Ohne Reisewagen, ohne Dienerschaft, nur noch im Besitze weniger Kostbarkeiten, da sein zu verschwenderischer Aufwand in Spaa und jene Spielnacht zu viel gekostet hatten, kam er mit Marianen in einer Lohnkutsche zu Leipzig an und warf sich hier gleich wieder in die Rolle des Bandkrämers.
Es mußte Geld und auch Nachricht von dem gegenwärtigen Aufenthalte der Unteranführer seiner Bande herbeigeschafft werden. Mariane wanderte wieder mit ihrem Bandkasten fort, und Philipp versuchte, Geschäfte zu machen.
Der Zufall ließ ihn mit einem Manne bekannt werden, der als Thierarzt von Land zu Land zog. Lips Tullian und der Thierarzt hatten noch nicht eine Flasche Wein zusammen geleert, als sie schon genau wußten, was sie sich gegenseitig zu bieten hatten. Bald schlossen die wackern Männer Freundschaft.
Der Thierarzt wußte in einem Landhause bei Leipzig eine Summe Geldes, auch einen bedeutenden Vorrath von Silberzeug. Der Raub wurde von ihm und Lips Tullian beschlossen. Es gelang ihnen, einzubrechen, und sich des Geldes nebst einem Kästchen mit silbernen Bestecken zu bemächtigen.
Unbemerkt kamen sie in ihre Wohnung zurück. Ueber die Vertheilung des Raubes konnten sie nicht einig werden. Der Thierarzt forderte zwei Theile, weil er die Sache ausgekundschaftet, und daher Lips Tullian nur einen Theil zu verlangen habe.
Lips Tullian machte die nämliche Forderung, denn er habe mit der größten Gefahr der Entdeckung den Schrank geöffnet, und die Beute gemacht, während jener nur auf der Lauer gestanden habe.
Es kam zum heftigen Wortwechsel, zum Faustkampfe, und der kräftige Lips Tullian warf den spindeldürren Thierarzt aus dem Zimmer. Vor Wuth zitternd schlich der Gemißhandelte wieder zurück, nahm, ohne ein Wort zu sprechen, den für ihn von Lips Tullian bestimmten Theil und entfernte sich mit einem Blicke auf seinen lachenden Feind, aus welchem die allerheißeste Rachsucht hervorsprühte.
Noch war Lips Tullian beschäftigt, die Silberbestecke zu zertrümmern, um sie desto gefahrloser in der Folge als altes Silber zum Einschmelzen verkaufen zu können, da wurde seine Zimmerthüre aufgerissen, und ein Polizeibeamter trat mit bewaffnetem Gefolge ein. Lips Tullian hatte schnell ein Tuch über das Silber geworfen, aber dem scharfen Blicke des Beamten war es nicht entgangen. Er kündigte Lips Tullian Arrest an, und befahl zugleich seinen Leuten, dem Gefangenen die Hände zu binden.
Lips Tullian wußte, was ihn erwartete; nur Verstellung und eine rasche That konnten ihn retten. Mit Demuth bat er den Beamten, ihm nicht Stricke anlegen zu lassen, er wolle ja gern alles thun und gestehen, was man von ihm fordere.
Der Beamte war nicht vorsichtig genug. Lips Tullian gewann Zeit, sich dem Bette zu nähern. Mit einem Griffe waren seine Doppelpistolen unter der Decke hervorgerissen, und Jedem den Tod drohend, der sich ihm zu nahen wage, entsprang er durch eine Seitenthüre.
Wie Gypsbüsten hatten die verblüfften Polizeidiener vor des Räubers gespannten Pistolen gestanden; jetzt bekamen die Büsten wieder Leben. Sie schrieen wie die Lämmergeier aus dem Fenster, im Hause herum, den Dieb aufzuhalten; sie stürzten die halbe Treppe hinab, um ihm nachzusetzen.
Es war ein gewaltiger Lärm, die Menschen liefen von allen Seiten aus den Häusern, schauend, fragend, aber keiner unter den vielen hatte den Muth, den Räuber, der durch sie hin flog, aufzuhalten.
Aber er sollte diesmal nicht entkommen. Ein Fleischerhund lief über die Gasse, und ihm zwischen die Beine. Er fiel der Länge nach hin. Durch den Fall ging eine Pistole los. Die Menschen schrieen, als wären sie alle verwundet.
Ehe Lips Tullian, von dem heftigen Falle betäubt, sich aufraffen konnte, hatten ihn zwanzig Fäuste gepackt. Er vermochte nicht die mindeste Bewegung zu machen, so fest war er im Augenblicke von den wuthschnaubenden Polizeidienern zusammen geschnürt, und ehe er sich recht besinnen konnte, lag er in einem unterirdischen Gefängnisse des Leipziger Rathhauses auf einer Strohschütte und an einer schweren Kette.