsbeispiel erklären. Zu mir kommt ein Freund und liest mir ein herrliches Preisgedicht auf den Wein vor. Da er keinen guten Titel weiß, bittet er mich, einen zu erfinden, und ich sage, ohne mich groß zu bedenken, er soll es: der große Weingesang nennen. — Wie komme ich darauf? Weil die Finkenfänger verschiedene Arten des Finkenschlags mit Namen unterscheiden, und der schönste heißt: der scharfe Weingesang. Ja, nun fragen Sie sich aber, welche Erinnerungskette in mir nötig war, um diesen Zusammenhang zu Tage zu fördern. Halten Sie sich nicht mit Beantwortung dieser Frage auf, sondern übertragen Sie gleich das Beispiel in Ihr Traumleben — das ja in keiner Weise ein andres ist als das des Tages, ausgenommen seine stumpfe Art Logik — das heißt: in einen Traumaugenblick sind, wie am Tage hundert von den Dingen, die Sie ‚Gedanken‘ nennen, Bilder, nämlich die gesehenen Gedanken zusammengepreßt, vermengt, verdichtet. Zum Beispiel —“