Im langen, blauen Oberrocke, das Haar schlicht zurückgekämmt, ein Felleisen auf dem Rücken, stand Lips Tullian mit gezogenem Hute und in demüthiger Stellung unter dem Thore von Prag vor dem gestrengen Visitator, der die Kundschaft des einwandernden Schlossergesellen, Philipp Mengstein aus Oldenburg, bedächtig durchlas, die Personal-Beschreibung und das Original mit viel geübtem Auge verglich und dann durch Handschrift und Siegel die Einwanderung in die Stadt und das Suchen nach Arbeit amtlich bewilligte.
Es war ein Kunststück Sarbergs, des gewandten Copisten und Siegelstechers, wodurch Lips Tullian mit einer Aufweisung ausgestattet wurde, welche selbst in Oldenburg als ächt würde gegolten haben. Lips Tullian ging nicht allein durch die Thore von Prag; auch Sarberg, Schöneck, Eckhold, Schickel, Lehmann und Hentzschel zogen einzeln in Prag ein, jeder als ein Mitglied irgend eines Gewerbes und durch Sarbergs künstliche Hand mit einem passenden Documente versehen. Alle fanden und erhielten Arbeit; Lips Tullian trat bei einer Schlosserwittwe als Geselle ein.
Hatte Philipp, so hieß hier Lips Tullian, auch früher zu Straßburg von seinen Freunden unter der Schlosserinnung so manches abgesehen und erlernt, was ihn, wäre er darin fortgefahren, zu einem geschickten Arbeiter gemacht hätte, so war doch durch Mangel an Uebung und Vervollkommnung jetzt sein Wissen nicht auf einer höhern Stufe, als der eines Lehrjungen. Bald überzeugte sich Frau Bieberich, seine Meisterin, daß sie an dem Oldenburger eine spottschlechte Acquisition gemacht habe, denn der Pseudo-Oldenburger war in seiner Profession beinahe weniger als ein Stümper, dabei arbeitsscheu und lieber in der Gesellschaft seiner liebenswürdigen Meisterin, als vor dem Ambos.
Die Kunden wurden täglich weniger, die Einnahmen geringer und Frau Bieberich, bei ihrem sehr belebten Geschäfte eines sehr fleißigen, kunsterfahrnen Gesellen höchst bedürftig, erklärte dem beinahe unbrauchbaren Philipp schon nach einigen Wochen, daß er sein Bündel zu schnüren und sich sonst wo Arbeit zu suchen habe.
Wittwe Bieberich, eine junge, schöne Frau, war lebenslustig, aß und trank gern gut, liebte den Putz und zürnte nicht, wenn ein hübscher Mann sich ihr traulich näherte und ihren Reizen huldigte.
Philipp hatte sie ganz durchschauet und durfte aus ihrem Benehmen die volle Ueberzeugung schöpfen, von ihr sehr ungern und nur deswegen aus der Arbeit gewiesen zu werden, weil er als Handwerker nicht das leisten konnte, was das Geschäft forderte.
Für Philipp war das Austreten aus diesem Hause die allerfatalste Sache. Frau Bieberich genoß einen guten Ruf, er hatte sich unbescholten betragen, dadurch das Vertrauen seiner Meisterin und der Nachbarschaft gewonnen, durfte also versichert sein, so manchen seiner Raubpläne in dieser Stadt auszuführen, ohne daß man in ihm nur einen Mitwisser der Verbrechen ahnen möchte.
Er mußte in diesem Hause bleiben, um seine Stückchen, die er aus kluger Vorsicht bisher unterlassen hatte, mit Sicherheit beginnen und treiben zu können; er durfte auch nicht länger säumen, da seine Genossen, der langen Unthätigkeit überdrüssig, größtentheils vom Gelde entblößt waren und ihm bei ihrer letzten geheimen Zusammenkunft in einer liederlichen Winkelkneipe mit derbem Fluche erklärt hatten, sich von ihm loszusagen und auf ihre Rechnung Geschäfte zu machen. Er schritt nun an’s Werk. —