Sechzehntes Kapitel
Wider die Brüder des heiligen Franziskus

Am nächsten Morgen hatten sich der Burgemeister und die Ratmannen zu der vom Amtmann anberaumten Stunde auf dem Heinrichsplatz eingefunden. Die Ursache des Zusammenkommens war eine langjährige Streitigkeit. Während der Abt der Franziskaner behauptete, nach alten Abmachungen dürfe die niedrige Mauer des Friedhofs um zwei Ellen in den Frauenmarkt hineingerückt werden, machte die Stadt geltend, die Verbreiterung des Kirchhofes wäre früher wohl einmal erwogen worden, doch seien die Verhandlungen hierüber auf halbem Wege steckengeblieben. Die Klosterverwaltung hätte ihre Gegenentschädigung so verklausuliert, daß der Rat die Sache habe fallen lassen. Jetzt vorgebrachte Zeichnungen seien Entwürfe, wie es damals geplant war. Zum Abschluß der Unterhandlungen wäre es jedoch nicht gekommen.

Unter den Versammelten herrschte das Vorgefühl von Siegesbewußtsein. Zwar hatte das Kloster erhebliche Anstrengungen gemacht, die Rechtmäßigkeit seiner Forderung zu beweisen. Aber die Urkunde über den Abschluß beizubringen, war den Kuttenträgern nicht gelungen. Und der bestimmte Ton ihres Begehrens hatte die Stadtväter arg verschnupft. Freundlichen Bitten hätte man wohl das Ohr geliehen. So aber blieb der Rat kühl und bestand auf Vorweisung des Dokuments.

»Gebt wohl acht, Freunde, wie sich der Amtmann gebärden wird,« rief Niclas Anesorge den Ratmannen zu. »Der ist bekanntlich gut Freund mit dem Kloster. Freilich, – die Schwarzen halten zusammen.«

»Meinst du, daß Miltitz seinen Freunden zuliebe Recht bräche?« warf Siegmund Badehorn, der Becherer, ein.

Der in diesen Worten klingende leise Spott ernüchterte den alten Anesorge ein wenig. Er lachte verlegen auf und erwiderte:

»Na, Gevatter, du weißt ja, Wachs ist biegsam. Es kommt darauf an, wie man's knetet.«

»Und wer es in Händen hat,« brummte Peter Sorgenfrei.

Der verbissene Streitkopf ward ärgerlich.

»Eine Krähe hackt der andern kein Auge aus!« rief er.

»So ist es, Anesorge hat recht,« bestärkten Claus Haßbecher und Christoph Pfluger wie aus einem Munde.

»Als ob wir nicht schon Beweise genug dafür hätten, wie's gemacht wird, damit uns die Bäume nicht in den Himmel wachsen,« bestätigte Heinrich Faust.

»Wenn die katholische Kirche sich mit der Stadt um etwas streitet, hat diese von Rechts wegen unrecht,« erklärte Valentin Heide lachend.

Hans Mortitz, der Gewürzzehntner, nickte beifällig.

»An den Fingern könnte man die Fälle herzählen, wo es so eintrat,« meinte er.

Der Burgemeister vernahm diese Stimmen nicht ungern.

»Daß das Kloster sich der hohen Protektion des Siebeneichener Herrn erfreut, wissen wir,« sagte er trocken. »Wie sie es aber hier drehen und wenden werden, darauf bin ich neugierig. Stadtschreiber, habt Ihr die alten Verhandlungen vollzählig bei Euch?«

»Hier sind sie,« versicherte Valentin Schein.

Da wurde die Unterhaltung gestört. Der Prior, angetan mit grauer Kutte, trat aus dem Kloster und kam mit bedächtigen Schritten heran. Ihm folgte der Lektor mit einer großen Papierrolle in der Hand. Die Parteien begrüßten sich frostig, wurden aber jeder weiteren Verhandlung enthoben, denn über den Frauenmarkt kam soeben ein kleiner Trupp Berittener, mit dem Amtmann an der Spitze. Seine Begleiter waren Hans von Minkwitz, der stellvertretende Schloßhauptmann, und Anton von Schönberg. Vier Burgknechte mit Hellebarden auf den Schultern gingen hinterher.

Ernst von Miltitz war anscheinend gut aufgelegt. Er erwiderte den Gruß nach allen Seiten und ritt mitten unter die Versammelten, während sich seine Begleiter als Unbeteiligte ein Stück seitwärts hielten.

»Ein dringliches Geschäft ruft mich auf die Burg,« versetzte er, »unsere Sache wird ja nicht viel Zeit in Anspruch nehmen. Herr Prior, Ihr seid der Fordernde, bringt vor, was Ihr zu sagen habt.«

Der Angesprochene, ein alter Mönch mit gebeugtem Kopf und rundem Rücken, versetzte:

»Der Streit währet nun schon viele Jahre, und es wäre wohlgetan, ihn zu beendigen. Das Kloster verlangt die Hinausschiebung der Friedhofsmauer um zwei Ellen. Zur Abtretung des Streifens Land hat sich die Stadtverwaltung bereits verpflichtet …«

»Verpflichtet?« fiel hier der Burgemeister erregt ein.

»Laßt der Rede ohne Unterbrechung Lauf,« begütigte der Amtmann und sah von neuem auf den greisen Prior.

»Verpflichtet, sage ich,« sprach dieser weiter. »Wie anders würden wir das als Forderung bezeichnen, um was wir sonst nachsuchen müßten.«

»Nun, Herr Burgemeister,« versetzte Ernst von Miltitz, »was habt Ihr hiergegen vorzubringen?«

Georg Waltklinger war heute morgen ziemlich unwirsch erwacht. Das Bewußtsein, mit dem Amtmann verhandeln zu müssen, hatte seinen Nachtschlaf beeinträchtigt. Dazu reizte ihn der Streit mit dem Kloster. Und was bedeutete die befremdende Freundlichkeit des Amtmanns? Dahinter mußte etwas stecken! Der sonst besonnene Mann empfand Argwohn und Unruhe, und sein heißes Temperament rang heimlich mit der kühlen Beherrschung.

»Schon unter meinem Amtsvorgänger,« erwiderte er, sich zur Ruhe zwingend, »hat das Kloster sein Ersuchen an die Stadt gerichtet. Die Erfüllung scheiterte trotz aller Geneigtheit des Rats an der fehlenden Bereitwilligkeit zu Gegenleistungen. Zu einem Abschluß ist es nicht gekommen.«

Der Amtmann wandte sich wieder an den Prior.

»Ich selbst bin es gewesen,« versetzte dieser, »der damals, es mögen an die zwanzig Jahre verstrichen sein, die Unterhandlungen des Klosters als Lektor führte.«

»Unterhandlungen!« rief der Burgemeister, »aber kein Abschluß. Es ist nichts verbrieft und nichts besiegelt.«

»Vielleicht sind die Parteien geneigt, sich zu vergleichen,« riet der Amtmann.

»Wir wären gern einverstanden,« versetzte der Prior, »dem Schaden muß doch abgeholfen werden, bevor er unheilbar ist. Der Friedhof ist des Klosters und dient den frommen Brüdern als letzte Ruhestätte. So die Stadt unsere Forderung bewilligte – auch ihr mangelt es an Begräbnisplätzen –, wären wir erbötig, den Bürgern einen Teil des Gewonnenen einzuräumen. Das ist mein Vorschlag.«

Ernst von Miltitz wandte sich an Waltklinger.

»Wie denkt Ihr darüber? Mir will das Anerbieten günstig erscheinen.«

Die Ratmannen verhielten sich still und sahen auf ihren Burgemeister. Nur vereinzelt tönten aus ihrer Mitte Zeichen des Beifalls.

In Waltklinger begehrte der Eigensinn auf. Amtmann und Prior waren ihm beide verhaßt. Warum auch sich vergleichen! Lieber diesen ohnehin geringen Gewinn der Stadt entgehen lassen. Sie würden hinterher ja doch nur triumphieren, dem Rat einen Vorteil abgelistet zu haben. Für diesen Spott von Kirche und Adel war der Bürger zu gut!

»Herr Amtmann,« erklärte er schroff, »die Stadt beabsichtigt nicht, auf einen Vergleich einzugehen. Der angebotene Raum hülfe unserm Bedürfnis nicht ab, da er viel zu klein wäre. Der Rat erwägt überdies die Anlage eines größeren Friedhofes vor dem Jüdentor.«

Diese wenig verbindliche Rede verdroß den Amtmann etwas.

Aber Ernst von Miltitz war heute in gehobener Stimmung, so daß er dem Sprecher die Unfreundlichkeit nicht nachtrug.

»Das Angebot ist abgewiesen, Herr Prior,« sagte er bedauernd.

Der Greis schüttelte den Kopf, als wenn er diese Hartnäckigkeit nicht verstünde.

»Wohllöblicher Rat,« hob er in väterlichem Ton an, »glaubt es mir altem Mann, wenn ich versichere, daß die Stadt die Verpflichtung hat, die Forderung zu erfüllen.«

»Euer graues Haar in Ehren,« antwortete Georg Waltklinger frostig, »aber es ist nicht üblich, mit mündlichen Versicherungen zweifelhafte Abmachungen als geschehen darzustellen. Beweist es!« –

Ernst von Miltitz machte eine Handbewegung, die die Richtigkeit dieser Worte bestärkte.

»Herr Prior, wie Ihr wißt, – ohne Beweis kein Urteil.«

Da wandte sich der ehrwürdige Greis um und griff nach dem Pergament, das der Lektor ihm reichte. Die vergilbte Urkunde ausrollend, sprach er:

»Vor wenigen Wochen haben wir diesen Zeugen für die Rechtmäßigkeit unserer Forderung im Archiv des Klosters ganz zufällig entdeckt. Wir hofften, ohne dieses Beweisstück gütlich auszukommen; es mißlang. Nun mag der Zeuge sprechen. Dies ist eine Zeichnung über die vereinbarte Änderung. Sie unterscheidet sich von den bereits beigebrachten aber dadurch, daß sie am Rande die Worte trägt: Hiemit einverstanden. Gottlieb Kühne, Burgemeister. So es Euch beliebt, Herr Amtmann, mögt Ihr Euch leicht von der Wahrheit überzeugen.«

Mit diesen Worten trat der Prior an Ernst von Miltitz heran, der sich vom Pferde herabbeugte und mit lauter Stimme die Randschrift noch einmal las.

Diese plötzliche Wandlung hatte die Ratmannen so überrascht, daß jeder von ihnen die Sache verloren gab. Nur Georg Waltklinger beharrte bei seinem Sträuben.

»Mit dem Anerkenntnis des verstorbenen Stadtoberhaupts ist der Streit entschieden,« versetzte Ernst von Miltitz. »Dem Kloster steht die Veränderung der Fluchtgrenze mit Recht zu.«

»Wo ist der Beweis dafür, Herr Amtmann?« sagte der Burgemeister mit schlecht verhehlter Erbitterung.

»Hier ist er,« antwortete Ernst von Miltitz und wies auf das Dokument.

»Das ist keine Urkunde nach dem Gesetz,« brauste Waltklinger auf. »Wo ist der Schriftsatz, frage ich, der bestehen muß, wenn eine Sache als rechtsverbindlich gelten soll?«

Den Ratmannen wurde ungemütlich. Sie erkannten, daß ihr Burgemeister im Begriff war, eine Torheit zu begehen. Und manch einer, der wußte, wie es um Waltklingers Jähzorn stand, bangte für ihn. Seine herausfordernde Haltung und das Beben seiner Stimme weissagten nichts Gutes.

Aber Georg Waltklinger bezwang sich noch einmal.

»Eine Schrift über die Gültigkeit der Abtretung muß doch vorgelegt werden,« wiederholte er in ruhigerem Tone.

Ernst von Miltitz war ein feiner Menschenkenner. Er ahnte, was in dem Erregten vorging. Eine kurze Weile war er unentschlossen, ob er die ungehörige Form des Einspruchs rügen solle. Da bestimmte ihn der gemäßigtere Ton Waltklingers es zu unterlassen.

»Herr Burgemeister,« versetzte er ruhig, »Ihr befindet Euch in einem Irrtum. Nicht einen ausführlichen Schriftsatz verlangt das Gesetz über Abmachungen dieser Art, sondern eine schriftliche Anerkennung. Als solche muß ich den Vermerk Eures Amtsvorgängers ansehen.«

Georg Waltklingers Auge glühte. Er reckte sich hoch auf, und die Umstehenden sahen, daß er zitterte. Wie er so stand, mit wogender Brust, den schönen Kopf mit dem kurzgeschnittenen Vollbart zurückgeworfen, bot er ein Bild wahrhafter Männlichkeit – hingerissen von der Leidenschaft.

»Herr Amtmann,« rief er mit bebender Stimme, »das bedeutet eine Vergewaltigung der Stadt …«

»Bist du unsinnig?« rannte ihm Peter Sorgenfrei von hinten zu.

Waltklinger empfand den Warner wie einen neuen Feind. Seine Wut wurde durch die Beschwichtigung nur noch größer. Er wandte den Kopf nach ihm zurück …

In demselben Augenblick machte das Pferd des Amtmanns eine rasche Bewegung. Das lange Stehen hatte es ohnehin unruhig gemacht, und sein Schweif hatte rastlos die Mücken abgewehrt. Jetzt mußte das Tier den Stich eines dieser Blutsauger empfinden. Es tat einen plötzlichen Schritt vorwärts und bäumte auf. Waltklinger hatte sich gereizt zu Sorgenfrei gewendet, da fuhr er herum. Des Pferdes Kopf war dicht über dem seinen. – Der Amtmann fühlt sich verletzt, durchblitzte es ihn, er will dich überreiten. Und seine erregte Phantasie ließ eine erhobene Reitpeitsche über ihm schweben, die in der nächsten Sekunde niederfallen mußte. Sollte der Bürger warten, bis ihn der Adlige …

Da griff er schon in die Zügel, um das Pferd zu halten. Aber sein maßloser Zorn hatte ihm alle Überlegung geraubt. Gerade wie das Tier wieder im Niedergehen war, riß er es mit gewaltigem Arm herab, daß es fast auf die Knie niederbrach. Der Reiter, durch das plötzliche Aufbäumen zurückgeworfen, wurde jetzt auf den Pferdehals geschleudert und stürzte kopfüber herab, noch ehe die Umstehenden zur Hilfe herbeispringen konnten.

Nun hoben sie den Besinnungslosen auf; sein Gesicht war vor Schmutz fast unkenntlich.

Noch hielt die Bestürzung alle im Bann, als Hans von Minkwitz, der stellvertretende Schloßhauptmann, vom Pferde sprang und rief:

»Burgemeister Waltklinger, ich verhafte Euch im Namen des Gesetzes! Ihr habt Euch in seinem Vertreter an der unverletzlichen Person des Herzogs vergriffen!«

Auf diese Worte hin drangen die vier Burgknechte durch die Versammelten und nahmen den Verhafteten in ihre Mitte.

Georg Waltklingers Gesicht war weiß wie ein Tuch. Seine Augen ruhten starr auf dem Gestürzten, der gleich einem Toten in den Armen zweier Ratmannen lag.

»Auf das Schloß mit ihm!« rief Hans von Minkwitz den Burgknechten zu, während Siegmund Badehorn und Valentin Heide den Ohnmächtigen vorsichtig nach der nahen Baderei trugen.

Da trat Peter Sorgenfrei vor.

»Herr Schloßhauptmann,« sagte er in tiefer Bewegung, »ein entsetzliches Unglück ist über uns gekommen. Noch vermögen wir nicht, es zu fassen. Waltklinger wird sich der rechtlichen Untersuchung nicht entziehen. Nur erlaubt gütigst, daß Eure Knechte ihn hinüber nach der Fronfeste bringen, anstatt auf das Schloß.«

Hans von Minkwitz, obgleich wie alle Umstehenden aufs höchste erregt, verstand. Der Burgemeister der Stadt – – – in Haft auf dem Schloß? Die Bürger wollten zeigen, daß der städtische Gewahrsam ebenso sicher sei und daß sie es als Ehrensache betrachteten …

»Peter Sorgenfrei, verbürgt Ihr Euch als jetzt amtierender Burgemeister für die Sicherheit des Gefangenen?« fragte der Schloßhauptmann.

»Ich verbürge mich,« antwortete dieser.

»Dann nach der Fronfeste,« befahl Minkwitz.

Georg Waltklinger blickte teilnahmlos auf die Sprechenden. Da gab ihm einer der Burgknechte ein Zeichen, worauf er in ihrer Mitte nach dem nahen Turm schritt. Und alle Anwesenden gaben ihm das Geleit.