Längst war die Schwierigkeit mit dem Kettenmuster überwunden und doch ging Gretchen noch beinahe jeden Abend zu Fräulein Treppner. Frau Reinwald durfte nicht wissen, was da drunten gemacht wurde, aber Herr Reinwald und Lene waren in das Geheimnis eingeweiht, sie wußten, daß Gretchen unter Fräulein Treppners Anleitung einen schönen Kragen für die Mutter zu Weihnachten strickte. Je weiter die Arbeit fortschritt, um so glücklicher war Gretchen und ihre Freude tat dem alten Fräulein wohl; seit langen, langen Jahren hatte sie kein fröhliches Kindergeplauder mehr bei sich gehört; wenn nun Gretchen neben ihr saß und mit leuchtenden Augen von den geheimnisvollen Vorbereitungen erzählte, die droben schon das nahe Christfest ankündigten, oder wenn sie die Weihnachtslieder hersagte, die sie in der Schule singen durfte, dann kamen dem alten Fräulein längst entschwundene Erinnerungen aus der eigenen Kinderzeit wieder in den Sinn und dann erzählte auch sie aus ihrem Elternhaus, und die Stunden vergingen den beiden nur zu schnell.
Aber Molly, der alte, verdrießliche Molly, konnte sich nicht an Gretchen gewöhnen; er war eifersüchtig, daß er nun nicht mehr der einzige Freund seiner Herrin war und bellte wütend, so oft Gretchen kam. Heute wollte er wieder sein Knurren und Brummen gar nicht lassen.
»Aber Molly,« redete ihm Fräulein Treppner zu, »kannst du dich denn gar nicht zufrieden geben? Komm her, Alter,« sagte sie schmeichelnd, »du bist ja doch mein Liebling, ja, ja, wir kennen uns ja schon lang!« und Fräulein Treppner streichelte das Tier, das ihr auf den Schoß gesprungen war und freudig wedelte bei ihren Liebkosungen.
»Wie gut er Sie versteht und wie lieb er Sie hat,« sagte Gretchen und sah verwundert zu, wie zärtlich die beiden mit einander taten.
In diesem Augenblick aber fiel Fräulein Treppners Knäuel, den sie vor sich auf den Tisch gelegt hatte, hinunter. Rasch glitt Gretchen vom Stuhle herunter und bückte sich unter den Tisch, um ihn aufzuheben. Aber eben so rasch war Molly von Fräulein Treppners Schoß heruntergesprungen und als Gretchen ihre Hand nach dem Knäuel ausstreckte, fuhr das böse Tier ihr an den Arm und biß sie. Gretchen tat einen Schrei, erschrocken rief Fräulein Treppner den Hund zurück und zog Gretchen zu sich.
»Was ist's, Kind?« fragte Fräulein Treppner.
»O nichts,« versicherte Gretchen, »er hat mich nur ein wenig in den Arm gebissen, aber es tut nicht weh.«
»Zeig her, Kind!«
Am Arm war nicht viel zu sehen, bloß eine kleine, blaurote Stelle, aber der Ärmel des Tuchkleids, das Gretchen trug, zeigte ein kleines Loch, der Zahn des Hundes war noch durchs Futter gedrungen.
»Ach, Kind, wie bin ich erschrocken! Gottlob, daß du so ein gutes, dichtes Kleid anhattest,« sagte das Fräulein, und nun wurde Molly zur Strafe ins andere Zimmer hinausgesperrt und Fräulein Treppner versicherte, er müsse nun jeden Abend hinaus, ehe Gretchen hereinkomme. Der Hund winselte erbärmlich, denn er fühlte, daß er sehr in Ungnade gefallen war. Gretchen hatte den kleinen Schrecken bald vergessen, und da sie sich nun vor ihrem Feind sicher fühlte, war es ihr bald wieder ganz behaglich zu Mute, Fräulein Treppner hingegen konnte sich nicht so schnell beruhigen, sie machte Gretchen kalte Umschläge um den Arm und hätte ihr auch gerne den kleinen Schaden am Kleid ausgebessert, aber Gretchen wollte dies nicht zugeben und wunderte sich sehr, daß Fräulein Treppner so viel aus der kleinen Sache machte.
Noch mehr sollte sich aber Gretchen über den Vater wundern, als dieser beim Abendessen von ihrem kleinen Abenteuer erfuhr. Obwohl die Mutter ihm gleich versicherte, daß nicht einmal die Haut am Arm verletzt sei, war der Vater doch sehr erzürnt und erklärte aufs bestimmteste, Gretchen dürfe nie mehr die Wohnung des alten Fräuleins betreten. Das war nun ein Schrecken für Gretchen! Augenblicklich sah sie im Geist ihre halb vollendete Weihnachtsarbeit vor sich und dann stellte sie sich das alte Fräulein vor, das jeden Abend vergeblich auf sie warten würde und das sich noch mehr grämen müßte über das Unglück mit dem Hund. »O, Vater,« bat Gretchen, »laß mich doch wieder hinunter, der Molly kommt nun immer ins Nebenzimmer, so lange ich da bin, Fräulein Treppner hat es schon versprochen.«
»Darauf kann ich mich nicht verlassen,« sprach der Vater, »wenn ihr Liebling recht winselt und heult, läßt sie ihn doch wieder herein. Es bleibt dabei, du betrittst ihre Wohnung nicht mehr, Lene mag ihr sagen warum.«
Als alle Bitten nichts halfen, brach Gretchen in Tränen aus, aber da kam auch wieder des Vaters wohlbekannter Ausspruch: »Geweint wird draußen,« und Gretchen mußte das Zimmer verlassen. Sie schüttete Lene ihr Herz aus und obwohl diese immer noch ein Vorurteil gegen Fräulein Treppner hatte, so war ihr die Sache doch wegen der schönen Weihnachtsarbeit leid und sie wußte keinen Rat, wie diese ohne Fräulein Treppners Hilfe fertig zu machen sei. Während Gretchen ihr Leid in der Küche klagte, sprach Herr Reinwald zu seiner Frau: »Wer so ein bissiges Tier um sich leiden mag, das allen Leuten lästig, ja sogar gefährlich werden kann, der verdient nicht, daß Menschen bei ihm aus- und eingehen.«
Am nächsten Abend wartete Fräulein Treppner zur gewohnten Zeit vergeblich auf Gretchen. Unruhig ging sie hin und her, sah auf die Uhr, horchte auf jeden Tritt auf der Treppe. »Das Kind kommt nicht, Molly, das hast du mir angetan,« sprach sie in traurigem Ton zu ihrem Hund; dieser aber streckte sich behaglich aufs Sofa, ihm war's recht so. Durch das Milchmädchen erfuhr Fräulein Treppner, daß Gretchen ihre Wohnung nimmer betreten dürfe, und auf demselben Wege erhielt Gretchen ihre angefangene Arbeit zurück, an der sie nun nicht weiter machen konnte. Es war dem Kind zu Mute, als wäre ihm dadurch die ganze Weihnachtsfreude verdorben.
Acht Tage waren darüber hingegangen und Gretchen kam eben von der Schule heim. Als sie die erste Treppe hinaufstieg, sah sie, daß Fräulein Treppner oben stand und auf sie wartete. Sie sah nicht zürnend aus, wie damals, als Gretchen an derselben Stelle zum erstenmal ihre Bekanntschaft gemacht hatte, aber es lag ein trauriger Ausdruck auf ihrem Gesicht, als sie jetzt zu Gretchen sprach: »Sage deinen Eltern, daß ich meinen Molly fortgetan habe. Heute Morgen hat man ihm ein Pulver eingegeben, das ihn eingeschläfert hat, so daß er nimmer erwacht.«
»O, o, Fräulein Treppner,« rief Gretchen ganz bestürzt, »das muß Ihnen aber leid tun!«
Fräulein Treppners Augen wurden feucht, sie wollte es nicht merken lassen und verschwand hinter ihrer Türe, ohne weiter ein Wort zu sagen. Gretchen kam aber ganz erfüllt von dieser Neuigkeit zu ihrer Mutter.
»Das hat sie dir zu Liebe getan, Kind,« sagte die Mutter, »es mag dem alten Fräulein bitter weh getan haben, sich von ihrem Liebling zu trennen.«
»Ach ja, Mutter, sie sieht auch ganz traurig aus! Wenn sie es aber meinetwegen getan hat, werde ich doch wenigstens wieder zu ihr dürfen?«
»Gewiß, jetzt wird's der Vater wieder erlauben.«
Mutter und Tochter sprachen ganz gerührt von dem einsamen Fräulein, als der Vater kam. Gretchen ging ihm gleich entgegen, um ihm auch das Ereignis mitzuteilen. Der Vater nahm's kühler. »Das ist das einzig Vernünftige, was das alte Fräulein tun konnte,« sprach er, »das kannst du ihr heute Abend von mir ausrichten. Es gäbe bald keine so häßlichen Kläffer mehr, wenn man nur zu den Leuten nicht mehr ginge, bei denen man so ungastlich begrüßt wird.«
An diesem Abend mußte Fräulein Treppner nicht vergeblich warten, Gretchen kam schon früher als sonst mit ihrer Arbeit. Besorgt sah sie auf Fräulein Treppner, ob diese wohl noch so traurig aussähe wie heute Morgen. Aber es war nicht der Fall; sie schien jetzt nur an Gretchen und nicht an Molly zu denken, und dem Kind war's noch nie so behaglich bei dem alten Fräulein gewesen wie an diesem Abend; konnte sie sich doch so ungeniert im Zimmer bewegen, ohne daß ihr kleiner Feind sie mit bösen Blicken und drohendem Knurren verfolgte. Es wurde nun tüchtig gearbeitet, denn Weihnachten stand schon nahe vor der Türe und die versäumte Woche mußte nachgeholt werden.
Von nun an fehlte Gretchen keinen Abend mehr bei Fräulein Treppner, und als der Weihnachtsabend kam und die Familie Reinwald um den brennenden Christbaum versammelt war, lag wirklich der schöne Kragen zu der Mutter größten Überraschung fertig auf dem Bescherungstisch, und Gretchen war ganz glücklich, daß sie zum erstenmal eine wirklich brauchbare, nützliche Arbeit zu stande gebracht hatte.
»Nun, und was für ein Weihnachtsgeschenk hast du denn für Fräulein Treppner?« fragte Herr Reinwald sein Töchterchen, nachdem er auch den Kragen gehörig bewundert hatte. Gretchen sah ihn erstaunt an. »Für Fräulein Treppner habe ich nichts,« sagte sie.
»Nichts? Für diese bewundernswerte Lehrerin, die dir das berühmte Kettenmuster beigebracht hat, bei der du diese Riesenarbeit anfertigen durftest und die ihren besten Freund wegen dir in den Tod gegeben hat, nichts für sie? Gar nichts?«
Gretchen wollte es ganz bange werden bei des Vaters eindringlichem Fragen, aber die Mutter, die daneben stand, sah sie so geheimnisvoll lächelnd an, daß es Gretchen war, als wüßte sie einen guten Ausweg aus dieser Verlegenheit. Und nun lächelte auch der Vater, führte Gretchen an ein Seitentischchen und sagte: »Sieh, da habe ich doch mehr Herz als du für dein Fräulein Treppner, da sieh her, das bekommt sie von mir!« Und nun hob der Vater ein Tuch auf, und vor Gretchen stand ein schöner großer Vogelkäfig mit zwei allerliebsten Kanarienvögeln, die ganz freundschaftlich neben einander auf der Stange saßen. Gretchens Freude war unbeschreiblich! Daß der Vater etwas Lebendiges für Fräulein Treppner gewählt hatte, beglückte sie am meisten, es war gewiß der beste Ersatz für den verlorenen Liebling. »O Vater,« rief Gretchen eifrig, »bringst du sie ihr nicht gleich heute Abend hinunter? Sie dauert mich so, daß sie am heiligen Abend ganz allein ist!«
»Ich weiß nicht, ob das Fräulein mich so spät am Abend noch empfangen würde, aber wenn du es etwa für mich besorgen wolltest?«
Daß Gretchen wollte, können wir uns wohl denken! Vorsichtig ging sie mit ihrem kostbaren Schatz hinunter und bald hörten die Eltern von unten herauf ihre fröhliche Stimme in dem Zimmer von Fräulein Treppner. Doch nicht lange dauerte es, so kam sie wieder herauf, es zog sie zum Christbaum und zu ihren eigenen Herrlichkeiten und sie mußte den Eltern berichten, daß Fräulein Treppner bis zu Tränen gerührt war vor Freude und Dankbarkeit. »Und denkt nur,« fügte Gretchen hinzu, »sie ist gar nicht allein, wie ich gemeint hatte, es ist eine Freundin bei ihr und sie hat mir erzählt, daß sie früher fast täglich beisammen waren, aber das Fräulein hat auch einen Hund, den hat der Molly einmal gebissen und seitdem hatten sie Feindschaft. Aber heute am heiligen Abend haben sie sich versöhnt und sie sitzen ganz gemütlich beisammen am Teetisch.«
»So ist's schön und gut,« sprach Frau Reinwald, »›Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen,‹ haben die Engel gesungen in der heiligen Nacht, und so soll's auch in unserem Hause sein!«