Achtes Kapitel
Zwei bewegte Unterredungen

Der Abend dieses Tages war hereingebrochen. Mit dem Dunkelwerden waren die Gassen Meißens verödet. Jetzt lagen sie in tiefer Ruhe. Im Sommer pflegten viele Einwohner sich zu dieser Stunde zur Ruhe zu begeben. Überdies war ja morgen Sonntag, an dem sich bei schönem Wetter das Leben auf den Gassen schon frühzeitig entfaltete. Nur hier und da brannte hinter den Fenstern noch Licht zu der letzten Verrichtung der emsig schaffenden Hausfrau.

Dieser geringe Lichtschimmer bildete die einzige Beleuchtung der Gassen. Wenn auch diese schwachen Flämmlein erstarben, war es dunkel in der Stadt. Wer also zu später Stunde noch außer dem Hause war und nicht das Glück hatte, daß ihm der Mond freundlich sein bleiches Licht spendete, der mußte aufs Geratewohl seinen Weg zurücklegen. War aber die Finsternis dem Auge undurchdringlich, dann trug wohl der nächtlich Wandelnde eine Laterne in der Hand. Nur die reichen Bürger ließen sich von einer Magd heimleuchten, und die Vornehmsten in den großen Städten wurden von Dienern begleitet, die Pechfackeln vorauftrugen.

Tiefe Ruhe herrschte in der Stadt. Nur in den Schenkstuben war es noch lebendig. An Gesprächstoff mangelte es in dieser bewegten Zeit natürlich nicht. Aber selbst in stillen Zeiten hat Frau Politik, diese liebenswürdige Dame, für jeden Stammtisch auf dem Erdenrund, an dem wackre deutsche Männer sitzen, wenigstens ein Quentchen interessanter Neuigkeit freundlicherweise immer übrig gehabt.

Es war ein milder Frühlingsabend. Sonnhild saß auf dem Lustgänglein, um die herrliche Luft zu genießen. Vor ihr stand auf dem kleinen Tisch eine zinnerne Lampe, in deren mit Erdöl gefülltem Becken der brennende Docht lag. Das Mädchen hielt eine angefangene Stickereiarbeit in den Händen, die zu dem nahen Geburtstag des Vaters fertig sein sollte.

Sonnhild stichelte tapfer beim trüben Schein der Lampe. Da entsank die Arbeit den fleißigen Händen, und ihr Blick verlor sich. Sie dachte angestrengt nach. Ein wehmütiger Zug trat auf ihr Gesicht, und endlich lief eine feine Röte darüber hin. Das Mädchen erschrak und nahm die unterbrochene Arbeit wieder auf. Bald kamen aber die Träumereien von neuem, und sie vergaß gänzlich die Außenwelt.

Da fuhr sie auf. Hatte sie nicht auf dem Hof leises Geräusch vernommen? Sie horchte. Es war alles still. Der milde Abendwind spielte leise mit dem leinenen Vorhang, der ihren Platz von dem hinteren Teil der Galerie abschloß. Sie beruhigte sich und gab sich von neuem willig den Gedanken hin, die sie erfüllten.

Aber schon wieder war es ihr, als ob sie etwas Ungewöhnliches gehört habe. Doch schalt sie auf ihren törichten Argwohn, denn was sollte sie hier stören? Und abermals vergaß sie die Arbeit. Sie legte sich zurück und schloß die Augen. Es mußte eine freundliche Erinnerung sein, die in ihrer Seele heraufstieg! Denn ein glückliches Lächeln trat auf ihr Gesicht, und ihr Mund flüsterte leise einen Namen – einmal, zweimal.

Im nächsten Augenblick aber richtete sie sich auf und horchte angestrengt. Jetzt bestand kein Zweifel mehr, daß sie einen fremden Laut vernommen hatte. Sollte etwa ein Fremder ins Haus gedrungen sein? Das Tor stand noch offen, der Vater verschloß es erst, wenn er aus der Innungsstube nach dem Nachttrunk heimkehrte.

Das Mädchen saß unbeweglich und strengte alle Sinne an. Da bemerkte sie, wie sich der Vorhang leise bewegte. Geängstigt sprang Sonnhild auf und trat bis an die Mauer zurück, die Augen starr auf die Falten der Leinwand gerichtet. Sie fühlte, daß dahinter ein Mensch stand. Ihre Glieder waren wie gelähmt, und von ihren Lippen kam ein unterdrückter Laut des Entsetzens.

Da teilte sich der Vorhang, und ein Mann trat in den Lichtkreis. Sonnhild stand mit vorgeneigtem Oberkörper und starrte auf den Eindringling Im nächsten Augenblick stieß sie geängstigt aus:

»Bernhard! …« und

»Sonnhild!« klang es fast gleichzeitig, und Bernhard flog ihr zu Füßen und haschte nach ihrer Hand und preßte sie lange an seine Lippen.

Sonnhild lehnte sich erschöpft an die Wand zurück; ihr Körper zitterte vor Aufregung.

»Verzeiht,« flüsterte der Jüngling zerknirscht, »daß ich Euch Angst bereitete. Ich bitte Euch tausendmal, mir zu verzeihen, edle Jungfrau …«

»Es ist nichts,« stammelte das Mädchen, sich sammelnd, »der Schrecken ist schon vorüber. Wie tollkühn Ihr doch seid! Wenn nun mein Vater zu Hause wäre!«

Bernhard erhob sich und betrachtete Sonnhilds verängstigtes Gesicht.

»Jungfrau,« sprach er, »wenn Ihr wüßtet, wie unsäglich ich in den letzten Tagen gelitten habe! Mir war ja so sehr bange um Euch!« Und der tiefe Ernst, der im Ton dieser Worte lag, bestätigte ihre Wahrheit.

»Auch mich, Junker, hat es nach dem Zusammensein mit Euch sehnlichst verlangt,« sagte das Mädchen blutrot und mit niedergeschlagenen Augen. »Und wie schwer ich es getragen habe, daß ich mein Versprechen nicht halten konnte! Ich durfte es nicht wagen, Euch zu begegnen. Mein Vater hat Verdacht geschöpft, oder ein mißgünstiger Aufpasser hat ihm etwas hinterbracht. Er bat mich, den Fuß so lange nicht vor die Stadtmauer zu setzen, bis er mir solches wieder erlaube. Und mein Vater ist ja so gut zu mir, Junker! Man sagt, er sei ein Eisenkopf. Aber wenn er mit mir spricht, ist er weich und liebevoll, wie eine Mutter zu ihrem kranken Kind. Junker, – ich durfte meinen Vater nicht betrügen!«

Bernhard sah Sonnhild voll Wärme an.

»Ihr tatet recht, Jungfrau,« sagte er leise, »Ihr dürft Eurem guten Vater nicht weh tun. Aber ich flehe Euch an, mir Eure Gegenwart noch einmal zu schenken. Von der Erinnerung an diese Stunde will ich dann so lange zehren, bis das Glück uns holder sein wird. Denn in meinem Herzen brennt eine Flamme, Jungfrau, die mich noch verzehrt!«

Sonnhild senkte den Kopf.

»Ihr sagtet Eurem Vater zu,« sprach der Jüngling weiter, »nicht vor die Tore der Stadt zu gehen. Dieses Versprechen sollt Ihr ihm halten! Deshalb sei der Ort unserer Begegnung der Schloßberg. Die dichten Bäume am Fuße der Burg werden neidische Blicke von uns fernhalten. O – edle Jungfrau, sagt nicht nein, ich flehe darum!«

Der Klang dieser Worte schlug dem Mädchen ans Herz. Und als sie in Bernhards bittende Augen sah, war ihr letzter Widerstand besiegt.

»Sei es darum,« flüsterte sie mit schmerzlichem Lächeln, »wie könnte ich Euch etwas abschlagen, wenn Ihr so bittet. Am Dienstag zur gewohnten Stunde wartet meiner oben im Schloßhof, ganz hinten an der Mauer auf der Elbseite.«

»O – wie gütig Ihr seid,« erwiderte der Jüngling, »ich danke es Euch viele Male!«

»Doch wie konntet Ihr nur hierherkommen?« fragte Sonnhild ängstlich, sich erst jetzt der großen Gefahr bewußt werdend, in der sie schwebten.

»Den Wächter am Jüdentor bestach ich mit einem reichlichen Weingeld. Er wird mir auch zum Austritt wieder öffnen. Euer Haus fand ich offen, und als ich den Lichtschein im Hofe sah, legte ich rasch die Leiter an und gewann so das Lustgänglein. Noch konnte ich Euch ja nicht sehen und zögerte deshalb. Da verriet mir der Schlag meines Herzens Eure Gegenwart. Und so fand ich Euch,« schloß der Jüngling treuherzig.

Das Mädchen antwortete nicht, ließ es aber geschehen, daß Bernhard ihr tief in die Augen sah. Plötzlich sagte sie hastig:

»Jetzt aber geht schnell! Die Uhr steht kurz vor zehn, – der Vater möchte uns andernfalls überraschen!«

Sie führte Bernhard die Treppe hinab und setzte die Lampe auf deren unterste Stufe, daß ihr Licht den großen Hausflur spärlich erhellte.

Ein letzter Blick und Händedruck – dann wandte sich Bernhard zum Gehen. Im nächsten Augenblick prallte er zurück: er sah im Rahmen der offenen Tür die hohe Gestalt eines Mannes stehen.

Der Jüngling war heftig erschrocken. Zudem bemerkte er noch, daß Sonnhild taumelte und die Augen schloß. Dann trat der Mann näher und richtete die Blicke durchbohrend zuerst auf Sonnhild, dann auf ihn selbst. Bernhard sah in das gerötete Gesicht des Mannes, das dessen hohe Erregung verriet. Eine Weile kämpfte dieser mit sich, bis er in rauhem Tone fragte:

»Wer seid Ihr?«

»Bernhard von Miltitz,« antwortete der Jüngling, sich blitzschnell des Tages erinnernd, an dem derselbe Mund die nämliche Frage an ihn gerichtet hatte.

Der Mann zuckte zusammen, und mit großer Anstrengung fragte er wieder:

»Und was führt Euch zu dieser Stunde, was überhaupt kann Euch in mein Haus führen?«

Der Jüngling schwieg.

Eine todesbange Minute verstrich. In dem dämmrig erhellten großen Hausflur klang kein Laut. Die drei Menschen standen regungslos, als ob sie von Stein wären.

Da schrie der Mann auf:

»Ein Miltitz! – in meinem Hause! – – – zur Nacht! –«

Hier schlug seine Stimme um. Und sich gegen Sonnhild wendend, kam es nur noch mit furchtbarer Anstrengung aus seinem keuchenden Munde:

»Du …! Du …!«

In diesem Augenblick stellte sich Bernhard vor dem Wutschäumenden und sagte mit fester Stimme:

»Herr Burgemeister, alle Schuld gebührt mir. Ich drang in Euer Haus ein; niemand rief mich!«

»Bube!« keuchte Waltklinger, und es schien, als wenn er sich auf den Jüngling stürzen wolle. »Mein Kind, mein reines Kind fordere ich von dir …!«

Da flammte es in Bernhards bleichem Gesicht auf. Die Seelenqual des verzweifelten Vaters erschütterte ihn. Von tiefster Bewegung erfüllt, erwiderte er:

»Auf Euerm Kind, Herr Burgemeister, haftet nicht der leiseste Makel!«

Aber der, dem diese Worte galten, war taub dafür. Seine sinnlose Wut gewährte der ruhigen Überlegung keinen Raum. Lange nach Worten ringend, stieß er endlich aus:

»Hinaus aus diesem reinen Hause – Gewürm! Miltitze – – wir rechnen noch miteinander ab!«

Eine Sekunde lang schwankte Bernhard, ob er nicht auf die schwere Beleidigung antworten sollte. Dann gewann das Bedauern mit dem Wütenden die Oberhand. Er warf einen raschen Blick auf Sonnhild. Bleich bis in die Lippen hinein, lehnte sie an der Mauer, und in ihren Augen lag ein herzzerreißendes Flehen. Das tilgte in des Jünglings Brust den letzten Zweifel. Er schritt langsam zur Tür und verließ das Haus.

Jetzt wandte sich Waltklinger zu Sonnhild. Aber noch bevor sein furchtbarer Zorn zum Ausbruch kam, trat aus dem Dunkel der Treppe eine Frau hervor, die sich mit ihrer hohen Gestalt schützend vor das Mädchen stellte. Es war Hanne, die alte Haushälterin des Burgemeisters.

»Nun ist es genug!« rief sie. »Eure Absage an den Junker durfte ich nicht stören. Dem Kinde aber werdet Ihr kein Haar krümmen! Ich habe die ganze Unterhaltung der beiden heimlich mit angehört. Es war nichts darin, was Euerm Namen, was Georg Waltklingers Tochter zur Unehre gereicht hätte. Gefehlt haben beide; die Schuld trägt der Jüngling. Euer maßloser Zorn hat sie gestraft, schwerer als sie es verdienen. – Und nun geh in deine Kammer, Sonnhild!«

Das Mädchen raffte sich zusammen und ging wie eine Nachtwandlerin die Treppe hinauf, indessen die alte Hanne die Haustür verschloß.

Aber die Wut Waltklingers hatten diese Worte nicht beschwichtigen können.

»Infame Buhlerin!« rief er.

Da richtete die Greisin ihren langen, dürren Leib hoch auf und trat vor ihren Beleidiger.

»Ihr glaubt mir nicht, Burgemeister?« sagte sie kalt. »Die Hanne dient dem Hause Waltklinger nun fünfundsechzig Jahre, und keiner hat sie je für unehrlich befunden. Aber ich gebe zu, leichtsinnig bin ich gewesen, – Jahre hindurch. Seht her, auf diesen alten Armen habe ich Euch einst getragen, denn es war seit Eurer Geburt keine Mutter mehr in diesem Hause. Ihr fandet an meinem Herzen das erste Lächeln, und Euer erstes Lallen galt mir. Dann lehrte ich Euch das Beten, und Euer Kummer und Euer Weinen erstarb, wenn Ihr die Arme um meinen Hals legtet. Mit meiner schwachen Kraft behütete ich Eure Seele, und ich wachte an Eurem Bett, wenn Ihr krank wart. So wuchst Ihr heran.

Dann kam die Zeit, wo ich fehlte, – aus Liebe zu Euch!«

Georg Waltklingers Zorn hatte sich bei den Worten der Greisin gedämpft. Jetzt machte er eine Gebärde.

»Nein,« fuhr die Alte mit schwächer werdender Stimme fort, »nein, Jörg, heute müssen wir zusammen Rechnung machen! Weißt du es nicht mehr, wie du zur Hanne betteltest und ihr schmeicheltest, daß sie deine Jünglingsstreiche vor dem gestrengen Vater verbergen sollte? Wie oft habe ich nicht die halbe Nacht aufgesessen und gelauscht, damit ich das leise Klopfen an der Haustür nicht überhörte, um dich auf den Strümpfen einzulassen! Und wie ich heucheln mußte deinem Vater gegenüber! Damals schlichst du auch in Bürgerhäuser hinein, mein Jörg! Aber ob du den Haustöchtern nur solche lauteren Worte gesagt hast, wie der Junker heute abend deiner Tochter, – das, Jörg, magst du dir selber beantworten! Also rase nicht gegen dein eigen Blut. Du weißt doch, mein Junge, – die Sünden der Väter …! Aber der gute Gott hat deinem Kinde den Geist seiner Mutter vererbt. Sonnhild gleicht mit jedem Tage immer mehr deiner Maria …«

Hier kehrte Georg Waltklinger der Greisin stumm den Rücken und stampfte die Treppe hinauf.

Und wie vor fünfzig Jahren der Kopf ihres Jörg, lag heute Nacht an der treuen Brust der alten Hanne das Haupt seines schluchzenden Kindes.


Am darauffolgenden Tage saßen Ernst von Miltitz und Frau Magdalena im Familienzimmer des Schlosses Siebeneichen in ernstem Gespräch. Da klopfte es an der Tür, und gleich darauf trat Bernhard ein.

»Du ließest mich rufen, Vater,« sagte er und kam ein paar Schritte näher.

Ernst von Miltitz betrachtete den Sohn streng, während Frau Magdalena vor sich niedersah.

»Heute vormittag ist ein Schreiben an mich gekommen, dessen Inhalt eine Anklage gegen dich bildet. Nun hat sich freilich der Absender, wie ich ihn kenne, großer Zurückhaltung beflissen. Aber daß gerade der Burgemeister Waltklinger es ist, der berechtigten Grund hat, sich über dich zu beklagen, ist mir überaus peinlich.

Erst vor kurzem habe ich dir geschildert, wie schwierig mir es zuweilen wird, meine Pflichten als Amtmann zu tun, und du weißt, daß Waltklinger mein schlimmster Gegner ist. Dennoch stellst du der Tochter dieses Mannes nach. Das ist eine Unklugheit und ein Mangel an Rücksicht gegen deinen Vater. Beides hätte ich nicht von dir erwartet.«

Bernhard nagte an der Unterlippe. Der Vater hatte recht, – von seinem Standpunkt aus. Aber er ahnte ja nicht, wie es in dem Herzen seines Sohnes aussah! Er betrachtete das als Spielerei, was ihm heiliges Empfinden war.

Da sollte es schon kommen. Ernst von Miltitz fuhr fort:

»Ich halte dich mit deinen achtzehn Jahren noch für zu jung, um schon eine Liebschaft anzuknüpfen. Gewiß könntest du sagen, daß du in Dresden bereits mancherlei gesehen hast, und daß junge Männer in deinem Alter es als Zeitvertreib betrachten, Jungfrauen heimlich den Hof zu machen. Aber das ist eine Unsitte! Sie verdirbt den Charakter, hält vom Studium der ernsten Pflichten ab, die uns auferlegt sind, und verdreht einem unschuldigen Mädchen den Kopf. Deine Erziehung, Bernhard, hat dich gelehrt, solches als ein freventliches Spiel zu unterlassen. Die Abkommen alter Familien müssen sich jederzeit der hohen Verpflichtung bewußt sein, die ihnen ihr Name auferlegt. Die hervorragende Stellung des Adels wird vom Bürgerstande genug angefeindet. Wenn wir noch dazu unsern Ruf der Makellosigkeit hingeben, dann haben unsere Widersacher recht, und wir verdienen es nicht, daß sich unsere Vorfahren durch die Jahrhunderte heiß bemühten, unserm Namen den hohen Klang zu bewahren. Nicht Stellung und Besitz – der Ruf, Bernhard, ist das höchste Gut des Mannes!«

Dem Jüngling waren die Worte aus der Seele gesprochen. Aber seine Empfindungen für Sonnhild waren ja ganz anderer Art, als der Vater glaubte. Und in diesem Augenblicke wurde sich Bernhard bewußt, daß seine Neigung zu dem Mädchen tiefe Liebe war. Der Lebensernst war frühzeitig in ihm wach geworden, er hatte ihn vom Vater geerbt. Und so jung er auch war, erkannte er doch unzweifelhaft die Echtheit seiner Leidenschaft.

»Vater,« erwiderte er jetzt, »es tut mir leid, wenn ich dich betrübt habe! Verzeihe mir. Du kennst mich als besonnen und weißt, daß mir gute Sitte und hohe Gesinnung unveräußerliche Güter sind. Während du zu mir sprachst, habe ich einen tiefen Blick in mein Inneres getan. Und ich weiß mich noch so rein, wie du mich immer befunden hast.«

Bernhard schöpfte tief Atem. Dann fügte er hinzu:

»Das Geschick ist gegen mich. Denn nicht nur, daß es mir seine Gunst zu dem, was ich begann, versagte, es zwingt mich auch, mit dem Bekennen meines Tuns, dich, lieber Vater, zu betrüben.«

Ernst von Miltitz hatte der Rede seines Sohnes beifällig zugehört. Bei den letzten Worten sah er gespannt auf.

»Die Tochter des Burgemeisters Waltklinger ist aufs sorgfältigste erzogen und eine Jungfrau von reinem und edlem Herzen. Ich liebe sie!«

Tiefe Stille herrschte in dem großen Zimmer. Ernst von Miltitz war von dem Geständnis seines Sohnes so überrascht worden, daß er eine Weile brauchte, ihm zu erwidern. Seine Stimme klang spöttisch, als er begann:

»Diese Rolle spielst du nicht gut, Bernhard! Gib sie auf! Denn was du da sprachst, waren die unbesonnenen Worte eines bis über die Ohren verschossenen Knaben. Aber man verliebt sich nicht in die Erstbeste.«

»Mein Vater,« erwiderte Bernhard bestimmt, »ich bin mir meines Handels völlig bewußt. Ich wiederhole, daß ich Sonnhild liebe!«

Aber Ernst von Miltitz lächelte frostig und schüttelte den Kopf.

»Zugegeben, daß es wahr wäre – im Grunde ist es aber nichts anderes als das Eintagsspiel unreifer Kinder –, und wenn es so wäre, sage ich, dann wüßtest du, was deine Pflicht ist.«

»Meine Pflicht kenne ich! Ich werde sie nie vergessen! Aber ihr Bereich endet hier vor meinem Herzen. Untugend zu begehren und Sittenlosem zu frönen, wäre meiner nicht würdig. Sonnhild aber ist eine Jungfrau von makellosem Ruf und reinem Gemüt, die als Gattin heimzuführen, sich kein Edelmann zu schämen brauchte!«

»Und vergißt du ganz, wer sie ist?« fragte Ernst von Miltitz mit niedergehaltenem Zorn.

»Nein,« versetzte Bernhard, »das vergaß ich nicht. Sie entstammt einer rechtschaffenen und sehr geachteten bürgerlichen Familie. Aber sollte mich dies hindern, dem Mädchen meine Liebe zu schenken? Nimmermehr! Denn welche Mutter aus adligem Geschlecht könnte feineren Adel in die Seele ihres Kindes pflanzen, als ihn Sonnhild besitzt! Wer sie kennt, wird mein Handeln verstehen; nur die herrschenden Anschauungen unserer Kreise sind gegen mich!«

Ernst von Miltitz stand vom Stuhl auf.

»Du bist noch zu jung, mein Sohn, um dich schon zu verlieben. Auch fehlt es dir noch am richtigen Empfinden, was man mit Rücksicht auf seinen Stand unterlassen muß. Meine väterliche Obrigkeit braucht aber mit dir hierüber nicht zu verhandeln. Ich habe mich umsonst an deinen Verstand gewandt, der ist dir verliebten Toren abhanden gekommen. Bernhard, ich untersage dir den Verkehr mit dem Mädchen! Du wirst sie vergessen!«

Der Jüngling blieb hierauf stumm. Dieses Schweigen reizte den erzürnten Vater.

»Du Tropf,« sagte er, »dein Herz wird nicht in Stücke gehen. Schon morgen betrachtest du, was du heute aufgibst, als eine Laune von gestern.«

Da klang es fest und ruhig von Bernhards Mund:

»Ich liebe Sonnhild aus tiefster Seele und werde nie anders können!«

Jetzt brauste Ernst von Miltitz auf:

»Widerspruch gegen mein Gebot? Weißt du jetzt selbst nicht mehr, daß die vornehmste Pflicht eines Kindes gegen die Eltern der Gehorsam ist? Wage es nicht, meinem Willen zu trotzen!«

Diese scharfe Zurechtweisung verletzte Bernhard tief. Aber die Hochachtung vor der väterlichen Macht verhinderte ihn, dies auszusprechen.

»Versprich mir,« versetzte Ernst von Miltitz, »daß du dich dem Mädchen nie wieder nähern wirst!«

Bernhard richtete den Blick fest auf den Zürnenden und antwortete:

»Vater, – das vermag ich nicht zu versprechen.«

Bis jetzt hatte Frau Magdalena an sich gehalten. Nun rang sie die Hände ineinander, und ihre Blicke suchten die Augen des Sohnes. Bernhard sah es, aber er zuckte nur stumm mit den Achseln.

Ernst von Miltitz' Zorn wuchs durch den Widerstand. Der Jüngling hatte seinen Vater noch nie so erregt gesehen, und er ahnte einen heftigen Ausbruch, den er mit großer Beherrschung über sich ergehen lassen wollte.

»Du kannst mir dein Wort nicht geben?« rief Ernst von Miltitz mit zornbebender Stimme. »Einfältiger Knabe! Begreifst du nicht, daß es dich nach etwas ganz anderem verlangt, als nach dem Herzen des Mädchens?«

Bernhard schwieg. Er empfand heimliche Befriedigung darüber, daß er seine Beherrschung behielt. Der ihn so verletzte, war sein Vater! Von ihm durfte er keine Rechenschaft fordern!

»Und das Mädchen,« klang des Zürnenden Stimme wieder, »es wird nicht so töricht sein wie du. Darf sie nicht die Braut eines Miltitz werden, so kann sie doch seine Geliebte sein …«

»Vater!« schrie Bernhard in diesem Augenblick schneidend auf und flog auf den Sprecher zu. Ernst von Miltitz stand unbeweglich. Aber sein Blick ging nach den Degen, die ihm zur Seite an der waffengeschmückten Wand hingen.

So standen sich Vater und Sohn gegenüber. Ernst von Miltitz mit gekünstelter Ruhe, Bernhard in leidenschaftlicher Erregung, mit totenbleichem Gesicht und funkelnden Augen. Doch währte es kaum eine Sekunde, dann war die Leidenschaft verflogen.

Bernhard fühlte tiefe Beschämung und ging mit gesenktem Kopf bis zur Tür zurück. Doch auch Ernst von Miltitz hatte angesichts der drohenden Haltung seines Sohnes die verlorene Beherrschung rasch wiedergefunden. Er wußte sich schuld an dem häßlichen Auftritt. Deshalb sprach er auch kein Wort mehr darüber, sondern trat an das Fenster und sah eine Weile schweigend hinaus.

Endlich wandte er sich um und sagte in scheinbar gleichgültigem Tone:

»Kaiser Karl weilt wieder einmal in Worms. Der Herzog beabsichtigt, Caspar von Carlowitz an das kaiserliche Hoflager zu senden, um der Majestät seine gleichbleibende Ergebenheit und seine Standhaftigkeit im alten Glauben von neuem zu versichern. Du wirst den herzoglichen Abgesandten als Junker dahin begleiten. Ich habe mit Vetter Carlowitz bereits alles verabredet. In drei Tagen gehst du nach Dresden und meldest dich in der Hofkanzlei, woselbst die Pässe und Vollmachten für Euch geschrieben werden. Vor deiner Abreise spreche ich dich noch!«

Bernhard vernahm dies alles wie im Traum. Das gestrige Erlebnis hatte ihn schon erschüttert, und nun der heutige Tag! – Er verneigte sich stumm und begab sich auf sein Zimmer.