XXXIX.
Lips Tullian wieder an der Spitze einer Räuberbande.

Laßt uns nicht stille stehen, denn geschäftig sind
Die Feinde rings, den Weg uns zu verschließen.
Schiller.

Lips Tullian erwachte aus todtähnlichem Schlafe. Er sah, er hörte, er fühlte brennende Schmerzen am Kopfe, aber glaubte, noch immer von den Irrlichtern eines neckenden Traumes in betäubender Bewegung umtanzt zu werden. Nicht auf dem weichen Ruhebette des kleinen traulichen Gemaches, nicht in den Armen einer leichtfertigen Dirne fand er sich, sondern in einem spärlich erleuchteten Gewölbe, auf einem Strohlager, einigen wilden Gesichtern gegenüber, die sich auf dem Fußboden um eine Flasche gelagert hatten und eifrig zusammen sprachen.

Alles trat ihm zu lebendig, zu wirklich entgegen; er raffte sich zusammen, um den Armen dieses Traumgesichts sich mit Gewalt zu entreißen, er riß sich auf von seinem Strohlager, und die furchtbare Wirklichkeit empfing den Erstarrenden.

„Nun, Lips Tullian, hast Du endlich ausgeschlafen, damit wir ein vernünftiges Wort mit Dir sprechen können?“ lachte eine dieser Gestalten, und reichte ihm das volle Glas hin.

Lips Tullian war keiner Worte mächtig. Hier hörte er von einem Unbekannten sich Tullian nennen. Wie war dieser Name, wie war er selbst hierher gekommen?

Der Mann, von dem er so überraschend genannt wurde, mochte wohl das Dunkel, in welchem Lips Tullian mit unsicherm Schritte sich fortgriff, recht wohl durchschauet haben; er lagerte sich an des sprachlos Staunenden Seite und sagte also:

„Eine lange, lange Erzählung könnte ich Dir zum Besten geben, wie es so kommen mußte, daß Du hier bist; ich will Dich aber mit wenig Worten klug machen. Dein Freund, Baron Strahl — sonst hatte er einen andern Namen — und Deine treue Margarethe waren schon in Prag darüber Eines Sinnes, Dich von der Last Deines Goldes zu entheben, und mit ihrer Gegenwart Dich nicht länger zu incommodiren.

Strahl schlug vor, Dich auf der Reise betrunken zu machen, in der Kutsche zu erwürgen und Deine Leiche im nächsten Walde zu vergraben. Darum kaufte er zu Olmütz eigene Pferde und nahm keinen Kutscher an, damit Deine Ermordung um so unentdeckter geschehen könne. Margarethe ging in diesen Vorschlag nicht ein, und als Strahl darauf bestand, drohete sie, Dich zu warnen.

Jetzt besann sich Strahl, in dieser Gegend vor zwei Jahren angegriffen, und dann selbst für einige Zeit einer unserer Cameraden geworden zu sein. Er streifte in Brünns Umgebungen umher, fand und erkannte mich, vertraute mir sein Verlangen, Dich aus dem Wege geräumt zu wissen, und sagte mir zugleich, von Deiner Zuhälterin erfahren zu haben, daß Du der berühmte Lips Tullian seist. Ich erschrack vor Freude über diesen Namen, über Deine Nähe, über Deine Bekanntschaft. Ich würde Strahl ermordet haben, hätte er Dir Leides thun wollen.

Du sollst unser Bonherr werden, darüber war ich mit mir und meinen Cameraden gleich im Reinen, und als Strahl versicherte, Dein Reichthum sei zu bedeutend, um Dich den Aufenthalt in den Wäldern und in schlechten Kneipen, die Gefahren, die Anstrengungen unseres Handwerks für ein Leben voll Bequemlichkeit, Ueberfluß und Genüssen eintauschen zu lassen, so mußtest Du arm gemacht werden, um an unserer Spitze durch Deinen Muth und Deine Talente, durch unsere Treue, Anhänglichkeit und unsern Eifer wieder reich zu werden.

Die Sache war schnell gemacht. Strahl, durch mich unterrichtet, führte Dich in dieses Häuschen, dessen Besitzer mein Bruder ist. Trinken und Lieben, Deine schwache Seite, gaben Dich in unsere Hände.

Strahl, Margarethe und ihr Mädchen, schon seit Jahren Strahls geheime Zuhälterin, sind fort, Gott weiß, wohin, und mit ihnen Deine Habseligkeiten und Dein Gold.

Du hast die Wahl, unser Anführer zu werden, oder in diesem unterirdischen Gewölbe zu verschmachten!“ —

Die Wahl war nicht schwierig. Schon in der nächsten Nacht zog Lips Tullian mit den neuen Gesellen hinaus in die Wälder, in das wilde, blutige Räuberleben.