Gretchen rannte von der Schule heim und stürmte so rasch die Treppe hinauf, daß Lene, die eben den Vorplatz putzte, nur schnell ihren Kübel beiseite schob, damit Gretchen nicht hineinpflumpfe, wie ihr das schon einmal begegnet war.
»Was kann's wieder für eine Freude in der Schule gegeben haben?« dachte sie bei sich. »Die Erste ist sie ja schon, höher hinauf kann man doch nicht kommen!«
»Vakanz! Wir haben vier Wochen Vakanz und gar keine Aufgaben,« jubelte ihr Gretchen nun zu und eilte dann mit der frohen Botschaft zur Mutter ins Zimmer.
»Nun das ist freilich eine lange Ferienzeit,« meinte die Mutter, »ich hätte aber nicht gedacht, daß du dich so darüber freust, du gehst doch so gerne in die Schule!«
»Freilich, Mutter, aber du hättest nur hören sollen, wie alle Kinder gejubelt haben, da muß man sich freuen. Die Schule ist schön, aber die Vakanz ist auch schön, alles ist schön,« rief Gretchen in ihrer glücklichen Stimmung.
Am Nachmittag kam aber doch etwas, das ihr nicht schön erschien, nämlich ein Strickstrumpf, an dem sie, wie ihr die Mutter erklärte, in der Vakanz jeden Nachmittag von 2–3 Uhr arbeiten sollte. Das Stricken war aber unserem Gretchen der Schrecken aller Schrecken. Diesen Strickstrumpf hatte sie schon vor einem Jahr angefangen. Das Garn, mit dem sie ihn strickte, war weiß, also hätte auch eigentlich der Strumpf weiß sein sollen, aber der war an manchen Stellen gelblich-braun, an anderen gräulich-schwarz, auch hie und da ein wenig rot von Kirschensaft, nur weiß war er nirgends. Gretchen machte einen Versuch, das Unglück von sich abzuwenden.
»O Mutter,« sagte sie, »im Herbst fängt in der Schule die Strickstunde an, dann muß ich doch neu anfangen, warum soll ich dann noch an diesem stricken.«
»Der muß noch fertig werden, ehe der Herbst kommt.«
»Fertig? O Mutter, das ist ja ganz unmöglich, überhaupt ist das so ein Strumpf, der nie fertig wird.«
»So? Gibt's solche? Die habe ich noch gar nicht kennen gelernt. Jetzt wollen wir aber gar nicht weiter darüber reden, sondern fleißig anfangen, du wirst sehen, daß es jetzt schon besser geht, als im vorigen Winter.«
Gretchen nahm mit kummervoller Miene die Arbeit, setzte sich neben die Mutter und fing an zu stricken. Sie hatte aber noch keine vier Nadeln fertig gebracht, als der Vater ins Zimmer trat. Um diese Zeit kam er sonst nie ins Wohnzimmer, Mutter und Tochter sahen ihn fragend an. Er zog einen Brief aus der Tasche.
»Gretchen,« sprach er, »du könntest jetzt hinunter gehen und deine Blumen gießen.«
Gretchen sah den Vater erstaunt an. »Aber Vater, jetzt in der Mittagssonne, da erlaubst du's doch nie!«
»Ja, das ist wahr. Nun, so gehe eben in die Küche und zähle, wieviel Schüsseln und Teller es da gibt.«
Jetzt begriff Gretchen – der Vater wollte allein mit der Mutter sein. Lachend warf sie ihr Strickzeug weg und sprang hinaus.
Ganz ungewöhnlich lang hatten die Eltern miteinander zu sprechen und als die Mutter endlich herauskam und Gretchen dachte, sie würde nun wieder zum Stricken gerufen, schien die Mutter gar nimmer daran zu denken.
»Lene,« sagte sie, »mein Mann muß um vier Uhr verreisen und kommt erst morgen Abend wieder, holen Sie die Reisetasche aus der Kammer herunter.«
»Wo geht der Vater hin?« fragte Gretchen.
»Frage ihn nur selbst.«
»Vater, wo gehst du hin?« fragte Gretchen neugierig.
»Auf den Bahnhof.«
»Und dann?«
»In den Zug.«
Gretchen konnte nicht weiter fragen, denn die Mutter kam mit Kragen und Manschetten und Lene mit der Tasche und dann wurde beraten, was mitgenommen werden sollte und Gretchen mußte die Hausschuhe herbeiholen, und so gab es ein Hin- und Herlaufen, bis es endlich Zeit war, an die Bahn zu gehen. Der Vater verabschiedete sich und Lene trug ihm die Tasche.
Als Gretchen mit der Mutter allein war, sagte sie: »Jetzt möchte ich aber auch wissen, wohin der Vater reist?«
»So, das fragst du mich? Hast du nicht gemerkt, daß es der Vater nicht sagen will?«
»Ich möchte es eben gern wissen!«
»Das glaube ich schon, aber Kinder können nicht alles wissen und dürfen nicht neugierig und unbescheiden sein. Wenn du merkst, daß man dir etwas nicht gern sagt, mußt du nicht zweimal fragen.«
Gretchen schwieg und es blieb ihr verborgen, wohin der Vater gereist war.
Am nächsten Morgen sollte es noch geheimnisvoller und wunderlicher zugehen. Da brachte ein Bote ein Telegramm vom Vater. Die Mutter erschrak nicht darüber, sie schien es erwartet zu haben. Zweimal schon hatte die Mutter das Telegramm durchgelesen und Gretchen hätte gar zu gerne gefragt: Was steht darin? Aber sie wollte nicht wieder neugierig sein.
Nun legte die Mutter das Blatt weg, zog Gretchen an sich, küßte sie und sagte ganz bewegt: »Der Vater schreibt, ich soll ihm nachkommen, gleich mit dem nächsten Zug. Du darfst jetzt auch wissen, daß der Vater in der Residenz ist und wenn wir morgen miteinander zurückkommen, so erzählen wir dir, was wir dort zu tun hatten.«
Das war alles so geheimnisvoll, Gretchen konnte gar nicht begreifen, was für ungewöhnliche Dinge vorgingen!
Als sie mit Lene von der Bahn zurückkam, wohin sie die Mutter begleitet hatten, sagte Lene: »Heute darfst du die Hausfrau machen und sagen, was ich kochen soll.«
»Das ist herrlich!« rief Gretchen. »Da machen wir eine Biskuittorte!«
Aber Lene erschrak ordentlich. »Was fällt dir ein, da braucht man zwölf Eier, so etwas darfst du nicht vorschlagen.«
Nun meinte Gretchen, eine gebratene Gans sei auch etwas Gutes und zu der brauche man keine Eier. Dagegen hatte die Köchin aber einzuwenden, daß sie keine Gans habe, und sie fragte, was ihre kleine Hausfrau wohl zu einem Reisbrei oder Mandelbrei meine? Auf den Mandelbrei ging nun Gretchen mit vollem Eifer ein und als es Mittag wurde, durfte sie ihr Tischchen in die Küche tragen und draußen decken und essen, das war ein Hauptvergnügen. Nach dem Essen, während Lene das Geschirr spülte, durfte sie es abtrocknen und sie kam sich dabei sehr wichtig vor. Auf einmal aber ließ sie den Löffel sinken, den sie eben abreiben wollte, und fragte: »Lene, muß ich wohl um zwei Uhr stricken?«
»Hat die Mutter nichts davon gesagt?«
»Nein, kein Wort.«
»Nun, dann mußt du's auch nicht.«
Diese Antwort kam Gretchen sehr erwünscht und sie machte sich wieder eifrig ans Geschäft. Aber nach kurzer Zeit wurde sie schon wieder nachdenklich.
»Weißt du, Lene, gestern hat die Mutter gesagt, ich muß alle Tage stricken; aber sie wird nur die Tage gemeint haben, an denen sie zu Hause ist, denn sie muß doch immer wieder auftrennen, was falsch wird.«
»Nun das könnte ich auch besorgen, aber die Mutter wird nicht zanken, wenn du heute nicht strickst.«
Nun wurde das Geschirr aufgeräumt und die Küche rein gemacht. Jetzt schlug es zwei Uhr.
»Lene, ich stricke doch, ich glaube, ich muß!«
»Nun ja, so stricke, es läßt dir sonst doch keine Ruhe, und jedenfalls freut es die Mutter.«
Gretchen nahm ihre Arbeit und setzte sich ans Küchenfenster, während Lene am Küchentisch Wäsche einspritzte. Vier Nadeln gingen wirklich ganz ohne Unglücksfall vorüber, es war heute ein besonderer Segen bei der Arbeit, wie wenn der Strumpf gewußt hätte, daß ihn seine kleine Herrin heute zum erstenmal freiwillig in die Hand nahm. Eine gute Weile war so verstrichen, als es an der Glastüre klingelte.
Lene öffnete und Gretchen hörte ein schüchternes Stimmlein fragen: »Ist Gretchen zu Hause?« Schnell war Gretchen draußen, sie mußte doch sehen, wer nach ihr fragte.
Es war die kleine Emilie von der Apotheke; die sagte, ihre Mama habe erfahren, daß Gretchen heute allein sei und lasse sie einladen, mit ihnen spazieren zu gehen.
»Willst du?« fragte die Kleine zuletzt.
»Ob ich will? Lene, höre nur, die fragt noch, ob ich will! Natürlich will ich,« rief sie fröhlich lachend und faßte die kleine Emilie und drehte sie im Kreis herum, daß es der Kleinen angst und bang wurde. Kurze Zeit nachher zogen die zwei Schulkamerädinnen vergnügt von dannen.