„Aber vorwärts kam ich nicht. Das Fenster war offen, ich hörte die Bienen und Käfer unter den Kronen der Bäume summen und konnte nichts sehn, bis ich fühlte, wie die Zeit fortrann. Vom Bett her hörte ich sie mehrmals etwas sagen, — ich sollte doch rauchen, sonst würde es wohl nie etwas werden. So ward es denn alltäglicher.

„Sie starb, aber daran durfte nicht gedacht werden. Nicht gedacht, das ist es. Aber das Sterben war im Zimmer, es war in meinen Augen und meiner Hand, und es ist auf die Leinwand gekommen, und — und so sieht es nun aus. — —

„Die Nacht wurde schlimm, nun — alles das braucht nicht gesagt zu werden. Ich begann zu malen am andern Morgen, als sie noch schlief, malte bis zum Nachmittag, und dann wurde ich lahm. Nur ihr Gesicht fehlte. Ich konnte es nicht mehr finden. Das war schlimm.

„Sie selbst war schon sehr verändert, ihr Gesicht sah kindlicher aus und ganz klein, die Augen wollten sich nicht mehr öffnen. Nebenan hörte ich ihren Vater über den Teppichen auf und ab laufen. Wenn ich ihr Gesicht in der Dämmrung hinter den Bambusrohren und fliegenden Reihern ihres japanischen Wandschirms betrachtete, konnte ich sehn, wie das Leben gleich dünnen Schalen davon weggenommen wurde. Als sollte überhaupt nichts übrigbleiben. Einmal faßte ich mir ein Herz und redete sie an, in der Hoffnung, sie möchte noch einmal die Augen öffnen, aber sie konnte nicht. Die Zeit verging, und dann half es ja nichts, ich ging zur Staffelei und öffnete ihre Augen.

„Das wurde es, was Sie da sehn. Sie ist es nicht. Ich weiß nicht, was es ist. Es ist das, was ich gemacht habe.

„Gegen Abend wars fertig. Ich trug es in die Nähe ihres Bettes, sie erwachte, sagte, es sei so bunt, — und schlief noch einmal für eine Stunde ein.

„Später sprach sie noch mit uns, aber — — nun, das reichte für viele Jahre. Sie schwieg, wir warteten noch auf ein letztes Wort, aber es kam nur das langsame Kaltwerden.“

Der Maler war still. Es war dunkler geworden, und Georg sah, daß die Sonne hinter einem riesigen Gemäuer von weiß und grauem Gewölke stand, gerade in der Öffnung der Allee durch das Wäldchen. Magda hatte sich mit ihrem Stuhl wieder herumgedreht und sah zu dem Bilde auf. Bogner erhob sich, kam langsam durch den Saal bis zu Georgs Fenster und klopfte seine Pfeife aus auf dem äußeren Sims. Eine Weile später sagte er, hinausschauend:

„Sie war so dunkel und traurig innen. Aber das Bild, das von ihr gemalt wurde, ist Sonne, Wärme und kein Schatten als der eines Falters, der vorüberfliegt. Ich habe es nicht gemalt; durch mich wurde es gemalt. Sie war der Gottheit lieb. Ihr Sterbliches liegt auf irgendeinem Friedhof bei irgendeiner wilden Stadt. Es ist eine schmerzliche Frömmigkeit in der Welt, — sie hat keinen Namen. Sie war in ihr und in dem, der dies gemacht hat. Das genügt.“

Georg hatte vor verdunkelten Augen undeutlich die Schrift auf dem Bilderrahmen, und es zog ihm, seltsam einschnürend, durch die Brust: Liebe vergeht, doch es bleibt, was der Liebende schuf ... Vorgebeugt sah er von weitem einen Schein des Gemalten. Es leuchtete selbsteigen und zeigte geheimnisvoll sein unsterbliches Eigentum, den Schmelz von Dauer und Vergängnis auf einem Gesicht, das die goldene Luft berührt.

Augenblicke später merkte er, daß ein überstarker Seufzer seine Brust anfüllte, er mußte sich zurücklehnen und ihn langsam und vorsichtig entlassen, damit er nicht hörbar würde.

Im gleichen Augenblick gewahrte er, daß der Maler neben ihm sich zusammenraffte, einen Schritt zurücktrat und sich tief verbeugte. Georg wandte sich. Seine Mutter stand in der Tür.

Die Herzogin

Für Georg ging von der Erscheinung seiner Mutter ein Licht aus — Schreck und Staunen —, das er im ersten Augenblick kaum begriff. Sie stand da, voll in einem tiefen Sonnenglanz, gekleidet in ein gelbliches Gewölk, das an ihr rieselte, schlank, unverhofft groß, jedoch zierlich, und über dem sehr schlanken, freien Halse schwebte das schmale und zarte, hagre Gesicht mit gebogener Nase, zu deren Seiten, unter starken, schmerzlichen Brauen, die unbeschreiblich klugen und dunklen, braunen Augen leuchteten, — und aus dem dunkelbraunen Haupt kurzgeschnittener Locken fiel hinter der linken Ohrmuschel hervor die eine, kostbar lang und schwer gewundene bis hinunter am Hals in den Ausschnitt des Kleides. Ja, so stand sie, schwebend; Georg erinnerte sich nicht, sie je so gesehen zu haben, — freilich — wie oft hatte er sie gesehn in den letzten Jahren? keine sechsmal, und das letzte war Monate her. — Überdem streckte sie nun lächelnd den rechten Arm nach Bogner hin aus, und während der sich zum Kuß auf diese plötzlich erschienene kleine Anmutslinie, diese Welle von Fingern, Fingergliedern und Knöcheln, Handrücken, Handgelenk und Arm beugte, eilte Magda von der Seite heran, um an ihrer linken Hand zusammenzusinken, die vom leicht und schräg emporgestützten Unterarm so leicht herabwehte wie ein Blatt, worauf sie das Mädchen an sich zog, mütterlich mit dem Arm umschloß und küßte.

„Wie schön, Herr Bogner, daß ich Sie gleich zuerst treffe!“ sagte sie, „nicht wahr, Sie sind der Maler?“ Und, wieder zu Magda gewandt: „Nun, mein Kleines, was giebt es denn Gutes?“

„Ach, Tante Helene, etwas Herrliches! Ich bin geflogen, denke dir, mit einem Flugapparat, den Onkel Woldemar erfunden hat, er ist hier, ja, du kannst ihn sehn, wenn du magst, er steht gleich hinterm Wäldchen auf der Wiese!“

„Aber natürlich, den muß ich sehn. Stiefeln wir los!“ sagte sie munter, „ist noch Zeit vor dem Abendessen?“

Georg blickte auf die Uhr, fand, daß es halb acht war, und sagte, es sei noch eine halbe Stunde. Seine Mutter nahm Magdas Arm und wandte sich zum Gehn, indem sie, den Maler mit einem zweiten, womöglich noch köstlicheren Lächeln beschenkend, zu ihm sagte, sie liebe sein Bild sehr, weil auf ihm das Allervergänglichste zu so viel Stille und Ruhe geworden sei; immer sei es wie der tröstliche Wink eines holden Geistes, sooft sie daran vorübergehe.

„Und nun,“ sagte sie, über die Schulter den Kopf zu dem Bilde hinwendend und wieder zurück, „nun müssen Sie mir gleich etwas erklären. Wie ist das mit der Kontur? Darüber wird doch heut so viel gestritten, und die einen sagen, es gebe gar keine ...“

So ist sie nun ... dachte Georg. Einmal alle hundert Jahr kommt sie zum Vorschein und weiß alles —, aber was sagte denn dieser Maler da, dieser unglaubliche Mensch?

„Hoheit,“ sagte der Maler, „wenn ich bei meiner Malerei je einen Grundsatz befolgt habe, so weiß ich von diesem Augenblick an, daß er recht war ...“

„Ach,“ meinte sie lächelnd, „von diesem Augenblick? das ist reizend! Und nun den Grundsatz!“

„Alles, was lebt, Hoheit, leuchtet — wie es beleuchtet von außen wird — von innen, und wo das äußere Licht mit dem inneren sich mischt, da ist die Kontur. Sie ist sehr flüchtig, sie ist der Augenblick, in dem Gegenwart aus Vergangenheit und Zukunft besteht, die Ruhe auf der Flucht. Bin ich zu verstehn, Hoheit? Die Linie, wo das äußere Licht Seele wird und die innere Seele zu Licht, das ist die Kontur.“

Sie sah ihn ernsthaft an. „— wo das äußere Licht Seele wird?“ antwortete sie. „Aber wie wird es Seele?“

„Ja,“ sagte er nicht minder ernst, „und wie wird die innere Seele zu Licht?“

„Das war eine schöne Antwort“, nickte sie, im langsamen Vorwärtsgehn mittlerweil an der Saaltüre angelangt, die der Maler öffnete. Georg wollte folgen, als ihn plötzlich ein Zufallsblick auf Bogners Gemälde zurückhielt. Er ging rasch darauf zu, trat darunter und spähte angestrengt zu ihm empor.

Nein, sagte er bei sich selber, sie sieht doch nicht wie Mama aus, wie kam ich nur darauf?

Ihm war auf einmal sonderbar ängstlich zumut. Er suchte, weshalb das so war; vor seinen wieder gesenkten Augen flimmerten die auf dem Tapet liegenden Noten, er setzte sich auf den Drehstuhl, drückte gefühlsverloren eine Taste nieder, und minutenlang verging ihm alles in Leere.

Ja, nun weiß ich schon, sagte er aufschreckend und aufatmend. Hoheit, sagte er, und sie war nur ein Freifräulein aus Schleswig, und wie hatte er doch recht! Einen Tropfen königlichen Abenzerragenbluts soll sie freilich haben, ja einen Hauch womöglich von Boabdil el Chico her, aber —, den Zusammenhang einen Augenblick über phantastischen Vorstellungen versunkener, alhambrischer Herrlichkeiten verlierend, glühte er wieder auf. So sieht sie aus, so tritt sie hervor aus ihrem Dunkel, und dies Dunkel ist ihr Leben, da muß sie begraben sein, und es ist kaum einer, der es weiß und danach fragt. Ein Tier kann sich klaglos verkriechen und untergehn, aber mit ihr — — es ist doch —, ja, sollte man nicht meinen, daß mit dem Augenblick ihres Untergangs ein ganzer Hofstaat mit Damen und Rittern und Trabanten und Sklaven versinken sollte? Aber wie komm ich darauf? Ach! Boabdil el Chico, er zog ja wohl mit dem Untergang seines Reiches in den Berg ein, wo sie alle mit ihm schlafen, um in Mondnächten einmal zu geisterhaftem Leben zu erwachen ...

Wieder emporsehend aus seiner Beklemmung, gewahrte er noch immer und unwandelbar die leuchtende Fremde über sich sitzen.

Ja und du, sprach er vor sich hin, dich hatten wir gleich wieder vergessen, und ich weiß nicht einmal: ist das, was er von dir erzählte, wirklich gewesen oder nur erfunden, als könnte ich es in einem Buch gelesen haben? Nein, nein, es ist nur so mit dir: sprechen kann man nicht mehr von dir, kein noch so gutes Wort macht dich lebendig, alles, was von dir übrigblieb und lebt, das bist du dort oben. Wäre das dein Leben gewesen, was er erzählte? Begriffe warens doch, Auszüge, erklärende Exzerpte aus dem Lebensbuch, nicht das Leben selbst. Nicht Feuer des Auges und Luft beim Gang und Eintreten ins Zimmer, nicht die schlaflosen Nächte selbst und das Ankleiden am Morgen, wenn alles fremd scheint, und man weiß nicht, wozu. Die Stimme nicht, nur ein paar Gedanken, eine Flaumfeder des Daseins, — es war ja nur Bogners Stimme, war nur sein Ohr, sein Auge und Herz, die von alledem einen Abdruck genommen hatten und uns nun fühlen ließen mit schlecht empfindendem Finger. Was fehlte nicht alles an Wirklichkeit! All das unwichtig Scheinende grade, das doch das Allerwichtigste ist! — daß — ja was? Man vergißt es ja, so leicht ist es, aber daß, wenn sie sagte: Wir wollen zum Garten gehn, — sie eben davon nichts sagte, oder etwas sagte, das gar nichts galt, denn da war die Gebärde, in der schon der Garten war, an der man schon erriet, was sie wollte, eine Wendung des Halses, zu der sie vielleicht sagte: Wie wärs ... Oder: es ist ganz klar geworden, wir können am Ende ... Ach, und so war ihr Hauch fern an ihm vorübergezogen, lebend und sterbend, aber ihr Leben und ihr Sterben, die hatten ihn nicht getroffen, die waren ja lange abgetan, sondern daß der Maler sagte: Es ist eine schmerzliche Frömmigkeit ... Nein, nicht einmal das, sondern: Das genügt ... Oder — auch dies nicht, sondern wie er es sagte, wie er die Pfeife ausklopfte und dann dastand und aus dem Fenster sah, und wie zu fühlen war, daß wieder in ihm lebte, was er einst getan und litt, und wie er das nun am Ende alles, alles zusammengriff und knotete in diese zwei Worte: Das genügt ... Und dann? Ja dann stand Mama in der Tür ... Lieber Gott, wie furchtbar, wie seltsam ist nur das Leben ...

Plötzlich fiel Georg ein, daß er sich ja zum Essen anzukleiden hatte, er schrak zusammen und lief hinaus.

Wie er aber den Flur hinunter am Treppenhaus vorübereilte, gewahrte er plötzlich unterhalb, in der ersten Biegung des Geländers Maler Bogner, der sein Skizzenbuch darauf gelegt hatte und darin zeichnete. Georg trat einen Schritt näher und blieb stehn, gleich darauf hob der Maler unten den Kopf, sagte: „Sie sinds“, machte wieder einen Strich und rief auf einmal, erwacht und emporsehend: „Achtunddreißig Jahre, nicht wahr, Durchlaucht?“

„Wie?“ fragte Georg unverstehend.

Der Maler richtete sich auf, schlug sich mit der Hand auf die Stirn und sagte: „Welch abscheuliche Taktlosigkeit! Ich fragte nach dem Alter der Herzogin.“

Georg lachte. „Ja, das kann stimmen, sie ist drei oder vier Jahre jünger als Papa, und der ist im Februar —“

„Ich wußte es ja“, sagte Bogner, der ganz heiß und rot aussah, wie Georg jetzt entdeckte. „Eine Frau von achtunddreißig Jahren, wenn sie schön ist, ist der Inbegriff.“

„Ist Mama denn schön?“ fragte Georg, nicht weil er es nicht glaubte, sondern um es zu hören. Der Maler zog die Brauen hoch und lächelte.

„Dummheiten“, sagte er. „Schönheit ist das einzige, was es nie gegeben hat!“

„Nanu?“ — Ihre Stimmen hallten im Treppenhaus. „Was ist denn Schönheit, bitte?“

„Sie giebts ja nicht, sag ich doch. Oder — — ich will Ihnen sagen — — es steht im Faust. Wissen Sie die Stelle? Wie fängt es gleich an?

Wie alles sich zum Ganzen webt,

Eins in dem andern wirkt und lebt ...

„Hören Sie wohl, junger Mensch? Eins in dem andern wirkt und lebt!

Wie Himmelskräfte auf und nieder steigen

Und sich die goldnen Eimer reichen!

Mit segenduftenden Schwingen

Harmonisch all das All durchklingen!

„Harmonisch, haben Sie es gehört? Vollendung in sich selbst, Ordnung, Harmonie, etwas andres hat es nie gegeben. Warum giebt es uns denn, Maler, Dichter und so weiter? Damit wir sie herstellen. Wir sehen sie, und wir stellen sie her, indem wir das eine weglassen und das andre betonen, jene Teile betonen, welche die Harmonie ergeben. Wir breiten das Kleid der Muttergottes und ordnen die Engel herum, wir ziehen aus einem Bündel Suppenkraut, einem Tontopf und einer gewürgten Ente drei Tupfen von erlauchtem Grün, und da fühlen Sie sich wohlgetan an Ihrer plötzlich sehenden Seele! Was aber schön ist, leuchtet aus ihm selbst! Haben Sie das nie gelesen? Unglaublich! Achtunddreißig Jahre alt und die Mutter dieses Knaben!“

Er lachte, aber merkwürdig verwirrt. Georg lachte mit, an seiner ganzen Seele geschmeichelt und getröstet, daß die Mama einen solchen Feuerbrand in diesen Maler geworfen, vielmehr Wasser aus dem Felsen geschlagen hatte, denn wie strahlte er auf einmal von Beredsamkeit. Jetzt, da er sich schon zum Tiefersteigen gewendet hatte, kam der Maler hingegen die zehn Stufen heraufgelaufen, blieb unter Georg stehn und sagte:

„Haben Sie das eigentlich gesehn? Die rechte Hand, mit dem Arm, wie ich sie bekam, und wie das floß! Und die linke erst, wie der Oberarm nach unten ging, und der Unterarm wieder nach oben, und dann die Hand und die Finger herabflatterten wie ein Weinblatt, und wie all das floß aus der Gestalt und wieder zurück, und dann die Locke, haben Sie vielleicht die Locke überhaupt gesehn? Ach, sieh an, waren Sie das nicht, der mich heut fragte, was eine Seele wäre? Haben Sie sie nun gesehn, diese Seele eines Armes und einer Hand? Herzogtümer!“ rief er, „und ich werde es malen!“

„Wenn sie nicht so leidend wäre ...“ sagte Georg traurig und leise.

„Ach,“ meinte Bogner, der sich um das Leiden nicht zu kümmern schien, „es brauchten ja keine endlosen Sitzungen sein! Eine gute Photographie täte es auch, und wenn ich die Herzogin nur noch dreimal, nur noch einmal sehn könnte ...“

Georg nickte lebhaft. „Bitten jedenfalls müssen Sie darum! Es wird sie ja so freuen! Wir müssen uns hinter Papa stecken, wissen Sie! Er muß sich das Bild als Geschenk ausbitten, aber es wird höchste Zeit, wir sind beide noch nicht im Frack, entschuldigen Sie, und auf Wiedersehn!“

Aufgeregt und entzückt und beklommen entlief er.

Nach dem Waschen, nötiger Befriedigung sonstiger Bedürfnisse und dem Ankleiden, womit er, vom Diener unterstützt, in Minuten fertig wurde, fand Georg, daß seine Erregtheit einen hohen Grad von Kälte und seltsamer Starrheit angenommen hatte. Er mußte die Brust dehnen und tief atmen, allein es half nichts, die Pressung, die Atemnot blieb, die Hände, obwohl blank und trocken, schienen ihm feucht, seine Gedanken irrten, er dachte fortwährend, in solchen Bruchstücken jedoch, daß ihm selber nichts mehr bewußt wurde, doch dachte er an Anna. Die Uhr einsteckend, bemerkte er, daß noch ein paar Minuten an acht fehlten, und trat, um sich zu sammeln, noch einmal in sein Zimmer und am Schreibtisch vorüber vor das rechte Fenster, das er öffnete. Die Hände flogen ihm plötzlich dabei, sein ganzer Oberkörper zitterte nach, in heftigster Angst neigte er sich vor, um nach ihr zu sehn ...

Aus den vielen Schatten umher war unterweil alles Schatten und Abend geworden. Ringsum standen die Wipfel in schöner Glut, die sie von Westen durchbrach; das Geräusch des Meers war in der Ferne hörbar, die Luft war kaum bewegt und schon kühl. Auf der Terrasse war der Abendtisch gedeckt. An der Brüstung lehnte Onkel Salomon mit einer Zeitung und las. Egloffstein, alt, rasiert und gebückt, ging lautlos um die Tafel, rückte an den Stühlen und drückte eine gefaltete Serviette zusammen; plötzlich glänzte der Atlas seiner Kniehosen ganz rot auf der einen Seite. — Sonst war niemand zu sehn.

Wie einsam bin ich auf einmal! dachte Georg. Ja — bin ich es nicht immer, wir alle? Aber der Abend! Es ist so fremd und verworren alles, aber der Abend dringt so einfach und so sanft in das Blut. — Wieder von innerem Frost geschüttelt, grub er sich heftiger ins Gedachte. — Das Wirkliche, ja — wie ist es immer so fern und wie verschollen, unbegreiflich wie die Toten und ihre Erinnerung, wie diese Judith, die gewiß allen glücklich schien, — so wie Mama, wenn sie einmal erscheint, — und die lebte, damit ihre scheidende Seele in die Farbe eines glückseligen Bildes schmelze, ach, eines Bildes, das tröstet und belebt, wie Mama doch sagte. So über alle Maßen stark ist das einfach Sichtbare und das Leuchtende, das Schöne! —

Georg sah die rote Sonnenscheibe plötzlich durch die alten Baumwipfel glühn. Gereinigt lag alles da, atmete sanften Eifers und ward dunkel.

Ach, da gehen die Beiden! — Hinausgebeugt sah Georg weit zur Linken ein paar ganz goldene Stämme am Rande des Hains, ein Busch daneben stand in feurig roter Lohe, unbegreiflich stille brennend und unverzehrt. Wohl von der äußeren Allee her, die Georg nicht mehr sehen konnte, kamen die beiden Frauengestalten langsam Arm in Arm, auf den Busch zu und vorüber, die weißlichgelbe und die lichtgrüne, und jetzt, da sie vor die Lichtung der Mittelallee gekommen waren und stehenblieben, flammten sie, glutübergossen, rötlich und golden auf; dann bewegten sie sich wieder, erloschen und wanderten im Bogen um den riesigen grünen Platz unter dem Nordflügel einher, so daß Georg nun auch die Gesichter sehen konnte. Hoch darüber, in seliger Lautlosigkeit brannte ein feuerdurchronnener Wipfel. Der Himmel war nun weit aufgetan und nur Licht. Georg hörte die Tauben auf dem Dache unsichtbar, dort, wo es noch ganz hell war; unten der Schatten ... Geliebte und Mutter, beide wie fremd, wie schön, wie verzaubert! Da schien ihm der Garten unten ein magischer Garten, eine Gegend, wo Abgeschiedene sich ergehn, die mehr still als glücklich sind, obgleich von vieler Schwere befreit. Er, oben darüber, konnte nicht hinein, — und wollte er vielleicht?

Ach, das war der Schein, das war der Abend! Nun war sie für eine Stunde von den gröbsten Qualen befreit, für eine Stunde ... Du lieber Gott, es gab ja viel Ärmere, immer noch Ärmere! solche, die unter Brückenbogen schliefen, und Zuchthäusler und Sibirien und entsetzliches Menschendasein, zu Dutzenden in einem Zimmer, mit allem Schmutz und allen Verrichtungen zusammengepfercht, und dies war der Grund der Welt, abgründig in immer tieferes Leiden hinunter, und er hier oben, nach Thronen und Kronen lüstern, wie rechtlos!

Da erinnerte er sich. Ja, habe ich das denn ganz vergessen? fragte er sich fast entsetzt. Warum vergaß ich denn das so? — Überdem aber erschien ihm das Gesicht seines Vaters während der letzten Minute ihres Beisammenseins, erschien ihm Zug um Zug, wie eingebrannt in die Luft, und plötzlich mußte er denken: Aber wie sonderbar, daß er immer nur von mir sprach! Das bedachte ich ja gar nicht! Von meiner Großjährigkeit sprach er, und daß dann die Jahrhundertfrist abgelaufen sein würde, — und übrigens, warum lächelte er fortwährend so geheimnisvoll? Und warum will er selber, er ist doch kein alter Mann, warum also will er selber nicht zur Regierung? Er hielt ja freilich vom Ganzen nicht viel, aber mich wollte er doch, scheints, dazu haben! Seine Lahmheit? Oder ist es der Kummer um Mama, die an nichts mehr teilnehmen kann? Ja, würde es anders sein, wenn er, wenn sie Beide gesund wären — —?

Indem erschienen der große Chalybäus und Baschkirtseff vom Verwalterhause her und trafen mit den Frauen, die sich umgewandt hatten, zusammen. Der Mime verneigte sich vielmals. Er wird sie belustigen, dachte Georg, und sie wird ihn am Halfter haben wie ein Maultier. Jetzt wurde in der weit offenen Tür zum Vogelsaal der Herzog sichtbar, wankte, mit den Stöcken vorausfußend, eilig zum Tisch und setzte sich; Egloffstein trug die Stöcke ins Haus.

Georg, Anna mit einem Blick streifend, mußte plötzlich die Augen schließen. Es brandete rot, grüne Kreise erschienen, und während sie sich vor und zurück dehnten, zwang er Anna, zu erscheinen, sie kam, nein, sie lag an ihm, er spürte ihren ganzen Leib, Brust und Knie, ihr Kopf lag an seiner Schulter, von übermäßigem Durst erfüllt, beugte er sich darauf, es zerging ...

Der Leutnant, grün und rot in Jägeruniform, kam mit Bogner um die Ecke des Nordflügels, Magda ging ihnen entgegen, Georgs Mutter stieg eben die Terrasse hinauf; an Doktor Birnbaum, ihm zunickend, vorüber ging sie um den Tisch zu ihrem Mann und küßte seine Stirn, während er sich halb erhob. Nun haben sie Beide Mitleid miteinander, dachte Georg und konnte sich, verschwimmenden Auges, nicht losreißen vom Hinsehn. Ist das Leid, fragte er sich, vielleicht noch trauriger, wenn es so schön ist? — Ach, du, du, du, herrschte er sich an, du siehst ja immer nur zu, und was zum Teufel liegt daran, wie etwas aussieht, oder was es bedeutet, da doch ganz blind ist, wer leidet, und nichts sieht als die Qual, tage- und jahrelang!

So entschloß er sich, aufzustehen, und ging hinaus.

Abendtisch

Also darum? Merkwürdig! dachte Georg, als er, anstatt durch das Haus zu gehn und vom Vogelsaal her die Terrasse zu betreten, um die Ecke des Flügels kommend, Magda allein zur Seite der Treppe bei den Rosenstöcken stehn sah, in der Absicht scheinbar, eine zu pflücken, derweil oben über der Brüstung eben die Andern sich um den Tisch niederließen, so daß von ihnen alles verschwand, während Georg näher ging, bis auf Köpfe und Schultern. Eiskalt, von Schaudern Zitterns innerlich mehr als äußerlich fortwährend überlaufen, klopfte ihm stärker das Herz bei dem Gedanken, daß sie und er jetzt von keinem gesehen wurden. Als er den Weg von der Seite her auf sie zuging, blickte sie um, errötete sonderbar und lächelte. Georg, nach einem Einfalle jagend für eine Verabredung nach dem Essen, fand nichts und sagte schließlich stockend, auch von einer plötzlichen und süßen Reue ergriffen: „Du mußt mir noch von deinem Fluge erzählen, ja?“

Da hatte sie sich wieder dem weißen Rosenstock zugewandt, der etwas niedriger war als die andern; das Gras um ihn her war wie bei den andern mit abgefallenen Blättern bedeckt, und von den Blüten am Strauch waren nur wenige noch vollkommen, auch diese, weit offen, zeigten ihre gelben Staubgefäße. Er sah das alles, neben ihr stehend, während sie nur leise, ohne zu antworten, den Kopf hin und her bewegte, dann, vom Wege sich etwas überbeugend, den Stamm erfaßte und leicht schüttelte, so daß noch Regentropfen und eine Menge Blätter abflatterten; gleichzeitig, als ob sie allein wäre, sah sie nach oben, wo Stimmengewirr und Gelächter tönte und ganz rechts der Kopf von Georgs Vater im Profil sichtbar war, links von ihm Kopf und grüner Rücken des Leutnants. — Sie wollte nun eine noch halb geschlossene Rose ablösen, aber der Stiel war zäh, Georg sah versunken zu, wie sie heftiger zerrte, — Blätter über Blätter entflatterten beständig, er dachte, sie macht Schmetterlinge ... endlich hatte sie die weiße Blüte in der Hand, nahm sie in die andre, bemerkte einen roten Tropfen am Mittelfinger der rechten, drehte sich langsam zu Georg und streckte ihm lächelnd den Finger entgegen, sanft damit über seine Lippen streichend, so daß der Tropfen sich vermischte. Ihr Kopf sank allgemach auf die Brust ...

„Anna! — Ist dir etwas? — Anna!“ brachte er heiser hervor.

Sie sah verwirrt auf, schien plötzlich zu begreifen, wo sie war, lachte hell auf.

„Nachher! Nachher!“ rief sie ihm zu, während sie den Weg hinab, um die Ecke und die Treppe hinauflief. Georg begriff nichts und sprang hinterdrein; die letzten Stufen ersteigend, sah er, wie sie die Rose, um den Tisch laufend, vor Bogner auf den Teller warf. Georgs Mutter neben ihm sah auf, lächelte und nickte erst Magda, dann ihm selber zu, und er setzte sich auf den freien Stuhl ihr gegenüber zwischen den Leutnant und Magdas Vater. Noch sah er, wie sie, links von seiner Mutter sich setzend, sich vorneigte, um dem Maler zuzunicken, dann glitt ihr Blick zu ihm herüber, und als er ihn traf, versüßte ihr ganzes Gesicht mit einem innern Erschrecken sich dergestalt, daß ihm das Herz stillstand. Sie schlug die Augen nieder. Nun wußte er alles, alles! Einen Augenblick war alle Angst verflogen, das Süße, das er bekommen hatte, durchsickerte ihn, langsam kehrte die Angst, und heftiger nur, zurück, aber nun lauerten Ahnungen, überwältigend schon von fern, in der Tiefe, Triumphe, von denen er den Blick wegwenden mußte, um alles aufzusparen, und so saß er denn in sich selbst wie in einem schütteren Gehäus von Gluten und Frost, aß derweil, nahm von Schüsseln und Platten, die links von ihm erschienen, und aß Salat, oder Mayonnaise, kalten Braten, oder was es nun war, saß und brauste, und war umbraust von vor- und rückwärts bewegten Gesichtern, Augen, die ihn streiften, lachenden Mündern, Gabeln, die auf und nieder gingen, Gläsern, sah dazwischen plötzlich das Gesicht von Franz, der, eine Schüssel reichend, mit unerschüttertem Ernst und teilnahmslos darauf niederblickte, und schon war alles vergangen, eine Wasserfläche schien vor ihm zu sein, in die beständig kleine Steine geworfen wurden, so daß es Ringe gab, die sich ausdehnten, einander kreuzten, aufhörten und wieder begannen, bis das Wasser schaukelte und Wellen schlug. Tief unten darin war vielleicht Annas Gesicht oder ein Rosenstrauch und ein durchdringendes Auge in ihm.

Einmal hörte er lauter Gelächter aus dem Wirrwarr, jedes einzeln, Annas leichtes, reines, Baschkirtseffs prächtiges, schön abgedämpftes Bühnengelächter und das helle, ehrliche des Leutnants. Einmal war da Bogners Gesicht, einsam, irgendwie dunkler als die andern und wie aus Erz. Einmal dachte er, sie schössen unablässig mit kleinen Pfeilen aufeinander über den Tisch, und eine Weile später merkte er, dies Pfeileschießen war die Unterhaltung. Richtig, wie Federbälle, ungefährlicher als Pfeile, flogen die Reden hin und her, wurden aufgefangen und zurückgeschlagen, wobei der Auffangende sich mitunter weit hintenüberlegen mußte, und übrigens schienen mehr Bälle im Spiel zu sein, als verwandt werden konnten, denn nicht selten kam es vor, daß einer ganz unbeachtet blieb und irgendwo auf die Tischkante fiel und hinunter, wobei nur der, welcher ihn geschlagen hatte, ihm nichtssagend nachlachte. Ja, was war das nun eigentlich?

Da sah er sie alle um den Tisch sitzen, aus der ganzen Windrose schienen sie zusammengeweht: Leutnant und Mime, junges Mädchen und Maler, Papa, Mama, Onkel Salomon und der große Chalybäus, und doch war dies ein schönes und glattes Hin und Her, und war ein Wetteifer dabei, so wars der, möglichst sicher zu werfen, nicht zu gewinnen, sondern im Gegenteil es dem Mitspieler leicht zu machen, aber wie brachten sie das fertig bei ihrer Verschiedenartigkeit, und wie hatten sie sich mittags gestritten, wo es doch noch weniger waren?

„Warum so still, mein Junge?“ hörte er indem seine Mutter sagen und sah sie auf einmal zu ihm herübernicken.

Freilich, natürlich! Sie war das Ganze. Mittags waren es ja lauter Männer gewesen — unter denen Anna kaum gelten konnte. Dies aber war ein Gewebe, und seine Mutter war die Meisterin davon. Sie hatte den Aufzug unsichtbar bereitet, sie hielt alle Fäden des Einschlags in der Hand und ließ sie hineingleiten, ohne daß jemand es merkte, als hätte sie sich in alle verteilt und lenkte sie von innen, in jedem erratend, was paßte, und mochte sie sich einmal geirrt haben, so war sie es wieder, die es mit unmerklichem Griff veränderte, so daß es paßte und im Gewebe verschwand. Sogar der Baschkirtseff hatte alle Selbständigkeit aufgegeben; zwar glaubte Georg sich zu erinnern, daß er eine Schnurre von Kainz und ihm selber erzählt hatte, aber sie war ganz klein, und ein Anekdotenerzähler mit Maßen durfte in einer richtigen Gesellschaft ja so wenig fehlen wie der Narr im mittelalterlichen Hofstaat. — Und bei alledem hatte sie es noch fertiggebracht, seine Schweigsamkeit zu bemerken ...

„Mein Sohn Georg“, sagte sie jetzt, „war gewiß sehr traurig, daß er nicht mit Ihnen fliegen konnte, Herr Leutnant! Meine kleine Magda war ja außer sich vor Entzücken. War denn das aber nicht zu gefährlich, auf die See hinaus ...“

„Ach,“ sagte der Leutnant, „das Meer war immer vorne, weil ich aber doch mit geistigem Auge immer hinter mir war, hab ichs gar nicht gesehn.“

„So, sie saß hinter Ihnen“, bemerkte die Herzogin leicht, wie zur Erklärung für sich selber, während der Leutnant Magda anlachte, die dunkelrot wurde, aber tapfer erwiderte, davon hätte sie nichts gemerkt, er hätte ihr bloß die Aussicht weggenommen mit seinem Lederrücken und außerdem ihren Schwan überfahren.

„O, war das Ihrer, Gnädigste? Ich lasse sofort einen neuen kommen. Wo bekommt man die?“

Die Herzogin wies ihn an Doktor Birnbaum, der wisse alles, und er sagte gleich: „No — in Alfeld, oder jedenfalls bei Hagenbeck.“

„Hagenbeck?“ sagte der Baschkirtseff, von der Herzogin angesehn, „der hat ja bloß Apen und Boren, und auf einem Pappfelsen hat er einen Kondor angebunden, ich hab mal ’n Plakat —“

„Wer war bei Hagenbeck?“ fragte die Herzogin. „Ich muß wissen, ob er Pinguine hat. Die sollen ja die klügsten Tiere sein, und seit mein Mann das Buch von Anatol France gelesen hat, wünscht er sich immer Pinguine zu Weihnachten.“

Sie blickte auf Chalybäus, und richtig, der hatte sie gesehn. Sie gingen hin und her, sagte er, und wackelten mit dem Kopf. Sie sähen wie Dekane aus und könnten nicht mal fliegen.

„Man wird es ihnen beibringen“, erklärte der Leutnant Georg großmütig, während seine Mutter sagte:

„Ich fürchte, Woldemar, Herr Leutnant Kaspar wird beim Fortfliegen noch die Wetterfahne von Helenenruh mitnehmen oder ...“

„Die Wetterfahne, Helene? Ein Leutnant und Wetterfahnen? So was mußt du nicht sagen. Wenn noch —“ Georg hörte den Baschkirtseff einen Vers aufsagen, in dem sich Mensch auf wetterwendsch und „äußerst wenig vaterländsch“ reimte, während der Herzog zu Ende sprach: „— der alte Stechlin lebte, der sammelte ja welche, da könnte er sie hinbringen.“

„Also, Chalybäus, da müssen Sie aufpassen!“ mahnte die Herzogin.

„Ums Himmels willen, Durchlaucht! Ich habe eine erwachsene Tochter, man wird sie mir über Nacht entführen, samt Wetterfahne und allem!“

„Was für Zeiten!“ klagte sie. „Früher kamen Götter in Schwanengestalt, heute werden Schwäne überfahren, wobei mir die Leda von Klinger einfällt. Hat er nicht jetzt ein Wandbild in Leipzig gemalt? Kennen Sie es, Herr Bogner?“

Bogner war seines Wissens nie in Leipzig gewesen.

Dann mußte Georg es wissen, und, von seiner Mutter lächelnd angeblickt, merkte er sich schon den Mund öffnen und erklären, es wäre eigentlich kein Bild, sondern mehr eine große Illustration.

„Was für einen klugen Sohn ich doch habe“, sagte seine Mutter und hob die Tafel auf. — —

Zu Georg sagte sie dann, als er zum Handkuß zu ihr kam, er dürfe jetzt einmal eine Weile verschwinden, sie habe mit seinem Papa ein paar Worte zu reden, und er merkte an ihrem Lächeln tief gerührt, daß es sich um seinen Geburtstag handle, — auch daran dachte sie. Anna, die plötzlich neben ihm stand, meinte leichthin, sie könnten vielleicht noch ein Stückchen gegen den Deich gehn, zu Lornsens Mühle, und sehn, wie der Mond aufginge.

„Schieß Mäuse! Georg!“ rief sein Vater, „bleibt aber nicht zu lange, sonst trinken wir die Bowle allein!“

Georg nickte und lachte, sich erinnernd, daß von einer „Pelikanbowle“ die Rede gewesen war, und hörte im Enteilen noch seine Mutter ihm nachrufen, er solle Stiefel anziehn, da es gewiß noch naß in den Wiesen sei.

Über Treppen und Flure gestürmt, schöpfte Georg Atem auf einem Stuhl im Ankleidezimmer. Jetzt kam es, jetzt, jetzt! Alles stand in ihm still, Leere war, furchtbare Beklommenheit, die selig machte. Aufspringend, wühlte er sich in den Kleiderschrank und fand einen pfefferundsalzfarbenen Rock mit Taschen, Klappen, Riegeln und Hornknöpfen, den er anzog, während er mit dem Fuß die Türen zum Stiefelschrank öffnete. Eine Minute später stand er völlig besinnungslos auf dem Flur und suchte in allen Abgründen seines Gedächtnisses, was er vergessen hatte. Endlich fiel ihm das Teschin ein, er lief die Treppe hinab und durchs Billardzimmer in die Gewehrkammer, wo er sich dreimal im Kreise drehte, ahnungslos, was er hier wollte, das kleine Jagdgewehr in der Ecke stehn sah, einen Schrank aufriß, eine Handvoll Schrotpatronen heraus, und sie in die Tasche stopfte. Den Flur ging er langsam hinunter, jetzt in großer Furcht. Er merkte, daß er, das Gewehr in der Linken, eine Patrone in der Rechten, beständig beide miteinander verglich, ohne ihren Zusammenhang zu erraten, doch ging er ihm nun auf, er schob die Patrone in den Lauf, sicherte und hörte sich halblaut und zitternd murmeln, was er innerlich schon die ganze Zeit gemurmelt hatte: „Warum gabst du uns die tiefen Blicke ...“

Achtes Kapitel

Sonnenuntergang

In der Haustür am Ende des Flügels blieb Georg stehn; er mußte Atem schöpfen. Sieh, es dämmerte schon ... Still zog von rechts, vom Rasen her, der Sandweg vorüber, nach links zu den leeren Wiesen mit wenigen Baumgruppen hin. Gegenüber lag das Wäldchen stille und dämmrig; im Innern dunkelte es und wurde schon farblos. Hoch oben grünten noch die Wipfel, umrieselt, selbst verrieselnd, vom Licht. Georg ging nun vorsichtig um die Büsche und den Rasenstreif am Haus nach rechts, sah Annas lichtes Kleid drüben in der Dämmerung der Gebüsche, und von der Terrasse her den Maler über den Rasen kommen. Also tat Georg, als habe er es überaus eilig und fragte den Maler, vor ihm vorüberlaufend, zu seinem eignen Entsetzen, ob er auch mitwolle; er hörte ihn etwas von Kühen und „im Dunkeln ansehn“ murmeln, rief ihm albernerweise zu, er möchte die Kühe von ihm grüßen, und lief weiter, doch hatte ihn durch diesen seinen Zuruf eine bodenlose Lustigkeit und ein teufelsmäßiger Mut überfallen, die ganze Welt zu umarmen, — was verschlug darin ein kleines Mädchen wie Anna! — Die sagte, als er herankam: „Da kommt der Mäusemörder!“ und war scheinbar ebenso fidel wie er.

Während sie nun Seite an Seite die Allee hinabschlenderten, zerbrach Georg sich den Kopf, wie er es anstellen könne, sie — so ganz unauffällig, aus irgendeinem triftigen Grunde — beim Arm oder unterzufassen. Er mußte so tun, als ob irgendein Einfall ihn dergestalt erregte, daß er ihn herausschleudern und sie dabei zu fassen kriegen mußte, wie man so tut im Eifer des Gefechts, aber aus dem Nachdenken geriet er nur an die Frage, wie wunderlich das sei, daß er heute und jetzt einen Grund brauche, sie anzurühren, während früher ... Da riß er sich zusammen, wollte eben hervorstoßen — und ihren linken Ellbogen, der schon fast seine Brust berührte, so dicht ging er hinter ihr, erfassen —: Weißt du eigentlich, Anna, daß ich Herzog werden kann? Allein, im letzten Augenblick noch besann er sich und dachte, er behalte es besser für sich, bis sie ihm ganz gehöre, — und außerdem — dies alles schien ihm im Augenblick so unglaubhaft, so entlegen und auch so nebensächlich, daß er schwieg.

„Warum hast du denn eigentlich diesem Maler eine Rose geschenkt, he?“ fragte er plötzlich zu seinem eigenen Erstaunen. Welch verfängliche Frage!

Sie blieb stehn und sah ihn an. Den Ausdruck ihres Gesichts verstand er nicht. Er schien so, als sei er nicht fertig geworden, Ansatz nur zu allem möglichen, liebevoller Vorwurf vielleicht, oder auch Spott ... Sie schwieg aber, warf die Schultern ein wenig und ging weiter, ja — und nun war der Frost und die Angst, — alles war wieder da.

„Hast du ihn denn nicht auch gern?“ hörte er sie jetzt fragen und erschrak süß über die Verschleiertheit ihrer Stimme, über die Abbitte darin und die Demut, — was alles ihn anduftete aus ihrem unsichtbaren Gesicht, das sie abgewandt hatte von ihm, ohne es dabei aus seiner graden Richtung nach vorn zu bewegen ...

„Gern?“ fragte er mit rauher Stimme. „Ach Anna —“

Jetzt, da wars! Er packte ihren Ellenbogen, den sie augenblicks krümmte, um die Hand an den Halsausschnitt zu legen, so daß sie im selben Nu untergefaßt gingen, während er eifrig und erregt redete:

„Weißt du, Anna, was ich an Bogner gelernt habe? Sag, hast du ihn wohl lächeln gesehn? Ja, aber hast du auch gesehn, daß er zwei Lächeln hat?“ Sie schüttelte sacht den Kopf. „Eins mit dem Munde und eins mit den Augen, und das eine ist für die Leute, das andre für — also für seine eigene Seele, wenn sie lächeln muß, aber wie schön das ist, das hast du doch gesehn?“ Sie nickte.

Da waren sie am Gatter und blieben stehn. Vor ihnen lagen die ansteigenden Wiesen dunkel, ergraut, im Zwielicht, hinter dem der durchsichtige goldene Westhimmel stand, höher in brennendes Weiß und Gelb und langsam über Weiß und himmlisches Grün in lichtes Blau überschmelzend, und Georg sahs und trank den Geruch der feuchten Wiesen und Blumen, während er weiterhastete mit Worten, Leib und Seele durchströmt vom Gefühl ihres Beieinanderstehns in der Einsamkeit und Enge des Wiesenlandes, in dessen breites Fenster diese sanfte Unsterblichkeit verglühender Farben hingelagert war.

„Nun höre“, sagte er. „Ja Jensens — Johannes Vau, nicht Wilhelm! — also in Jensens Gletscher kommt das vor, wie der Mensch, der Urmensch zum ersten Mal lächelt. Er jagt eine Frau — sie sind noch ganz wild, weißt du, und fressen sich — und wie er sie niederwirft und schon den Mund aufreißt, sie zu beißen, da läßt er den Mund offen stehn, weil er auf einmal sieht, daß sie ein Weib ist und so schön, — und das, sagt Jensen, war das erste Lächeln, das dann beibehalten wurde: er zeigt die Zähne, zum Zeichen, daß er nicht beißt, nicht beißt, verstehst du, ungefähr so, wie man sagt: Hunde, die bellen, beißen nicht ...“

Da ging ihm der Atem aus. Hätte er nicht den Mund geschlossen, würden die Zähne aufeinander geschlagen sein, und auch von dem, was er noch sagen wollte, war keine Spur mehr zugegen, nur eine eisige Leere im Gehirn, während er merkte, daß sie sich von ihm losmachte, an das Gatter trat und die Arme darauf legte. Er wußte nichts, als ebenso zu tun, und konnte nach einer Weile fortfahren.

„Und siehst du nun, dies erste Lächeln, dies mit den Zähnen, das ist — sagen wir Zivilisation, der erste Anfang des Menschen. Das Lächeln in den Augen aber, das ja nicht er allein hat, sondern wir alle, — wir sind ja nur gewohnt, auch gleichzeitig mit dem Munde zu lächeln, ja —“ er trat näher zu ihr, — wie duftete auf einmal ihr Haar! — „ja, denke einmal nach, versuche einmal, wirklich zu lächeln, etwas Schönes zu denken und zu lächeln, dann tust du nicht wie auf der Straße, wenn jemand grüßt, der dich nichts angeht, daß du die Zähne zeigst, sondern es fängt in den Augen an, und sie ziehn sich zusammen, tus mal, tus doch mal ...“

Sie wandte langsam den Kopf herum, sah ihn an und lächelte. Ihre Lider zitterten, nun hoben sich bebend die Mundwinkel, schon wollte er sich darüber herstürzen, als sie plötzlich in helles Lachen ausbrach.

„Ja, du kannst bloß lachen!“ sagte er trotzig, warf die Flinte am Riemen von der Schulter und hängte sie mit Nachdruck über den Pfosten, indem er sich von Anna abwandte. Und so blieb er stehn.

„Bist du böse?“ hörte er sie nach einer Weile leise bitten. Erbarmungswürdiges Mitleid schnürte ihm die Kehle zu, aber er schwieg. Das Herz klopfte ihm im Halse. Was sie jetzt sagte, darauf kams an! — noch konnte er nicht, noch konnte er ...

„Soll sie da hängenbleiben?“ hörte er sie nach einer endlosen Minute mit gewöhnlicher Stimme fragen.

„Ja!“ sagte er.

„Ist sie geladen?“

„Ja!“

„Wenn sie nun wer findet, und sie geht los? Nein, nimm sie mal gefälligst mit!“ befahl sie und schrie im selben Augenblick leicht auf: „Hu, da kommt schon was!“

Georg fuhr herum. Aus dem Buschwerk, links vom Wege kroch raschelnd ein schwarzes Untier hervor, eine schwarze Kröte, groß wie ein Hund, und schleppte sich mühselig, von einem Fuß sich auf den andern werfend, dahin, — Artaxerxes, der schwarze Schwan; der eine Flügel schleifte am Boden nach.

„Ach Gott, ach Gott, das arme Tier!“ jammerte Anna und näherte sich ihm, aber er reckte sich sofort auf, blähte sich, schlug mit dem gesunden Flügel, sperrte den blutroten Schnabel auf und fauchte.

„Früher fraß er mir aus der Hand,“ klagte sie, „wenn die Leute krank werden, werden sie bösartig, Tante Irmintrut war auch so. Meinst du, daß er am Leben bleiben kann? Er wird sich doch erholen, und Futter bekommt er ja von uns. Versprich mir, Georg, daß er leben bleibt!“

Georg tat es gern, dem unseligen Tier nachblickend, das inzwischen weitergewatschelt war, hin und wieder zornig nach dem herunterhängenden Flügel hackend, wobei er dann vornüberfiel, bis er die Allee überquert hatte und ins Dickicht eintauchte und rauschend verschwand.

„Komm, laß uns gehn“, flüsterte Magda. Er nahm schweigsam seine Flinte wieder, öffnete das Gatter, und sie gingen wortlos durch das hohe Gras bis ans nächste Knicktor, einem aufrechten Brett über drei Stufen. Georg half ihr die schmale Treppe empor; oben blieb sie stehn, noch auf seine Hand gestützt, und rief: „O, ich kann die Sonne noch sehn! Gleich verschwindet sie im Dunst! Ach, welch herrliche Farben!“

Georg, emporblickend, sah ihren Kopf, der allein in das Licht ragte, hell gerötet Antlitz und Haar unter einer feinen Aureole goldener Härchen.

„Ach, Georg!“ seufzte sie nach einer Weile aus tiefstem Herzen, „es ist himmlisch!“

„Was denn, mein Kind?“ fragte er väterlich aus seiner Schattentiefe nach oben.

„Ach — alles!“ sagte sie überzeugt, ließ seine Hand los und legte die freigewordene ihre auf seine Schulter, um drüben hinabzuspringen. Er folgte, ergriff einfach ihre Hand, und so schlenderten sie weiter, die Hände ab und zu im Gehen schwingend, wortlos; nur als sie die letzte Deichschrägung hinaufkletterten, meinte Georg, es würde Flecke geben.

Nun waren sie oben. Violetter Rauch lagerte über der See, die sie anatmete mit ihrer ganzen, riesigen Weite, darüber rötliches Gewölk, dann lange, feuergoldene und scharlachne Streifen, dazwischen ganz ferne, grüne, wie ewige Wiesen. Spiegelblank war die See, eine durchsichtige Glasplatte über einem milchigen, bläulichen Etwas, — doch nein, es war nicht die See, die war weit draußen, der rosige Streifen, das war die kleine Brandung, die rauschte, — und dies war nur der nasse Ebbeschlamm, der graue Schlick, der glitzerte, an vielen Stellen mit Lachen Wassers bedeckt.

Die unendliche Farbigkeit und die Stille verstärkten Georgs Beklommenheit. Leise sagte er: „Anna!“ hörte ein schwaches: „Ja ...“ und sah, daß sie das Gesicht ein wenig zu ihm wandte, ohne ihn anzusehn.

„Du hast so schöne Gedanken,“ sagte sie auf einmal vor sich hin. — Sie meinte wohl das, was er von Bogner ...

Sie machte ihre Hand aus der seinen los. Die Sonne war verschwunden, überm Horizont ergrauten die Farben, aber seliger noch und tiefer und stiller schwelgten die andern ihre purpurne und lichtgelbe und silbergrüne Seele aus in die himmlische Leere. Es wehte stärker aus Nordwesten.

Und nun standen sie am Rande der Welt. Nur Farben, die sich wandelten, sich auslebten in Stille. Sie waren die einzigen Menschen, und dies war für sie eine ewige Aussicht in die andere Welt, die sich dort erging in Wesen der Farbe, die lächelnd ewige Spiele übten, nur leise lächelnd, weil sie wußten, es sahen zwei ihnen zu.

Georg empfand noch dies. Dann fragte er, süß fühlend, wie das Reuegefühl sein Herz umkrampfte:

„Bist du mir noch böse?“

„Böse?“ fragte sie sinnlos und hob die Achseln. Auch ihre Stimme war halb erstickt. Und, o Gott, diese Bewegung der Schultern! Es übermannte ihn, — und wie sie atmete, so tief, so schwer, so unregelmäßig! Ach, noch nicht, noch nicht, noch diese Ewigkeit des Herankommens, des Zögerns, des Ahnens! Ihr Haar zu sehn, ihren Mund, in dem es zuckte, ihre Augen so von der Seite, den Blick darin, ihre Nase, ihre Wangen, in denen das Licht erlosch! — Da erfaßte er leise wieder ihre Hand, sie ließ sie ihm, sie drückte sogar seine Finger, und er hätte die Besinnung verloren, wenn er nicht hätte bemerken müssen, daß er dachte: Jetzt! — wie Bogner beim Eisenbahnunglück, aber die Sekunden verrannen, verrannen, und nichts geschah, bis endlich sein Kopf vornübersank und die Lippen auf ihrer Schulter ein Ende fanden.

Warm, — wie warm war das! Nun? — nichts! Ach, nur so liegen, so müde, so zum Einschlafen müde ... Bewegte sichs? Das Warme, Feste unter seinen Lippen bewegte sich leise — für einen Nu durchzuckte ihn die Seligkeit, daß er sie küßte, und daß sie es geschehen ließ, daß sie sich küssen ließ von ihm! — die geschlossenen Lider zitterten ihm, er fühlte ihre Schulter steigen, fühlte jetzt auch an seiner rechten Schläfe eine Berührung, ein leises Kitzeln, einen Hauch, ihr Haar ... und nun drückte es sich zusammen, nun fühlte er ihre Schläfe, sie ruhte auf der seinen, ach, ach! Sie hatte den Kopf auf seinen herabsinken lassen! Da nahm er ihre linke Hand, die er mit der rechten hielt, in die Linke, suchte ihre rechte Hand hinter ihrem Rücken, fand sie, legte sie langsam auf ihre Hüfte, vorsichtig und voll rasender Angst, hob endlich ihren Kopf mit dem seinen behutsam empor und ließ ihn an seiner Wange vorüber auf seine Schulter sinken ...

Ach! — — da war es nun! Ihr Gesicht, da lag es an seiner Schulter, ganz nah dem seinen, ihm zugewandt, mit geschlossenen Augen und nichts, nichts auf der Welt, das solchen Duft ausströmte, solch einen Odem von Süße aus seiner Kühle, die sich betrachten ließ, — die süßesten aller Wimpern, die herabgesenkten Lider, alles, so nah, so nah!

Und furchtbar zusammenzuckend preßte er sie mit aller Kraft an sich und fühlte ihren Mund mit den Lippen, fest und ganz kalt, einen fremden Mund, den er küßte, so daß sein lange schon steigendes Geschlecht sich bäumte, während die fremden Lippen warm wurden und weich und schmelzend und sich lösten und wieder kamen und in die seinen vergingen und er darin versank und nichts mehr dachte.

Mondaufgang

Georg merkte, daß Arme um seinen Nacken geschlungen waren, und tauchte aus der Versunkenheit nach oben und in die Umarmung eines weiblichen Wesens. Also dies war die Ewigkeit ... Er fühlte ihre Glieder, die an ihm hingen, ihre Brust, ihre Knie, welche an die seinen rührten. Er konnte seine Augen wieder aufbringen, er küßte ihr ganzes Gesicht trunken hundertmal, aber keines war wie das erste. Plötzlich fühlte er sein Gesicht von festen Händen umgriffen, ihre Augen gruben sich in die seinen, überschütteten ihn mit einem Strom von Liebe, sie stammelte, die Lider sanken ihr, sie murmelte etwas von „fliegen“ und ruhte aus. Die Augen waren wieder zu im stillen Gesicht, Georg blickte darauf nieder, als ginge drinnen etwas vor, das er sehen könnte, und nun bewegte sich etwas unter den Lidern hervor, drängte die Wimpern empor, glitzerte und rann, ein Tropfen, und ebenso jetzt aus dem andern Auge, und schneller kamen immer mehr unaufhaltsam geflossen. Sie weinte ja ... Als aber Georg sich wunderte, warum das so glänzte und blitzte, und das Gesicht nach der See hinaus wandte, erschrak er vor einem ungeheuer großen, dunkelgelben Monde, dessen runde, vollkommene Scheibe aus dem schwarzblauen, unsichtbaren Grunde in die mattblaue Luft rollte, aber still hielt, als er hinsah. — Wieder wandte er sich zu Annas Gesicht und sah in einem runden Tropfen, der an der Wimper hing, deutlich des Mondes winziges Spiegelbild.

Sie ließen sich los.

„Gieb mir dein Taschentuch,“ sagte sie leise, „ich hab keins.“

Sie lächelte, als ers ihr reichte. Ja, da hatten sie auf einmal die Gebrauchsgegenstände gemeinsam. Waren sie so eines geworden, oder war es nur wie früher? ... Sie trocknete ihre Tränen, schneuzte sich und gab es zurück.

„Sieh, da ist ja der Mond“, sagte sie. —

„Und die Fledermäuse“, meinte er, da er einen Schatten durch den Mond huschen sah. Sie schaute ihn mit einem langen Blick an, warf sich ungestüm an seine Brust und brach in ein unendliches, schüttelndes Schluchzen aus.

Das ist so ... das ist so ... dachte Georg gerührt, ohne es ganz zu begreifen, streichelte leise ihr Haar und wunderte sich über den fleißigen Lornsen, der so spät noch die Mühle gehn ließ, die unfern im Norden stand, groß und schwarz in ihren riesig ausholenden Armen; gleichmäßig und eisern hieben sie im Kreis herum nach dem Monde, der sanft und ahnungslos oder jedenfalls unbekümmert dicht unter ihr heraufrückte und langsam golden und glänzend ward.

Annas Weinen ward ebenso langsam ruhiger und hörte endlich ganz auf.

„Frag nicht, warum ich weine,“ bat sie nachschluchzend, „ich weiß es selber nicht. Komm, wir müssen gehn.“

Er war nicht dieser Ansicht, widersprach aber nicht, trocknete ihr Gesicht selber mit dem Tuch, küßte sie, und dann gingen sie umschlungen als ein Liebespaar, das sie nun waren, in der Richtung der Mühle, rutschten zusammen den Deich landeinwärts hinunter, küßten sich, gingen weiter, krochen durch eine Hecke und küßten sich lange. Auch wenn einer von ihnen etwas gesagt hatte, küßten sie sich, aber als sie wieder durch eine Hecke gekrochen waren und sich, im Aufrichten stecken bleibend, geküßt hatten, fanden sie sich drei Schritte hinter Maler Bogner, der dort in der Dunkelheit ganz still saß, glücklicherweise mit dem Rücken nach ihnen, auf einem Stuhlstock, der Betrachtung von zwei Kühen hingegeben, von denen die schwarze mit dem breiten Rücken nach ihm hin im Grase lag, während über ihren Beinen die andre stand, mit großen, geisterbleichen Placken, die Kinnbacken in mahlender Bewegung, den großen, töricht hochfahrenden Blick des dunklen Auges auf den Maler richtend, ohne zu merken, daß der Mond es sich auf ihrem Rücken breit machte. Welch seltsame Erscheinung im Dunkel der Wiesen! Rechts dahinter schwang die große Mühle auf ihrer Anhöhe in mächtiger Lautlosigkeit die Arme herum.

Georg, einen Augenblick betroffen anhaltend, wollte Anna stillschweigend davonziehn, aber da lachte sie leise, der Maler sah sich um, — oder er wollte es tun, doch sah Georg, daß sein Gesicht nach rechts gewandt stehenblieb, wo die Pappelreihe nach der Mühle hin führte, und dorthin blickend gewahrte Georg vor den Bäumen in den Wiesen eine Gestalt, die sich bewegte, schwarzweiß, oben mit einem Hemd, unten mit schwarzen Hosen bekleidet. Sie warf die Arme, als ob sie der Windmühle nachahmte, lief und —

„Wer ist denn das?“ sagte Georg halb belustigt, „ist der verrückt?“

Der Maler stand auf und sagte: „Das ist doch al Manach.“

Indem stieß die Gestalt einen brüllenden Schrei aus, während gleichzeitig Georg sich am Arm ergriffen fühlte. Mit rudernden Armen, an denen die breitoffenen Manschettärmel flatterten, stürzte der Mensch auf die Mühle zu, laut schreiend und wahnsinnig. Der Maler setzte sich in Bewegung und lief, um ihm den Weg abzuschneiden, war aber ersichtlich zu weit entfernt, um zu verhindern — — ja, was denn, was denn? Wollte er in die Mühlflügel ...? Georg, noch immer verständnislos, starrte hin, der Maler lief wie ein Wiesel die Anhöhe empor, aber der Andre sprang in langen flatternden Sätzen gegen die Flügel hin, Georg erschrak, sie sausten wie schwarze Keulen herunter. Indem zerrte eine Hand an seinem Gewehrriemen, Annas Hand, die schon den Flintenkolben an die Schulter setzte, zielte und abdrückte. Klein und scharf peitschte der Knall und zerstiebte, oben warf die Gestalt im Rennen die Arme in die Höhe und brach zusammen, vornüber schlagend, während der eben heruntersausende Flügel mit sichtbarer Erleichterung an der andern Seite wieder hochschwang. Georg starrte das Mädchen an. Sie stand todblaß, schauderte, schwankte, schloß die Augen und fiel um. Er fing sie auf, ließ sie ins Gras gleiten, zog seinen Rock aus und bettete sie darauf. Sie lag still; wie eine abgebrochene Blume sah sie aus.

Georg blickte beklommen auf sie herunter. Er dachte, man müsse ihr Kleid öffnen, kniete neben ihr ins Gras, hielt aber inne, als seine Hand ihre warme Brust am Kleiderausschnitt berührte, — fast hätte er hineingegriffen. — Nun fing er langsam an zu verstehn. Sich umwendend, sah er oben undeutlich eine gebückte Gestalt, wohl den Maler. Was hatte sie denn getan? Geschossen, — aber wohl — — in die Beine geschossen ... Es war Schrot. Hatte sie das bedacht? Im einen Augenblick alles bedacht und ... Jählings entsetzt, sprang er auf und drehte sich schwindelnd. Etwas entfernt standen die beiden Rinder weit voneinander, drehten die Schwänze her und sahen sich um. Dann hob eine das Maul, ein dumpfer, klagender Laut kam hervor mit einem Stoß weißen Dampfs. Georg sah die Mühlenflügel groß und abgestorben herunterkommen und aufsteigen; sie begannen, vor seinen Augen sich zu vervielfältigen und zu flimmern, die Mondscheibe zog sich zu einer Reihe von ineinandergeschobenen, silberblanken Monden auseinander, und sein Blick fiel wieder auf die Liegende, die in ihrem blaßgrünen Kleid auf der dunklen Fläche lag, als sei sie vom Himmel gestürzt und er habe, zufällig des Weges kommend, sie hier gefunden.

Es ist ja wahr, schrie er innerlich, es ist wahr, sie hat es tun müssen, es ist ein Wahnsinn, was soll das heißen, wie kommt man auf so etwas, auf einen Menschen schießen, um ihn zu retten, und ich immer dabei, — aber sie mußte, sie mußte, es gab nichts andres, warum bin nicht ich darauf gekommen? Eben weil nicht ich verlangt wurde, sondern — verlangt? Ihm wurde unheimlich zumut, das Grauen schüttelte ihn jetzt, er warf bei erstickter Kehle den Kopf gegen den Himmel oben zurück und sah in der milchigen Blässe oben die Sterne, ein paar verlorene, weißlich flimmernde Tropfen. Er stammelte: „Anna! Um Gottes willen, Anna!“

Da schlug sie langsam die Augen auf, sah ihn seltsam erwacht und lange an, bewegte die Hand und hauchte: „Ist er tot?“

Georg warf sich neben ihr auf die Knie und schrie: „Nein! nein!“ Legte den Kopf in ihr Kleid und glaubte, weinen zu müssen. Dann kam er zur Besinnung, sprang auf und sagte, so fest er konnte:

„Sei ganz ruhig, mein Herz, ich trage dich nach Haus.“

Sie lächelte schwach, er richtete ihren Oberkörper ein wenig auf, nahm seinen Rock vom Boden, zog ihn an, bückte sich und nahm sie auf die Arme. Einen Augenblick verwundert, daß solch ein Mädchenleib so schwer war, merkte er doch gleich, daß er ganz leicht zu tragen war, und eine Sekunde empfand er seine Körperkraft tröstlich. Also trug er sie über die Wiese davon auf den Sandweg zu, den die Pappeln bis auf den Hof des Verwalterhauses geleiteten, kaum drei Minuten zu gehn. Unterwegs rührte sie sich einmal, legte die Arme um seinen Nacken und das Gesicht gegen seine Brust. Einmal mußte er sich mit dem Rücken an einen Stamm lehnen und eine halbe Minute ruhn. So erreichte er das Haus.

Auf der Bank neben der Tür saß die alte Domina, glatthaarig, stand wortkarg wie immer in derartigen Fällen auf und ging ins Haus und die Treppe voran in Magdas Zimmer, wo Georg sie auf das schon zur Nacht aufgedeckte Bett legte. Sie ergriff seine Hand und küßte sie schnell und leise, plötzlich flammte die kleine Stehlampe mit grünem Schirm neben Georg auf dem Nachttischchen auf, sie schloß geblendet die Augen, während Georgs Blick auf das große alte Bild an der Wand fiel, einen grauen Stahlstich, — er hatte ihn lange nicht gesehn, diesen Engel, der ein totes Kind zum Himmel trug. Die Erinnerung an Magdas Mutter, die ein halbes Jahr nach der Geburt eines Knaben fast mit ihm zusammen gestorben war, zog durch ihn hin, während er sie flüstern hörte, er möchte zur Mühle gehn und ihr Bescheid bringen. Seltsam, dies kleine Zimmer in der Dämmerung ... das große, weißlackierte Metallbett mit dem langen Nachthemd schräg darüber, auf das er das Mädchen gelegt hatte.

Draußen vor der Tür im Dunkel stand er noch eine Minute, angeatmet vom Reinen, Duftlosen dieses Raumes hinter ihm, der anders war, sonderbar anders als jedes Zimmer, das er je betreten hatte.

Rheinweinbowle

Auf dem offenen, nur von Gebüschen und ein paar Bäumen umringten Hofplatz blieb Georg stehn, trocknete sich die Stirn und bemühte sich, etwas zu denken. Der Mond, von hier aus gesehn, stand hinter der Mühle, die gewaltig schwarz, mit zwei stillstehenden Flügeln wie ein riesenmäßiger Hase in weißlichem Glanze saß, der hinter ihr vom Monde ausstrahlte; schwarz stieg die lange Pappelreihe, sehr ernste Gestalten, von der Anhöhe den Weg herab.

Also es trifft ein, eins nach dem andern trifft ein, sogar an einem Tage, — ja, wird es nun noch eine Feuersbrunst geben? dachte er beklommen. Und sogar zum zweitenmal dieser al Manach! — Da setzte das Denken wieder aus, es war totenstill umher, in den Bäumen oben raschelte es, als bewegten sich dort Vögel. Georg ging durch die helle Mondesdämmerung auf die Mühle zu und die eiserne, schwarze Linie des Horizonts, über der weißer Flimmer in gelbliche und rötliche Hauche verging, und bei der Wegbiegung sah er wieder den Mond dicht neben dem Mühlkörper, klein und reinsilbern. Am Fuße der Anhöhe wurden auf einmal zwei schattenhafte Gestalten sichtbar, eine kleinere, dunkle, jetzt mit weißer Brust, daneben eine lange, graue, die langsam weißlich wurde, der Müllerknecht, der den al Manach auf den Armen trug wie eben er die Anna; Bogner daneben im Frack. Als sie sich begegneten, blieben sie stehn, der Christian grinste verlegen und sagte: „Da bringen wir ihn gebracht!“ die Bürde wie ein Kind in den Armen höher rückend. Al Manachs Gesicht war wieder geschlossen und klein geworden. — Sie gingen nach Helenenruh zurück, schweigsam, nachdem der Maler erklärt hatte, der Schuß hätte sich über beide Unterschenkel ausgestreut, aber es sei wohl ganz ungefährlich und habe kaum geblutet.

Während die beiden Andern zum Gastflügel abbogen, ging Georg wieder zum Verwalterhaus, traf die Domina im Flur und trug ihr, da sie sagte, Magda schlafe, auf — falls sie erwachen sollte —, daß alles gut sei.

Auf die Terrasse zugehend, sah er ihre rechte Hälfte erleuchtet. Schatten mit beleuchteten Gesichtern saßen um den runden Tisch, in dessen Mitte eine Lampe mit buntgeblümtem Schirm brannte; ringsum war tiefe Nacht. Die Steinstufen hinansteigend, machte er seinen Schritt leise, um erst nachzusehn, ob seine Mutter noch da sei, doch entdeckte er nur das Gesicht seines Vaters hinter dem Tisch, der seitwärts saß, wie er pflegte, rechts von ihm den Leutnant in Grün und Rot, dann — nach einem leeren Stuhl — Annas Vater, der rauchend und verträumt in die Lampe blickte, die Oberlippe über den Zähnen wie stets etwas angezogen, so daß sie im Lampenlicht farbig blitzten; dann den Baschkirtseff, der weit im Stuhl zurücklag und mit gedämpfter Stimme etwas zu deklamieren schien. Georg, über das Geländer der Treppe emporgereckt, blieb eine Weile stehn, willenlos versinkend in diese friedliche Gesellschaft. Auch den Rücken von Onkel Salomon entdeckte er nun dicht hinter der Brüstung; er saß, Georgs Vater zugewandt, gebückt, schräge zum Tisch. Dunkelgrüne Römer standen vor jedem, jeder leise an einer Stelle der Wölbung und der Riffelung des Fußes blitzend, noch im Schatten; der bunte Schirm ließ nur einen kleinen Kreis in der Mitte des Tafeltuches hell. Gläserne Aschenschalen glänzten farbig hier und da; seltsam rötlich waren alle Gesichter. Sekundenlang festgebannt, schien es Georg unmöglich, nur eine Bewegung zu machen oder das Gesicht abzuwenden. Erst als er den Mimen mit steigender Stimme sagen hörte: „Unchristlich oder christlich!“ und weiter: