»Heute könnt ihr euren Spruch schlecht,« rief der Lehrer, »nun sagt ihn noch einmal alle zusammen her, und wer ihn dann nicht allein kann, der soll's fühlen!« Bei diesen Worten schwang Herr Stein ganz unheimlich sein Rohr. Alle Kinder sagten nun im Chor den Spruch her: »Bittet, so wird euch gegeben, suchet, so werdet ihr finden, klopfet an, so wird euch aufgetan.«
»So, nun jedes allein, und daß sich keines einfallen läßt, dem andern einzusagen!« Jetzt wurde es ganz stille im Zimmer. Mit Herrn Stein war heute nicht zu spaßen, das merkten alle; dazu war's ohnedies heute so schwül im Schulzimmer, die Junisonne stach zwischen den Wolken hindurch.
Die Mädchen mußten mit dem Hersagen anfangen. Gleich auf der ersten Bank blieb eine in ihrem Spruch stecken. Gretchen bemerkte ihre Not, vergaß des Lehrers Verbot und flüsterte der kleinen Kamerädin ein Wort zu, da wußte diese wieder weiter.
»Eine hat eingesagt,« sprach Herr Stein, »wer war's?«
Niemand antwortete. Die neben Gretchen saßen, wußten es wohl, wollten sie aber nicht verraten.
»Ich will wissen, wer's war!« wiederholte der Lehrer und hob drohend sein Rohr. Nun stand Gretchen selbst auf und sagte tief errötend: »Ich war's.«
Alle Kinder sahen gespannt auf den Lehrer. Dieser aber ließ langsam sein Rohr sinken und sprach: »Diesmal will ich dir's noch hingehen lassen, weil du's selbst eingestanden hast, das nächste Mal aber kann ich dir's nimmer nachsehen! Jetzt, weiter!«
Nun kam die kleine Emilie von Apothekers an die Reihe. Sie hatte daheim ihren Spruch gut gekonnt, jetzt aber war sie ängstlich und verwirrt und blieb stecken. Der Lehrer behielt Gretchen scharf im Auge. Er sah ihr wohl an, wie gerne sie eingesagt hätte. Als nun aber Gretchen auf der einen Seite des Lehrers strengen, drohenden Blick sah und auf der andern Seite die arme kleine Emilie, mit Tränen in den Augen, die sie mit einem einzigen Wort aus ihrer Not hätte befreien können, hielt sie sich nimmer, sondern rief laut: »Aber da muß man doch einsagen, da kann man doch gar nicht anders!«
»So? Meinst du?« sagte Herr Stein, »nun dann will ich's so einrichten, daß man anders kann: Wer jetzt stecken bleibt, bekommt bloß eines auf die Hand, wer sich aber einsagen läßt, der bekommt zwei. So, nun kannst du einsagen soviel du willst!«
Emilie hatte inzwischen Zeit gehabt, sich zu besinnen und sagte ihren Spruch fehlerlos her. Bald aber kam wieder eine an die Reihe, die die drei Teile des Spruches durcheinander brachte. Gretchen war nun still, auch von den andern hatte keine Lust einzuflüstern und so gab's eben Strafe und der nächsten ging es auch nicht besser, eine wurde durch die andere verwirrt, der Lehrer wurde immer zorniger, das Rohr fiel immer öfter nieder und lautes Weinen wurde immer allgemeiner. So ungemütlich wie heute war es noch gar nie in der Schule gewesen.
Aber nun ging die Türe auf und der alte Lehrer trat ein.
»Was singt denn ihr heute für Klagelieder, ihr Kleinen?« fragte er. »Man hört euch ja bis hinüber in mein Schulzimmer!«
Herr Stein legte sein Rohr ab und ging auf Herrn Baumann zu.
»So dumm und so faul wie heute sind sie noch gar nie gewesen,« sagte Herr Stein, »da ist kaum eine, die ihren Spruch kann!«
»Ei, ei, was ist's denn für ein Spruch?«
Herr Stein nannte ihn und fügte hinzu: »Bald fangen sie mit ›Suchet‹ an, bald mit ›Klopfet an‹, alles bringen sie durcheinander, es ist zum Verzweifeln!«
»Was, den schönen Spruch könnt ihr nicht lernen? Das glaube ich gar nicht! Den haben schon viele hundert Kinder bei mir gelernt und ihr bringt's auch zustande. Aber zuerst laßt nur ein wenig Luft herein, du, Felix, zieh den Rouleau hinauf und mache das Fenster auf und nun hört mir einmal zu!«
Felix war an das Fenster getreten und wollte den Rouleau hinaufziehen. Dieser blieb aber am obern Fensterflügel stecken. Da nahm Felix, wie er's schon oft von Herrn Stein gesehen hatte, das Rohr vom Pult weg und half mit diesem nach. Dann öffnete er das Fenster. Als er das unglückselige Rohr, das heute schon so viele Tränen verursacht hatte, in seinen Händen hielt, fuhr ihm wie ein Blitz ein Gedanke durch den Sinn. Er sah sich um – aller Blicke waren auf Herrn Baumann gerichtet, niemand achtete auf ihn – da ließ er ganz sachte das Rohr zum Fenster hinausgleiten. Er hörte es drunten im Schulhof auf den Holzstoß auffallen, der dort an der Mauer aufgeschichtet war.
»So, du tust uns heute nimmer weh,« dachte er bei sich und setzte sich an seinen Platz.
Die Kinder hatten sich durch des alten Lehrers Zuspruch wieder beruhigt.
»Nun merkt euch recht: Zuerst kommt das Bitten, dann das Suchen und zuletzt das Anklopfen. Könnt ihr's wohl jetzt, wer will's probieren und allein hersagen?« fragte er. Eine ganze Anzahl Händchen fuhr in die Höhe und einmal um das andere wurde der Spruch ohne Fehler hergesagt; dadurch lernten ihn auch die ungeschickteren und zuletzt konnten ihn alle.
»So ist's recht,« sagte Herr Baumann »und weil ich euch nun geholfen habe, singt ihr mir gewiß auch noch gerne ein schönes Lied. Fangt einmal an ›Kuckuck, Kuckuck, ruft's aus dem Wald‹.«
Herr Stein nahm seine Violine zur Hand, der Gesang begann und unvermerkt hatte Herr Baumann wieder das Zimmer verlassen.
Beim zweiten Vers legte Herr Stein seine Violine weg, die Kinder sollten ohne Begleitung weiter singen. Während sie aber sangen, ging Herr Stein um sein Pult herum, sah bald da, bald dorthin, es war deutlich zu sehen, daß er etwas vermißte. Keines von den Kindern bemerkte das so schnell wie Felix, der wußte gleich: Der Lehrer sucht sein Rohr. Sein Herz klopfte gewaltig. Es konnte doch eines der vielen Kinder gesehen haben, wie er das Rohr genommen und zum Fenster hinaus geworfen hatte.
Inzwischen hatten die Kinder den dritten Vers angefangen zu singen, es stimmte gar nicht mehr recht zusammen, denn Herr Stein achtete nicht darauf, er ging bald hierhin, bald dorthin, die Kinder wurden dadurch zerstreut, und immer mehr verstummte der Gesang. Nur der Schäfer-Hans sang noch fest drauf los; der merkte nichts von dem was vorging, denn wenn gesungen wurde, dann war er mit Leib und Seele dabei. Endlich aber konnte auch der Hans nimmer weiter singen, denn das Lied vom Kuckuck hat nur drei Verse.
»Wo ist denn mein Rohr?« fragte jetzt der Lehrer.
»Wie Herr Baumann herein gekommen ist, haben Sie es auf den Pult gelegt,« rief Gretchen.
»Freilich, aber da ist's ja nicht mehr, wer kann's weggenommen haben?«
»Vielleicht Herr Baumann,« meinte eines der Kinder.
»Ja, ja, der hat's mitgenommen,« rief nun eines der Mädchen und nun glaubten auf einmal viele der Kinder bemerkt zu haben, daß Herr Baumann ein Rohr in der Hand hatte als er hinausging.
»Gretchen, geh du hinüber und frage Herrn Baumann danach,« sprach Herr Stein.
Das tat nun Gretchen gar nicht gerne; sie hatte schon ihre stille Freude darüber gehabt, daß das Rohr verschwunden sei. Langsam erhob sie sich und ging zur Türe.
»Halt, laß es nur sein und setze dich wieder,« rief Herr Stein. Er hatte sich so seine Gedanken gemacht: Wenn Herr Baumann das Rohr nur aus Versehen mitgenommen hat, so schickt er's wohl wieder herüber. Hat er's aber mit Absicht getan, so will er's mir auch nicht gleich wieder zurückgeben.
So mußte sich denn Herr Stein die nächste Stunde ohne Rohr behelfen. Felix aber atmete erleichtert auf, als er sah, daß die Sache so gut ausging. Nach der Schule schlich er sich in den Hof, um nach dem Rohr zu sehen. Es mußte wohl zu oberst auf dem Holzstoß liegen und dort konnte man es vom Schulfenster aus entdecken, das durfte nicht sein. Vorsichtig sah sich Felix im Hof um, ob ihn niemand beobachte; dann kletterte er gewandt wie eine Katze auf die Holzstöße. Richtig, da oben lag das Rohr. Er nahm es und schob es zwischen die Holzscheiter, dort konnte es liegen bleiben, da bemerkte man es gewiß nicht. Schnell war er wieder vom Holzstoß herunter und zum Hof hinaus.
Wenn er aber gedacht hatte, es habe ihn kein Mensch beobachtet, so hatte er sich getäuscht!
Hoch oben im Dachstock, gerade über dem Holzstoß und über Herrn Steins Schulzimmer wohnte Frau Semmelmeier, die Schuldienerin. Die wollte einen Teppich zum Fenster hinausschütteln, sah sich aber vorsichtig um, ob nicht etwa Herr Stein gerade den Kopf aus seinem Fenster herausstrecke. Da bemerkte sie, wie Felix in den Hof kam und auf den Holzstoß kletterte. Nun sah sie auch das Rohr dort liegen. Dann dachte sie, er sei wohl geschickt worden, um das Rohr zu holen. Zu ihrem größten Erstaunen gewahrte sie aber, daß er es nur noch tiefer zwischen das Holz versenkte und sich dann wieder davon machte.
»Schaut mir nur den spanischen Schlingel an!« sprach sie vor sich hin, »so etwas tut doch bei uns zu Lande kein Kind, es ist noch nicht dagewesen, solange ich Schuldienerin bin!«
Die wackere Alte stieg die Treppe hinunter. Alle Schulzimmer waren nun leer. Sie trat in das der Kleinen und sah sich auf dem Pult um. »Richtig, richtig, das Rohr ist fort! Der kleine Spitzbub hat's wohl zum Fenster hinausfliegen lassen!« Dann überlegte sie, was sie bei diesem unerhörten Falle wohl zu tun habe.
»Dem jungen Lehrer, dem sag ich's nicht, der könnte mir den kleinen Kerl gar zu scharf hernehmen; man muß bedenken – es ist doch ein armes, fremdes Waisenkind und dazu – so oft mich's sieht, das kleine Bürschlein, zieht's so manierlich sein Samtkäpplein und sagt: ›Guten Morgen, Madame Semmelmeier,‹ oder: ›Guten Abend, Madame Semmelmeier,‹ keines von den andern ist so artig. Nein, seinem Lehrer verrat ich's nicht, aber der alte Herr Baumann soll's wissen, der hat ein Herz für das Kind, er läßt's ja alle Tage zu sich kommen.«
Und Frau Semmelmeier klopfte an Herrn Baumanns Türe. Bald wußte der alte Lehrer alles, was Frau Semmelmeier entdeckt hatte. »Die Welt wird alle Tage schlechter,« schloß die alte Schuldienerin ihren Bericht; »wer hätte in unserer Jugendzeit so etwas gewagt?«
»Ja, es ist schlimm,« bestätigte Herr Baumann; »aber Semmelmeierin, sag Sie zu niemandem etwas von der Geschichte, man darf das fremde Kind nicht gleich einschüchtern. Ich will ihm selbst ins Gewissen reden und will sehen, ob ich ihn dazu bringe, daß er mir's eingesteht, das hätte mehr Nutzen als alle Strafen.«
»Mit Verlaub, Herr Baumann, wer so schwarze Spitzbubenaugen hat, gesteht nichts ein.«
»Das versteht Sie nicht, Semmelmeierin. Das Schwarze, das kommt vom südlichen Land und wären wir dort geboren, so wären wir auch nicht blond. Das Herz ist deswegen noch lange nicht schwarz.«
»Ich glaub's wohl und Sie verstehen es ja am besten, und ich schweige, darauf können Sie sich verlassen.« Und die alte Schuldienerin hielt Wort.
An diesem Mittag teilte Gretchen ihren Eltern voll Vergnügen das Ereignis von dem verschwundenen Rohr mit.
»Wenn ihr Kinder klug wäret,« sprach Herr Reinwald, »so würdet ihr für morgen euren Spruch viel besser lernen als sonst und euch überhaupt so musterhaft verhalten, daß euer Lehrer sich sagen müßte: Es geht ja alles viel besser, seitdem ich kein Rohr mehr habe, da schaffe ich mir kein neues mehr an!«
»O wie herrlich das wäre, das muß ich gleich heute Nachmittag mit allen Kindern ausmachen,« rief Gretchen eifrig, und schon auf dem Schulweg und auf der Treppe redete sie alle ihre kleinen Kameraden an und sagte, sie habe etwas ganz Wichtiges mit ihnen auszumachen. Endlich als im Schulzimmer alle sie neugierig umringten, wiederholte ihnen Gretchen ganz genau ihres Vaters Worte und fügte dann hinzu: »Den Spruch, der an die Reihe kommt, weiß ich und den sag ich euch vor und ihr sagt ihn alle nach, bis ihr ihn alle könnt!«
»Wenn ich aber nicht mag?« fragte des Holzhackers Franz und stellte sich dabei recht breit und patzig vor Gretchen hin.
An diese Möglichkeit hatte unser Gretchen gar nicht gedacht und sie war ganz bestürzt; denn der Holzhackers-Franz war gerade einer von denen, die ihre Sache nie konnten, der mußte also mittun.
»O mög doch auch,« bat sie treuherzig, »sonst kauft sich Herr Stein gewiß wieder ein neues Rohr!«
»Das macht doch dir nichts? Dich schlägt er nicht, das weiß jedes!«
»Aber ich kann's doch nicht leiden; o gelt du tust mit?«
Aber der Franz wollte nicht ja sagen. Da trat Felix herzu.
»Wenn du tust, wie sie will, werde ich dir machen ein Kunststück.«
»Was für eines?«
»Ich werde auf den Katheder steigen und springen hier herunter, bis hier in den Gang zwischen den Bänken!« Der Katheder stand hoch, Franz konnte es kaum glauben.
»Also, so springe!«
»Nicht so; du wirst zuerst lernen und ich werde hernach springen. Hier meine Hand darauf!«
Er bot dem Franz sein schmales Händchen hin, dieser wußte nicht recht, was das heißen solle, aber er erklärte sich nun bereit zu lernen.
Nun fing Gretchen an, die Worte vorzusagen und alle anderen sagten sie nach. Als sie im besten Eifer waren, trat Herr Stein ein. Er hatte schon vor der Türe den Spruch gehört und sich über diesen ungewohnten Fleiß seiner Schüler nicht genug wundern können. »Was tut ihr denn, ich glaube gar ihr lernt?« fragte er.
»Ja, unsern Spruch; Gretchen Reinwald sagt ihn vor, Gretchen Reinwald ist der Lehrer,« tönte es von allen Seiten als Antwort.
Freundlich sah Herr Stein in das von Eifer glühende Angesicht seiner Lieblingsschülerin.
»Du bist halt doch meine Beste, du mußt die Erste werden,« sagte er, nahm sie an der Hand und führte sie an den ersten Platz.
Aber Gretchen sah bedenklich auf die Kleine, die bisher den ersten Platz eingenommen hatte.
»Der wird's nicht recht sein,« sagte sie.
»O die wäre doch nicht lange die Erste geblieben, gelt du weißt schon, daß Gretchen Reinwald über dich hinauf gehört?« Die Kleine, die allerdings nicht zu den besten Schülerinnen gehörte, nickte und räumte ihren Platz.
So saß denn Gretchen richtig auf dem ersten Platz, wie sie sich's schon ausgedacht hatte, ehe sie in die Schule gekommen war.
Der Unterricht begann nun und Felix konnte das verheißene Kunststück nicht machen. Der Franz war sehr ärgerlich und wurde es noch mehr, als er sah, daß nach Schluß der Schule der Lehrer das Zimmer nicht verließ, sondern, wie er's manchmal tat, die Zeitung nahm, sich an den Katheder setzte und anfing zu lesen.
Schon bereute der Franz seine Nachgiebigkeit, als plötzlich Felix vortrat, und sehr höflich zum Lehrer sprach: »Pardon, Herr Lehrer, ich muß hier hinaufsteigen, weil ich habe versprochen zu hupfen herunter!« und ehe Herr Stein wußte, was der kleine Spanier eigentlich wollte, war dieser auf den Katheder hinaufgeklettert und mit einem schönen Schwung so leicht auf die Fußspitzen heruntergehüpft, daß man's kaum hörte. Herr Stein war ganz verblüfft und da er selbst ein guter Turner war, hatte er solche Bewunderung für den kleinen Künstler, daß er gar nicht gleich daran dachte, ihm vorzuhalten, der Katheder sei nicht dazu da, daß die Schulbuben daran turnen. Felix wartete auch nicht, bis ihm dies einfiel, er verließ rasch das Schulzimmer. Die andern Kinder folgten ihm, auch der Franz war nun vollständig befriedigt.
Felix durfte noch nicht heimgehen, er hatte jetzt Stunde bei Herrn Baumann. Er ging immer gern zu dem alten Herrn, war dieser doch der Lehrer seines lieben Mütterleins gewesen. Das Lernen selbst war unserem Felix zwar keine besondere Freude, aber Herr Baumann machte es ihm so angenehm wie möglich.
Heute empfing er seinen kleinen Schüler noch freundlicher als sonst.
»Wie ist's heute nachmittag in der Schule gegangen?« fragte er ihn.
»Sehr gut!«
»Wie oft hat Herr Stein das Rohr gebraucht?«
Ein schelmisches Lächeln zuckte um Felix' Mund.
»Nicht ein einzig Mal!«
»Wie kommt das?«
»Das Rohr ist weg.«
»So, und wo ist's denn?«
Felix besann sich einen Augenblick, dann sagte er: »Viele sagen: Herr Baumann hat es genommen.«
»Und was sagst denn du?«
»Ich sage gar nichts.«
»Nun, dann gehen wir jetzt ans Lernen.«
Diesmal war Felix gleich dabei und nahm rasch seine Tafel.
»Wir wollen heute nicht schreiben, sondern einen Spruch durchgehen,« sprach Herr Baumann, »ich will dir ihn vorsagen: ›Ich bin der allmächtige Gott, wandle vor mir und sei fromm.‹« Felix mußte ihn ein paarmal nachsagen und konnte ihn bald.
»Der Spruch ist recht für dich gemacht, Felix, weil du keine Eltern mehr hast. Andere Kinder wandeln vor den Augen ihrer Eltern, die sind Gottes Stellvertreter bei ihnen und sagen ihnen, was gut und böse ist. Du aber mußt dich an Gott selbst halten, mußt immer daran denken, daß er dich sieht und mußt nur tun, was Er sehen darf; dann wandelst du vor ihm und wirst fromm und das war ja auch deiner lieben Mutter Herzenswunsch.«
Felix war immer gleich bewegt, wenn der Lehrer von seiner Mutter sprach, auch jetzt traten ihm Tränen in die Augen.
»Du mußt nie denken,« fuhr der Lehrer fort, »daß du etwas heimlich tun könntest; der liebe Gott hört und sieht alles, er weiß auch alles, was du heute getan hast.«
Dem kleinen Felix schlug das Gewissen, ängstlich blickte er zum Lehrer auf. Dieser zog ihn freundlich zu sich.
»Sieh mich nicht so ängstlich an,« sprach er gütig, »wenn man etwas Ungeschicktes oder Böses getan hat und es ist einem nachher leid, dann muß man's nur frischweg eingestehen und um Verzeihung bitten. O dann vergibt der liebe Gott so gerne und die Menschen auch, und denke nur, es steht sogar in der Bibel, daß sich dann die Engel im Himmel darüber freuen.«
»Mein Mütterlein ist auch ein Engel im Himmel.«
»Dann freut sie sich auch mit, wenn ihr Felix etwas eingesteht und um Verzeihung bittet.«
Herr Baumann schwieg. Er sah, wie des Knaben Herz bewegt war, wie es mit sich selbst kämpfte – aber das schwere Wort, das Geständnis, die Bitte um Verzeihung wollte nicht über seine Lippen kommen.
»Ist es nicht so spät, daß ich muß nach Hause gehen?« fragte Felix. Herr Baumann stand auf.
»Ja, du kannst gehen, aber im Heimweg sage dir den Spruch noch vor: ›Ich bin der allmächtige Gott, wandle vor mir und sei fromm.‹«
Felix ging. »Er bringt's nicht über sich,« sprach Herr Baumann betrübt zu sich, »es ist ihm zu schwer!«
Am späten Abend, als die Sonne untergegangen war, ging der alte Lehrer nach seiner Gewohnheit vors Städtchen spazieren, an dem Haus vorbei, in dem der Schäfer-Hans wohnte, und weiter hinaus auf dem schmalen Wiesenweg, der am Bach hinführte. Die Vögel sangen ihr Abendlied, die Wiesen dufteten, der alte Herr freute sich heute wieder daran, wie schon so manchmal seit fünfundzwanzig Jahren. In stillen Gedanken ging er vor sich hin und ahnte nicht, daß eine kleine Gestalt in schwarzem Samtanzüglein ihm schon lange folgte. Es war Felix. Seine leisen Tritte waren auf dem Rasen kaum zu hören. Plötzlich griff er mit seinem kleinen Händchen nach der Hand des Lehrers und sagte mit ängstlicher Stimme: »Das Rohr von Herrn Stein, das habe ich zum Fenster hinausgeworft!« und als nun Herr Baumann sich lebhaft zu ihm wandte, da fügte er bittend hinzu: »Um Verzeihung bitte ich auch, und bitte, daß Sie sich jetzt freuen, wie die Engel im Himmel!«
Und wirklich des alten Herrn Angesicht erglänzte vor Freude und eine Träne schimmerte in seinem Auge.
»Ja, Felix, ich freue mich und der liebe Gott und die Engel im Himmel freuen sich und wenn du's immer so machst, so kommst du in den Himmel, und sieh nur dort hinauf, wie schön die goldenen Abendwolken glänzen und wie schön mag's erst im Himmel selbst sein!«
Eine kleine Weile ging der Lehrer mit dem Knaben an der Hand still vorwärts. Man hätte meinen können, er habe das Kind ganz vergessen, denn er sprach kein Wort zu ihm. Aber von Zeit zu Zeit drückte er ihm die Hand, und Felix verstand die stille Sprache; er fühlte, der Lehrer war zufrieden mit ihm und das machte ihn glücklich, so glücklich, daß er nimmer länger so stumm dahin gehen konnte. Er ließ plötzlich des Lehrers Hand los, warf sein Mützchen hoch in die Luft und fing es wieder, sprang über den Graben hinüber und herüber und machte ganz erstaunliche Sprünge. Schließlich faßte er wieder ganz zutraulich des Lehrers Hand, sang ein spanisches Liedchen vor sich hin und ging mit ihm zurück ins Städtchen.
»Felix,« sagte nun Herr Baumann, »eingestanden hast du nun deinen Streich und um Verzeihung gebeten hast du auch, nun mußt du aber noch etwas tun, kannst du dir denken, was ich meine?«
»Ja, ich kann mir's denken, ich muß das Rohr wieder werfen hinein zum Fenster.«
»Muß denn das Rohr durchaus durchs Fenster?« fragte lächelnd Herr Baumann; »du könntest es wohl auch zur Türe hereinbringen.«
»Daran dachte ich nicht, ich werde es sogleich holen.«
»Ja, aber euer Schulzimmer ist geschlossen und Herr Stein ist nicht da, du kannst es in mein Zimmer bringen.«
Damit war Felix einverstanden. Er huschte in den Hof, wo es schon ziemlich dunkel war und kletterte wieder auf den Holzstoß. Das Rohr war nicht bequem zu erlangen und es ging nicht so still ab, wie das erstemal. Frau Semmelmeier, die alles sah und hörte, was vor sich ging, streckte ihren Kopf in Herrn Baumanns Zimmer und flüsterte geheimnisvoll:
»Er ist wieder drunten am Holz, der kleine Spanier, am Ende will er auch Ihr Rohr noch verstecken!«
»Nein, nein, Semmelmeierin, holen will er das Rohr und mir bringen, eingestanden hat er's und um Verzeihung gebeten!«
»Wahrhaftig, er bringt's schon die Treppe herauf!« rief die Schuldienerin und verschwand.
»So, Felix,« sagte Herr Baumann, »jetzt ist's recht! Eingestehen, um Verzeihung bitten und wieder gut machen, diese drei Stücke gehören zusammen und machen das Unrecht wieder gut. Jetzt merke dir aber eines: Künftig, wenn du irgend etwas heimlich tun willst, wenn's dir auch gar nicht schlimm vorkommt, so denke immer: ›Es wird wohl nicht recht sein, sonst müßte ich's ja nicht heimlich tun,‹ und dann laß es sein, gelt mein Kind? Und nun gehe du heim, es ist schon spät!«
Felix ging. Draußen aber hörte er eine Stimme, die rief von der oberen Treppe herunter: »Du, Kleiner, warte ein wenig!«
Felix konnte kaum mehr erkennen, daß es Frau Semmelmeier war, aber er fühlte bald in seiner Hand eine gebackene Nudel, und mit einem fröhlichen: »Schönen Dank, Madame Semmelmeier!« verließ er das Schulhaus.