Neuntes Kapitel.
Eine wichtige Neuigkeit.

Es war Gretchen ganz sonderbar zu Mute, als sie spät abends vom Spaziergang heimkam, und Vater und Mutter nicht da waren. Wie still und leer war's doch im Wohnzimmer!

»Es ist zu langweilig zum Aufbleiben, Lene, ich gehe lieber gleich ins Bett.«

»Ja, du hast recht; fürchtest du dich nicht, allein zu schlafen?«

»Fürchten? Vor was denn?« fragte Gretchen erstaunt.

»Nun, ich meine nur, weil du's nicht gewohnt bist. Wenn du willst, mache ich mein Bett zu dir herein!«

»Aber Lene, was meinst du denn, bei Nacht braucht man doch niemand?«

»Nein, niemand als den lieben Gott und der ist ja bei dir, du mußt nur das Beten nicht vergessen.«

»Ich vergesse es nicht und ich will es auch dem lieben Gott noch sagen, daß ich ganz allein bin, dann sorgt er ganz gewiß für alles, gelt Lene?«

»Freilich sorgt er und dann weißt du, meine Kammer ist ja neben der Küche, du darfst mir nur rufen, wenn du etwas willst.«

»Nachts will ich nie etwas, gute Nacht, Lene.«

»Gute Nacht.«

Nach wenigen Minuten schlief Gretchen so sanft wie immer. Das Beten hatte sie nicht vergessen. In der Nacht aber brach ein furchtbares Gewitter los. Ein Windstoß schlug mit aller Macht die Schlafzimmertüre zu, daran erwachte Gretchen und es fiel ihr ein, daß sie ganz allein war. Es blitzte und donnerte heftig, der Wind schlug den Regen gegen die Fenster, daß es prasselte, bald war es stockfinster im Zimmer, bald wurde dieses durch einen Blitzstrahl taghell beleuchtet.

Das war nun gar nicht behaglich und Gretchen zog sich die Decke über den Kopf, um nichts zu sehen und zu hören. Erst vor wenigen Tagen war so ein heftiges Gewitter gewesen und der Blitz hatte in ein Haus eingeschlagen. Daran mußte nun Gretchen denken, und dabei fiel ihr ein, daß die Mutter gesagt hatte: »So oft nachts ein Gewitter kommt, muß ich aufstehen, denn immer schlägt irgendwo ein Fenster, oder es regnet herein.«

Gretchen horchte: richtig, da war es ja deutlich zu hören, nebenan in des Vaters Zimmer wurde ein Fenster vom Winde auf- und zugeschlagen. Das durfte nicht sein. Die Mutter konnte heute nicht dafür sorgen, Lene hörte es nicht, also mußte sie aufstehen. Unsere tapfere Kleine schlupfte in ihre Strümpfe, stieg aus dem Bett und tappte im Finstern nach der Türe. Da plötzlich leuchtete ihr ein greller Blitz, daß die Türschnalle hell erglänzte. Nun folgte ein furchtbarer Donnerschlag, daß Gretchen vor Schreck erzitterte.

»Lieber Gott, du sorgst doch für mich?« betete sie leise und dann ging sie herzhaft hinaus in des Vaters Zimmer. Richtig, da stand ein Fenster offen und der Wind blies den Vorhang weit herein ins Zimmer, es war gut, daß Gretchen kein Licht hatte. Sie brauchte auch keines, denn die Blitze leuchteten ihr fortwährend. Nun schloß sie das Fenster und wollte eben wieder hinausgehen, da hörte sie ein leises Geräusch, wie wenn einzelne Tropfen hoch herunterfielen. Sie blieb stehen und lauschte. Von Zeit zu Zeit fiel immer wieder ein Wassertropfen, sie hörte es ganz deutlich, aber woher kam der Laut? Vom Fenster nicht. Sie ging in die Mitte des Zimmers, da hörte man's noch deutlicher, endlich kam sie an des Vaters Schreibtisch und als sie prüfend die Hand darüber ausstreckte, fühlte sie etwas Nasses und ein Tropfen fiel ihr auf die Hand. Jetzt wußte sie's – es regnete durch die Decke herunter und gerade auf des Vaters Schreibtisch. Das war aber schlimm, da mußte Lene helfen, sonst wurden am Ende des Vaters Bücher und Papiere naß. So schnell sie's in der Dunkelheit vermochte, ging Gretchen hinaus auf den Vorplatz, an der Küche vorbei, bis an Lenens Kammer. Es blitzte und donnerte noch ebenso heftig, aber Gretchen erschrak schon nicht mehr so sehr daran, sie war auch ganz im Eifer.

»Lene,« rief sie, »bist du wach?«

»Ja, freilich bin ich wach, gelt jetzt fürchtest du dich doch!«

»Nein, aber Lene, komm nur schnell, denn des Vaters Schreibtisch wird ganz naß!«

»Ach Kind, was meinst du, der steht ja gar nicht am Fenster.«

»Er ist aber doch naß, ich habe es ja gespürt, komm nur schnell!«

Jetzt erschien Lene mit einem Licht. Eifrig ergriff Gretchen ihre Hand: »Komm, ich zeige dir's!«

Als Lene auf den Schreibtisch leuchtete, stieß sie einen Schreckensruf aus. Da hatte sich eine ganze Wasserlache angesammelt; ein Buch, das auf dem Tisch lag, war schon ein wenig naß und verschiedene Päcke Akten und Briefe waren nur um eines Fingers Breite von dem Wasser getrennt.

Lene nahm einen Stoß um den andern und räumte alles auf einen andern Tisch, bis der Schreibtisch ganz leer war. Dann wischte sie das Wasser auf und stellte eine Schüssel unter. Währenddem rief Lene einmal ums andere: »Ach, Kind, Gott Lob und Dank, daß du das entdeckt hast, dein Vater wäre außer sich gewesen, wenn die Papiere alle durchnäßt worden wären, das hätte schweren Schaden angerichtet!«

»Ja, Lene, das hat gar nicht sein können, denn weißt du, ich habe ja den lieben Gott extra gebeten, daß er für uns sorgt. Er hat mich schon zu rechter Zeit geweckt.«

»Ja, Kind, du hast recht, aber jetzt leg dich doch schnell wieder ins Bett, in deinem dünnen Nachthemdchen muß dich's ja frieren. Ich bleibe jetzt auf, bis das Gewitter ganz vorbei ist, du aber schlupfe unter die Decke!«

Gretchen ließ sich das nicht zweimal sagen und legte sich. Dann betete sie noch einmal: »Lieber Gott, ich danke dir, daß du so gesorgt hast, aber jetzt sorgt die Lene,« dann legte sie sich auf die Seite und war trotz Donner und Blitz bald eingeschlafen.

Am nächsten Morgen schien die Sonne wieder freundlich und Gretchen stattete ihren gewohnten Besuch bei den Stachelbeerstöcken im Garten ab. Da, als sie ganz in dies Geschäft vertieft war, rief die liebe, wohlbekannte Stimme der Mutter durchs Fenster: »Gretchen, grüß dich Gott!« und: »Guten Appetit,« fügte der Vater hinzu. Die Eltern waren soeben von der Bahn gekommen. Das war eine Überraschung! Gretchen rannte die Treppe hinauf und in der Freude, die Eltern wieder zu haben, vergaß sie ganz, daß sie nun etwas über die geheimnisvolle Reise erfahren sollte, bis der Vater sagte:

»Nun, Kind, was hättest du denn gesagt, wenn ich heute telegraphiert hätte, du sollst uns auch nachkommen?«

»Ich, ganz allein? Da wäre ich doch lieber mit euch gegangen.«

»Das haben wir uns gedacht und darum sind wir auch wieder gekommen, um dich zu holen.«

»Im Ernst, Vater?«

»Ja, dich und die Lene!«

»O Mutter, gelt, der Vater macht nur Spaß?«

»Diesmal ist's Ernst, liebes Kind,« sagte die Mutter bewegt. »Der Vater zieht in die Residenz und wir ziehen mit ihm und nehmen alles mit, was wir haben.«

»Auf lange Zeit? Über die ganze Vakanz?«

»Nicht nur über die Vakanz, sondern für immer.«

»Aber Mutter, das ist ja eigentlich ganz traurig, dann haben wir ja unsern Garten nimmer und ich kann überhaupt nicht fort, ich muß in die Schule!«

»Eine Schule gibt's in der Residenz auch und vielleicht noch eine bessere als hier,« erwiderte der Vater.

»Und einen Garten?«

»Den bekommen wir freilich zunächst nicht, aber dafür gibt es dort viele schöne Anlagen mit Springbrunnen und Seen und Schwänen darin.«

»O, das ist wie im Märchen, dann freue ich mich auch! Reisen wir auch mit dem Vieruhrzug, heute nachmittag?«

»Nein, so schnell geht das nicht, da gibt's vorher noch viel zu besorgen, aber in sechs Wochen etwa. Nun muß ich's aber auch der Lene mitteilen,« sprach die Mutter und ging in die Küche, der Vater aber in sein Studierzimmer.

Gretchen blieb allein und dachte darüber nach, wie sie die große Neuigkeit ihren Schulkameraden erzählen wollte. Sie wurde aber bald in ihren Gedanken unterbrochen durch den Vater, der wieder ins Wohnzimmer kam und ganz ärgerlich aussah.

»Was hat man denn in meinem Zimmer gemacht?« fragte er, »gewiß wieder so eine unnötige Putzerei, es liegt ja alles durcheinander!«

»Ja, Vater, das hat so sein müssen, weil es auf den Schreibtisch geregnet hat,« antwortete Gretchen und erzählte dann ganz genau den ganzen Hergang der Sache. Sie wußte wohl, daß der Vater gar nicht leiden konnte, wenn man seine Papiere in Unordnung brachte, und als sie mit ihrer Erzählung fertig war, sah sie besorgt zum Vater auf und sagte: »Ist wirklich alles ganz durcheinander?« Der Vater antwortete aber aus diese Frage gar nicht, er hob sein Töchterchen auf einmal vom Boden auf, ließ sie in die Höhe fliegen und rief: »Du bist ein Prachtkerl, dich kann man einmal brauchen in der Welt; nachts, bei Donner und Blitz aufstehen und nach dem rechten sehen, statt ängstlich unter die Decke zu kriechen, das lobe ich mir! Aber warte nur, ich will dir's nicht vergessen!« Mit diesen verheißungsvollen Worten verließ der Vater das Zimmer. Gretchen aber war sehr stolz und glücklich; ein Lob vom Vater war etwas sehr Seltenes, und so ein Lob war noch gar nie dagewesen.

Fröhlich sprang sie hinaus in die Küche, wo auch die Mutter schon von Lene gehört hatte, was in der Nacht vorgefallen war. Jetzt aber sprachen sie über den Umzug in die Residenz und Gretchen bemerkte mit Staunen, daß Lene in Tränen war.

»So, du kommst gerade recht, um die Lene zu trösten,« sagte die Mutter, ließ die beiden allein in der Küche und ging hinüber zum Vater.

»Denke nur, Lene will gar nicht mit uns gehen,« sprach Frau Reinwald lebhaft zu ihrem Manne.

»Wirklich? Das wäre mir leid, warum will sie denn nicht?«

»Sie sagt, sie möchte nicht so weit von ihren Eltern fort und sie könnte sich auch nicht eingewöhnen in einer so großen Stadt. Mir wäre es schrecklich, wenn sie ginge, so ein treues Mädchen fänden wir vielleicht nie wieder!«

Während im Zimmer die Eltern so sprachen, hatte Gretchen zutraulich ihre Arme um Lene geschlungen und freundlich zu ihr gesagt: »Lene, weine nicht, es wird dir schon auch in der Residenz gefallen, es ist ja schön dort!«

»Ich werde wohl nicht mitgehen,« sagte Lene. Da ließ Gretchen sie ganz erschrocken los, sah ihr ungläubig ins Gesicht und rief: »Du machst bloß Spaß!«

»Nein, mir ist's gar nicht spaßhaft zumut.«

»Du willst wirklich nicht mitgehen? Aber Lene, du mußt doch mit, du bist schon immer da gewesen, und ohne dich geht's gar nicht, nein, wirklich ohne dich geht's nicht!« und als Lene sich aufs neue die Tränen aus den Augen wischte, sagte Gretchen ganz entschieden: »Lene, du mußt's doch selbst spüren, du kannst nicht fort von uns!«

Und Lene spürte es, denn sie zog Gretchen gerührt an sich: »Ich glaube du hast Recht, ich kann nicht fort, von dir schon einmal gar nicht! Nein, ich bleibe bei euch; Gretchen, sag's der Mutter, daß ich mit euch gehe, und sag' auch, sie soll mir's nicht übel nehmen, daß ich vorhin so eine dumme Gans war, natürlich gehe ich mit!«

Da fiel ihr Gretchen fröhlich um den Hals, rannte hinüber zum Vater und verkündigte den Eltern jubelnd: »Die Lene geht mit, sie hat es versprochen!«

Das war nun den Eltern sehr lieb und der Vater dachte vielleicht wieder, sein Gretchen sei ein Prachtmädel, daß sie die Lene so schnell herumgebracht hatte. Er ließ sich's aber nicht merken, sondern sagte bloß: »Nun Gretchen, jetzt soll's dir gehen, wie's sonst nur den Kindern in den Märchen geht. Weil du heute nacht meine Papiere vor dem Verderben gerettet hast, sollst du dir irgend etwas wünschen, und den Wunsch will ich dir erfüllen. Du wirst schon so vernünftig sein und dir kein Königreich wünschen, kannst ja ein wenig mit der Mutter beraten. Heute abend will ich deinen Wunschzettel auf meinem Schreibtisch finden.« Mit diesen Worten verließ der Vater das Zimmer.

Gretchen klatschte in die Hände vor Vergnügen. »Mutter, wie herrlich,« rief sie, »ich weiß schon, was ich mir wünsche, du wirst's auch wissen, es ist ja schon lange mein Herzenswunsch!«

»Ich kann mir's wirklich nicht denken, was ist's denn?«

»Natürlich ein Kalb!« rief Gretchen. – »Ein Kalb?«

»Ja, ein rechtes, lebendiges Kalb, so ein gutmütiges, dickköpfiges Kalb!« Aber die Mutter schüttelte den Kopf.

»Liebes Kind, das geht nicht. Denke nur, was würde unser neuer Hausherr in der Residenz sagen, wenn wir in seine elegante Wohnung ein Kalb mitbrächten!«

»O das nehmen wir gar nicht mit hinauf, das führen wir gleich hinten in den Hof, oder in irgend einen Stall nebenan.«

»Da gibt's keinen Hof und keinen Stall, mein Kind, das ist fast so unmöglich wie das Königreich, das sich der Vater auch verbeten hat. Aber es wird dir schon etwas anderes einfallen, das besser paßt, besinne dich nur!«

Das tat nun Gretchen den ganzen Nachmittag, sie zog bald die Mutter, bald Lene zu Rate, und kam doch zu keinem Entschlusse.

»Du hast eben schon alles, was ein kleines Mädchen sich nur wünschen kann,« sprach die Mutter, »da wäre es wohl leichter, wenn sich z. B. die arme Luise Seiz, der du damals die Tafel geschenkt hast, etwas wünschen sollte.«

»Mutter, jetzt hab' ich's,« rief Gretchen ganz vergnügt, »ich wünsche mir etwas für sie und für die andern armen Schulkinder, für alle, die ich lieb habe, geht das?«

Die Mutter überlegte ein wenig.

»Es ließe sich vielleicht schon machen, daß wir, ehe wir von hier fortziehen, allen eine Freude bereiten.«

Mit der Mutter Hilfe wurde nun ein schöner Wunschzettel geschrieben. Auf diesem stand: »Ich wünsche mir, daß ich allen Schulkameraden, die ich lieb habe, zum Abschied eine Freude machen darf. Lieb habe ich alle, die arm sind, und Apothekers Emilie und Felix Acosta, von dem ich nicht weiß, ob er arm ist.«

Der Zettel kam auf des Vaters Schreibtisch und am nächsten Morgen lag er auf Gretchens Frühstückstasse und der Vater hatte darunter geschrieben: »Soll erfüllt werden.«