Dreizehntes Kapitel
Drei Fragen

Auf dem Festplatz ging es hoch her. Das Gewühl war stark und die Luft an einigen Stellen schier unerträglich, denn es wurde viel Staub aufgewirbelt, und der Tag war heiß.

Da die Bürger die Verteidigung der Stadt in Kriegszeiten übernehmen mußten, hatte der Rat ein großes Interesse an der Erhaltung ihrer Schießfertigkeit. Deshalb begünstigte er die bürgerlichen Waffenübungen mit Freibier und Prämien. Bei den alljährlichen Schützenfesten – so pflegte er es seit langem – bestand sein Preis in einem Stück Tuch von zwanzig Ellen zu Hosen oder in dreißig Stück zinnernen Tellern.

Zu diesem Freischießen kamen die Schützen von weit her. Es galt als Ehrensache, den einmal gewonnenen Ruf der Treffsicherheit zu verteidigen. Die Schützenfeste mancher Städte standen hoch im Ansehen, so die von Leipzig, Chemnitz, Dresden und Meißen.

Das Schützenzelt stand am Jüdentor. Die Schießbahn lief elbwärts längs der Stadtmauer bis zu einem dicken Turm, der Fronfeste.

Geschossen wurde auf zweierlei Art: mit der Armbrust nach einem aufgerichteten Vogel und mit der Büchse oder dem Haken nach einer Scheibe von dritthalb Schuh um den Nagel. Die Schützen saßen beim Schießen und mußten ohne Anlehnen mit freischwebenden Armen zielen. Wer einen Fehler schoß, wurde geneckt. Er bekam unter großem Hallo auf einem hölzernen Teller inmitten eines Nesselkranzes einen Quarkkäse und ein Glas Bier. Dazu wurde ein Tusch geblasen.

Das Hauptvergnügen für jung und alt bildeten die Lustbarkeiten. Auch bei dem diesmaligen Schützenfest gab es deren im Überfluß. Unmittelbar vor dem Fleischtor stand ein weithin sichtbares Gerüst, des Pritschmeisters Predigtstuhl. Das Amt des Pritschmeisters war ein uralter Brauch bei Volksfesten. Wer es ausübte, zog von Stadt zu Stadt, und es gab etliche, die eine Berühmtheit erlangten. Der Pritschmeister war als Hanswurst gekleidet und mußte Späße machen und komische Reden halten. Dann wieder befand er sich unter der Menge, wo er mit seiner langen Pritsche die erkorenen Opfer bearbeitete. Das mußte sich jeder gefallen lassen.

Seine Gehilfen waren Knaben in Narrentracht. Sie überfielen den Erstbesten und schleppten ihn zum Predigtstuhl. Hier eröffnete der Pritschmeister ein hochnotpeinliches Gericht, von dessen verhängten Strafen sich der Verurteilte nach Rang und Ansehen mit einem Biergeld loskaufen konnte. Dieses unaufhörliche Spiel bildete die Hauptbelustigung für jedermann.

An einer andern Stelle wurden die Kräfte im Steinstoßen versucht. Ein fünfundvierzig Pfund schwerer Stein mußte nach Stoßensrecht fortgeschleudert werden.

Dort wieder stand ein wilder Mann, dem man neun Kugeln um einen Kreuzer in den Mund warf. Unweit von ihm war ein Degenschlucker. Daneben kauerte in einem Topf ein Hahn, der bei verbundenen Augen mit Dreschflegeln getroffen werden mußte. Dudelsackpfeifer spielten dazu auf. Auch ein glatter Kletterbaum war da und mehrere Kegelbahnen. Wer sein Glück versuchen wollte, griff in den Glückstopf, gefüllt mit Anweisungen auf Gewinne und mit noch mehr Nieten.

Hier galoppierten Bauernburschen an einer Puppe vorbei und warfen Bälle danach. Am Abhang zur Triebisch stand eine junge, ungezähmte Kuh, die den Hügel hinabgepeitscht wurde und mit fettigen Handschuhen zurückgehalten werden mußte.

Auch ein alter Landsknecht wartete mit seinen Darbietungen auf. Er mochte sich viele Jahre seines Lebens und für manchen deutschen Potentaten herumgeschlagen haben. Zuletzt war er Fähnrich gewesen und verstand sich meisterlich aufs Fahnenspiel. Mit dem weiß-grünen Tuch am langen Stock führte er Ober- und Unterhiebe, Paraden und Stockaden und zeigte das Rosenbrechen. Dann drehte er die Fahne im Zirkelschwung um das Haupt und warf sie in die Höhe, um bis zum Auffangen ein Pistol abzuschießen. Endlich schlang er das Fahnentuch malerisch um sich und machte seine Reverenz, indem er beide Knie beugte. Dazu spielte sein zahnloses Weib auf einer Mundharmonika den Burgundermarsch.

Zwischen zwei Bäumen hatte ein verwegener Seilfahrer sein Seil aufgespannt, auf dem er vom Jüdentor bis zum Fleischtor lief.

Ferner wurde ein kluger Hund gezeigt, der einen Luftsprung machte, wenn einer sein Liebchen nannte, der aber heulte, wenn man den türkischen Kaiser nannte. Zuletzt hing ihm sein Herr ein Hütlein an die Pfote und schickte ihn auf den Hinterbeinen zu den Zuschauern um einen Zehrpfennig, dieweilen er noch eine große Reise vorhabe.

Hier gab es einen Vater mit sechs Kindern, die alle musizierten, dort ein Weib, das mit Händen und Füßen essen und nähen konnte, und wieder anderswo ein einjähriges Kind, ganz voll Haare und mit einem Barte.

Schließlich waren noch zwei Affen zu sehen, ein Meerschwein und eine Löffelgans. Auch Bänkelsänger und verblüffende Taschenspieler warteten mit ihren Künsten auf.

So fehlte es nicht an allerhand Ergötzlichem. Und doch war mit diesem allen der Reichtum an Sehenswertem noch keineswegs erschöpft.

Da handelte einer mit Wurmsamen, der andere mit Bilsensamen gegen das Zahnweh. Hier stand einer, der fraß Werg, stopfte es bis in den Hals hinein und spie Feuer heraus. Einer verkaufte Läusesalbe, das Gedächtnis damit zu stärken, einer wusch die Hände und das Gesicht mit geschmolzenem Blei, ein anderer zog Schnüre aus dem Mund. Wieder einer hielt ein Büchslein hin. Ein einfältiger Tropf blies neugierig hinein, worauf ihm eine Rußwolke das ganze Gesicht bestäubte. Wer von den Umstehenden darob lachte, zahlte einen Kreuzer.

Das waren die Griffe der Landfahrer und Gaukler, womit sie sich durch die Welt brachten.

Recht Erkleckliches wurde im Essen und Trinken geleistet. Dazu saßen die Gäste auf Bänken um lange Tische herum, deren Pfähle in den Boden gerammt waren. Da gab es Bratferkel, Reis in griechischer Weise, Hähne, französisches Blancmanger und orientalisches Konfekt. Auch Sauerkraut mit Riesenbratwürsten und gekochte Elbfische in saurer Milch. Alles mußte kräftig gewürzt sein.

Dazu wurde einheimisches Bier und Meißner Landwein geschenkt.

Alten Landsknechten mit ausgepichten Kehlen, die gewohnt waren, jeden Batzen durch die Gurgel zu jagen, war der dargebotene Stoff zu wenig herzhaft. Sie hätten am liebsten gehackte Glassplitter drein getan. Daher bestellten sie sich ein Gemisch von verdorbenem Wein, scharfem Pfeffer und Honig. Das hieß der Lautertrank. Dieser war so sauer, daß er die eisernen Schnauzen der Gefäße abfraß.

Die Frauen knabberten unablässig Süßigkeiten. Marzipan galt nicht mehr für fein. Dafür war Zitronat aufgekommen.

Die Ratsherren saßen an einer Ehrentafel im Schützenzelt. Auf der Wiese drängte sich die Menge, lachend, schreiend, schwitzend.

Alle Stände waren vertreten. Natürlich kam auch der alte Unfriede zwischen Adel und Bürgertum wieder zum Vorschein. Als Vertreter dieser beiden Klassen fühlten sich Handwerksgesellen mit losem Mundwerk und Landsknechte berufen. Das waren sonnverbrannte, starkknochige Männer mit kühnem Antlitz und scharfer Wehr. Zwar waren sie gerade keine Tugendspiegel, aber treu und verläßlich. Jeder einzelne hätte sich bei rittermäßiger Veranlassung für seinen Herrn ohne Bedenken totschlagen lassen.

Da flogen die Sticheleien herüber und hinüber; Handwerksgesellen und Bauern bildeten eine Partei.

»Eisenbeißer,« höhnten sie die Landsknechte, »Hahnenreißer, Bärenstecher, stolze Federhansen!«

Und »Heringsnasen«, gaben die zurück, »Krippenreiter, Wurstreiter, Pfeffersäcke, Misthammel!«

»Haha, haha,« lachte ein junger Gesell. »Als unlängst der Teufel ein paar Krippenreiter fortschaffen wollte, riß ihm in der Luft der Sack. Da hat er den ganzen Plunder an der nächsten Ecke ausgeschüttet.«

Hier verlor einer der Gefoppten die Geduld und stürzte dem Lachenden seinen frisch gefüllten Becher Lautertrank ins Gesicht. Aber der Begossene lachte nur noch ärger. Da guckte der alte Landsknecht betrübt in den leeren Becher, doch war es nun einmal geschehen.

Dicht daneben spielte der Stadtpfeifer mit seinen Gesellen auf. Der grüne Wiesenplan war der Tanzplatz. Mit sicherem Griff packte der Bursche sein Mädchen um die Hüfte und riß die vor Lust Kreischende im Wirbel herum. Wange war an Wange gepreßt, und die Schweißperlen auf ihren Stirnen flossen ineinander. So drehte man sich, so lange der Atem reichte.

Heiahei und hei! Wie flog da Mantel, Rock und Gugelhut!

Unter den Festteilnehmern befand sich auch Sonnhild. Zwar wäre sie am liebsten zu Hause geblieben, sich ihren Träumereien überlassend. Aber die alte Hanne hatte zum Gehen gemahnt, da das Mädchen andernfalls den Vater betrüben würde.

Einsilbig stand sie unter ihren Freundinnen und betrachtete mit gezwungenem Lächeln die Lustbarkeiten. Das golden leuchtende Haar war mit einem Schappel von kostbaren Bändern geschmückt, und das enganschließende, weiße Kleid mit roter Schärpe und ebensolchen Schleifen hob den jugendfrischen Eindruck ihrer zarten Gestalt. Aber die rosigen Wangen waren bleich geworden, und die großen, traurigen Augen gaben dem lieblichen Gesicht einen rührenden Ausdruck.

Ein Spielmann fesselte für kurze Zeit ihre Aufmerksamkeit. Er trug die Fiedel samt Bogen an einem Bande auf dem Rücken und übte die Kunst des Wahrsagens aus den Linien der Hand.

Seine Prophezeiungen wurden viel begehrt, besonders von den jungen Mädchen. Mit heißen Wangen stellten sie die um einen Kreuzer erlaubten drei Fragen, die fast immer den noch unbekannten Zukünftigen betrafen. Wie alt er sei, wollten sie wissen, ob schön, blond oder braun, wie gewachsen, welchen Zeichens sein Handwerk wäre, ob er ein guter Junge sei, oder ob er gar tränke und später sein Weib prügele. Alles dies interessierte.

Der Prophet war mundgewandt und verstand es, nicht zu viel des Guten, aber auch nicht zu wenig zu sagen, fast immer aber die Wißbegierde der jungen Dinger zu befriedigen.

Sonnhild war aufmerksam geworden und hörte eine Weile den Fragen und Antworten zu. Sie verspürte den brennenden Wunsch, sich ebenfalls die Zukunft entschleiern zu lassen. Schon hielt sie ihre Hand hin, als die Scham das Begehren überwand und sie sich abkehrte.

Teilnahmlos ging sie durch die Menge, vor dieser und jener Darbietung kurze Zeit stehen bleibend. So hatte sie allmählich das Ende des Festplatzes erreicht, wo sich nur wenig Menschen befanden.

Hier blieb sie stehen und sah gedankenschwer einem Trupp weißer Federwolken nach, die in dem blauen Luftmeer pfeilschnell hoch über ihrem Haupte dahinzogen, nach Westen zu. Wenn sie mit ihnen ziehen könnte! Nur einen Gruß möchte sie diesen flüchtigen Reisenden mitgeben können, die des Raumes sieghaft spotteten.

Da vernahm sie, wie von hinterher jemand zu ihr sprach. Und als sie sich umwandte, stand der Bursche vor ihr, der den Mädchen wahrgesagt hatte.

»Mit Gunst, Herrin,« versetzte dieser, »möchtet nicht auch Ihr einem armen Spielmann einen Zehrpfennig verdienen lassen?«

»Ich habe keine Fragen an Euch,« antwortete Sonnhild abweisend.

»Nun, so erlaubt, daß ich drei Fragen an Euch richte,« versetzte er keck.

Sonnhild horchte auf. Der Ton seiner Worte machte sie stutzig. Verbarg sich hinter ihnen etwas?

Sie betrachtete den Spielmann genauer. Er war ein hübscher, junger Bursche mit freiem Blick und glänzendweißen Zähnen.

»Fragt immerhin,« erklärte sie, auf den Scherz eingehend; »ob ich Euch aber antworten werde …«

»Hoffentlich vermögt Ihr's,« fiel er ihr in die Rede. »Die erste Frage also. Sie soll entscheiden, ob ich die zweite und dritte tue. Herrin, wo träumt sich's besser, unter dreizehn Linden oder unter sieben Eichen?«

Sonnhild war betroffen. Sie heftete den Blick durchdringend auf den Spielmann, um in seinem Gesicht zu lesen. Der aber stand gleichgültig vor ihr, und seine Züge offenbarten keinen seiner Gedanken.

»Unter sieben Eichen,« antwortete Sonnhild zögernd.

»Die zweite Frage: so der Ausgezogene seiner Herzallerliebsten ein Gegenangebinde sendet, von derselben Art, wie er beim Abschied empfangen, was müßte dieses dann sein?«

Sonnhild wurde dunkelrot. War es Zufall, was der Fremde sprach? Durfte sie sich ihm anvertrauen? Sollte wirklich …? Das Herz klopfte ihr zum Zerspringen.

»Ein Ringlein,« sagte das Mädchen endlich mit gepreßter Stimme.

»Die dritte Frage! Und wie nennt Ihr jenen, von dem Ihr solches empfangen möchtet?«

Sonnhild kämpfte mit einer großen Verwirrung. Sie schlug die Augen nieder, und es währte eine Weile, bevor sie sich gesammelt hatte. Nach einem tiefen Atemzug sah sie wieder auf; alles Blut war aus ihren Wangen gewichen.

»Bernhard,« sagte sie kaum hörbar.

In des jungen Spielmanns Augen trat ein Leuchten.

»Dann seid Ihr die ehr- und tugendsame Jungfrau Sonnhild Waltklinger!« rief der Landfremde freudig, »und ich habe recht geraten. Zweierlei präge dir wohl ein, sagte der edle Junker zu mir: die Reinheit und Bläue der Luft – das sind ihre Augen, sowie das goldene Glänzen der Sonne – das ist ihr Haar. Und das Ganze ist mein Himmel, setzte er für sich hinzu.«

Zugleich tastete der Bursche nach der dunkelroten Wollschärpe, die er um den Leib gewunden trug, und deren goldgefranste Enden von der linken Hüfte herabhingen. Aus ihren Falten zog er einen niedlichen Gegenstand, sorgsam in weiches Papier eingeschlagen. Und als er die Hülle entfernt, hielt er einen Ring zwischen zwei Fingern, den er Sonnhild verstohlen reichte.

»Empfangt ihn, o Herrin; nun bin ich meines Auftrags ledig.«

Bebend griff das Mädchen nach dem teuern Liebeszeichen und barg es rasch in dem Täschchen, das ihr an der Seite herabhing.

»Ja Nürnberg war es,« erklärte der Spielmann, »wo Junker von Miltitz mich mit dieser Sendung betraute. Dort sollte sein Begleiter ein kostbares Geschenk für den Kaiser einhandeln. Ihr wißt, o Herrin, daß in dieser Stadt die weltberühmten Meister der deutschen Goldschmiedekunst ihr edles Handwerk betreiben. Bei einem derselben erstand er das Ringlein. Er war auf der Reise nach Worms; ich trug meine Fiedel gegen Wien. Da ward mir der Auftrag. Sein Vertrauen ehrte mich, und so wandte ich die Spitzen meiner Schuhe nach Sachsen.«

»Viel herzlichen Dank, wackerer Fremdling,« stammelte Sonnhild, »und als äußeres Zeichen meiner Erkenntlichkeit für Euern guten Dienst nehmt das.«

Während dieser Worte hatte das Mädchen von einem feingliedrigen, goldenen Kettlein einen Florentiner Dukaten genestelt, den sie auf der Brust trug.

»Nein, edle Jungfrau,« sagte er, mit der Hand wehrend und leise den Kopf schüttelnd, »nicht also. Schon dem Junker habe ich die Annahme einer Entlohnung verweigert. Denn er steht nicht in meiner Schuld, wohl ich aber tief in der seinigen. Hört meinen raschen Bericht, wie das gekommen.«

Und mit fliegenden Worten erzählte der Jüngling:

»Also zu Nürnberg war's, auf dem Marktplatz, just vor dem Schönen Brunnen, wo ich gerade im Begriff bin, mit dem ersten Bogenstrich, den ich in der Stadt tue, Zuhörer anzulocken. Ich war todmüde von der Wanderung. Magen und Beutel waren leer. Da entsteht ein wüster Tumult. Gedränge um mich herum und laute Rufe nach dem Dieb, der einer vornehmen Frau, wie mich die ausgestoßenen Worte belehren, ein zierliches Agnus Dei von Gold und blitzenden Steinen im Gewühl von der Brust gerissen. Das Getümmel wächst lawinengleich. Da schreit eine Stimme: Der Spielmann! Hundert Augen haschen nach mir, und im nächsten Augenblick dringt die erregte Menge auf mich Ahnungslosen ein. Rohe Fäuste fallen nieder und zerren mich nach allen Seiten. Der Landfahrer war's, kein anderer! Schlagt ihn tot, zerreißt ihn, den Hund! Ich fühle Grabesodem auf meinem Gesicht, und: Maria, du Gebenedeite! durchblitzt es mein Hirn. Da haften meine Augen verzweiflungsvoll auf zwei anderen, hoch über der Menge, die träumerisch blicken. Ich sehe, wie diese Augen erwachen und meine Todesnöte erkennen. Viel schneller, als ich's erzähle, drängt ein Reiter sein steigend Roß in das Getümmel, – ein schöner Jüngling, mit feinem und bleichem Antlitz.

›Vernunft, Leute!‹ ruft er, den Lärm übertönend. ›Die Bürger Nürnbergs, meine ich, werden keinen ohne Urteil richten!‹ Aber die Wut der Menge läßt den Einspruch abprallen. Schon dringt ein riesenhafter, wild aussehender Gesell auf mich ein und greift mit beiden Fäusten nach meinem Halse – da saust ein blankes Schwert flach auf seinen breiten Rücken nieder. Der Getroffene brüllt wie ein Hengst und wendet sich gegen seinen Angreifer. Der aber hat den Degen schon wieder emporgerissen und mit flammendem Antlitz und zornfunkelnden Augen beugt er sich weit über den Hals des Pferdes.

Elender! ruft er, wagt es, diesem ein Leid zu tun!

Der Geschlagene fühlte seine Wut verrauchen; der herrische Zorn seines Angreifers entwaffnete ihn. Auch die Menge war im Nu ernüchtert, ebenso rasch, wie sie mich andernfalls zerrissen hätte. Und als nun noch der Begleiter des Jünglings, ein älterer Edelmann, wie ich sogleich erkannte, beruhigend einsprach, ließen sie von mir ab. Eine Sekunde später war es um mich herum leer: die Wütenden waren zur Kirche unserer lieben Frauen hinüber geeilt, wo man den Dieb im Besitze des Kleinods erwischt hatte.

Daß ich's vollende,« schloß der Erzähler. »Der mutige Jüngling wehrte meinen Dank, warf mir einen Goldgulden zu und sprengte seinem voraufreitenden, arg bestaubten Begleiter nach. Aber ich lief bis zur Nacht die Gassen ab, bis meine wegwunden Sohlen in den Schuhen in Blut standen. Gerade vor der Herberge der beiden Herren sank ich nieder.

Am nächsten Tag trat ich vor meinen Retter und flehte um einen Dienst. Da ward er mir; ich kam ihm gelegen. Und so bin ich hier.«

In Sonnhilds Brust war beim Zuhören mehr als einmal heller Jubel erklungen. Ihr Busen wogte stürmisch auf und nieder. Das war der edle Charakter und die Unerschrockenheit Bernhards! Sich zur Ruhe zwingend, sprach sie:

»Möchtet Ihr, Fremdling, diese Gabe nicht doch als Andenken an mich mit Euch nehmen?«

Die Augen des Jünglings ruhten versunken auf dem schönen Mädchen.

»Das Gold, das Ihr mir bietet,« sagte er traurig, »würde bei mir keine bleibende Statt haben. Der Hunger ist der grimmigste Feind der Fahrenden. Ich weiß, daß ich mich von Euerm Dukaten einstmals doch trennen müßte, und das täte mir im Herzen weh! So Ihr meinen schlechten Dienst aber reich lohnen möchtet, schenkt mir das blutrote Schleiflein von Euerm Kleid, das Euch just am Herzen sitzet.«

Errötend lächelte Sonnhild und willfahrte der Bitte. Der Jüngling empfing mit zitternder Hand das Geschenk und führte es andächtig an seine Lippen. Dann sprach er leise:

»Er nannte Euch seinen Himmel! Ich begriff nicht, wie ein Liebender so sprechen könne. Jetzt aber, wo ich Euch gesehen, das jähe Erröten und Erbleichen Eurer Wangen beobachtet und Euern lauten Herzschlag vernommen, als Ihr ihn nanntet, jetzt verstehe ich seine Worte. Ihr zeigtet Euch gütig gegen mich und huldvoll und gewährtet mir dieses Geschenk. Jungfrau – das ist der beglückendste Lohn, der dem Spielmann werden konnte!«

Mit diesen Worten wandte er sich rasch ab und verschwand in der Menge.

Sonnhild sah dem Davonschreitenden mit warmen Blicken nach. Und selbst dann, als sie seine Gestalt in dem Gewühl nicht mehr unterscheiden konnte, stand sie noch eine Weile traumverloren. Endlich erinnerte sie sich des Ringleins und verließ mit schnellen Schritten den Festplatz.

Zu Hause angekommen begab sich Sonnhild heimlich in ihre Kammer und verriegelte die Tür hinter sich. Dann lauschte sie atemlos. Ob die alte Hanne ihr Kommen gehört hatte? Nichts regte sich. Alles blieb still, als wäre das große Haus mit den vielen Stuben und dunkeln Winkeln ausgestorben. Die Hanne saß gewiß strickend auf dem Lustgänglein in ihrem bequemen Stuhl. Und die Mägde weilten noch auf dem Festplatze.

Jetzt trat Sonnhild zum Fenster und zog den Ring hervor, ein eben nicht breiter goldener Reif und ein kleines Kunstwerk. Er stellte eine Schlange dar, die sich in den Schwanz biß – das Symbol der ewigen Liebe. Der immer schwächer verlaufende Leib war mit kunstvoll geschliffenen, überaus zierlichen Edelsteinen besetzt, die den Schuppenpanzer der Schlange darstellen sollten. Der Kopf des Tieres war abgeplattet, und die Augen bildeten zwei köstliche Rubinchen, von denen purpurleuchtende Strahlen ausgingen.

Das Mädchen stand wie geblendet. Dieser wunderschöne Ring! Keiner der ihrigen, soviel sie als vornehme Bürgerstochter deren auch besaß, glich ihm an Schönheit. Und dazu kam er von dem Geliebten! Sein Auge hatte auf ihm geruht und seine Hand ihn berührt. Im Überschwang ihrer Gefühle preßte Sonnhild einen Kuß auf das köstliche Liebeszeichen, und in ihren großen Augen schimmerten Freudentränen.

Dann entnahm sie einem aus Zedernholz gefertigten und mit Perlmuttereinlagen kunstvoll verzierten Schmuckkasten, der bis zum Rande mit Kostbarkeiten angefüllt war, eine dünne, goldene Kette und zog sie durch den Ring. Hierauf betrachtete sie ihn noch lange mit zärtlichen Augen, und es war dem Mädchen, als ob sie Zwiesprache mit dem Ringe halten könne.

Er erzählte ihr, wie oft der ferne Geliebte ihrer gedenke, und daß er zuweilen leise ihren Namen flüsterte. Und Bernhards feines, blasses Antlitz stieg vor Sonnhilds Geist herauf. Sie sah es in edlem Zorn wie mit Blut übergossen, als er hoch zu Roß, alle Gefahr verachtend, in die wütendes Menge hineinsprengte, sein Leben für einen arg Bedrängten aufs Spiel setzend. Denn wie leicht hätte sich die Leidenschaft des Volkshaufens gegen ihn kehren können! Das Mädchen erschauerte.

Die Dämmerung stahl sich herein, und Sonnhild hörte, wie die Besucher des Festplatzes in die Stadt zurückkehrten. Da hing sie das Kettlein um den entblößten Hals und barg den Ring an ihrem Herzen. Denn sie mußte ihn vor dem Auge des argwöhnenden Vaters verborgen halten.

Darauf kühlte sie die brennenden Augen und begab sich in das Familienzimmer.

Nach beendeter Abendmahlzeit stand Georg Waltklinger auf, streichelte Sonnhild liebevoll das Haar und drückte ihr den gewohnten Gutenachtkuß auf die Stirn. Dann ging er nach dem Ratskeller. Denn der heutige Tag war hoch bedeutsam, der denkwürdigste vielleicht, den das lebende Geschlecht feiern durfte. Herzog Heinrich hatte ja dem Lande die Reformation geschenkt!


Draußen war es dunkel und still geworden. Da überkam Sonnhild mit einem Male eine tiefe Sehnsucht, den Platz aufzusuchen, wo sie von dem Geliebten Abschied genommen.

Mit fliegender Hast eilte sie in ihre Kammer, schlang ein Tuch um die Schultern und stahl sich aus dem Hause. Die köstliche Luft des Sommerabends mit tiefen Zügen einatmend, schritt sie quer über den Markt und die Burggasse hinauf.

Der Mond war in einer schmalen Sichel aufgegangen und beleuchtete die Gassen hinreichend. Nur die im Schatten liegenden Häuserreihen waren in tiefes Dunkel getaucht. Aus den Schenken schallte Lärm, und durch die Fenster drang das Licht auf die Gasse. Sonnhild begegnete nur ein paar verspätet Heimkehrenden. Wenn sie an ihnen vorüberging, zog sie das Tuch sorgsam über das Gesicht.

So erreichte sie den Hohlweg. Als sie seine Steigung mit verlangsamten Schritten zurücklegte, hallte ihr Tritt leise von den hohen Mauern zurück. In diese schmale Schlucht fiel kein Lichtstrahl. Kaum konnte das Auge in der pechschwarzen Finsternis das Nächstliegende unterscheiden. Nichts regte sich; Kirchhofsstille. Sonnhild fühlte eine leise Beklemmung. Aber der Gedanke an den Geliebten verlieh ihr Mut.

Da hatte sie den Ausgang des Hohlwegs erreicht, und nun schimmerte in kurzer Entfernung vor ihr das matte Licht der Lampe des Torwarts vom Lommatzscher Tor.

Schon wollte sich Sonnhild linksab wenden, um dem Wege zu folgen, der am Afrakloster vorbei über den Domplatz zum Schlosse führte, als sie plötzlich jäh stehen blieb. Zu ihrer Linken hatte sich von der hohen Mauer ein Schatten gelöst, der durch die tiefe Dunkelheit unhörbar auf sie zukam. Ein furchtbares Angstgefühl überfiel das Mädchen. Sie wollte fliehen, aber ihre Glieder waren wie gelähmt.

Jetzt stand die Gestalt dicht vor ihr. Das Mondlicht fiel ihr voll ins Gesicht. Sonnhild fühlte, wie ihr Herzschlag aussetzte: sie sah in ein erschreckend bleiches Antlitz, aus dem ein Paar tiefliegender Augen sie starr betrachteten. Blitzschnell erinnerte sie sich des Abschiedes von Bernhard, bei dem diese Augen aus dem nahen Gebüsch heraus drohend auf sie gerichtet waren.

Das unbekannte Mädchen zuckte zusammen. Es hatte seine Todfeindin erkannt. Eine dämonische Freude schoß in das ausgezehrte Gesicht, und in den großen Augen flackerte es auf. Da stieß Sonnhild einen durchdringenden Schrei aus und lief davon, so schnell ihre Füße sie trugen. Das Judenmädchen aber eilte ihr in wilder Jagd hinterdrein.

Das Gattertor zum Friedhof vor dem Sankt Afrakloster stand offen. Sonnhild fuhr hinein und eilte zwischen den Gräbern hin, den Weg verfehlend. Die herabhängenden Zweige der Trauerweiden peitschten ihr Gesicht, und die Dornen der Rosenbüsche zerrissen ihre Kleider und Hände. Aber nur vorwärts! Dicht hinter ihr keuchte die Verfolgerin. Da hatte diese die Fliehende erreicht. Sonnhild fühlte, wie eine abgemagerte, heiße Hand ihre Schulter umklammerte … Noch einmal verlieh ihr die Verzweiflung Riesenkräfte. Mit ein paar wilden Sätzen gewann sie wieder einen kleinen Vorsprung, wobei ihr die umklammernde Hand das Tuch von der Schulter riß.

Eine weit geöffnete Pforte gähnte der Geängstigten tiefschwarz entgegen; – hinein! Wie Schatten huschten die beiden Frauen durch den langgestreckten Kreuzgang und zum hinteren Tor hinaus wieder ins Freie. Von neuem ging die rasende Flucht die Gänge des Friedhofs entlang und im Sprung über Grabhügel hinweg, durch das Gattertor auf die Straße zum Hohlweg zurück. Mit unverminderter Geschwindigkeit flogen sie den abschüssigen Weg hinab, in der pechschwarzen Finsternis nur durch die tiefen Atemstöße die Gegenwart des andern erkennend.

Am Ende des Hohlwegs befand sich das Terminhaus der Freiberger Dominikaner, das Stationshaus für den Bettelbezirk. Ein trübbrennendes Lämpchen hing jetzt über der Tür.

Pfeilschnell schoß Sonnhild darauf zu. Aber ihre Kraft war erschöpft, sie fühlte, daß sie nach wenigen Schritten zusammenbrechen mußte. Doch das Schnaufen der Verfolgerin trieb sie weiter.

Da sah Sonnhild im Näherkommen, wie von der Burggasse her ein Weib auf den schwachen Lichtkreis zuschritt. In der nächsten Sekunde war sie bei ihr.

»Helft, Frau! Um Gottes willen, erbarmt Euch!« stieß die Todesmatte aus und sank auf dem kleinen Platz nieder.

Verwundert blickte die Fremde auf das zusammengebrochene Mädchen. Da flog eine zweite Gestalt atemlos heran und war im Begriff, sich auf die Liegende zu stürzen, als das Weib dazwischentrat.

»Mirjam!«

Die Rasende prallte zurück.

»Mutter, hinweg!« zischte sie.

»Mirjam,« bat die Stimme.

»Hinweg, sage ich – sie darf nicht mehr leben …«

Gleichzeitig stieß sie die Frau beiseite, und Sonnhild sah ihr wutverzerrtes Gesicht und ihre glühenden Augen über sich gebeugt. Da wurde das Mädchen weggezogen und die beiden Frauen rangen miteinander, bis die Mutter die Schwachwerdende festhielt, ihren Mund zu deren Ohr neigte und ihr leise ein paar Worte zuflüsterte.

Die Wirkung dieser Mitteilung war entsetzlich. Eine Sekunde lang stand die Rasende unbeweglich. Dann warf sie die Hände über den Kopf und fiel mit einem erschütternden Schmerzensschrei hintenüber.

Eine kurze Weile betrachtete die Mutter in bitterer Wehmut ihr Kind. Dann hob sie die Ohnmächtige auf und verschwand mit ihr in der Dunkelheit des Hohlwegs.

Halb betäubt raffte sich Sonnhild empor. Das von Wut entstellte Gesicht wollte nicht vor ihren Augen verschwinden, und der durchdringende Aufschrei gellte ihr noch in den Ohren gräßlich wider.

Endlich wandte sie sich um und kehrte erschöpft nach Hause zurück.