Er schöpfte leicht Atem, zog eine goldene Zigarettendose aus der Weste, legte sie vor Georg hin, nahm eine, Georg willenlos gleichfalls, entzündete beide und sprach leise weiter.

„Zum Beispiel: Ich sage: Busen. Nun natürlich unterdrücken Sie in Damengesellschaft sofort die Vorstellung, die Sie haben — genau so auch im Traum — und denken an einen Berg, an einen Meerbusen, an den Golf von Tarent, da liegt er schon vor Ihnen, blau und mit Segeln, und siehe, da kommt auch schon die bewußte Dame mit dem bestimmten Busen, sonderbarerweise nicht in entsprechender Bekleidung, sondern vielmehr in Gesellschaft von Herren und Damen, nämlich ganz wie an jenem Tage, wo Sie den Golf wirklich sahn, — die sich allesamt am Strande ergehn, bloß Sie selber, Sie haben statt einer Badehose Ihre blauseidene Unterhose an und schämen sich gräßlich, bis Sie entdecken, die andern machen sich gar nichts aus Ihrem Anblick, und die holde Dame ist überdies Ihre Frau Mama. Und nun zum letzten.“

Georg erholte sich, die Cornelia anlächelnd, aus seiner Verwirrtheit. Auch das Mädchen lächelte, so gut sie konnte, aus ihrer Denkangespanntheit heraus. Sie sah nun ganz elend aus. Montfort dagegen blühte durchaus, trank einen schönen Schluck, wischte sich den schwarzen Bart mit einem unbeschreiblich duftenden Tuche und sprach weiter.

„Durchlaucht also sehen im Theater einen Menschen, einen schiffbrüchigen Matrosen, vor einem zusammengerotteten Zuhörerkreis von Schiffern und Frauen seine Abenteuer erzählen. Auf den Gesichtern der Zuhörer spiegelt sich alles, sie machen die lebhaftes— — aber was ist das, Prinz?“ unterbrach er sich erstaunt, „ich erzähle Ihnen hier die spannendsten Dinge, und Sie stochern mit Ihrem Zigarettenstumpf im Aschbecher und sehen mich nicht einmal an.“

Ehe Georg sich von seiner Verblüfftheit über die unverständliche Rede erholt hatte, brach Montfort in ein leichtes Lachen aus und sagte:

„Sehen Sie, teurer Freund, Sie machen es eben nicht wie die Leute auf der Bühne, die mit Gebärdenspiel den Erzähler begleiten, sondern im Gegenteil, Sie verhalten Ihre Erregung, Ihre Teilnahme, Sie tun dieses und jenes, und vor allem: Sie unterdrücken Ihre Mitgefühle, Sie zweifeln und stecken sich am Höhepunkt des Ganzen eine Zigarette an. Verstanden? Dasselbe tun Sie im Traum, indem Sie sich erinnern, daß Sie, von den Angstträumen abgesehn, die verwunderlichsten und gräßlichsten Vorgänge stets mit dem gleichen, ein wenig töricht steigenden Traumstaunen verfolgen, — und dasselbe tut Ihr Traum selber mit Ihnen. Befürchtung und Beschwichtigung, Wunsch und Verzicht, Angst und Freude, sämtliche Leidenschaften mit einem Wort, bilden ein einziges Kreuzfeuer, losgelassen aus dem Kerker Ihrer Tageslogik. Es herrscht ein wirres Durcheinander von alten und jungen, peinlichen und süßen Erinnerungen, alle Empfindungen schießen durcheinander, keine hängt an ihrem Ursprung, und keiner folgt ihre Wirkung, sondern der Ursprung der einen scheint mit einer andern verhakt und ebenso die Wirkung. Scheint! hören Sie wohl: scheint! Denn in Wahrheit, oh Freund, in Wahrheit herrscht der allergenaueste und der allertiefste Zusammenhang, in dem ein Ding sich im andern und durch das andre darstellt, und wenn Sie nur lesen könnten die ungeheure, flammende Schrift, die vor Ihren, in die blöde Tagesdämmerung abgewandten Augen durcheinanderwogt, so könnten Sie das Letzte Ihres Lebens und die Leben Ihrer Väter, allen Ursprung, alles Wachstum, Gott und Götter und alle Dämonen, die könnten Sie bei Namen rufen und sich von ihnen dienen lassen wie Alaëddin, — falls Sie ihren Anblick ertrügen!“ Sein nahe zu Georg herangebogenes Gesicht plötzlich erloschen zurückziehend, schloß er leise und verzichtend: „Einstweilen freilich ist alles, was Ihnen und jedem aus hundert- und tausendfältiger Vermischung, Verdrehung, Verschiebung, Zertrennung, Annäherung, Zerspaltung um Zerspaltung, Verdichtung wiederum entsteht, nur — ein Traum.“

Georg, mit allen Sinnen grenzenlos ausgeliefert, hörte nichts als die flüsternde Stimme nahe unter seinem Gesicht, indem Josef fast den ganzen Körper unter der Tischplatte verschwinden ließ, nur den großen, schwarzen Kopf, wie Mimirs Haupt aus dem Brunnen, gegen Georg emporhebend, — und so fuhr er fort:

„Ein Mädchen will Nonne werden und darf nicht, sie träumt — was träumt sie? Die heilige Jungfrau zeigt ihr ein Bett und darin einen Mann, einen Kranken, wie sie sagt, den sie pflegen soll. Wunderliche Verdichtung, nicht wahr, von Liebesverlangen und klösterlicher Keuschheitsbeschwichtigung. — Nun — zwei Dinge aber sind es, durch die der Traum Ihrer Nächte sich von Ihrem bewußten und unterbewußten Hirn- und Herzensleben am Tage unterscheidet. Er erinnert sich tiefer. Denken Sie an Ihre Kindheit. Sie wissen nichts, und doch — eine kleine Nachfrage offenbart es Ihnen — mit welch ungeheurer Leidenschaft müssen Sie damals gelebt haben, damals, wo alles neu war. Wo alles riesenhaft war, blendend oder beschattend, immer neu, erschreckend erst, dann aus Entsetzen sich in unverhoffte Freude um so himmlischer auflösend, nächtliche Erscheinungen Ihrer Eltern an Ihrem Bett, die kamen, um nach Ihrem Schlaf zu sehn, und die Myriaden großer und kleiner Erlebnisse, durch die Sie die unbekannte Welt durchforschten und eroberten. Wollen Sie ernstlich glauben, das konnte jemals verloren gehn? Ein Dienstmädchen wird irrsinnig und fängt an, Seiten und Seiten Hebräisch und Griechisch aus Bibel und Kirchenfürsten aufzusagen, weil sie früher am Schlüsselloch ihres Dienstherrn, des Pfarrers, gehorcht hat. Bilden Sie sich ein, deren Gedächtnis allein habe eine derartige Saugkraft besessen? Nein, mein Freund, Sie geben mir ja recht, Sie kehren allnächtlich aus aller Daseinsangst in den dunklen, warmen, herrlichen Mutterleib zurück, wo Sie in Sicherheit waren, himmlisch in Sicherheit, vor der Welt, die keine Mutter verletzt, und vor sich selbst, vor Ihren eigenen, wüsten, kranken, tollen, giftigen, verruchten, begierigen, süßen, erhabenen, demütigenden, hoffenden Gedanken und Gefühlen.“

Vergebens versuchte Georg, die Lippen zu öffnen und von der Vision zu reden, die ihm schon lange brennend vor Augen stand, seine eigene Kindheitserinnerung, der Paradiesvogel und alles übrige, was er seinerzeit Benno geschrieben hatte, und über das er noch bedeutendere Aufschlüsse zu erhalten brannte, allein es war unmöglich, in diesen Geröllsturz von Worten einen Keil hineinzuschlagen.

„Und das andre Ding,“ sagte Josef, „von dem Ihr Traum alles weiß und auch — wie Sie vielleicht gleich sehen werden — alles verrät, ist — Ihr Leib, Ihr Blut, Ihr Geschlecht.“

Bei Gott, dachte Georg, bei Gott!

„Alle Träume, die nicht Angst sind, sind Beschwichtigung. Alle Träume sind irgendwie geschlechtlich, wenn Sie das recht verstehen wollen, daß ich sage, der Geschlechtstrieb sei der einzig einige Trieb allen und allen Daseins auf Erden, — ungenau ausgedrückt, doch das würde uns zu weit führen. Demnach — wenn Sie sich etwa vor Enthüllungen fürchten, so wollen wir es mit dieser Probe meiner Traumdeutung bewenden —“

Georg fuhr hastig verneinend auf. Dieser Magier, dachte er, dieser Magier! Montfort hatte sich unterweil, wie Georg nun sah, ein neues Glas Pilsener kommen lassen, prostete Georg freundlich zu und trank mit Behagen die goldene Flüssigkeit unter der dreifingerbreiten weißen Schaumschicht fort, wischte sich danach sorgfältig mit seinem duftenden Tuche den Bart und fuhr, die gelbe Seide in den Händen zusammenbauschend, fort.

„Also dieser Maler hier suchte seinen Bleistift. Ja, nun sagen Sie mal ... waren Sie denn so wütend auf ihn?“

„Wütend? Im Gegenteil!“ Georg, in Verlegenheit, da er den Maler lächeln sah, wehrte sich heftig. „Im Gegenteil, ich hatte ihn an dem Tage kennen gelernt, er machte einen außerordentlichen Eindruck auf mich, ich empfand die größte Vereh—“

Er stockte, da der Maler, die Unterarme auf den Tisch legend, sich zu ihm hinüberbeugte und leise sagte:

„Ach wo! Ich erinnere mich, daß Sie höchst aufgebracht gegen mich waren, weil ich Ihnen nicht meine Gedanken verraten wollte, als —“

„Genug, genug!“ unterbrach Montfort leutselig, während Georg errötend alles zugeben mußte, „ich weiß nun alles. Sie hatten sich über den Maler geärgert, also mußte er sich im Traum ärgern, indem er suchte und fluchte und —“

„Aber ich selber hab ihm doch geholfen!“ schrie Georg.

„Natürlich, das wars ja, was ich Ihnen auseinandersetzte. Sie empfanden gleichzeitig Ehrfurcht — als ob das nicht auch Furcht wäre, und ist Furcht keine Feindschaft? —, also beschwichtigten Sie Ihre unanständigen Gefühle, indem Sie ihm halfen. Wie gings denn weiter? Vermutlich verschwand der Maler alsbald, und Sie suchten allein.“

„Bei Gott!“ versetzte Georg mißtrauisch, „genau so wars.“

„Mit andern Worten,“ erklärte Josef ruhig und wieder gradesitzend, „Sie setzten sich selber an die Stelle Herrn Bogners, Sie hatten ihn ja unter Tage exemplarisch gefunden, ehrfurchtgebietend, nachahmenswert.“

Georg war sprachlos, denn er entsann sich augenblicks deutlich, daß er einmal an jenem Tage gewünscht habe, wortkarg zu werden wie Bogner. — Da er nun Montfort wie von fern nach dem Weitergange des Traums fragen hörte, so erschien ihm jetzt sein Vater, wie er in einem Theaterparkett ohne Sitze herumging und Händedrücke austeilte. Als er Josef das sagte, verwunderte der sich: sein Vater könne doch nicht gehn, — unterbrach sich jedoch selber flugs, schlug mit der flachen Hand gegen die Stirn und rief:

„Aber natürlich! Sagen Sie doch: haben Sie nie gewünscht, daß Ihr Vater gehend sein möchte?“

Georg, in einem kalten Schrecken, bejahte stammelnd und sagte, er wünsche ja nichts als das, wenn er seinen Vater nur sehe, ja, er glaube, auch schon mehr als einmal ihn in seinen Träumen gehend gemacht zu haben ...

Ihm war, als sei seine Seele mit hundert feinen Haaren besetzt, an denen unaufhörlich gerissen würde. Montfort, ganz gleichmütig, fragte nach dem Fortgang des Traums. Georg besann sich und meinte, dann sei wohl der Festzug erschienen, erst als Film, fiel ihm ein, „und das war natürlich,“ sagte er, „denn wir hatten irgendwann am Tage — Sie erinnern sich, Bogner — verschiedentlich vom Kinematographen gesprochen. Und dann erschien Onkel Salomon, — ich meine,“ verbesserte er sich, „Papas Sekretär, Anna Chalybäus und ich nennen ihn Onkel —“

„Also wieder eine Kindheitsfigur,“ bemerkte Josef.

„Ja, und nun fällt mir ein, daß er mich ins Theater hineinwinkte mit Bogners Bleistift, und dann, als ich zum Festzug wollte, hielt er mich am Arm fest und —“

„Der getreue Eckhart,“ murmelte Josef.

„— ich schrie dann, er solle mich loslassen, und: Ich komme nicht hinein, schrie ich und riß mich los, und dann — war da ein Menschengewühl, ich war angstvoll auf einmal, und nun sah ich Anna in ihrem Glassarge —“

„Und die Leute sagten: er hats schuld ...“, schloß Josef.

„Ja, aber — das bezog sich, glaub ich, nicht auf sie“, sagte Georg widerstrebend, da er wirklich in jenem Traumaugenblick keine Angst oder ein Schuldgefühl zu finden glaubte.

„Ja,“ meinte Josef zögernd, „dann hilft es nichts, dann müssen Sie sich zu erinnern versuchen, wann im Leben Sie einmal diese Worte gehört haben.“

„Ich weiß es schon,“ versetzte Georg, ganz kalt, nur ungeduldig, vorwärts zu kommen, „es war im Abiturientenexamen. Ich fiel durch in Mathematik, und als der Professor von mir abließ, murmelte ich ganz dumm und geärgert: Er hats schuld! Ich meinte: weil er so dumm gefragt hätte ...“

„Haben Sie denn vielleicht“, fragte Josef, „an jenem Tage vor Ihrem Traum mit jemandem über Ihr Examen gesprochen?“

„Freilich. Anna erzählte ich ausführlich davon, aber auch mein Vater erwähnte den Durchfall.“

Montfort, der ihn schon bei der Erwähnung Annas hatte unterbrechen wollen, sagte jetzt wißbegierig:

„So. Ihr Vater. Bitte, wie stehen Sie wohl mit ihm?“

„Er ist mein bester Freund,“ versetzte Georg stolz.

„So. Aber an jenem Tage, oder — sagen wir nur — bei jener Unterredung —“

Georg erklärte auf Montforts fragenden Blick, es habe eine lange Unterredung über seine Zukunft und vieles andre stattgefunden, worauf Josef gelassen fortfuhr:

„Ja, dann waren Sie also von ähnlichen Empfindungen wie gegen Bogner auch gegen Ihren Papa erfüllt: nämlich Freundschaft, Ehrfurcht, aber auch Gefühl der freundschaftlichen Überlegenheit, Verwirrung vielleicht — — ja, ich rate ...“

Georg nickte nur, schwer atmend.

„Und mit: er hats schuld!“ ergänzte Josef, „waren im Traum also nicht Sie gemeint, sondern Ihr Vater.“

Georg sah vor seinen Augen den Raum voller Tabaksqualm, Lampen und sitzender, schreiender Menschen verschwimmen. Das Mädchen Cornelia hing mit einem sonderlichen Ausdruck von Grauen und Zärtlichkeit an Josefs Antlitz, der vor sich niedersah, und jetzt schlugen in Georgs Verwirrung, aus seinem eigenen Innern tönend, die Traumworte: ich komme nicht hinein ... mehrere Male. Während er noch bedachte, daß er sie während des väterlichen Gespräches empfunden haben müsse, widerstrebenden Gefühls gegen die unbekannten Lebensgewalten, denen er durch seinen Vater plötzlich ausgesetzt wurde, hörte er jetzt Josef, immer gesenkten Auges, diese selben Worte sagen und weiter, sich aufraffend zum Zuhören:

„Diese Worte wären also das einzige, was noch bleibt.“

Indem er jetzt langsam seinen Blick von der Tischplatte erhob, ihn über seine Freundin gegenüber streifen und in Georgs Augen, seltsam prüfend, sinken ließ, sah Georg sich mit einem Mal in Annas Zimmer, sah sich auf ihr liegen, — er sträubte sich, aber es zwang ihn, — er sah sich, im Dunkel, kalt fiebernd, wie er den Eingang suchte, und er hörte sich zu sich selber murmeln: Ich komme nicht ... Da schüttelte er das gewaltsam ab, sein Blick irrte, schwankte gegen Josefs Augen zurück, er richtete sich im Stuhl auf, rückte an dem Bierglas vor ihm, sah ein unmerklich feines Lächeln Josefs Mundwinkel heben und hörte ihn sagen, während er die linke Hand auf Georgs Arm legte:

„Lassen Sie’s gut sein, Prinz. Sie wissen nun alles, nicht wahr? Ich weiß es auch, denn — viele Deutungen gibt es da ja nicht mehr. Sie sehen also,“ fuhr er ernst und ruhig fort, „die Verankerung Ihres Traumes ist so ziemlich aufgedeckt. Ängste und Beschwichtigungen, Entstellungen und Verdeckungen, Sie machen sich zu Bogner, Sie grollen Bogner und Ihrem Vater, Bogner muß suchen, Ihr Vater darf gehen, aber: er hats schuld! — Nun, damit können wir uns ja wohl zufrieden geben.“

„Ja,“ fragte Georg entsetzt, „wollen Sie denn noch mehr herauswürgen?“

„Sie sind ein sonderbarer Genosse, Durchlaucht,“ sagte Montfort nach einer Weile kopfschüttelnd. „Da hat man Ihnen an zwei und drei Stellen, wo Sie bislang nichts sahen, ein paar Kleinigkeiten gezeigt. Man hat Ihnen eine Schneeflocke in zehnfacher Vergrößerung gezeigt, Sie haben den Kristall gesehn, und nun — meinen Sie denn wahrhaftig nun, Sie wüßten, was Schnee ist? Ein gelehrter Mann hat jahrelang unsägliche Mühsal aufgewandt, um hinter das Wesen der Träume zu kommen — er überließ mir seine Erfahrungen für diesen Abend —, und hat etwas zutage gefördert, fabelhafte Dinge in der Tat, wie Sie bemerkten. Wieviel, meinen Sie, mögen denn das nun sein aus der wirklichen Zahl aller Möglichkeiten? Schon sind Sie überwältigt, Sie ehrlicher Ignorant, und sind gar entsetzt. Was wissen Sie denn nun? Sie wissen, daß Sie Ihre Kindheit nicht vergessen haben. Was beweist das? Daß Sie nichts, überhaupt schlechterdings keine Silbe vergessen haben, — wenn Sie sich bloß besinnen könnten wie jenes Dienstmädchen. Und was ist denn das: Sie? Hören Sie denn mit Ihrer Kindheit auf? Haben Sie keine Vergangenheit, keine Eltern, Ahnen, Adam und Eva? Haben Sie nicht eben gelernt, daß Sie beinah so leicht und behutsam schlafen wie Ihr alter Hund Wally? Wollen Sie vielleicht noch nicht begreifen —“ er bohrte, sich weit überneigend, beide glühende Augen in Georgs Pupillen hinein — „noch nicht begreifen, daß Sie nichts, schlechterdings nichts aus allen Erdteilen, Völkerschaften, Tieren und Äonen vergessen haben? Daß alles noch in Ihnen ist, was je war? Wollen Sie mir vielleicht auch nicht glauben, daß Sie nicht nur in den paar Augenblicken träumen, an die Sie sich erinnern, sondern daß Sie immer träumen, unaufhörlich, die ganze Nacht, von Abend bis Morgen, immerzu? Und daß Sie Ihr ganzes Leben im Traum noch einmal leben, immer wieder, jede Nacht? Daß Sie Nacht für Nacht, wie der Fliegende Holländer rückwärts mit allen Segeln, Ihr ganzes Leben aufreißen und durcharbeiten, umwogt, wie von der Meerflut, von Milliarden und Milliarden aus ihrem Zusammenhang gesprühter Tropfen, Vermischung zehntausendfach, Entstellung, Verdrehung, Verbildung, Trennung und Einung aus Molchen und Affen, Urwäldern und Städten, Kindern und Greisen, die allesamt aus Unermeßlichkeit in Sie hineingebraust sind wie Karawanen und hunnische Heere, Vandalen und —“

Er brach ab, spöttisch auflachend, dieweil Georg, schon lange die Hände aufstützend, um sich zu erheben, aufstand, um hinauszugehn, sich behängt fühlend, als schwankten die Kleider und selber seine Haut in Fetzen um ihn herum. Betäubt und müde stand er sekundenlang unschlüssig, ohne zu wissen, nach welcher Seite er sich zu wenden habe. Kellner eilten vorbei, drängten an ihm vorüber, Geschirre klirrten, das Gelächter und laute Schwatzen toste sinnverwirrend herum, und Augenblicke lang wars ihm, als habe er das alles noch im Leben nicht gesehn und wisse nicht, was es bedeute.

Da erblickte er im Nebenraum, durch die Glaswand, die Rückenansicht einer stehenden Dame, die dort zu warten schien, und obgleich ihre Haltung — die Hände tief in einer riesigen Muffe, die Oberarme an den Leib gedrückt — nicht eigentlich bemerkenswert war, erinnerte sie ihn doch an Cora. Sie bewegte sich jetzt, verschwand, ehe ihr Profil sichtbar wurde, hinter dem Pfeiler und einem Kleiderständer voll gehenkter Mäntel, dann kam ihr Hut zum Vorschein, groß, flach, schwarz, mit grüngefärbten Straußenfedern um den Kopf, und es war Corinna Bogner, die aus der Türöffnung den schwächlich schmachtenden Blick gegen Georg aufhob.

Wiedersehn

Mehr erschreckt als erfreut, ging Georg auf Cora zu und fragte, die Hand ausstreckend: „Wie kommen Sie hierher?“

Sie blickte ihn ohne Erstaunen an, befreite ihre Hand aus der großen grauen Muffe, reichte sie ihm und entgegnete:

„Sie waren ja mächtig in Anspruch genommen, mein Prinz. Wir sind schon seit einer halben Stunde hier, ich und mein Mann, wir saßen dort hinten. Er ist noch einen Augenblick an einen andern Tisch gegangen. Diese Juristen haben immer etwas zu verhandeln.“

„Aber wie kommen Sie ...“

„Was machen Sie denn für böse Augen? Grade als ob ich Ihnen nicht als Corinna erschiene, sondern als Erynna oder wie’s heißt. Soll ich Sie meinem Mann vorstellen?“

„Ich bitte sogar darum.“

„Sogar? Das ist gar nicht nötig. Wir sind seit dem Ersten hier. Herbert ist zur Staatsanwaltschaft versetzt. Warum schrieben Sie auch gar nicht mehr? Armer, ahnungsloser Engel! Sie werden morgen bei mir Tee trinken. Da kommt Herbert. Herbert, ich habe eben das Glück gehabt, des Prinzen Durchlaucht zu treffen, — ich erzählte dir ja ... Prinz Georg Trassenberg — mein Mann.“

Georg verbeugte sich gegen einen Herrn im Zylinder und Frack unter offenem Mantel, dessen Ähnlichkeit mit dem Maler besonders an den großen Augenhöhlen zu erkennen war, während er einen kleinen, bürstenhaft geschnittenen rötlichen Schnurrbart trug und einen etwas verfinsterten und abwesenden Ausdruck in den Augen hatte, wohl infolge einer kleinen Falte zwischen den Brauenbuckeln. Einen goldenen Kneifer nahm er hastig ab. Georg, dem jetzt der Maler einfiel, sagte:

„Aber ich habe ja eine mächtige Überraschung für Sie, — das heißt, wenn Sie noch nicht ... aber wohl kaum ... Kennen Sie den Herrn dort?“ Er drehte sich zu dem Tisch hinter ihm um, zu Montforts Rücken und der still in sich versunkenen Cornelia drüben im Sofa, dieweil Bogner sich erhob und herantrat und sein Bruder, murmelnd, er sei kurzsichtig, den Kneifer wieder andrückte.

„Herbert! Erkennst du mich?“ fragte Bogner ruhig und sonderbar gütig.

Das Gesicht des Bruders verschönte sich errötend in herzlicher Freude. Er sagte: „Benvenuto!“ mit so viel Ergriffenheit, daß Georg rot wurde, während Cora zu weinen anfing. Ihr Mann legte seinem Bruder die Hände auf die Schultern und schüttelte ihn. „Also doch!“ sagte er. „Nun, ich hatte ja schon von Mama gehört. Und hier im Café, da treffen sich die Menschen wieder. Ja, der arme Papa! Verzeih, Cora, dies ist nun mein großer Bruder. Ja, nun müssen wir noch eine Viertelstunde bleiben. Wir waren in so einer Abfütterung ...“

Georg hörte Cora noch zu Bogner sagen, wie es sie freue, daß er genau aussehe wie sein Bruder, ging, brennenden Auges und rauschender Ohren, durch die Nebenzimmer und durch den engen, gewundenen Treppenschacht zur Toilette hinunter, wo er indessen nicht zur Sammlung kam, denn am Treppenfuß, friedfertig neben der Telephonzelle hockend, begrüßte ihn freudestrahlend Sylvester, der Toilettenmensch, mit seinem ungeheuren, blonden Schnurrbart und seiner kleinen Tabakspfeife. Beim Wasserhahnaufdrehen und Handtuchreichen erzählte er Georg, wie in Primanerzeiten, kleine Stückchen von seinen Kindern, leise sprechend und wie ein Eichhorn immer hin und her, und Georg war wie jedesmal leise verwundert, daß auch diese unterirdischen Menschen Weib und Kinder hätten, sich erinnernd, wie er das erste Mal peinlich hatte denken müssen, ob wohl so ein Kind, in der Schule nach dem Beruf seines Vaters befragt, antworten müsse: Mein Vater ist Toilettenmensch. — Beschämt wie damals bei diesem Gedanken, suchte er vergebens nach einem netteren Terminus dieses Standes, und kam so, an Gefühlen wenig entwirrt, wieder nach oben.

Da aber konnte er plötzlich nicht vorüber an der Glastür des hintern Ausgangs, und nach einem zaudernden Umblicken im Raum, der vom beizenden Tabaksqualm der um alle Tische sitzenden Kartenspieler erfüllt war, trat er ins Freie unter das Überdach und stand im Garten.

Feucht und sehr kühl atmete die Nachtluft. Durch das nackte Gewipfel hoher Bäume fiel von rechts her der Lichtschein der Bogenlampen; in den Nischen von Buschwerk schimmerte weißlich Gestein, und hier und dort erglänzte die Platte eines der vielen Tische. Georg ging blindlings vor bis an das trockene Wasserbecken, sah das blecherne Mundstück der Fontäne sprachlos aus dem Hügel von Tuffstein hervorgestreckt und hielt sich dran, geistig, zu seiner Sammlung. Von Coras seltsam dürftiger Erscheinung schweifte er ab, eilfertig und im Bogen wie ein Jagdhund bösen Gewissens. Eine Beängstigung fiel auf sein Herz; er sah Renate im Garten stehn, sah das weiße Dreieck ihres Tuches, und langsam, aus der Beklommenheit, dehnte sich angstvolle Freude. Schön muß es werden, dachte er, schön wird es werden! inbrünstig hoffend, und die Vorstellungen: Montfort als Freund, Bogner als Führer, Renate als — als Geliebte! zogen, undeutlich in den Umrissen, aber verheißungsvoll, segenspendend und mit immer stärkerer Magie durch seinen Geist, so daß er schwoll, erzitterte zugleich und sich üppiger reckte. — Schon sah er einen Atelierraum, Bogners, Nacht und Lichter, die Rauchschwaden, Josef Montforts gewaltige Silhouette, und er vernahm die ruhige Stimme des unsichtbaren Malers ... Cora, wie war sie verblaßt im Augenblick!

Und nun erschien ihm sein Weg, und er ging ihn, umringt von königlich geleitenden Gestalten — Montfort, Bogner, Renate —, und vor seinen taumelnden Augen stellten die nächtlichen Umrisse des schwarzen Theaterbaus drüben sich dar als das Ziel, als das Schloß, Behausung seiner Würde, seines — ah nun, ja nun begann erst das Leben! Arbeit und Feste, Arbeit und Feste ...

Erquickt von der Kühle und dem Dunkel, gesammelt, entschlossen, aufgerichtet, kehrte er zu den Andern zurück.

Viertes Kapitel

Nachtstraßen

Am Tische sprach der Staatsanwalt, einen Ellbogen auf der Schulter seines Bruders, eindringlich in ihn hinein. Cora schien Josef Montfort völlig mit Beschlag belegt zu haben. Dessen Freundin saß einsam auf dem Sofa, aufrecht, und machte muntre Augen, um ihre Teilnahme zu bezeigen.

„Georg, ich bin ganz hin!“ erklärte Cora, als er sich niederließ. Zum Umfallen müde wäre sie, sagte sie. Georg sah Josef mit seiner Freundin einen Blick des Einverständnisses tauschen, die Brüder lösten sich voneinander, und alle brachen auf. Cora, die schon fertig angezogen war, ging allein voraus, aber Georg half erst der Cornelia in den Mantel und beeilte sich weiter nicht mit seinem eigenen Mantel und Handschuhn; auch als sie später draußen zusammen standen, hielt er sich abseits. Die Nachtluft war kalt und feucht; Platz und Straßen waren noch immer oder schon wieder schwarz vor Nässe. Georg sah nach den Sternen, aber der Himmel war unsichtbar über den leise schwankenden Bogenlampen. Nach der Bahnfahrt, der Wandrung mit Bogner, nach Josef Montforts ungeheurer Beredsamkeit fühlte er sich nun schwer müde und gähnte heftig.

Mit einem leisen Widerwillen sah Georg jetzt Cora neben Josef Montfort, fegend mit ihren Röcken, über den Platz gehn. Josef, im kurzen, hellen Mäntelchen, hatte den steifen Hut so nach vorn gerückt, daß der Hinterkopf hervortrat; dazu stieß er hinter sich den Stock mit hoch gegen die Hüfte gezogenem Ellenbogen auf, — eine absichtliche, schofle Lebemannshaltung, wie es schien. — Das große, hell erleuchtete Zifferblatt der Normaluhr zeigte halb ein Uhr. Abseits von den Brüdern stand die Cornelia Ring, in ihren Scharlachmantel geschlagen, den großen Kragen schön hinterm Kopf, Josef nachblickend. Bei ihrem Anblick erschien Georg Renate; es stach in seiner Brust; dann merkte er, daß der Satz: Auch der Toilettenmensch hat Weib und Kinder ... ihm unablässig wie ein Vers von Morgenstern durch den Kopf zog.

Montfort kam plötzlich eilfertig zurück, rief: „Die gnädige Frau will zu Fuß gehn! Frau Ring, wir bringen Sie alle nach Hause!“ drehte wieder um und gesellte sich zu Cora.

Die Brüder folgten, leise sprechend, und Georg schloß sich mit Cornelia hinter ihnen zusammen. Sie gingen eine Weile schweigsam; Georg mußte heftig und heftiger gähnen, während das Mädchen leichten Ganges neben ihm schritt, den Kopf grade und frei auf dem festen Halse. Er lugte von der Seite schläfrig nach ihrem Profil, sah die runde Stirn, das straff zurückgestrichene Haar, die vorgewölbte Oberlippe, den dunklen Blick des Auges und erinnerte sich, auf der Suche nach einem Gesprächsstoff, daß sie die wenigen Worte, die er sie sprechen gehört, mit undeutschem Akzent — zumal den R-Laut — betont hatte. Zum Sprechen ansetzend, mußte er wieder gähnen, sie sahs und lächelte, und er sagte, mitlächelnd, hastig:

„Entschuldigen Sie nur, — ich habe die Bahnfahrt noch in den Gliedern, und dann — dieser Montfort betäubt einen ja wie — ich weiß nicht was, — aber bitte, — wenn ich fragen darf ... Sie sind keine Deutsche oder —?“

Sie schüttelte den Kopf und lächelte wieder.

„Nur so halb und halb,“ meinte sie.

„Polin vielleicht?“ schlug Georg vor.

Sie lächelte. „Nein, das ist nun grade falsch, obgleich ich sonst alles Erdenkliche bin. Mein Vater war Deutscher, aber aus Ungarn, und seine Mutter war Ungarin. Meine Mutter aber ist Spanierin; sie lebt noch da, und ich bin dort aufgewachsen. Da lernte ich Deutsch und Spanisch zugleich, aber — meine Großmutter war wieder Holländerin ...“

„Ei, dann sind Sie ja ganz international!“

„Ja, leider ...“

„Leider?“

„Ja, man fühlt sich doch so heimatlos. Spanien kenne ich kaum, mit vier Jahren kam ich von dort weg. Nun, am meisten gehöre ich wohl doch zu Deutschland ...“

Um ihr gefällig zu sein, murmelte Georg, Herr von Montfort komme einem ja auch so international vor.

„Wieso?“ fragte sie halblaut, das Gesicht zu ihm drehend.

„Nun — ich meine, nicht wahr? — finden Sie nicht auch: wenn man ihm zuerst in Italien begegnete oder sonstwo — würde man ihn nicht für einen Italiener halten — oder Spanier oder — —?“

Sie sah wieder gradeaus, wo zehn Schritte vor ihnen Bogner und sein Bruder gingen. Er habe wohl recht, meinte sie leise. Nach einer Weile setzte sie verloren hinzu: „Er will ja nun auch fort ...“

Da schien Georg, indem sie eben unter einer Laterne einhergingen, im hellen Licht ihr Auge merkwürdig heiß und glitzernd. Sie zog die Oberlippe in den Mund. — Was hat sie nur? dachte Georg, während ihr Anblick von vorhin, wie sie auf dem Sofa saß und weinte, ihm wieder gegenwärtig wurde, — will er ohne sie gehn? — Die Straße mit fernen Laternen lag wieder dunkel vor ihnen, dahinter der Thielplatz, rötlich leuchtend von Bogenlampen; an der gegenüberliegenden Straßenseite klappten eilige Schritte. Nun ging auch das Mädchen neben ihm schneller, auf einmal in hastiger Rede.

„Oh denken Sie nicht, daß ich das nicht verstehe,“ sagte sie, „ich kenne ihn ja! Wer kennt ihn denn sonst? Was soll er auch hier? Sie wissen vielleicht: die Fabrik geht nicht gut ... ach, das durft ich wohl nicht sagen, aber es weiß ja schließlich jeder.“

Also das war da nicht in Ordnung im Garten, dachte Georg, Bogner hat doch recht gesehn. Das Mädchen fuhr fort:

„Nein, können Sie sich vorstellen, wie er im Kontor sitzt und Zahlen schreibt?“ Sie neigte lachend den Kopf. „Oh er ist ein glänzender Kaufmann, wenn er will, er kann ja jeden um den Finger wickeln. Er hat auch viel mehr Kenntnisse, als Sie vielleicht denken, er spricht eine Unzahl Sprachen, wir waren einmal in Ägypten, und er sprach mit den Suahelis oder wie sie heißen ... ja, was wollt ich sagen? so — und alle Instrumente spielt er, und Theater, ja, was wäre der für ein Schauspieler! Er malt auch sehr schön, er hats nun freilich lange schon gelassen, er hälts ja nirgends aus ...“

Da sie schwieg, fragte Georg nach einer Weile behutsam, wohin er denn nun wolle ...

„Ach, wohin?“ murmelte sie tonlos. „Nach Sibirien oder Mexiko, was weiß ich?“

Also wollte er sie scheinbar nicht mitnehmen. Ach, dachte Georg erschreckt und mitleidig, da haben wir nun alle gesessen und geredet, und sie hat das Herz voll Gram bis zum Rand. Und ich gehe neben ihr und gähne. Die Menschen sind alle Bestien! —

Cornelia verlangsamte ihre Schritte wieder, da sie den Männern vor ihnen nahe gekommen waren. Ein Automobil kreuzte ihren Weg, innen vollgepfropft mit schreienden Kerlen, und verrauschte brüllend. Sie gingen über den Platz und auf den dunklen Tunnel der Eisenbahnüberführung zu, wo schon Josefs und Coras Schritte schallten.

Sie sprach, als spräche sie mit sich selber:

„Halten kann man ihn ja nicht, er ist das freiwilligste Wesen, — ich weiß bloß nicht ...“ Sie verstummte.

„Was wissen Sie nicht?“ fragte Georg behutsam.

Sie weinte. Sie schlug den Mantel auseinander, nahm ihre Handtasche vor, holte ein kleines Taschentuch heraus und trocknete sich hastig die Augen. Danach brachte sie alles wieder in Ordnung, richtete den Kopf auf und schritt aus.

„Ich wollte sagen,“ begann sie wieder, „ich weiß nicht, was aus mir werden soll. Wenn man sein Leben so ganz auf einen Menschen eingerichtet hat ... Oh es geht mir gut, ich hatte immer, was ich mir wünschte, ich kann ja auch überall hin ... Nur ist man heimatlos,“ schloß sie leise.

Georg zermarterte sich den Kopf umsonst nach einem Wort. Ein Mensch wie Montfort paßte freilich schlecht in diese windstille Stadt. Lenau fiel ihm ein, der nach Amerika ging, Kürnbergers Amerikamüder, — aber paßte er nach Amerika?

„Will er nach Amerika vielleicht?“ fragte er schließlich.

„Auch — vielleicht,“ sagte sie. „Er haßt Amerika. Was er am meisten haßt, ist Geld.“ Sie blieb wieder stehn, wandte sich zu Georg und sah ihn mit offenbarem Flehen an.

„Ach, mir ist etwas eingefallen!“ sagte sie, „ich weiß nur nicht ... Es ist vielleicht ganz töricht und — und unbescheiden, ich dachte nur ... ich weiß von Ihrem Vater, dem Herzog, Josef gab mir immer seine Jahresberichte, die er doch selbst schreibt, nicht wahr, und nun dachte ich —“ Innehaltend, blickte sie jämmerlich zu Georg auf.

„Aber gewiß, gewiß, natürlich!“ versicherte er froh und überrascht, „das ist ja ein glänzender Gedanke! Mein Vater —“

„Wir müssen weitergehn,“ mahnte sie, selber wieder munter ausschreitend, „da kommt schon die Eichstraße, dort wohne ich.“

Georg fuhr fort zu erklären, daß sein Vater immer auf der Suche sei nach tüchtigen und — gewissermaßen originellen Leuten, die andernorts schwer zu brauchen seien. „Mama sagte einmal, er sei magisch oder magnetisch für solche Menschen, — nun sehen Sie wohl, sein Magnetismus hat sich sogar durch uns erstreckt! Ich schreibe gleich morgen an ihn, nicht wahr? Er weiß sicher etwas.“

„Ach, ich wäre Ihnen ja so dankbar!“ versetzte sie aufatmend. „Wenn er nur hier irgendwo im Lande bleiben kann ... Sie sehen ja, wie er ist, für solche wie ihn giebt es keine Gesetze, nein, sie geben welche, und es ist ja so schön, daß es Menschen giebt wie ihn, wie wäre es sonst langweilig!“

Nun lachte sie wieder, sagte: „Jetzt aber still!“ und: „Ich danke Ihnen ein andermal! Da ist mein Haus!“

Georg sah nicht weit von ihnen die Vier beisammenstehn. Im nächsten Augenblick waren sie bei ihnen, Cornelia holte ihr Handtäschchen und den Schlüssel daraus hervor, den Montfort ihr fortnahm, um aufzuschließen. Unterdes gaben Bogner und der Anwalt ihr die Hand, Cora nickte fürstlich; sie sagte, Georg fest die Hand drückend, laut und ruhig:

„Wenn Sie mir schreiben, Durchlaucht: Eichstraße 17 und Fräulein Cornelia Ring. Gute Nacht.“

Josef gab ihr den Schlüssel zurück, sie nickte ihm zu und verschwand, nickte dann noch einmal bittend und lächelnd zu Georg durch die dunkle Scheibe der Haustür, während sie drinnen zuschloß.

„Wir wohnen drei Häuser weiter,“ hörte Georg den Anwalt sagen und war sehr damit zufrieden. Auf dem Wege dahin sprach niemand mehr; angelangt, bat der Staatsanwalt seinen Bruder zum Essen für den andern Tag, aber Cora fiel mit müder Stimme ein:

„Gott, Herbert! Morgen ist doch die Herzbruchsche Hochzeit! Dann kommen Sie also — ja, wir sagen wohl du zueinander, nun, das machen wir alles morgen — also dann kommst du morgen vormittag zu mir, — ja, Durchlaucht, dann müssen Sie auch vormittags kommen, Herbert, du kannst dich vielleicht früher freimachen. Nein, kommen Sie nur!“ wiederholte sie hartnäckig, da Georg abwehren wollte. „Du entschuldigst, Ben — was für ein herrlicher Name! —, daß ich den Prinzen schon vor dir eingeladen habe, aber ich kannte ihn ja schon länger als dich —“ sie lachte. „Merkwürdig, nicht, wo du doch mein Schwager bist! Aber ich schwärme für Männer und kann nie genug haben, — das heißt, wenn ich Herbert nicht haben kann, und der hat ja nie Zeit, — du Armer! Also kommt ihr Beide,“ schloß sie achtlos, scheinbar aus Schläfrigkeit die summarische Anrede gebrauchend.

Georg bekam eine lange, schlaffe Hand und keinen Blick. Das Ehepaar entschwand.

Fahrt

Schweigsam schlenderten sie die Straße zurück. Es begann zu regnen. Georg, am Gossenrande, die Hände tief in den Manteltaschen, fühlte die Schläfrigkeit aus seinem Hirn in die Füße und Schultern gewichen, die leise brannten, auch waren ihm am einen Arm der hängende Schirm, unterm andern das dicke Buch lästig, das ständig aus der Achselhöhle nach unten rutschte. — Das arme Mädchen! dachte er trübe und vergnügt, ihr helfen zu können. Was mochte sie nun eigentlich für ein Wesen sein, daß Montfort mit ihr zusammen lebte, er hier, der, die Hände mit dem Stock auf dem Rücken, sehr groß und aufrecht, den Hut im Genick, neben ihm schritt. Bogner, an der Wand der häßlichen, roten und gelben Häuser hinstreifend, hielt seinen Mantel in den Armen an den Leib gepreßt, blieb aber nun stehn und zog ihn an, während Josef sich umdrehte. Eine Droschke rasselte hinter ihnen heran, und Josef sagte: „Ein Vehikel. Nun wollen wir ins Mulläng rusch fahren.“

Der Maler antwortete nichts hierauf; Georg war unschlüssig. Am Ende konnte er gleich noch ein Wort mit Montfort reden, auch schien seine Gesellschaft ihm gar zu anziehend. Schlafen konnte er ja morgen, so lange er wollte.

Die Droschke kam herangerasselt, der Kutscher zog auf Montforts Wink die Zügel hoch, das Pferd stand schlitternd still. „Mulläng rusch!“ sagte Josef, und der Kutscher, den Hut lüftend: „Jawoll, Herr Baron!“ Der schien ihn zu kennen.

So stieg Georg denn ein und setzte sich links in den Rücksitz; der Maler kam neben ihn. Montfort, auf dem kleinen Vordersitz zusammengezogen, machte die Augen zu. Die Räder lärmten. Bogner öffnete das Fenster neben sich und beugte sich in die Öffnung. Nun verspürte Georg die sonderbare Engigkeit, in der sie sich zusammengepfercht hatten, den Geruch von Pferd, Leder, Wachstuch und alten Polstern und hatte das Gefühl, als sei etwas atemlos und ohne Ende mit ihm im Gange. Auf einmal glühte sein Gesicht, er fühlte sich an Seele und Gliedern abscheulich behindert, streckte die Füße, fühlte keinen Platz, zog sie wieder an sich und arbeitete mit den Augen an dem großen und dunkelhäutigen, verschlossenen Gesicht mit der fremden Bartfliege ihm gegenüber. Keine Gesetze kennen! dachte er höhnisch, was das schon heißen soll! Armes Kind, was kannst du ihm wohl sein? Wie still und in Bereitschaft sie immer dagesessen hatte. Ihre Augen waren klug, und sie las die Jahresberichte ... Was sage ich ihm nur? — Da fiel ihm ein, was sie vom schlechten Stande der Fabrik gesagt hatte, da erschien ihm Renate im dunklen Vorgarten, im Laternenlicht, wie sie ihm entgegenkam, und gereizter spürte er die Behinderung, hier fahren zu müssen, anstatt — was? ja was?

„Warum fahren wir hier?“ fragte er jählings. Keiner antwortete; keiner der Andern bewegte sich. Der Wagen rasselte und schwankte über das Pflaster, auf einmal war er auf Asphalt und rollte glatter und leiser dahin, während das einförmige Trotten des Pferdes hörbar wurde. Georg sah Bogners schwarzes Profil im einfallenden Licht, sah das Gleiten der Häuserwände, einen Mann, der wartend an der Ecke stand, um die sie nun schwenkten, eine Laterne, Rolljalousien und Reklameschilder, alles sehr traurig, beschmutzt und als ob es sein eigenes Nichtvorhandensein beklagte. Plötzlich merkte er Montforts Augen, die ihn unbestimmt anblickten, dann abglitten, und er hörte ihn langsam sagen:

„Immer wieder kehrst du, Melancholie,

O Sanftmut der einsamen Seele ...“

Es schienen Verse; er sprach langsam weiter:

„Zu Ende geht ein goldener Tag.

Demutsvoll beugt sich dem Schmerz der Geduldige,

Tönend von Wohllaut und weichem Wahnsinn.

Siehe, es dämmert schon ...

Wieder kehrt die Nacht und klagt ein Sterbliches,

Und es leidet ein anderes mit.

Schaudernd unter herbstlichen Sternen

Neigt sich jährlich tiefer das Haupt.“

Wieder war alles still bis auf das Trotten der Hufe, aber in dem Augenblick, wo Georg, von den Versen seltsam erschüttert, fragte: „Von wem ist das?“ waren sie wieder auf Pflaster geraten, und Montfort schien nichts gehört zu haben.

Wieder kehrt die Nacht! fühlte Georg traurig, und leidet ein Sterbliches. Und es leidet ein anderes mit. Wie du mich dauerst, armes Kind! Und dann schrie er, um verstanden zu werden: „Warum fahren wir hier?“

Montfort wandte ihm mit gelindem Spott seine Augen zu.

„Wir?“ sagte er. „Warum sagen Sie wir? Gehören wir zusammen? Fährt nicht jeder ganz allein?“

Georg wollte, aber konnte nicht sagen, daß er ihn ja in dies schandbare Vehikel hineingesperrt habe, denn freilich — warum hatte er sich sperren lassen?

„Teuerster,“ fuhr Montfort fort, „ich weiß, was Sie denken. Sie sind auch so ein Mensch, der auf einmal von Versen ergriffen wird. Alles muß Ihnen mundgerecht gemacht werden, dann geht Ihnen das große Begreifen auf, und Sie bemerken Ihre Seele. Freuen Sie sich übrigens Ihrer Jugend.“

Bogner, während Georg sich, die Lippen zusammenkneifend, in seine Ecke zurücksetzte und den Dostojewskiband neben sich in den Sitz stieß, legte eine Hand auf seinen Arm und sagte, das Gesicht zu ihm wendend:

„Deswegen keine Sorge! Man gerät immer um so weiter auseinander, je enger man beisammenhockt. Erinnern Sie sich noch, wie ich Ihnen von Judith Österreicher erzählte? Da saßen wir schön geräumig und konnten untereinander kommen und gehen, wie es uns beliebte.“

Anna! dachte Georg erschreckt. Oh, litt sie nicht auch, er aber litt nicht mit ihr! — Eine Weile später konnte er es nicht lassen, gereizt und unwirsch hervorzustoßen: „Warum fahren wir dann hier?“

Bogner schien zu lächeln und wandte sich ab; Montfort hatte die Augen wieder geschlossen; so fuhren sie schweigend, räderumrasselt, wieder über Asphalt, über Geleise, umschwenkend, plötzlich aus einem Geleis, in dem sie dahinrollten, herausgerissen, gegeneinander geschüttelt, umrasselt unaufhörlich. Georg hatte das Gefühl, als würde diese Nachtfahrt ihm ewig unvergeßlich bleiben. Dann dachte er, es müßte über ihnen ein Stern stehn, der Renates Züge trug, aber nun ließ das Wagenverdeck sich ja wieder nicht aufschlagen! — Er stöhnte, es war nicht auszuhalten.

Da hielt die Droschke mit einem Ruck. Georg riß die Tür auf und stolperte ins Freie vor ein Portal mit bunten Lampen, aus dem ein großer Türsteher mit Schnüren und hellblauem Mantel, einen langen Tambourstab in der Hand, hergeschritten kam. Im Augenblick gewillt, davon, in die Nacht, in einen Wald hineinzulaufen, fühlte Georg sich leicht am Arm ergriffen und vom lächelnden Josef Montfort in den gläsernen Tunnel hineingeschoben.

Sie legten die Mäntel ab und gelangten über eine Treppe in den Tanzsaal.

Ballhaus/Bar

Es waren Galerien da auf drei Seiten, darunter standen die Tische, in der leeren Parkettmitte drehten sich zwei Mädchen in blauweißgestreiften Matrosenanzügen mit roten Kragen und in Kniehosen, rote Zipfelmützen auf dem Kopf, in träger Vergeßlichkeit hin und her. An wenigen Tischen saßen Männer beim Wein und rauchten, im Winkel beim Tresen war ein ganzer Haufen buntgekleideter Frauen mit sinnlosen Hüten. Bald saßen sie in einer Ecke und hatten Gläser mit golden aussehendem Haute Sauternes vor sich stehn. Bogner rauchte seine Pfeife und sah sich alles mit Gleichmut an, Josef gähnte unaufhörlich, Georg trank hastig drei Gläser Wein aus, ohne es recht zu bemerken. Im Saal schoben sich einige Paare hin und her, Damen tanzten miteinander, die Leiber ineinander verrenkt, abstoßend anzusehen, und Georg fing an, innerlich Wut zu schnauben, daß er hier war. Plötzlich stand ein schwarzgekleidetes, bleiches Wesen neben Josef, das nicht wie die Andern war, sondern hoffärtig und einsam aussah.

„Du warst lange fort,“ sagte sie traurig zu Montfort, der sofort aufstand und einen Stuhl holte. Sie glitt auf den seinen, füllte sich ein leeres Glas und trank lange in kleinen Schlucken, wobei sie Josef in die Augen sah.

„Wozu?“ sagte sie plötzlich, das Glas hinsetzend, stand auf und war gleich darauf mit einem breiten Herrn zwischen den Tanzenden.

Georg dachte, es fange nun wirklich an, sinnlos zu werden, aber als er nach einer Weile Umherschauens zu Montfort sagen wollte, daß sie gehen wollten, war der verschwunden. Bogner hatte sein Skizzenbuch unter dem Tisch auf den Knien und zeichnete etwas Unsichtbares, ohne auf das Papier zu sehn. Ein Kellner kam, nahm stillschweigend die leere Flasche fort und brachte bald darauf eine neue. Da ein rosenrotes Mädchen sich an Georgs Stuhl vorbeischob, das herausfordernde Augen machte, so tanzte er mit ihm, tanzte mit dieser und jener, zuerst unbehülflich, da er in seine Tanzstundenhaltung zurückfiel, dann sachgemäß, seiner Tänzerin das rechte Bein zwischen die Schenkel drückend, so daß er die ganze Gestalt an sich preßte, und dazwischen trank er, sah auch Montfort tanzen, langsam wurden die Dinge dunstig und zerstückt, sein Gesichtskreis verengte sich, er sah nur noch Allernächstes, er wußte nicht mehr, was er tat. Plötzlich klopfte jemand ihn auf die Schulter, Montfort, der leise sagte: „Nun muß ich in die Unionbar, gehen wir.“

Er folgte willenlos, fand sich gleich darauf an Montforts Arm in der Nachtkälte, merkte, daß er zusammenfiel, raffte sich auf und ging aufrecht seines Weges zwischen Bogner und dem Andern, wobei er unausgesetzt schwatzte, ohne zu wissen was; nur daß er im Gehen doch hin und wieder dem einen oder dem andern seiner Begleiter näher kam, merkte er. Da blieb er stehn und sagte mit großem Ernst zu Josef — während ihm gleichzeitig einfiel, daß er Dostojewskis ‚Jüngling‘ nicht mehr bei sich hatte —: „Fräulein Ring sprach mit mir von Ihnen.“

„Kommen Sie nur, das weiß ich ja alles!“ meinte Montfort begütigend, indem er ihn weiterzog. Jetzt nur nicht wütend werden! ermahnte sich Georg, das wäre ein Beweis deiner Betrunkenheit. — —

Aber von nun ab war ihm nichts mehr bewußt, als daß er nach einer langen Zeit Küsse fühlte, lange Küsse und von einer so alles durchschmelzenden, verzehrenden Süße, daß er dachte, er träume. Die Augen aufreißend, sah er ein weibliches Gesicht nahe vor dem seinen, das ihm wiederum so zauberhaft schön, so über alle Begriffe wunderbar erschien, daß er überzeugt war, er träume, doch spürte er nun deutlich ihren Mund, der sich in den seinen einwühlte, die Zähne, ihren Atem; er schmolz in Zärtlichkeit, er weinte fast und murmelte dumpf: „Liebst du mich denn so?“ Er hörte eine verdunkelte, vor Zärtlichkeit erstickende Stimme antworten: „Ja! Ja!“ und: „Hast du es nicht gleich gemerkt, wie wir uns ansahn, als du hereinkamst?“

Jetzt wurden die Dinge umher klarer. Das Mädchen saß auf seinem Schoß, hinter ihr war ein winziger Raum, eine Koje, in der eine dunkelrote Schleierlampe hing; darunter war ein Wirrwarr von Sektflaschen, Gläsern, Strohhalmen und plötzlich das Gesicht Maler Bogners wie aus Erz, so völlig unverändert, und nun merkte er den Lärm, merkte, daß hinter seinem Rücken ein ungeheures Geschrei und Getümmel war, Frauenstimmen kreischten, Kerle brüllten, und hinter dieser Wand von Tumult dröhnte ein Klavier. Das Mädchen, das er im Arm hielt, jetzt nicht mehr so schön, aber großäugig, ein schwarzes Samtband um die Stirn, sprang von seinen Knien, ergriff seine rechte Hand, zog ihn in die Höhe und sagte heiß: „Komm, tanzen!“ Er gehorchte, drehte sich irgendwo in einem dichten Gedränge heißer Körper und Gesichter, und saß gleich darauf in der wärmsten Enge hinter jenem Tisch auf einem Sofa, Bogner gegenüber, neben dem ein unbekanntes Gesicht war, und neben ihm selber — ja, das war Montfort. Das Mädchen drängte sich an seiner andern Seite unter seine Achsel, und er hörte es flüstern, daß sie gleich fort müßte, zu andern Gästen, ob er sie morgen treffen wollte, und er sagte zu allem Ja. — Also am Gänseliesel, sie wohne dort ganz in der Nähe, und um ein Uhr. Ob er auch sicher käme, und sie würde ihm schreiben, wenn sie nicht könne.

„Ja, weißt du denn, wer ich bin?“ fragte er, etwas erschreckt.

Sie wußte es nicht, da verschwieg er seinen Namen und sagte, sie solle ihm unter G. T. 17 schreiben, Hauptpostamt, und es nicht vergessen. Er sah, daß sie einen Kellner anhielt, von ihm Papier und Bleistift bekam und sorgfältig aufmalte: G. T. 17 auf zwei Stückchen Papier, von denen er eins in seine Brieftasche steckte.

„Schenk mir was!“ bettelte sie plötzlich, „ich hab heut abend noch nichts verdient.“

Er zog Goldstücke hervor, sie ergriff seine Hand, streifte ihren Rock in die Höhe und führte seine Hand mit dem Geld darin zu der Öffnung ihres Strumpfes am Oberschenkel, indem sie ihn zugleich mit dem linken Arm umhalste, brennend anlächelte und küßte. Als er die warme und nackte Haut ihres Beines fühlte, brach er fast zusammen, wurde aber im selben Augenblick zurückgestoßen; sie sprang auf, schüttelte ihren Rock, warf ihm eine Kußhand zu und verschwand im Getümmel.

Nun muß ich mich übergeben, dachte Georg, stand eilig auf, gelangte durch das Tohuwabohu hinaus, tat, was er eben gedacht hatte, war, als er zurückkehrte, wenigstens wieder im Besitz seiner Augen, obwohl sie auch jetzt nur für das Nächstliegende reichten, aber er sah doch beim Hinsetzen, daß die Augen des Fremden sich auf ihn richteten, so daß er sich verbeugte und seinen Namen murmelte, worauf jener — dunkle, ruhige Augen unter einer zarten Stirn — ihm leicht erstaunt die Hand reichte, indem er sagte: „Wir kennen uns ja schon.“ Georg, verlegen, setzte sich still nieder, da er zudem bemerkt hatte, daß er wohl denken, aber noch nicht sprechen konnte. Nun, da saß also Bogner und zeichnete hinter der Flaschenbarrikade auf das Tischtuch. In seinen rechten Arm hatte sich ein blondes Mädchen gehakt, das neben ihm saß und seiner Beschäftigung so andächtig zuschaute, daß ihr hin und wieder die Augen zusanken und ihr Kopf langsam vornüber fiel. Der Maler sah dann nachsichtig auf sie hinunter, und sie warf den Kopf mit einem Ruck empor, riß die Augen auf, lachte schläfrig, ergriff ein Glas und sagte: „Mönchmeyer!“ und dann: „Prosit“ und trank.

Georg begann das Gespräch Montforts und des Fremden zu hören, deren Köpfe sich hinter der roten Schleierlampe dicht zueinander gebeugt hatten, denn sie stritten sich heftig, und Georg hörte die Namen Poës, Hoffmanns und Kubins. Eine Weile war das alles noch dumpf und weit entfernt, es kam aber durch Augenblicke näher, endlich und ganz deutlich hörte er Montfort sagen:

„Angenommen also, es sei möglich, die gesamten seelischen und geistigen Eigenschaften zweier Menschen — meinetwegen in der Form der Auswechselung ihrer Gehirne — miteinander zu vertauschen, was ist diejenige Folge, die sich für früher oder später mit Notwendigkeit ergeben muß?“

Jucken, dachte Georg, infolge der fremden Körperlichkeit, während der Fremde sagte:

„Zusatz: Jeder von beiden hat, ausgestattet mit den alten Gewohnheiten des Gefühls, der Denkungsart, der Neigungen und ihrer Gegenteile und so weiter und so weiter, diese in einer andern Gestalt, andrer Umgebung — es ist zu denken an Verwandte, Eltern und Freunde, Gleichstehende nah und fern — zu verwenden.“

„Die Folge ist — ich will nicht geradezu sagen: Verbrechen, da die wenigsten Menschen tätlich veranlagt sind, — aber sie ist: Unheil, sie ist tragisch. Die nächste, die sofortige Folge nämlich, ist: ein Liebesgefühl für die neue Mutter oder Schwester, jedenfalls Fehlen des Verwandtschaftsgefühls, fehlende Zuneigung zu Eltern und Geschwistern.“

Dies heiße die Angelegenheit zu enge begrenzen, meinte der Andre. Er wolle in allgemeinerem Sinne eine günstige Wirkung der Verwandlung beweisen, gesetzt, die Erinnerung an das alte Dasein sei geblieben, nämlich: Befreiung. Befreiung von allem Gewohnten, ein neuer Ausblick in die Umgebung bis zu den Sternen hinauf, daher ein Auftrieb aller Kräfte, eine weisere Benutzung, eine deutlichere Erkenntnis des Seienden, genau so wie jemand, der ein jahrelang von Andern bewohntes Zimmer betrete, die Leute darin auf unzählbare, von ihnen nie bemerkte Dinge aufmerksam machen könne. Hinzu komme ferner das besonders Wichtige: der Einfluß des neuen äußeren Menschen.

„Als Beispiel“, sagte er, „möchte ich folgendes eigene Erlebnis erwähnen: Ich habe in früheren Jahren als Schüler bei Festlichkeiten Theater gespielt, hatte mir, was zu mimen war, ungefähr zurechtgelegt, übrigens auf den Proben keinerlei Befähigung zum Schauspieler gezeigt, und hatte heftiges Lampenfieber. Nun hatte ich einen komischen alten Diener zu geben. Kaum hatte ich nach Herstellung meiner Maske einen Blick in den Spiegel getan und von mir selber, hinter der kahlköpfigen Perücke, den weißen Bartkoteletten, den Runzeln samt der Livree nichts wahrgenommen als die alten Augen, da war jede Spur von Aufregung verschwunden, und ich muß in meine Figur, in meine Rolle dermaßen hineingewachsen sein, daß die ältesten Leute bei meiner Komik, bei der ich mir gar nichts dachte, Tränen gelacht haben sollen, und während —“

„Das beweist gar nichts,“ sagte Josef. „Sie wollen mit Ihrem Gleichnis den Verlust der, den Menschen zumeist anhaftenden Scheu und Unsicherheit aufdecken, aber das ist alles Unsinn. Ihre schauspielerischen Erfahrungen stehen in konträrem Gegensatz zu denen aller richtigen Mimen, oder haben Sie schon von einem gehört, dessen Lampenfieber in Lampengenesung umgeschlagen wäre? Und außerdem bestreite ich für mich persönlich jedenfalls energisch das Vorhandensein Ihrer Scheu und Unsicherheit.“

Da es sich nicht um Josef Montfort handle, sagte der Fremde, so fahre er unbeirrt fort: In der neuen Maske oder Gestalt lasse sich alles verstecken, jeder Gedanke, jeder Plan, jede Beklommenheit und jeder Schreck, „deshalb nämlich,“ sagte er, „weil ich mir nur einzuprägen brauche, daß der Ausdruck, den meine Umgebung an mir wahrzunehmen glaubt, nicht mir gehört, sondern dem — Andern, der Maske, und daß niemand den wahren, inneren Vorgang wahrnehmen kann.“

Hiergegen sei eine Menge einzuwenden, erklärte Montfort. „Erstlich Ihr: ‚Ich brauche mir nur einzuprägen‘. — Gesetzt, Sie könnten das, wozu brauchen Sie denn da die Verwandlung? Dann können Sie es doch auch so wie Sie sind jeden Augenblick fertigbringen. Zweitens —“

Da, sagte der Andre, läge seine ganze Torheit in ihrer beschämenden Nacktheit vor aller Augen. „Sie hätten mir einen Fehler nachweisen können, weil es nämlich Schauspieler giebt, die ohne Maske einen völlig andern Menschen als sie selber darzustellen vermögen —“

„Welch ein unseliger Nonsens!“ lamentierte Josef. „Ist denn hier vom Schauspielertalent die Rede?“

„Seit langem,“ war die ruhige Antwort, „schon immerzu, Sie haben bloß nicht bemerkt, daß ich Ihnen zeigen wollte, daß eben mit der Maske auch der Schauspieler, auch das ‚Sicheinprägenkönnen‘ möglich wird und sich entwickelt. So wie ich bin, verstelle ich mich natürlich auch bis zu einem gewissen Grade, aber —“

„Und nun,“ Josef lächelte hinreißend, „nun wollen Sie mir noch nicht zugeben, daß Sie matt sind?“

Der Andre stutzte, überlegte und fragte: „Wieso?“

„Sie sind ein zu guter Mensch, Saint-Georges,“ sagte Josef, „ein zu anständiger Mensch. Sie folgern nur auf zunehmende Sicherheit und daraus womöglich auf Kraft, Güte und wer weiß was noch. Sollten Sie nie bedacht haben, daß die Menschheit eine Versammlung von Bestien ist? Natürlich, der einzelne Mensch ist gut, denn Vereinzelung ist Hülflosigkeit und Hülflosigkeit Schwäche und Furcht. Furcht aber ist zu allen Zugeständnissen bereit, zum Verzeihen, zum Zurücknehmen, zum Helfen, zu jeder Art von Güte, die Sie wollen. Hörten Sie nie von der unendlichen Güte sterbender Menschen? Mehrzahl aber macht stark, und Stärke ist geneigt zu Forderungen, zur Unduldsamkeit; weil jeder sich von zehn Andern gedeckt weiß, zur Durchsetzung jeder Neigung wie zum Geschrei. Können Sie leise reden, wenn zehntausend herum sind? Und wie können Sie doch nicht linde genug flüstern, wenn Sie bei Ihrer Geliebten liegen. Sicherheit auf Kosten des moralischen Menschen, da haben wirs. Nicht zum Schauspieler werde ich, sondern zum Heuchler, zum Scharlatan, und ich entwickele die niedrigsten Instinkte, die ich auftreiben kann, denn die guten, ob mit, ob ohne Maske, brauche ich nie zu verheimlichen. Sie sprachen, lassen Sie mich nur weiterreden, Sie sprachen von Freiheit; gewiß, Befreitheit vom Zwang, vom Sichbeobachtet-, Sicherspäht-, Sichertapptfühlen, Befreiung vom Erröten und Erbleichen, von Beschämung und all dem Höflichen, das uns hier den Verkehr miteinander möglich macht. Befreiung aller Triebe, Verlust des Schamgefühls, ha! Warum kann eine Schauspielerin denn eine Dirne mimen, warum gelingt den Schauspielern die Darstellung Jagos, Franz Moors und des andern Mohren so viel besser als die Max Piccolominis? Weil das in der Maske schwindende Schamgefühl — ja, dazu dient die Maske allerdings — die, in jedem Menschen wohnenden Gelüste zum Bösen, zum Verneinen, zum Verbrechen begünstigt. Sie, obgleich ein so guter, anständiger Mensch, hat Sie es nie beim Anblick eines Haufens Banknoten durchzuckt: In die Tasche damit und verschwinden! — nie beim Anblick eines berauschenden Weibes, ha!: Ersticken mit Küssen und — weg wie der Satan! Hinterdrein dann das kühle Selbstgeständnis: Ich bins nicht gewesen, der diese satanische Eingebung gehabt hat, o weh! Nun aber nehmen Sie die Maske vor, nun ...“

Er atmete auf und legte sich zurück, Georg sah ihn heftig erregt, blitzender Augen und geblähter Nasenflügel, wie er mit der Hand gegen seine Brust pochte, dann eine seiner großen Zigarren aus der Weste zog, die Spitze abbiß und sie entzündete. Saint-Georges machte den Versuch eines letzten Vorstoßes, indem er vorschlug, es doch wirklich, wie Montfort mehrfach betont habe, mit gewissermaßen anständigen Menschen zu tun zu haben. Josef, stracks wieder schwellend von Beredsamkeit, sagte:

„Zum Beispiel Sie und ich, anständige und deshalb, für den Augenblick wenigstens ehrliche Menschen. Bekennen wir demnach: Würden wir — maskiert — nicht manches tun und versuchen, zu dem wir es jetzt nicht kommen lassen?“

Hier sah Georg sein Gesicht sich verzerren, als ob er aufschriee wie ein Gekniffener, während er zugleich mit leisestem Geflüster zischte: „Ist es denn nicht das? Wir lassen es ja zu nichts kommen, wir lassen uns ja immer hindern und werden doch nicht besser, sondern nur böser dadurch.“

Georg erschrak in seiner Dumpfheit, das Wort bedenkend, Bogners erschreckendes Wort: Alle sind gut; nur will sich niemand hindern lassen. Also nicht nur jene, die Behinderung abzustreifen wissen, sondern der Behinderte an sich schon wird böse, weil er sich hindern läßt? — Er hörte wieder Montfort: „Meinen Sie tatsächlich, wir würden besser werden? Wollen Sie wirklich vergessen, welchen Verbrauch von Halb- und Zehntelslügen sogar der Anständigste am Tage hat, vor den Andern, vor sich selbst? Würden wir uns nicht noch leichter über dies und das beruhigen, über jenes hinwegtäuschen, dieses uns vorspiegeln, das ausreden, dort klein beigeben und hier übertreiben? Unser Gutes übertrieben, unser Schlechtes belanglos, das Ferne nah und das Nahe entfernt sehn? Wünsche statt Ausführung, Aussichten für Wege, Träume statt Handlungen und Nichtswürdigkeiten für Taten nehmen? Würden wir uns nicht noch mehr belügen? Nicht, anstatt herauszukommen, noch tiefer in Bequemlichkeit, Lauheit und Gewohnheit versinken, bis wir gänzlich der seelischen Verfettung anheimgefallen sind? Sehen Sie denn nicht, Mensch, im Hintergrunde Ihrer ganzen Spekulation die Unentrinnbarkeit eines teuflischen Quietismus, der sagt: Wozu überhaupt etwas? Ich bins ja doch nicht, der handelt! Und niemals, niemals, Sie Glücklicher, haben Sie sich das selber auch so gesagt, ohne Maske? wie Sie da sitzen, alles einem Gott oder Dämon in die Schuhe geschoben und geklagt: Einer sitzt in mir, der will immer anders!“

Josef Montfort schwieg erschöpft und schaute mit tiefem Trübsinn in sein Whiskyglas. Georg indes hatte sich so weit gesammelt, daß er, wie er glaubte, ziemlich deutlich hervorbrachte:

„Und also würde alles beim alten bleiben, nicht wahr. In Ihrer Maske würde kein Herz Platz haben — Sie ermahnten mich doch, es mir zu erhalten —, denn wir würden nicht mehr erraten können, nicht wahr, wen von uns unser Freund, unsre Geliebte meint: den, der wir sind, oder den, der wir scheinen. Das aber, nicht wahr,“ Georgs Stimme ging unter in Traurigkeit, „wissen wir auch jetzt nicht, und — nicht wahr — wir können froh sein, wenn eine gute Geliebte aus unserm Schein und unsrer Wahrheit sich eine Mitte verfertigt, die —“

„Froh?“ Josef lächelte dekorativ. „Lieber Freund, das glaube ich Ihnen nicht. Froh sind Sie, in der Sie Liebenden ein Wunderbildnis von Ihnen erzeugen zu können, das Sie auf Knieen verehrt, froh, obgleich Sie sich dem hundertmal widersetzen zu müssen glauben, bis Sie einsehn, Sie können es nicht verhindern, weil die süße Frau es nicht will, und Sie selber wollen es nicht und tun ihr das gleiche an. Ist Liebe etwa Lernen und Erkennen? Um Gottes willen! Liebe ist der wunderbare Irrtum des menschlichen Daseins, weshalb er meinetwegen im Leben der Vernünftigen keinen zu großen und nur einen sporadischen Raum einnehmen möge, wogegen ich selbst aber mich wieder und wieder in diesen Irrtum, diese grandioseste aller Stromschnellen hineinstürzen —“ Er hatte schon während der letzten Worte, aus seiner Ekstase nachdenklich werdend, zu jemand emporgesehn, der an den Tisch getreten sein mußte, und während Georg, sich nach ihm umwendend, jenes Mädchen gewahrte, das er vorhin geküßt hatte, hörte er Montfort langsam und durchdringend zu ihr sagen: „Sie sind doch — Lenusch.“

Das Mädchen, erhitzt, das Haar zerzaust, das blasse Gesicht über und über mit roten Flecken bedeckt, schwankte vor Trunkenheit vor und zurück, kniff die Augen zusammen, um Montfort zu erkennen, und da erkannte sie ihn. Im Augenblick — während sie die Hände gleich Krallen gegen die Schultern hochhob, — ballte das ganze, vorher so schöne Antlitz sich zu einer Maske von ungeheurem Haß zusammen, zu einer todbleichen Fläche, besät mit diesen roten Flecken, mit breit und flach gewordener Nase, mit rasend zurückgezogenen Mundwinkeln, und Gift spritzte aus ihren Augen, und die Vorderzähne unten schoben sich vor die Oberzähne. Es kamen aber keine Worte, sondern etwas Bräunliches, Breiiges trat zwischen ihren Lippen hervor. Sie erbrach sich. Es floß einfach aus ihrem Munde, während im zusammenfallenden Gesicht die Augen, wie brechende Augen, nach oben gerichtet, stillstanden.

Georg glaubte bei diesem Anblick zu sehn, wie seine Seele sich schaudernd aus ihm entfernte, ein Schatten, der abgewandt entfloh, und er war von nun an nur noch Äußeres: Gesicht, Gehör, Geruch; sah das Mädchen davongeführt werden, zwei Herren, die an der Bar saßen, sich neugierig umwenden, sah, daß es leer im Raume war, der voll von Dunst und Gerüchen stand, aber dann verließen ihn auch die Sinne, und er fand sich auf einmal in einer unbegreiflichen Tageshelle.

Eine Straße war da, die lag im Schatten, sehr säuberlich, friedlich und abgeschieden; Morgenhelle wars, in der er schaudernd und fröstelnd stand. Unter seinem linken Arm steckte ein andrer Arm, von dem er fortgeführt wurde, und eine nahe Stimme redete Worte in sein Ohr, eine Stimme, die ihm die Jason al Manachs zu sein schien, doch begriff er bald, es war Josef Montfort, und er sprach augenscheinlich gute und begütigende Dinge. Bald hörte er auch die Worte richtig, blieb aber sonst, obwohl er ging, sah und hörte, wie gelähmt. Montfort aber sagte:

„Nur ruhig, nur ruhig! Ich habe eine Ermordete sterben sehn, aber dies war grausamer, hören Sie, Sie müssen an andre Dinge denken, Sie sind zu jung für so etwas, hören Sie einmal zu, ich will Ihnen von Lenusch erzählen. Ich hatte zwei Freunde, die studierten vor ein paar Jahren beide in Königsberg, ohne sich gegenseitig zu kennen, und Beide schrieben mir, — ich kanns Ihnen ja sagen, sie studierten auf meine, beziehungsweise meines Vaters Kosten. Da schrieb nun der Eine, er habe ein himmlisches Wesen kennen gelernt, ja, eine Wirtstochter, aber ein Engel sei sie und liebe ihn, wie er sie, und sie werde trotz ihrer Engelhaftigkeit von ihren Eltern geplagt und mißbraucht, — so schrieb er. Und dann schrieb auch der Andere ganz etwas Ähnliches, ja, mit andern Ausdrücken genau dasselbe, und auch dies Mädchen wurde von ihren Eltern geplagt, nun, was ist da weiter, — ich kam dahinter, daß es dasselbe Mädchen war, sogar Momentaufnahmen bekam ich von beiden Freunden, und es war so, daß sie zum Einen sagte, nun müßte sie wieder ans Waschfaß — dann saß der Andre im Hinterstübchen; und zu dem sagte sie, nun müßte sie wieder Kartoffel schälen, dann traf sie den Andern auf dem Wall. Nun, was sollte ich tun? Ich schrieb das Ganze dem einen Freund, aber der verfluchte mich, und es sei alles gelogen. Da ich nun Gelegenheit hatte, nach Königsberg zu reisen, besuchte ich ihn, ließ sie auf sein Zimmer kommen und zeigte ihr in seinem Beisein die Photographien, die der Andre gemacht hatte, und sagte ihr die ganze Wahrheit, worauf ich das Zimmer verließ. Drinnen blieb eine Weile alles still, dann hörte ich reden, dann schluchzen, dann heftiger reden, ihn und sie, und nun — nach einer Weile rief er mich wieder herein, sagte, sie sei fort, und es sei alles in Ordnung. Sie habe ihm alles eingestanden, aber ihn, habe sie gesagt, liebe sie doch allein, und bei dem Andern habe sie nur nicht widerstehen können, und: Spielerei, und so weiter. O sie hatte unerhörte Begabungen. Ja, das war Lenusch in ihrer Glanzzeit. Später war ich noch einmal in Königsberg, und da erkaltete denn doch ihre Liebe zu meinem Freund — er war Theologe, der gute, und dann verlobte sie sich mit einem Referendar, aber das Verhängnis fuhr ihr dazwischen, und sie bekam ein Kind. Ich weiß nicht, von wem, möglicherweise von jenem Korpschargierten, der eines Tages eine Wette abgeschlossen hatte, daß er, wenn er nur wolle, Lenusch bekommen könne. Nun denken Sie, Prinz, diese Wette hat er gewonnen und doch verloren! Begreifen Sie? Er hat sie wirklich bekommen, diese Lenusch, unter der Bedingung freilich, daß er die Wette verlöre, — o sie war unerhört! Möglicherweise ist es auch von mir gewesen, dies Kind, und trägt meine Züge. Dennoch kann ich eigentlich nicht ganz begreifen, warum sie diesen außerordentlichen und erschreckenden Haß auf mich gefaßt hat. Freilich hatte sie unerhörte Möglichkeiten, und ich habe sie ihr verkümmert, aber verdammt noch mal, hier krepiert ein jeder an verkümmerten Möglichkeiten! und hier ist Ihr Hotel.“

Georg sah ihn vor sich stehn, sein Mäntelchen überm Arm, nur wenig abgefallen im Gesicht, breitschultrig und groß, die Züge merkwürdig entstellt durch die abscheuliche Art, den steifen Hut in die Stirn zu rücken, und Georg mußte heftig in Gelächter ausbrechen. Indem kamen Bogner und Saint-Georges im Gespräch heran, Montfort trat zu diesem, ergriff ihn am Arm und sagte, mit seinem Stock auf die kaum ergrünten Sträucher der Anlagen hinter dem Theater deutend, die sich in der schönen Morgenluft atmend still verhielten, dann auf die kleinen, leichten Wolkenballen, die über dem grünen hochliegenden Kupferdach des Bühnenhauses in der leichten Bläue dahinreisten:

„Frühling, Saint-Georges, unser alter Geliebter, da ist er ja wieder! Sprachen wir nicht von berauschenden Irrtümern, sprachen wir nicht von der Liebe? Frühling ist der schöne Irrtum des Sommers. Schließen wir ab. Der alte Adam in unsrer Hypothese wird sich einfach die neue Figur, in der er steckt, für seinen Gebrauch zurechtmachen, es wird nicht anders sein, als ein neues Bett.“

Saint-Georges nickte und bekräftigte nachdenklich:

„So ists, wir kommen nie und auf keine Weise aus unsrer Haut.“

Josef, sich zurückbiegend, betrachtete ihn prüfend, dann auch Bogner, sagte dann, leise und eindringlich:

„Lieben Freunde, ist das auch sicher? Wir müßten, vom Anfang bis an das Ende, bleiben, wo, wie und was wir sind?“

Maler Bogner hatte die Hände in den Manteltaschen, sah droben übers Dach hin, sog mit den Nüstern und meinte schließlich:

„Müssen, sagen Sie, müssen? Freilich ist alles festgelegt. Was aber, wenn Sie auch müssen, was hindert Sie, zu versuchen, was Sie nur wollen? Sie wissen ja nichts zuvor.“

„Sie wollen sagen,“ fragte Saint-Georges, „daß Sie ein Maler geworden wären, auch wenn Sie sich damals geduckt und nicht losgerissen hätten?“

„Im Gegenteil, gar nichts wäre ich geworden. Sondern es lag fest, daß ich es auf diese Weise werden sollte, und also wollte ich es.“

Georg fühlte sich zum Umsinken müde und reichte allen Herren die Hand, womit sein Wahrnehmungsvermögen für diese Nacht ein Ende nahm.