„Ist doch die Welt, die schöne Welt
So gänzlich unverwüstlich!“
ergriff ihn der Ärger, daß sie hier saßen und Verse deklamierten, dieweil ... Also scharrte er mit den Füßen, um sich hörbar zu machen, und stieg die letzten vier Stufen hinan.
Alle wandten die Gesichter ihm zu, der Leutnant stand auf.
„Na endlich!“ sagte sein Vater und, ein wenig ironisch: „Es ist wohl nicht besonders ersprießlich, im Düstern zu jagen!“
Der Schuß war also gehört worden ... Einen Augenblick unfähig, etwas zu sagen, fühlte Georg das eben Vorgefallene auf einmal verschwinden, ihm entgleiten, als habe er es geträumt, und er mußte sich wahrhaftig besinnen, ob es gültig sei, um davon zu reden. Wieder von dem Gleichmut und der Ahnungslosigkeit der Dasitzenden geärgert, fing er an: „Es ist etwas sehr Seltsames geschehn ...“ merkte jedoch, daß eben diese Worte nun gänzlich alles Erschütternde und Fremde und Unheimliche fortnahmen. Wenn es sich schon erzählen ließ, was war es denn? Allein — ließ es sich denn erzählen? — Nun fuhr er geärgerter fort:
„Dieser al Manach — — er wollte in die Windmühle laufen, oben, Lornsens Mühle, und weil wir zu weit weg waren, hat Anna, Magda, ihn in die Beine geschossen, mit meiner Flinte.“
Er schloß, die Zähne zusammenbeißend, weil er fühlte, daß er lachen wollte, unweigerlich lachen, o, war es nicht zum Tollwerden! Und da saßen sie alle und lächelten.
„Bitte, Chalybäus,“ sagte er kalt, „ich habe sie in ihr Zimmer gebracht, sie wurde ohnmächtig hinterher, stören Sie sie aber nicht, sie schläft jetzt.“ Ja, da konnten sie ernst werden! „Wollen Sie so gut sein und Doktor Reiß telephonieren, damit er nach Herrn al Manach sieht.“
Nun fing Chalybäus an zu lamentieren, war drauf und dran, dem Herzog Vorwürfe zu machen, daß er Verrückte beherberge, besann sich und jammerte über seine Tochter, die auch verrückt geworden wäre. Einen erwachsenen Menschen in die Beine zu schießen! Und was zum Teufel sie sich um fremde Selbstmörder zu kümmern hätte, worauf ihn ihre Ohnmacht bis zu Tränen rührte, und er bedauerte das mutterlose Kind, dem er die Hüterin nicht ersetzen könne ... Dann wollte er sich von keiner Macht auf Erden abhalten lassen, an ihrem Bett zu sitzen und ihre Hand zu halten. — Onkel Salomon war unterweil schon im Haus verschwunden, Georg sah im Schreibzimmer das Licht aufflammen, dann ihn selber zum Schreibtisch gehn und den Telephonhörer abheben. Der große Chalybäus trank sein Glas aus und ging mit großen Schritten davon. Georg rief ihm nach, Doktor Birnbaum telephoniere bereits, und dann wurde es still. Der Leutnant füllte leise ein Glas aus dem, neben der Tür auf einem Tischchen stehenden Bowlenkübel und setzte es vor Georg auf den Tisch, der selber gedankenverloren auf den Stuhl davor glitt. Indem er trank, hörte er die hellen, rasselnden Schläge der Uhr im Turm, zählte zehn und dachte erschreckt: Erst zehn Uhr? Eine Stunde seit dem Essen? Was war denn alles seitdem? Ach, ich habe sie geküßt, sie liebt mich, wir lieben uns, das ist nun alles vorbei ... Sein Vater fragte einiges, er antwortete und trank in kleinen Schlucken das süße und eiskalte Weingetränk, allein plötzlich ertrug er das Dasitzen nicht, stammelte eine Entschuldigung, sprang auf, lief die Treppe hinunter und in den Park in der Richtung des Weihers.
Die Nacht war warm, und nun, erhitzt nach dem langen Frieren zuvor, bewegte Georg sich in einem heißen Branden von Gedanken, die zergingen, ehe er sie faßte. Als er aber neben dem Ende des Nordflügels vorüber wollte, raschelte es rechts im Wäldchen, rauschte, ein schwarzer, fallender Klumpen schleppte sich, ungetüm und schauerlich anzusehn, in das halbe Licht und auf den Weg, Artaxerxes. Verflucht, da ist der schwarze Bote schon wieder! schnob Georg ergrimmt, besänftigte sich aber, indem er gerührt denken mußte: So weit ist er inzwischen gekommen, geradeswegs auf seinen Weiher zu! Der Hals züngelte hervor, unbekümmert um Georg zog er seine Straße beschwerlich, arbeitete sich den Weg hinunter und verschwand im Dunkel der Wiese vor dem Weiher. — Und wenn er uns da oben nicht begegnet wäre, dachte Georg, hätte ich die Flinte vielleicht hängen lassen! „Verdammtes Vieh,“ schrie er ihm nach, „mußt du einem denn überall in die Quere kommen!“ — Ach, auch er tat, wozu es ihn trieb, da lag sein Weiher, — in einer graden Linie, wie ein Pferd, das nach Hause geht, war er darauf zugegangen, — was für eine Dämonszähigkeit! Und Georg ging weiter, lachte wütend und dachte: Der Schwan ist bei Gott der bewegende Teufel in alledem! Sie scheuchte ihn auf, als sie in den Teich ritt, und dann brach sie ihm den Flügel in der Luft, und dafür erschien er uns und zwang mich, die Satansflinte mitzunehmen. Sie ist also selber dran schuld, warum wollte sie fliegen! —
Plötzlich stand er am Teich, durch einen meterbreiten Grasstreifen nur vom Wasser getrennt, das er roch, schlug sich mit der Faust vor die Stirn, verfluchte sich und knirschte sich an, ob er denn zu nichts fähig sei als zu diesen Jämmerlichkeiten! Zu keinem guten, graden Gefühl! Immer Mißmut statt Demut, Ärger statt Traurigkeit, Wut statt Schmerz. Da lag sie nun oben! Wachte sie? Was ging in ihr vor? War ihr angst? Ach, wie sollte ers wissen, war sie nicht ein fremdes, unbegreifliches Wesen? Und er hatte sie geküßt!
Da war, im Dunkel absonderlich geisterhaft, die kleine Brücke zur Insel, deren schwarze, gewaltige Baumkronen in den großen und finstren, gestirnten Himmel ragten. Einen Augenblick dachte Georg, hinüberzugehn, jedoch — was sollte er dort? Anna — womöglich wurde sie krank, und sie konnten nicht zusammen in dem halbverfallenen Liebespavillon der Insel sitzen ... Da rannte er um den Teich in das kleine, niedre Fichtengehölz, zwängte sich mühsam durch Nadeläste und Spinneweben, innerlich sich beschimpfend, verteidigend, stolperte in einen trocknen Graben und ins Freie, ins helle Mondlicht auf die Chaussee, nach Böhne.
Hier war Totenstille; in weiter Ferne rollte ein Wagen. Auf der andern Seite der Landstraße standen die Garben im vollen Silberglanz auf den Stoppelfeldern, weithin grenzenlos dahinter lag schlafendes Land, weitfern, im silbrigen Dunst, waren graue Schatten von Bäumen, kleinen Gehölzen. Unfern zur Linken stand die scharf silberne Mondscheibe kaum haushoch über der Fläche und dem Dorf, dessen weiße Häuserwände, schwarze Dächer und weißer Kirchturm mit schwarzer Haube allmählich deutlicher zum Vorschein kamen. Kein Licht war mehr dort. Wogen der Stille, Wogen der Nachtwärme, der Nachtkühle kamen und verhauchten. Das Wagenrollen ward ein wenig lauter, — gewiß war es schon der Doktor aus Böhne. Georg wußte eine Bank in der Nähe am Waldrand und suchte sie auf. Und dort saß er, erschlafft und gedankenmatt, bis das Wagenrollen nahe kam, die Laternenlichter erschienen und der Sandschneider vorüberrollte mit dem kleinen, krummen Doktor auf dem Rücksitz hinter dem kerzengraden Kutscher. Georg hörte ihn eine Minute später von der Landstraße auf den Kies vor der Helenenruher Rampe einbiegen und auf dem Fahrweg um das Haus verhallen.
O wie still es war! Wie sanft, wie arglos diese schlafende Welt! — — —
Ob sie schlief? Ob er — —
Erinnerungsbilder des Tages begannen einen zuckenden, zerrissenen Vorübertanz. Auf einmal war der grüne Teich da mit Anna darin zu Pferd, die silberne Wasserbahn, die der schwarze Vogel aufriß, Gewitterregen strömte, der Schwan schrie, am Fenster war Bogners Gesicht, Bogner saß im Dunkel vor zwei Kühen, da lag Anna, in ihrem Zimmer, der graue Engel schwebte mit Blumen und dem Kind, da stand seine Mutter fürstlich in der Tür, Judith stand in braunem Samt vor einem Gebüsch, Jason al Manach saß, liebreizend anzusehn, und sprach über Gedichte, Onkel Salomon, der Baschkirtseff, Georgs Vater — im Zickzack hin und wider durchfuhr er den Tag, stand auf einmal unwollend auf, ging in der Richtung des Schlosses, unter der Rampe her, dachte, er müßte doch einmal nach ihr sehn, vielleicht hatte sie Licht, womöglich konnte er leise rufen und fragen, bei welchem Gedanken er einen ganz andern Wunsch als unziemlich zerdrückte, es trieb ihn vorwärts, er sehnte sich, verlangte nach ihrem Mund, ihren Gliedern, sein Kopf brannte ... wie fremd, fest, wie kühl ihr Mund zuerst gewesen war!
Nun stand er unterhalb des langen Gastflügels im Heckengang und blickte empor. Drei Fenster waren erleuchtet im Oberstock, — vielleicht sollte er auch nach al Manach sehn und vom Arzt hören ... Aber da tönte die Angel der Haustür, Schritte knirschten über Stufen, er hörte die überschnappende wohlbekannte Stimme des Doktors nach dem Kutscher rufen, stand und rührte sich nicht. Es dauerte endlos, bis er die Wagenräder im Sande knirschen hörte, er erschrak, der Wagen würde ja den Heckengang herunterkommen! und so diebisch und unwürdig er sich vorkam, mußte er durch das altbekannte Loch in der Hecke kriechen, und da er einmal im Bücken war, schlich er so weiter, während innerhalb der Wagen ihm entgegen und vorüber rollte, das Licht der Laterne ihn streifte.
Einen Augenblick später öffnete er die kleine Lattentür an der Ecke des Verwalterhauses, ging zwischen den hohen Stockrosen und Sonnenblumen den Gang hinunter, unhörbar im Gras, und stand an der Hinterseite des Hauses im Grasboden des Obstgartens eine Minute still, ohne zu atmen. Endlich entfernte er sich noch ein paar Schritte vom Hause unter die kleinen Bäume und sah, daß in allen Stockwerken alle Fenster mit Läden oder weißen Rouleaus verschlossen waren, bis auf das Annas, dessen gläserne Flügel nach außen offen standen; dazwischen bewegte sich das heruntergelassene weiße Rouleau leise im Luftzug.
Lange Zeit verging. Georgs Herz klopfte schwere, dicke, langsame Schläge. Hin und wieder hielt er den Atem an. Die Nacht war hell. Die geweißten Stämme glänzten. Manchmal drehte der Nachtwind ein paar Blätter hin und her, erst hier, dann dort, als suche er etwas darunter. Georg starrte verschwimmenden Auges auf das weiße Rechteck des Vorhangs, hin und wieder zitternd, wenn er sich bewegte, geheimnisvoll, als müsse jemand dahinter stehn. Wenn er emporsah, flackerten zwei kleine, weiße Sterne im Laubwerk und verschwanden auf ein Weilchen, von Blättern verdeckt. Er bebte heftiger in angstvoller Erwartung, flüsterte ihren Namen, wünschte sie herbei, doch nichts kam, nichts, als daß nach einer Zeit ein sehr natürlicher Wunsch seines Körpers sich bemerkbar machte, und so entfernte er sich leise in die Tiefe des Gartens, bis er den Lattenzaun erkennen konnte, — sich verwünschend: muß einem das denn immer dazwischen kommen! — wagte aber nicht, sich umzudrehn, als könne grade in dieser Minute sich etwas ereignen, fuhr, sein Geschäft verrichtend, fort, nach dem Hause zu spähn, und richtig, kaum daß er hinter seinem Baum wieder vortrat, sah er den Vorhang sich nach oben bewegen, hörte er deutlich das Quietschen der Rolle unter der laufenden Vorhangschnur. Lautlos trat er näher und näher. Sie stand im Fenster, weiß, da verschwand sie wieder ... nein, sie hatte sich auf die Fensterbank gesetzt, den Rücken an den Rahmen lehnend. Nun sah er das Dunkle ihres Haars und eine Flechte, die über Schulter und Brust vorn herunterhing. Sie löste sie auf bis oben hin, legte den Kopf zurück, bewegte ihn leise hin und her und begann die Strähnen neu zu flechten.
Sie konnte nicht schlafen! — Warum? — Seinetwegen oder ... Ach, sie war es wirklich, kein Geist, kein Traum, sie flocht ihr Haar, sie hatte nichts an als ihr langes Nachthemd, und sein Herz begann wild und regellos zu hämmern in einer schrecklichen Angst, während Gedanken sich in ihm herumstießen. Im Obstgarten mußte doch irgendwo eine Leiter ... Ja, und dann? Plötzlich war alles leer in ihm, und auf einmal war er ins Freie vorgetreten und hatte ihren Namen geflüstert.
Er sah, daß sie die Hände auf das steinerne Sims stützte und sich herunterbeugte; dann hörte er seinen Namen durch das Sausen in seinem Gehör. Da stand ja die Leiter am Baum! Er holte sie und legte sie an; sie reichte bis unter das Fenstersims, und er stieg hinauf. Nun sah er ihre Augen, dunkle Flecke mit einem unkenntlichen Blick darin. Oben empfing sie ihn, legte die Arme um seinen Nacken, küßte ihn, o, wie küßte sie ihn denn? Wollte sie ihn verzehren? Sie stammelte etwas, das er nicht verstand, er fühlte ihre Schlankheit, ihre Schultern, die sich bewegten, und daß sie ganz nackt unter dem Hemd war, ihre linke Brust, — und er packte mit der einen Hand ihr eines Knie und preßte es. Da lag sie still, ihr Kopf sank langsam zurück, er dachte, eilig zu fliehn, wie er sich aber zurückbewegte, fühlte er die Festigkeit der Arme, die ihn umschlossen, und riß sie an sich, legte das Knie innen auf die Fensterbank und stieg, so behutsam er konnte, hinein. Ihm war eiskalt. Wie er noch stand und sie hielt, flog Erinnerung vorüber an Pappeln und den Sandweg, — zum zweitenmal trug er sie zu ihrem Bett, nun war es unordentlich, die Steppdecke zurückgeschlagen, und er legte sie hinein und deckte sie zu.
O Gott, wie entsetzlich langsam ging das Auskleiden vor sich! Er krampfte sein Hirn zusammen, um nur ja nichts zu denken, und was an gräßlichen Gedankenstücken von wüst unpassender Art hindurchschoß, zerdrückte er, wie mit den zusammengepreßten Augenlidern. Endlich war er fertig, hörte seine nackten Sohlen tappen, als er zu ihr schlich, und dann lag er in der Wärme neben ihr, umschlang sie und war, so heftig sein Herz klopfte, ruhig und beinah kühl, so daß es ihm im nächsten Augenblick schon zu heiß unter der Decke war und er sie fortstieß.
„Frierst du nicht!“ fragte er leise, sich aufstützend. Die Dämmerung war schon so hell vor seinen Augen, daß er die ihren deutlich in dem unter ihm liegenden Gesicht erkannte. Da mußte er wieder denken, daß dies Anna war, seine Kindheitsschwester, und, gewaltsam den Gedanken zerpressend, warf er sich über sie, fühlte sich umschlungen, noch vergingen schauerliche Minuten des Tastens und Suchens nach dem Eingang, er hörte sie leise aufstöhnen, fühlte selber Schmerz, war ratlos, aber da kam die anschluchzende Sekunde, und jählings fühlte er sich von der unsichtbaren Riesenfaust zu rasenden Zuckungen der Lust schlotternd und schlagend zusammengerüttelt in sich selbst und verging sich im magischen Krampf.
Aus völliger Leere und Schlaffheit sich aufrichtend, küßte er leise ihre linke Achsel aus einer Art Pflichtgefühl und mit dem verdrückten Gedanken, daß sie ihm gleichgültig war. Neben ihr liegend, gelang es ihm, einen Tropfen Mitgefühls, den er Liebe nannte, zu sammeln, sie an sich zu ziehn und zu streicheln, allein er wußte nicht, was er hier noch sollte, und zudem fing ein heftiges Verlangen nach einer Zigarette an, ihn immer wütender zu peinigen.
„Ja — ich muß nun wohl gehn ...“ flüsterte er. Sie richtete sich auf, strich das Haar aus der Stirn, stützte dann eine Hand neben sich auf und sah auf ihn herunter. Auf einmal merkte er, daß sie ganz wenig lächelte, und als er fragte, warum, warf sie sich über ihn und flüsterte unter lauter kleinen Küssen auf Nase, Kinn, Wangen und Hals, er sähe so süß aus, wie er daliege. Dies erleichterte ihn freilich sehr, er lachte leise und sagte: „Was fürn Unsinn, Anna!“ innerst höchlich erstaunt: wie sie sich gleich hineingefunden hat ... Dann küßte er sie wieder, schob sie dann leise von sich, stand auf, ging zu seinen Kleidern und zog sie eilig an. Danach trat er noch einmal an ihr Bett, wo sie noch so lag wie zuvor, ohne sich nur bewegt zu haben, die Arme ausgebreitet, so daß die eine Hand über den Bettrand hing, die unterwärts mit Leinen bespannte Steppdecke bis zu den Knien nur heraufgezogen. Als er sich über sie beugte, küßte sie ihn leidenschaftlich, er ließ es eine Weile über sich ergehn, machte sich sanft los und verließ das Zimmer, wie er gekommen war. Aus dem Obstgarten entkam er über den Zaun und gelangte so auf einen engen Gang im Dickicht des Wäldchens, wo er hastig Zigaretten und Streichhölzer hervorzog und rauchte.
Georg stand am Gatter der Mittelallee, die Arme auf dem obersten dünnen Balken, und sah über die grauen Wiesen hin in die helle, weißgestirnte Sommernacht. Ihm war so absonderlich leicht in allen Gliedern, daß er es kaum begriff, doch meinte er, das sei wohl so ... Irgend etwas, schien ihm, war fort aus ihm, fortgenommen, — eine Wärme, — oder er aus der Wärme, — und ihm war seltsam kalt. Er wußte nicht, was es war ... Heiter war er nicht, auch nicht unfroh, eher ernst, vielleicht schwermütig, — doch auch Gefühle und Gedanken hatten diese flüchtige Leichte, und eigentlich war er ganz und gar leer. Wenn er an Anna dachte, empfand er einen kleinen Stich Mitleid und Dankbarkeit, und nachdem er den Gedanken, warum er sie eigentlich liebe, und ob er es überhaupt tue, einmal gedacht hatte, so hütete er sich, ihn noch einmal zu denken. Die Nacht war ja sehr schön, wundervoll still und lau. Schläfrig war er gar nicht, er dachte, noch einmal auf den Deich zu gehn und nach der Flut auszuschaun, dann dachte er, es müsse schön sein, im Wiesenpark auf einer Bank zu sitzen, in der Mondhelle die Schattenzacken der Fledermausflügel zu sehn und einzudämmern, — jedoch Lust hatte er zu nichts, stand nur und stand, bald zu keiner Bewegung mehr fähig.
„O du Kindermund, o du Kindermund ... unbewußter Weisheit froh ...“ Es summte in ihm, eine ganze Weile schon, ferne und wehmutvoll. Wie kam er nur darauf? — —
Dies war es nun gewesen? War das wirklich alles? Er hatte Lust, daran zu zweifeln, doch lauerte hier wieder die Frage nach der Tiefe oder Wirklichkeit seiner Liebe zu ihr, und er bog von diesem Gedankenweg ab, fand aber keinen neuen, stand auf einmal im Ungewissen und gab nun dem Verlangen nach, auf der Erde zu liegen. Er öffnete das Gatter, ging zwei Schritt in die Wiese hinein und legte sich hin.
Ach, das war wundervoll! Ach, war das wunderbar! Die Erde, diese Erde, wie sie ihn trug! Wie über alle Maßen köstlich das war, sie zu fühlen am ganzen Rücken, am Hinterkopf, an den Schenkeln und Fersen! Er breitete die Arme und fühlte mehr und kräftiger sich getragen, ganz wie wenn er auf dem gewaltigsten Riesen läge. Diese Ruhe, o, endlich einmal nicht mehr dies immer Aufrechtsein und wagerecht sehen! Liegen und doch das ganze ungeheure Oben, den Nachthimmel, die Sterne voll in den Augen zu haben, einmal in andrer Richtung zu leben, einmal nach oben die Brust zu dehnen, statt immer nach vorn, und tiefer im Genießen, ließ er sich noch einmal die ganze Unlust des Aufrechtseins empfinden, alles Hängende der Beine und Arme, die Schwierigkeit des dünngestützten und so schweren Kopfs, der vornüber wollte, und nun — — da lag er, da lag er! Da war die Natur, die gute, starke, mächtige, die ihn wortlos in Empfang nahm, ihr breites Lager auftat und — — da liege ich, ach! da liege ich, — da liege ich, — da liege ich ...
Endlich merkte er doch, daß er naß wurde, daß alle Halme trieften, und er setzte sich auf. Sieh, was war denn das für ein Lichtschein? War noch jemand auf der Terrasse? Es war ein buntfarbiges Licht, es mußte der Lampenschirm sein. Er zog die Uhr und las auf das Haar genau Mitternacht von dem gläsern in der Nacht blinkenden Zifferblatt. Ja, später konnte es auch wohl noch nicht sein.
Georg stand auf und ging durch das Gatter die Allee hinunter. Das Rosenoval erschien mondhell, graugestreift von Tau; der Mond selber hoch oben am Himmel zwischen den Helenenruher Türmen, die er, wie das Dach, mit Silberglanz belegte. Aber der Lampenschirm schien völlig mit sich allein zu sein und war also wohl nur vergessen. Georg überschritt die Wiese, ging die Treppe hinan, und siehe da — Maler Bogner! ganz einsam saß er, tief in einen Peddigrohrsessel hineingesunken neben dem Tisch, die Beine übergeschlagen, sein Skizzenbuch auf dem Schenkel, malte darin und hatte seine kleine, leise qualmende Pfeife im Mundwinkel stecken. Als Georg näher trat, hob er das nachdenklich gesenkte Gesicht, blickte ihm entgegen, nahm die Pfeife aus dem Mundwinkel, steckte sie in den andern und sagte durchaus nichts.
„Ganz allein?“ fragte Georg heiser und hatte das unbehagliche Gefühl, Bogner wisse alles. — Der Maler nickte, griff, sich etwas hochrückend, nach dem neben ihm stehenden Römer, bemerkte, daß er leer war, und sah sich um. Georg entdeckte auf dem Tischchen an der Tür das Bowlengefäß nebst einem Brett voller Gläser, ging hin, nahm ein abseit stehendes, das ihm unbenutzt schien, und schenkte es aus dem Bowlenrest voll, danach auch das Glas des Malers. Sie hoben die Gläser gegeneinander und tranken, Georg im Stehen.
Ah, dies war nun wieder herrlich! Diese eiskalte, nach wenig, aber kostbar schmeckende Flüssigkeit, die in ihn hinabstürzte wie ein weißer Gebirgsquell. Er trank das ganze Glas aus, holte das Bowlengefäß und stellte es auf den Tisch, füllte sein Glas abermals und dachte, daß es wunderbar sein müsse, hier den Rest der Nacht zu versitzen in ernsten und tiefen Gesprächen. Aber ob dieser Maler dazu zu bringen war? Georg setzte sich mit dem Blick über die Wiese.
„Zeichnen Sie?“ fragte er.
„Nein,“ sagte Bogner, „ich mache bloß so Krickelkrackel.“
So, er machte Krickelkrackel. Er ließ sich auch nicht stören, rauchte, schwieg und trank. Georg füllte die Gläser mehrere Male. Es ward kühler, es ging langsam auf Morgen. Auf einmal kam es ihm vor, als müsse die Uhr seit Stunden aufgehört haben, zu schlagen, die Augen fielen ihm zu, er bekam plötzlich einen Ruck und merkte, daß sein Kopf im Einschlafen nach vorn gekippt war.
O, er liebte sie doch, gewiß liebte er sie! Nun war sie ihm ja wieder süß und er sehnte sich nach ihr, träumte wieder, bei ihr zu liegen, ihre Schulter zu küssen und jene weichste Stelle an der Achsel. Alles kam noch einmal und war doch sehr schön gewesen und erlosch nun, losch hin wie Nacht und Mond ins Morgengrau und die umherschaudernde Kühle. Ach, dieser ganze Tag, wie er und alles nun gewesen, alles sich nun gleich war, alles gleich, alles traumhaft und wallend und vergehend! O, stille sein, nichts denken, dieser Tag ist aus! Alles wird sich finden, alles wird kommen, wie es muß, die Zeit verrinnt, auch diese Stunde, sie verrinnt, der Maler trank allein allen Wein aus, Georg sah plötzlich einen Schatten hoch über der Lampe, die Bowle bewegte sich, Georg versuchte die Augen zu öffnen, da sie zufielen, er vermochte es nicht.
In einer nachtfinstren Gasse traf er Bogner, der dort umhersuchte. Georg, um ihm zu helfen, fragte, was er suche. Meinen Bleistift, fluchte Bogner, Gott solle ihn verdammen, sein Bleistift wäre fort. Dies schien Georg ein unseliger Verlust, und so suchten sie zusammen, bis Georg an eine Tür geriet, ein großes Vestibül, das von innen strahlend erleuchtet war, eine Menge Menschen ging Treppen hinauf, und auf einer Estrade stand Onkel Salomon und winkte und zeigte den Bleistift, so groß wie ein Spazierstock. Nun aber war da ein Theaterparkett und Georg wußte, er gehörte zu den Aufführenden, er mußte hier hindurch zum Bühneneingang, Frauen und Offiziere standen in Gruppen zusammen, keine Sitze waren da, und dazwischen ging Georgs Vater herum und teilte Händedrücke aus. Also kann er doch gehen! dachte Georg, ich wußte ja, daß es ein Irrtum war. Er wollte zu ihm hin, aber das Menschengedränge war merkwürdig zäh, er zwängte sich nur mit größter Mühe hindurch, und auf einmal wars finster. Es war ein Lichtspieltheater, die Leinwand flammte grell auf, es erschien der Maskenzug aus Kellers Grünem Heinrich, aber Georg wußte, daß es nur scheinbar ein Lichtbild war; in Wirklichkeit war die Leinwand durchsichtig, und die Menschen zogen körperlich dahinter vorbei, es wurde nun aber höchste Zeit für ihn, an seinen Platz zu kommen, jedoch hielt Onkel Salomon ihn am Ärmel fest, er erschrak, nein, das war ja der große Chalybäus, der ihn für irgend etwas zur Rechenschaft ziehen wollte und immerfort wiederholte: Der Kientopp ist das große Hurra! und das erschien Georg eine unerhörte Weisheit. Aber ich komme nicht hinein, schrie er aufgeregt, und zum Donnerwetter, lassen Sie doch meinen Arm los! Nun spaltete er das finstre Getümmel, daß es krachte, doch wurde es ein schwarzes Meer von Schultern und beleuchteten Gesichtern, die sich alle nach ihm umwandten und sagten: Er hats schuld! er hats schuld! Nun kämpfte er mit den Menschen, sie verdeckten ihm etwas, wollten ihn nicht durchlassen, er schlug wüst um sich, da lag in einem gläsernen Sarge Anna in ihrem blaßroten Kleide, das Gesicht zur Seite geneigt, und war tot. Entsetzen packte Georg, er schluchzte, warf die Hände empor und sah sie, schaudervoll erschrocken, die sich losgerissen hatten und über ihm in der grellen Lichtstraße, die gegen die Leinwand strömte, sich krümmten, riesengroß und kalkbleich, und er erwachte.
Erwachend erschrak er wiederum, denn vor ihm war wirklich eine bleiche Hand, seine eigene im Schoß, auf die sein Kopf hinabgesunken war. Verstört sich aufrichtend, bemerkte er, daß die Luft grau war, dann rasselte es in der Höhe, der Glockenhammer fiel einmal, der Schall verhallte, — nach ein paar Sekunden sagte Bogners Stimme: „Halb drei; es wird Tag ...“
Der Maler lehnte ihm gegenüber mit dem Rücken an der Terrassenbrüstung; es kam Georg vor, als habe er ihn beobachtet, während er schlief. Der Maler stopfte seine Pfeife aus dem roten Gummibeutel, gleich darauf flammte eine Streichholzflamme grell und blendend auf, Georg erhob sich, fühlte sich zerschlagen, seine eine Wange glühte, ihn fror. Sich streckend und gähnend, trat er an den Treppenrand und sah, daß die Wiese im Morgennebel schwamm; nur hoch oben ragten schwarz die Wipfelspitzen heraus. Ihn fröstelte heftiger, die Lider fielen zu, Bogner stand neben ihm, streckte ihm die Hand hin und sagte:
„Gratuliere zum neuen Lebensjahre, Prinz!“
Gedankenlos die Hand ergreifend, fragte Georg: „Wieso?“ besann sich auf seinen Geburtstag, dankte und fühlte ein unbegreifliches Schamgefühl in sich aufsteigen. Zum Umfallen müde, nahm er sich zusammen und sagte spöttisch verlegen:
„Also fangen wir das neue Jahr mit Schlafen an, Herr Bogner! Guten Morgen.“
Ferne, heiser, krähte ein Hahn. Einer der Helenenruher Hähne antwortete nahebei, verschlafen und krächzend. Der Maler ging die Stufen hinunter, bog aber nicht ab nach rechts, sondern schritt geradeswegs über die Wiese, in deren Nebelsee er eine schnurgerade, dunkle Furche zog. Ich glaube, der will baden, murmelte Georg, als die Gestalt im Nebel verschwand.
Er drehte sich um. Da war der bunte Lampenschirm, aber er leuchtete nicht mehr, war gedrucktes Zeug mit Farben und türkischen Arabesken, sehr kalt, erloschen und trocken. Und Georg wandte sich ab von ihm und ging die Stufen hinunter.
Er fand, daß ein meilenlanger Weg und hundert Treppenstufen bis zu seinem Zimmer zurückzulegen waren, entkleidete sich irgendwo und irgendwie, sank in die Kissen und schlief im Augenblick ein, während die Hähne häufiger und lauter krähten, der Nebel sich verdichtete, die Sonne heraufstieg, den Nebel wegschmolz, Starenkehlen weckte und auf allen Wiesen die Grillen, die wieder zu feilen begannen, tausendstimmig und ununterbrochen.
Hier enden des ersten Buches neun Kapitel oder doppelt so viele Stunden.
Waldhausen bei A., am 29. Juli
Liebste und (vorläufig noch!) Einzige!
Haus Montfort steht in goldenen Lettern über dem Eingang des kleinen grauen Barockpalastes, in den ich soeben eingezogen bin, — dreieckige und jene, in der Mitte zerstückten Bogensimse über den Fenstern, Erdgeschoß und zwei Stockwerke, kleine Figuren auf dem Dachrand, ein schmaler Garten davor, ein großer dahinter. In einer halben Stunde soll gegessen werden, ich habe den Reisestaub abgebadet und sitze, wie ich der grünen Fliesenwanne entstieg — das heißt: getrocknet! — aber herrlich unbekleidet nieder, um Dir mit fliegender Feder zu sagen, daß ich Dich liebe und wie und wo ich mich befinde.
Wie und wo? Es kann nur Beides in Einem gelten. Aber wo fang ich an? Beim Schreibtisch? Er ist schwarz, ein ebenhölzerner Mohr mit perlmutternen Schloßmäulern. Beim Fenster links neben mir, das — der Schreibtisch steht über Eck — weit offen Julibläue, Sonne, Wipfelgrün und sanften Wind über meinen Rücken rieseln läßt, so daß die ganze hellbraune Mähne meines Haars, auf dessen Spitzen ich sitze, sich hinter mir bauscht, und ach, wie das kitzelt! (Gott behüte, hereinsehn kann niemand als die Sonne, wir befinden uns im ersten Stock, und kein Gegenüber ist nirgend!) Oder beim Sofa rechter Hand? Es ist tiefdunkelblau und von glatter Seidenbespannung mit graden Lehnen. Oder bei den schilfgrünen Wänden? Oder bei den zwei Tänzen von Hofmann in weißen Leisten, große, weiße Rechtecke überm Sofa? Oder beim hellgrauen Teppich am Boden mit erdbeerfarbenen Girlanden? Oder den sonstigen Möbeln — grauahorn? Oder bei mir, die außer sich ist — teils wegen dieser unverhofften Kleinode um sie herum, teils weil sie soeben von einem überlebensgroßen, dreiteiligen Kurtisanenspiegel herkam, der mir Dinge sagte, Dinge ... Solche Spiegel gab es in Genf freilich nicht, auch in keinem Bacharacher Pastorenhause, und so weiß ich wahrhaftig erst seit heute richtig, daß ich von oben bis unten so rosig und weiß bin wie eine einzige Magnolienblüte! Und ferner, daß ich darunter noch braun bin, braun wie ein Fell vom göttlichen Hauche der Adria — Magda, ist es erst vier Tage her, daß wir in ihr herumschwammen? — und abermal darunter ganz golden, ja, als wäre ich eine goldene Statue innen, ich hab es gesehen und kann es beschwören! Und ich weiß, daß ich einen ganzen Mantel von Haar habe, wie dürres Buchenlaub braun, und daß ich Augen habe wie Meerwasser und Flammen blau, welche aber — ohne es grad heute gesehen zu haben, weiß ichs — auch blau sein können wie Türkise, wenn ich die Sonne auf eine gewisse Art durch die Wimpern fallen lasse, und auch schwarz, nämlich bei elektrischem Licht, und auch grün wie Wiesen, wenn ich die Sonne grade hineinscheinen lasse, — Magda, kleine Schwesterseele, dies ist nun ein Augenblick des Entzückens, wie sie das Leben mitunter beschert —, wo die Welt so vollkommen scheint wie eine goldene Kugel, so daß man stundenlang Fangens mit ihr spielen möchte, und da weiß ich nun wie noch nie, daß ich jung bin und gesund und gesegnet mit Verstand und unbändig schön, ja unbändig, und voll Kunst der Schönheit, die ich zu brauchen gedenke, nicht heute noch morgen, aber in allen großen Lagen des Lebens — — es klopft! Mittagessen, und noch muß ich mich anziehn, und noch schrieb ich kein Wort von der erstaunlichen Herme dieses Hauses, meinem bisher noch völlig unbekannten Vetter Josef, aber Geduld, ich komme gleich wieder!
Eine Stunde später
Siehst Du, Liebste, anstatt daß ich mich, wieder zur Ariadne verwandelt, in die blaue Himmelshöhle meines Sofas schlafen lege, wende ich mich wieder zum Papier, heiß wie ich bin von Sommerwärme, von ein ganz wenig Bacchus, und von meines Vetters Josef überwältigender Erscheinung. (Beiläufig, Du erinnerst Dich vermutlich, daß mein Papa, bis zum Tode seines Vaters vor ein paar Jahren, ausgeschlossen war aus seinem Hause, daß ich also Onkel Augustin nur vor einem Jahre, bei Papas Begräbnis einmal sah und damals auch Vetter Erasmus; Josef war damals auf Reisen.) Nun — Du kennst Onkel Augustin, rosige und weißhaarige Miniatüre in goldener Brilleneinfassung; denke sie weg, denke sie weit weg ins Imaginäre, wenn Du eine Vorstellung von seinem Sohne Josef bekommen willst, Josef, dem großen Hexenmeister — ja höre!
Josef, von seinem Vater beauftragt, einen Trinkspruch auf mich oder ein Teil von mir zu erdichten, dachte nicht erst nach, strich mit flacher Hand — seine Geste — übers ganze Gesicht hinunter bis zur Oberlippe, so daß es darunter hervorkam, unkenntlich verwandelt zur bleichen Maske mit runden, nachdenklich mich anstaunenden Augen, worauf er diese ganze Maske wegschleuderte, um, triumphierend er selber, zu sprechen:
Dies Auge — unbestritten —
Ist geschnitten —
Aus dunklem — blauen —
Klaren Nordseewogenhügel — —
Seele blitzt heraus, zu schauen
Tief im Spiegel,
Wie geschwungner Möwenflügel — —
In kristallner Wasserfrische
Tummeln sich phantastsche Fische,
Ziehn beschattet, ziehn in Scharen
Tiefer — nach dem Wunderbaren ...
Ei ja, herrlich, nicht wahr? Aber es ist noch keineswegs alles! Denn da ich — Notzeichen fürcht ich von mir gebend wie ein brennendes Schiff auf hoher See — ihn bat, mir diese Verse aufzuschreiben, so schrieb er sie — wir saßen zu dritt am runden Speisetisch auf der Veranda — zwischen sich und mich auf das weiße Tafeltuch mit leichtester Hand, und dann malte er zwei Fabeltiere herum, Delphine, unterhalb zusammenstoßend mit dicken Köpfen, links und rechts nach oben steigend mit den verjüngten, glatten Leibern, mit tief gespaltener Schwanzflosse, und nun auf einmal war das Ganze, durchspannt von dünnen Verszeilen — eine Leier ...
Hierzu aber, hierzu denke ihn, Gesicht und Gestalt, freilich von keineswegs arionischer Zartheit, vielmehr: Groß, so groß wie alle Männer sein sollten, dann wäre es ein Geschlecht! doch dies beiläufig, — ferner: breit in den Schultern, groß auch von Gesicht, die Haut bräunlich, der ganze Ausdruck sehr beeinflußt von einer kleinen schwarzen Bartfliege am Kinn — schwarzes, kräftig gelocktes Haar — so wie Feuerbachs, an den auch die Bartfliege erinnert — schräge, breite Stirn, nach oben geschwungene Brauen, Nase von der Seite krumm, Augen schwarzbräunlich, nicht eben groß und so erstaunlich weit voneinander gesetzt, daß es mitunter scheint, als blickte jedes allein dich an, — Nachtmaren und dergleichen müssen solche Augen haben, — der Mund ein wenig zu breit, die Lippen geschwungen dünnschalig, beim Sprechen leicht sich vorwölbend und krümmend wie die halb offen aufeinander liegenden Ränder einer Muschel. Und dazu Haltung und Gebärden, die sich kaum abschildern lassen, aber jedenfalls: unendlich gepflegt, leicht herablassend, immer gebändigt, ruhig, überaus ruhig, auch die verhaltene Stimme, übrigens verwegen; nicht prahlerisch — und doch prahlerisch; ohne eine Spur von Roheit und ohne eine Spur von Herz, — alles in allem: Alcibiades, wie er leibt und lebt! Wer hätte gedacht, ihm hier zu begegnen im norddeutschen Altenrepen, zweihunderttausend norddeutsche Einwohner, Häuser rot, gelb und allesamt rußig von Hunderten von Fabriken im Westen, übrigens eine muntere, betriebsame Stadt, aber norddeutsch ganz und gar, so daß mein ganzes mütterlich rheinisches Blut und der Rest vom französischen sich kräftig bemerkbar macht, um so mehr angesichts dieses üppigen Josef. Denn es ist sehr wundervoll und tröstlich, einmal einen Menschen zu sehn, der in seiner ganzen Gestalt hin lebt, wie man die Griechen sich gelebt haben denkt, oder die Heroen, Hektor, oder Pentheus oder Perseus, — der eine gewisse Angst einzuflößen imstande ist, die schöne Angst des Meeres oder der Stromschnellen, den Schwindel nur reißend sich verströmenden Lebens, der es, was mich anbelangt, freilich an sich hat, mich so sicher und kühl aufrauschen zu lassen wie einen Zederbaum.
Noch fällt mir ein: erinnerst Du Dich aus meiner Monographie einer Studienzeichnung Feuerbachs, eigentlich wohl nur Gewandstudie: eine stehende Iphigenie in sinnender Haltung? Josef und sein Vater schworen, ich sei gemeint, die sinnende Haltung jedenfalls, — na, Du weißt vielleicht besser als ich, ob ich es liebe, so dazustehn, die rechte Hand am Kinn, den Ellbogen in der Linken, und so schreibe ich es Dir — weshalb? Ach, weshalb! — Zwei ganze Bogen sind voll, ich muß den Rand zu Hülfe nehmen, um Dir — trotzdem aus innerstem Herzen — tausend innige Grüße zu sagen. Leb wohl, leb wohl! Vier Stunden von Dir getrennt und doch heitern Herzens, o pfui! Schreibe gleich! Vom Vater, von Georg, Herzog und Herzogin, Kühe, Hühner, Schweine, alles. In Liebe
Renate
(Telegramm auf 5. August)
Liebste, ich bin sehr beunruhigt durch Dein Schweigen, bitte telegraphiere gleich. Liebevoll besorgt
Renate
(Telegramm am 5. August)
Brief unterwegs
Magda
5. August
Nun, Mädchen, was hat dies zu bedeuten? Acht Tage kein Brief, kein Zeichen, ich verzehre mich in Ahnungslosigkeit und Ungeduld, ich telegraphiere und bekomme diese Antwort? Ich hüte mich zu fragen, warte geduldig oder ungeduldig auf den versprochenen Brief und begnüge mich mit der kümmerlichen Versicherung meines innigsten Gedenkens! Ach, wäre nur der Brief schon da! Anbei schicke ich Dir die Zeilen, die ich vor ein paar Tagen für Dich schrieb, gebe Gott, daß Du sie wieder sichern Herzens lesen kannst! In unendlicher Liebe und Sorge Deine
Renate
Am 2. Aug.
Liebste und — trotz Josefs immer noch Einzige!
Nun muß ich Dir vom Schönsten schreiben. Zuvor aber muß ich versuchen, Dir die Wohnung und alles Drumherum zu schildern. Male mir ebenso Helenenruh, ich erwarte es gewiß; Deine Erzählungen — ich merke jetzt erst, welche unbestimmte Vorstellungen sie ergeben haben, wo ich Dich in der Ferne suche und nichts sehe als Meer und Wiesen, und nicht weiß, ob, was ich in der Ferne gewahre, eine weiße Kuh ist oder dein weißes Kleid, und warum nicht weiße Kuh? Sie haben den Vorzug der Seltenheit, und ich kann mir kaum Schöneres vorstellen als Io, die jungfräuliche Geliebte des Zeus.
Meine Zimmer kennst Du, — das heißt, das Schlafzimmer ist weiß, sieht wenigstens so aus, da die weiße Decke fast ein Drittel Wandhöhe herabgezogen ist; die Bespannung ist hellgrauer Seidenstoff mit einzelnen, silbernen, dünn- und langstieligen Mohnblumen, die Schränke grauer Ahorn mit Perlmutter, Spiegel weiß und das Bett — Himmel, das Bett ist ja kein Bett, sondern eine flache und in die Länge gezogene Muschel mit welligem Rand, von dunkelbraunem Mahagoni und ruhend auf goldnen Delphinen; das sieht nach Empire aus, aber da man dergleichen früher denn doch nicht machte, verdächtige ich Josef ... Von hoch oben darüber fällt im Dreieck ein Sturz von wasserblauem und weißem Flor, — nie sahst Du so Kühles! — Dazu gehört noch ein Badezimmer mit Fliesenwanne im Boden, in die Stufen hinabführen — o Allermädchentraum! — Das ganze Haus wurde in den achtziger Jahren gebaut und eingerichtet, und da das Kunstgewerbe damals auf gichtischen Beinen stand, war Onkel Augustin fein genug, um ein entzückendes Durcheinander von Empire, Biedermeier und ein wenig Régence herzustellen, das sich nicht näher beschreiben läßt. In der Mitte ist eine große Halle mit Kamin, im Sommer düster, da die große Veranda davor — mit breiter Treppe zum Garten — rundum von wildem Weinlaub zugewachsen und auch davon bedacht ist. Vor der Veranda ist ein schöner, großer Rasenplatz mit einer sandsteinernen Sonnenuhr nicht weit von der Treppe, rundum dichte Gebüsche und allerlei Bäume, lustig anzusehn. Ein Zaun trennt unsern Garten von dem hintern Teil eines großen Bier- und Kaffeegartens, der nach einem alten Festungsturm, der noch zu sehn, der Döhrenerturm heißt und links sich ins Freie senkt in Gestalt einer Wiese, die auf unsrer Seite von einem Wässerlein, gegenüber von einem schönen alten Friedhof mit seiner türmchengekrönten Mauer begrenzt ist. Zwischen beiden, nämlich Bach und Kirchhofsmauer, ist ein Zaun ausgespannt, und von da aus strecken sich weite, weite Wiesen, die „Maschwiesen“ heißen, und ganz hinten sieht man Eisenbahnbrücken und noch ferner die Türme und die Fabrikschornsteine und den Rauch von Altenrepen.
Und nun höre das Einzige! Am Nachmittag nach meiner Ankunft führten Onkel und Vetter Josef mich im Garten herum, und auf einmal standen wir vor einem altertümlichen Gebäude, einer Kapelle mit drei hohen gotischen Fenstern. Da zog der Onkel einen zierlichen Schlüssel aus der Tasche, übergab ihn mir mit Feierlichkeit und dem Bemerken, dies sei mein Allerheiligstes, das er für mich erbaut habe. Gott, flogen mir die Hände, ich glaubte schon zu ahnen, ich schloß auf, so gut ich konnte, und richtig! Es war eine Orgel!
Kind! Liebstes! Magda! Mädel! Eine Orgel! Denke nur, eine richtige, große, herrliche Orgel, und ein wundervolles Instrument. Ach, es ist doch zu wunderschön, wenn man eine Art Nabob ist!
Und ist es nicht rührend von meinem Onkel? Nun siehst Du, wie schlecht ich gewesen bin, wieviel ich ihm abzubitten habe, denn Du erinnerst Dich gewiß, wie böse ich war damals, als er mich gleich nach Papas Tode in eine Pension steckte, weil ich mir schon viel zu alt und erwachsen und gelehrt vorkam und auch gedacht hatte, nicht grade unter ganz fremde Menschen mit meinem Schmerz gehn zu müssen. Daß Onkel seine Gründe haben müsse, daß er viel zu viel zu tun hat, um sich um meine Ausbildung kümmern zu können, daß es besser für mich war, den Schmerz zurückzudrängen und im Innern rein und schön zu erhalten, daran dachte meine damals siebzehneinhalbjährige Erwachsenheit natürlich nicht. Er aber, der doch in den paar Tagen beim Begräbnis eigentlich nichts an mir entdecken konnte als ein verweintes, unbedarftes Pastorentöchterlein, hat sich mein bißchen Orgelspiel auf meiner lieben alten, heisern Dorforgel so zu Herzen genommen, daß er, anstatt sich ein Landgut oder ein Automobil zu kaufen, ein geradezu unchristliches Geld für eine Orgel zum Fenster hinauswirft.
Also mein Entzücken! Natürlich war ich den ganzen Tag nicht aus der Kapelle zu bringen, nachdem ich unter reichlichen Tränen mit Papas Lieblingslied „Mein gläubiges Herze, frohlocke, sing, scherze“ begonnen hatte. Außerdem besitzt Josef unter seinen vielen Talenten auch das, ein musikalisches Genie zu sein, das heißt, er spielt Klavier, Geige und Cello gleichmäßig, wenn auch nicht gleichmäßig gut. Herrlich ist nur sein Vortrag, aber die Läufe kommen meist gewischt oder so andeutungsvoll, bloß Triller kann er schlagen wie eine Lerche. Immerhin brachte er die große Cellosonate, die ich gleich aufs Tapet legte, mit Anstand zu Ende.
Helenenruh, am 5. August
Meine einzige Renate!
Warum ich so lange geschwiegen habe, höre ich Dich schon lange fragen; — ich war krank. Ja, sechs Tage hab ich gelegen und recht gelitten. Es kam grade an dem Tage, wo ich Dir schreiben wollte, daher das lange Schweigen. O bitte, erschrick nicht, es ist nun alles vorüber und still geworden. Aber Geduld mußt Du haben und lange zuhören, ich habe Dir soviel zu sagen — und auch zu fragen. Am liebsten wäre ich ja zu Dir gefahren, aber ich kann hier nicht fort, Du sollst gleich hören, weshalb.
Ja, nun ist es doch eingetroffen — nein, so kann ich nicht anfangen, also von vorn. Nein, eine Frage muß ich gleich erst noch an Dich richten: Kennst Du oder Deine Familie in Altenrepen die Familie eines Sanitätsrats Bogner? Ein Sohn von ihnen muß schon vor langer Zeit sein Vaterhaus verlassen haben, um Maler zu werden. Du mußt mich nicht auslachen, ich weiß, wie groß Altenrepen ist, aber es wäre doch möglich, daß Du sie kennst, und ich habe das Gefühl, als könnte es mich trösten, wenn Du — nein, nun will ich anfangen.
Einen Tag nach meiner Ankunft hier bekam der Herzog Besuch von einem Maler Benvenuto Bogner. Ach, Renate, der würde Dir gewiß gefallen, und Ihr würdet Freunde werden, wenn Ihr Euch kenntet. Ich bin ja solch ein unbedeutendes Wesen. Man meint, wenn man ihn reden hört, das, was er sagt, sei gewiß das Letzte, was man über eine Sache sagen kann. Ach, und dann hat er uns etwas aus seinem Leben erzählt — aber das kann ich nicht wiedergeben. Ich habe aber gleich solches Zutrauen zu ihm gewonnen, daß ich — ach Gott, wovon rede ich?
Eben habe ich ein Weilchen am Fenster gestanden und die Stare im Obstgarten beobachtet; sie machen einen furchtbaren Lärm. Gott, wer bald mit ihnen fliegen könnte, wie Däumelinchen auf der Schwalbe, weißt Du? nach Süden, nach Altenrepen. Ach, Du weißt ja noch gar nicht, daß ich geflogen bin, richtig geflogen, mit einem Flugapparat, den der Herzog erfunden hat. Es war ganz sicher, o ein Riesentier wars, und das ging!! Nein, ich kanns nicht beschreiben, wärst Du mit gewesen! Und denke Dir nur, unser schwarzer Schwan — ach Gott!
Nun merkst Du schon, daß ich Angst habe. Ich komme und komme nicht dazu, Dir das zu schreiben, was ich will. Wenn ich nur nicht wieder einen Weinkrampf bekomme. Ja, Rena, acht Tage habe ich immerlos geweint und geweint, ich bin ganz entstellt. Als Kind hab ichs schon mal gehabt — nein, nun mußt Du Dich ja schrecklich sorgen bei meinen fortwährenden Andeutungen.
Der Maler war mit einem Bekannten gekommen, der sich aber nicht sehn ließ; er hatte ihn auch eigentlich nicht mitbringen wollen, denn er war gemütskrank, wie wir später hörten, aber Du weißt ja, wie gastfreundlich unser Herzog ist. Nun waren Georg und ich nach dem Frühstück ans Meer geritten, und als wir zurückkehrten, ich weiß nicht, wie es kam, war ich weit vorauf, und ob ich schon unruhig wurde, oder — jedenfalls fing ich auf einmal an zu galoppieren, durch das Wäldchen nach dem Weiher (vielleicht erinnerst Du Dich nach meinen Beschreibungen), und dadrin schwamm ein Mensch. Nun ging alles so furchtbar schnell, daß ichs kaum noch weiß, Rottraut flog ganz von selber in den See hinein, und ich kriegte einen Ärmel zu fassen und schrie, und dann kam auch Georg, und so brachten wir ihn ans Land. Er lebte und ist leben geblieben, und der Maler, der dazu kam, erkannte seinen Bekannten. Er heißt sonderbar, nämlich: Jason al Manach, und er ist auch aus Altenrepen.
Renate, weißt Du, was das bedeutet? Denkst Du noch an die Zigeunerin in Ayres-au-Mont? An die Prophezeiung? O lächle nicht, es tut mir so weh, wenn Du lächelst, Du weißt ja nicht, was noch alles kam.
Verzeih, siehst Du, da sind die Tränen wieder, sie laufen so von selbst, aber ich muß jetzt weiterschreiben, ich habe ja niemanden auf der Welt als Dich.
Das Wasser hat erst nicht geschadet, es war ja so warm, ich hab mich nur umziehn brauchen. Nur Deine schöne Stickerei ist hin; ich hatte die Bluse an mit dem Kreuzstichmuster, das ich Dir abgebettelt hatte; der eine Ärmelbesatz ist zerrissen, ich weiß nicht, wie es gekommen ist. Am andern Tage war dann die Erkältung da. —
Von dem, was noch am Tage passierte, kann ich weiter nichts sagen. Daß ich geflogen bin, weißt Du, es war nachmittags. Ich war so in Erregung, und alles war so seltsam, ein Gewitter gab es — es geht mir jetzt alles durchhin, und es ist ja auch gleichgültig. Nur von Artaxerxes muß ich noch schreiben. Er ist nämlich aufgeflogen, als ich in den See hineinplantschte. Später, beim Gewitter, kreiste er noch über Helenenruh und schrie dabei, und es war so sonderbar, als ob irgendein Zusammenhang zwischen mir und ihm — — ach, liebe Renate, Du mußt Dich nicht wundern, daß ich so verrückte Sachen denke, es ist alles in mir so verstört, die ganze Welt ist anders geworden. Und der Schwan ist doch nicht fortgeflogen, und das war sein Unglück, denn als wir über das Wäldchen flogen, wurde er von der Schraube getroffen, brach einen Flügel und stürzte hinunter. Wie schrecklich, nicht, Renate? Nun konnte er fliegen, und da warfen wir ihn wieder hinunter. Papa hat ihn richtig erschießen wollen, weil er sich doch nur quälen müßte, und Papa ist ja so, — aber Georg — ich hatte ihn gebeten — hat es erreicht, daß er leben bleiben durfte, und er scheint sich wieder zu erholen, und verhungern wird er schon nicht.
Ich kann nicht mehr schreiben. Morgen schreibe ich weiter. Gute Nacht.
6. August
Und nun wurde es Abend. Georg und ich gingen noch einmal an das Meer. Vor Dunkelwerden kamen wir in die Gegend von Lüdersens Deich und der Windmühle, die dort steht, und wir hatten grade den Maler getroffen, da ereignete sich das Schreckliche. In der Nähe der Mühle, auf dem Weg von Helenenruh erschien auf einmal al Manach, der den ganzen Tag im Bett gelegen hatte, er machte ganz wahnsinnige Gebärden, und dann stürzte er sich auf die Mühle zu, es war ganz klar, daß er in die Flügel hineinlaufen wollte, um sich umzubringen, und Bogner lief gleich hin, wäre aber viel zu spät gekommen, und da habe ich Georg sein Teschin weggenommen und habe al Manach in die Beine geschossen — o, ich kann schießen! — und dicht vor den Flügeln ist er zusammengebrochen. Da bin ich ohnmächtig geworden.
Und doch, doch, eh ich anlegte, und so schnell alles wieder ging, hörte ich deutlich eine Stimme in mir rufen: Tus nicht, es ist das zweite Mal! Aber da ging der Schuß los. Geschadet hat er nicht viel, es war ja Schrot. Und siehst Du, am folgenden Tage sagte Papa immer, es wäre doch hahnebüchen, einem lebendigen Menschen eine ganze Schrotladung in die Beine zu geben, und das war so komisch, daß ich furchtbar an zu lachen fing; ich konnte gar nicht aufhören, und dann ist ein Weinkrampf draus geworden. Nun ist es endlich still.
Tausend, tausend Dinge hätt ich Dir noch zu sagen, aber ich komme nicht weiter, und Du verstehst ja auch alles. O die Gedanken, die Gedanken! Es muß noch stiller, viel stiller werden. Schreibe mir bald und viel und von Dir! Vergieb, daß ich gar nicht nach Dir und den Deinen fragte, aber was Du schriebst, überstrahlt ja alle Fragen. Davon mußt Du mir mehr erzählen, und es wird mich mehr beruhigen als alles andere. Tausend innige Gutenachtküsse von Deiner
Magda
Helenenruh, 7. August
Liebster Georg!
Für Deine lieben, lieben Zeilen sei tausendmal bedankt! Ja, ich bin ganz wiederhergestellt, nur noch ein wenig schwach, aber das wird bald vorübergehn. Nein, ich schelte nicht, daß Du das Bild gestohlen hast, Papa hat es bei meinem Kranksein wohl gar nicht gemerkt, gesagt hat er jedenfalls nichts, und ich habe ihm jetzt ein andres aus demselben Dutzend hingestellt. Behalte es lieb, mein Bild, Du mußt Dich nicht wundern, daß ich das sage, denn, mein lieber Junge, Du darfst mir nicht mehr schreiben, und ich werde es auch nicht tun. Papa würde es nicht gern sehn — aber das ist freilich nicht der Grund.
O Georg, zürne mir nicht, wenn ich Dir jetzt kalt und herzlos scheine! Glaube immer, daß ich Dich lieb habe, daß ich keinen Menschen in der Welt so liebe wie Dich, aber Du darfst nicht mehr an mich denken. Nein, schreibe mir nicht, frage nicht, sei still, o versuche so still zu sein, wie ich es werden muß, damit ich das Leben ertragen kann, — auch wenn Du mich nicht verstehen kannst. Dir wird es ja gewiß auch leichter fallen, Du bist unter den vielen Menschen und siehst soviel und erlebst soviel, was mehr Raum in Deinem Leben beansprucht, was Du auch mehr brauchst und was Dir viel mehr geben wird, als ein kleines, armes Mädchen, wie ich, Dir geben kann, und — und das Beste hast Du ja schon bekommen.
Nein, Georg, Du darfst nicht fragen. Du würdest mich nicht verstehn, was nützt es, Dir zu sagen, daß es mit der Prophezeiung zusammenhängt. Du würdest versuchen, mir solche Gedanken auszureden, und das, siehst Du, das würde mir doch weh tun. Tragen helfen kannst Du mir doch nicht, ich würde Dir nur eine Last sein, das kann auch kein andrer Mensch, ich muß es ganz allein versuchen. O lieber Georg, ich muß manchmal denken, wie gut es ist, daß wir uns so fremd sind. Als ich zu Bett lag, hab ich das immer denken müssen. Es klingt vielleicht sonderbar, daß ich mit meinen siebzehn Jahren das sage, aber die Gedanken sind wohl da und kümmern sich nicht viel darum, von wem sie gedacht werden. Du weißt ja auch nicht, was ich in dieser letzten Zeit erlebt habe. Mir ist, als wäre ich viele Jahre älter geworden, und Du bist jung und hast unendlich viel Schönes vor Dir. Ich aber, Georg, ich darf an nichts mehr denken. O es war schön, als wir zwei auf dem Deich standen! Die Sonne sank, und der Mond kam herauf, wie die beiden Eimer in einem Brunnen, und mir war, als stünden wir am Rande der Welt, als wären wir weit aus dem Leben herausgetreten. Und siehst Du, Liebster, nur Du bist wieder zurückgegangen, ich bin draußen geblieben. Ich muß nun alles mit andern Augen ansehn, mir ist, als gehörte ich nicht mehr dazu, und wenn ich auch noch eine kleine Weile unter den Andern zu sein scheine, so bin ich es doch nicht mehr. Ich habe vielleicht noch ein wenig zu tun ... da ist der arme al Manach, der recht krank geworden ist und gepflegt sein will, das muß ich doch nun verantworten. Du bist gesund und jung und stark und kannst allein gehn und Dich wehren; ich muß mich nach denen umsehn, die leiden und traurig sind, die alles verstehn und alles kennen und nur Schlimmes erfahren haben.
Ach, laß mich aufhören, ich finde die Worte nicht! Mein Bild sollst Du liebbehalten und zuweilen ansehn, so als wäre ich gestorben, weißt Du, und das will ich auch sein für Dich. Nun geh, mein lieber, lieber Junge, vielleicht wirst Du mich einmal verstehn und nicht mehr mit Kummer denken an Deine Dich immer, immer liebende
Anna
Und nicht schreiben, nicht antworten, wenn Du mich lieb hast!
Altenrepen, am 9. August
Mein gutes Mädchen,
daß ich alles verstehe, daß und wie sehr ich mit Dir fühle und leide, das braucht Dir Deine Renate nicht erst zu versichern, denn das hast Du schon gespürt, als Du mir schriebst, nicht wahr? Es schmerzt mich sehr, daß ich nicht bei Dir sein kann, ich werde auch ganz gewiß versuchen, mich auf ein paar Tage loszumachen, aber Onkel hat in meiner Erwartung bereits die Haushälterin entlassen, und nun habe ich das ganze Haus um die Ohren. Dazu erwarten wir jeden Tag meinen Vetter Erasmus aus Marburg — es tut mir so schrecklich leid! Denn ich weiß ja, wie wenig mit dem Schreiben getan ist. Wenn man trösten will, macht das Papier alles kalt, und die Worte sinds ja auch nicht, ich müßte Dich ansehn, und Du müßtest mir glauben.
Ich stelle mir Deine Gedanken vor — denn wir müssen doch versuchen, tapfer zu sein, und der Sache ins Auge sehn — und versuche, zu denken wie Du. Nun schreibst Du von Eurem Schwan, der sich den Flügel gebrochen habe und erschossen werden sollte, Du aber hast für sein Leben gebeten und es auch erhalten. Ja, hör mal, was heißt das anders, als daß Deine Prophezeiung schon ganz erfüllt ist, nur die letzte Folgerung, die sich auf Dich selbst bezieht, die ist ausgeblieben. Nein, Kind, Du darfst durchaus nicht glauben, daß ich die Sache so ins Leichte und Oberflächliche ziehn will. Sieh mal, es kann doch für vernünftige Menschen (und das sind wir doch!) nur zwei Möglichkeiten geben. Entweder man glaubt nicht daran und sieht alles für Zufall an — nun, dann gehört auch der Schwan dazu, und die Prophezeiung war eben gelogen. Oder man glaubt, und ich selbst bin weit entfernt davon, irgendwelche Zusammenhänge zu leugnen, für die uns vielleicht nur ein Gefühl abgeht, das andre Menschen, wie die Zigeunerin, doch haben können. Oder also, man glaubt daran, ganz ernsthaft und überzeugt — dann gehört wieder der Schwan dazu, denn dann ist nichts geringfügig, ein Tier ist so gut wie ein Mensch. Und kennen wir nicht aus der Schule eine Menge Weissagungen und Orakel, die eintrafen, aber in einem ganz andern Sinne, als sie aufgenommen wurden? Wie war doch das mit Xerxes, oder wie er hieß, dem geweissagt wurde, er würde ein großes Reich zerstören, wenn er über einen gewissen Fluß ginge, und hernach wars sein eignes Reich, das er zerstörte. — Du wirst es genauer wissen, Du hattest ja immer ein Faible für Geschichte.
Liebling! Mein Vater sagte bei jeder Gelegenheit, wo es paßte, das Beste in der ganzen Welt wäre die Logik. Ich lasse das dahingestellt sein, habe aber jedenfalls versucht, der Sache auf möglichst natürliche Weise auf den Grund zu kommen. Du siehst, was herauskam: es ist eingetroffen und ist nicht eingetroffen. Da ich beinah anderthalb Jahre älter bin als Du, so habe ich natürlich recht. Das Rechthaben allein nützt freilich nichts, aber sollte ich Dich nicht ein bißchen überzeugt haben?
Vorläufig bitte ich Dich, über das, was ich sagte, hübsch weise nachzudenken. Du bist immer ein braves Kind gewesen und folgsam, und damit Dirs leichter wird, schicke ich Dir ein sehr ehrbares Bild von mir, das Onkel Augustin gleich nach meiner Ankunft hat machen lassen. Das mußt Du fleißig dabei ansehn.
Nun zur Beantwortung Deiner Fragen. Über eine Familie al Manach gibt der Adreßkalender (verzeih das Wortspiel, ich lerne so was von Onkel, der freilich mit etwas feinerem Witz begabt ist als ich) keine Auskunft. Den Sanitätsrat Bogner habe ich nicht nur im Adreßbuch gefunden (er wohnt übrigens in Waldhausen wie wir, zwei Straßen von uns), sondern auch von zwei Menschen etwas über ihn gehört, von Onkel und noch jemand (davon gleich!). Onkel erinnerte sich, daß Dein entlaufener Maler mit meinem Vetter Erasmus in die Schule gegangen ist, er schien auch mehr zu wissen, sagte aber nichts. Der alte Bogner übt übrigens, wie ich erfahren habe, keine Praxis mehr aus, er leidet selbst an den Augen und droht zu erblinden, das sag nur Deinem Maler. Und nun muß ich Dir von einer kleinen Freundin erzählen, die ich schon bekommen habe. Wirst Du auch eifersüchtig?
Am Abend hatte ich mich noch mal zu meiner Orgel geschlichen und so recht in Phantasien und Wehmut geschwelgt und war, als ich noch ganz fromm und trübe zurückging, in den Gemüsegarten geraten, da sehe ich über den Zaun aus dem Nachbargarten zwei unmenschlich große Kinderaugen auf mich gerichtet. Kinderaugen, dachte ich erst, aber das kleine Wesen ist schon achtzehn Jahr alt, wie ich nun weiß, und ziemlich groß, auch entzückend ausgewachsen; es trägt aber die Haare kurzgeschnitten, wie Deine Herzogin, aber in den reizendsten rotgoldenen Löckchen, und ein Gesichtlein saß darin, nein, so etwas Liebliches, Ängstliches und so etwas von Verweintheit — kannst Du Ärmste gewiß sehn, wenn Du in den Spiegel schaust, aber das mußt Du nicht. Das tat nun gleich ein zitterndes Mündlein auf und sagte recht innig und freundlich aus seinem grünen Buschwerk heraus: „Ach verzeihen Sie nur, haben Sie eben so wunderschön gespielt?“ Ich bekannte mich dazu, und da hat mich die Kleine gebeten, zuweilen so am Zaun stehn zu dürfen und zuzuhören. Gott, diese Unschuld, die sogar um Erlaubnis bittet, nassauern zu dürfen. Eh ich dann noch weiter mit ihr reden konnte, war sie entwischt, und ich sah nur noch, daß sie ein sehr schlecht sitzendes schwarzes Kleid und statt eines Gürtels einen — Rosenkranz trug, dessen Kreuz ihr nachflog. — Ein paar Tage später fiel mir mitten im Üben ein, die Kleine möchte wieder am Zaun stehn, ich brach sofort ab, lief hin, und richtig, da stand sie, hatte ihren Rosenkranz in der Hand und sah wie eine kleine Heilige aus. Da half nun kein Widerstreben, ich nahm einen Gartenstuhl, schwang ihn über den Zaun zu ihr hinüber und befahl ihr bei Todesstrafe, zu mir herüberzuklettern, und siehe da, sie machte es viel geschickter und natürlicher, als ich gedacht hätte.
Nun scheint es einmal so, daß ich für alle Menschen die Beichtmutter abgeben muß, in der Pension kamen sie ja auch immer alle zu mir. Die Kleine jedenfalls schmolz zu Tränen in meinem Schoß und flehte mich himmelhoch an, ich sollte ihr helfen, ihr raten, sie könnte das Leben nicht ertragen.
Sie heißt Irene von Herzbruch, aber die Geschichte erzähle ich Dir ein andermal, mein Herzekind, heut nur noch eins. Wie ich jetzt aus Deinem Briefe sehe, war es zu derselben Stunde, wo sich die Kleine bei mir ausweinte und mich auch ein wenig getröstet und hoffnungsvoll verließ, daß Du meiner bedurft hättest und gewiß an mich gedacht hast. Nun siehst Du, sollte es Dich nicht ein wenig freuen können, daß die kleine Irene das bekommen hat, was Dir fehlte? Ich denke wenigstens, so gleicht sich alles ein wenig aus. Ahnen könnte man ja freilich immer, daß es so ist, aber das gilt nicht viel, und hier kannst Dus einmal wissen. Ich habe es Irene schon gesagt, und sie schickt Dir einen schönen Gruß, und sie hätte es an Deiner Statt angenommen, wenn Du es erlaubtest. Erlaubst Du?
Nun genug, mein Liebling, Du mußt ja diesen Brief morgen noch haben. Schreibe bald, wie es Dir geht, versuche bitte! ich weiß, wie schwer es ist, aber versuche, das Heilsame zu denken und nicht das Giftige! Ich spiele die Orgel für Dich, mein Kind, und habe Dich von ganzem Herzen lieber als alle Andern!
Deine Renate
Es kommt ein Nachwort: Vergiß nicht, mir von Deinem Prinzen zu schreiben, er scheint ja gar nicht vorhanden zu sein. Übrigens muß ich Dir ja noch sagen, daß mir Irene erzählt hat, sie habe als kleines Mädchen mit einer Schwester Deines Malers gespielt, die aber schon früh gestorben ist. Er war damals schon davongelaufen.
20. August
Ach, Renate, Du hast gewiß recht, wenn Du sagst, daß er auf und davon gegangen ist, und so wird es damals auch gewesen sein, aber es ist doch nicht das rechte Wort. Und wenn er seinen Eltern damit auch Schlimmes angetan hat, so hat er dafür auch jahrelang das Schlimmste erduldet, Hunger und alle Entbehrungen und dann die Verlassenheit und tausend Zweifel, und die Sorge, ob er auch das Rechte tat, und keine Anerkennung, nicht einmal bei sich selber. Und sie hatten doch auch noch andre Kinder. Du mußt nicht denken, daß er sich dessen nun rühmt oder überhaupt davon spricht, aber man sieht ihm an, was er gelitten hat, und woher die Ruhe stammt, die jetzt in ihm wohnt. Nicht an seinem grauen Haar und nicht an den hundert Falten um seine Augen, sondern, so sonderbar das klingen mag, an seinem Lächeln. Hast Du einmal beobachtet, wie Menschen lächeln? Wie Du selbst lächelst, wenn Du liebenswürdig sein willst? Dann hebst Du die Oberlippe, daß man die Zähne sieht, und ziehst die Augen zusammen. Bei ihm aber kommt es ganz von innen, die Mundwinkel bewegen sich kaum, aber in den Augen fängt es förmlich an zu rieseln, es ist ganz unbeschreiblich. Das sieht freilich nicht jeder, Papa zum Beispiel sprach neulich von seinem „malitiösen Lächeln“, das kommt eben, weil er nur die Mundwinkel gesehn hat. Ich habe auch gewagt, ihn zu fragen, wie er nun jetzt über sein Davonlaufen denkt (Du mußt wissen: der Herzog und Georg sind Anfang des Monats abgereist, Georg macht die Aufsichtsreise seines Vaters mit, die er in jedem Jahr um diese Zeit unternimmt, und wird dann nach München gehn, um Nationalökonomie zu studieren; der Maler aber und al Manach sind hier geblieben, der Herzog hat sie gebeten, seine Gäste zu sein, solange es ihnen gefällt, und Bogner will jetzt die Herzogin malen). Also, da lächelte er so, wie ich es eben beschrieb, und sagte: Kein Mensch könne bei irgend etwas, das er tue, ganz abmessen, welche Wirkung es haben würde, und am wenigsten die Wirkung auf sich selbst, und er habe damals, als er sich zum Davonlaufen entschloß, nur mit einer Abwesenheit von ein paar Jahren gerechnet. So schnell, sagte er, dachte ich damals ein fertiger Mensch zu werden, aber nun habe ich freilich nur gelernt einzusehn, daß ich tausend Jahre alt werden kann, um das zu erreichen. — Ja, Renate, ich glaube, man wird hart bei solchem Leben, hart, wenn man auf sich allein angewiesen ist, und am härtesten gegen sich selbst. Kannst Du begreifen, wie fürchterlich es sein muß, sich ganz allein zu lieben? O Schwester, Schwester, mich graut vor dem Leben!
24. August
Drei Tage lang habe ich den Brief liegen lassen, ich fürchtete mich vor dem Weiterschreiben. Nun wird es immer stiller in mir. Ich lese Deinen Brief immer wieder, er ist so lieb, so ganz Du, so klug und gut, und das Schönste steht zwischen den Zeilen wie in Geschichten von Storm. Ja, es hat mich ein wenig getröstet, von Deiner neuen Freundin zu hören, aber nicht viel, und ich habe recht weinen müssen, es ist damit aber das letztemal gewesen, und sage ihr nur, wie herzlich ich ihre Grüße erwidere. Vergiß auch ja nicht, mir mehr von ihr zu erzählen.
Ach ja, Orgelspiel! Du mußt nun denken, daß ich so heimlich wie die kleine Irene am Baum stehe und zuhöre. Ich habe ja hier das Meer, mit der Orgel kannst Du doch nicht wetteifern.
später
Ich weiß nun, wie ich dazu gekommen bin, mich mit dem Schwan zu vergleichen. Vielleicht sag ichs Dir bald. Er hat sich übrigens selbst zu seinem Weiher zurückgefunden, er scheint sich zu erholen, ich füttere ihn täglich selber, Du solltest nur sehn, er ist ganz sonderbar geworden. Er versucht immer wieder zu schwimmen, aber sein gebrochener Flügel hängt schwer im Wasser und hindert ihn, dann wird er plötzlich ganz wild und hackt mit dem roten Schnabel in den Flügel, so grausam, daß die Federn fliegen, er wird schon ganz kahl. Nein, nein, nein, Renate, ich glaube nicht an Deinen Schwan, ich habe eine Angst, eine Angst! O, mein Gott, ich fürchte mich wahnsinnig! Hilf mir, Schwester, hilf mir! Was soll aus mir werden? Ich dachte, ich sei schon ganz ruhig geworden, ganz ergeben, aber ich habe nur gegrübelt und bin klüger geworden, o, lieber Gott, so klug, daß es mich graut vor meiner Klugheit. Sieh, da ist der Schwan, dem ist es gegangen wie mir. O, nun muß ich Dir endlich das Schreckliche beichten.
nachts
So, nun ist es still; nun endlich ist es still geworden. Heute nachmittag konnte ich — Gott sei Dank! — nicht weiterschreiben, die Herzogin bat mich, Harmonium zu spielen, und das war mir recht gut.
Du weißt wohl, daß ich Georg immer liebgehabt habe, wenn wir auch nie davon sprachen, aber ich habe ihn wohl schon geliebt, als ich noch ganz klein war. Nun habe ich an demselben Tage, wo das mit al Manach passierte, gemerkt, daß er anders zu mir war als früher. Das machte mich so glücklich, und dann bin ich ihm entgegengekommen. Weißt Du aber auch, weshalb? Das erste Unglück war schon geschehen, und ich habe gedacht, ich weiß gar nicht mehr, wie ich es fertiggebracht habe, so ungeheuerlich scheint es mir jetzt, — ja, ich habe einfach gedacht: wenn denn die Prophezeiung in Erfüllung gehen sollte, so wollte ich doch noch ein klein wenig von der Welt vorher haben. Nur wissen wollte ich, ob er mich auch lieb hätte, und da habe ich es so eingerichtet, daß wir noch abends allein auf den Deich gegangen sind. Nun, und da ist es so gekommen, wie ich hoffte, das kann man nicht schreiben, nicht? Du weißt es auch so, und nun, siehst Du, einen Augenblick durfte ich alles vergessen und nur selig sein, aber einen Augenblick später kam das mit der Windmühle, und da wußte ich, ich hatte es nicht tun dürfen, ich hatte schon kein Recht mehr auf mich und erst gar nicht auf ihn. Nein, kein Recht mehr auf mich, ich konnte ihm alles geben — Gott, was schreibe ich denn? — Ach, das zu denken, das war eine Last!
Ich habe versucht, es wieder gutzumachen. Ich war ja klug geworden und konnte so viel mehr denken, auch, daß es Georg nicht so schwer werden würde, mich zu vergessen, weil ich ihm doch eigentlich ganz fremd bin, und so habe ich ihm geschrieben.
Ja, damals war ich noch stark und glaubte, alles ertragen zu können, jetzt kommt nun die böse Sehnsucht, jetzt muß ich nur denken, daß ich wie der Schwan auf meinem kleinen, bescheidenen Weiher herumgeschwommen bin, und wie den Schwan hat mich der Schrecken aufgescheucht, daß ich zu fliegen wagte; ja, ich bin geflogen, und es brauste mich fort über das Meer, aus dem der Mond kam, und in das die Sonne versank. Da zerbrach mir der Flügel, und ich habe nicht einmal meinen Teich wiedergefunden, mit meinem lahmen Flügel, den ich nicht abhauen kann, denn mein Herz ist darin, und ohne Herz kann man doch nicht leben, oder kann man?
Es wird mir doch noch das Herz abdrücken. Das Sagen erleichtert mich zwar ein wenig, und die Nacht ist so still — ich habe früher nie gewußt, wie still die Nacht sein kann. Ich habe immer nur mich selbst gefühlt, und wenn ich zufrieden war, so wars gut. Meine kleine Lampe brennt, ich glaube, ich kann sehn, daß sie es gut mit mir meint, und auch die Wände sind freundlich, sind hell und so nah um mich, daß ich mich fast sicher fühle. Und Du bist ja auch da. Georg ist fort, ich habe ihn vor seiner Abreise nicht mehr gesehn, das wird für uns Beide nur gut gewesen sein.
Das mit dem Maler, daß er sich selbst geliebt habe, wie ich mirs dachte, das ist nun auch falsch gewesen, oder ich weiß nicht ... Man hört etwas von einem Menschen, und dann macht man sich eine Vorstellung, aber für ihn selber ist es doch ganz, ganz anders gewesen. Ich fragte ihn nämlich, wie man es anfangen könnte, sich selbst zu lieben, aber das verstand er gar nicht. Ja, wie man denn das könnte ... Wie ich nun verlegen wurde und ungefähr zusammenbrachte, was ich von ihm gedacht hatte, da meinte er, ich hätte wohl recht, denn er hätte immer nur für sich allein gelebt und gearbeitet, und nun könnte ich es mir ja so vorstellen, daß er der Kunst wie einer Göttin gedient und geopfert habe, und indem er sie genährt und vollendet habe, habe er sich selber gedient. Aber siehst Du, das ist es ja, er selbst hat es doch nicht gewußt, hat es nie bedacht! Er hat es einfach getan, — ach, Renate, wie himmlisch muß das sein, das Rechte einfach tun zu können! Aber ich bin nun ganz durchhin, und er selber sagte noch beinah hart zu mir: An ihn dürfte ich auf keinen Fall denken, er hätte es leicht gehabt, und überhaupt dürfte man nichts verallgemeinern. Ja, was soll ich nun tun? Ich muß doch lernen, muß doch erkennen, und ja — einen kurzen Augenblick war mir himmlisch zuversichtlich ums Herz. Weißt Du, wie es war? Wie bei einem Gewitter des Nachts, wenn man aus dem Fenster sieht. Da, bei einem Blitz, leuchtet der Garten draußen und die Bäume und Wege und Büsche hell auf, daß man sie alle erkennt, nur seltsam fremd und verändert sehen sie aus. Das weiß man aber: daß am andern Morgen, wo es hell und sonnig ist, der alte Garten wie neu und frischgebadet und funkelnd unter dem Fenster liegen wird, und man wird hineingehen können, er wird einem gehören, und man wird in ihm zu Hause sein.