Fünfzehntes Kapitel.
Die alte Heimat.

Am Montag morgens um 8 Uhr saß Gretchen im rosafarbenen Osterkleidchen neben ihrer Lene in der Bahn und beide waren in Gedanken versunken, als sie so der alten Heimat entgegenfuhren. Die Lene dachte: »Wie's wohl dem Vater und der Mutter geht und den Geschwistern? Ob unsere Kuh schon ein Kalb hat und wie die Wintersaat steht?« Und Gretchen dachte: »Wer wohl die Erste ist in der Schule und ob der Hans noch auf der letzten Bank sitzt? Ob der Felix Acosta noch so nette Kunststücke macht und wie es in unserer Wohnung aussieht?« Als der Zug aber näher an Föhrenheim kam, da sahen sie beide begierig zum Fenster hinaus und bald hieß es: »Weißt du noch, das ist die Wiese, auf der es immer so viel Schlüsselblumen gegeben hat?« und dann: »Siehst du den Kirchturm? Ich sehe ihn und auch schon das Storchennest auf dem Dach!« und jetzt war man am Bahnhof und ehe sich's Gretchen recht versah, hatte die Frau Apotheker sie schon an der Hand und die kleinen Geschwister von Emilie umringten sie; Emilie selbst aber war nicht da, sie hatte noch Schule.

An der Brücke, die über den Bach ins Städtchen führte, trennte sich Lene, denn da ging die Straße ab, die in ihr Dorf führte, und von dort kamen ihr auch schon ihre Geschwister entgegen. »Auf Wiedersehen in acht Tagen,« rief Gretchen, »aber daß du mich ja nicht früher holst!«

»Habe keine Angst, ich werde es schon so lang daheim aushalten können,« meinte Lene und so ging jedes seine Wege.

Gretchen mußte nun der guten Frau Apotheker viele Fragen beantworten über die Eltern und über die Wohnung in der Residenz, und so waren sie bis ans Schulhaus gekommen.

»Die Schule kann jeden Augenblick aus sein, dann kommt Emilie heim,« sprach die Frau Apotheker.

»O, ich gehe schnell hinauf in die Schule, ich möchte Emilie abholen und möchte sehen, wie sie sich alle verwundern, wenn ich hereinkomme, o bitte, lassen Sie mich hinauf!«

»Gehe du nur, wenn's dir Spaß macht, ich gehe einstweilen mit den Kleinen heim.«

So stieg denn Gretchen mit klopfendem Herzen die altbekannte Schultreppe hinauf. Eine Weile stand sie zögernd vor dem Schulzimmer, dann klopfte sie an. »Herein!« Gretchen machte die Türe auf und nun stand sie all ihren ehemaligen, wohlbekannten Schulkameraden gegenüber, und wohl hundert Augen richteten sich auf sie und von allen Bänken klang es in freudiger Überraschung: »Das Gretchen Reinwald!«

Am Katheder aber stand ein ganz fremder, junger Mann, den Gretchen gar nicht kannte und der nun, ganz erstaunt über die allgemeine Begrüßung, auf Gretchen zuging und fragte: »Was willst du, Kleine, wer bist du?« In diesem Augenblick aber trat der alte Herr Baumann ein, denn Frau Semmelmeier, die immer alles bemerkte, was im und ums Schulhaus herum vorging, hatte Gretchen ins Haus kommen sehen und es für gut befunden, ihren Besuch Herrn Baumann anzukündigen. So kam dieser gerade recht, um die Frage des neuen Lehrers zu beantworten. »Das ist Gretchen Reinwald, eine liebe frühere Schülerin von uns. Du bist wohl auf Besuch hier, Gretchen?« fragte er freundlich. – »Ja, bei Apothekers.«

»Nun, dann komm du heraus, Emilie, sage deiner kleinen Freundin: Grüß Gott!«

Schüchtern, wie immer, kam Emilie heraus und ließ sich von Gretchen begrüßen, während sie selbst nichts sagte, sondern ihre Kamerädin nur freundlich anstrahlte.

»Bei uns ist alles noch, wie es voriges Jahr war, nicht wahr?« sagte Herr Baumann, als er bemerkte, wie Gretchen sich im ganzen Zimmer umsah.

»Ja, nur sind die Fenster viel kleiner und das Zimmer niedriger geworden.« Die beiden Lehrer lachten. »Das glaube ich doch kaum,« meinte Herr Baumann, »eher denke ich, daß ihr in der Residenz höhere Fenster und Zimmer habt.«

»Die Kinder sitzen aber auch ganz anders als damals,« sagte Gretchen und musterte zuerst die Reihen der Mädchen, dann sah sie nach den Knaben. Ein lauter Ausruf des Erstaunens entfuhr ihr: »Der Schäfer-Hans ist der Erste geworden!« Dieser errötete über und über, als sich so die allgemeine Aufmerksamkeit auf ihn lenkte. Herr Baumann aber klopfte ihm freundlich auf die Schulter: »Ja, ja, bei uns heißt es: ›Die Ersten sollen die Letzten werden und die Letzten sollen die Ersten werden,‹ nicht wahr, Abenheim?« Der Abenheim, des Holzhackers Sohn, der der Erste gewesen war, saß jetzt nicht mehr vornen, er war aber auch sonst nirgends zu sehen. In den hintersten Reihen der Knaben aber erhob sich ein lautes Gelächter und auch der Lehrer lachte mit, denn der Abenheim, der sich nicht auf dem letzten Platz sehen lassen wollte, war unter die Bank geschlupft.

»Und wo sitzt denn Felix Acosta?« fragte jetzt Gretchen.

»Der Felix Acosta?« wiederholte Herr Baumann und wurde auf einmal ganz ernst und auch die anderen Kinder alle wurden still. »Liebes Kind, den suchst du vergeblich unter uns, hast du es nicht erfahren, daß er gestorben ist?«

»O nein, das habe ich nicht gewußt,« sagte Gretchen und es war ihr anzusehen, wie schmerzlich diese Nachricht sie ergriff.

»Ja, ja, mein Kind,« sprach der alte Herr ganz bewegt. »Gleich im Herbst, als die ersten kalten Winde kamen, wie er sie wohl in seiner Heimat nicht gewöhnt war, wurde er leidend. Er mußte viel husten und als der Winter kam, konnte er gar nicht mehr in die Schule gehen. Ich besuchte ihn oft bei seinen Verwandten, die ihn liebevoll verpflegten. Er ertrug seine Leiden geduldig und wenn man ihn fragte, wie es ihm gehe, sagte er immer: »Ganz gut,« und wurde dabei doch immer magerer und schwächer; gelt du weißt's auch noch, Hans?« sagte der Lehrer und als Gretchen nach dem Hans hinsah, bemerkte sie, daß er weinte.

»Ja, die beiden waren gar gute Freunde. So oft ich hinkam, traf ich den Hans am Bett und der Hans las ihm vor aus dem Buch, das du ihm gegeben hast, oder sie sahen die Bilder an aus dem Raubtierbuch. Seine Löwen mußte ich bewundern, so oft ich kam. Als ich wieder einmal zu ihm kam, standen seine Verwandten um sein Bett und klagten: ›Ach, daß das Kind so jung sterben muß!‹«

»Laßt ihn doch in Frieden ziehen,« sagte ich, »er will gewiß gerne in den Himmel kommen, wohin sein Mütterlein schon voraus gegangen ist.« Da schlug er seine Augen auf, sah mich mit einem leuchtenden Blick an und sprach: »So gerne, ach so gerne!«

»Noch am selben Abend ist er dahin geschieden, und so lieb ich ihn hatte, so kann ich doch nur sagen: ›Wohl ihm, dem kleinen Fremdling, daß er daheim ist!‹«

Gretchen hatte tief bewegt zugehört, jetzt sah sie wieder auf den Hans und sagte: »Aber für den Schäfer-Hans tut's mir leid!«

»Ja, der hat viel an seinem Felix verloren, aber so einsam, wie er früher war, ist er jetzt doch nimmer, sein Vater ist bei ihm, gelt Hans?« Und der Hans trocknete seine Tränen und sagte ordentlich stolz: »Ja, und er bleibt ganz bei mir.«

»Ist das wahr?« fragte jetzt der junge Lehrer, »geht er im Frühjahr nicht mit den Schafen fort?«

»Nein, er hat's aufgegeben und Arbeit im Städtchen gefunden,« sagte Herr Baumann und indem er sich an den jungen Lehrer wandte, fügte er halblaut hinzu: »Es ist merkwürdig, wie der Mann glücklich ist, seit er weiß, daß sein Bub tüchtig ist. Gar nicht glauben wollte er's, als er im Herbst heimkam mit seiner Herde und ich ihn antraf und zu ihm sagte, sein Bub sei der beste Schüler in der Klasse. Seinetwegen hat er nun die Schäferei aufgegeben und so viel er kann, ist er nun daheim und ich hab's selbst gesehen, wie Vater und Sohn an einander hängen und wie die alte Großmutter noch einmal auflebt über der Freude; es ist rührend zu sehen, man trifft's selten so!«

Auf der Turmuhr draußen schlug's 12 Uhr.

»Jetzt müssen wir schließen,« sprach Herr Baumann; alle Kinder erhoben sich und beteten das Schulgebet:

»Nun geh'n wir aus der Schule fort,
Ach bleib bei uns mit deinem Wort,
Mit deiner Gnad und Segen
Auf allen unsern Wegen.«

Gretchen sprach es mit ihnen und freute sich, daß sie's noch konnte, dann gab sie den beiden Lehrern die Hand und wollte mit Emilie gehen. Da zupfte jemand an ihrem Kleid. Sie wandte sich um; die kleine Luise Seiz stand hinter ihr, sah ihr vergnügt ins Gesicht, hielt ihre Tafel in die Höhe und rief: »Kennst du sie noch?«

»Ist's noch dieselbe?« fragte Gretchen.

»Ja freilich, die hält noch lang, das ist eine ganz gute!« Und nun fühlte sich Gretchen schon wieder am Ärmel gepackt, lachend sah sie sich um: es war der Hans. Der sprach die großen Worte: »Du, da!« und reichte ihr den spitzigsten Griffel hin, den er gerade vorrätig gehabt hatte, dann sprang er davon. Jetzt aber machte sich auch die kleine Emilie geltend: »Komm,« sagte sie, »wir wollen zum Essen gehen, daheim werden sie schon warten auf uns.« Nun machte sich Gretchen los und ging mit Emilie fort und bald darauf saß sie beim Mittagstisch in der Apotheke. Da ging's ihr nun nicht schlecht! Sie war die kleine Hauptperson bei Tisch und nicht nur beim Essen, sondern auch nachher und nicht nur den einen Tag, sondern auch alle die andern. Was sie nur wollte, das wurde getan, und Gretchen, die zum erstenmal zu Gast war, fand das ein herrliches Leben. Im ganzen Städtchen kam sie herum, suchte all die altbekannten, lieben Plätzchen auf und traf überall gute Bekannte, die sie freundlich anredeten.

Nur ins eigene Haus, wo sie ihre erste glückliche Kinderzeit verlebt hatte, kam sie nicht. Dort wohnten jetzt ganz fremde Leute. Gretchen hätte gar zu gerne die lieben, wohlbekannten Räume wieder gesehen, und als sie einmal an dem Hause vorbei kam, stand sie lange still und sah sehnsüchtig hinauf. Es war ihr, als müßte der Mutter liebes Gesicht heruntersehen, wie so oft, wenn Gretchen sich früher vor dem Haus getummelt hatte. Und richtig – da ging das Fenster auf, aber eine ganz fremde Frau sah heraus und schüttelte ihr Staubtuch aus, gerade über Gretchens Kopf. Da ging Gretchen weiter, jetzt wußte sie's, daß dies Haus kein Heim mehr für sie war. Von diesem Tag an kam's wie leises Heimweh über sie und ganz im Stillen und Geheimen freute sie sich, bis Lene wieder käme und sie holte.

Die acht Tage waren schnell vorüber und Gretchen war's wie ein Traum, als sie mit Lene in der Bahn saß und der Residenz zufuhr. Sie freute sich unbeschreiblich auf das Heimkommen, aber sie mochte es der Lene nicht sagen, die mußte ja nun von ihren Eltern fort und war wohl sehr traurig.

»Was siehst du mich so ernsthaft an?« fragte jetzt Lene.

»Hast du weinen müssen, wie du von deinen Leuten fort bist, Lene?« – »Diesmal nicht,« antwortete Lene, »denke nur, mein Bruder kommt aufs Frühjahr in die Lehre zu einem Meister in der Residenz und eine von meinen Schwestern soll das Nähen dort lernen, vielleicht gerade bei der Schneiderin, die dein Osterkleid gemacht hat. Dann habe ich zwei Geschwister in der Stadt und meinen Eltern ist's so recht, daß ich dort bin.«

»O das freut mich,« rief Gretchen ganz vergnügt und nun schauten die beiden ungeduldig zum Fenster hinaus, ob nicht bald in der Ferne die Türme der Residenz auftauchen würden.

Die Eltern standen beide am Bahnhof, Gretchen sah sie schon vom Zug aus und so groß auch das Menschengedränge war, so fanden sie sich doch gleich, denn einen solchen Jubelruf, wie ihn Gretchen beim Anblick der Eltern ausstieß, konnte man doch nicht überhören. Wie schön war's nun, zwischen Vater und Mutter heimzuwandern, und wie behaglich, mit ihnen am Tisch zu sitzen und von der alten Heimat erzählen zu dürfen!

»Und wo ist's denn nun am schönsten?« fragte der Vater, »in Föhrenheim oder in der Residenz?« Einen Augenblick besann sich Gretchen, dann rief sie so recht aus warmem Herzen: »Immer da, wo ihr seid!«

Es war ein glücklicher Abend für Gretchen und sie wäre gerne viel länger als sonst aufgeblieben. Aber die Mutter tröstete sie: »Morgen ist wieder ein Tag und noch dazu ein recht schöner, denn Hermine hat versprochen, dich zu besuchen, und Fräulein Treppner hat sagen lassen, du möchtest nur gleich morgen zu ihr kommen, die Kanarienvögel hätten Eier gelegt.« Mit diesen schönen Aussichten konnte man wohl zu Bette gehen!

Als an diesem Abend die Mutter noch zu ihrem Töchterchen kam, um mit ihr zu beten, sagte sie: »Weißt du auch, was heute für ein Jahrestag ist, Kind?« Gretchen wußte es nicht. »Ich will dir's sagen. Heute ist der 10. April, an diesem Tag bist du voriges Jahr zum erstenmal in die Schule gegangen, weißt du es noch?«

»O ja, Mutter, ganz gut!«

»Sieh, nun hast du schon dein erstes Schuljahr hinter dir. Ist's schön gewesen?«

»Zuerst war's schön, dann war's eine zeitlang nicht schön – du weißt schon, Mutter, welche Zeit ich meine – und zuletzt war's wieder schön.«

»Nun wollen wir dem lieben Gott heute Abend noch miteinander danken für die schönen Zeiten und ich meine auch für die schwere Zeit, denn die hat meinem Töchterchen am meisten Segen gebracht. Und dann wollen wir ihn bitten, daß auch das nächste Schuljahr recht schön wird, oder, wenn's auch wieder schwere Zeiten bringen sollte, recht segensreich! Wollen wir das?« Gretchen stimmte von ganzem Herzen mit ein in der treuen Mutter Gebet, und in dem süßen Bewußtsein, wieder daheim zu sein im Elternhaus, schlummerte sie bald ein und schlief ruhig hinüber – ins zweite Schuljahr.