Elftes Kapitel.
Aller Anfang ist schwer.

Vor einem stattlichen Hause in der Residenz stand Herr Reinwald wenige Tage nach seiner Ankunft in der Stadt.

»Töchterinstitut von Fräulein von Zimmern« stand an dem Hause angeschrieben, in das nun Herr Reinwald eintrat.

Auf seine Frage, ob er Fräulein von Zimmern sprechen könne, wurde er in ein freundlich eingerichtetes Zimmer geführt, und bald darauf erschien die Vorsteherin des Instituts, ein älteres Fräulein von vornehmer Haltung und ernsten, aber doch wohlwollenden Zügen. Sie bat Herrn Reinwald, Platz zu nehmen, und dieser teilte ihr nun mit, daß er gekommen sei, um sie zu bitten, sein Töchterchen in ihre Schule aufzunehmen.

»Die Kleine hat zwar erst seit diesem Frühjahr die erste Klasse der Volksschule in dem Städtchen Föhrenheim besucht und ist deshalb noch nicht sehr gelehrt,« sprach Herr Reinwald, »doch ist sie gut begabt und so, denke ich, wird sie den andern bald nachkommen.«

»Ich bin gerne bereit, Ihr Töchterchen aufzunehmen,« antwortete Fräulein von Zimmern, »doch beginnen bei uns die Klassen nicht im Frühjahr, sondern im Herbst. So muß denn Ihre Kleine entweder ein halbes Jahr vor- oder zurückgesetzt werden. Da nun die Kinder in meinem Institut weiter sind als die Kinder in der Volksschule, so wird es am besten sein, wenn sie noch einmal von vornen anfängt mit unseren Kleinen, die vor einigen Tagen in die erste Klasse eingetreten sind.«

»Das wünschte ich freilich gar nicht,« erwiderte Herr Reinwald, »es ist ihr bisher immer so leicht gegangen und nun möchte ich, daß sie einmal ernstlich ans Lernen käme.«

Fräulein von Zimmern wiegte bedenklich ihr Haupt.

»Sie wird schwer tun in unserer zweiten Klasse.«

»Nun ja, das wünsche ich eben, sie soll sich auch plagen müssen, bisher war für sie alles ein Spiel.«

»Wird es das Kind nicht zu sehr anstrengen?«

»Das ist nicht zu fürchten. Sie ist vermutlich die dickste und rotbackigste unter ihren künftigen Kamerädinnen.«

»Wenn zuviel Neues und Schweres auf einmal kommt, kann sie auch leicht den Mut verlieren!«

»Den Mut wird sie nicht verlieren, aber vielleicht etwas von ihrem Übermut.«

»Nun denn, wenn Sie es so sehr wünschen, so werde ich sie in die zweite Klasse aufnehmen, doch muß ich bitten, daß ihr für den Anfang zu Hause etwas nachgeholfen wird.«

»Dies wird meine Frau sehr gerne tun, sowie sie wieder wohl ist. Sie hat sich leider bei dem Umzug verdorben, doch hoffe ich, daß es vorübergehend sein wird.«

»Das wünsche ich auch von Herzen. Grüßen Sie mir Ihre Kleine und schicken Sie dieselbe möglichst bald.«

»Sie wird gleich morgen früh kommen.«

»Gut, der Unterricht beginnt um 9 Uhr.«

Herr Reinwald empfahl sich und eilte heim, wo er von Gretchen ungeduldig erwartet und mit allerlei Fragen über die neue Schule überschüttet wurde. Herr Reinwald aber gab nur kurzen Bescheid, er hatte in seinem neuen Amt sehr viel zu tun und es kam ihm ungelegen, daß er auch für Gretchens Angelegenheiten sorgen mußte.

»Wo ist die Mutter?«

»Sie hat sich ins Bett gelegt, es ist ihr schlechter.«

Herr Reinwald ging ins Schlafzimmer, kam aber bald wieder heraus.

»Die Mutter hat Fieber, wir müssen den Arzt haben. Schicke mir Lene herein, daß ich ihr beschreibe, wo der Arzt wohnt, und du mache dich fertig, sie zu begleiten, denn der Arzt wohnt in derselben Straße, in der auch dein Institut ist, dann lernst du gleich deinen Schulweg kennen.«

Bald waren Lene und Gretchen miteinander auf dem Weg in die Luisenstraße.

»Das hätte ich nicht gedacht, daß unser erster Ausgang miteinander zum Arzt wäre,« sagte Lene mit einem schweren Seufzer und es war den beiden recht trübselig zu Mute, als sie an dem kühlen Herbstabend durch die fremden Straßen gingen, um das Haus des Arztes aufzusuchen. Endlich hatten sie's gefunden und den kurzen Bescheid erhalten, daß der Arzt am nächsten Morgen kommen werde.

»Das sind Leute,« räsonnierte Lene im Heimgehen, »denen ist's ganz einerlei, wer krank ist oder was einem fehlt! Da war's schon anders, wenn man zu unserem lieben Herrn Doktor in Föhrenheim kam. Da fragte gleich die Magd, wer denn krank sei, und die Frau Doktor ließ gute Besserung wünschen und kaum war man daheim, so stand auch der Herr Doktor schon da. Die Leute hatten doch auch eine Teilnahme, aber hier sind sie so kalt und so fremd!«

»O Lene, wären wir doch noch in Föhrenheim, dann wäre auch die Mutter nicht krank,« seufzte Gretchen, und ihr kleines Herz wurde voll Heimweh.

Inzwischen waren die beiden wieder an ihr Haus gekommen. Es war ein großes, dreistöckiges Haus, mitten in der Stadt.

»Hast du das alte Fräulein schon einmal gesehen, das unter uns im ersten Stock wohnt?« fragte Lene.

»Nein, ich habe nur ihren Hund bellen hören.«

»Ja, das ist ein bissiges Tier, vor dem nimm dich nur in acht, aber vor dem Fräulein auch, denn die ist auch nicht viel besser.«

»Was tut sie denn?«

»Ich weiß nicht. Aber es kommt keine Seele zu ihr und kein Mensch mag sie.«

»O, o, Lene, das muß aber schrecklich sein, wenn einen gar niemand mag!«

»Freilich, aber daran ist sie selbst schuld.«

»Hat sie denn etwas Böses getan?«

»Nein, aber sie ist eben so wunderlich, daß man nicht mit ihr auskommen kann.«

»Sieht sie dann nicht immer sehr traurig aus?«

»Die? Nein, die sieht nur bös aus.«

Gretchen wurde ganz nachdenklich.

»Lene, wenn ich sie nur sehen könnte, vielleicht könnte ich sie doch lieb haben, damit doch ein Mensch sie mag!«

»Sehen wirst du sie wohl bald, aber lieb haben schwerlich!«

»O doch, Lene, die muß ich lieb haben, wenn kein Mensch sie mag, ich glaube, ich habe sie jetzt schon lieb!«

Lene und Gretchen wurden mit Ungeduld erwartet, Frau Reinwald war sehr krank und auf den schlimmen Abend folgte eine unruhige Nacht.

Sehnsüchtig wurde am nächsten Morgen der Arzt erwartet. Herr Reinwald hätte Gretchen gerne in die neue Schule eingeführt, aber er fürchtete, daß gerade in seiner Abwesenheit der Arzt kommen würde. Lene konnte man auch nicht entbehren, so mußte sich denn Gretchen allein auf den Weg machen. Sie versicherte auch, daß sie ihn fände, und im Notfall konnte sie ja fragen.

So nahm sie denn wieder ihren Ranzen und ging, freilich nicht so fröhlichen Herzens, wie sie sonst in die Schule zu wandern pflegte. Sie schlug denselben Weg ein, den sie gestern mit Lene gemacht hatte, und bald sah sie mehrere Mädchen mit Schultaschen und Büchern, die alle in einer Richtung gingen. Nun brauchte sie ja gar nicht erst zu fragen, sie durfte nur den andern Schulkindern folgen. Diese bogen jetzt in eine Seitengasse ein und traten in das Schulhaus. Gretchen folgte einem Mädchen, das ungefähr in ihrer Größe war und trat mit ihr in das Schulzimmer ein.

Der Vater hatte ihr anbefohlen, gleich auf Fräulein von Zimmern zuzugehen. Diese war aber nicht zu sehen, es stand am Katheder ein Lehrer. So ging denn Gretchen auf diesen zu und richtete die Empfehlungen ihrer Eltern aus.

»Wie heißt du denn, Kleine?« fragte der Lehrer.

»Gretchen Reinwald.«

»Gehörst du denn zu uns?«

»Ja, mein Vater hat mich gestern angemeldet.«

Der Lehrer schüttelte verwundert den Kopf.

»Davon weiß ich gar nichts. Bist du denn israelitisch?«

Gretchen wußte nicht, was das heißen sollte, nur das wußte sie, daß noch niemand sie so genannt hatte.

»Nein,« sagte sie, »ich weiß aber auch nicht, was das ist.«

Der Lehrer lächelte. »Dann wirst du's auch nicht sein, wie ich mir gleich gedacht habe. Sag einmal, bei wem hat dich dein Vater angemeldet?«

»Bei Fräulein von Zimmern selbst.«

»Bei Fräulein von Zimmern? Da meinst du wohl, du seist hier im Institut von Fräulein von Zimmern?«

»Ja, bin ich denn nicht da?« fragte Gretchen und sah sich ganz verwirrt um.

»Nein, Kind, da bist du ganz fehl gegangen. Du bist hier in der israelitischen Schule oder, wenn du's so besser verstehst, in der Judenschule.«

»Dann will ich wieder gehen,« erklärte Gretchen rasch entschlossen.

»Das denke ich mir; aber du scheinst hier ganz fremd zu sein, findest du denn den Weg?«

»Von hier aus nicht.«

»Nun, dann muß ich dir eben eine Begleiterin mitgeben; wer weiß das Institut von Fräulein von Zimmern?«

Viele Hände wurden in die Höhe gestreckt.

»Rosa Herz, komm du heraus, du kannst das Kind begleiten.«

Ein großes, schwarzhaariges Mädchen kam vor und wollte Gretchen fortführen. Dieser fiel aber noch zu rechter Zeit ein, daß sie doch nicht nur so fortlaufen dürfe.

Sie gab dem Lehrer die Hand und bedankte sich recht herzlich, denn sie war sehr froh, daß sie eine Begleiterin mitbekam.

»Schon recht,« sagte der Lehrer, »vergiß auch nicht, deinem Vater einen Gruß von dem israelitischen Lehrer auszurichten.«

»Wie bist du in unsere Schule geraten?« fragte Rosa unterwegs.

»Ich habe viele Mädchen da herein gehen sehen und nicht daran gedacht, daß es hier zwei Schulen gibt, in Föhrenheim gibt es nur eine.«

»Was, nur eine? Ich habe sagen hören, daß es hier mehr als vierzig Schulanstalten gibt.«

Gretchen staunte und war froh, daß Rosa Herz sie ganz bis an das Haus von Fräulein von Zimmern begleitete, sie wollte nicht noch einmal irre gehen.

Die beiden Mädchen verabschiedeten sich freundlich voneinander und bald stand Gretchen mit klopfendem Herzen vor einer Türe, an der groß und deutlich geschrieben stand: »Zweite Klasse.« Es war ganz still darin und Gretchen dachte, es könne niemand in dem Zimmer sein. Als sie aber anklopfte, wurde doch »Herein!« gerufen; sie öffnete die Türe und sah, daß alle Schülerinnen in musterhafter Stille an der Arbeit saßen. Freilich, fünfzig Kinder, wie in Föhrenheim, waren es nicht, es saßen bloß vierzehn Mädchen in dem schönen, großen Schulzimmer mit seinen hohen, hellen Fenstern. Fräulein von Zimmern stand am Lehrpult, Gretchen ging auf sie zu und richtete zum zweitenmal aus, was der Vater ihr aufgetragen hatte.

»Wie heißt du mit deinem Vornamen?« fragte Fräulein von Zimmern.

»Gretchen.«

»Nun, Gretchen, du kommst zu spät, ich habe dich um neun Uhr erwartet, es ist aber schon sieben Minuten nach neun Uhr. Merke dir vor allem, daß man in meiner Schule pünktlich sein muß!«

»Ich habe mich verirrt und bin in die Judenschule gekommen.«

Alle Kinder lachten, aber Fräulein von Zimmern verwies sie sofort zur Ruhe und wandte sich wieder an Gretchen:

»Noch etwas; du kommst aus der Volksschule und weißt daher noch nicht, wie man sich bei uns benimmt, wenn man in das Klassenzimmer eintritt. Ottilie von Lilienkron, geh zur Türe hinaus und zeige deiner neuen Mitschülerin, wie sie künftig einzutreten hat!«

Die Schülerin, die auf dem ersten Platz saß, erhob sich, ging zur Türe hinaus, kam dann leisen Schrittes auf Fräulein von Zimmern zu, machte eine kleine Verbeugung und sprach: »Guten Morgen, Fräulein von Zimmern.«

»So wirst du von morgen an auch grüßen, merke dir das; ich bin gewöhnt, alles nur einmal zu sagen. Wer etwas vergißt, was schon gesagt wurde, bekommt eine schlechte Note.«

Gretchen fühlte sich höchst unbehaglich, während sie so vor der gestrengen Lehrerin stand und die Blicke aller Kinder auf sich gerichtet sah. Sie war froh, als Fräulein von Zimmern ihr endlich gestattete, ihren Schulranzen abzulegen; sie hörte, wie Ottilie von Lilienkron kicherte und leise zu ihrer Nachbarin sagte: »Die hat einen Bubenranzen an!« Aber so leise es auch geflüstert war, Fräulein von Zimmern mußte es doch gehört haben, sie sagte ruhig: »Ottilie, eine schlechte Note.«

Nun herrschte wieder lautlose Stille in den Reihen der Schülerinnen.

»Nun, Gretchen, zeige mir deine Hefte, damit ich sehe, wie weit du gekommen bist!«

»Ich habe keine Hefte.«

»Ei, die hättest du mitbringen sollen!«

»Ich habe auch zu Hause keine Hefte, wir haben immer auf die Tafel geschrieben.«

»Wie, noch gar nicht ins Heft? Da kannst du wohl noch nicht einmal mit der Feder schreiben?«

»O doch, ich kann schon, nur nicht so gar schön.«

»Das kann ich mir vorstellen! Wo hast du denn deine Bücher?«

Bereitwillig zog Gretchen ihre Fibel und ihr Spruchbuch aus dem Ranzen, sie war so froh, daß sie wenigstens Bücher hatte.

»Und was hattet ihr denn für ein Rechenbuch?«

»Gar keines.«

»Natürlich, das hätte ich mir denken können! Du wärst wohl besser bei den Kleinen untergebracht. Wie alt bist du denn?«

»Sieben Jahre.«

»So bist du die jüngste in dieser Klasse und mußt dir die größte Mühe geben, um dich darin halten zu können. Merke dir das!«

Jetzt endlich führte Fräulein von Zimmern Gretchen an ihren Platz. Er war auf der hintersten Bank, aber in diesem Augenblick war es Gretchen ganz gleichgültig, ob sie vornen oder hinten sitzen sollte, sie hatte nur den einen Wunsch, daß man nimmer auf sie achten und ihr nichts mehr anbefehlen möchte, das sie sich merken sollte!

Der Unterricht begann. Die Schülerinnen waren freilich viel weiter als Gretchens ehemalige Schulkameraden; als es aber ans Lesen ging, bemerkte Gretchen mit Erleichterung, daß doch manche noch nicht so geschickt darin waren wie sie. Nachdem alle anderen gelesen hatten, mußte eines der Mädchen ihr das Buch reichen, die Reihe kam an sie. Gretchen gab sich nun Mühe, wie sie sich wohl noch nie gegeben hatte, seit sie lesen lernte, und sie brachte einen langen Satz ganz ohne Anstoß heraus.

Die Stimme von Fräulein von Zimmern klang nun schon etwas milder denn vorher, als sie sagte: »Das Lesen geht nicht übel, nur mußt du auch Ausdruck hinein legen, merke dir das!«

Die Stunde verlief sehr ruhig. Fräulein von Zimmern zankte nie, nur hie und da rief sie eines der Kinder mit Namen und fügte hinzu: »Eine schlechte Note.« Gretchen wußte manchmal gar nicht weshalb, sie merkte aber, daß es den Mädchen sehr zu Herzen ging und es bei der einen und anderen stille Tränen gab.

Mit dem Schlag zehn Uhr erklang im Vorplatz ein lautes Schellen. Die Kinder räumten ihre Bücher weg, verließen still ihre Plätze und gingen eins nach dem andern, in derselben Ordnung wie sie in den Bänken gesessen waren, zur Türe hinaus. Gretchen folgte als letzte. Kaum hatte sich aber die Türe hinter ihnen geschlossen, so war die Schar da draußen gar nimmer zu erkennen. Sie stürmte so fröhlich und lachend die Treppe hinunter, als müßte sie sich entschädigen für die ausgestandene Ruhe; gleichzeitig kamen auch aus den anderen Klassenzimmern Kinder heraus und bald füllte sich der Schulhof mit lustigen Mädchen jeden Alters.

Gretchen bemerkte aber, daß nicht alle gleich in den Hof gingen, sondern daß manche vorher in ein Zimmer im untern Stock traten, aus dessen offener Türe ihr ein angenehmer Duft entgegen strömte. Neugierig blickte sie hinein.

»Willst du auch etwas?« redete Ottilie sie an.

»Was gibt es denn da?« fragte Gretchen und trat in das Zimmer.

»O, da kann man alles haben, was man nur will, Bretzen, Schinkenbrötchen, Fleischbrühe, Milch, Schokolade, Eier, du darfst nur sagen, was du willst.«

Hinter einer weißbedeckten Tafel stand ein junges Mädchen in appetitlicher weißer Schürze und schnitt eben feine Stückchen Schinken auf. Gretchen war ganz erstaunt, das war doch eine ganz andere Schule als die in Föhrenheim, wenn man da solche Herrlichkeiten bekam! Sie hätte nur den Schäfer-Hans herwünschen mögen!

»Schokolade mag ich am liebsten,« sagte Gretchen und sogleich wurde ihr von dem gefälligen Mädchen eine große, goldgeränderte Tasse voll Schokolade eingeschenkt und ganz von selbst ein Brötchen dazu gereicht.

»Ich danke schön,« sagte Gretchen und ließ sich gleich den süßen Trank schmecken.

»Bitte, man zahlt gleich beim Empfang,« sprach nun das junge Mädchen.

Gretchen sah sie groß an.

Ottilie lachte. »Vorher muß man zahlen, ehe man ißt und trinkt, verstehst du?« sagte sie.

Gretchen setzte die Tasse nieder, sie wurde über und über rot und flüsterte kaum hörbar: »Geld habe ich nicht.«

»Du hast wohl gemeint, man bekäme das alles umsonst?« fragte laut lachend Ottilie. Gretchen nickte.

»Du kennst die Welt noch schlecht,« sprach das junge Mädchen mit der weißen Schürze, und nun lachten alle Kinder, die herumstanden, und hatten den größten Spaß an Gretchens Verlegenheit.

»Ich will für sie zahlen, morgen kann sie mir ja das Geld wieder mitbringen,« ließ sich nun eine Stimme hinter Gretchen hören, ein feines Händchen streckte sich vor und reichte das Geld hin. Gretchen wandte sich um, sie wollte sehen, wer ihr so liebevoll aus der Not half.

Es war Hermine Braun, ein liebliches zartes Mädchen, das Gretchen im Schulzimmer auf dem vierten Platz bemerkt hatte. Gretchen dankte ihr und eilte hinaus, denn sie hatte keine Lust zuzuhören, wie Ottilie, so oft wieder ein anderes Mädchen ins Zimmer kam, erzählte, was vorgefallen war und wie dann wieder über sie gelacht wurde. Sie trat in den Hof hinaus. Dort ging es ebenso lustig zu, wie vor dem Föhrenheimer Schulhaus, aber unser Gretchen, die dort bei jedem Spiel die Hauptperson gewesen war, fühlte sich recht fremd unter all den Mädchen, von denen jedes schon ihre gute Freundin zu haben schien, und sie war froh, als droben wieder geschellt wurde.

»Das ist das erste Zeichen,« sagte Hermine Braun im Vorbeigehen zu ihr. »Wenn das zweite Zeichen gegeben wird, muß man fertig gerichtet am Platz sitzen, sonst bekommt man eine schlechte Note.«

Als Gretchen durch den großen Vorplatz ging, öffnete sich eine Türe und Fräulein von Zimmern winkte ihr herein.

»Hier habe ich dir aufgeschrieben, was du an Büchern und Heften brauchst. Bitte deinen Vater, daß er dir alles so schnell wie möglich besorgt. Was du für eine Handarbeit nötig hast, wird dir Fräulein Klingenstein sagen. Nun gehe wieder hinauf in das Klassenzimmer.«

Als Gretchen hinaufkam, standen die Kinder noch im Zimmer herum und richteten ihre Bücher. Am Fenster aber war ein Mann, der machte sich an dem Rouleau zu schaffen. Gretchen sah ihn nur von hinten und dachte, er sei vielleicht ein Handwerksmann, der dort etwas in Ordnung zu bringen habe. Als er aber fertig war, ging er nicht fort, sondern sah zum Fenster hinaus.

»Was will der Mann?« fragte Gretchen eine der Umstehenden.

»Welcher Mann?«

»Der dort am Fenster.«

Statt aller Antwort lachte die Angeredete, zupfte eine andere und sagte ihr etwas ins Ohr. Die lachte noch mehr und nun hatte es Ottilie bemerkt, kam herzu und fragte:

»Was gibt es? Hat die Neue sich wieder so köstlich benommen?« Und nun ging es halblaut von Mund zu Mund: »Sie hat gesagt: ›Was will der Mann?‹«

Der »Mann« aber mußte nun auch etwas gemerkt haben, er wandte sich um, trat herzu und fragte in freundlichem aber ernstem Ton: »Was habt ihr denn zu flüstern und zu lachen, was gibt es denn?«

Niemand antwortete, aber das Gekicher wurde um so lauter. Gretchen sah nun wohl, daß dieser Herr kein Handwerksmann, sondern ein Geistlicher war. Nun fiel sein Blick auch auf sie.

»Ah, das ist gewiß die neu eingetretene Schülerin? Fräulein von Zimmern hat mir schon von dir gesagt, komm her, mein Kind, gib mir die Hand!«

Gretchen kam sofort. Dieser Mann sah sie herzlich und freundlich an, es kam ihr vor, als sei sie bei ihm geschützt vor den Spöttereien ihrer Kamerädinnen. Diese stießen sich noch immer an und flüsterten.

»Nun sagt mir aber doch, über was ihr immer lachen müßt!«

»Die Neue hat so etwas Dummes gesagt,« antwortete nun eines der Mädchen.

»Die Neue? So wollen wir sie aber doch nicht nennen, wie heißt du denn, mein Kind?«

»Gretchen Reinwald.«

»Nun, was hat denn das Gretchen gesagt? Es war gewiß nichts Schlimmes.«

»O nein, gar nicht schlimm!« ließ sich nun Hermine Braun vernehmen.

»Und doch will mir's niemand sagen?« fragte der Pfarrer fast traurig.

Gretchen, die in großer Verlegenheit ihr Köpfchen gesenkt hatte, schlug nun ihre Augen auf, sah in das gütige Gesicht des Mannes und sprach: »Ich kann's auch selbst sagen. Ich habe Sie am Fenster stehen sehen und nicht gekannt und dann habe ich gefragt: ›Was will der Mann?‹«

Nun erhob sich ein lautes Gelächter.

»So, das war's, das hast du gefragt? Da hast du recht gehabt. Wenn zu mir ein Fremder ins Haus kommt, dann denke ich auch gleich: was will der Mann? Und nun, was habt ihr denn geantwortet?« fragte der Pfarrer, indem er mit ernsten Blicken von einem der Mädchen zum andern sah. Da verstummten alle. »Nun, Ottilie, was will der Mann?« fragte der Pfarrer eindringlich, und als Ottilie die Antwort schuldig blieb, wandte er sich bald an diese, bald an jene und wiederholte immer dringender die Frage. Nun waren die andern ebenso in Verlegenheit wie vorhin Gretchen.

»Ei, sieh, sie wissen's alle nicht und kennen mich doch schon so lange! Nun, so will ich dir's selbst sagen: Der Mann will euch vom lieben Gott erzählen, er will euch helfen, daß ihr recht fest in eurem Christenglauben werdet und will euer Herz mit Liebe zu Gott erfüllen, damit ihr auch unter einander recht liebreich seid! Das will der Mann, und willst du dies alles bei ihm lernen?«

»Ja, o ja!« rief Gretchen und sah mit innigem Vertrauen zu dem Mann auf, der schon ihr ganzes Herz gewonnen hatte. Den andern aber war das Lachen vergangen, sie setzten sich still an ihre Plätze und der Unterricht begann.

Während der ganzen Stunde konnte Gretchen kein Auge von dem Pfarrer verwenden, der gar herzlich mit den Kindern zu reden verstand und auch an sie oft eine Frage richtete. Sie fühlte sich ganz glücklich, wenn sie eine richtige Antwort zu geben wußte, und als am Schluß der Stunde der Pfarrer ihnen sagte, was für ein Lied sie für das nächste Mal auswendig lernen sollten, da horchte sie genau auf und fest stand ihr Entschluß: für diese Stunden ihre Aufgaben immer fehlerlos zu lernen.

Draußen ertönte nun wieder die Glocke, der Pfarrer ging und die Mädchen eilten alle aus dem Zimmer, aber diesmal nicht hinunter in den Hof, sondern eine Treppe weiter hinauf. Gretchen wußte nicht, was sie dort wollten, aber sie dachte: was die andern tun, tue ich auch, und sie folgte ihnen. Da wandte sich Ottilie auf der Treppe um und sagte: »Was willst denn du, du hast doch nichts zu holen? Läufst du uns nur immer so nach?« Da blieb Gretchen zurück; ganz allein stand sie an der Treppe und wußte nicht, was sie sollte. Aber Hermine Braun, die schon weiter oben war, hatte die unfreundlichen Worte Ottiliens gehört. Im Augenblick sprang sie noch einmal die Treppe herunter, nahm Gretchen an der Hand und sagte: »Komm du nur mit mir, wir holen dort oben unsere Körbchen; wenn du auch noch keines hast, so zeige ich dir einstweilen den Platz, wo sie hin gehören. Wir haben nämlich jetzt Handarbeitstunde von Fräulein Klingenstein.«

»O, auf die Handarbeit fürchte ich mich, ist Fräulein Klingenstein gut?«

»So gut nicht wie Fräulein von Zimmern.«

»Fräulein von Zimmern ist doch nicht gut?« fragte Gretchen ganz erstaunt.

»O doch, ganz gewiß, ich habe sie so lieb!«

»Ich nicht, mir kommt sie streng vor.«

»Ja, anfangs ist mir's auch so gegangen, aber jetzt habe ich sie lieb, obwohl sie streng ist, denn sie ist so gerecht gegen eine wie gegen die andere und nie ist sie zornig oder schlechter Laune, du wirst sie ganz gewiß auch bald lieb haben.«

»Den Herrn Pfarrer habe ich jetzt schon lieb!«

»Ja, das glaube ich, den habe ich auch am liebsten. Am wenigsten mag ich Fräulein Klingenstein, die wird oft ganz wütend!«

»O, dann geht's mir schlecht, denn in der Handarbeit kann ich gar nichts!«

»Wenn wir nur nicht so weit auseinander säßen, dann könnte ich dir manchmal ein wenig helfen.«

»Du bist so gut gegen mich, aber die andern, die lachen mich alle aus!«

»O gar nicht alle, bloß manche sind so; warte nur, wenn du länger bei uns bist, gefällt es dir schon besser.«

Inzwischen waren die Mädchen in den oberen Stock gekommen. Dort war eine große Kammer, in der mehrere Schränke und Ständer standen und auf einem der letzteren war der Platz für die Arbeitskörbchen. Jedes Kind nahm das seinige und dann sprangen sie wieder die Treppe hinunter in das Schulzimmer.

Kaum waren sie alle darin, so trat Fräulein von Zimmern ein. Augenblicklich herrschte lautlose Stille.

»Wer hat zuletzt die Kammer verlassen?« fragte Fräulein von Zimmern.

»Ich nicht, ich nicht,« riefen verschiedene Stimmen.

»Ich frage nicht, wer es nicht war, sondern wer es war,« wiederholte Fräulein von Zimmern in strengem Ton. Nun wurde es ganz stille, Hermine aber trat vor und indem sie zugleich auf Gretchen deutete, sprach sie: »Wir beide miteinander.«

»Ihr habt die Kammertüre offen gelassen; eine schlechte Note für jede von euch beiden,« und Fräulein von Zimmern verschwand.

»Was ist's mit den schlechten Noten?« fragte Gretchen.

»Sie werden jeden Monat zusammen gezählt und ins Zeugnis geschrieben,« antwortete Hermine, »und wenn man im Lernen noch so gut ist, so kann man doch keinen guten Platz bekommen, wenn man schlechte Noten hat; sie werden mitberechnet.«

»Hast du schon viele schlechte Noten in diesem Monat?«

»Nein, das ist meine erste,« sagte Hermine, und dabei schien es, als ob sie nur mit Mühe ihre Tränen zurückhielte. Das war Gretchen sehr leid, denn sie dachte, wenn sie Hermine nicht aufgehalten hätte, wäre diese wohl nicht zuletzt aus der Kammer gekommen.

In diesem Augenblick trat Fräulein Klingenstein ein. Sie bemerkte Gretchen sogleich. »Ah, das ist eure neue Mitschülerin,« sprach sie lebhaft und reichte Gretchen die Hand. »So ein hübsches, blondlockiges Mädchen und ein Gesicht wie Milch und Blut! Das lasse ich mir gefallen, die sieht doch nicht so blaß und spindeldürr aus, wie manche von euch! Und so kugelrunde Händchen, die können gewiß recht schön arbeiten. Nun, wir wollen gut Freund sein, nicht wahr?«

Gretchen freute sich über diese freundliche Anrede und konnte nicht begreifen, warum Hermine Fräulein Klingenstein nicht lieber hatte als Fräulein von Zimmern.

»Was für schöne Handarbeiten hast du denn in deiner früheren Schule gemacht?« fragte jetzt die Lehrerin.

»In der Schule haben wir gar keine Handarbeiten gemacht.«

»So? Das ist aber schlimm! Bei wem hast du denn dann stricken gelernt?«

»Bei meiner Mutter.«

»Und was hast du denn schon alles fertig gebracht?«

»Ich bin am ersten Strumpf,« sagte Gretchen ziemlich kleinlaut.

»O weh, da paßt du aber schlecht in diese Klasse! Bringe mir in die nächste Stunde deinen Strumpf mit, daß ich sehe, was du kannst.«

Gretchen erschrak bei dem Gedanken, ihren schrecklichen Strumpf, der in allen Farben schillerte, vor allen Kindern in der Schule zu zeigen. »Darf ich nicht lieber einen neuen Strumpf anfangen?« fragte sie.

»Freilich, alle müssen bei mir dasselbe stricken, aber deine seitherige Arbeit muß ich doch sehen. Wir machen gegenwärtig feine weiße Kinderstrümpfe mit Müsterchen; Ottilie, zeige einmal deine Arbeit.«

Die Gerufene brachte ihr Strickzeug und Gretchen mußte nur staunen, wie appetitlich weiß und wie schön gleichmäßig gestrickt das aussah, und als nun die Mädchen alle anfingen zu stricken, mußte sie sich wieder wundern, wie rasch bei manchen die Nadeln flogen.

»Ich habe heute noch keine Arbeit für dich, so kannst du ebenso wohl heimgehen,« sagte Fräulein Klingenstein, »bis zur nächsten Stunde werde ich deine neue Arbeit anfangen und du bringst mir deine alte mit, nicht wahr?«

Gretchen mußte es versprechen, dann nahm sie ihre Sachen zusammen und ging. Leise schlich sie durch den weiten, leeren Vorplatz und durch die große Haustüre hinaus, und als sie um die Ecke des Hauses gebogen war, atmete sie erleichtert auf und es war ihr zu Mute wie einem Vögelein, das dem Käfig entschlüpft ist.

Wie viel hatte sie an diesem Vormittag erlebt! Ihr schien es, als sei sie tagelang von zu Hause weg gewesen und doch sollte sie noch etwas erleben, ehe sie wieder zu den Ihrigen kam. Den Weg zu ihrem Hause fand sie ohne Mühe, aber die Haustüre war geschlossen. Neben derselben waren mehrere Glockenzüge angebracht und da die Familie Reinwald im zweiten Stock wohnte, so zog Gretchen an der zweiten Klingel, ohne zu bedenken, daß unten, im Erdgeschoß, auch Leute wohnten, für die der unterste Glockenzug bestimmt war. So hätte sie an der dritten Glocke ziehen sollen. Sie bemerkte aber ihren Irrtum nicht und als die Haustüre aufging, stieg sie ahnungslos die Treppe hinauf. Als sie aber an den ersten Stock kam, tat sich dort die Glastüre auf und eine alte Dame, in altmodischem Anzug, erschien mit bitterbösem Gesicht und vertrat ihr den Weg. Zugleich fuhr ein kleiner, bösartiger Mops hinter ihr vor und kläffte an Gretchen hinauf, daß es dieser angst und bang wurde.

»Was hast du an meiner Glocke zu reißen?« fuhr die Dame nun Gretchen an, »kaum bist du ein paar Tage im Hause, so machst du's auch schon wie die andern ungezogenen Kinder im Haus und in der Nachbarschaft, die mir ein Leid antun, wo sie können, und mich bei Tag und Nacht herausschellen! Was habe ich euch getan, daß ihr euren Spott mit mir treibt? Pfui über euch!«

Mit diesen Worten verschwand die alte Dame samt dem Hund wieder hinter der Türe, die heftig zugeschlagen wurde. Gretchen stand ganz verblüfft da. Noch nie hatte jemand sie so hart angefahren. Und das war also Fräulein Treppner, die alte Dame, die Gretchen so gerne recht lieb gehabt hätte, weil gar niemand sonst sie mochte! Die sah freilich nicht aus zum liebhaben! Und dazu der Hund, der jetzt noch hinter der geschlossenen Türe fortbellte! Gretchen wußte nicht, vor wem sie mehr erschrocken war, ob vor dem häßlichen Tier oder vor seiner erzürnten Herrin.

Ganz aufgeregt eilte sie die Treppe hinauf. Kaum hatte sie aber an der eigenen Türe geklingelt, so vergaß sie all ihre Erlebnisse über dem einen Gedanken, wie es wohl der Mutter gehe und was der Arzt gesagt habe. Dies war auch ihre erste Frage an Lene.

»Der Doktor sagt, bis jetzt sei es noch nicht gefährlich, aber die Mutter muß sich ganz ruhig halten und soll gar nicht sprechen.«

»Aber ich darf doch zu ihr hinein?«

»Heute nicht, der Vater hat mir's noch ausdrücklich anbefohlen. Sie schlummert auch meistens, sei nur recht still im Wohnzimmer!«

Leise schlich sich Gretchen hinein, legte ihre Kleider ab und lauschte an der Schlafzimmertüre. Sie hörte nichts von der Mutter. O wie gerne hätte sie ihr doch jetzt all ihre Erlebnisse erzählt und ihr volles Herz ausgeschüttet, wie sie es sonst immer getan! Sie sah sich im Wohnzimmer um; dies war noch nicht einmal recht eingerichtet und Gretchen fühlte sich noch ganz fremd darin. Sie trat ans Fenster und sah hinaus auf die hohen Häuser, die an diesem regnerischen Herbsttag so grau und trübselig aussahen und es überkam sie ein bitteres Heimweh. Noch nie im Leben hatte sie sich so einsam gefühlt. Eine gute Weile stand sie so verlassen und weinte still vor sich hin, da streckte Lene ihren Kopf durch die Türe: »Gretchen,« sagte sie, »was machst du so allein? Komm zu mir heraus, ich backe Kartoffelnudeln und die erste, die fertig ist, bekommst du.«

Gretchen wischte sich die Augen und folgte Lene.

»Mußt nicht weinen, Kind,« tröstete Lene, »der Mutter wird's gewiß wieder besser und dann wird alles wieder schön bei uns. Erzähle mir auch etwas von deiner neuen Schule.«

Nun standen die beiden am Herd und während die Nudeln schön goldgelb gebacken wurden, faßte Gretchen neuen Lebensmut.

»Lene,« sagte sie, »Weißt du, was mir das ärgste ist? Daß ich mein altes Strickzeug mit in die Schule bringen soll!«

»Dein Strickzeug? Nein, das kannst du nicht sehen lassen, an dem muß man sich ja schämen!«

»Aber ich muß doch! Fräulein Klingenstein will es in der nächsten Arbeitsstunde sehen.«

Lene sagte gar nichts mehr. Nach einiger Zeit aber, als sie in das Schlafzimmer ging, um Frau Reinwald ein wenig Fleischbrühe zu bringen, nahm sie im Vorbeigehen aus dem Arbeitskorb Gretchens Strickstrumpf heraus, schob ihn in ihre Tasche und später, als Gretchen wieder im Zimmer war, zog sie die Schublade des Küchentisches auf und steckte den Strumpf in die hinterste Ecke. »So, da kann ihn Fräulein Klingenstein holen, wenn sie ihn durchaus gesehen haben muß,« sagte sie vor sich hin.

Als der Vater mittags kam, bat ihn Gretchen dringend, ihr doch die Bücher und Hefte zu besorgen, die Fräulein von Zimmern aufgeschrieben hatte, und war glücklich, als der Vater nach Tisch mit ihr in die Stadt ging, um das nötige einzukaufen. Daheim schlug sie ihr neues Lesebuch auf und suchte die Stelle, die sie am Morgen in der Schule gelesen hatte.

»Vater,« sagte sie, »bei Fräulein von Zimmern muß man mit »Ausdruck« lesen, was ist denn das?«

»Das will ich dir zeigen,« sprach der Vater, »höre mir einmal zu!« und nun las Herr Reinwald einige Zeilen ganz eintönig und gleichgültig vor und dann wurde dasselbe noch einmal mit soviel Betonung und Verständnis vorgetragen, daß es Gretchen sofort klar wurde, was es heißt »mit Ausdruck« zu lesen.

»Jetzt will ich auch so lesen,« rief sie eifrig, nahm das Buch und las die nächste Geschichte laut vor. Der Vater freute sich, als er bemerkte, daß es Gretchen schon mehr ernst war mit dem Lernen, als früher; er machte sie aufmerksam auf alles, was sie betonen mußte, und hätte sich gerne noch mehr mit ihr abgegeben, aber es zog ihn immer wieder zur Mutter, deren Befinden ihm schwere Sorge machte.

Am Abend sagte Gretchen zu Lene: »Wo ist denn eigentlich mein Strickzeug, ich finde es ja gar nicht.«

»Mußt eben recht suchen,« war Lenes Antwort, und Gretchen suchte gewissenhaft alles aus; aber als sie es gar nicht fand, sagte sie schließlich: »Weißt du, Lene, es ist mir gar nicht so arg, daß ich das Strickzeug nicht gefunden habe, dann muß ich es doch nicht zeigen.« Lene nickte und lächelte schlau, sie glaubte, es recht gut für ihren kleinen Liebling gemacht zu haben; aber es war doch nicht so – krumme Wege führen nicht zum guten Ziel!