Der Torhüter des Lommatzscher Tores war ein hochbetagter Jude und hieß Rebbe Liebmann. Obgleich die Juden nicht geachtet waren, erfreute sich der alte Liebmann eines guten Rufs. In ernster Zeit, als die Pest, die grausige Würgerin, wieder einmal durch die deutschen Lande fegte, hatte er sein schweres Amt übernommen. Mit sprichwörtlicher Zuverlässigkeit hütete er das Stadttor, und die ehrwürdige Erscheinung des Alten wurde im Laufe der vielen Jahre zu einem Wahrzeichen der alten Markgrafenstadt. Nicht nur das herangewachsene Geschlecht Meißens kannte und schätzte ihn, sondern auch alle Fuhrleute weit und breit. Vielen hohen und niederen Reisenden war er bekannt und einer großen Anzahl der Vaganten und Handwerksburschen, die das liebe deutsche Vaterland unausgesetzt nach allen Richtungen hin durchzogen.
Denn unter diesen Herumstreichern wurde der nicht als zunftmäßig angesehen, der nicht wenigstens einmal die spitzen Domtürme und die verwitterten Mauern des hochragenden Schlosses von Alt-Meißen gesehen hatte. Gerade diese Stadt galt vor vielen andern deutschen Städten als ein beliebtes Ziel der Wanderfahrten.
Am Bodensee und am Niederrhein, in den Marschen und im Bereiche des flatternden schwarz-goldenen Kreuzbanners vom Deutschen Ritterorden sprach man daher von dem eisgrauen Torhüter Meißens. Und alle fahrenden Burschen, die wieder einmal, von Leipzig kommend, durch das Lommatzscher Tor in die Stadt einzogen, begrüßten ihn mit freudigem Zuruf. So vieles sich im Laufe der Jahre auch veränderte – die Burg, der Dom und der alte Rebbe in Meißen blieben.
Sein Weib war ihm gestorben. Dafür besorgte die Tochter den Haushalt der Familie, die ein Enkelkind vermehrt hatte. Und als Liebmann – fast hundertjährig und noch immer rüstig – erblindet war, gab man ihm einen Gesellen zur Hand. Der Alte durfte seine Wohnung im Torwärterhaus behalten, und die Stadt gewährte ihm den Unterhalt bis ans Lebensende.
Mit beklommenem Herzen trat Sonnhild in das Haus des alten Torhüters, wo ihr Mirjams Mutter entgegenkam.
»Ihre Kammer ist die erste im Oberstock,« sagte sie und führte Sonnhild zu der dunkeln Holzstiege. Die ausgetretenen Stufen knarrten, als des Mädchens leiser Tritt sie berührte.
Sonnhild öffnete die nächste Tür und trat ein. In der kleinen Kammer stand am Fenster ein Bett, in dem die Kranke lag. Erschreckt blieb Sonnhild stehen und betrachtete die Züge des Mädchens, die sich so verändert hatten, daß sie fast nicht mehr zu erkennen waren. Das Gesicht war wachsbleich, und die roten Flecken auf den eingefallenen Wangen zeugten für die Fieberhitze, die in diesem welken Leib raste.
Sonnhild bemerkte, wie die in ihre Höhlen zurückgesunkenen Augen des Mädchens mit einem todesbangen Ausdruck sie ansahen. Da senkte sich auf das Bürgerkind tiefes Mitleid herab. Die Unglückliche! Wie hart hatte sie das Schicksal von Geburt an behandelt! Hier mußte sie versuchen, eine große Schuld zu mildern!
Sonnhild trat heran und legte ihre Hand auf die abgezehrte, fieberheiße der Kranken, deren Blicke noch immer mit herzzerreißendem Flehen auf ihr ruhten.
»Schwester, – liebe Schwester,« sagte Sonnhild leise.
Da erbebte der Körper des Mädchens unter heftigen Zuckungen. Überwältigt schloß sie die Augen, und Tränen rannen über ihre Wangen. Sonnhild setzte sich auf den Bettrand, zog aus dem an ihrer Seite hängenden Täschchen ein Spitzentuch und trocknete Mirjams Tränen. Bei dieser Berührung öffnete diese die Augen wieder, und ein unbeschreiblicher Dankesblick strahlte zu der Wohltäterin auf.
Dann verharrten die Mädchen lange Zeit ganz still. Nur die großen, blauen Augen beider hielten stumme Zwiesprache.
»Kann ich etwas für dich tun?« fragte Sonnhild, sich tief zu Mirjam hinabbeugend.
Die aber lächelte nur und schüttelte leise den Kopf.
»Ich bin ja so unsäglich glücklich!« flüsterte sie.
Darauf sahen sie sich wieder stumm in die Augen, und keines von ihnen empfand, wie die Zeit verrann. Die Gegenwart war ihren Sinnen entrückt, nur ihre Seelen sprachen zueinander. Auch daß sich einmal die Tür leise öffnete und Mirjams Mutter in dem Spalt flüchtig sichtbar wurde, bemerkten sie nicht.
Endlich erhob sich Sonnhild; die Kranke kämpfte mit einem Schwächeanfall.
»Nun will ich dich für heute allein lassen,« sagte sie, »morgen besuche ich dich wieder.«
Ein neuer Dankesblick lohnte das Versprechen, und die Kranke machte Anstrengung, zu reden. Sonnhild neigte sich über sie und vernahm die Worte:
»Darf ich's sagen?«
»Sprich es aus, Mirjam,« antwortete sie weich.
»Nenne mich noch einmal, wie du mich nanntest.«
Da küßte Sonnhild die marmorweiße Stirn und sprach:
»Liebe Schwester!«
»Du Gute,« flüsterte die Kranke und schloß die müden Augen.
Sonnhild wartete noch so lange, bis die gleichmäßigen Atemzüge verkündeten, daß Mirjam schlief. Dann verließ sie leise die Kammer.
Wie die letztvergangenen Nächte, verbrachte Sonnhild auch diese Nacht ohne Schlaf. Mechanisch kleidete sie sich am andern Morgen an und nahm auf das dringende Bitten der bekümmerten Haushälterin einige Bissen Nahrung zu sich. Dann setzte sie sich ans Fenster und wartete geduldig, bis auf dem Markt das Klingelzeichen ertönte. Sie lehnte sich hinaus und hörte wie im Traum die weiterschreitende Besserung des kranken Amtmanns verkünden.
Auf dem Lustgänglein befand sich Sonnhilds kleiner Blumengarten. Hier schnitt sie von einem hohen Stock zwei dunkelrote Rosen ab, die über Nacht aufgebrochen waren, sie der Kranken zu bringen.
Als sie in Mirjams Kammer trat, schlief diese. Sonnhild näherte sich leise und ließ sich wie gestern auf dem Bett nieder. Der Gesichtsausdruck Mirjams erschien ihr heute weniger leidend. Aber die verfallenen Züge führten eine eindringliche Sprache und riefen Sonnhilds ganzes Erbarmen wach.
Da zuckte es einige Male in dem Gesicht der Schlafenden, und dann schlug sie die Augen auf.
»Guten Morgen, liebe Mirjam,« sagte Sonnhild und legte die Rosen auf die Bettdecke.
Über das Gesicht Mirjams lief ein glückliches Lächeln, und eine schwache Röte verfärbte ihr Stirn und Schläfen. Das Gefühl der höchsten Freude erstickte ihre Worte. Endlich stammelte sie:
»Sonnhild – habe Dank!«
Nun erblickte sie auch die Rosen und sog deren starken Duft mit tiefen Zügen ein. Sonnhilds Brust schnürte die Wehmut zusammen, als sie die dunkelroten Blumen neben dem bleichen Gesicht sah.
Auch heute fiel der Kranken das Sprechen schwer. Aber Sonnhild bemerkte, wie glücklich ihre Gegenwart sie machte. Die beiden Mädchen sahen sich wie gestern wortlos in die Augen. Alles, was ihre Lippen hätten sagen mögen, sprachen ihre Blicke, die in unendlicher Liebe ineinander ruhten.
»Kannst du mir wirklich verzeihen?« flüsterte die Kranke.
»Liebe Schwester,« tröstete sie Sonnhild. »Sprich nicht also! Alles, was hinter uns liegt, wollen wir vergessen. Wir haben uns gefunden, um uns zu lieben.«
Der Schauer eines unfaßbaren Glücks überlief Mirjam. Die ganze Lebenskraft der Heimgehenden schien sich in ihren Augen zu vereinigen, die in unnatürlichem Glanze strahlten.
Da beugte sich Sonnhild herab und fragte mit tiefem Ernst:
»Mirjam, ein schweres Verhängnis hat es gefügt, daß du des Vaters entbehren mußtest. Zürnst du ihm dafür?«
Wieder lief eine feine Röte über das bleiche Gesicht der Kranken, und sie flüsterte:
»Ich bete allstündlich für meinen unglücklichen Vater.«
»Mirjam!« schrie Sonnhild gepreßt auf, dann sank ihr Kopf auf die Bettdecke nieder. In dem Gesicht der Kranken leuchtete es auf, und ihre abgemagerten Hände streichelten Sonnhilds goldglänzendes Haar. Feierliches Schweigen herrschte in dem kleinen Raum. Die Mädchen gedachten wohl des einen, der ihnen teuer war, und in dem Flehen für sein Heil vereinigten sich beider Seelen.
Dann nahm Sonnhild Abschied. Schmeichelnd berührte sie Mirjams Wangen, deren Blick für alles Liebe dankte, das sie empfing.
»Zum Abend komm' ich noch einmal,« sprach Sonnhild.
»Liebe, liebe Schwester,« stammelte die Kranke. Aber die Stimme versagte für mehr Worte, und Tränen füllten ihre Augen.
Noch einmal nickte die Gehende von der Tür aus zurück; dann war Mirjam allein. Sie nahm die beiden Rosen und betrachtete sie lange und mit liebevollem Blick. Und als sie die Blumen küßte, fielen ein paar Tränen darauf, die wie glänzende Tautropfen auf den dunkelroten Blättern lagen.