Bernhard von Miltitz sehnte voll Ungeduld die nächste Zusammenkunft mit Sonnhild herbei. Die Tage bis dahin vertrieb er sich damit, einsam durch Wald und Flur zu streifen. Sein einziger Gedanke war sie! Und sein Herz schlug vor Freude rascher, wenn er sich mit aller Lebendigkeit die Erinnerung daran zurückrief, wieviel freundliche Worte und Blicke Sonnhild für ihn besessen. Zuweilen fuhr er nachts aus dem Schlafe auf. Dann meinte er, das Mädchen müsse vor ihm stehen. So lebhaft hatte er von ihr geträumt.
Als endlich der Tag des Wiedersehens gekommen, machte sich der Jüngling schon lange vor der festgesetzten Zeit auf den Weg. Er hatte sich heute mit besonderer Sorgfalt gekleidet und das braune Haar fleißig gebürstet, daß es in zierlichen Wellen herabhing. Auch einen prächtigen Stickereikragen hatte er auf die Schultern gelegt und nagelneue, braune Knöchelschuhe angezogen.
So ging er leichten Schrittes durch die Gassen der Stadt. Manche Jungfrau, die dem vornehmen Junker begegnete, hätte ihn gar zu gern genauer betrachtet. Aber die gute Sitte verlangte, daß sie mit niedergeschlagenen Augen an ihm vorbeiging. Nur die jungen Bürgerstöchter, die an den Fenstern hinter den blütenweißen Vorhängen standen und sich die Zeit damit vertrieben, auf die Vorübergehenden hinabzuschauen, verfolgten den Jüngling mit den Augen, so weit sie konnten. Sein feines, bleiches Gesicht – das nur ein wenig zu ernst war –, fesselte ihre Aufmerksamkeit in hohem Maße und seine Haltung entzückte sie.
Als Bernhard zum Lommatzscher Tor hinausschritt, mußte er unwillkürlich des Mädchens gedenken, dem er jüngst begegnet war. Aber ebenso rasch, wie dieser Gedanke gekommen, verschwand er wieder. Sonnhild stieg vor seinem Geiste herauf und hielt all seine Sinne im Bann.
Der Jüngling setzte sich neben der Straße auf einen Stein, um hier das Mädchen zu erwarten. Da schlug es vom Dom mit dumpfen Schlägen die vierte Stunde. Bernhard sprang auf. Sollte er Sonnhild verfehlt haben? Sie hatte heute gewiß einen andern Weg gewählt. Vielleicht war sie in großer Ungeduld noch früher hinausgegangen als er und erwartete ihn an der bekannten Stelle.
Mit eiligen Schritten lief Bernhard durch den Wald. Schon während des Nahens suchten seine Augen die weiße Gestalt unter den grünen Bäumen. Aber er konnte sie nicht entdecken. Endlich hatte er das Ziel erreicht, – Sonnhild war nicht zu sehen. Er eilte zu einigen anderen Punkten, wo er mit ihr schon einmal verweilt, suchte alles mit den Augen ab, rief »huhu!« und darauf wiederholt ihren Namen – umsonst. Seine Stimme verhallte im Walde.
Da kam das Gefühl einer großen Enttäuschung über ihn. Er warf sich auf das schwellende Moos, verschränkte die Arme unter dem Kopf und sah starr auf das leise Spiel des Windes in den Blättern. Bald setzte er sich jedoch hastig wieder auf und sprang endlich in die Höhe. Das heimliche Angstgefühl hatte ihn gepackt, Sonnhild könne krank geworden oder ein Unglücksfall möchte ihr zugestoßen sein.
Unschlüssig, wie er sich hierüber Gewißheit verschaffe, trieb es ihn rastlos in die Kreuz und die Quere, bis er endlich wieder auf dem alten Fleck stand. Jetzt zwang sich Bernhard zum ruhigen Nachdenken. Es mußte doch nicht gerade Krankheit sein, was Sonnhild am Kommen verhindert hatte. Konnte nicht das Gespräch, welches sie gepflogen, die Ursache sein, daß Sonnhild ein nochmaliges Zusammentreffen mit ihm vermied? Der Zwist ihrer Väter und sein Bekennen zur katholischen Kirche – –.
»Dieser unselige Religionshader,« seufzte der Jüngling, »nun empfinde auch ich ihn.«
Traurig strich er ziellos durch den Wald, von Zeit zu Zeit nach dem Aussichtspunkt zurückkehrend mit der leisen Hoffnung, das Mädchen könne sich noch verspätet eingefunden haben. Er zermarterte seinen Kopf mit Plänen, wie es ihm wohl möglich sei, Sonnhild heimlich zu sprechen. Aber er gab einen Entschluß nach dem andern wieder auf. Mit ihrer Ausführung hätte er Sonnhild sicher nur geschadet.
Nun ging der Tag zur Rüste, und jede Hoffnung, das Mädchen noch zu sehen, entschwand. Bernhard schaute noch einmal hoch über den Strom hinweg, nach den Weinbergen, die im Widerschein des aufleuchtenden Abendrots in einen Schimmer von Purpur getaucht waren. Dann richtete er den Blick auf das herrliche Meisterwerk Konrads von Westfalen, das Markgrafenschloß, dessen zahlreiche Fenster rot glühten, als stehe hinter ihnen alles in Flammen, und auf den altehrwürdigen Dom. Die Strahlen der scheidenden Sonne umschmeichelten das goldene Kreuz in schwindelnder Höhe, als wenn das Himmelslicht die letzte Dulderstätte seines Herrn und Meisters, dieses irdische Symbol des höchsten Heils noch einmal küssen wolle.
Aber der Jüngling hatte heute für die überwältigende Schönheit dieses Anblicks kein Auge. Seine Sonne strahlte nicht! Und vor seinem bangen Blick zogen drohende Schatten herauf.
Müde begab er sich auf den Heimweg. Als er die Straße erreicht hatte, bemerkte er eine weibliche Gestalt, die seitwärts an einem Baum lehnte, als wenn sie ihn schon seit langem erwartet habe. Es war das Judenmädchen.
Sie stand in steifer Haltung und hielt die Augen unverrückt auf ihn gerichtet. Bernhard sah kurz hinüber. Und auch heute hatte er wieder das Empfinden, als wenn er Sonnhilds Augen sähe.
Ihrer nicht achtend, ging er vorüber. Da hörte er, wie sie ihren Platz verließ und ihm in kurzer Entfernung folgte. Bernhard verdroß dies. Er blieb stehen, um sie vorbeizulassen. Sobald sie jedoch seine Absicht erkannte, blieb sie ebenfalls stehen. Da warf er ihr einen strafenden Blick zu. Sie fing ihn gleichmütig auf, und Bernhard sah, wie ihre Augen verzehrend auf ihn gerichtet waren.
Er wandte sich wieder zum Gehen; sie folgte ihm. Er blieb stehen – sie auch. Nach einer Weile tat er es noch einmal, – das Spiel wiederholte sich.
Da ward der Jüngling zornig. Er trat auf das Mädchen zu und fuhr sie hart an. Aber es schien, als wenn sie seine barschen Worte nicht verstünde. In ihr marmorweißes Gesicht schoß ein schwaches Lächeln, und in den glutvollen Augen loderte es auf. Das Schweigen des Mädchens erbitterte Bernhard, daß er sie wütend schalt. Da wurde das Lächeln auf ihrem Gesicht stärker; es drückte die Befriedigung aus, die sie an seiner Gegenwart empfand.
Bernhard stand ratlos da. War sie erfreut, wenn er sie schalt? Er mußte es annehmen! Was für ein rätselvolles Mädchen war dies! Was wollte sie von ihm! Da schoß ihm ein Gedanke durch den Kopf. Sie war sicherlich kein Kind des Landes, und seine Sprache war nicht die ihrige.
»Verstehst du, was ich zu dir spreche?« fragte er.
»Ich verstehe Euch,« klang es zurück.
Da sah Bernhard dem Mädchen verständnislos ins Gesicht. Dann wandte er sich ab und verfolgte den Weg weiter, sich nicht mehr daran kehrend, daß sie ihm wie sein Schatten folgte.
Als sie das Stadttor erreicht hatten, drängte sie sich an ihn heran und blickte ihm noch einmal ins Gesicht Dann blieb sie stehen. Da trat aus der Wohnung des Torhüters eine Frau von unverkennbar jüdischem Aussehen, deren Gesicht noch die Spuren einstiger hoher Schönheit trug. Die sagte zärtlich zu dem Mädchen:
»Mirjam, mein Seelchen, wo bist du so lange gewesen?«
Das Mädchen achtete aber nicht auf diese Frage, sondern fuhr die Frau an:
»Mutter, gib mir Geld auf ein Paar neue Schuhe!«
Während der hierauf folgenden Woche ging Bernhard täglich vor das Lommatzscher Tor hinaus, ohne jedoch Sonnhild wiederzusehen. Sein Gemüt umdüsterte sich, und er wurde tieftraurig. Jeden Morgen hoffte er von neuem, daß sie sich heute einstellen würde, und jeden Abend ging er mißmutig und enttäuscht nach Siebeneichen zurück.
Das Judenmädchen stand Tag für Tag wie eine Bildsäule unter dem Baum, seiner wartend. Wenn er vorbeigeschritten war, heftete sie sich lautlos an seine Fersen. Bernhard hatte noch einen letzten Versuch gemacht, sie davon zu jagen. Aber sie hatte seinen Zornausbruch teilnahmlos über sich ergehen lassen. Und als er die Hand erhoben, um sie zu schlagen, hatte sie gelächelt. Seitdem kümmerte er sich nicht mehr um sie und vergaß zuweilen völlig, daß sie in seiner Nähe war.
Nun waren sieben Tage vergangen, ohne daß Bernhard Sonnhild wiedergesehen hätte. Es war wieder Samstag. Bernhard lag an derselben Stelle, wo sie sich getroffen, im Grase und träumte mit offenen Augen von ihr. Das Herz war ihm schwer. Er wußte nicht, ob das Mädchen krank war, oder ob sie nichts mehr von ihm wissen wollte.
Endlich erhob er sich von dem weichen Moosteppich, mit dem Entschlusse, einen gewaltsamen Versuch zu wagen, Sonnhild wiederzusehen. Da fielen seine Augen auf die Jüdin. Sie stand unweit von ihm und blickte ihn an – flehentlich und verlangend. Bernhard fühlte sich gefesselt von diesen ausdrucksvollen Augen, und er empfand eine unerklärliche Unruhe. Das Blut drang ihm heiß in die Schläfen, und seine Pulse flogen.
Mit feinem Instinkt merkte das Mädchen blitzschnell diese Veränderung. Sie tat einen geschmeidigen Katzenschritt und stand nun dicht vor ihm. Bernhard sah ein frohlockendes Lächeln auf ihren halbgeöffneten Lippen und unterschied das heftige Wogen ihres Busens. Die Einsamkeit des Waldes und das verschwommene Licht steigerten die Wirkung, die das Mädchen auf den Jüngling ausübte. Sein ganzer Körper zitterte, und eine starke Macht, die er noch nie empfunden, drängte ihn zu der Jüdin hin. Schon fühlte er seinen Widerstand schwinden, – da raffte er noch einmal allen Willen zusammen.
Zurücktretend wandte er sich ab und ging langsam dahin. Wohl merkte er, wie der Sturm in seinem Innern noch tobte, aber er zwang sich zur Ruhe. Da erschien vor seiner Seele das leuchtende Bild Sonnhilds, und er sah ihre unschuldvollen Augen. In demselben Augenblick fiel alle Schwäche von ihm ab, und die kühle Besonnenheit stellte sich wieder ein.
Hinter sich hörte er die schleichenden Tritte des enttäuschten Mädchens, das zu früh frohlockt hatte. Schnell trat er den Heimweg an, damit die Versuchung weit hinter ihm bleibe.