Den Burgemeister Waltklinger nahmen in diesen Tagen seine Amtsgeschäfte stark in Anspruch. Der Ruf seiner Tüchtigkeit als Stadtoberhaupt war auch zum Herzog Heinrich gedrungen. Und obwohl dieser ihn nicht kannte, schätzte er ihn. Denn es war wertvoll, gerade in Meißen, der Residenz des Bischofs, jetzt einen energischen und zuverlässigen Burgemeister zu wissen.
Zwar war der rechtmäßige Vertreter der Landesregierung der Amtmann. Und an Ernst von Miltitz' treuer Pflichterfüllung und Anhänglichkeit an das Herrscherhaus wurde nicht gezweifelt.
Ob nun aber die Regierung in Dresden es vorzog, sich an den Burgemeister Waltklinger wegen seines großen Einflusses auf die Bürgerschaft Meißens und wegen seines Eifers für die neue Lehre unmittelbar zu wenden, oder ob sie das religiöse Empfinden des katholischen Amtmanns schonen wollte – genug, jedenfalls wurde in diesen Tagen der Rat der Stadt mit der Ausführung von Herzoglichen Verordnungen betraut, deren Vollziehung zu andern Zeiten dem Amtmann zufiel.
Darüber herrschte unter den Ratmannen lebhafte Befriedigung, denn der Vorzug, der ihrem Burgemeister solchergestalt wurde, schmeichelte ihrem Stolz. Unter der Einwohnerschaft lief sogar das Gerücht herum, Ernst von Miltitz sei beim Herzog in Ungnade gefallen, worüber manch einer leise Schadenfreude empfand.
Obzwar die Stadt der Tüchtigkeit des Amtmanns manche Verbesserung verdankte, wurde doch andrerseits sein straffes Regiment als lästig empfunden. Zudem war er Katholik! Und gerade in diesen kriegerischen Tagen, nachdem man so lange für das neue Evangelium gestritten und so viele Demütigungen durch den fanatischen Klerus erlitten hatte, genügte schon die Zugehörigkeit zur katholischen Kirche, um einem Mann die Volksgunst zu entziehen.
Eines Vormittags erschienen im Hause des Burgemeisters zwei Ratmannen, Peter Sorgenfrei, der reiche Fleischhauer, und der alte Niclas Anesorge. Sie trafen ihn natürlich bei der Arbeit. Georg Waltklinger legte die Arbeitsschürze ab und geleitete seinen Besuch nach einer der Prunkstuben im ersten Stockwerk. Hier setzten sie sich an den runden Tisch.
Das Temperament dieser beiden Ratmannen war grundverschieden. Niclas Anesorge war der bekannte Brausekopf, der sich trotz seiner hohen Jahre leicht zu Unüberlegtheiten hinreißen ließ. Der am Ausgang der Fünfziger stehende Peter Sorgenfrei hingegen war bedächtig in Wort und Tat, aber von einer zähen Ausdauer. Er besaß einen hünenhaften Körper, und seine Bewegungen waren schwerfällig. Seine Familie galt als eine der ältesten der Stadt.
Niclas Anesorge war in fröhlicher Stimmung. Schmunzelnd rieb er sich die Hände, während er versetzte:
»Wer hätte noch vor wenigen Wochen gedacht, daß sich alles so glücklich schickte! Herzog Heinrich, du bist mir der Liebste!«
»Ja, es hat sich wunderbar gefügt,« sagte Waltklinger.
»Am Tage, wo die Schwarzröcke zum Tor hinausziehen, soll aus dem Löwenmaul des Marktbrunnens auf mein Geheiß Wein fließen,« erwiderte Anesorge.
»Wie ihr wißt,« begann Waltklinger, »haben wir alljährlich gegen Bezahlung aus der Herzoglichen Hofkasse an das Kloster zum heiligen Kreuz meißnisches Tuch und schwäbische Schleier geliefert. Nun hat in diesem Jahr die Äbtissin Christina von Lüttichau für jede Nonne einen Leidener Rock und einen lundischen Mantel bei der Hofhaltung in Dresden angefordert.
Was tut da der Herzog? Heute früh erhalte ich ein Schreiben, wonach die alljährliche Lieferung an das Kloster unterbleiben soll. Die frommen Schwestern aber hat er streng angewiesen, das Ordensgewand abzulegen und weltliche Kleider zu tragen.«
Niclas Anesorge lachte ins Fäustchen.
»Ein verständiger und energischer Herr ist Herzog Heinrich,« klang Peter Sorgenfreis tiefer Baß. »Der packt fest zu. Wie weit ist denn die Streitigkeit mit der Domgeistlichkeit, Burgemeister?«
»Dieselbe Verordnung des Herzogs, die uns die Einführung der Lutherischen Lehre anbefiehlt, hat natürlich auch der Bischof erhalten.«
Anesorge krümmte sich vor Freude.
»Mein halbes Vermögen,« rief er, »hätte ich darangegeben, die giftgrünen Pfaffengesichter zu sehen, als sie es erfuhren. Die kugelrunden Domherren werden fauchend umeinander gesprungen sein wie geprügelte Katzen.«
Lächelnd fuhr Waltklinger fort:
»Wenige Tage darauf bietet der Bischof dem Herzog an, er wolle Kirchen und Schulen reformieren. Aber damit war Heinrich nicht einverstanden. Vielmehr läßt er den geistlichen Herrn bescheiden, daß er die Reformation selbst durchführen wolle, und zwar streng nach dem Sinn der Augsburgischen Konfession.«
»Alles, was man vom Tun des Herzogs vernimmt, zeugt für seine Klugheit und Tatkraft,« unterbrach Sorgenfrei.
»Und um das begonnene Werk zu fördern, erklärt Herzog Heinrich dem Bischof gleichzeitig, daß er in den nächsten Tagen den Wittenberger Theologen Jonas zu ihm schicken werde, nach dessen Anordnung zu handeln sei.«
Niclas Anesorge sprang vom Stuhl auf und durchmaß stürmischen Schritts die Stube.
»Ein Segen ist dieser Herzog für das Land!« rief er wiederholt, »sein Andenken wird nie untergehen im sächsischen Volk!«
»Diese Haltung Herzog Heinrichs hat den Bischof natürlich aufs höchste erbittert, und es hat an heftigen Vorstellungen in Dresden nicht gefehlt. Dem Landesfürsten stehe es nicht zu, hat der Krummstab geäußert, sich in die innern Angelegenheiten der katholischen Kirche zu mischen. Der Fürsten Machtbereich erstrecke sich allein auf weltliche Dinge.
Darauf hat der Herzog in kühlem Ton erwidert, die Angelegenheiten der katholischen Kirche interessierten ihn gar wenig. Dafür bekümmere er sich eifrig um die protestantische Lehre, zu der er sich bekenne, und die nun auch fast alle seiner Untertanen angenommen hätten. Den Bischof werde sein geistliches Hirtenamt nicht mehr drücken, da er fortan nur noch verschwindend wenig Schäflein besitzen würde.«
Die beiden Ratsherren horchten mit Spannung auf des Burgemeisters Erzählung. Dieser fuhr fort:
»Nun ist unlängst der angekündigte Prediger Jonas in aller Stille angekommen und Rudolf von Rechenberg als weltlicher Rat ihm zur Seite. Diese beiden sind vor den Bischof getreten und haben unter Berufung auf die Verordnung des Landesfürsten von ihm die Abtretung des Doms verlangt. Darüber ist der geistliche Herr etwas aus dem Häuschen geraten, und er soll die herzoglichen Abgesandten wenig manierlich angehaucht haben. Mit um so größerer Ruhe haben diese die Forderung wiederholt und Gewaltmaßregeln in Aussicht gestellt. Der entrüstete Bischof ist daraufhin so lebhaft geworden, daß alle Domherren nacheinander herbeigelaufen sind. Und nun war das Gezeter natürlich groß.
Der Dom ist kirchliches Eigentum, hat der Bischof einmal über das andere gerufen. Nein, hat Rudolf von Rechenberg ruhig geantwortet, er ist von den Spenden und Abgaben des Volkes erbauet worden und Eigentum des Landes. Den kirchlichen Vertretern wurde er alsdann zur Benutzung übergeben.
Wir werden das Gotteshaus nicht herausgeben, hat der zornige Priester gewettert, auf daß es nicht entweihet werde.
In dem ehrwürdigen Bau, hat darauf Rechenberg erwidert, werde auch in Zukunft dem allmächtigen Gott ebenso ergeben und inbrünstig gedient werden, wie bisher. Und die göttliche Liebe und Gnade werde sich auch über die neue Gemeinde ausgießen. Die Diener der katholischen Kirche möchten nur ruhig das Gotteshaus verlassen und die felsenfeste Überzeugung mitnehmen, daß der Dom für alle Zeiten eine geweihte Stätte bleiben werde. Nicht Stein und Eisen stempelten den Bau zur Kirche, sondern der lebendige Geist, den das göttliche Wort in den Seelen der in ihm Versammelten erzeuget.«
Georg Waltklinger machte eine Pause.
»Ihr werdet nun wissen wollen,« begann er wieder, »woher ich dies alles so gut kenne. Hört den Schluß meiner Erzählung, woraus hervorgehen wird, daß bei der Ausführung der Herzoglichen Verordnung ich selbst mitgewirkt habe.«
Die Zuhörer fuhren überrascht auf, versuchten aber nicht, den Fluß der Rede mit unnützen Fragen aufzuhalten.
»Die beiden Abgesandten des Herzogs hatten dem Bischof die Frist von dreimal vierundzwanzig Stunden gestellt. Nach Ablauf dieser Zeit sollten alle Merkmale des katholischen Glaubens aus dem Dom entfernt sein. Dies geschah nicht. Vernehmt nun, wie Herzog Heinrich seinem landesherrlichen Ansehen Nachdruck verschafft.
Verwichene Nacht, es mochte gegen ein Uhr in der Frühe sein, tönt der eiserne Klopfer an meinem Haustor sehr vernehmlich dreimal. Ich verlasse das Bett, kleide mich rasch an und öffne. Ein Mann tritt in den Flur. Beim Schein der flackernden Kerze erkenne ich Herrn Rudolf von Rechenberg.
›Herr Burgemeister,‹ spricht dieser, ›ich ersuche Euch, mit mir zu gehen. Auf herzogliche Weisung bedarf ich Eurer Zeugenschaft als bestallter Vertreter der Stadt Meißen.‹
Ich werfe meinen Nachtmantel über, und wenige Minuten darauf schreiten wir durch die Burggasse und die Stiegen hinauf nach dem Schloß. Kein lebendes Wesen war zu sehen. Auf dem Domplatz begegnet uns ein Mann. – ›Herr Jonas, es kann beginnen‹, sagt Rudolf von Rechenberg.
Da sehe ich vor der offenen Dompforte eine Schar Leute, zehn oder zwölf, und sechs bewaffnete Burgknechte, die den Eingang bewachen.
Nun treten wir in das Innere des Doms. Zunder flammt auf, und beim Schein von Pechfackeln geht es vorwärts. Unsere Tritte hallen durch das nächtliche Schweigen von den hohen Mauern zurück.
Wir stehen vor dem Altar. Herr Rudolf von Rechenberg läßt alles von ihm entfernen, was an Sonderheiten der katholischen Lehre vorhanden. Schweigend packen die Männer die Geräte in bereitgehaltene Körbe, – Altardecke, Paramente, Monstranz, Glocken, Weihrauchkessel, Patenen, Peristerium und das Aquamanile. Auch der Reliquienschrein wird entfernt und noch mancherlei dazu.
Herr Jonas bezeichnet die Gegenstände, und Rechenberg befiehlt, sie wegzuräumen.
Endlich ist scheinbar alles getan. Da ruft Herr Rudolf von Rechenberg einige Männer zu sich, ihres Zeichens Steinmetzen, wie ich alsbald erkennen sollte. Mit diesen begibt er sich zum Grabe des heiligen Benno und weist die Leute an, es zu entfernen. Sie werfen ihre Kittel ab, und nun hallen die Schläge von Hammer und Meißel durch die Stille, bis der tote Bischof den Platz geräumt hat und sein Grabmal dem Erdboden gleich gemacht ist. Die entfernten Steinbilder werden gleichfalls sorgsam in Körbe verpackt.
Nun, Herr Jonas, hebt Rechenberg an, ist das Werk vollendet? Der Wittenberger Theolog schaut sich lange um. Es ist getan, sagt er endlich.
Da läßt Herr von Rechenberg die Körbe schließen. Tragt sie nach dem Heinrichskloster hinab, befiehlt er den Männern. Diese heben ihre Last auf und entfernen sich.
Darauf wendet er sich an mich. Herr Burgemeister, sagt er mit jener Gelassenheit, die ihn auszeichnet, solchermaßen bewältigt man rebellische Priester. Der Fürst muß immer Herr bleiben in seinem Lande. Er dient allein dem Höchsten, nicht der Kirche. Diese ist ihm untertan. Lasset alle wissen, was Ihr hier gesehen, und tut der Einwohnerschaft kund, daß morgen abend neun Uhr der erste lutherische Gottesdienst im Dom von unserem wackern Herrn Jonas abgehalten wird. Sobald heute die Stunde schicklich, teilen wir diesen herzoglichen Willen dem Amtmann mit.
Als ich das herrliche Gotteshaus verließ,« schloß Georg Waltklinger seinen Bericht, »dämmerte im Osten fahles Frühlicht herauf, und auf dem Schloßfirst jubelten die Schwarzdrosseln dem jungen Tag entgegen. Ich aber sah und hörte nicht viel von alledem, so hatte mich das Erlebnis ergriffen!«
Aber auch die beiden Ratmannen standen unter dem Bann des Erzählten.
»Wann willst du den Rat zusammenberufen, Burgemeister?« fragte Peter Sorgenfrei.
»Für heute nachmittag vier Uhr. Der Ratsbote ist darum schon auf den Beinen. Der Bürgerschaft soll es durch den Ausrufer verkündet werden.«
Niclas Anesorge frohlockte.
»Wie wird dem Siebeneichener die Galle schwellen, wenn er hört, daß wieder einmal ohne seine Mitwirkung alles besorgt worden ist.«
»Und daß nicht er, sondern der Burgemeister zugezogen wurde,« setzte Waltklinger lächelnd hinzu.
Peter Sorgenfrei blieb ernst.
»Burgemeister,« sagte er in seiner ganzen Bedächtigkeit, »meinst du nicht, daß es an der Zeit wäre, den Amtmann durch ein paar freundliche Worte wissen zu lassen, wie der Rat der Stadt Wert darauf legt, in guten Beziehungen zu ihm zu stehen?«
Da fuhr der alte Anesorge auf:
»Freundliche Worte diesem Amtmann? Warum nicht gar!« rief er patzig.
Georg Waltklingers Stirn hatte sich gerunzelt.
»Wir sind Ernst von Miltitz keine Erklärung schuldig,« sagte er mit verhaltenem Grimm. »Er hat das gute Einvernehmen zwischen uns gestört, nicht wir. Von seiner Seite kamen die Angriffe.«
»Er befolgte Willen und Weisung seines Fürsten!«
»Mit Quälereien hat er uns zugesetzt, als er wußte, in welch tiefer Sehnsucht sich die Bürgerschaft nach dem neuen Evangelium verzehrte.«
»Er schuldete seinem Herrn Gehorsam!«
Waltklinger lachte bitter auf. Wohl war er innerlich überzeugt, daß Ernst von Miltitz als Beauftragter des Herzogs nicht anders hatte handeln können. Aber sein Widerwillen gegen diesen Mann war so stark, daß er ihm wissentlich unrecht tun konnte.
»Du meinst also, wie er zu uns kam und uns zu überreden versuchte, tat er nur – – –«
»Seine Pflicht!« unterbrach Peter Sorgenfrei eisig. »Du selbst, Burgemeister, und gerade du hättest nicht anders gehandelt. Ein ungetreuer Knecht, der nicht den Willen seines Herrn erfüllte!«
Georg Waltklingers Erregung wuchs.
»Sorgenfrei,« sagte er kopfschüttelnd, »du befindest dich in einem großen Irrtum. Wohl ist ein Amtmann seinem Fürsten zum Gehorsam verpflichtet. Aber hinter allem, was Miltitz sprach und uns in kirchlichen Dingen auferlegte, lauerte ein gut Teil persönlichen Übelwollens. Weißt du nicht, daß der hochmütige Herr auf Siebeneichen einer der schlimmsten Römlinge ist, die wir im Lande haben?«
»Recht hast du, Burgemeister,« eiferte Niclas Anesorge. »Dieser Amtmann ist uns doppelt mißgünstig gesinnt. Einmal gehört er zu jenen Vertretern des Adels, die die Bauern am liebsten vor den Pflug spannen und uns Städtern einen strengen Zehnten auferlegen möchten, damit sie im Nichtstun prassen können. Und das andere Mal ist er ein finsterer, herzloser Hasser von allem, was lutherisch ist.«
Der reiche Fleischhauer warf dem Sprecher einen mißbilligenden Blick zu.
»Dein weißes Haar, Anesorge, sollte dich endlich davon zurückhalten, Abwesende zu verunglimpfen. Aus deinen Worten spricht persönlicher Haß und kleinliche Gesinnung.«
»Hörst du's, Waltklinger?« fuhr der Gescholtene auf, »so spricht ein Ratmanne der Stadt Meißen!«
Peter Sorgenfrei ließ sich nicht irremachen.
»Du zeigst dich gegen den Amtmann gereizt, Burgemeister,« fuhr er fort. »Wir wollen unsere gute Zeit jetzt nicht daran verschwenden, zu untersuchen, wie weit du dazu im Rechte bist. Aber das eine nimm mir nicht krumm, Waltklinger: ich bin verwundert ob deiner Rede, der Miltitz sei ein Römling. Solches plappert der Volksmund. Lassen wir den Nachbetern ihr Geschwätz. Wir sind ernste Männer und sprechen nur das, was wir wissen! Oder solltest du Beweise für deine Behauptung besitzen? Dann will ich gern bekennen, daß ich im Unrecht bin.«
Der Burgemeister kämpfte mit einer leichten Verlegenheit. Hatte er Beweise? Nein! Sorgenfrei war kein geübter Sprecher, und es machte ihm sichtlich Mühe, längere Zeit zu reden. Aber was er sagte, war durchdacht. Alles war kernig an ihm! Ein Mensch, auf dessen Wort man wie auf einen Felsen bauen konnte.
Schnell gefaßt, versetzte Waltklinger:
»Hast du's ganz vergessen – 's ist noch nicht lange her –, wie der Amtmann unsere Ratsversammlung besuchte und uns überreden wollte, den alten Glauben zu behalten? Da verriet sich sein schwarzes Herz doch recht offenkundig!«
»Ich habe den Sinn seiner Worte getreu im Gedächtnis behalten,« erwiderte Sorgenfrei. »Miltitz verglich den alten und den neuen Glauben mit zwei Wegen, die zum ewigen Heil führten. Das ist eine Rede, wie sie ein eingefleischter Papist nicht im Munde führt. Denn ein solcher läßt das lutherische Wort nimmermehr gelten. Seien wir also gerecht.«
Waltklinger fühlte sich in die Enge getrieben. Sorgenfreis ungeschminkte Rede war nicht zu widerlegen. Da enthob ihn ein eintretender Bote, der einen Brief brachte, der Verlegenheit, zu antworten. Der Burgemeister öffnete und las die Schrift.
»Vom Amtmann,« sagte er. »Er fordert den Rat auf, übermorgen zehn Uhr vormittag vor dem Heinrichskloster einzutreffen, um die alte Streitigkeit zwischen dem Kloster und der Stadt wegen der Kirchhofsgrenze zu schlichten.«
Niclas Anesorge spitzte die Lippen und pfiff laut.
»Nichts als ein Vorwand,« rief er. »Der alte Fuchs will uns wieder einmal die Leviten lesen!«
»Glaub's schon, daß dem so ist,« stimmte Waltklinger zu. »In der letzten Zeit ist es zu oft geschehen, daß sich die Landesregierung unmittelbar an die Stadt gewendet hat, statt durch den Amtmann zu uns zu sprechen. Darob ist er ergrimmt. Und weil er nach oben hin still sein muß, hat er sich vorgenommen, dem Rat einmal seine ganze Macht zu zeigen.«
Anesorge stimmte zu. Peter Sorgenfrei schwieg. Waltklinger empfand dies als einen erneuten Widerspruch, der ihn stark verdroß, so sehr er seinen Vertreter auch schätzte.
»Gevatter,« wandte er sich mit schlecht verhehltem Spott an Sorgenfrei, »mir scheint, wir bemühen uns heute umsonst, deine Beistimmung zu erhalten. Und doch verfechten wir nur die Sache der Bürgerschaft. Der Herr Amtmann hat dir's angetan! Hm … Vertreter einer der ältesten Adelsfamilien des Landes, hohes Amt, sehr angesehen bei Hofe – – – Rückgrat! Rückgrat!«
Peter Sorgenfrei richtete seinen gewaltigen Körper etwas höher auf, wie ein gereizter Löwe tut, der es aber verschmäht, sich auf seinen Angreifer zu stürzen. Doch das Zittern seiner tiefen Stimme verriet den Zorn, der in ihm aufgestiegen war. Die Gutmütigkeit des reichen Fleischhauers war in der Stadt sprichwörtlich. Um so mehr wirkte es deshalb, wenn er zornig wurde.
»Ich kann es keinem erlauben,« sagte er endlich, »an meiner Gesinnung als Vertreter der Bürger zu zweifeln. Alles, was ich für die Stadt tue, habe ich daraufhin geprüft, ob es ihrem Wohle dient. So hab' ich es gehalten von dem Tage ab, an dem ich mein Amt übernommen. Wenn die Bürgerschaft mit Peter Sorgenfrei nicht mehr zufrieden ist, möge sie sein Amt von ihm zurückfordern. Bis dahin aber übe ich es so aus, wie in all den Tagen, wo ich mit gutem Gewissen Gott und den Menschen Rechenschaft ablegen konnte.«
Der Hüne zwang sich bei dieser Rede zur Ruhe. Nur die mächtige Hand, die auf dem Tische lag, zitterte. Jetzt verrauchte sein Zorn schon wieder. Und in gemäßigterem Tone fuhr er fort:
»Dies alles ist dir genugsam bekannt, Waltklinger, wenn selbst du so verletzende Worte gebrauchst, wie eben. Denn gerade du bist es, der mich vor allen andern wohl am besten kennt. Aber ebensogut kenne ich dich, dein Herz und deine Klugheit. Aber auch deine Schwächen! Und da wir einmal bei dieser Aussprache sind, will ich auf halbem Wege nicht stehenbleiben. Männer, die eine vierzigjährige Freundschaft verbindet, dürfen ganz offen zueinander sprechen.
Bürger und Adel sind die Kinder einer Mutter. Ihre Aufgaben sind in vielen Dingen gemeinsame. Was läge näher als ihr Zusammenarbeiten zum Wohle des Landes! Anstatt dieses zu tun, liegen sie seit Jahrhunderten in erbittertem Streit und vergeuden damit gute Kräfte. Wir kennen die Ursachen des Haders, der sich täglich erneuert. Gefehlt wird hüben und drüben! Wem aber das Gedeihen der Heimaterde am Herzen liegt, der sollte vom Streit ablassen und sich zum Frieden geneigt zeigen. Das gilt für die Einsichtigen in beiden Lagern. Schon hört man unter den Adligen Stimmen, die den Hochmut ihresgleichen uns Bürgern gegenüber verurteilen. Wenn sich aber solche Freunde des Friedens uns nähern, werden sie kalt zurückgewiesen. Das frommt dem Frieden nicht!«
Peter Sorgenfrei beugte sich weit vornüber.
»Georg,« sagte er eindringlich, »so mich nicht alle guten Geister verlassen, dann werde ich recht behalten, wenn ich ausspreche: der Siebeneichener ist einer von denen, die vermitteln möchten. Prüfen wir uns einmal recht sorgfältig, ob in manchem Streit, den wir mit ihm hatten, nicht die Ursache bei uns gelegen hat. Sein Regiment ist straff, aber nicht hart, und seine Gerechtigkeit wird gerühmt. Zudem sind die Widerwärtigkeiten des religiösen Zwistes beseitigt, die auf dem Wege lagen, wie spitze Stiefel. Aber mehr als einmal habe ich empfunden, daß er unser Vertrauen suchte. Und könnten wir uns entschließen, ihm solches zu schenken, so wäre das der erste Schritt zur Freundschaft!
Also: starker Bürgersinn und Bürgerstolz in Ehren! Aber trotzig wollen wir nicht sein und einem guten Wort eine gute Statt einräumen. Wer uns einen Schritt entgegenkommt, dem wollen wir's mit zweien danken. Das dient dem Frieden, Georg, und fördert das Wohl der Bürgerschaft!«
Der reiche Fleischhauer erhob sich.
»Genug, Freunde,« sagte er, »zwischen uns besteht Klarheit. Laßt meine Rede auf Euch wirken, sie ist gut gemeint.«
Und ohne eine Antwort abzuwarten, drückte er beiden Männern die Hand und ließ sie allein.
Die ruhigen Worte hatten auf die Zuhörer Eindruck gemacht. Als Sorgenfrei sie verlassen, schwiegen sie eine Weile. Dann fragte Niclas Anesorge etwas kleinlaut:
»Nun, Burgemeister, wie stellst du dich dazu?«
Waltklinger warf einen raschen Blick durch das Fenster, hinab auf den Markt, wo der Ausrufer mit der Klingel gerade verkündete, was sich in der verflossenen Nacht im Dom zugetragen hatte. Endlich versetzte er:
»Sorgenfrei ist ein Schönseher. Schon immer war er's. Nun er den Glaubenshader glücklich beseitigt weiß, meint er, Bürger und Adel brauchten sich nur in die Arme zu fallen. Ich wäre nicht abgeneigt, Frieden zu schließen. Aber der Bürger möchte Kratzfüße machen und mit krummem Rücken demütig bitten. So will es der Adel. Und so wird es nicht! Um Freundschaft bitten, haben wir nicht nötig. Ist es den Herren ehrlich daran gelegen, so mögen sie kommen. Hochmütig anschauen werden wir sie nicht. Bis dahin aber Gott befohlen!«
Anesorge lächelte.
»Du redest gut, Burgemeister. Auf dich ist immer Verlaß. Bis jetzt war das Pfaffengesindel der grimmigste Feind, nun ist es der Adel. – Und wie denkst du über den Amtmann?«
Waltklinger zog die Brauen zusammen.
»Dem trau' ich nicht! Er sollte bestrebt sein, unser Freund zu werden? Nimmermehr! Ich halte ihn keiner warmen Regung fähig. Vielleicht erleben wir es noch, daß sich mein Urteil als richtig erweist. Er ist ein herzloser Mann, der nur auf seinen Vorteil denkt. Ich werde seinen Hochmut mit Verächtlichkeit abtun.«
»Vortrefflich! Ganz ausgezeichnet!« frohlockte der alte Anesorge und klopfte den Burgemeister auf die Schulter. »Bleib' so, Waltklinger, wir alle werden dir beistehen!«
Danach trennten sich die Männer.