Fünftes Kapitel.
Felix Acosta.

»Wer hat das geschrieben?« fragte am nächsten Tag der Lehrer, als er an die letzte Bank kam und Hans ihm seine Tafel hinreichte. – »Ich,« antwortete dieser.

»Das hast du nicht selbst geschrieben. Wer hat dir geholfen?«

Der Hans sah den Lehrer groß an und antwortete nicht.

»Sag's nur!« drängte der Lehrer; aber der Hans wußte nichts zu sagen.

»Ich will schon herausbringen, ob du das selbst geschrieben hast. Wisch einmal deine Tafel ab. So – nun schreib noch einmal eine Seite »i«.« Der Hans nahm sogleich seinen Griffel, der war wieder fein wie ein Spieß.

»Wer hat den Griffel gespitzt?« wollte jetzt der Lehrer wissen.

»Ich.«

»Auch du?« fragte der Lehrer ungläubig; »mit was hast du ihn denn so fein gespitzt?«

»Mit einem Brunnentrog.«

Während der Hans schrieb, ging der Lehrer weiter zu den Mädchen. Bald ertönte seine Stimme wieder.

»Was ist denn das für eine erbärmliche Schreiberei? Das sind ja gar keine »i«; keins hat einen Punkt und die meisten haben nur zwei Striche statt drei! Da seht einmal her,« und er hob die Tafel hoch in die Höhe, daß alle Kinder die sonderbare Schreiberei sehen konnten. Das Mädchen, das die schlechte Schrift geliefert hatte, saß neben des Apothekers Emilie.

»Du hast gestern auch deine Sache so liederlich gemacht, du verdienst nicht so weit vorn zu sitzen. Nimm deinen Ranzen und setz dich auf die letzte Bank; Gretchen Reinwald, komm her und tausche mit ihr den Platz.«

»Ich?« rief Gretchen Reinwald ganz überrascht.

»Ja du, du paßt besser hieher.«

Da nahm Gretchen ihre Sachen zusammen und setzte sich neben Emilie, die sehr vergnügt darüber schien. Auch die andern, die in der Nähe saßen, freuten sich über diesen Tausch, denn sie wußten alle schon, daß die kleine Reinwald eine immer lustige Kamerädin war und dabei so gutherzig, daß keine neidisch war über ihr Vorrücken. Auch Gretchen hätte sich gefreut, aber das Mädchen, das nun in die hinterste Bank mußte, weinte gar bitterlich und das verdarb Gretchen die ganze Freude.

Jetzt kam der Hans heraus und hielt dem Lehrer seine Tafel hin.

»Wahrhaftig, du kannst!« rief der Lehrer, klopfte ihm freundlich auf die Schulter und rief: »Seht, so müßt ihr's alle lernen, wie der Zaiserling. Der kann's am besten.« Der Hans setzte sich ruhig wieder hinten an seinen Platz. »Fibeln heraus!« befahl nun der Lehrer, und jetzt ging's ans Lesen: im – am – mi – ma; bei manchen ging es recht langsam und es war den Kindern nicht übel zu nehmen, daß es ihnen etwas langweilig vorkam und war auch kein Wunder, daß die sämtlichen Köpfe sich neugierig erhoben und alle sich der Unterbrechung freuten, als unverhofft die Türe aufging. Der alte Lehrer, Herr Baumann, trat herein. Er kam aber nicht allein, er führte einen Knaben an der Hand, der ganz anders aussah, als die Kinder des Städtchens. Er trug ein schwarzes, mit Spitzen besetztes Samtanzüglein, das aus der Ferne sehr schön aussah, in der Nähe konnte man freilich bemerken, daß es nimmer ganz neu war. Als er ins Zimmer trat, nahm er sein Samtmützchen vom Kopf, und unter diesem kam ein kohlschwarzes Haar zum Vorschein. Auch die Augen, die aus dem schmalen, blassen Gesicht hervorglänzten, waren ganz schwarz.

»Hier bring ich Ihnen einen neuen Schüler,« sprach Herr Baumann zu dem jungen Lehrer; »es ist ein kleiner Spanier. Er heißt Felix Acosta. Sein Vater war bei einem Zirkus angestellt und ist verunglückt. Seine Mutter ist auch gestorben. Sie war aber von hier und man hat das Kind nach ihrem Tod hierhergeschickt zu ihren Verwandten. Der Knabe ist zwar schon neun Jahre alt, aber da er noch nicht in der Schule war, wird er doch in der untersten Klasse anfangen müssen. Siehst du, Felix,« fügte er hinzu, »das ist dein Lehrer, gib ihm die Hand.«

Der kleine Bursche reichte dem Lehrer die Rechte. Alle Kinder sahen es und alle konnten bemerken, daß an dieser kleinen Hand der Daumen fehlte. Herr Stein betrachtete aufmerksam die verstümmelte Hand.

»Da wird das Schreiben schwer gehen,« sagte er; »wie ist er wohl um seinen Daumen gekommen?«

Herr Baumann wollte eben antworten, da trat der Junge einen Schritt vor, so daß er frei dastand und ihn alle sehen konnten, dann sprach er mit lauter Stimme und fremdartiger Aussprache: »Sie sehen, meine verehrten Herrschaften, daß meine Hand hat verloren ihren Daumen. Vor zwei Jahren bekam unsre afrikanische Löwin ein Junges. Gleich nach der Geburt brachte mein Vater das junge Tier in einen besonderen Käfig und führte mich zu demselben hinein. Ich war damals sieben Jahre alt. Man legte das junge Tier, das ungefähr die Größe einer Katze hatte, in meine Arme, man brachte mir Milch in einer Saugflasche, wie man sie reicht den kleinen Kindern. Ich gab dem kleinen Löwen zu trinken, ich streichelte ihn, ich liebkoste ihn, und er ließ sich's gefallen. Den ganzen Tag waren wir beisammen, bloß nachts kam der kleine Löwe zu seiner Alten. Es wurde nun in der Stadt bekannt gemacht, daß zu sehen wäre ein siebenjähriger Knabe, der einen jungen Löwen füttert und mit ihm spielt. Da kamen die Leute in solchen Haufen, daß jeden Tag alle Plätze waren überfüllt und die Leute jubelten vor Vergnügen, wenn ich gab dem kleinen Tier zu trinken, wenn ich mit ihm auf dem Boden herumkugelte oder einen Ball rollen ließ, nach dem der kleine Löwe sprang wie eine Katze. Wir waren damals in New-York, der größten Stadt Amerikas, und wir nahmen ein soviel Geld wie nie vorher. So ging es einige Wochen lang, dann trat ich wieder in den Käfig und viele hundert Menschen klatschten mir Beifall. Ich nahm meinen Löwen, der nun schon groß und stark wurde, und reichte ihm die Milch. Da plötzlich ließ er sie los, schnappte nach meiner Hand, ein Biß, ein Riß – und weg war mein Daumen. Ich warf das Tier auf den Boden und tat einen Schrei. Die Leute hörten es und sahen das Blut, das mir über die Hand strömte. Sie entsetzten sich und die meisten eilten fort. Mein Vater aber trat zu mir in den Käfig. Mit einer Lederpeitsche schlug er auf das kleine Tier, daß es brüllte und die alte Löwin, die nebenan im Käfig war, brüllte mit, daß alles erzitterte, und schlug gegen die Wand, die uns trennte. Mein Vater aber trug mich hinaus und ich wurde verbunden. Als nach drei Tagen das Wundfieber vorbei war, fragte man mich, ob ich würde wagen, wieder zu dem kleinen Löwen zu gehen. Ich sagte »Ja«, denn ich liebte meinen jungen Löwen und hatte ihm seine Grobheit schon verziehen. Man ließ mir nun dicke lederne Fausthandschuhe bringen und umwand mir beide Arme und beide Beine mit Seilen. Mit einer Peitsche bewaffnet, trat ich morgens, ehe die Zuschauer kamen, zum erstenmal wieder in den Käfig. Das kleine Tier schnappte gleich wieder nach mir und wollte mich ins Bein beißen, doch da es auf die Stricke biß, ließ es nach. Ich kugelte nun den Ball, wie ich sonst getan hatte, aber der kleine Löwe sah nicht mehr auf den Ball, sondern biß auf meine Arme und Hände.

»Peitsch ihn, peitsch ihn,« rief mir mein Vater zu. Ich schlug nach dem Tier, da verkroch es sich in die Ecke. Ich bückte mich nun, um den Ball wieder zu holen. Da fuhr es auf mich los und hielt mich mit seinen Klauen fest, daß ich mich kaum losmachen konnte. Ich war bald erschöpft und verließ den Käfig. Noch dreimal versuchte ich in den nächsten Tagen das Tier zu bändigen, aber seine Zähne und Klauen wurden täglich stärker, sie drangen zwischen den Seilen hindurch, mit denen ich umwickelt war, und verwundeten mich. So mußte ich es aufgeben und ist dies ein Beweis, daß ein wildes Tier sich nicht zähmen läßt von einem Kinde. Es gehört dazu ein erwachsener Mensch, der durch seine hohe Gestalt und durch seinen durchdringenden Blick das Tier in der Furcht erhält.

Auf diese Weise, meine verehrten Herrschaften, bin ich um meinen Daumen gekommen. Doch habe ich um so besser gelernt, meine andern Finger zu gebrauchen, und wenn Sie mir wollen Geldstücke zuwerfen, so werden Sie sehen, daß ich sie werde auffangen sehr geschickt mit vier Fingern und wird nicht eines zu Boden fallen.«

In sprachlosem Erstaunen hatten Lehrer und Kinder dieser langen Rede gelauscht. Nun hielt der kleine Mann inne, streckte sein verstümmeltes Händchen aus und schien erstaunt, daß ihm niemand ein Geldstück zuwarf; hatte er doch seit zwei Jahren fast täglich diesen Vortrag vor den Besuchern des Zirkus gehalten, und eine hohe Geldsumme eingebracht durch die kleinen Gaben, die ihm am Schluß zugeworfen wurden.

»Ja, mein kleiner Felix Acosta,« sagte Herr Baumann, »hier streckst du deine Hand vergeblich aus; wir sind jetzt nicht im Zirkus, sondern in der Schule; weil du uns aber alles so schön erzählt hast, so will ich heute nach der Nachmittagsschule wieder herüberkommen und einige Geldmünzen mitbringen, damit du uns deine Kunst zeigen kannst. Jetzt aber setze dich ruhig zu den Kindern und Sie, Herr Stein, müssen eben sehen, was Sie dem Kleinen beibringen können.«

»Er scheint ja ganz aufgeweckt,« sprach der Lehrer, »und ist ja auch schon älter als die andern Kinder; aber mit dem Schreiben wird es schwer gehen.«

»O, Sie werden sehen, daß es wird gehen sehr gut, ich kann mit meinen vier Fingern mehr als andere mit fünf.«

Der Lehrer lachte.

»Er hat eine gute Meinung von sich selbst; nun, wir werden schon sehen.«

Herr Baumann verließ nun das Zimmer.

»Macht Platz in der ersten Bank!« rief Herr Stein.

Die Knaben rückten schnell zusammen. Wer hätte nicht gerne einen kleinen Löwenbändiger neben sich sitzen lassen!

»Kannst du schon lesen?« fragte Herr Stein.

»Ich kann spanisch lesen und ein wenig englisch, aber kein deutsch.«

»Nun, so sieh einstweilen deinem Nachbar ins Buch, du wirst's bald lernen.«

Bald war alles wieder in der Schule in gewohntem Gang und der schwarzhaarige Spanier verhielt sich ganz ruhig zwischen seinen blonden deutschen Kameraden. Nach der Schule aber drängte sich alles wieder um den interessanten Fremdling, besonders der Hans ging halb bewundernd halb scheu um ihn herum. Wie man so eine lange Rede halten konnte, war ihm ganz unfaßlich. Im ganzen Jahre hatte er wohl noch nicht so viel Worte gesprochen, als dieser kleine Fremde heute morgen.

Auch Gretchen war voll Bewunderung und während des Mittagessens wiederholte sie den Eltern die ganze Erzählung des kleinen Spaniers. Fast hätte sie darüber vergessen, daß sie noch etwas Wichtiges zu berichten hatte. Sie war ja in die zweite Bank vorgerückt! Sie selbst hatte sich nicht besonders darüber gefreut und so schien es auch den Eltern zu gehen.

»Wenn du einmal wegen deines Fleißes vorrückst, dann will ich mich herzlich darüber freuen,« sagte der Vater, »so aber sehe ich gar nicht ein, warum gerade du den Vorteil davon haben mußt, daß eine andere ihre Sache schlecht macht.«

»Ich seh' es auch nicht ein,« sagte Gretchen gutmütig, »überhaupt, wenn das so ist, daß man nur vorwärts kommt, wenn eine andere rückwärts kommt, dann kann man sich eigentlich nicht darüber freuen. Aber der Lene muß ich's erzählen, das ist etwas für die.« – Gretchen sprang hinaus in die Küche und dort wurde ihre Neuigkeit ganz anders aufgenommen.

»So, jetzt glaub' ich's erst, daß euer Lehrer etwas Rechtes ist. Am Sonntag, wenn ich zu meinen Leuten heim gehe, bringe ich dir einen Busch Maiblumen und Waldmeister mit, den darfst du deinem Lehrer schenken.«

»Dem Lehrer? Lieber der, die jetzt auf der letzten Bank an meinem Platz sitzen muß!« meinte Gretchen.

»Die wird's nicht verdienen, aber ich bringe dir genug für beide.«

Inzwischen sagte der Vater zur Mutter: »Das Kind wird uns in der Schule verwöhnt, sie kommt vorwärts, ohne daß sie sich Mühe gibt.«

»Ja,« sagte die Mutter, »ich hätte ihr nicht so viel voraus lehren sollen, es wird ihr nun gar zu leicht und der Lehrer ist zu nachsichtig gegen sie. Macht sie etwas flüchtig oder vergißt sie es ganz, so droht er ihr nur und straft sie nie.«

»Ja, ja, es geht ihr zu gut; früher oder später wird sie's büßen müssen!«

Mit ein paar Pfennigen in der Tasche, die ihr die Eltern gegeben hatten, um den kleinen Künstler damit zu erfreuen, sprang Gretchen fröhlich in die Nachmittagsschule. Auf der Treppe traf sie den Hans.

»Du,« sagte sie zu ihm, »spitz mir meinen Griffel auch einmal so fein mit deinem Brunnentrog.«

»Gib her!«

Gretchen hatte mehrere im Vorrat, die waren alle stumpf, denn Gretchen spitzte sie nicht gerne und vergaß es auch meistens. So übergab sie Hans gleich drei auf einmal und von da an sorgte Hans getreulich dafür, daß Gretchens Griffel im Stande waren.

Der Lehrer und alle Kinder waren versammelt, der Unterricht hatte begonnen, aber der Held des Tages, Felix Acosta, fehlte noch. Ein unzufriedenes Gemurmel ging durch die Reihen der Schulkinder: »Der kommt gar nicht.« Aber er kam doch.

»Warum so spät?« fragte der Lehrer.

»Ich wußte nicht, daß Ihre Vorstellung beginnt so bald,« sprach der Kleine. Der Lehrer lachte.

»Ja,« sagte er, »bei mir beginnt die Vorstellung Punkt zwei Uhr, nur heißt man das gewöhnlich nicht Vorstellung, sondern Schule.«

Felix hatte sich inzwischen an seinen Platz gesetzt und seine Tafel vor sich gelegt, wie er es von den andern sah. Der Lehrer machte ihm Striche vor.

»Nun probier einmal, auch solche Striche zu machen,« sagte er.

Felix faßte den Griffel ganz geschickt mit dem zweiten und dritten Finger und die Striche wurden nicht schlechter, als bei den andern Kindern.

»Es wird gehen,« sagte der Lehrer befriedigt.

Pünktlich um vier Uhr trat Herr Baumann ins Zimmer und rief den Kindern freundlich zu: »So, nun packt eure Sachen zusammen, dann wollen wir sehen, was unser kleiner Künstler kann!«

Nun gab es ein großes Gepolter und merkwürdig schnell verschwanden diesmal die Tafeln und Federkästchen in den Ranzen; dann ward alles still – erwartungsvoll blickte die Schuljugend auf Felix Acosta.

Dieser stellte sich nun an die Türe, während Herr Baumann ihm gegenüber ans Fenster trat.

»Nun zeige, was du kannst,« rief er und warf dem Kleinen eine Kupfermünze zu. Herr Baumann hatte nicht weit genug geworfen, die Entfernung war groß und die Münze flog bloß über die Hälfte des Zimmers. Aber blitzschnell war ihr Felix entgegengesprungen und fing sie glücklich in seiner kleinen, verstümmelten Hand auf.

»Bravo, bravo,« riefen die beiden Lehrer, und Felix stellte sich wieder an die Türe.

»Nun will ich stärker werfen,« rief Herr Baumann und warf nocheinmal in einem weiten Bogen. Diesmal flog das Geldstück bis an die Türe, schlug an dieser an und prallte wieder ab, aber niemand hörte es fallen.

»Wo ist das Geldstück?« fragte der Lehrer.

»Hier,« antwortete Felix ganz ruhig und zeigte die Münze in seiner Hand. Er hatte sich so wenig bewegt, daß man gar nicht bemerkt hatte, wie er sie, von der Türe weg, aufgefaßt hatte.

»Nun probieren Sie's einmal,« sagte Herr Baumann zu dem jungen Lehrer. Dieser stellte sich an den Katheder, um von dort aus zu werfen. Er hob den Arm hoch und tat, als ob er sein Geldstück in alle Weite werfen wollte, warf es aber dann nur ganz leicht vor sich in die Höhe. Aber Felix Acosta hatte seine List gleich durchschaut, denn all dies war ihm schon gar oft vorgekommen. Mit einem Satz war er am Katheder und kam gerade noch recht, um die Münze aufzufangen. Nun war allgemeiner lauter Jubel bei den Kindern und ohne lange zu fragen, warf Gretchen aufs geratewohl ihre beiden Pfennige auf ein Mal dem Künstler zu. Dieser war aber auch an solche Überraschungen gewöhnt; er hatte sogleich mit jeder Hand einen der Pfennige gefaßt und reichte nun einen der beiden Gretchen wieder hin: »Dies gilt nicht, weil ich es habe gefangen mit der linken Hand. Wenn aber das kleine Fräulein so gütig sein will und noch einmal werfen, ich werde es fangen mit der Rechten.«

Gretchen lachte laut, es war doch auch zu komisch, von einem Schulkameraden als »kleines Fräulein« angeredet zu werden. Sie nahm das Geldstück noch einmal und dachte, voll Mutwillen, es hinter sich zu werfen, mitten unter die Schulbänke, dann konnte es Felix doch sicher nicht fangen; aber sie brachte es doch nicht über sich, ihm den Spaß zu verderben, und warf nun den Pfennig so gut wie möglich, so daß es wirklich keine Kunst für Felix war, ihn zu fangen. Er hatte auch offenbar ihre freundliche Absicht bemerkt, denn nachdem er die Münze ergriffen hatte, stellte er sich vor Gretchen hin, spielte mit dem Geldstück wie mit einem Ball, indem er es in die Höhe warf und so oft es herunterkam, gleich wieder hinaufschlug, so daß alle Kinder ihm staunend zujubelten.

Nun aber machte Herr Baumann der Lust ein Ende.

»Jetzt ist's genug,« sprach er. »Wir haben nun schon gesehen, wie nett du deine Sache kannst, das verstehst du besser als wir alle. Es gibt aber noch andere nützliche Dinge zu lernen und ich will sehen, ob du dich zu diesen auch so geschickt anstellst! Du kannst nach der Schule alle Tage zu mir kommen, bis du soviel kannst, wie die andern Kinder.«

Zum großen Bedauern aller Kinder wurde ihnen nun Felix Acosta entführt, Herr Baumann nahm ihn mit sich hinauf in sein Zimmer. Dort rückte er einen Stuhl an den Tisch und sagte: »So, nun setze dich her, kleiner Mann, und nimm deine Fibel.«

Während Felix sein Buch herrichtete, sprach der alte Lehrer: »Weißt du, daß auch deine Mutter schon zu mir in die Schule gegangen ist?«

Bei diesen Worten hob der Kleine lebhaft den Kopf: »Zu Ihnen? gerade so wie ich?« rief er verwundert.

»Jawohl, acht Jahre lang ist sie in dieses Schulhaus gekommen, ich kann mich ihrer wohl noch erinnern, sie war ein liebes, schönes Mädchen.«

»O mein Mütterlein, mein lieb, lieb Mütterlein, nur für ein einziges kleines Stündlein möchte ich sie wieder haben!« rief in plötzlich erwachender Sehnsucht das arme Kind und brach in bittere Tränen aus. Der Lehrer war ganz bestürzt; er hatte nicht gewußt, daß dies Kinderherz noch ganz von der Trauer um die kürzlich verstorbene Mutter erfüllt war. Er ließ den Kleinen weinen und suchte ihn nicht zu trösten.

»Es ist vielleicht gut, wenn er sein Heimweh einmal recht ausweint,« dachte er und ging im Zimmer auf und ab; so oft er aber an dem Knaben vorbeikam, strich er ihm freundlich über das dunkle Lockenhaar. Endlich, als er merkte, daß das Schluchzen nachließ, sagte er: »Deine Mutter hat vor ihrem Tode selbst noch gebeten, daß man dich hieher schickt, nicht wahr?«

»Ja, ja; sie selbst wollte schon kommen nach Deutschland, als mein Vater gestorben war, aber der Herr hat sie nicht gehen lassen; er wollte auch mich behalten, aber er hat meiner Mutter auf ihrem Totenbett versprechen müssen, daß er mich hieher schickt.«

»Und weißt du auch, warum sie es so gewünscht hat?«

»O ja, sie hat es mir oft gesagt: Du sollst nicht so ein Leben führen, wie diese Leute im Zirkus, du sollst in meine Heimat, dort werden sie dich zu einem frommen, rechtschaffenen Mann erziehen.«

»Ja, das werden sie, liebes Kind! Wenn du nur selbst willst und der liebe Gott seinen Segen dazu gibt, so soll deiner Mutter Wunsch in Erfüllung gehen!«

Von diesem Tag an nahm sich der alte Lehrer treulich des kleinen Fremdlings an und suchte das Herz des armen Waisenknaben seinem himmlischen Vater zuzuführen.