Zwei Jahre hatte Lieutenant Schönknecht in Straßburg sein Pflanzenleben abgeleiert, als ihm Schalk Amor ins Ohr raunte, daß es nicht gut sei, wenn der Mensch allein ist. Und als unser Hagestolz dem unberufenen Mentor recht unwillig die Thüre weisen wollte, da führte ihn dieser mit schelmischem Lächeln an das Fenster, zeigte auf eins des gegenüber stehenden Hauses, und entfloh unter schadenfrohem Gelächter.
„Der kleine, geflügelte Spitzbube will mich zum Besten haben,“ — brummte Schönknecht vor sich hin. — „In alle Fenster dieser alten Knallhütte habe ich schon bei meiner Morgenpfeife geschauet und nichts gesehen, als den buckligen Hausbesitzer mit seiner alten Megäre, einen Windbeutel von Friseur und drei Weibstücke, die mehr Ansprüche haben, in der Walpurgisnacht auf dem Blocksberge den Kehraus zu tanzen, als eine Liebesflamme anzufachen. Warte nur, loser Junge, ich werde dich“ —
Der Nachsatz erstarrte ihm auf den Lippen, die Pfeife entglitt seiner Hand; er wußte nicht, ob er wache oder träume. Aus dem nämlichen, von Amor bezeichneten Fenster, aus welchem sonst nur die widerliche Fratze des liederlichen Pudergottes, oder dessen grundhäßlicher Frau Gemahlin ihm entgegengrinzte, lächelte ihm plötzlich ein Mädchengesicht entgegen, so allerliebst, so freundlich, wie er noch nie eins gesehen zu haben glaubte.
Das Mädchen grüßte so traulich herüber, als kenne man sich schon seit Jahren; sie sprach ein paar Worte über das Wetter — der Lieutenant glaubte Sphärenmusik zu hören — sie hüpfte vom Fenster das Zimmer hinunter, und Schönknecht, der dieses ganz übersehen konnte, sah die schlanke, üppige Gestalt, die leichten, reizenden Bewegungen einer Oreade.
An den schönsten Mädchen von Straßburg war er mit unbewegtem Herzen vorüber gegangen; die über Nacht ihm gewordene Nachbarin, diese überraschende Erscheinung, faßte ihn mit magischer Gewalt. Eine volle Stunde stand er noch am Fenster, mit sehnsüchtigen Blicken in das, ihm nun zu einer Halle der Grazien gewordene Zimmer hineinsehend, nur von dem Wunsche beseelt, die entflohene Grazie wieder zurück schweben zu sehen. Dieser Wunsch wurde ihm nicht erfüllt, aber dagegen seinem Herzen eine neue, recht süße Wunde geschlagen.
Die unbekannte Huldin trat jetzt aus der Hausthüre, sah zu ihm empor, grüßte freundlich lächelnd, eilte die Gasse hinab, blickte einigemal zurück, und winkte ihm an der Ecke der Seitenstraße mit dem blendend weißen Tuche einen süßen Gruß zu.
So rasch es mit dem lahmen Fuße ging, eilte der Lieutenant zu seinem Hausbesitzer hinab, und forschte mit jugendlichem Ungestüm, wer das engelschöne Mädchen sei, das, gleichsam wie aus den Wolken daher gekommen, die himmlischen Räume mit den armseligen Gemächern des luftigen Friseurs Blondell vertauscht habe.
Der Hausbesitzer, ein höchst langweiliger, umständlicher Mensch, nahm auf diese Frage eine sehr wichtige Miene an, schaukelte mit dem Kopfe, und sprach dann langsam und eintönig: „Hochschätzbarster Herr Lieutenant, wenn ich Ihre — pardonniren Sie gefälligst — etwas hochtrabenden Worte mir in die gewöhnliche, allgemein verständliche Sprache übersetze, so erkläre ich mir nach möglichst richtigen Begriffen, daß Sie gern wissen möchten, wer die hübsche, vielleicht auch gar wunderschöne Person ist, die bei dem Friseur Blondell wohnt, oder vielleicht da bei dessen Ehefrau zur Morgenvisite ist, oder mit dem Haarkräusler irgend ein Geschäft abzumachen hat, oder die — damit ich mich kurz und bündig fasse, durch irgend einen Zufall, oder aus bewegenden Gründen, oder durch sonst eine erdenkliche Veranlassung sich zu dieser frühen Morgenstunde im erwähnten Zimmer des oft berührten Friseurs Blondell von Ihnen hat erblicken lassen. Wenn ich Ihre Frage, mein Schätzbarster, von allen Seiten und mit meinem wenigen Scharfsinne nochmals und wiederholt in gehörige und reifliche Consideration nehme, so glaube ich, bewußte Frage vollständig aufgepaßt und verdollmetscht zu haben. Nicht wahr, Verehrtester?“
„Allerdings, aber es ist hier nicht die Sprache von einem Morgenbesuche, von einem Geschäfte, oder sonst einer Veranlassung zu einem flüchtigen Aufenthalte in Blondells Wohnung; daß dieses Mädchen entweder zu des Friseurs Familie gehöre, oder sich bei ihm für einen längern Aufenthalt eingerichtet habe, glaube ich durch verschiedene Veranlassung überzeugt sein zu dürfen. Entschuldigen Sie meine Neugierde, aber es liegt mir sehr viel daran, über dieses Mädchen Aufschluß zu bekommen. Können Sie mir darüber etwas Befriedigendes sagen?“
„Bedaure auf das Außerordentlichste, Euer Wohl-Edlen, damit nicht dienen zu können. Blondell, der schlechte Patron, hat bei mir einige Monate gewohnt, ist, ohne die Miethe zu bezahlen, bei Nacht und Nebel mit seiner ganzen portativen Einrichtung davon geschlichen, und seit dieser Zeit von mir gemieden und gehaßt. Da ich aber aus christlicher Nächstenliebe jedem Mitmenschen, nur nicht dem Blondell und gar vielen Andern, die in meinem Schuldbuche stehen, nach besten Kräften zu dienen, einen absonderlichen Eifer habe, besonders aber mich für Hochdero Wünsche und Befehle gar vorzüglich interessire, so will ich auf der Stelle durch meine Haushälterin Euer Wohledlen erlauben mir, von der Schlauheit dieser welterfahrnen Person“ —
„Danke sehr und bitte, weder sich, noch die gerühmte Person im geringsten zu incommodiren.“
„Ach lieber Himmel, nun geht mir über die Fremde bei Blondell ein Licht auf, so hell leuchtend, wie eine Wachsfackel. Erweisen Sie mir nur die Gefälligkeit, mich zu informiren, ob dieses Mädchen nicht hinter dem linken Ohr einen Leberfleck hat, beiläufig in der Größe von einer nicht zu breiten und zu schmalen Linse, ferner, ob diese Fremde beim Sprechen nicht etwas schnarret?“ —
„Wie kann ich Ihnen darüber etwas sagen, da ich das Mädchen nicht in der Nähe sah und nicht sprechen hörte?“
„Ja, ja, sie schnarrt, sie hat den Leberflecken hinterm Ohr, diese Luise, des Friseurs gar sanftmüthiges Töchterlein. Kein reputirliches Frauenzimmer nimmt bei Blondell Wohnung. Es ist Luise, die vor vier Jahren nach Paris ging, um, wie die bösen Leute sagen, so kleine verzinsliche Geschäfte auf ihre Hand zu machen. Sie wird aus kindlicher Liebe zurückgekehrt sein, um dem theuern Papa und der allerschätzbarsten Mamma statt des Hungertuches, an welchem beide gar lamentabel nagen, ein besseres Gericht aufzutischen.
Luischen war schon vor vier Jahren, als sie die Kinderschuhe ausgetreten und bei unserer berüchtigten Modehändlerin Gromant in der Nächstenliebe und in den Werken der Barmherzigkeit Unterricht genommen hatte, ein recht appetitlicher Backfisch!“ —
„Was ist das? diese sonderbare Benennung eines jungen, schönen Mädchens habe ich noch nie gehört.“
„Das glaube ich allerdings, Schätzbarster, denn diese spaßhafte Benennung ist nicht überall gang und gäbe. Im Norden — erlauben Sie mir, Ihnen zu bemerken, daß Norden um Berlin herum liegt, und daß auch dort die vortrefflichen Nordlichter fabricirt werden, die unsere Pfuscher von Kerzenziehern nicht nachmachen können — also um wieder auf Norden zurückzukommen, so habe ich die Ehre, Euer Wohledeln ergebenst zu informiren, daß man dort jedes junge, schöne Mädchen, dessen Gunst durch ein Stück Geld oder ein Geschenk erkauft und mit dem sündlicher Umgang gepflogen werden kann, einen Backfisch nennt.“
Das war für den Lieutenant zu arg. Er hatte das fünf und vierzigste Lebensjahr erreicht, ohne die Macht der Liebe, ihre Qualen und Süßigkeiten kennen gelernt zu haben. Die Erscheinung der reizenden Unbekannten ward ihm zum Blitze, der in das Tiefste seines Innern zündend schlug und alle so lange in stiller Ruhe entschlafenen Gefühle plötzlich entflammte. Das stürmisch aufgeregte Herz unterjochte den Kopf. Der zum erstenmal, aber um desto glühender Verliebte sah in der Fremden kein von irdischen Schwächen und Fehlern befangenes, sondern nur ein hehres, von allen Reizen des Körpers, des Geistes und des Herzens umflossenes Wesen. Er war von seiner neuen rasenden Leidenschaft zu sehr hingerissen, um durch des Hausbesitzers unumwundene Mittheilungen über Luisens Phrynenleben, von der Höhe seiner Ueberspannung zur Tiefe ernster Prüfung herabgezogen zu werden. In dem treuherzigen Referenten sah er nur einen humischen Verläumder; er war so außer sich, daß er auf der Stelle die Miethe aufkündigte, und noch am nämlichen Tage eine Wohnung bezog, die mit der des Blondell gleichsam im Zusammenhange stand.
Es waren nach dieser Zeit nicht drei Wochen verflossen, als der Lieutenant Schönknecht die reizende Luise Blondell zum Traualtar führte.
Die Flitterwochen wurden zu Monaten, zum vollen Jahre, an dessen Ende Luise den überglücklichen Gatten mit einem holden Knäblein beschenkte.
Aber es hat sich als mathematische Wahrheit seit der Urgestaltung des Menschen beurkundet, daß hienieden nichts vollkommen und kein Glück ewig ist. Dieser Erfahrungssatz bewährte sich auch an dem guten Lieutenant Schönknecht. Sein Sinnenrausch wich allmälig, das von Luisens Reizen geblendete Auge begann klarer und schärfer zu blicken, die falsche Begeisterung machte nunmehr Raum der ernsten Besonnenheit, den prüfenden Beobachtungen, und die zweite Hälfte des Flitterjahres war noch nicht zur Hälfte verronnen, als Lieutenant Schönknecht der gräßlichen Ueberzeugung erlag, seine Hoffnungen, sein Glück, seine Lebensruhe in den Armen eines launenvollen, zanksüchtigen, verbuhlten, schwelgerischen Weibes zu Grabe getragen zu haben.
Luise Blondell, schon in der Blüthe des Alters von ihrem schändlichen Vater an einen reichen Lüstling verkauft, bildete sich in Paris zur vollkommenen Hetäre, und blieb diese als Gattin des wackern, treuen Ehemannes. Anfangs spielte sie ihr heilloses Spiel mit Behutsamkeit; doch immer mehr ward sie bald die Herrin des lenkbaren, gutmüthigen Gatten, und immer freier in ihrem sittenlosen Walten, und selbst, als der Lieutenant seine Luise mehr zu durchschauen und zu würdigen vermochte, wandelte sie auf ihrem ehrlosen Pfade mit ungehemmtem, frechem Gange zwanglos dahin.
Vor dem Blicke des Wachtmeisters Schönknecht hatten die wildesten Bursche der Schwadron gezittert; der Lieutenant war zum Invaliden geworden, der sich unter den Willen eines verbuhlten Weibes beugte. Er fühlte sein Unglück, seine Schande, aber er war nicht mehr Mann genug, mit Kraft zu handeln und durch gewichtige Schritte, oder durch Entfernung eines liederlichen Weibes die verlorne Lebensruhe und die eigene Achtung und das Selbstvertrauen allmälig wieder zu gewinnen.
Er liebte noch immer die Treulose mit unmännlicher Schwäche; er rang mit der Verzweiflung über seine eheliche Lage, und die Verzweiflung führte ihn zur Flasche. Anfangs im Weine, dann im gebrannten Wasser fast täglich bis zur Sinnlosigkeit sich betrinkend, wurde er bei seinem Erwachen durch die pöbelhaftesten Schmähungen seiner Gattin, oder durch ihr ungescheutes Kosen mit einem ihrer Anbeter außer sich gebracht, und griff neuerdings zur wohlthätig-betäubenden Flasche.
Als Lieutenant Schönknecht in Straßburg angekommen war, hatte er sein nicht unbedeutendes Kapital bei Herrn Capinet, einem höchst rechtlichen Kaufmanne, verzinslich niedergelegt, in voller Ueberzeugung, bei seiner geregelten Weise recht bequem von den Zinsen leben zu können, und mit dem festen Vorsatze, das Kapital unberührt zu lassen, um es einst auf seinen nach Amerika gegangenen Bruder, oder wenn er von dessen Tode sichere Nachricht habe, an die Armen von Straßburg zu vererben. Schon vor der Vermählung griff der Lieutenant das Kapital an, um der geliebten Braut werthvolle Geschenke zu machen, und sich für sein eheliches Leben mit einigem Glanze einzurichten. Die Frau Lieutenantin liebte Putz, Theater, Landparthieen, ein hohes Spiel, Abendgesellschaften, Bälle, neue Meubles; sie liebte alles, was Geld kostete. Aus dem für Gold feilen Freudenmädchen war sie zur hochmüthigen Dame geworden, die von ihren Verehrern keine Geschenke nahm, sondern gab.
Der schwache Gatte war anfangs durch Louisens buhlerische Künste, durch geheuchelte Liebe, für die Erfüllung ihrer Wünsche leicht zu gewinnen; späterhin, in der Betäubung des Weinrausches, nie an die Pflichten für sein Kind denkend, wurde es nicht schwer, ihn zu jeder Unterzeichnung einer Geldanweisung leicht zu bewegen. Es wurden Gelder auf Gelder vom Handlungshause erhoben.
Eines Morgens, als Schönknecht früher als gewöhnlich aus dem Schlafe erwachte, da er in der verflossenen Nacht viel mäßiger als sonst gezecht hatte, gestaltete sich in ihm eine dunkle Erinnerung, von Zeit zu Zeit von seinem Kapitale Gelder gezogen zu haben. Er wollte volles Licht haben über seine Geldverhältnisse, und so eben zu Herrn Cabinet gehen, um seinen Vermögensstand genau einzusehen, als der Kaufmann selbst bei ihm eintrat, die ausgestellten Anweisungen vorlegte, und die bisher bestandene Verbindung von nun an als aufgelöst erklärte, da Madame Schönknecht gestern den Rest des Kapitals laut vorliegender, von ihrem Gatten ausgestellter Anweisung, erhoben habe.
Cabinet bat, alle Anweisungen genau zu durchsehen, die Summen zu ziehen, und dann die richtig geschehene Erhebung des ganzen Kapitals durch gehörigen Empfangsschein zu bestätigen.
Sprachlos, eine Marmorbüste, mit verglasten Augen, starrte der Lieutenant auf die Papiere hin. Eine Todtenstille herrschte im Gemache, die der Kaufmann, zur Genüge kennend die verschwenderische Lebensweise der Madame Schönknecht, und des Gatten Unbekanntschaft mit der geschehenen Erhebung des ganzen Kapitals ahnend, mit der Bitte um Bescheinigung unterbrach, da dringende Geschäfte seine Zeit in Anspruch nähmen.
Wie aus einem grauenvollen Traume erwachte der Lieutenant aus seiner Erstarrung, aber nicht zur wohlthuenden Enttäuschung, sondern nur zum gräßlichen Gefühle gräßlicher Wirklichkeit.
Eine jede Anweisung war, die erste wie die letzte, von Louisens Hand geschrieben; so wollte es der Lieutenant selbst, da er besser den Pallasch, als die Feder zu führen vermochte. Jede Anweisung war mit seiner eigenen Unterschrift und seinem Siegel versehen. Die Richtigkeit der Anweisungen und das Facit der Summa überzeugte den Unglücklichen, daß er von seiner verschwenderischen Gattin um den größten Theil seines Vermögens betrogen worden, daß er ein Bettler sei. Er schellte und gebot dem eintretenden Diener, nachzufragen, ob Madame schon zu sprechen sei.
Der Diener kam mit der Meldung zurück, Madame sei noch nicht von der Landparthie zurückgekehrt, die sie gestern Nachmittags mit dem Marquis Bellom gemacht habe. Bei dem Namen Bellom sammelte Cabinet seine Empfangscheine schnell in die Brieftasche; er kannte diesen angeblichen Marquis als dieser Dame vorzüglich begünstigten Verehrer, wußte, daß Bellom wegen Schulden Straßburg verlassen habe, und war überzeugt, daß Madame Schönknecht mit ihm entflohen sei. In aller Stille schlich er sich fort. —
Der Lieutenant wankte nach dem Zimmer seiner Gemahlin; die Vorthüre war verschlossen; er mußte sie mit Gewalt öffnen lassen.
Was seine Frau an Kostbarkeiten, Kleidern und Wäsche besaß, war fort, der Anblick der leeren Schränke, die Nachricht von der gestern geschehenen Erhebung des Kapitalrestes waren die gültigsten Urkunden über Louisens Entweichung. Der Lieutenant verließ ihre Zimmer in dumpfem Schweigen; aber schon nach einigen Schritten mußte er sich auf seinen Diener stützen; so sehr hatten ihn die überraschenden Erscheinungen dieser gräßlichen Stunde angegriffen. Mit Mühe schleppte der Diener den Kraftlosen in sein Gemach, brachte ihn auf das Ruhebett, und eilte nach dem Arzte.
Als der Arzt die Treppe hinanstieg, fiel in des Lieutenants Zimmer ein Schuß. Mit zerschmetterter Hirnschale, die Pistole in der krampfhaft geschlossenen Faust, lag der Unglückliche an der Schwelle seines Gemaches.
Das war das Ende einer mit Leichtsinn und Uebereilung geschlossenen Ehe.