Die Weihnachtsvakanz war längst vorüber, in Fräulein von Zimmerns Schule wurde wieder tüchtig gearbeitet, und zu den fleißigen Schülerinnen, die am eifrigsten in die Schule gingen, gehörte nun unser Gretchen. Die köstlichsten Stunden waren und blieben ihr die bei ihrem geliebten Herrn Pfarrer, aber sie war nicht minder eifrig bei Fräulein von Zimmern, und sogar die Handarbeitsstunden hatten ihren Schrecken verloren, seitdem Gretchen durch die Hilfe von Fräulein Treppner und durch die Geduld der neuen Arbeitslehrerin den andern nachgekommen war. Der Januar, der längste und schlimmste Wintermonat, war den Kindern über der regelmäßigen Arbeit rasch vergangen und hatte dem Februar Platz gemacht, der in der Schule von besonderer Bedeutung war, denn in diesem Monat sollten die Kinder neu gesetzt werden, was in jedem Jahr nur dreimal vorkam. Um diese Zeit wurden alle guten und schlechten Noten zusammengezählt, die Lehrer und Lehrerinnen sämtlicher Klassen kamen mit der Vorsteherin zusammen und berichteten über die einzelnen Schülerinnen, dann wurden die Zeugnisse geschrieben und jedem Kind darnach sein Platz zugewiesen. Dies alles erzählten die Kinder in großer Erregung unserem Gretchen, das zum erstenmal dieses Ereignis miterleben sollte. »Du hast's gut, du kannst nicht weiter hinunter kommen,« sagten sie zu ihr, »denn du bist die Letzte.«
»Und ich habe es schlecht, denn ich kann nicht weiter hinauf kommen,« meinte Ottilie.
Der große Tag kam. Fräulein von Zimmern erschien im Schulzimmer mit einem Paket Heftchen in der Hand. Nun mußten alle Kinder ihre Plätze verlassen und sich längs der Wand aufstellen. »Stille,« befahl nun Fräulein von Zimmern. Alles schwieg, nur da und dort bewegte sich noch die eine oder andere. »Es ist noch nicht ganz stille!« rief Fräulein von Zimmern. Nun aber rührte sich nichts mehr und es herrschte lautlose Stille in dem Gemach.
»Ich werde die Erste vorrufen, sie wird dann ihr Zeugnis in Empfang nehmen, sich bedanken und sich an den ersten Platz setzen, dann die Zweite u. s. f. Tränen will ich nicht sehen, wer Unzufriedenheit mit seinem Platz zeigt, erhält gleich wieder die erste schlechte Note für's nächste Zeugnis.« Nun ergriff Fräulein von Zimmern das erste Heftchen und rief: »Anna Helldorf«. Die Gerufene trat freudig errötend vor, erhielt ihr Zeugnis, bedankte und verbeugte sich und nahm den ersten Platz ein. Ebenso machte es »Elise Sturm« als zweite. Und nun hieß es »Hermine Braun« und gleich darauf, als vierte: »Gretchen Reinwald«. Diese konnte kaum glauben, daß sie schon an die Reihe kommen sollte und hätte ihre Nachbarin sie nicht leise angestoßen, so hätte sie kaum gewagt, vorzutreten. Als Fräulein von Zimmern ihr das Zeugnis übergab, sprach sie: »Sage deinem Vater, es freue mich, daß du dich so rasch eingearbeitet habest.« Erst als sechste wurde Ottilie gerufen. Als sie vortrat, sprach Fräulein von Zimmern: »Du solltest nicht so weit hinten sitzen, Kind; das Lernen wird dir ja so leicht. Die schlechten Noten wegen deines oft unfreundlichen Betragens gegen deine Mitschülerinnen haben dich so zurückgebracht; gib dir Mühe, daß du dich wieder hinaufarbeitest.«
Als die letzte an die Reihe kam, die auch schon vor Gretchens Eintritt in die Schule die letzte gewesen war, sprach Fräulein von Zimmern sehr gütig: »Du bist wieder die Letzte geworden, mein Kind, aber glaube nicht, daß ich dich deswegen weniger lieb habe. Das Lernen wird dir schwer, weil du viel krank bist und dein Kopf schwach ist. Dafür kannst du nichts; dein Betragen war gut, ich bin zufrieden mit dir.«
Alle saßen nun an ihren neuen Plätzen. Die Erste mochte sich wohl recht glücklich fühlen, aber glücklicher gewiß nicht als Hermine und Gretchen, die zwei Herzensfreundinnen, die nun neben einander sitzen durften. Gretchen konnte es kaum erwarten, dieses Glück daheim verkündigen zu dürfen, und als sie zum Mittagessen kam, jubelte sie gleich den Eltern entgegen: »Heute sind wir gesetzt worden, ich habe den schönsten Platz, denn ich sitze neben Hermine!«
»So?« fragte der Vater, »dann ist wohl Hermine die Vorletzte geworden?«
»Aber Vater, wie kannst du nur so etwas von Hermine denken! Nein, sie ist die dritte und ich bin die vierte.«
»Nun, das läßt sich hören,« sagte der Vater sehr befriedigt, und als Gretchen ausrichtete, was ihr Fräulein von Zimmern aufgetragen hatte, waren die Eltern beide sehr erfreut. Die Mutter zog ihr Töchterlein liebevoll an sich und der Vater sprach: »In diesem Winter bist du fleißig gewesen, jetzt kann man sich auch ganz anders darüber freuen, daß du vorgerückt bist, als damals in Föhrenheim. Nun aber könntest du einmal hinausgehen ins Schlafzimmer und sehen, ob alle Bilder gerade hängen!« Lachend sprang Gretchen hinaus. Als die Eltern allein waren, sprach Herr Reinwald zu seiner Frau: »Wir wollen es ihr gleich geben, hast du es schon zusammengemacht?«
»Ja wohl, hier ist es,« sagte Frau Reinwald, nahm ein kleines Päckchen aus ihrem Schreibtisch und legte es auf Gretchens Platz am Tisch. Gretchen hatte für so etwas gute Augen, sie war kaum wieder im Zimmer, so hatte sie auch das Päckchen schon bemerkt. Sie nahm es in die Hand und las laut die Aufschrift: »Reisegeld zum Osterbesuch in Föhrenheim,« und das Paketchen enthielt mehrere Markstücke. Zuerst verstand Gretchen gar nicht recht, wie das gemeint war, als ihr aber die Mutter mitteilte, daß die gute Frau Apotheker von Föhrenheim angefragt habe, ob Gretchen nicht in der Ostervakanz kommen dürfe, und daß es ihr die Eltern nun gern erlauben würden, war Gretchen überglücklich und umarmte ihre Eltern voll Dankbarkeit. Dann aber gab's allerlei Fragen: »Wie lange darf ich in Föhrenheim bleiben?«
»Eine ganze Woche.«
»Geht ihr mit mir?«
»Ich kann nicht,« sprach der Vater, »und die Mutter darf nicht, sie könnte sich wieder verderben. Aber dein Reisegeld reicht für zwei Personen, deshalb würde ich dir raten, einmal bei Lene anzufragen, ob sie sich dazu hergäbe, dich zu begleiten und die acht Tage, die du in Föhrenheim bleibst, bei ihren Eltern zuzubringen?«
»Weiß sie noch gar nichts davon?«
»Bewahre, wir wußten ja heute Morgen selbst noch nicht, ob du nicht in der Schule die Letzte bleibst und dann wäre nichts aus der Reise geworden. Aber jetzt darfst du's Lene sagen.«
Gretchen wußte schon, daß Lene nicht »nein« sagen würde, aber das hätte sie doch nicht gedacht, daß ihr bei dieser unerwarteten Glücksbotschaft die hellen Freudentränen kommen würden. Lene war eben immer noch nicht ganz heimisch in der Residenz und dachte oft mit Sehnsucht an Föhrenheim und an ihr heimatliches Dorf, das nur eine halbe Stunde entfernt lag. Sie konnte es gar nicht fassen und glauben, daß sie es so bald wieder sehen sollte, und als sie bei Herrn und Frau Reinwald ihre Dankbarkeit ausgesprochen hatte, sagte Herr Reinwald zu seiner Frau: »Die freut sich ja fast noch mehr als das Kind!«
»Ja, und es ist ihr die Freude auch ebenso sehr zu gönnen,« antwortete Frau Reinwald, »sie hat sie verdient durch ihre treue Pflege während meiner Krankheit.«
Von nun an hatten Gretchen und Lene fast keine andern Gedanken mehr, und als sich in den nächsten Tagen ein milder Tauwind erhob, hätte man meinen können, der Frühling sei schon vor der Türe. Aber es kam noch einmal ganz anders, es fing wieder an zu schneien und wurde so bitter kalt, wie es den ganzen Winter noch nicht gewesen war. Da wollte Gretchen ganz mißmutig und ungeduldig werden; die Schule war ihr gar nicht mehr so wichtig, weil sie immer schon an die Osterferien dachte, und einmal vergaß sie ganz, die Rechnungen zu schreiben, die sie aufbekommen hatte, und das trug ihr eine schlechte Note ein. »Ei, Gretchen,« sprach die Mutter, als sie dies erfuhr, »wir haben dir die Reise versprochen als Belohnung deines Fleißes, und nun ist dieser Fleiß auf einmal weg? Ist das dein Dank für die Freude, die wir dir machen wollen?«
Beschämt schlug Gretchen die Augen nieder.
»Du mußt dir die Reise noch einmal aus dem Sinn schlagen und nicht immer warten und wünschen, daß die Tage vorüber gehen. Nie kommen sie uns länger vor, als wenn wir sie so ungeduldig weg wünschen, während uns die Zeit nur so verfliegt, wenn wir sie gewissenhaft und treu ausnützen. Willst du's probieren?«
»O ja, Mutter,« sagte Gretchen und augenblicklich setzte sie sich an die Arbeit und machte ihre Sache so schön und pünktlich wie nur möglich, und als auf dem Schulweg Hermine zu ihr sagte: »Heute erzählst du mir ja gar nichts von Föhrenheim,« da antwortete Gretchen ganz bestimmt: »Ich rede überhaupt nimmer von Föhrenheim und denke auch gar nimmer an die Reise, bis Ostern da ist.«
Gretchen hielt Wort und seitdem vergingen auch wirklich die Tage und Wochen viel schneller und endlich tropfte es von allen Dächern, der Schnee schmolz und der Frühling kam. Lene brachte einen Strauß Palmkätzchen vom Markt mit heim, und endlich kam auch der schöne Palmsonntag und mit ihm begann die Ostervakanz. Gretchen machte ihren Abschiedsbesuch bei Hermine, die ihr noch auf der Treppe nachrief: »Wenn du wieder kommst, mußt du mir wieder etwas Neues von deinem Felix Acosta und von dem Schäfer-Hans erzählen,« und Gretchen versprach es. Am Abend mußte sie noch einmal nach Fräulein Treppner sehen, mit der sie immer gute Freundschaft hielt, und endlich half sie der Mutter alles herrichten, was für die große Reise nötig war, wobei ihr die Mutter allerlei Ermahnungen gab, sollte Gretchen doch zum erstenmal das Elternhaus verlassen!