Vierundzwanzigstes Kapitel.
Vom Magnetfelsen angezogen.

In solchem wilden Treiben voll Mord und Brand waren drei stürmische Jahre vergangen. Drei neue Geburtstage der kleinen Lucie hatte der goldne Faden in das friedliche Gewebe ihres Lebens zu Hause gewoben.

Manche Nacht und manchen Tag hatten die Bewohner dieses stillen Hauses den Echo’s in der Ecke mit Herzen gelauscht, welche ihnen sanken, als sie die stürmischen Schritte vernahmen; denn die Schritte klangen ihnen wie die Schritte eines Volkes unter einem rothen Banner und mit dem Rufe: „Das Vaterland ist in Gefahr!“ zu wildem Wahnsinn bewegt und von schrecklichem, zu lange anhaltendem Zauberbann in reißende Thiere verwandelt. Monseigneur als Stand hatte sich losgesagt von der merkwürdigen Erscheinung, nicht gehörig gewürdigt und in Frankreich so wenig gebraucht zu werden, daß er beträchtliche Gefahr lief, dort fort und zugleich aus dem Leben geschickt zu werden. Wie der Bauer in den Mährchen, der mit unendlicher Mühe den Teufel citirt hat und bei seinem Anblick so erschrickt, daß er dem ewigen Feinde keine Frage vorlegen kann, sondern sofort ausreißt, so hatte auch Monseigneur, nachdem er viele, viele Jahre lang kühnlich das Vaterunser rückwärts gelesen und manchen andern mächtigen Zaubersegen gesprochen, um den Gottseibeiuns heraufzubeschwören, ihn kaum in seinen Schrecken gesehen, als er in seinem hochadeligen Selbst sich aus dem Staube machte.

Das glänzende Oeil de boeuf war verschwunden oder es wäre der Zielpunkt eines Orkans von nationalen Kugeln geworden. Es war nie ein gutes Auge zum Sehen gewesen — hatte lange in sich den Splitter von Lucifers Stolz, Sardanapals Ueppigkeit und eines Maulwurfs Blindheit gelitten — aber es war ausgefallen und verschwunden. Der Hof von dem exclusivsten innersten Kreis bis zu dem äußersten verrotteten Kreise, von Intrigue, Feilheit und Heuchelei — war ebenfalls verschwunden. Das Königthum war weg, war in seinem Palast belagert und „suspendirt“ worden, als die letzten Nachrichten herüberkamen.

Der August des Jahres Eintausend siebenhundert und zweiundneunzig war gekommen und Monseigneur war um diese Zeit nach allen vier Weltgegenden zerstreut.

In London war natürlich das Hauptquartier und der große Sammelplatz für Monseigneur Tellsons Bank. Geister sollen die Orte heimsuchen, wo ihre Körper am meisten verkehrten, und Monseigneur, ohne eine Guinee, suchte das Haus heim, wo ehedem seine Guineen zu sein pflegten. Außerdem war es der Ort, wohin die zuverlässigsten Nachrichten aus Frankreich am schnellsten kamen. Außerdem waren Tellsons ein nobles Haus und zeigten sich sehr großmüthig gegen alte Kunden, die von ihrer hohen Stellung herabgekommen waren. Ferner waren die Edelleute, welche noch bei Zeiten das kommende Unwetter gewahr geworden und in Voraussicht von Plünderung oder Confiscation vorsorglich Tellsons Rimessen gemacht hatten, dort für ihre dürftigen Standesgenossen immer zu erfragen. Dazu kommt noch, daß jeder neue Ankömmling aus Frankreich sich und seine Nachrichten — fast als verstände es sich von selbst — bei Tellsons meldete. Aus diesen vielen Gründen waren Tellsons damals — was französische Nachrichten betrifft — eine Art von Hauptbörse; und dies war im Publikum sowohl bekannt und es kamen dem zu Folge so häufig Nachfragen, daß Tellsons manchmal die neuesten Nachrichten auf einen Zettel schrieben und ihn in das Comptoirfenster steckten, damit Alle, welche durch das Tempelthor kamen, sie lesen konnten.

An einem nebelfeuchten Nachmittag saß Mr. Lorry an seinem Pulte und Charles Darnay stand neben ihm und unterhielt sich mit ihm halblaut. Die Strafzelle, in welcher früher die Conferenzen mit dem „Hause“ stattfanden, war jetzt die Nachrichtenbörse und zum Ueberfließen voll. Es war eine halbe Stunde ungefähr vor Schlußzeit.

„Aber wenn Sie auch der jüngste Mann unter den Lebenden wären,“ sagte Charles Darnay mit einigen Zögern, „so müßte ich doch einwenden —“

„Ich verstehe. Daß ich zu alt bin?“ sagte Mr. Lorry.

„Schlechtes Wetter, eine lange Reise, Unsicherheit der Transportmittel, Anarchie im Lande, eine Hauptstadt, die vielleicht selbst für Sie nicht sicher ist —“

„Lieber Charles,“ sagte Mr. Lorry mit heiterer Zuversicht, „Sie erwähnen einige Gründe gegen mein Hinreisen, nicht gegen mein Hierbleiben. Es ist sicher genug für mich; Niemand wird sich um einen alten Kerl von nahe an die Achtzig kümmern, wo es so viele Leute giebt, um die sich zu kümmern es mehr der Mühe verlohnt. Was die Anarchie in der Hauptstadt betrifft, so wäre ohne diese Anarchie eben keine Veranlassung, Jemanden von unserm Hause hier an unser Haus dort zu schicken, der die Stadt und das Geschäft von Alters her kennt und Tellsons Vertrauen besitzt. Was die Unsicherheit und die Länge der Reise und das Winterwetter betrifft, so möchte ich wissen, wer sich ein paar Unbequemlichkeiten für Tellsons aussetzen soll, wenn ich es nach so vieljährigem Dienste nicht thue?“

„Ich wollte, ich könnte selbst gehen,“ sagte Charles Darnay voller Unruhe wie Einer, welcher laut denkt.

„Wahrhaftig! Sie sind mir ein seltsamer Rathgeber!“ rief Mr. Lorry aus. „Sie möchten selbst hinübergehen? und Sie — ein geborner Franzose? Das nenne ich einen gescheidten Einfall!“

„Mein lieber Mr. Lorry! — eben weil ich ein geborner Franzose bin, ist mir der Gedanke (den ich jedoch hier nicht aussprechen wollte) oft durch den Kopf gegangen. Man kann nicht umhin zu glauben, wenn man einiges Mitgefühl mit diesem armen Volke gehabt und ihm einige Opfer gebracht hat“ — er sprach jetzt in seiner vorigen in Gedanken versunkener Weise — „daß man Gehör finden und so viel Einfluß gewinnen könnte, um manches Schlimme zu verhindern. Erst gestern Abend, nachdem Sie uns verlassen hatten und ich mit Lucien sprach.“ —

„Als Sie mit Lucien sprachen,“ wiederholte Mr. Lorry. „Ja. Ich wundere mich, daß Sie sich nicht schämen, Lucien beim Namen zu nennen! Sie möchten in einer solchen Zeit in Frankreich sein?!“

„Nun ich reise ja doch nicht hin,“ sagte Charles Darnay mit einem Lächeln. „Es ist mehr am Platze, wenn Sie sagen: Sie wollen reisen.“

„Ich werde auch reisen; im vollen Ernste. Die Wahrheit ist, mein lieber Charles,“ (Mr. Lorry warf einen Blick auf das „Haus“ im Hintergrunde und sprach mit gedämpfter Stimme) — „Sie können sich keinen Begriff machen von der Schwierigkeit, mit welcher unser Geschäft arbeitet, und von der Gefahr, in welcher unsere Papiere und Bücher drüben sind. Der Himmel weiß, wie viele Leute schwer compromittirt werden könnten, wenn einige unserer Documente in fremde Hände kämen oder vernichtet würden; und das kann in jedem Augenblick geschehen, wie Sie wissen; denn wer kann sagen, daß Paris heute nicht in Brand gesteckt oder morgen nicht geplündert wird? Nun kann kaum Jemand anders als ich (ohne Verlust kostbarer Zeit) eine einsichtige Auswahl unter ihnen vornehmen und sie vergraben oder sie auf andere Weise in Sicherheit bringen. Und ich soll still sitzen, wo Tellsons dies wissen und sagen — Tellsons, deren Brod ich diese sechszig Jahre gegessen habe — weil meine Gelenke ein bischen steif geworden sind? Was, Herr? Ich bin noch ein junger Bursch im Vergleich mit einem halben Dutzend alter Knackse hier!“

„Wie ich Ihren Muth und Ihre jugendliche Frische bewundere, Mr. Lorry!“

„Ach — Unsinn! Und lieber Charles,“ sagte Mr. Lorry wieder mit einem Blick auf das Haus, „Sie müssen bedenken, daß es fast unmöglich ist, gegenwärtig Etwas aus Paris herauszuschaffen — gleichgültig was es ist. Papiere und Kostbarkeiten wurden uns heute noch (ich spreche im strengsten Vertrauen, ich darf es kaum Ihnen sagen) von den seltsamsten Boten überbracht, die Sie sich denken können, und das Haupt eines jeden derselben hing an einem einzigen Haar, wie er durch die Barrière ging. Zu andern Zeiten gehen und kommen unsere Sachen so unbehindert, wie im geschäftsmäßigen Alt-England. Aber jetzt wird Alles angehalten.“

„Und reisen Sie wirklich heute Nacht?“

„Ich reise wirklich heute Nacht; denn die Sache ist zu dringlich geworden, um längern Verzug zu gestatten.“

„Und nehmen Sie keinen Begleiter mit?“

„Allerlei Leute sind mir vorgeschlagen worden; aber ich mag mit keinem von ihnen etwas zu thun haben. Ich denke Jerry mitzunehmen. Jerry ist seit langer Zeit regelmäßig Sonntag Abends meine Leibwache gewesen und ich bin an ihn gewöhnt. Niemand wird Jerry in Verdacht haben, etwas Anderes zu sein, als ein englischer Bulldogg oder eine andere Absicht zu hegen, als auf Jeden loszufahren, der Hand an seinen Herrn legt.“

„Ich muß nochmals sagen, daß ich Ihren Muth und Ihre jugendliche Frische von Herzen bewundere.“

„Ich muß nochmals sagen: Unsinn! Unsinn! Wenn ich diesen kleinen Auftrag ausgeführt habe, so werde ich vielleicht Tellsons Vorschlag annehmen, abzugehen und nach meiner Bequemlichkeit zu leben. Dann ist Zeit genug, an’s Altwerden zu denken.“

Das Zwiegespräch hatten Beide an Mr. Lorry’s gewöhnlichem Pulte geführt, wenige Schritte vor welchem Monseigneur voller Prahlerei über die Art, wie er sich binnen Kurzem an dem Lumpenvolk rächen werde, in dichtem Haufen stand. Es war zu sehr die Art Monseigneurs, in der Noth als politischer Flüchtling — und es war zu sehr die Art eingeborner britischer Rechtgläubigkeit, von dieser schrecklichen Revolution zu sprechen, als wäre sie die einzige Ernte unter dem Himmel, die nicht gesäet worden wäre — als ob nie etwas geschehen oder unterlassen worden wäre, was dazu geführt hätte — als ob Beobachter des Elends von Millionen in Frankreich und der mißbrauchten und in unrechte Canäle geleitete Hülfsquellen, die das Land hätte glücklich machen sollen, es vor Jahren nicht schon unausweichlich hätte kommen gesehen und nicht mit deutlichen Worten gesagt hätten, was sie sahen. Dieses Prahlen, verbunden mit den ausschweifenden Plänen Monseigneurs, einen Zustand der Dinge wieder herzustellen, der sich selbst zu Grunde gerichtet und die Geduld von Himmel und Erde erschöpft hatte, war von einem jeden Mann von gesundem Sinne, der die Wahrheit kannte, schwer zu ertragen, ohne sich dagegen zu verwahren. Und solches Prahlen, das in seine Ohren drang, wie eine störende Congestion des Bluts nach dem Kopfe, und eine auf seine Seele drückende Sorge hatte Charles Darnay bereits unruhig gemacht und erhielten ihn in diesem Zustande.

Unter den Sprechenden war Stryver von Kings-Bench-Bar nahe daran, vom Staate mit hohem Amte betraut zu werden, und daher besonders laut. Er erläuterte Monseigneur seine Pläne, das Volk in die Luft zu sprengen und es vom Angesicht der Erde zu vertilgen und überhaupt ohne es auszukommen, und noch viele andere Pläne zu ähnlichem Zweck, die in ihrer Natur alle verwandt mit dem Plane waren, das Geschlecht der Adler dadurch auszurotten, daß man ihnen Salz auf den Schwanz streute. Ihm hörte Darnay mit besonderem Widerwillen zu; und Darnay war noch in Zweifel, ob er gehen sollte, um nichts mehr zu hören, oder dableiben, um seinen Protest einzulegen, als das, was geschehen sollte, allmälig seine Gestalt annahm. Das „Haus“ trat zu Mr. Lorry und legte einen beschmutzten und unerbrochenen Brief vor ihn auf das Pult mit der Frage, ob er noch keine Spuren von der Person, an die er gerichtet, entdeckt habe? Das „Haus“ legte den Brief so dicht vor Darnay hin, daß er die Adresse sehen, um so rascher, als es sein eigner wahrer Name war. Die Adresse lautete übersetzt: „Sehr dringlich. An Mr. den ehemaligen Marquis St. Evrémonde aus Frankreich, zur Besorgung an die Herren Tellson u. Comp., Bankiers in London. England.“

Am Hochzeitsmorgen hatte Dr. Manette an Charles Darnay die einzige dringendste und ausdrücklichste Bitte gestellt, das Geheimniß dieses Namens — außer wenn er, der Doctor, ihn dieser Verpflichtung entbinde, ein unverbrüchliches zwischen ihnen sein zu lassen. Niemand sonst wußte, daß dies sein Name war, selbst seine Frau ahnte nichts; Mr. Lorry konnte keine Ahnung haben.

„Nein,“ gab Mr. Lorry dem „Hause“ zur Antwort, „ich habe, glaube ich, ihn Jedem der hier anwesenden Herren gezeigt, und Niemand kann mir sagen, wo der Herr zu finden ist.“

Da die Zeiger der Uhr sich der Schlußstunde des Comptoirs näherten, nahm der Strom der Gehenden die Richtung an Mr. Lorry’s Pult vorbei. Er hielt den Brief fragend empor, und Monseigneur sah ihn an in der Person dieses und jenes complottirenden und entrüsteten Refugiès; und Dieser und Jener, und die Anderen alle hatten von dem nicht aufzufindenden Marquis, englisch wie französisch etwas Geringschätziges zu sagen.

„Neffe, glaube ich, — aber jedenfalls entarteter Nachfolger — des hochgeehrten Marquis, der ermordet wurde,“ sagte Einer. „Ich schätze mich glücklich sagen zu können, daß ich ihn nie gekannt habe.“

„Eine Memme, die schon vor mehreren Jahren ihren Posten verlassen hat,“ sagte ein Anderer — ein Monseigneur, der sich die Beine zu oberst und halb erstickt in einem Heuwagen aus Paris hatte herausschaffen lassen.

„Von den neuen Lehren inficirt,“ sagte ein Dritter; — „stand dann in Opposition mit dem erlauchten Marquis, gab die Besitzungen auf als er sie erbte, und überließ sie dem Lumpengesindel. Und das wird ihn jetzt belohnen, wie er’s verdient, hoffe ich.“

„Was?“ tönte Stryvers kreischende Stimme. „Wirklich? Wäre es so ein Kerl? Seht seinen niederträchtigen Namen an. Verdammt soll er sein!“

Darnay, außer Stand sich länger zu halten, legte Mr. Stryver die Hand auf die Schulter und sagte:

„Ich kenne den Kerl.“

„Wirkich, beim Zeus?“ sagte Stryver. „Dann thun Sie mir leid.“

„Warum?“

„Warum, Mr. Darnay? Hören Sie nicht was er gethan hat? Fragen Sie nicht warum in solchen Zeiten.“

„Aber ich frage, warum?“

„Dann sage ich Ihnen noch einmal, Mr. Darnay, Sie thun mir leid. Es thut mir leid, Sie so außerordentliche Fragen stellen zu hören. Hier ist ein Kerl der, von der pestilenzialistischen und gotteslästerlichsten Teufelslehre inficirt, seine Besitzungen dem elendesten Abschaum der jemals en gros gemordet hat, überläßt, und Sie fragen, warum es mir leid thut, daß ein Mann, der die Jugend unterrichtet, ihn kennt? Nun, so will ich es Ihnen sagen. Ich beklage es, weil ich glaube, ein solcher Lump kann ansteckend sein. Das ist das, was ich meine.“

Seines Versprechens eingedenk, konnte Darnay sich nur mit größter Mühe halten, und sagte. „Sie verstehen den Gentleman vielleicht nicht.“

„Ich verstehe Sie in die Ecke zu treiben, Mr. Darnay,“ sagte Mr. Stryver, „und es soll geschehen. Wenn dieser Kerl ein Gentleman ist, so verstehe ich ihn nicht. Das können Sie ihm von mir sagen mit meinem Compliment. Sie können ihm auch von mir sagen, daß es mich wundert, warum er, nachdem er sein irdisches Hab und Gut und seine Stellung diesem Mordgesindel überlassen bat, nicht an dessen Spitze steht. Aber nein, Ihr Herren,“ sagte Mr. Stryver, indem er sich im Kreise umsah und mit den Fingern schnalzte, „ich kenne die Menschen einigermaßen, und sage Ihnen, daß Sie nie finden werden, daß ein Kerl wie dieser Kerl sich der Barmherzigkeit so kostbarer Protegés anvertrauen wird. Nein, meine Herren, nein, er wird sich so früh als möglich aus dem Staube machen.“

Mit diesen Worten, und mehrmals mit den Fingern schnalzend, bramarbasirte Mr. Stryver mit dem allgemeinen Beifall seiner Zuhörer auf die Straße hinaus. Mr. Lorry und Charles Darnay blieben bei dem allgemeinen Aufbruch in dem Comptoir allein an dem Pulte.

„Wollen Sie den Brief übernehmen?“ fragte Mr. Lorry. „Sie wissen wo er abzugeben ist?“

„Ja wohl.“

„Wollen Sie dem Herrn auseinandersetzen, daß wir vermuthen, er sei auf den bloßen Zufall, daß wir ihn befördern könnten, an uns geschickt worden, und daß er einige Zeit hier gelegen hat?“

„Das will ich thun. Reisen Sie von hier aus nach Paris ab?“

„Von hier aus, um acht Uhr.“

„Ich komme noch einmal her, um von Ihnen Abschied zu nehmen.“

Sehr unzufrieden mit sich, und mit Stryver und den meisten andern Menschen suchte Darnay so schnell als möglich die stillen Gegenden des Tempels auf, wo er den Brief aufbrach und las. Er lautete wie folgt:

„Gefängniß der Abbaye, Paris, 21. Juni 1792.

Monsieur, ehemaliger Herr Marquis!

Nachdem ich lange unter den Bewohnern des Dorfes in Lebensgefahr geschwebt habe, hat man mich mit groben Mißhandlungen und Schmähungen festgenommen, und den ganzen langen Weg zu Fuß nach Paris gebracht. Unterwegs habe ich viel gelitten. Das ist noch nicht Alles; mein Haus ist zerstört — dem Erdboden gleich gemacht worden.

Das Verbrechen, wegen dessen ich eingekerkert bin, Monsieur, früher Herr Marquis und wegen dessen ich vor Gericht erscheine und (ohne Ihre großmüthige Hülfe) das Leben verlieren soll, ist, wie sie mir sagen, Verrath an der Majestät des Volkes, insofern ich für einen Emigranten thätig gewesen bin. Vergebens stellte ich ihnen vor, daß ich, Ihren Befehlen gemäß, für das Volk und nicht gegen das Volk thätig gewesen sei. Vergebens stellte ich ihnen vor, daß ich vor der Beschlagnahme der Besitzungen der Emigranten die Steuern, welche die Leute aufgehört hatten zu zahlen, erlassen habe, daß ich keine Pachtgelder eingezogen, daß ich keine Klage angestrengt. Die einzige Antwort ist, daß ich für einen Emigranten thätig gewesen bin, und wer ist dieser Emigrant?

Ach, mein gnädigster Herr, früher Marquis, wo ist dieser Emigrant! Ich rufe im Schlafe, wo ist er? Ich frage den Himmel, ob er nicht kommen wird, um mich zu befreien! Keine Antwort. Ach mein Herr, früher Marquis, ich lasse meinen Ruf über das Meer erschallen in der Hoffnung, daß er vielleicht durch das große Bankierhaus Tellson Ihr Ohr erreiche!

Um der Liebe des Himmels willen, um der Gerechtigkeit, der Großmuth, der Ehre Ihres edlen Namens willen beschwöre ich Sie, Monsieur, früher Herr Marquis, mir zu Hülfe zu kommen und mich zu befreien. Mein Verbrechen ist, daß ich Ihnen treu gewesen bin. Ach, gnädigster Herr, verlassen Sie mich nicht!

Aus diesem gräulichen Kerker, wo jede Stunde mich dem Tode näher und näher bringt, übersende ich Ihnen, Monsieur, früher Herr Marquis, die Versicherung meiner schmerzerfülltesten und unglücklichen Dienstwilligkeit.

Ihr tiefbetrübter
Gabelle.“

Die in Darnay’s Gemüth schlummernde Unruhe wurde von diesem Brief zum kräftigsten Leben geweckt. Die Gefahr eines alten und bewährten Dieners, dessen einziges Verbrechen seine Treue gegen ihn und seine Familie war, starrte ihn so vorwurfsvoll in’s Gesicht, daß er, wie er überlegend im Tempelgarten auf und ab ging, fast sein Antlitz vor den Vorübergehenden hätte verbergen mögen.

Er wußte recht gut, daß er in seinem Entsetzen über die That, mit welcher die schlimmere That und der schlimme Ruf seines alten Geschlechts geprunkt hatte, in seinem Argwohn gegen seinen Onkel und in dem Abscheu mit welchem sein Gewissen den zusammenfallenden Bau betrachtet hatte, den man ihm zumuthete zu stützen, halb gehandelt hatte. Er wußte recht gut, daß in seiner Liebe zu Lucien sein Zurücktreten von seiner gesellschaftlichen Stellung — obgleich seinem Geiste keineswegs etwas Neues — übereilt und unverständig gewesen war. Er wußte, daß er systematischer und umsichtiger hätte verfahren sollen und daß er dies beabsichtigt hatte, daß es aber nie dazu gekommen war.

Das Glück des englischen Heimwesens, das er sich begründet; die Nothwendigkeit, immer beschäftigt zu sein; die raschen Veränderungen und Unruhen der Zeit, die sich so hastig drängten, daß die Ereignisse dieser Woche die unreifen Pläne der vorigen vernichteten und die Ereignisse der folgenden Woche Alles neu gestalteten, waren — wie er recht gut wußte — die Verhältnisse, denen er eben nachgegeben hatte — nicht ohne Sorge, aber doch ohne beständigen und nachhaltigen Widerstand. Daß er auf einen Augenblick zum thätigen Eingreifen gewartet und daß im Wirbel der Ereignisse die Zeit vorübergegangen war und der Adel Frankreich in Schaaren verließ, sein Eigenthum mit Beschlag belegt und zerstört und sein Namen abgeschafft wurde, war ihm so gut bekannt, wie es nur der neuen Gewalt in Frankreich bekannt sein konnte, die ihn vielleicht deshalb anklagte.

Aber er hatte Niemanden gedrückt, er hatte Niemanden eingekerkert; so wenig er mit Härte auf die Zahlung dessen, was ihm zugestanden, gedrungen, daß er alles dies freiwillig aufgegeben und sich durch eigne Kraft eine neue Stellung in der Welt erobert hatte, die ihm Brod gab. Mr. Gabelle hatte die heruntergekommene und überschuldete Besitzung nach schriftlichen Verhaltungsbefehlen verwaltet, die ihn anwiesen, die armen Leute zu schonen, ihnen das Wenige zu geben, was zu geben war — im Winter so viel Brennholz und im Sommer so viel Getreide, als die drängenden Gläubiger übrig ließen — und jedenfalls hatte er seiner Sicherheit wegen diesen Umstand documentarisch festgestellt, so daß er jetzt zu Tage kommen mußte.

Diese Rücksichten begünstigten den verzweifelten Entschluß, den Charles Darnay zu fassen begonnen hatte, nämlich nach Paris zu reisen.

Ja. Wie den Schiffer in der alten Sage hatten die Winde und Strömungen ihn in den Bereich des Magnetfelsens getrieben und dieser zog ihn an und er mußte folgen. Alles, was vor seine Seele trat, trieb ihn rascher und rascher und mit immer steigender Kraft der erschrecklichen Anziehungskraft in die Arme. Die in seiner Seele schlummernde Unruhe war gewesen, daß in seinem unglücklichen Vaterlande schlechte Werkzeuge für schlechte Ziele arbeiteten und daß Derjenige, welcher nicht umhin konnte zu wissen: er sei besser als Jene, nicht dort war um zu versuchen, ob er etwas thun könnte, dem Blutvergießen Einhalt zu thun und die Forderungen der Barmherzigkeit und Menschlichkeit zur Geltung zu bringen. Diese halb unterdrückte und halb ihm Vorwürfe machende Sorge hatte ihn dazu gebracht, einen Vergleich zwischen sich und dem wackern alten Herrn anzustellen, in dem das Pflichtgefühl so stark war; und unmittelbar auf diesen ihm so nachtheiligen Vergleich waren die geringschätzigen Aeußerungen Monseigneurs, die ihn tief verletzten, und die Stryvers, die aus alten Gründen doppelt verletzend für ihn waren, gefolgt. Darauf war Gabelle’s Brief gekommen, der Anruf an seine Gerechtigkeit, seine Ehre und seinen guten Namen von Seiten eines unschuldigen in Todesgefahr schwebenden Gefangenen.

Sein Entschluß war gefaßt. Er mußte nach Paris.

Ja. Der Magnetfelsen zog ihn an und er mußte vorwärts segeln bis er auf die Klippe lief. Er wußte von keinem Felsen; er sah kaum eine Gefahr. Die Beweggründe, aus denen er gehandelt hatte, wie er gethan, selbst wenn er es nur halb gethan, zeigten ihm sein Thun in einem Lichte, das ihn über die möglichen Folgen beruhigte. Dann erschien vor seinen Augen der herrliche Traum, Gutes thun zu können, der so oft die sanguinische Täuschung guter Menschen ist, und er sah sich sogar im Besitz von genügendem Einfluß, um diese wild gewordene Revolution, die so stürmische Pfade wandelte, zu leiten.

Wie er mit bereits gefaßtem Entschluß auf- und abging, überlegte er, daß weder Lucie noch ihr Vater vor seiner Abreise etwas erfahren durften. Lucien mußte der Trennungsschmerz erspart bleiben; und ihr Vater — immer abgeneigt, sich mit den gefährlichen Erinnerungen aus alter Zeit zu beschäftigen — durfte den Schritt erst als einen bereits geschehenen, über den jeder Zweifel beseitigt ist, erfahren. Wie viel von der Halbheit seiner Lage ihrem Vater in Folge der Abgeneigtheit desselben, alte Erinnerungen an Frankreich in seiner Seele zu wecken, zuzuschreiben war, besprach er jetzt nicht bei sich. Aber auch dieser Umstand hatte Einfluß auf seinen Entschluß.

Er ging, ganz mit seinen Gedanken beschäftigt, auf und ab bis es Zeit war, wieder zu Tellsons zu gehen und von Mr. Lorry Abschied zu nehmen. Gleich nach seiner Ankunft in Paris wollte er seinen alten Freund aufsuchen; aber jetzt durfte er von seiner Absicht nichts wissen.

Ein Wagen mit Postpferden stand vor der Thür des Geschäfts und Jerry reisefertig daneben.

„Ich habe den Brief abgegeben,“ sagte Charles Darney zu Mr. Lorry. „Ich konnte nicht einwilligen, Sie mit einer schriftlichen Antwort zu belästigen, aber vielleicht nehmen Sie eine mündliche mit.“

„Das will ich — und gern, wenn es nicht gefährlich ist.“

„Durchaus nicht, obgleich Sie an einen Gefangenen in der Abbaye gerichtet ist.“

„Wie heißt er?“ fragte Mr. Lorry mit dem geöffneten Taschenbuche in der Hand.

„Gabelle.“

„Gabelle. Und was habe ich an den armen Gabelle im Gefängniß auszurichten?“

„Einfach: „„daß er den Brief empfangen hat und kommen wird.““

„Eine Zeit genannt?“

„Er wird morgen Abend seine Reise antreten.“

„Jemandes Namen zu nennen?“

„Nein.“

Er half Mr. Lorry, sich in eine Anzahl Ueberröcke und Mäntel einhüllen und begleitete ihn aus der warmen Atmosphäre des alten Comptoirs hinaus in die neblige Luft von Fleetstreet.

„Lucien und der kleinen Lucie meinen zärtlichsten Gruß!“ sagte Mr. Lorry beim Abschied; „und nehmen Sie sich ja recht in Acht bis ich wieder komme.“ Charles Darnay schüttelte den Kopf und lächelte zweifelnd wie der Wagen von dannen fuhr.

Diese Nacht (es war der 14. August) blieb er spät auf und schrieb zwei Briefe voller Innigkeit; — den einen an Lucien, in welchem er ihr auseinandersetzte, welch eine unumgängliche Pflicht ihn nach Paris treibe und warum er fest vertraue, dort für seine Person keine Gefahr zu laufen; — den andern an den Doctor, welcher Lucien und ihr geliebtes Kind seiner Obhut anempfahl und mit den stärksten Versicherungen von denselben Gegenständen sprach. Beiden schrieb er, daß er unmittelbar nach seiner Ankunft zum Beweis seiner Sicherheit Briefe abschicken werde.

Es war ein schwerer Tag — dieser Tag, zum erstenmal mit einem Geheimniß vor seinen Lieben unter ihnen zu verweilen. Es hielt schwer, den unschuldigen Betrug aufrecht zu erhalten, von dem sie auch nicht das Mindeste ahneten. Aber ein zärtlicher Blick auf seine glückliche und geschäftige Gattin befestigte ihn in dem Entschluß, ihr von dem Bevorstehenden nichts zu sagen (er war halb dazu geneigt gewesen, so seltsam erschien es ihm, etwas ohne ihre stille Beihülfe zu thun) und der Tag ging rasch vorüber. Zu zeitiger Abendstunde umarmte er sie und ihre kaum weniger geliebte Namensschwester, nahm unter dem Vorwand baldiger Rückkehr flüchtigen Abschied und trat dann mit schwerem Herzen in den dicken Nebel der Straße hinaus. Die unsichtbare Kraft zog ihn jetzt rasch an sich heran und alle Strömungen und Winde gingen entschieden in dieser Richtung. Er übergab seine beiden Briefe einem zuverlässigen Boten mit dem Befehl, sie eine halbe Stunde vor Mitternacht — und nicht eher — abzugeben, nahm Postpferde nach Dover und trat seine Reise an.

„Um der Liebe des Himmels willen, um der Gerechtigkeit, der Großmuth, der Ehre Ihres adeligen Namens willen!“ Mit diesem Ausruf des armen Gefangenen stärkte er manchmal seinen sinkenden Muth, als er Alles, was ihm auf Erden theuer war, verließ und widerstandslos auf den Magnetfelsen zutrieb.