Am Abend des nächsten Tages strömte das Volk zum Dom. Und es waren ihrer weit mehr, die Eintritt begehrten, als der geräumige Bau fassen konnte. Zur gleichen Stunde hatte die katholische Geistlichkeit für die Anhänger des alten Glaubens einen Trutzgottesdienst in der Kirche des Franziskanerklosters verkünden lassen.
Hier wurde der ganze kirchliche Glanz des Mittelalters, das höchste Schaugepränge des katholischen Kultus entfaltet. Eine große Anzahl Kerzen verbreitete in der Kirche strahlendes Licht, und starker Weihrauchduft schlug den Eintretenden entgegen.
Der Hochaltar war rot bekleidet und mit schwersilbernen Leuchtern, die dicke Wachskerzen trugen, aufs prächtigste geschmückt. Zu diesem Hochamt hatten sich alle Priester Meißens und seiner Umgebung versammelt. Selbst aus dem nahen Dresden waren sie herbeigekommen.
Der Propst war mit dem vollzähligen Domkapitel erschienen. Die Domherren trugen Gewänder von kostbaren Stoffen mit Pelzwerk verbrämt und mit reichgoldenen Stickereien.
Das Chor war angefüllt mit Vikaren und Großvikaren, Offizialen, Diakonen und Subdiakonen, die hinter den Kanonikern standen. Den noch freien Raum nahmen die Choralisten ein, die sich beim Betreten des Chors nach Osten und Westen verneigten und die den beiden Prälaten, Propst und Dekan, die schuldige Achtung durch Verbeugen erwiesen.
Zuletzt erschien unter einem Baldachin der Bischof in vollem Ornat, geschmückt mit Mitra und Brustkreuz und den Krummstab in den Händen. Zahlreiche Ministranten begleiteten ihn. Das Pontifikalamt begann, bei dem der Bischof die Messe zelebrierte.
Unter den am Eingang stehenden Andächtigen befand sich ein Mann, der mit sichtlicher Unrast seine Augen schweifen ließ und nicht viel von der Weihung vernehmen mochte, die sich gerade vollzog. – – In nomine Patris et Filii et Spiritus sancti. Amen – – – – Seine Sinne arbeiteten angestrengt, ein Gedanke von höchster Bedeutung mußte ihn erfüllen.
Wie im Traum vernahm er noch das Dominus vobiscum, Et cum spiritu tuo, Oremus. Dann versank er in tiefes Grübeln, aus dem ihn erst wieder das Kyrie eleison merkte. Als aber das Gloria in excelsis ertönte, hörte er nichts mehr. Nur beim Verklingen des Gesangs murmelten seine Lippen: Amen.
Die Opferung wurde vollzogen, die Händewaschung – Orate, fratres, ut meum – – – – Per omnia saecula saeculorum – – –.
Das Sursum corda zitterte durch den Raum, die heilige Wandlung stand bevor. Hier erwachte der Grübler für einen Augenblick, dann wurde sein Geist wieder hinweggezogen. Da traf ein von Jugend auf wohlbekannter Klang sein Ohr, der den Versunkenen in die Gegenwart hereinriß, – das Tönen der Schelle der Ministranten. Ein Rauschen, und die ganze Gemeinde fiel auf die Knie. Der heiligste Augenblick der Messe war gekommen. Der Bischof erhob sich und zeigte die geweihte Hostie und den Kelch dem Volke.
Während der nun folgenden Kommunion sah der Mann wieder teilnahmlos auf die Schar der Andächtigen, bis der Priester das Te Deum laudamus anstimmte und die Gemeinde mit Inbrunst einfiel: Großer Gott, wir loben dich!
Da verließ der Mann die Kirche und trat hinaus auf den Heinrichsplatz. Seine Augen, von dem hellen Kerzenlicht geblendet, konnten die Finsternis nicht durchdringen. Die Stadt war wie ausgestorben, kein Mensch begegnete ihm.
In dem hohen Erker des Eckhauses an der Elbgasse brannte ein einsames Licht. Vom Heinrichskloster her tönten die Klänge des Lobgesanges ihm noch schwach hinterdrein. Sonst herrschte lautlose Stille.
In der Mitte des Marktes blieb der nächtliche Wanderer erschöpft stehen, nahm den Hut vom Kopf und trocknete die feuchte Stirn. Die Umrisse der hohen Giebel und Erker der Gebäude traten aus der Dunkelheit schwach hervor. Rechts stand das ehrwürdige Rathaus, zu seiner Linken ragte die wuchtige Fassade vom Wohnhause des Burgemeisters hoch in die Luft.
Der einsame Mann sah zum bewölkten Himmel auf; ein einziger Stern glänzte hell herab. Mit einer stummen Frage hingen seine Augen lange an dem blinkenden Licht. Wenn ihm von oben herab Rat kommen möchte! – Aber keine Stimme drang hernieder. Der leuchtende Stern zog seine ferne Bahn still weiter.
Jetzt ruhten die Blicke des Mannes versonnen auf dem Brunnen. Die steinernen Figuren standen steif auf ihren Sockeln. Ab und zu schien es, als ob sie die Gesichter einander zuwendeten und leise flüsterten. Der Löwe über ihren Häuptern betrachtete aufmerksam den runden Strahl, der ihm aus dem Maule floß, und es sah aus, als wenn er die Ohren spitzte und aufmerksam den murmelnden Klängen des alten Brunnenliedes lauschte, das seine Wasser sangen.
Noch einmal schlug der Einsame die Augen aufwärts. Sein Atem ging schwer. Da teilte sich plötzlich eine Nebelwolke, und zwei weitere Sterne wurden sichtbar. Die Blicke des Schauenden hingen wie gebannt an dieser Erscheinung, und sein Herz schlug laut. Sollte das Hervortreten der flimmernden Himmelslichter für ihn bedeutungsvoll sein? Wies das glänzende Dreigestirn nicht nach dem Dom? Der Mann erschauerte.
Noch eine kurze Weile hingen seine Augen an den Sternen. Dann riß er sich von dem Anblick los und ging mit schnellen Schritten die Burggasse hinauf.
Am Fuße der Domstufen brannte am Terminhause der Dominikaner wie allnächtlich das Lämpchen und leuchtete ihm ein Stück. Endlich stand er vor dem Dom, durch dessen bunte Fenster das Licht fiel und auf das Steinpflaster scharf geschnittene Rechtecke zeichnete.
Die Besucher des Gotteshauses standen eng aneinander gedrängt bis zu der offenen Tür. Jeder hatte an dem ersten protestantischen Gottesdienst im Dom teilnehmen wollen. Der Unbekannte stellte sich auf die steinerne Schwelle und sah hinein. Auch hier strahlte heller Lichterglanz bis in die fernsten Winkel des Kirchenschiffs.
Auf der Kanzel stand in schwarzem Talar mit weißen Beffchen die ehrfurchtgebietende Gestalt des greisen Predigers Jonas, der mit markigen Worten zu der Gemeinde sprach. Seine Augen leuchteten in heller Begeisterung, und das faltenreiche Gesicht war von einer jugendlichen Röte überzogen.
Die Rede des trefflichen Greises drang den Zuhörern zum Herzen. Wie gebannt hingen ihre Blicke an seinem Munde. Auch der Unbekannte lauschte den zündenden Worten.
Der weise Religionsdiener hatte als Stoff seiner Predigt das Herz der christlichen Lehre gewählt, jenes Kapitel, das wie kein anderes geeignet ist, das menschliche Empfinden wachzurufen. Er sang das unvergängliche Hohe Lied der Liebe! Jetzt sprach er von der Liebe zum Nächsten. Mit eindringlichen Worten ermahnte er seine protestantischen Zuhörer, es den katholischen Mitbrüdern nicht zu entgelten, wenn sie an ihrem alten Glauben festhielten, und keiner solle meinen, daß sein Glaube der wahre und nur allein gottgefällige sei. Hier müsse das Herz entscheiden. Das Irren sei der menschlichen Natur als Stempel aufgedrückt. Man dürfe nicht hoffärtig auf seiner Überzeugung beharren, – Demut und felsenfester Glaube an die Barmherzigkeit und Ewigkeit der Himmel seien der köstlichste Schmuck eines wahren Christen.
Mit diesen Worten schloß Herr Jonas die erste protestantische Predigt im Dom zu Meißen.
Jetzt erklang die Orgel. Zuerst spielte sie ein leises Präludium. Durch die Fülle der Töne zog sich eine gedämpfte Melodie, die nur leise anklang und gerade dann wieder entschwand, wenn die Zuhörer sie zu erkennen meinten. Ihr Wohllaut entzückte jedes Ohr.
Da riß das Vorspiel plötzlich ab. Eine Sekunde lang herrschte tiefe Stille. Dann setzte die Orgel mit voller Kraft ein. Die machtvollen Töne brausten durch den Dom bis in den entferntesten Winkel, schlugen hinauf zu dem großen Erlöserkreuz an der Decke und brachen sich an den hohen Säulen, daß diese erzitterten. Nun stimmte die Gemeinde mit vielhundert Kehlen in hoher Begeisterung den Gesang an. Es war jenes Lied, das in den damaligen Tagen in aller Mund war, und das die Mutter ihrem Kindlein als Wiegenlied sang – das Lied, das der mannhafte Doktor Martin Luther seinen Anhängern als Trutzlied beschert:
Der Unbekannte war der Predigt mit großer Aufmerksamkeit gefolgt. Jetzt aber, als er den brausenden Gesang vernahm und die hohe Begeisterung der Andächtigen von ihren Gesichtern las, fühlte er sich tief ergriffen.
Er verließ seinen Platz und ging sinnend vor dem Gotteshaus auf und ab.
Was vorhin im Heinrichskloster und jetzt hier im Dom die Seelen der Menschen im Bann gehalten, waren der Geist und die weihevollen Ausdrucksformen der beiden Hauptzweige der christlichen Kirche, die sich wie zwei Weltanschauungen schroff gegenüberstanden. Beiden wohnte die Kraft inne, das menschliche Herz vom Irdischen loszulösen und in unstillbarer Sehnsucht nach dem unerforschlichen Ewigen lauter schlagen zu lassen; – und doch gähnte zwischen ihnen ein tiefer Abgrund!
Dem Sinnenden ward offenbar, daß er einen schwankenden Steg von Fels zu Fels geschlagen hatte, auf dessen Mitte er jetzt unschlüssig stand.
Da hörte er Schritte. Und um sich neugierigen Blicken zu entziehen, ging er hinüber nach der Schotterei und verbarg sich im Dunkel.
Der Gesang war zu Ende, und die Besucher verließen den Dom. Noch durchdrungen von der Weihe, gingen sie in Gruppen schweigsam der Stadt zu. Nach kurzer Zeit war das Gotteshaus leer, und die Lichter verlöschten. Da verließ der Unbekannte seinen Platz und näherte sich der offengebliebenen Tür.
In der Kirche waren nur noch zwei Personen, der Domdiener, der bei dem matten Schein der auf dem Altar brennenden zwei Kerzen die Abendmahlgefäße ordnete, und der Prediger Jonas, der mit der Bibel unter dem Arm eben auf den Ausgang zuschritt. Da bemerkte der Greis an der Türschwelle einen Menschen. Er näherte sich ihm und betrachtete ihn bei dem herrschenden Halbdunkel forschend. Das Gesicht war Herrn Jonas bekannt; erst gestern hatte er diesem Mann gegenübergestanden.
»Ihr hier, – Herr Amtmann?« fragte er höchlichst erstaunt.
Ernst von Miltitz trat dicht an den Prediger heran und antwortete:
»Ehrwürdiger, ich bitte Euch, kehrt noch einmal um und … reicht mir das Abendmahl in beiderlei Gestalt!«