Bald wurde die Einwohnerschaft wieder auf die Gasse gelockt. Der große Festzug der Bürgerschützen zog mit Trompeten- und Paukenschall vor das Jüdentor, allwo der Schießanger lag. Und die Menge hastete dem Zug hinterdrein.
Den kleinen Platz inmitten der Fleischgasse, der Hundewinkel genannt, schlossen lauter niedrige Häuser von gewinnendem Aussehen ein, bestehend aus Unter- und Oberstock. Eines von ihnen machte einen besonders freundlichen Eindruck. Es war frisch weiß gestrichen und mit einem hölzernen Spalier versehen, an dem sich edle Reben hinaufrankten, daß die grünen Weinblätter die ganze Vorderseite des Hauses bis zu dem moosbewachsenen Ziegeldach bedeckten. Das steinerne Türgewände stellte einen verzierten Rundbogen dar, in den hüben und drüben ein Sitzstein eingelassen war. Die Haustür war in der Mitte teilbar, die obere Hälfte stand tagsüber immer offen. Vor dem Haus befand sich ein schmales Gärtchen, das ein niedriger Lattenzaun einfriedigte.
Auf den Sitzsteinen saßen ein Mann und eine Frau. Sie waren beide alt und daher wohl dem Festtrubel abhold. Aber ihre Augen, mit denen sie die Vorübergehenden musterten, glänzten noch frisch.
»Ach, Gevatterin,« sagte der alte Mann, »mein Weib kann noch immer nicht vom Treiben der Jugend lassen. Natürlich mußte sie mit zum Festplatz ziehen.«
Dazu seufzte er so komisch, daß die Zuhörerin leise lächelte. Sie war seit langen Jahren die Nachbarin des Ehepaares und dessen Vertraute.
»Euer Weib ist eben noch lebenslustig, daran müßt Ihr denken, Gevatter. Eine so rüstige Sechzigerin wie sie …«
»Ja, ja, – wenn sie erst an die Siebzig kommt, wird sie's wohl auch lassen,« unterbrach sie der Alte kopfnickend.
Benedikt Biertimpel war seines Zeichens Löffelmacher, betrieb aber sein Handwerk schon seit Jahren nicht mehr. In der Jugend war er lange auf der Wanderschaft gewesen und hatte viel gesehen, so Prag und Wien. Auch nach Ungarn hinein war er ein Stück gekommen. Da war er wieder auf Schusters Rappen gestiegen, und der Wind hatte ihn quer über das liebe deutsche Vaterland hinweg bis nach Flandern getrieben. Von dort war er eines Tages heimgekehrt, aber nicht allein, wie er ausgezogen. An seiner Seite hatte sich ein blutjunges Frauenzimmer befunden, ein immer lustiges Ding, das sein vom Vater ererbtes Häuschen täglich fast auf den Kopf stellte.
Der gute Biertimpel war ein sinnierender Geselle und von langsamem, bequemem Wesen. Da brachte ihn sein junges Weib zuweilen höllisch in Trab. Sie fuhr wie ein Irrwisch umher, und zu keiner Minute war er sicher vor ihr. Als temperamentvolle Rheinländerin mochte sie es nicht leiden, wenn ein Mensch gemächlich war. So führte sie ein straffes Pantoffelregiment über ihren Biertimpel, worein er sich nach kurzem Widerstand ergeben hatte, und das er still seufzend erduldete.
»Ach, Gevatterin,« hob der allwege philosophierende Biertimpel redselig an, »nein, Gevatterin, Ihr könnt daher reden, was Ihr mögt, aber wir leben in einer verderbten Zeit! Denkt einmal nach, als wir jung waren, wie friedlich da alles zuging.«
»Aber Gevatter, Ihr dürft nicht denken …«
»Die Menschen sind es,« schnitt Biertimpel der Matrone gewandt das Wort ab, »die Menschen selbst, sage ich, verschlechtern die Zeiten. Wo sind die guten Tage der Einfachheit geblieben! Heute? Glanz, Pracht und Hoffärtigkeit!«
Die Zuhörerin fügte sich lachend in das aufgezwungene Stillschweigen. Wenn Meister Biertimpel also sprach – und dies pflegte er nie in Gegenwart seiner Frau zu tun –, dann war gegen ihn nicht aufzukommen. Also schwieg sie. So konnte Biertimpel sein Lieblingsthema gemächlich ausspinnen.
»In den Weibsbildern sitzt der Teufel! Das habe ich immer behauptet, und noch keiner hat mir's widerlegt. O, diese Töchter und Mütter, die nicht wissen, wie sie prangen sollen! Sie treten einher und schwänzeln und haben köstliche Schuhe an den Füßen und tragen güldene Hauben, und auf den Kleidern Perlborten und hohe Krausen und sonstiges Gefetz. Auch in durchsichtigen Gewändern laufen sie und strecken die bleckenden Hälslein aus wie Hirsche. Dazu werfen sie die Äuglein um sich und wissen ihre Gebärden danach zu richten, daß alles lieblich und lustig anzusehen ist.
Die jungen Weibsbilder wollen alle gern schön sein, klar Gesichte und weiße Händlein behalten. Und da manche diese von Natur nicht hat, untersteht sie sich, solches durch Kunst und andere Mittel zuwege zu bringen. Und es will traun allenthalben gemein werden, daß die jungen Frauen beginnen ins Töpflein zu blasen und das Angesicht zu färben nach ihrem Gefallen, damit sie desto schöner mögen anzusehen sein. Wo bleibt da Zucht und Sitte?«
Hier sah der wackere Biertimpel die Matrone entsetzt an. Aber an einer Antwort war ihm nichts gelegen, deshalb fuhr er rasch fort:
»Vorzeiten ließen sich's die Menschen genügen an dem Zeuge, das sie selbst gemacht. Sie kleideten sich in wollene Tuche und in Barchent und wußten nichts von Sammet und Seiden. Purpur und köstliche Leinwand waren der Könige und großer Potentaten Tracht!
Itzund lassen sich's Adlige und Bürgertöchter daran nicht genügen. Sie wollen es hohen Personen nachtun und das Beste von Damast und Atlas haben und weiche Kleider an ihrem Halse und auf ihrem Leibe tragen. Ist fast keine Dienstmagd zu finden, sonderlich in fürnehmen Städten, sie will seidene Ärmel, einen Rock von bruggischem Atlas oder von Zindeldort mit zwei, drei Schweifen und sammetnen Borten tragen. Und in den Röcken muß ein Stahlreifen sein, damit sie wie eine Glocke aussehen und weit um sich sperren. Darin walzen sie daher wie Bierfasse und können nicht aus den Gestühlen der Kirche kommen. Wenn sie aber eine Hausmutter werden soll, kann sie nicht wohl ein Windeltüchlein bezahlen oder zuwege bringen.«
Benedikt Biertimpel hatte sich in Eifer geredet. Jetzt nahm er sein Käppchen ab und wischte die Schweißperlen von der Stirn. Diese Gelegenheit benutzte die Nachbarin klug und versetzte:
»Gevatter, erzürnt Euch nicht! Auch in unserer Jugend …«
»War alles viel besser!« eiferte der Entrüstete von neuem. »Was bei den Alten vor dreißig und vierzig Jahren ehrbar gewesen, taugt jetzt nicht mehr. Ist alles nur aufs Prangen gerichtet. Man will immer was Neues, was Seltsames haben. Was fremd – ausländisch, hat man am liebsten! Alle Völker haben ihre sonderliche Tracht und Manier, allein wir Deutschen wollen bei nichts Gewissem bleiben. Was man einmal gesehen, will man nachtun! Muß alles verschnürt, verbrämt, gekräuselt und wunderlich und seltsam gestickt sein. Möchte doch bald eine jede Frau von Adel oder bei fürnehmen Bürgern eine eigene Nähterin und Bortenwirkerin haben, die übers Jahr ausnähet. Da muß man mehr auf Kleidung und Schmuck wenden, als sonsten in der Haushaltung. Ei, behüte Gott!«
Der Sprecher wischte flugs wieder einmal über die Stirn.
»Es sind ihrer viele, die schändliche und greuliche Hoffart treiben mit den Haaren ihres Hauptes. Die natürlichen Haare taugen nichts mehr, sie müssen blond gebleichet sein und über einen Draht gezogen. Das soll sonderlich hübsch sein! Und manche trägt auf ihrem Haupte Haare, die aus dem Beinhaus von einem toten Kopfe sind.
Um den Hals muß man ein großes, dickes Gekröse haben aus teurer Leinwand. Das muß gestärkt und mit heißem Eisen ausgezogen werden. Da steht das Haupt in der Mitte, wie Sankt Johannes' Haupt in der Schüssel. Ja, die Kleider müssen auch nicht mehr vorn, sondern hinten im Nacken zugemacht sein, als stünde das Gesichte auf dem Rücken. Und gar die Ärmel! Die müssen unter dem Arm durchsichtig sein, daß man die weiße Haut sehen und erkennen mag. Geht doch manche Dienstmagd dermaßen daher, daß sie es wohl einer reichen Bürgerstochter zuvortut. Danach, wenn sie zur Ehe greifen soll, da ist weder Bett, Decke, noch Strecke. Die jungen Frauen lernen sich fein in die Hoffart schicken. Weiß manche nicht, wie sie treten soll. Weiß die Füße so zierlich zu setzen, daß sie nicht ein rohes Ei entzwei trete. Das ist jetzund der Welt Lauf!«
Die gutmütige Greisin war bei dieser langen Rede wirklich ein wenig ungeduldig geworden und begann jetzt, ihr vielgeschmähtes Geschlecht zu verteidigen. Da sah Meister Biertimpel auf und maß die Sprecherin mit erstaunten Blicken. Nicht lange vermochte er an sich zu halten. Dann fuhr er ihr hitzig ins Wort:
»Gevatterin, was Ihr daherredet! Die Zeit ist verderbt, sage ich. Hat nicht unlängst selbst der Burgemeister laut gescholten, daß die Frauen ungesellig seien und steif wie Ölgötzen bei der Tafel säßen und Prunk über alles liebten und adelsüchtig wären? Das war der Waltklinger, Gevatterin, der das sprach, kein Geringerer! Und ist es nicht wahr, daß die jungen Weibsbilder mit den Äuglein nach den jungen Gesellen werfen? Und wie sie sich verantworten können! Sollte sie einer zur Rede setzen, dem würde es wohl gehen, wie jenem alten Vater. Der sagt zu einer jungen Frau, so ihm auf der Gasse begegnete: ›Junge Frauen sollen nicht nach Mannspersonen sehen, sondern ihre Augen zur Erden niederschlagen.‹
›Nein‹, antwortete sie darauf, ›nicht also! Ihr selbst sollt die Erde ansehen, denn der Mann ist aus der Erden. Das Weib aber ist aus einer Mannesrippen erbaut. Drum sehe ich mich nach dem um, von dem ich genommen und gemacht bin.‹«
Meister Biertimpel betrachtete die Gevatterin triumphierend. Diese zuckte die Achseln und schwieg. Sie bekannte sich geschlagen. Da zeterte er weiter:
»Jeder will freien, wann und wo er will. Junge Rotzlöffel, die kaum achtzehn Jahre alt sind, wollen Weiber haben, die man noch billig in der Schulen schicken möchte.
Will jetzund schweigen des losen Gesindels, fürnehmlich unter den Frauen, das die Ehe hält, wie der Hund die Fasten …«
Hier brach der Zürnende plötzlich ab und wurde sichtlich unruhig. Die Gevatterin sah verwundert auf – da kam des guten Biertimpels wackeres Eheweib über den Platz geschritten. Sie kehrte erhitzt vom Schießanger heim. Jetzt lächelte die Gevatterin, sie verstand den raschen Schluß der eifernden Rede.
Nun nahm die Angekommene ihres Ehegatten Sitz ein, und ihre Lippen flossen über von der Lust und Freude, die sie heute wieder erlebt hatte. Meister Biertimpel schwieg dazu und machte sich in dem kleinen Vorgarten zu schaffen.
So bestand zwischen den beiden Ehegatten eine Harmonie, bei der sie alt geworden waren. Ab und zu freilich protestierte Biertimpel einmal gegen die leise Flöte, nach der er gezwungenermaßen tanzte. Bei solchen Gelegenheiten hörte die Nachbarin immer einen kurzen Streit, dessen Ende ein wiederholtes, kräftiges Klatschen bildete. Darauf wurde die brummende Stimme des Hausherrn still.
Jedenfalls wußten die Umwohnenden, daß in dem weißgetünchten und mit grünen Reben umrankten, freundlichen Häuschen die ehelichen Verhältnisse aufs beste geregelt waren.