So war ich mit theilnehmendem Herzen geschieden, betrübt, daß ich Arminien nicht bereden gekonnt, wenn nicht zu mir und meiner rechtschaffenen Mutter, doch zu dem ehrenwerthen Pastor für die Zeit der Gefahr im Vaterhause zu kommen. Aber ich sollte sie sogar auch längere Tage nicht sehen. Denn heut zu Tag nicht mehr für möglich gehaltene, wie aus einem modrigen Grabe schauderhaft auferstandene Gespenster bannten mich in ihr Pentagramm und entfernten mich von Hause. Ich hatte nämlich, nicht als Curiosität, sondern als Werthstück, aus Amerika, aus Massachusets den Katechismus mitgebracht, der zum Lehrbuch in den Schulen von den Vorstehern aller Confessionen war ausgearbeitet worden, und der keine Lehre enthielt, welche irgend Einer derselben ein sogenannter Glaubensdorn im sogenannten Auge ist. Diesen, der vielen dasigen Deutschen wegen auch deutsch gedruckt, hatte ich einst meinem Schullehrer, dem resignirten Predigtamtscandidaten gezeigt; er hatte ihn mitgenommen und danach seine Schule: Kinder von evangelischen, katholischen, reformirten und jüdischen Eltern des Kirch-Spiels zu aller Zufriedenheit, zu großer Einigkeit und wachsender Verträglichkeit, also mit Segen gelehrt. Damit war er vom Ambulanten Geistlichen verrathen, und deswegen vorsichtig des Nachts abgeführt worden, nicht etwa damit ihm kein Schaden geschehen solle, sondern keinem der Schergen. Geschehenes aber sind alle Leute, auch deutsche Leute zufrieden, und wenn der Himmel einfiele, ja sogar die Kirche, und sie hielten Gottesdienst auf dem Gottesacker wie nach einem totalen Abbrande. Zugleich war mein Pastor mit Absetzung bedroht, weil er der Vernunft Gehör gegeben; und ich, als Einschmugler dieses satanischen Katechismus, war zu einem sogenannten Colloquium, einem Gespräch das leicht an Collum, den Hals gehen kann in dieser letztbetrübten Zeit, mehr als nur eingeladen. Wer in Amerika erzogen worden, nur vom Hörensagen es kennt, ja nur daran denkt und sich je dahin, oder es zu sich her gewünscht hat, der kann meine Stimmung sich figuriren! Ich sah gleichsam Amerika in Person wirklich bei uns gelandet wiedergekommen, gebilligt, und festen Fuß fassen, wie einen klaren Mann, dessen Herz keine Beine hat, und darum nicht auf die Kniee fällt. Ich sprach also in dem Colloqium fest, offen, frei, stark, ein wenig — nicht vom hohen Pferde herunter, sondern vom hohen Sternengewölbe, und so etwa nur aus dem nächsten Jahrhundert, das diese letztbetrübte Zeit überwunden und an den Nagel gehangen haben wird; wie Chriemhilde den sie zu bändigen zu schwachen König, der zu ihrem Betrug die Nebelkappe bedurfte, aber mit dem Leben dafür büßte. Jetzt noch, half es uns nichts, daß die Kinder nachweislich mehr, ja alles zu glauben Verlangte auch richtig wußten; sie sollten dieses blos allein wissen. Das Buch sei Verbrennens- oder Zerstampfenswerth. Denn der Unsinn, die Unmöglichkeit desselben sei klar, da dasselbe, wenn es noch mehr Confessionen in Indien und China aufnehmen und versöhnen wolle, dadurch das Nichts darinnen stehe, als was Seine Gläubigen auf Erden läugnen, oder gar das, was alle Milliarden Bewohner der Millionen großen ewigen Gestirnen gut hießen, ja am Ende nur der Name Gottes und die Pflicht eines rechtschaffenen Lebenswandels darin stehen könnte! Quod non datur.
Da die Sache also schlimm werden konnte, so rieth ich meinem Schullehrer in’s Preußische zu flüchten, da noch kein Religionscartel in den Deutschländern bestehe, und sich dort um eine Stelle bei einem Bekannten von mir zu bewerben. Der Mann ging aber nicht; auch mein Pastor nahm keinen Rath an; und ich mußte erstaunen, so feste Ueberzeugungen, so unbewegsamen Muth aus gutem Gewissen zu finden. Mein Pastor hatte auch seinen Brust- und Herzenskranken Bruder bei sich aufgenommen, der katholischer Hof-Prediger in einer Stadt gewesen war, wo die Kirchenmusik von unzähligen Fremden bewundert wird. Ihn hatte die Reue ergriffen; er wollte wieder als Jude sterben, da ihn selber vernünftige Katholiken über manche Worte constituirt hatten. Und ich mußte wieder erstaunen, wie sehr aufgeklärt und vorbereitet eine unermeßliche Zahl deutscher Katholiken ist. Denn sie sind zuerst Menschen und Deutsche; das erklärt alles. Ich reiste, lange gehudelt, mit Extrapost wieder nach Haus. Aber auf der Station unseres lieben Postdirectors fühlte ich mich so unwohl, daß er mich nicht weiter ließ, in seinem schönen Hause, unterhalb der Landstraße in einem großen Blumengarten gelegen, gastfreundlichst aufnahm und selber den Doctor holte. Er fand mich krank an den Folgen der Politik, die jetzt noch zum Unglück unter die Herrschaft des Gallen-Gestirns falle; so daß den Menschen nichts recht sei, geschweige das Ungerechte, Anwidernde und Aufgedrungene. Und doch sei das Beste, daß sich die Menschen noch ärgerten und ergrimmten, (so daß jetzt viele, vom so civilen Militär und so militärischen Civil mit zusammengebissenen Zähnen stürben und im Sarge lägen;) da Lachen und Spotten eigentlich alles gut heiße, und dadurch nichts besser werden könnte. Daher er auch die einreißende und endemisch gewordene Predigerkrankheit, als eine Krankheit der alten mürrischgewordenen Erde, nicht mit repellentibus zu behandeln rieth, um nicht Ausbruch des Wahnsinns zu erzwingen. „Gott, sprach er, von welchem Unsinn und Starrsinn oder welcher Furcht bekommen wir Aerzte die Folgen als Herzschwindsucht, Verstandeschwäche, ja Geistesabwesenheit, Gliederlähmung und Verlust allen Appetites zu leben, in unsere Cur! Die Erde muß vor ihren Kindern erschrecken, welche sauere sardonische Gesichter sie ihr im Sarge heimbringen; und wenn Gott Jedem erlaubt zu petiren, weil die Pfaffen doch dasselbe als beten zur Pflicht machen, so mag ich jetzt nicht droben extrahirender oder vortragender himmlischer Rath sein. Wenn aber die Pfaffen, überführt, daß „zum Himmel beten“ auf Erden petiren sei, antworteten: Gott thue dennoch was er wolle; so wäre die Antwort unwiderleglich: Ja! Aber kein Mensch kann weder für alle wollen noch handeln, und das zu wollen, sei die Blasphemie: sich für Gott zu halten.“
Da hatte ich wieder zu erstaunen: über die Doctoren, sie, die in den ernstesten feierlichsten Tagen zu allen tausend Kranken gehen, mit ihnen und den Gesunden Vernunft reden, und sie über die Zeit und den Tod trösten. Ich wüßte auch gar kein Mittel, — nicht etwa blos Juden Doctoren werden zu lassen, wie es jetzt Tausende werden — sondern das: alle Aerzte vorher acht Jahre Orthodoxie studiren zu lassen. Ich aber war lange Tage krank und lag im Phantasiren oder in Schwäche. Der gute von Rizzi hatte meine rechtschaffene Mutter kommen lassen, und ich hörte wohl sie beide manchmal leise miteinander sprechen und verstand davon die Bitte meiner Mutter: „Nur jetzt sagen wir ihm noch nichts davon!“
Als ich darauf wieder nach den Dingen im Leben neugierig ward, fragte ich den redlichen Postdirector, der nichts auf dem Herzen behalten konnte. Und in großen Zwischenräumen von Nächten und halben Tagen brachte er mir verschiedene Gedanken zum Angehör. Einmal stöhnte er verwundert: „Ein Vater ist doch ein guter Mann; erst ist er aus Liebe der Diener seiner Frau, zuletzt der Sclave seiner Kinder!“ — Ein andermal: „Sollte man es für möglich halten, daß ein Vater fünfzehn Töchtern gestattet: fünfzehn Körbe auszutheilen! Man dankt Gott für Einen Freier, geschweige für ein Vierteldutzend Nehmer!“ — Wiedereinmal: „Sollte mir ein Pfaffe mein Haus zerrütten, alle Pläne ins Wasser werfen?“ Noch ein andermal: „Der gute Irländer! Nun hat er sieben durch die Blattern abscheulich entstellte Töchter, und die Kleine ist ganz blind!“ Aber wir wollen ihn glücklich schätzen; denn nur die kleine glückliche Araberin, oder Apfelsinerin, die Zwergin, ist gestorben. Das verständige Mädchen hat aber ein schönes Wort hinterlassen, nämlich den Trost: „Wenn Ich auch sterbe — wenn Gott nur leben bleibt!“ — Und der bleibt gewiß leben. Der Doctor nennt das Wort vollkommen, wenn, oder da Gott zuvor auch nur allein gelebt hat. Sie ist in Ihrer Kirche beigesetzt. „Unter 9 Tagen kein Begräbniß“ hat der Irländer verordnet, aber er bezahlt Geistliche und Schullehrer alle drei Tage einmal dafür, als wenn sie gesungen, geläutet und auf dem Kirchhofe die Parentation gehalten: „Sie war so fromm! — Sie war so gut!“
So hatte von Rizzi sich die Zunge gelöst und fuhr fort: Aber ihren Chirurgus letzter Klasse, den Salomon sollten Sie einmal sehen! Wer ihn zuvor nicht gekannt hat, der kennt ihn nicht wieder. Aber beruhigen Sie sich: Fräulein Brigitte hat ein offenes Billet für Sie, worinnen Arminia Ihnen schreibt:
„Weiß Gott, was Sie überrascht hat und mich, was Ihnen an mir so gefallen. Aber, ich kann Sie nicht lieben! Ich darf Sie nicht lieben. Wünschen Sie es aber, so will ich zeitlebens unvermählt bleiben; Ihnen zur Ehre und mir zur Strafe.“
Beruhigen Sie sich, damit Sie nichts Falsches denken: Arminia hat dieses Billet schon acht Tage zuvor geschrieben, ehe sie sich des Nachts unbewacht die Pockenmaske vom Gesicht gerissen, und nun schrecklich, statt so lieblich aussieht. Sie bedecken sich die Augen? Ich bedaure Sie. Die Schönheit verlieren, ist kein gemeiner Verlust. Die schöne Braut verlieren, wer kann das ertragen? Aber für Sie wird es einen Trost geben, eine Trösterin: das arme Häschen, die schweigende Brigitte! Ihre Frau Mutter meinen, vielleicht habe es nie treuere, einander selbst Glück und Liebe sich so aufopfernd gönnende Freundinnen gegeben, als diese beiden Mädchen. Aber aufrichtig gestanden: ich habe noch nie zwei Mädchen oder gar Weiber gekannt, die solche Freundinnen gewesen wären, wie viele Jünglings- und Männer-Paare. Doch da müssen noch andere geheime Dinge vorgefallen sein, die....
Meine rechtschaffene Mutter war leise genaht, hielt ihm den Mund: „das Posthorn“ zu, wie sie sagte, und nannte ihn ziemlich verblümt einen Klatscher. Als wir darauf allein waren, sprach sie: „Doch ist er gut und hat Gutes gestiftet, wie immer die Wahrheit thut. Du, mein lieber Sohn, thust am besten: entschlossen und rasch das arme Kind zu nehmen, das dich von Herzen liebt.... aber nicht geathmet hat, sich zu verrathen! Um unseren Verdruß in frohes Geschäft zu verwandeln, werde ich sogleich in der Stadt umherfahren, den Brautstaat und alles Nöthige zu euerer Hochzeit einzukaufen. Mein lieber Sohn, Gott segne Dich! und Dein Weib mit Dir! Du thust den alten Willen der Welt in Deinem; Du thust des Vaters Willen, und nun auch meinen — und dem armen Häschen! Sie weinte; und ich will nicht läugnen: ich verstummte und weinte.“
Ich — ich zog noch einmal Arminien aus dem Grabe, umhüllte sie mit dem Mantel, und sie ruhte an mir. Aber ich versuchte auch Brigitten mir so aus dem Grabe zu ziehen.... und die Sache gelang! Ja, ich trug sie fort, und fuhr mit ihr über den See in mein Schloß zur plötzlichen Hochzeit. Da saßen wir in Gold und Silber am Tische; die Kerzen brannten; vor uns hielten zwei Engel unsere verschlungenen Namen und Brigitte weinte Perlen; ihr alter Vater war vor Freude zum Jüngling geworden, und Herr von Sangallo sang wieder ein „Freut Euch des Lebens,“ daß ich vor Angst aus dem wachen Traume emporfuhr.
Da fragte mich der Postdirektor: Nun? geht die Sache? Das heißt „umsatteln!“ Glauben Sie mir, ich bin fast notorisch ein redlicher Mann durch und durch, liebte und liebe meine einfache Frau einfach; aber wenn sie krank ward und kränker, desto deutlicher flogen auch mir die Gedanken durch den Kopf und wie Federn um die Haare: „Wen wirst Du nur müssen zur Frau nehmen?“ und dann traten auch gleich verschiedene artige Persönchen vor mich hin, die ich sonst nur so gewiß freundlich angesehen hatte, weil ich wußte, daß sie gern Posthorn blasen hörten. So ist das Ding, und so sind wir. Aber wenn wir nun sogar müssen....
Und zu diesem Muß zwingt die Ehre, schloß meine rechtschaffene Mutter; diese langt hoffentlich bei meines Mannes Sohn! Laß Arminien dem Doctor Salomon; denn Doctor will er und kann er nun werden. Uebrigens es gleichsam keine Arminia mehr; ihr schönes Antlitz ist aus der Welt entschwunden; Du wirst sie nicht wiedererkennen, sie wird Dich nicht wiedersehen, Du wirst sie nicht wiederfinden. Wie sich ein Glaube ablösen kann, so kann und muß es die Liebe von verlorenen Dingen und Personen.
Ich war Mann genug mich zu fassen. Doch wie bedauerte ich Arminien, daß sie nicht mehr schön war, daß sie außer diesem höchsten Verlust für ein Weib und einen Freier, noch mehr als blos unglücklich geworden schien, oder war, da es meine rechtschaffene Mutter sagte! Und die Liebe, die sich in Mitleid verwandelt, hat den Keim zum Sterben gekeimt. Aber, wie sie versprochen, half mir meine Mutter durch Vorzeigen der eingekauften Dinge zu einem neuen Leben mit einer neuen Geliebten, oder wohl mit der ersten mir unbewußt-wirklichen, über meine Liebesrevolution hinweg. Ich fing an schon Brigitten zu sehen, wie sie in Thränen ausbrach vor Freuden über das Wort: „Mein Häschen, willst Du mein sein?“ Ich fühlte ihre Arme um meinen Nacken, als sie darauf mich mit uralter Gewalt der Mädchengewordenen Natur umschlang. Ich mußte mich freuen. Da schrieb ich zu Tagesschluß in mein „Nächtebuch“ die aus meinen Gefühlen mir zu hellen Krystallen angeschossenen Worte: „Wie süß und schön ist die Jugend! Und kein Kind vermag besser jung zu sein, als unbewußt. Unbewußt ist nicht ungenossen. Darum gehören Jugend und Unschuld so innig zu einander. Der alte Göthe spricht zwar: Was man in der Jugend wünscht, das hat man im Alter in Fülle. Aber das ist eine barbarische Unwahrheit! Denn was man auch im Alter habe, das hat man nur eben als selber alt, wenn alle Güter nur wenig bedeuten und sind. Denn ihnen fehlt die Glorie der Welt und die Fülle des Herzens. Und so erfreuten zwei Hände voll Kirschen ein Kind mehr, wie die Alten ein Hut voll Juwelen. — Und nun gar erst zwei Hände voll Himmelsgestalt die ein Weib heißt! Ich weiß zwar nicht, was der Geist ohne die Welt wäre, aber ich weiß, daß ich Brigitten nicht heirathete noch heirathen könnte, wenn sie ein bloßer nackter Geist wäre, und das wäre doch Jammerschade! Darum glaube ich mit allen Sinnen und Verstand, mit aller Liebe und Genüge an die Welt, die schöne Welt — das schöne Weib.“
Der Postillon, der mich zuletzt gefahren, hatte mir geklagt, daß er einen gar lieben „Schatz“ habe, mit der er so gern zusammen wolle, wie sie mit ihm. Aber sie hätten nichts und müßten wohl noch 12 Jahre dienen. Diesen hatte ich nun vor eigener Freude, Liebe und Hoffnung das Nöthige, die Heirath anzufangen und fortzusetzen, geschenkt. Sein „Schatz“ war gekommen sich mit Thränen bei mir zu bedanken, da ich sie doch gar nicht kenne und nichts Gutes oder Böses zu vermuthen sei. Darauf schrieb ich wieder in mein Nächtebuch ein schweres Wort:
„Wie arm und elend wäre die Welt, wenn sie nur die Liebe hätte, die sie Andern im Lande beweisen kann! Wie selten, nur bei Gelegenheiten und Noth, die alle Tage mehr verschwindet, könnten die Menschen da lieben? und endlich gar nicht mehr! Auch hilfe Andern die Liebe nichts, nur die Hilfe; höchstens wiederum nur den Helfenden selbst wäre sie angenehm, und Gerechtigkeit und Verstand ersetzen die Liebe nach außen völlig. Aber es ist sonnenklar: Alle sogenannte Liebe ist nur der schwache Abglanz und Widerschein von der Liebe derer, die allein wahrhaft, und, was alle Thoren auch einwenden möchten, heilig lieben; und wahrhaft selig und beseligend lieben nur Mädchen und Jünglinge sich, und als Gatten die Kinder; und die Kinder die Eltern, so lange, bis sie um den Gatten Vater und Mutter verlassen. Ueberflüssig und kein großes Wesen daraus zu machen, wenn nicht fast zum Lachen anstoßend wär’ es zu sagen: Liebender, Du sollst Deine Geliebte lieben! Mutter, du sollst Deine Kinder lieben. — Was ich da heute that, war auch nur ein Ableger, ein Nebenwunsch meiner alten Naturliebe, welche die Vögel und vierfüßigen Thiere, ja alle Elemente auf ihre Weise haben, selber Sonne und Mond, wie Löwe und Tiger. Ich wollte Anderen nur zu dem Glück verhelfen, das mir vorschwebt, wie ich zwei Fliegen nicht störe. Jeder liebt nur die Seinen und das ist für ihr Glück genug. Andere, liebe ich nicht, ich kann sie nicht lieben, und sie bedürfen das nicht, und sind es nicht fähig anzunehmen. Ich kann mir nur aus mir einbilden, daß sie sich lieben, und sorgen, daß ihr Glück gelingt oder nicht verkümmert wird. Amen, für immer.“
Mich erschreckte aber zuletzt meine Sicherheit: Brigitte werde das „Ja“ sagen. Denn „was ich liebe, ist mein“, ist nur eine einseitige leblose Einbildung. Geständlichermaßen lebt die Hoffnung auch nur so lange, bis das Erhoffte wirklich wird, und soll doch das Beste von allen Dingen sein! Credat Judäus, oder das glaubt einmal kein Jude. Der Glaube ist auch nur ein Fürwahr- oder nur ein Fürmöglichhalten des Gewünschten, der geträumte Wunsch, der immer anders geträumt wird, je dümmer, klüger, schlechter oder besser Jemand ist. Weswegen man sagen könnte: Gott glaubt erstaunend wenig, ja gar nichts. Aber die Liebe will erfüllt sein. Sie muß wahr, voll und ganz werden, sie muß es in den Armen halten, es muß sie wieder lieben, was sie liebt. Deswegen ist die Liebe von den berufenen heiligen Dreiköniginnen die vernünftigste und einzig zuverläßigste, allein unentbehrliche. Sie wird erst gültig und lebendig durch den Beweis, und den schönen, den süßen! —
Meine Nachkur hatte aus Tokayer bestanden; ich war wieder ganz der Alte, das heißt ganz der junge; nur wie mir die lieben, in solchen Dingen gar verständigen Töchter Rizzi fünfstimmig sagten, viel interessanter als blos glatte lackirte Jugendgesichter, durch mir sehr wohl stehenden Ernst und Blässe. „Wem die Weiber schmeicheln, der kann glauben, daß er unverschweiglich hübsch ist“ sprach ihr Vater dazu — und bot mir Courierpferde an, mir das Häschen zu fangen. Und ich brannte nach dem lebendigen Beweis. Der Brief meines Vaters befiel mich wie ein Fieber, ich hörte die Ehepredigt im Gewölbe der Kirche hallen, ich wollte keinen Tag, keine Nacht des Lebens versäumen, davon die alles berechnenden Amerikaner für den Ehestand 10,000 zählen, von denen 7000 auf Tara abgehen.
„Wer, der heirathet, denket an Kinder? Die Liebenden wollen nur sich; nur umeinander willen nehmen sie sich. Kinder fallen Keinem dabei ein! Der himmlische Vater sendet dann Kinder nur als kleine Engelseinquartierung; weswegen auch Leute ohne Kinder noch recht glücklich und ohne himmlisch sehnsüchtiges Seufzen leben, so lange sie jung sind — und nichts zu vererben haben;“ sagte mein Pastor einmal. Als ich aber mein Gut, mein Schloß, meinen Garten erblickte und Kinder darin — sah ich schon meine Kinder in ihnen und freute mich! Ich stieg aus. Ich nahte; es waren Kinder aus dem Dorf, die meine Aepfel plünderten. Die Jungen unter dem Baume liefen fort; aber ich half dem Knaben droben vorsichtig vom Stamme herunter, damit er mir ja nicht Schaden nähme! Dann gab ich ihm alle geschüttelten Aepfel für die Andern mit, in seinem schwarzen Schulmantel. Denn, als ich fragte, sagte er mir, sie begrüben den schönen, Zwerg heute, der in der Kirche stehe in seinem Sarge; die Herren und Fräulein wären schon alle darin. — Ich ging in die Kirche, um unter den verwandelten Umständen an dem feierlichem Vorgange mit Ehren schweigen zu können. Das ganze Haus von Heiligenhahn war gegenwärtig; auch Arminien glaubte ich unter dem Schleier an ihrer Gestalt zu erkennen. Ich biß auf die Lippen und stöhnte. Dagegen trugen die feindlichen Schwestern, Miß Dolly und Nolly, ihr häßlich entstelltes Gesicht, mit einem gewissen Stolz ohne Schleier. Der Baronet trat mich an, zeigte mit dem Daumen leise zurück auf sie und sprach: Sie tragen die Patent-Maske von Jenners Erfindung! Dinge, die so furchtbar gemißbraucht und verquacksalbert werden können wie diese verdammten Hölzchen und ***....., sollten gar nicht erlaubt sein. Alle Ehrfurcht vor der wahren Kuh, mit deren Schwanze in der Hand der fromme Inder selig stirbt! Aber allen Volkes abscheulichen Krankheitsstoff seinen Kindern aufladen lassen, das gleicht.... Sie werden mich verstehen, wenn ich Ihnen sage, ich bin indessen mit Weib und Kindern Protestant geworden. Kein Anstoß an etwa vorgeworfener fehlender Mission! Vernunft ist von Gott, und Handauflegen bringt sie nicht hervor. Darum ersuche ich Sie, unserer lieben Aïscha ein Ruheplätzchen in Ihrem Erbbegräbniß zu gestatten! Ich hörte auch von ihr das Märchen: sie sei irgend eines Königs Kind. Sehen Sie das Himmelskind nur an, und Sie werden nicht hart sein! Sie ist eine Fremde!
Ich drückte ihm die Hand. Sein Weib trat hinzu, und ich verhieß ihnen „keine Stelle im Winkel“ beim Kehrig, als sei die Todte die Schande der Gruft. Denn Göthe sagt, sprach ich, oder Schiller:
„Thörig, auf Bessrung der Thoren zu harren!“ Und die alten Grenadiere sagten zu sich bei Lodi: „Laßt uns das Männchen berühmt machen.“
Und wie alberner Stolz verspottet wird, wissen wir. Ich sah mir darauf die kleine Aïscha an, die wie ein himmlischer Schmetterling in ihren reichsten bunten Gewanden, die kleinen Händchen auf der Brust wie zum Gruß vor Gott gefaltet, schön wie ein Engel dalag. — Das Traurigste war mir, sprach die Baronin, das liebe Kind hat nicht nach Vater und Mutter verlangt! So abgewöhnt war sie von ihnen; so bescheiden und gut wollte sie uns nicht einmal im Tode kränken! — Dabei brach sie selbst in Thränen aus. Und doch mußte ich lächeln; denn der Baron hatte ihr, nur am kostbaren Mündchenstück sichtbar, ihre Tabackspfeife zur Seite mit in den Sarg versteckt. Mir gegenüber am Sarge, stand Brigitte mit niedergeschlagenen Augen, und doch übergoß sie Purpur, als ich sie ansah; dann wich sie mit gehobener Brust zurück, hinter die Andern. Denn mein Pastor erschien, und hielt die Standrede über: Das Unglück in der Fremde zu sterben. Er ließ uns nicht nur das liebe Kind beweinen, sondern er wünschte auch uns in der Heimath begraben zu werden; nicht länger, nicht lange mehr selbst in der vermeinten Heimath. Dennoch nur in der Fremde. Er erklärte uns aber, was Fremde sei, und Heimath: das Land des freien Geistes, so daß wir alle ihn wohl verstanden, als er uns mit Imbrunst wünschte: So lebt denn in unverfälschtem Herzen, in unverfälschtem Hause der Welt!
An den Schwestern Sangallo, die doch Trauer um Landgraf hatten, war nichts durch Kleidung Bezeichnendes zu sehen. Wer traurig ist, gedenkt nicht der Farben; wer keine Trauer fühlt, ist ein schwarzer Heuchler mit oder ohne Stockdegen, sagte mein Schullehrer, der mit ihnen vom Chor eine rührende Motette aufgeführt hatte. Als alles aus war, saß Herr von Sangallo noch an der Orgel und phantasirte höchst traurig über die Melodie: „Freut euch des Lebens“ mit Posaunenbaß und Tremulanten! Der Schullehrer stieß mich an; mir fiel bei, daß mit dem Liede ein stiller Irrsinn anfange. Ich unterbrach ihn; er sah mich freundlich an und drückte mir die Hand, als einem armen verlornen Freunde.
Ich ging von ihm auf den Thurm bis zur Durchsicht unter den Glocken. Ich sah nach Westfrei, ganz geblendet von der Pracht am Himmel; denn die Sonne ging unter und alles war golden. Ich wende mich um — da steht Brigitte! nicht etwa wie ein Engel, sondern geradezu als Engel; wenn Menschen, wenn Jungfrauen Erscheinungen auf Erden sind, und wenn hoffentlich nicht aus der Hölle, also gewiß vom Himmel. Federn machen die Engel nicht aus, sondern Schönheit, Liebe, dienstbares Wesen; denn sonst wären die Störche auch Engel, die jetzt mit Geklapper aus ihrem Nest über uns aufflogen, mir zum günstigen Zeichen, als die Schulkinder jetzt mit der schönen hellen Glocke meiner rechtschaffenen Mutter der Sonne zu Grabe läuteten. Ich ergriff Brigittens beide Hände; sie wollte sie zum Gebet falten; ich ließ sie nicht los; und so beteten und so schwebten unsere vier Hände vor ihrer Brust, während unsere Lippen schwiegen. Als die Glocke verstummte, hielt ich es für keinen Raub, sie zu küssen, da sie mit geschlossenen Augen vor mir stand, und gewiß an ihre gestorbene Mutter dachte, zu der sie einen Augenblick hinunter in die Myrrhenduftige Gruft geschlichen war, aber blaß wie ein Schnee daraus heraufgekommen. Denn sie klagte mir jetzt: Man sieht die Todten nicht mehr! Darum hat mir es am tiefsten das Herz durchschnitten, als drunten die kleine Irländerin, jetzt durch die Blattern blind, vom Vater verlangte, daß er ihr ihre Gespielin doch noch einmal im Sarge sehen lassen sollte, wenn auch dann nichts Anderes mehr auf der Welt. Denn die gute kleine Tochter schreibt alles aus grenzenlosem Gehorsam, dem Wunsch und Willen ihres Vaters zu, der ihr jetzt auch verboten habe zu sehen! O wie sie ihn bat, Lichter anzünden zu lassen! und auf die Antwort: „da langen hundert Lichter nicht“, rief: Vater, so zünde tausend an! Darauf trug er sie sich fort. Und Herr von Sangallo flüsterte mir dabei ins Ohr: „Freut euch des Lebens! Freut euch der Töchter! Besonders derer, die dem Vater das Herz zerreißen“ — da meint er Arminien, o Gott!
Sie brach ab. Ist sie denn gar so entstellt? fragt’ ich. Sie schwieg. Und ich fuhr fort: Ich habe schon eine andere Braut; heute Abend kommt sie zu uns zu Tische; da ist Verlobung, und längstens in acht Tagen Hochzeit; denn der Dichter sagt, was alle Menschen fühlen und wünschen:
Und Sie schweigen! Brigitte! Sie wollen nicht einmal wissen, wie meine fromme, edle, himmlische Braut heißt? O weh! Ich hätte Ihnen mehr — — ich weiß nicht was — für mich zugetraut! Doch wenn Sie eine zu gute Freundin sind, so will ich Ihnen den Namen meiner Braut ins Ohr sagen. —
Ihre Seele wollte ihn nicht hören, darum neigte sie das Köpfchen nicht; aber aus — o aus Liebe! wandte sie das Gesicht — weg, und also das Ohr mir zu — und ich flüsterte ihr den Namen „Brigitte!“ in die Seele, durch Mark und Bein. Aber sie fiel mir nicht ans Herz. Sie, sie sprach nicht einmal Ja! sondern sie legte Arme und Kopf auf das Gesims. Ich rührte sie nicht an. Ich blieb lange so stumm und glücklich. Eigentlich sollte man ewig so stehen bleiben können! Wer glücklich geworden, sollte versteinern, oder ganz aus der Welt verschwinden! Dann wäre die Welt etwas werth und selbst etwas. Ja: Etwas! etwas Heiliges und Seliges. Aber nur Etwas. Sie ist mehr, und wir sind mehr, nämlich Alles. — Und nach langer Zeit erst sprach ich: Brigitte! Meine Brigitte, ich gehe. — Folge mir nach, hinab auf die Erde, ins Leben.
Und sie reichte mir ihre linke Hand unter dem Haupt hervor; sie erhob es und sah mich an! Wer? Was, konnte so ansehen, wie die Liebend-Geliebte!...
Drunten kam mir meine rechtschaffene Mutter mit einem Manne entgegen, der nun mein Schwiegervater hieß, der mir mein Weib erliebt und erzogen. Sie hatte mit ihm väterliche Richtigkeit gemacht, wie sie mir winkte. Ich nahm seine Hand; er schloß mich in seine Arme und drückte mich an den neuen grünen Rock über dem alten Menschenherzen und nannte mich einen Sohn. Mit solcher Freude büßen einst nur so platt genannte „Verliebte“ ihre Liebe, mit den schönen lebendigen Folgen!
hätte jetzt mir der Aufsinger der nobelheidnischen Niebelungen gesagt. „Das arme Häschen“ war aus, und ich hatte ihr nun das Märchen der Liebe zu erzählen; und sie hörte mir zu wie ein Kind. Die Welt hat nicht viel, selber ihre Seele hat nicht viel; und doch ist sie kein armer Teufel; denn das Wenige ist unermeßlich, sie hat es immer wieder; und mit den paar Gerichten hält sie über alle Sommer und Winter der Sterne aus! Die Mutter hatte heimlich in Brigittens Zimmer allen prächtigen Brautstaat ihr ausgelegt, und Seide, Geld, Perlen, Juwelen, und Spitzen schimmerten und funkelten sie an, als sie mit den Leuchtern schon froh wie eine Himmelsflamme hineingetreten, um in ihrem ärmlichen Bettchen zu schlafen. Sie kam noch einmal herüber zu uns, und wir mußten kommen ihr bewundern helfen — und ich sie zu bewundern.
Es half nichts. Wir fuhren am andern Vormittag nach Westfrei, und ich stellte dem Hause Heiligenhahn meine Braut vor. Sie erschien allen eine andere Person und ging von Brust an Brust der Freundinnen. Dann ging sie hinauf zu Arminien und kam mit verweinten Augen zurück. Der um allen Schändlichkeiten gegen das Vaterland gründlich zu entgehen, Protestant gewordene Irländer war die Nacht abgereist, aber nur mit Weib und fünf Töchtern. Denn ich sehe noch Dolly und Nolly im Hause, die beide eins, nicht mehr zu bewegen gewesen waren, einen Schritt in die Welt thun und sich vor aller Welt immer neu zu schämen! Der Vater hatte wenigstens die Genugthuung erlebt, daß die feindlichen Schwestern durch gleiches Unglück bewogen, sich versöhnt und sich ewige Freundschaft zugeschworen. Er hatte ihnen gerathen, sich zu verheirathen; und sein von mir beeifersüchtigter langer Pädagog hatte glücklich sein Ziel erreicht: sich eine reiche Tochter des Hauses anzuabälardisiren; ein Fall der Vorgang und Nachgang gefunden, und Vater auf Sohn erblich zu werden verspricht. Ein sehr schöner Lieutenant, dem ein nur von Gesicht häßliches, aber sehr reiches und gutes Weib, von einflußreicher Familie auch lieber geschienen, als der Methusalemorden, war gleichfalls gegenwärtig, und mir wurden, als doppeltes Paroli, zwei irländische Bräute präsentiert! Zum Abschied gab uns der Hausvater unter Thränen die Lehre mit: „Und weichet keine Meile weit von Gottes Wegen ab!“ Brigitte erröthete und schien den Grund dieser Lehre zu verstehen. Ich erkannte nur die Folge der geheimen Ursache: den stillen frommen Wahnsinn! Dagegen sagte sie ihm leiser, doch hörte ich’s wohl: „Mögen Ihre frommen Segenswünsche mich begleiten! Ich werde sie brauchen, um meinen, o Gott, Mann, so zu beglücken, wie er es verdient und mein heißestes Bestreben ist. Wenn Er nur glücklich wird, immer zufrieden ist, dann will ich es auch sein! Aber ist Er es nicht, verhindere ich sein Glück, und bin ich es nicht, so ist mein inniger Wunsch zu sterben.“ —
Zu unserer Hochzeit kam niemand von Westfrei. Dagegen hatte ich die im Leben und nun auch im Heirathen zu längerer Geduld verwiesenen Herren Offiziere, Referendäre und Candidaten als vormals verhoffte Herren Schwäger gebeten, und sie hatten es angenommen: „um sich einmal recht herzlich zu ärgern.“ Ein leider gewöhnlicher Grund zu den neuen befohlenen und freiwilligen Festen. Auch die vier schönen Söhne des Herrn von Stifter saßen kostbar zu Tisch; Herr und Frau hatten sich entschuldigt. Meine Braut hatte zu weiblicher Unterstützung die fünf verlobten Töchter meines redlichen Freundes, des Postdirectors, der mich in eifrigen Stellen der Rede heute Du nannte und mir heimlich erzählte: Die vier Söhne sollten ihren Vater gefordert haben, was ihn sehr alterirt hätte. — Aber auch der arme Vagabund Nox, überall verlacht, hatte sich eingestellt; und ein Gespenst, ein Revenant, der vor 10 Jahren eine Unmöglichkeit gewesen und an gewissem Orte ein Unterkommen gefunden, saß, leibhaftig, doch aus Commiseration mit am Tische. Daß seine Kunst betteln gegangen, hatte den Irrsinn in ihm in den Wahnsinn veredelt: er seit der Engel Tobiä selbst; wodurch seine Seele sich retablirt und sicher constituirt. Darum legte er nie eine Art Mantelkragen ab, daß niemand seine Flügel sehen sollte! Er erzählte uns unter andern, daß er neulich in Mannheim, der Stadt der am schönsten, gewachsenen Mädchen in allen Deutschländern, vom Chor der Kirche auf sie herabgeschaut, und ganz wunderliche Heirathsgedanken, und mehr wie Gedanken, empfunden habe und setzte naiv hinzu; „Das war wohl sehr Unrecht von einem lieben Engel!“ — Verzagter wie er, konnte niemand sein. Er dachte nicht mehr an’s Weihen und Räuchern und schauderte allemal, wenn ihn meine rechtschaffene Mutter, der Pastor oder der Schulmeister nur ansahen. Daß aber ein Verwirrter auch ein redlicher Mann sein könne, und ein redlicher Mann ein Verwirrter, der Verwirrungen und Unheil stiftet als ein Redlichverwirrter, das wird uns klar, wie der Grund auch jenes Schauders vor meinen amerikanischen Augen, mit welchen ich ihn und die hiesige neue Welt ansah. Wie sich kaum Jemand anders als ein Cretin jetzt schon ohne irgend einen Stachel im Herzen zu Tische setzt, so ward uns noch dazu die Hochzeitstafel verbittert — durch Lachen. Mein Pastor erhielt mündlich über Tische die schriftliche Aufforderung zur Vertheidigung: Aus ehrwürdigem Munde eines Augenzeugen, sei die „auf Reinheit“ bedachte Anzeige eingegangen: daß eine Ungläubige an gläubigem Orte beigesetzt worden, ja sogar mit einem profanen Werkzeuge an der Seite. Es erfordere das Attest, daß jener Fremde mit seinen Kindern und dem todten Kinde, von ihm bekehrt sei.
Ein Verstummen erfolgte, das tausend Reden werth war. Einige riethen dann, es müsse ein Säbel gemeint sein, oder der Dolch. Der Pastor meinte: Der Baronet hat meine Zeugnisse. Sollen wir uns auch noch Atteste von Bekehrten geben lassen? — Das kleine Mädchen war unbekehrbar fest, und wer kann Sterbende peinigen! Leben wir wirklich in König Kreons Tagen?
Darauf wurden Gesundheiten in Strömen getrunken; die edelsten Trinksprüche ausgebracht, selbst dem Revenant, der sich als Angeber angab; und die Amphibie, die ein Engel und ein redlicher Schuft war, trank seelenfroh mit. Zuletzt tranken alle uns, dem Brautpaare, zu: Auf glücklichere Kinder, in einer vernünftigen, krieglosen Zeit!
Nach aufgehobener Hochzeittafel blieb ich mit meiner lieben Jungefrau allein auf dem Altan des Saales. Unter uns im Garten strausirten und sangen die Gäste. Und nur einzelne Worte von Diesem und Jenem drangen zu uns verständlich herauf. Jetzt vernahmen wir: „Sorgen wir Alle, die wahre Liebe wieder aufzuwecken, damit wieder selige Paare werden! Dazu verlangt es ein ganz neues Vaterland im alten, das vielleicht die Industrie mit der Vernunft möglich machen wird.“
Wie glücklich waren wir schon vor Tausenden! Wir hatten uns!
„Elend sehen, ist auch ein Elend, und vielleicht das größte, des Großerherrenelend, oder der guten Seelen.“ Hörten wir dann wieder. Verloren ist der, wer Ketten braucht: da giebt es die Adelskette. Aber der unermeßlich reiche, weil unzählige, gelernte und gelehrte und reiche Bürgerstand braucht keine Kette. Die reichen Bürger-Väter denken so patriotisch, ihre reichen gebildeten Töchter nicht mehr, nach dem classisch gewordenen Ausdruck: als Dung fortfahren und dann doch verachtet, tausend Thränen über allerhand Zurücksetzungen vergießen zu lassen. Der Bürgerstand braucht sein Geld; der Bürgerstand kann das Meiste, selbst große Dinge ins Werk setzen durch Vereinigung. Der Bürgerstand nur erhält die Literatur und die Literaten, die Wissenschaften Kunst und Künstler. Das sehen nun alle ein; wenn die Anderen, ihrem Stande gemäß zu leben, erschöpft, erstarken sie durch Fleiß, Arbeit, Kenntniß und Mäßigung. Und der Bürgerstand ist der durch alle ausgezeichneten Köpfe, in allem Volk immer sich verjüngende, bei Ehren haltende Stand. Frei und geachtet wie einer, dürfen alle aus dem zahllosen Bauernstande ihm sich anschließen. Darum muß die allergrößte Zahl des Volkes, der Bauerstand wohlerzogen, wohlunterrichtet werden. Bibel und Fibel langen nicht aus zum Leben. Die Diatheke ist erhaben über Wissenschaft, Kunst und Gewerbe, ohne welche doch das Land verkümmerte! Kein Weisheitsspruch lehrt nur einen Topf drehen; durch Beten fliegen die Steine nicht zu einem Hause zusammen. Zum Leben gehört alle Wissenschaft und Kunst. Deswegen wird ohnfehlbar Jeder verworfen, der gerade das Volk nichts lernen zu lassen, so wahrhaft-gottlos, so redlich verwirrt wäre. Aber einen solchen Menschen kann es nicht länger geben, als bis er die Hörner herausstreckt, und Ein Schrei der Entrüstung im ganze Lande ihn verschwinden heißt.
Die getäuschten Bräutigamme bedauerten dann sich selbst darum, daß Ein Unsinniger jetzt einem edlen Adligen unmöglich mache: seine Schaar Töchter sogar an brave Bürgerliche zu verheirathen; wodurch sie durch schöne gute reiche Weiber von der Galeere der Geduld, ja der Noth erlöst worden wären. Und nicht lange, so sangen sie im Chor ein Lied, dessen ersten Vers wir deutlich vernahmen:
Vier Stimmen:
Chor:
Dann verstanden wir, der rauschenden Blätter oder der veränderten Stellung wegen, nur wieder den Chor: „Verkauft Euch nicht! die Zunge um die Zunge; Das Herz für Kreuz, für Trümmer alles Junge!“ Dann erst wieder die Worte: „Ihr braucht nicht Sie,.... Sie brauchen Euch.“ Darauf erst wieder den vorletzten Vers:
Chor:
Der letzte Vers verscholl im Winde. Im Chor stockte allen auf einmal die Stimme. Sie beugten sich vor; sie starrten einer Entscheidung entgegen; sie wichen zurück; sie erhoben die Hände, dann stürzten sie plötzlich alle auf Einen hinzu, der vor ihnen, mit dem Hut in der Hand, stehen geblieben war; sie umarmten ihn, sie erdrückten ihn fast und riefen mit Jubel: „Rheingraf! Gott! Rheingraf! Rheingraf, Du bist es leibhaftig!“
Wir eilten vom Altan in den Garten hinunter. Er war es: Wir erfuhren mit kurzen, alles aufklärenden Worten: Er war auf dem Schiff krank geworden. Der Arzt hatte gerathen, ihn auf Helgoland auszusetzen. Das Schiff war darauf mit Mann und Maus selbst untergegangen. Er hatte lange Monde ohne eine Besinnung gelegen. Dann hatte er unrichtige Adressen gemacht. Bis er hergestellt, sich besonnen heimzureisen. Als er unterwegs gehört: er sei gestorben, war er zuvor hier bei mir eingekehrt, um seine Afanasia, Schwestern und Vater vorzubereiten. Mein Pastor schiffte sogleich ab; bald ein Kahn voll neubeselter Freier hinter ihm drein. Auch ich und Brigitte. Und im Niebelungenliede würde von uns gestanden haben:
Indessen fuhr ich denn doch auch von dieser Freude, wie nicht im Himmel sein kann, zu meiner Hochzeitnacht nach Hause. Eben weil solche Freude nicht im Himmel ist, kein solches Weib, ja einmal keine Nacht!
Wir lebten ruhig und glücklich. Der Bruder meines Pastors war gestorben hatte ihm ein ansehenswerthes Vermögen hinterlassen. So erwartete er ruhig seine Absetzung, auf welchen Fall ihm die freien Dörfer schon den halben Dezimen fortzuschütten sich verbindlich gemacht. Die Gemeinen haben Vernunft und bekommen Halt durch Einigkeit. Auch der Schullehrer war von ihnen versichert. Dies und hundert Anderes wirkten auf den edlen Generalvater, dessen Vater schon ein Muster der Gutsbesitzer und Patrone im Lande geworden, mit ungemerkter Gewalt. Denn es vermag Niemand zu sagen, wie sehr „das Wetter der Zeit“ ihn durch unbeweisbare Einwirkung stimmt, und sein Leben bestimmt. Das Wetter macht die Erndten: Der Einfluß der Umgebungen macht die Dorf- und Weltgeschichte. Denn in der Nähe war folgendes geschehen: Die Frau Heidemann, die ihre Tochter dem armen jungen Menschen nicht gegeben und sie darüber verloren, hatte ihrem Sohne nun Hochzeit gemacht, war aber von Reue ergriffen, vom Hochzeittisch weg auf den Boden geschlichen und hatte sich, als Opfer ihrer ersäuften Tochter, gehangen. — Ein alter General, der eine Geschichte der Sachsen im siebenjährigen Kriege geschrieben, worin er sonderbar klagt: „Das war der erste Nagel zu unserem Sarge! Das war der zweite Nagel! Das war der dritte Nagel!“ hatte endlich die Letzte von seinen vielen Töchtern glücklich verheirathet — und sich den Morgen darauf erschossen auf seinem Gute Tsch....dorf. — Ein Herr aus Braunschweig war zu uns nach Südfrei gekommen, mit der erschütterten Neuigkeit, daß ein kolossaler oder pyramidaler Freund, ein edler deutscher Mann, der Herr von Münchhausen, mit seinen zwölf kolossalen oder pyramidalen Söhnen an der Grenze von Texas, wo er einen neuen deutschen Stamm gründen wollen, von den Wilden sei gehangen worden. — Die arme Frau von Stifter, eine Oberforstmeisterstochter, hatte mit ihrem Mann — Pistolen geschossen, und ihm — „zufällig“ dabei eine Kugel durch die Brust, die ihn nicht gleich getödtet, an deren Folgen, nach Salomons Urtheil, er aber nach und nach versiechen mußte. — Mit dem am Irländer verdienten großen Ehrensold war Salomon selber fort, Doctor und unabsetzbarer Hausprediger zu werden. — Arminien wollte eine Bekannte in Nürnberg gesehen haben.
Unter allem diesem „Wetter“ ließ nun der Generalvater sein Gut Westfrei in 20 „Höfe,“ jeden mit 500 Morgen schöner fruchtbarer Feldmark theilen; nur das Schloß besaß 1000 Morgen. Die Höfe alle bekamen Namen von allen seinen Töchtern und wurden ausgebaut und eingerichtet. Dabei war auch der mir jetzt verständliche Arminienhof, sichtbar der schönste und beste. Das Schloß bekam den Namen Prytaneum. Ueber alle diese, mit seinem ernsten ja finsterem Geist ausgeführten Anstalten verging auch der Herbst, der wie zum Dank und zum Segen des schweigendliebenden Vaters wundervoll schön und heiter war.
Endlich, um Lichtmesse, ward eine Generalhochzeit gleichsam ausgeschrieben. Die Töchter strahlten von seliger Arbeit. Jede verstand allein einem Hauswesen in allen seinen Zweigen vollkommen vorzustehn; denn alle hatten nach und nach jedes einzelne Geschäft lernen müssen; im Garten, in der Küche, im Bewahrhause und jede wußte alles Erforderliche hervorzubringen, aufzubewahren, und zuzurichten, von Brot bis Berlinertorte, von Radischen bis Ananas, von Flachs bis zum altasglänzendweißen Tischtuch. Jetzt arbeiteten sich alle mit Lust in die Hände, dabei herzten und küßten sie sich untereinander einen Augenblick, wenn sie sich begegneten. Endlich waren die Bräute, kurzzeitige Bräute, und ihre Bräutigamme, alles auserlesene junge Männer: Fünf Candidaten, drei Offiziere, drei Referendäre, die vier Söhne von Stifter und Student Salomon. Zugleich lagen die lieblichbunten Verlobungsbriefe von Nolly und Dolly, zusammen Achtzehn vor uns. Nur die jüngste Tochter war unversorgt, die liebste, Armgard.
Zum Hochzeittage, auch kein Wunder, nur eine natürlich erfolgte Cumulation, Anhäufung oder Vereinigung, fanden wir uns aus Ostfrei in Schloß Westfrei „dem Männerstift“ ein, mit einem Beikahn voll Hochzeitgeschenke, die meine rechtschaffene Mutter für mich, mein Weib und sich selbst höchstreichlich geschafft und passend erdacht. Die Gäste, außer dem heut stöhnenden Herrn von Rizzi, der im Kahne mit blasenden Postillonen gekommen war, schienen wirklich alle sich zum Troste, wie dem Generalhochzeitvater als mildernde Folie gebeten! Denn da war der Maurermeister G... aus der nahen Stadt P... mit neun lebenden Söhnen und einer Tochter. — Der alte Hof- Haus- oder Stall- — eigentlich: Pferde-Sattler G.... aus M..... mit siebzehn Kindern von seiner ersten Frau, und zweien von seiner zweiten, und vieren von seiner dritten. — Dann der Herr von D.....z auf D.l..g mit neunzehn, also lebendigen Kindern von seiner einzigen noch liebenswürdigen Frau, die wirklich jungfräulich immer wieder über so viele — Kinder erröthete! Ihr Mann, der Landes....., aber stellte seinen jüngsten Sohn Rudolph, einen Coloß, mit besonderem Vergnügen vor, mit der Geschichte, daß derselbe ein elendes Kind gewesen; aber zur Stärkung stets in dem frischausgeteigtem Backfaß so freudenreich erzogen worden sei! Kurz der Generalvater erschien als ein ganz gewöhnlicher Mann, deren Wenige nur „so viel Glück“ hatten. Die vorläufige köstliche Bewirthung erheiterte Alle.
Ehe wir in die Trauung über den See fuhren, trat Herr von Sangallo mitten in den Saal. Er war von draußen, wahrscheinlich vom Ruheort seiner Agathe sehr ernst hereingekommen, und erbat sich die Erlaubniß, gleichsam vom Hausaltare, nur ein Wort zu sagen, was er auf solche Sorgen der Liebe vielleicht sich verdient habe. Dabei blieb seine jüngste Tochter in weißem Kleide, einen Schneeglöckchenkranz in den Haaren, ihm wie zur Stütze stehen. Er hielt sich lange die Hand vor die Augen und murmelte einige unverständliche Worte, dann erschien er heiter und sprach:
„Wir alle, keinen Menschen ausgenommen, leben: um uns überflüssig zu machen. Auch ich bin ein abgethaner Vater, das sind abgethane Kinder; ich fühle es am besten, nun wirklich verlorene Kinder für mich; gefundene ihren Männern, und von der Natur, dieser einzigen, wahren und worthaltenden Prophetin überall, ihren Kindern prophezeihte Mütter. Ich spreche also meine Kinder als Kinder los; Ihr seid frei!“
Dabei ging er umher, legte jeder die Hand auf das willig gesenkte Haupt, dann küßte er sie; Arminien umarmte er. Dann trat er ruhig an seinen Platz und sprach weiter: „Meine Liebe geht jetzt in ihren Himmel, unthätig und ohne Furcht zurück, wie da draußen die Sonne die mich bescheint, und Euch alle — wenn ihr glücklich seid — dereinst so bescheint, wenn Ihr Euere Töchter und Söhne freisprecht — das heißt: verheirathet.“
Denn wie schlecht haben die gesehen, welche noch eine Erlösung der Frauen aus Sclaverei, ihre Freilassung verlangen; denn das bedeutet doch Emancipation. Die Weiber sind auch bei den ehrlichen Türken freier, als die Männer überall. Die Männer stecken in der Sclaverei des Lebens, wenn das eine ist. Alle Gefahren, alle Blutarbeit des Krieges, alle schwere Arbeit, von Hammerschmied und Glasmacher an, bis zu Nachtwächter aller Art, alle Aemter, welche sie im Grunde um das bürgerliche, häusliche, menschliche Leben bringen — für Geld, Ehre und Brot bringen, müssen die Männer allein übernehmen. Oder ist das keine Sklaverei, wie frei ist da erst die Frau, da sie im vollständigen unbeschränkten Besitz des ihr von der Natur angewiesenen Lebens, ihres Wirkungskreises, schon immer war, noch ist, und immer sein wird. Das Wenige, was daran fehlt, möchte ihr kaum gut thun, und das halten ihr nur persönliche Umstände vor:
„Böser Mann, Armuth, Krankheit, Unglück, Kinderlosigkeit; zumeist die Weiber selbst, welche die eingefleischte Rangordnung, Ehrsucht und Eitelkeit sind. Die Weiber sollen sich nicht entwürdigen, so kann und wird sie Niemand erniedrigen. Ohne neue papierene Freiheit kann die Frau in jedem Hause Frau sein, ihre Seele entwickeln, ihr Herz ausschütten, ihren Gefühlen leben, ihre Liebe bethätigen, aussprechen, auslehren, auswiegen, aussingen, ja auswaschen — denn selber in einem zum Sonntag neuwaschenem Kinderhäubchen steckt die ganze Mutterliebe! Ihre Lebensaufgabe, ihr Beruf, ihr süßes, schönes, herzliches, geschichtloses Leben, das zum Beweis ihres höchsten Ranges wie alles Göttliche und Ewige selbst „geschichtlos“ ist, sind ihr unverkümmerbar, unraubbar. Höchstens tritt wieder das Weib nur dem Weibe entgegen — als Kebsweib, Abspenstigmacherin, junge schöne Sclavin! Und da theilen die Männer die Schuld durch Sitten, Gebräuche, ja Religion. Man soll mir nicht mit der Frauenerlösung kommen! Denn da befällt mich Trauer, Zorn und Wuth über die Sclaverei, in welcher die Männer noch stecken. Und gerade die Weiber sollen mit Hand und Mund — dem gewaltigen — mit Liebe und Haß, mit Freimuth und Hochsinn daheim und auswärts aus aller Herzenkraft und Weibermacht nach ihrem vollständigen Wohlsein und Glück dazu, dazu beitragen: daß der Mann frei wird! daß er Mensch wird. Mit der Hochzeit ist jede Jungfrau emancipiert. Darum heirathet ihr Mädchen! Dazu macht Ihr den Jünglingen die Ehe möglich, den Männern leicht, durch einfache Ansprüche, gediegenes Leben; und dazu kennt die besten Güter; und dann seid damit zufrieden! Die künftigen Männer macht ihr frei, durch das Kleine und Liebe: Eure Kleinen voll Ehre und Kraft zu erziehen! Voll Verlangen nach jeder guten Göttergabe! Was ihr Mütter die Kinder lehrt, das wehren Euch Legionen Teufel nicht; das tilgen Legionen Tyrannen nicht aus. Die Kinderstube ist das Heiligthum Gottes. Dahin reicht keine freche Hand. Und was Einem das Leben kostete, das lachen nur Viele hinweg. Darum seid froh! Empfangt meinen Dank für alles, was ich Euch zu thun vermocht! für alles Glück, das Ihr mir gewesen seid — und vergeßt Euren Vater nicht! Nun zieht gesegnet in Frieden!“
Darauf entließ er uns, blieb einsam im Saale stehen; dann sah er uns nach, wie wir uns einschifften in die mit blühenden Fichtenzweigen bekränzten Nachen, und rasch hinglitten über den See.
So bleiben die Eltern stehen und haben das Nachsehen; wie ihre Eltern stehen geblieben und ihnen nachgesehen. Aber der Blick in die Fernen der Welt ist schön und süß, und groß und weit, und wonnebedrängend vor Zuversicht: Was die Entwandelten, immer verjüngt, in den heiteren heiligen Räumen alles genießen sollen! Denn sie wissen es: was! Dann gehen die Eltern fort; betäubt, als wenn sie bei einer unlöschbaren weltgroßen Feuersbrunst, bis zum Umsinken ermüdet, Wassereimer mit zugelangt hätten, in einer langen, dunkeln, tosenden Menschenreihe.
Daher konnte ich mir denken, wie zauberisch süß der treue Vater in die liebliche Welt der Wunder versetzt war, als zu Ende des Hochzeitschmauses die Spielsachen und Verlassenschaften aus der Kindheit der Kinder, gleichsam als göttliches Dessert, am Tische in Fülle auf silbernen Schüsseln herumgereicht und von jedem bewundert wurden! Selber der menschliche Gottvater, der im Märchenbuche den Armen und den Reichen besucht, hätte sich herzlich gefreut, ja selber den heiligen Storch heilig gefunden, der im Schnabel die sieben Kindlein trug! Hier aber erschienen achtzehn Störche! und vor jeder Braut blieb Einer stehen und sah Ihn an; und sie an! aber Keine sah ihn wieder an; denn er war ihr der Geist der Natur und der wahren Liebe, der die Frucht der Welt trug. O heiliges Erröthen!
Wir verbitterten dem Vater die Freude nicht. Denn ob er gleich fragte, wo denn unser lieber redlicher Pastor bleibe? warum er nicht komme? so verschwiegen wir ihm doch, daß er kurz vor der Trauung und schon in seinen Ornate, abgeholt worden war, und daß der ambulante Engel die allgemeine Trauung nach seinem Ausdruck: „so gut wie Einer oder Keiner“ vollzogen hatte. Dafür saß er seligstumm am Tische.
Zu Nacht hatte sich der Vater still zur Ruhe begeben; und ich muß es sagen, es hatte etwas geistermäßiges, ja es war geradezu wahrhaft-geistermäßig und gerecht, als die Töchter alle leise auf den gewölbten Corridor vor seine Thür schlichen, sich reiheten, und seelenbewegend ihm zum Dank mit ihren reinen, schönen, jungfräulichen Stimmen den tiefsinnigen Gesang anstimmten, der da ergreifender klang, wie ein bloßes Benedictus, „qui venit in nomine,“ der blos im Namen kam. Denn sie sangen: