Neuntes Kapitel
Im Schatten des alten Markgrafenschlosses

Auf der Ostseite des Markgrafenschlosses fällt der hohe Syenitfelsen in einer steilen Lehne ab. Diese mit Bäumen bewachsene Fläche hieß der Tiergarten. An dieser Stelle stand hinter einem Vorsprung der Grundmauer des Schlosses Sonnhild und schaute hinab.

Zwischen den Rebenstöcken drüben auf dem Ratsweinberg liefen Winzerinnen geschäftig hin und her, und die weißen Tücher, die sie um den Kopf geschlungen, tauchten in dem saftigen Grün abwechselnd auf, um nach einer Weile wieder zu verschwinden.

Auf der hölzernen Elbbrücke mit den beiden Torhäusern über den Brückenköpfen gingen und standen Menschlein, die von der Höhe aus so klein erschienen wie Finger. Den Strom zogen langsam schwerbeladene, mächtige Holzkähne hinunter. Sie kamen zum Teil aus Böhmen, zum andern Teil bargen sie Erzeugnisse der meißnischen Handwerkskunst und trugen diese nach den Seehäfen. Am Rande des Stroms klapperten lustig Getreide mahlende Schiffmühlen, die bei einer Belagerung der Stadt von der Mauer aus sorgfältig beschützt wurden, da man ihrer nicht entbehren konnte.

Am Fuße des Abhangs, gleichlaufend mit dem Strom, stand die Stadtmauer. Sie war aus schweren Granitblöcken gebaut und wurde von steinhartem Mörtel zusammengehalten. Ihre Höhe betrug an die zehn Ellen und zwei Ellen ihre Stärke. Stromabwärts, wo die Mauer nach der Nordseite zurücksprang, war das Wassertor, das wie alle andern Stadttore starke Flügel besaß, mit schweren Eisenbeschlägen, Schlössern und Ketten. Darüber erhob sich der mit Ziegeln abgedeckte, die Wohnung des Torwächters enthaltende Stadtturm.

Sonnhild sah dies alles, aber es machte keinen Eindruck auf sie. Nur stromaufwärts richtete sich zuweilen ihr Blick, dahin, wo sie hinter Bäumen verborgen Siebeneichen wußte.

Da hörte sie leichte Tritte, und gleich darauf trat Bernhard hinter der Mauerecke hervor. Bei Sonnhilds Anblick blieb er stehen, und sie sahen sich eine lange Weile stumm in die Augen. Dann trat er heran und reichte ihr die Hand.

»Bernhard,« sagte das Mädchen in schmerzlichem Ton.

Der Jüngling preßte die Lippen aufeinander und erwiderte nichts.

»Wie jubelte es doch noch vor kurzem in meinem Herzen«, klagte Sonnhild, »heute ist es still darin. Das Schicksal ist uns mißgünstig …«

»Wir werden ihm trotzen!« fiel Bernhard ein und warf den Kopf in den Nacken.

»Jungfrau,« fuhr er fort, »ich danke Euch für Eure Worte, die Ihr soeben gesprochen. Bestätigen sie mir doch, daß auch Euer Herz von dem bewegt ist, was ich fühle.«

Sonnhild fuhr bestürzt auf. Denn ihr ward bewußt, daß sie ihr zartes Geheimnis verraten hatte.

»Junker,« stammelte sie, »um Gottes willen, was sprechen wir. Nein, es darf nicht sein. Die tiefe Abneigung der beiden Stände voreinander, denen wir angehören – der Haß – – –«

»Sonnhild,« versetzte der Jüngling mit Ernst, »sprecht nicht also, ich bitte Euch! Was uns trennend im Wege steht, ist nichts anderes, als ein schlimmes Vorurteil. Wie lange noch, und die sich heute so bitter bekämpfen, werden nicht mehr verstehen, warum sie dies einst getan. Adel und Bürgertum werden noch einmal die Schranke zwischen sich niederreißen und sich versöhnen. Dann erst können sie die großen Aufgaben lösen, die ihnen gemeinsam gesteckt sind.«

»Wie edel Ihr seid,« antwortete Sonnhild. »Aber wann wird dies eintreten? Die Abneigung ist ja so tief eingewurzelt. Und dazu der grimme Glaubenshader!«

»Wir beten alle zu einem Gott,« sagte Bernhard, »und wer ihn aus tiefem Herzen verehrt, der allein dient ihm wahrhaftig.«

Das Mädchen vermochte nicht, zu erwidern. Aber ein innig dankbarer Blick lohnte die Worte des Jünglings.

»Man hält uns für Kinder, Sonnhild, und was wir tun, für kindisches Spiel. Aber sie wissen nicht, wie sie irren. Zeigen wir es ihnen, daß wir stark sind im Beharren und daß wir dulden können. Heute ist unser Himmel trübe, aber wir werden auch wieder die Sonne an ihm heraufziehen sehen!«

Des Mädchens Brust arbeitete heftig.

»Junker!« rief sie plötzlich, »nein, nicht diese Worte! Mein Vater ist unversöhnlich. Er würde nie erlauben – – –«

»Euer Vater? Wohl ist er heftig gewesen, und ich habe seinen Zorn schwer empfinden müssen. Aber ich habe ihm das verziehen. Denn das Heil seines Kindes steht ihm über allem. Und er ist ja Euer Vater!«

Da ergriff Sonnhild beide Hände des Jünglings und drückte sie warm.

»Mein Vater gleicht dem Euern,« fuhr Bernhard fort. »Er hat mich streng gescholten, als er es erfuhr, und es ist zu einem Auftritt gekommen, so schlimm, daß ich zeit meines Lebens erröten werde, wenn ich daran denke. Aber auch bei ihm ist väterliche Liebe der Grund zu seinem Zorn gewesen. – Ach, wenn nur die Anschauungen nicht so verblendet wären!«

Von Traurigkeit erfüllt, schwiegen sie und sahen hinab auf den Strom, auf dessen Rücken die breiten Schiffe schwammen, und auf die Brücke, über die gerade eine Herde Vieh getrieben wurde, denn es war heute wieder Markttag, und auf die sanften Hügel elbaufwärts, die vom hellsten Grün bis zum dunkelsten Braun in reichster Farbenpracht prangten. Glanz und Flimmern erfüllte die Luft, und auf dem schmalen Streifen Wiese zu ihren Füßen gaukelten schillernde Schmetterlinge von Blume zu Blume. Die Sonne schien von hinten her auf das Schloß, dessen kolossalen Schatten mit seinen scharf abgegrenzten Rändern weithin werfend.

»Sonnhild,« sagte Bernhard, »wißt Ihr, was mein Vater für mich bestimmt hat? Ich soll einen Abgesandten des Herzogs nach Worms an den kaiserlichen Hof begleiten. Übermorgen schon reise ich.«

Das Mädchen krampfte die Hände zusammen, antwortete aber nicht.

»Jeder meiner Altersgenossen wird mich darum beneiden. Und wenn dieser Auftrag mir geworden wäre, bevor ich Euch wiedergesehen, hätte er mich mit Stolz erfüllt. Heute macht er mich traurig. Denn die Wahl ist nur auf mich gefallen, damit ich für längere Zeit von der Heimat entfernt werde. Ich soll Euch vergessen. Aber Sonnhild,« versicherte der Jüngling mit überquellender Wärme, »ich werde Euch nie vergessen!«

Da raffte sich das Mädchen auf.

»Nein, Bernhard,« sprach sie mit Festigkeit, »Ihr dürft nicht also sprechen! Preist diese Sendung als ein Glück und heißt sie willkommen. Die lange Trennung wird uns über die schwerste Zeit hinweghelfen. Weiltet Ihr hier, so würden sich unsere Herzen nicht beruhigen, weil eines die Nähe des andern immer fühlen müßte.«

Hier schwieg das Mädchen und wurde blutrot, daß sie so geplaudert.

»Liebe Sonnhild,« erwiderte Bernhard mit Bestimmtheit, »mein Herz wird sich immer nach dem Euern sehnen, und wäre ich noch so weit von Euch entfernt.«

Die Verwirrung des Mädchens wuchs bei diesen Worten, und sie wandte ihr glühendes Gesicht ab. Da konnte der Jüngling nicht mehr an sich halten. Er ergriff Sonnhilds Hand und bat:

»Scheltet mich nicht, wenn ich so spreche. Ach, wenn Ihr wüßtet, Jungfrau, wie es um mich steht! Alles, was gut ist in mir, gehört Euch. All meine Gedanken weilen am liebsten in Eurer Nähe, und wenn ich bei Euch sein darf, und wenn ich in Eure lieben Augen schaue – – –«

»Haltet ein, Bernhard!« rief das Mädchen mit fliegendem Atem, »was sprecht Ihr! Schonet meiner!«

»Nein,« fuhr der Jüngling mit gesteigerter Erregung fort, »laßt es mich einmal sagen, was ich für Euch empfinde. Die Riesenlast möchte mich sonst noch erdrücken. Sonnhild, ich liebe Euch mit meinem ganzen Herzen, mehr, als ich Vater und Mutter liebe, und Euch zu besitzen, wäre mir das höchste Glück auf Erden!«

»Aber es darf doch nicht sein!« schrie Sonnhild gequält auf.

»Vergeßt einmal alles,« bat Bernhard in weichem Tone, »was uns scheidet, und sprecht das aus, wozu das Herz Euch drängt. Ach, sagt es mir doch nur ein einziges Mal, wonach meine Seele bangt.«

»Bernhard, lieber Bernhard,« flehte Sonnhild mit rührender Stimme, »seid stark!«

Und er sah, wie ihre Lippen zuckten, und wie ihre Augen umflort waren. Sie war ein tapferes Mädchen und bezwang sich besser als er!

Sonnhild mußte alle Kraft zusammennehmen, um ihre Rührung zu bekämpfen.

Da bemerkte sie die tiefe Niedergeschlagenheit Bernhards. Und als sie ihn heimlich noch einmal ansah, liefen ihm zwei dicke Tränen über die Wangen. Aber sie wollte standhaft bleiben. Dann handelte sie, wie es ja auch für ihn das beste war.

Sonnhild wandte sich ab und tat, als ob sie die Tränen des Jünglings nicht bemerke. Sie fühlte in ihrer Brust einen nagenden Schmerz, und sie mußte an sich halten, daß sie nicht verzweifelt schrie: »Bernhard, ich kann ja nicht leben ohne dich!«

Minuten vergingen in lautlosem Schweigen. Endlich hob Bernhard an:

»Sonnhild, wollen wir nicht du zueinander sagen, wenn wir uns wieder begegnen?«

»Ja, Bernhard,« antwortete das Mädchen freudig, »seien wir fortab Freunde. Nimm mein schwesterliches Du!«

»Ich danke dir, Sonnhild,« sprach der Jüngling bewegt. »Aber nun bitte ich noch um eins: übermorgen reise ich. Sonnhild, ich gehe weit fort. Auf wie lange, weiß ich nicht. Möchtest du mir nicht morgen noch ein einziges Viertelstündchen schenken, daß wir uns Lebewohl sagen?«

Das Mädchen schrak zusammen. Heute hatte sie ihr Herz bezwungen, ob ihr dies noch einmal gelingen würde …?

»Ach, Bernhard« stammelte sie bestürzt, »steh davon ab. Ich bitte dich darum. Es ist des Schweren nun genug für uns!«

»Sonnhild,« antwortete er leise, und sein ganzes Herz lag in der Stimme, »gewähre mir diese letzte Bitte! Laß uns morgen Abschied nehmen.«

Das Mädchen schlug die Hand auf die Augen und wandte sich ab. Da ergriff er ihre Rechte, und sie fühlte sein flehendes Verlangen noch einmal im Druck seiner Hand.

»Wenn du es wünschest, Bernhard, so sei es,« sprach sie leise.

Darauf gingen sie stumm auseinander.


Am nächsten Tag schritt Bernhard mit schwerem Herzen den Hohlweg hinauf. Sein Gesicht zeigte die Spuren starker seelischer Erregung, sein Gang war müde. Er hatte die letzte Nacht wachend auf seinem Lager zugebracht. Liebte ihn Sonnhild nicht? Doch, er fühlte es. Aber sie konnte ihr Herz bezwingen.

Bernhard empfand leise Scham, wenn er daran dachte, was für ein starker Charakter das Mädchen war. Und er war fest entschlossen, heute keine Schwachheit zu zeigen.

Als er den Ausgang des Hohlwegs erreicht hatte, stand geradeaus am Stadttor das Judenmädchen, ihm den Rücken zuwendend. Ob sie in den jüngst vergangenen Tagen, wo er nicht vor das Tor gegangen, seiner geharrt?

Aber ebenso rasch, wie dieser Gedanke Bernhard gekommen, entschwand er ihm wieder. Er bog links ab zur Schloßfreiheit und kam zum Afrakloster. Als er dieses erreicht hatte, trat ein Priester aus der Tür, angetan mit dem Meßgewand und in den Händen das Kruzifix und den Kelch mit der Hostie. Er befand sich auf einem Versehgang, daß er einem Sterbenden sein letztes Stündlein erleichtere. Die beiden Ministranten gingen voran. Und da gerade ein paar Leute des Wegs kamen, ließen sie die Klingeln ertönen. Aber die Männer beugten das Knie nicht, sondern schritten mit abgewendeten Blicken vorüber. Es waren Lutherische. Bernhard kniete jedoch nieder. Und als ihm der Priester das schwarze Kreuz entgegenhielt, küßte er entblößten Hauptes die silberne Gestalt des Erlösers. Alsdann faltete er die Hände, neigte das Haupt darüber und flüsterte: »Hilf uns, heilige Maria, Gottesmutter, in unserem schweren Herzeleid!«

Darauf schritt der Mönch die Stufen des Steigs hinunter, während Bernhard am Schleinitzer Hof vorbei über die hohe Brücke ging, deren gewaltiger steinerner Bogen, den Hohlweg überspannend, den Schloßberg mit dem Afrafelsen verbindet. So kam er zum Burgtor, durchmaß den kleinen Schloßhof und ging dann am Kornhaus vorbei quer über den Domplatz.

Vor dem Domkeller zu seiner Rechten standen ein paar Handelsjuden, die mit lauten Worten und unter lebhaften Gebärden ein Geschäft abschlossen. Die Domherrenhäuser, die Dechanei und das bischöfliche Wohnhaus lagen in tiefster Ruhe.

Im Vorbeischreiten warf der Jüngling träumend den Blick auf das Schloß und auf die hohen Fenster des alten Doms. Dann gelangte er auf den hinteren Schloßhof. Da blieb er stehen und schaute zurück, ob kein neugieriges Auge ihm folge. Aber er sah keinen Menschen. Oder täuschte er sich? War dort hinter der Ecke des Doms nicht blitzschnell eine flüchtige Gestalt verschwunden? Bernhard schalt seine Phantasie. Nun sah er schon am hellichten Tage Gespenster!

Mit raschen Schritten gewann er den lauschigen Platz. Da stand wie gestern Sonnhild und wartete.

Das Mädchen kam ihm ein paar Schritte entgegen, und sie begrüßten sich. Sonnhild sah bleich aus, und tiefer Ernst lag auf ihrem Gesicht. Sie betrachtete den Jüngling forschend und fragte endlich:

»Bist du krank, Bernhard?«

»Nein, Sonnhild,« erwiderte er, »nur der Schlaf und die Lust am Essen fliehen mich. Nun ich bei dir bin, ist ja alles gut.«

Das Mädchen antwortete nicht.

»Wie der Tag doch wieder herrlich ist,« sagte Bernhard und schaute versonnen in den goldenen Glanz, der auf den Weinbergen und über den Fluren lag. »Das eine bleibt mir, und wenn ich auch noch so weit von dir sein werde: die Sonnenstrahlen, die dich wärmen, kommen auch zu mir. Und wenn ich in wachen Nächten an meinem Fenster sitze und zu den Sternen aufsehe, dann werde ich Trost in dem Gedanken finden, daß auch deine Augen diese Sterne erblicken.«

»Bernhard,« sagte Sonnhild leise, »es ist besser, wenn du die schönen Stunden, die wir zusammen verlebt haben, bald vergißt. Zerquäle deine Brust nicht. Laß das Neue auf dich wirken. Du wirst andere Länder und Menschen sehen und viel Herrlichkeit und Pracht. Auch an andern Mädchen wird es nicht fehlen, die viel schöner sein werden, als ich. Und du wirst nicht mehr begreifen, wie du mich einst begehren konntest.«

Der Jüngling schüttelte mit abgewandtem Gesicht den Kopf.

»Wohl bin ich noch jung,« versetzte er langsam, »aber ich fühle eine Lebensreife in mir, die höher ist als meine Jahre. Darum ist das, was ich empfinde, die Überzeugung eines Mannes, der sich geprüft hat. Gefühle, so heilig und stark, wie sie mich jetzt erfüllen, können für eine andere nicht noch einmal erwachen. Mein Herz wird sich verhärten, und die frühlingsjungen Pflänzlein, die in ihm sprießen, werden verdorren bis zur Wurzel.«

»Sieh, Bernhard,« sagte Sonnhild mit tiefem Weh in der Stimme, »es muß aber doch sein!«

»Ich bin nicht davon überzeugt. Starke Liebe, die treu und wahr ist, überdauert alle Stürme des Lebens!«

Sonnhild wollten die Sinne schwinden, und jeder Blutstropfen wich aus ihrem Gesicht. Aber sie blieb stumm.

»Morgen zu dieser Stunde sind wir schon weit von Dresden entfernt,« sagte Bernhard in Gedanken verloren. »Und in acht Tagen? Wer mag es wissen. – Aber ich bin heute nicht gekommen, um noch einmal zu klagen,« fuhr er mit Festigkeit fort. »Jetzt heißt es kämpfen. Täglich und stündlich mit der Macht ringen, die dem beschwichtigenden Verstand und dem wohltätigen Vergessen trotzt. Doch – schweig' ich still davon …«

Ein düstrer Zug umspielte die Lippen des Jünglings und gab seinem bleichen Gesicht etwas Herbes. Während der letztverwichenen fünf Jahre hatte ihn die Erinnerung an Sonnhild nie verlassen. Wie eine überirdisch schöne Erscheinung war ihr Bild in seiner Seele heraufgestiegen, wenn sich der ernste Jüngling inmitten seiner anders gearteten Altersgenossen einsam gefühlt hatte. Und dann war nach all dem langen Hoffen und Harren das heiße Sehnen erfüllt, der herrliche Traum war zur Wirklichkeit geworden.

Diese Erfüllung war auf seinen Lebensweg wie strahlender Sonnenschein gefallen, dessen milde Wärme er bis ins Innerste gespürt. Dem Mädchen hatte sein ganzes Denken, hatten seine edelsten Empfindungen gegolten!

Nun war alles aus! Rasch war das Glück gekommen, wie ein glänzendes Himmelslicht in dunkler Nacht, – und ebenso rasch war es wieder verschwunden. Er sollte Sonnhild vergessen …

Bernhard empfand unsägliche Bitterkeit bei diesem Gedanken.

Da sah er auf: in Sonnhilds Augen standen Tränen. Das tapfre Mädchen! Auch sie bewegte der Abschied tiefinnerlich.

Er nahm ihre Hand in die seine und sagte gerührt:

»Sonnhild, ich sehe, wie du leidest. Ich will dir den Schmerz der Abschiedsstunde verkürzen. Laß uns Lebewohl sagen.«

Sie versuchte sich zu fassen und drängte die Tränen zurück. Da schloß sie plötzlich die Augen, und ihr jungfräulicher Körper bebte so stark, daß Bernhard sie umfing. Und als ihr Kopf mit dem kummerbleichen Gesicht und dem goldglänzenden Haar willenlos an seiner Brust lehnte, flüsterte sie:

»Bernhard, – mein Bernhard, – ich liebe dich ja über alles!«

Da schoß es heiß nach dem Herzen des Jünglings, und in seine Augen trat ein seltsamer Glanz.

»Sonnhild,« fragte Bernhard eindringlich, »vergißt du auch nicht das schier Unüberwindliche, das zwischen uns steht?«

»Nein, ich vergaß es nicht,« flüsterte sie, »aber zwischen unserer Liebe soll nichts stehen!«

Da drückte er das zitternde Mädchen an seine Brust, und ihre Lippen fanden sich zum ersten Kuß.

»Bernhard,« sagte Sonnhild, sich aufrichtend, »ich konnte dich nicht so ziehen lassen. Nun werde ich stark genug sein, die Trennung zu ertragen. Meine treue Liebe wird dich begleiten und mein Gebet dich beschützen.«

In seligem Empfinden zog Bernhard das Mädchen von neuem an sich.

»Mein Geliebter,« sprach Sonnhild innig, »wir wollen Geduld üben. Welch wunderbare Fügungen sendet zuweilen der Himmel! Mag es noch so schwer erscheinen. Wahrhafte Liebe – du sagtest es bereits – überwindet alles!«

Da vernahmen sie ein leises Brechen von Zweigen. Und wie sie rasch die Umarmung lösten und sich umwandten, blickten sie eine Sekunde lang in ein Frauenantlitz, das so blaß und verzehrt war, wie das Gesicht eines schwer leidenden Menschen. Aber die großen, blauen Augen unter dem pechschwarzen Haar glühten vor innerm Feuer. Dann schlug das Gebüsch wieder zusammen, und die Erscheinung war verschwunden.

»Wer war das?« fragte Sonnhild in banger Besorgnis.

»Ängstige dich nicht, mein Lieb,« antwortete Bernhard begütigend. »Ein junges Judenmädchen war es, dem ich wiederholt begegnet bin, als ich vergebens vor das Stadttor ging.«

Sonnhild atmete erleichtert auf.

»Hast du die drohenden Augen gesehen?« fragte sie, sich das Haar aus der Stirne streichend.

»Du bist erregt, liebste Sonnhild,« antwortete Bernhard beklommen. »Das Mädchen starrt immer so.«

Und wieder fiel ihm die Ähnlichkeit dieser Augen mit denen Sonnhilds auf.

»Geh mit Gott, mein Geliebter,« sagte Sonnhild und schmiegte sich an Bernhards Brust. »Was nun auch kommen mag, – unsere Liebe soll sich als stark und wahr erweisen.«

»Du inniggeliebtes Mädchen! Nicht Raum noch Zeit können unsere Liebe vermindern. Und so stark die Stürme auch brausen mögen, wir werden allem trotzen!«

Sonnhild zog einen schmalen Reif ab und steckte ihn an seinen Finger. Hierauf legte sie noch einmal ihre Hand in die seine. Ein letzter, langer Blick – dann stand Bernhard allein. Wohl fühlte er, wie ihn der Abschied tief betrübte. Aber die Traurigkeit, mit der er gekommen, war verschwunden, und die Hoffnung auf einen glücklichen Ausgang aus diesem Wirrsal erfüllte ihn.