Die Kunde von den Vorgängen in Meißen hatte im Lande großes Aufsehen erregt. Der Urteilsspruch war nunmehr stündlich zu erwarten, da sich der Verletzte außer Lebensgefahr befand. Eine große Menge Neugieriger strömte deshalb in die Stadt, da alle Zeugen des Ausgangs der Tragödie sein wollten.
Eine Viertelmeile vor dem Lommatzscher Tor lag an der Landstraße der »Gasthof zur Dürren Henne«. Hier fand zu allen Zeiten mancher Fahrende Unterschlupf, der sich tagsüber müde weitergeschleppt und die Stadt nicht mehr erreichen konnte, oder dem sich das Stadttor mit Sonnenuntergang geschlossen hatte.
Mittag war längst vorüber. Die Schenke war gefüllt. Da sah man alles Volk vereinigt, das die Landstraße befuhr: Handwerksburschen, einen reisenden protestantischen Geistlichen, dem am Tische gegenüber ein Kapuzinermönch saß, Landsknechte, die vor der Schenke ihre Lanze in den Boden gestoßen hatten, Bauern, rittermäßige Leute und ihre Knechte und wildes Volk.
Die erregten Stimmen der Trinkenden verursachten dumpfen Lärm, aus dem bisweilen ein kerniger Fluch oder ein dröhnendes Lachen herausschallte. Der Wirt lief in weißen Hemdärmeln und großer, blauer Schürze umher und trug auf. Ein paar unersättliche Hartsäufer lehnten am Schenktisch.
Den Mittelpunkt der zusammengewürfelten Gesellschaft bildeten zwei Männer, deren Tisch die andern respektvoll freigelassen hatten. Beide waren abenteuerliche Erscheinungen und im Herzogtum allerorts bekannt.
Der erste gehörte zu jenen uralten, wilden Edelleuten ohne Halm und Bügel, wie sie nach dem Verfall des Rittertums so lange durch die Lande liefen, bis das namenlose Geschlecht ausstarb oder bis sein letzter Vertreter am Hochgericht als eines jener formlosen Bündel schaukelte, um die die schwarzen Vögel flatterten.
Nun war Ritter Burkhard ein alter Mann, der mit der abgeklärten Ruhe eines Philosophen auf den Augenblick wartete, der der letzte seines bewegten Erdenlebens sein sollte. Denn bewegt war dieses wahrhaftig gewesen. Schon als Fünfzehnjähriger hatte er sich als Landsknecht verdungen und im Laufe der Jahrzehnte allen europäischen Herrschern gedient. Warf eine wohlgelaunte Lebenswoge sein Schifflein hoch empor, daß ihn ein Reichsgraf als Edelmann duzte oder ein leibhaftiger Herzog ihn zu Tisch bat, so ertrug er dies mit der nämlichen vornehmen Gelassenheit, mit der er andern Tags zusammen mit einem Bettelmann die Suppe auslöffelte, oder es erlitt, wenn ein erzürnter Wirt ihn als zahlungsunfähigen Zecher vor die Tür warf.
Der andere von beiden war eine ebenso interessante Erscheinung. Nicht allzu groß, aber herkulisch gebaut. Todesverwegen und mit einer wahren Löwennatur begnadet, war er der Schrecken der Schenken. Dem Wirt, der ihm nichts auf Pump geben wollte, schlug er alles kurz und klein. Zwar war es das Gesetz der Schenke, das Geld vorher auf den Tisch zu legen. Bruder Antonius jedoch machte die alleinige Ausnahme.
So hieß er, weil er früher einmal Dominikanerpater gewesen war. Als er die sieben Weihen auf sein Haupt bekommen, fühlte er, daß es an der Zeit war, den in nebelhafte Ferne hinausgeschobenen himmlischen Belohnungen die reellen irdischen Freuden vorzuziehen. Eines Morgens, als in dem Kloster der gewohnte Ton des Mettenglöckleins durch den Schlafsaal zitterte, worauf sich beim Ampelschein lautlose Gestalten vom Lager erhoben, die alsdann kerzentragend paarweise durch den Kreuzgang schritten und geistliche Lieder dazu sangen, – als dieses Erhebende sich wieder einmal zutrag, fehlte einer der frommen Mönche. Das war Bruder Antonius, der nächtlicherweile die weiße Kutte voll Ordnungssinn an den ragenden Nagel in seiner Zellentür gehangen und danach in wenig anderer als paradiesischer Kleidung von der Klostermauer hinabgesprungen war, – irrtümlich auf die weltliche Seite.
Da kam in aller Herrgottsfrühe ein Bauersmann die Straße daher, der auf seinem Hundekarren Butter und Eier zur Stadt fuhr. Bruder Antonius hielt den Verdutzten an und bat ihn höflich um seine Gewandung. Er hätte gewiß noch ein zweites Kleid daheim im Kasten, deshalb müsse er mit ihm teilen. Solches fordere auch die Bibel, wie der Bauer, wenn er Protestant sei, sich ja daheim sattsam überzeugen könne.
Der solchermaßen Überfallene gab sein Mißbehagen zu erkennen, worauf Bruder Antonius ihm die Hand vorsichtig auf die Schulter legte. Ein weniger behutsamer Griff hätte dem Landmann unnütz den Arm zerbrochen. Da hüpfte der riesige Hund aus seinem Geschirr und machte Anstalt, sich auf den Unbekleideten zu stürzen. Der fromme Antonius ergriff gelassen einen mäßigen Feldstein und warf ihn dem Vierbeinigen vor den Bauch, worauf sich dieser vor Bestürzung und aus andern Ursachen einige Male sorgfältig überschlug.
Nun war der Bauer überzeugt, daß er der höflichen Bitte zu willfahren hatte. Der ungewandte Mönch schlüpfte in die sündenvolle weltliche Kleidung, dankte herzlich und empfahl sich für ein andermal. Als darauf das Bäuerlein, beinahe barfuß bis zum Kinn, vor seinem Hunde stand, wunderte sich dieser nicht wenig über das schnurrige Aussehen seines Herrn.
Mit diesem Begebnis trat Bruder Antonius in die lasterhafte Welt ein, die er bis jetzt von Berufs wegen viel geschmäht und deren Sündenlast er fortan um ein Erkleckliches vermehren sollte.
»Vor kurzem trank ich das ölige, schwarze Bier der Erfurter, brr,« sagte Ritter Burkhard. »Hierzulande braut man besser.«
»Weiß nicht, ob Ihr recht habt, Konfrater,« versetzte Bruder Antonius; »mir ist's einerlei, wessen Bier ich trinke. – Rülpse nicht so anhaltend, Schwein!« rief er einem alten Landsknecht zu, der die Gewohnheit hatte, jedem Gegenübersitzenden einmal über das andere mit unfehlbarer Sicherheit dicht am rechten und linken Ohre vorbeizuspucken.
Jedem andern wäre der Gescholtene, ein bärbeißiger Gesell, an die Gurgel gefahren. Mit Bruder Antonius aber wollte er seit jenem Tage im Bösen nichts zu tun haben, wo er gesehen, daß dieser einen baumlangen Fuhrmann im Bogen durch das splitternde Fenster der Schenke hinaus zu seinen Pferden warf.
»Heda, Wirt,« rief Bruder Antonius, »bring' mir heut Wein!«
Der Gerufene stellte sich schwerhörig und setzte einen Topf Bier auf den Tisch.
»Daß dich der Donner und Hagel miteinander erschlage, alter Fuchs!« schrie der ehemalige Mönch. »Was soll mir der Quark? Wein! Hörst du?«
»Rösselwein?«
»Der bangt um sein Geld,« rief Bruder Antonius belustigt und schlug auf die klimpernde Tasche. »Hier ist genug. Bring' mir einen Krug roten Traminer!«
»Hast wohl Geld, Bruderherz?« fragte der Ritter Burkhard, sehnsüchtig mit dem funkelnden Wein liebäugelnd. Zugleich sann er darüber nach, welchem Gaunerstreich der Mönch seinen Reichtum wohl verdanke.
Bruder Antonius lächelte. Der alte Ritter pflegte mit der Miene eines vollendeten Grandseigneurs jedem das für Höherstehende bestimmte Ihr zu gönnen. Konnte er aber damit etwas herausschlagen, so gebrauchte er leutselig das Du. Und wenn ein zerlumpter Herumtreiber ihm einen Kornschnaps zahlte, ertrug es seine Würde, wenn auch dieser ihn duzte.
»Bist gewiß wieder einmal abgebrannt, Gevattersmann,« versetzte gutmütig der Mönch. »Wirt, gib dem Ritter Traminer!«
Die Augen des Alten funkelten, und er sog den Wein begierig über die Zunge.
»Fällt mir gerade eine Geschichte ein,« warf er gut gelaunt hin, »an die ich gestern dachte, als ich in der Stadt die hochgeladenen Mistwagen sah. Denn die Meißner, das muß man ihnen lassen, halten ihre Stadt sauber.
Kam ich da kürzlich von Speyer in Frankfurt an. Wie ich über den Marktplatz schlendere, sehe ich auf der Erde eine Mütze liegen, eine Mütze, wie sie der gemeine Mann nicht zu tragen pflegt. Ich bücke mich und hebe sie auf. Da – o Wunder! – erkenne ich unter der Mütze einen Schopf blonder Haare. Ich sehe näher hin – und richtig! Wie ich vermutete, gehörte zu dem Haarbüschel ein Kopf, der im Morast steckte. Ich grabe rundherum auf, und mit meiner Hilfe gelingt es dem Blondgeschopften auch glücklich, sich vollends herauszuarbeiten.
Der Maria sei Dank und gleichfalls Euch, sagt der gerettete Edelmann. Ein Lumpenpack, das Stadtvolk! Seine Gassen so versäuen zu lassen. Doch nun helft mir, wackerer Speergesell, mein Pferd ausgraben, das noch darin steckt. Es ist mit mir zu gleicher Zeit versunken.«
Das war eine von den kleinen Geschichten, wie sie der alte Ritter bei guter Laune zu erzählen pflegte. Denn sein adliges Herkommen – wofür er einen vollgültigen Beweis zwar nicht beibringen konnte – legte ihm, wie er behauptete, die Pflicht auf, die Städter gelegentlich ein wenig zu hänseln.
Einige Zuhörer rümpften die Nase, die meisten lachten aber. Am ärgsten Bruder Antonius, der als ehemaliger Kleriker von keiner Partei war. Er wieherte, daß er sich krümmte.
»Beim heiligen Dominikus,« rief er, »der Spaß ist köstlich!«
Einen Tuchmachergesellen, der an diesem Morgen in Oschatz aufgebrochen war, machte die Geschichte aber ärgerlich. Und da er nach Meißen gewandert, um bei einem angesehenen Meister – der vornehmsten Innung der Stadt! – in Lohn und Brot zu treten, fühlte er sich berufen, die Sache der Städter wahrzunehmen.
Er wandte sich zu einem nebensitzenden Handwerksburschen und sagte laut:
»Du, wie heißt doch das gute, alte Bauernsprichwort? Ach, ich hab's: Jungen Sperlingen und jungen Edelleuten soll man beizeiten die Köpfe eindrücken.«
Im Nu fuhren die Landsknechte auf. Die Handwerksgesellen aber scharten sich um den jungen Sprecher. Wilde Rufe wurden ausgestoßen, geballte Fäuste flogen in die Luft, und es sah aus, als ob die Parteien in der nächsten Sekunde im Handgemenge sein würden.
Da stieß Bruder Antonius wohlgelaunt und ohne jeglichen Kraftaufwand mit dem Fuße nach dem nächststehenden Handwerksburschen, dessen elastischen Körperteil unterhalb des Rückens leicht berührend. Der Getroffene flog wie eine Kanonenkugel in das Gemenge, im Fallen die drei Ergrimmtesten unter den Streitenden mit zu Boden reißend. Das wirkte. Ebenso schnell, wie sich die Gemüter erhitzt, waren sie wieder abgekühlt. Man setzte sich nieder, vergaß den Groll und sah vergnügt und erstaunt einander an.
»Jugend ist stürmisch,« entschuldigte Bruder Antonius, zum Ritter gewendet, mit komischem Ernst den Vorfall. »Man müßte jedem Zornigen, bevor er den Weg zur Sünde beschreitet, eindringlich ins Gewissen reden.«
Der Alte schmunzelte:
»Das würde bei ihm so viel wirken, als wenn man einem Krebs droht, man wolle ihn ersäufen. Solches sagte schon meine alte Magd, die meinen Sohn erzogen und beflohet hat.«
Da trat ein Spielmann in die Schenkstube, ein junger, hübscher Bursche mit verhärmtem Gesicht und einer Fiedel auf dem Rücken.
»Wollt Ihr mein Bündel für eine Nacht beherbergen?« fragte er den Wirt.
»Jeder, der zahlt, bekommt bei mir sein Losament,« antwortete dieser.
Der Spielmann nickte.
»Heda, du junges Blut,« rief Bruder Antonius, »setze dich da her.«
Der Gerufene wagte nicht zu widersprechen und nahm am Tisch der beiden Platz.
»Warst du nicht kürzlich in Nürnberg?« fragte der Mönch.
»Da habt Ihr recht! Ach, nun erkenn' ich Euch. Ihr habt mich nachts von der Gasse aufgelesen, nachdem ich auf der Suche nach meinem Lebensretter vor Erschöpfung zusammengebrochen war. Auf Euern Armen trugt Ihr mich in eine Herberge und reichtet mir Speis' und Trank …«
»Larifari,« unterbrach Bruder Antonius den sich mit Worten Überstürzenden unwillig, »das war sicher ein anderer. Aber erzähle mir, Bursch, wie es kam, daß du mit deiner Brotwinsel so schnell von dort verschwandest?«
»Ohne Euch Lebewohl zu sagen. Gelt, das war schlecht von mir! Aber hört, wie sich das zutrug. Der mutige Junker vertraute mir ein Ringlein an, damit ich es nach Meißen zu seiner Herzallerliebsten brächte. Und so kam es, daß ich über den einen den andern vergaß.«
»Und da kommst du erst heute mit dem Reif an?«
»Ach nein,« versetzte der Spielmann, »die Jungfrau hat längst ihren Schmuck. Ich war unterdessen schon wieder in Leipzig und habe auf der Messe zum Tanz aufgespielt. Aber ich weiß selbst nicht, warum ich wieder hierher zurückgekehrt bin …«
Der Bursche wurde rot und fing an zu stottern.
»Ich will dir's sagen, Knabe,« wandte sich Ritter Burkhard an ihn. »Du bist verliebt! Das holde Kind mit dem Ringlein hat dir's angetan. Deine blassen Wangen schreien es einem ja in die Ohren.«
Der Spielmann bekam einen puterroten Kopf und blinzelte mit den Augen wie eine Zieselmaus.
»Jaja, – der Schnaps und die verfluchte Liebe,« versetzte Bruder Antonius trocken. »Wirtschaft, Traminer!«
Der Wirt flog.
»Hast du Hunger?« fragte der Mönch den Burschen, worauf dieser den Kopf schüttelte.
»Dann trink',« versetzte er mit gekünsteltem Unwillen. »Ein schmachtender Spielmann! Ich mag kein sauertöpfisches Gesicht sehen!«
»Ich auch nicht,« stimmte der Bursche bei und goß das erste Glas hinab.
»Gevattersmann,« rief Bruder Antonius dem Ritter Burkhard zu, »was habt Ihr denn da für einen absonderlichen Ring am Finger?«
Der Alte hielt den Arm in die Höhe, daß es alle sehen konnten. Am kleinen Finger der linken Hand steckte ein ganz schmaler, goldener Reif.
»Wie oft habt Ihr den schon vertrunken und wieder eingelöst?« erkundigte sich der Mönch.
»Noch nie,« versetzte der Ritter Burkhard stolz. »Er stammt von meiner Schwester, die nun aber schon seit hundertdreißig Jahren tot ist.«
Der Alte hatte dies so ernsthaft gesagt, daß es eine Weile dauerte, bis die Umsitzenden fühlten, wie er sie wieder foppen wollte. Der Mönch lachte zuerst, er war natürlich der Schlaueste. Allmählich begriffen auch die andern den Scherz.
»Der Ritter ist mit allen Salben geschmiert,« schrie Bruder Antonius und lachte, daß die Wände zitterten.
»Meine Schwester,« so fuhr Ritter Burkhard mit unverwüstlicher Ruhe fort, »erhielt von der Gemahlin Friedrichs des Streitbaren am Tage der Gründung der Leipziger Universität ein Paar Ohrringe. Diese wurden nach ihrem Tode zu Fingerringen erweitert. Der eine von ihnen ist dieser Ring.«
Da lachte Bruder Antonius so ausgelassen, daß die Umsitzenden besorgt waren, er möchte einen Schaden erleiden. Als alter Leipziger kannte er das Gründungsjahr der Universität recht gut. Nachdem er sich endlich beruhigt hatte, versetzte er:
»Nein, Gevattersmann, so verwegen wie Ihr schneidet keiner auf.«
»Es verhält sich aber doch so, wie ich sagte,« versicherte der Alte.
Jetzt wurde der Mönch unwillig. Der Ritter mußte doch wissen, daß er wenigstens ihm solche Bären nicht aufbinden konnte.
»Es tut mir leid, Euch blamieren zu müssen,« sagte er ärgerlich, »aber nun kann ich doch nicht anders. Die Gründung der Universität zu Leipzig erfolgte nämlich im Jahre …«
»1409,« fiel ihm der Alte ins Wort.
Der Mönch saß mit offenem Munde da.
»Da wißt Ihr's ja selbst, alter Ketzer!« schrie er. »Aber gesteht doch nun die Unmöglichkeit zu, daß Eure Schwester an der Feier hat teilnehmen können. Wir schreiben heute doch Anno 1539!«
»Ich schlage vor,« warf der junge Spielmann schüchtern ein, »wer unrecht hat, zahlt einen Traminer.«
»Vortrefflich!« frohlockte der Mönch. »Den meinen auf den Tisch! Dem Weißkopf soll das Wasser kannenweis aus den Mundwinkeln laufen, wenn ich ihn allein trinke.«
Ritter Burkhard nahm die Wette an und legte – mangels barer Münze – als Pfand den strittigen Ring auf den Tisch.
»Merkt auf,« begann er. »Meine Schwester war Anno 1409 gerade sieben Jahr alt, als sie der Markgräfin Blumen auf den Weg streuen durfte. Zur Belohnung dafür empfing sie die Ringe. Unser gemeinsamer Vater zählte damals siebenundzwanzig. Noch in demselben Jahre starb meine Schwester, also vor 130 Jahren. Später starb auch die Gemahlin meines Vaters. Lange blieb er unbeweibt. Da heiratete er mit 78 Jahren ein zweites Mal und bekam trotz seines hohen Alters – Anno 1460 – noch einen Sohn. Der bin ich. Heute zähle ich neunundsiebzig.«
Der Alte hatte langsam und überzeugend gesprochen. Jeder war verblüfft, Bruder Antonius am meisten. Die Rechnung war richtig! Warum sollte ein Greis von achtundsiebzig Jahren nicht noch einmal Vater werden? Derlei hat es schon gegeben.
Noch war die Erstarrung von den Zuhörern nicht gewichen, als Ritter Burkhard den Ring wieder sorgfältig an den Finger steckte. Dann griff er mit Seelenruhe nach dem Krug, der vor dem Mönch stand, und goß den blutroten Traminer schmunzelnd in sein Glas. Angesichts dieser Bewegung wachte Bruder Antonius auf.
»Bei dem gütigen Augenstrahl des heiligen Benno, der Malefiz hat recht,« seufzte er, um sodann mit Löwenstimme zu schreien:
»Sauf, daß dir das höllische Feuer in die Gurgel fahre!« Dazu lachte er grimmig über sich selbst, denn er fühlte sich am meisten gefoppt.
»Wie war das doch damals, Bruder Antonius,« rief einer über alle Köpfe hinweg, »als Ihr die große Trinkschlacht gewannt?«
Diese Aufforderung war nicht ohne Absicht geschehen. Der Rufende kannte den Mönch seit langem und wußte, wie gern dieser von dem hitzigen Zechgelage erzählte. Antonius kam die Frage gelegen.
»Ich war noch nicht einmal Laienbruder,« erzählte er, »und kasteite mich wohl gerade auf das Ordensgelübde, als das Kloster den Besuch eines hohen Prälaten erhielt. Diesen frommen Diener der Kirche begleitete, wohin er auch ging, der Ruf, ein ganz gewaltiger Zecher zu sein. Am Abend wurde mir als Novizen der Zutritt zum Refektorium nicht erlaubt. Da kommt nach dem Nachtschmaus der Bruder Kellermeister, der meinen Durst am besten kannte, atemlos zu mir in die Zelle. Hochwürden sei in rosigster Laune und wünsche einen sattelfesten Bruder als Zutrinker. Keiner der Brüder wage den Strauß; ich möchte den Ruf des Klosters retten.
Von langem Besinnen bin ich nie gewesen, willige also bald ein, für die frommen Mitbrüder Kämpe zu sein. Daß ich's kurz mache: einer nach dem andern um mich herum sank langsam vom Stuhl. Unser gestrenger Abt nickte mir als Letzter des Klosters noch einmal freundlich zu, dann sah ich ihn an diesem Abend nicht mehr. Auch die Konventsherren schliefen ein, und als allerletzter empfahl sich der hohe Herr, nachdem er noch einen wahren Basiliskenblick auf mich Grünen geschossen hatte. – Der Bruder Kellermeister, der als Unparteiischer nicht mittrinken durfte, sprach mir hierauf seine Hochachtung aus. Bei solchen hervorstechenden Fähigkeiten, versicherte er, sei mir eine glänzende Laufbahn gewiß. Dieser Tag,« so schloß Bruder Antonius, »ist der erhabenste meines Lebens geblieben!«
Anhaltendes Gelächter, vermischt mit fröhlichen Zurufen, lohnte dem Erzähler seine lustige Geschichte. Keiner unterließ, ihm seine Anerkennung auszusprechen. Nur der junge Spielmann blieb stumm. Der feurige Wein hatte seine Wangen getötet. Den Kopf in die Hand gestützt, saß er am Tisch und sah sinnend zu Boden.
Da schnellte er plötzlich in die Höhe, sprang auf den Tisch und griff nach der Geige.
»Ruhe,« rief es durcheinander, »der Fahrende will uns eins singen!«
Stillschweigen trat ein. Der Bursche stützte die Fiedel wie eine Laute auf die Hüfte und zupfte die Saiten zu einem kleinen Vorspiel. Alsdann sang er mit schäumendem Übermut:
Die Wirkung dieses Liedes war unbeschreiblich, denn der gutmütige Mönch, so gewalttätig er zuweilen auch sein mochte, war allgemein mehr beliebt als gefürchtet. Schon manch einer war Zeuge gewesen, wie er in einer schwachen Stunde geheult hatte, wie ein Schloßhund. Ein ehrlicher Jubel brach aus, daß die Schenkstubenwände erzitterten. Nur die überlaute Stimme des Mönchs war herauszuhören. Wie unsinnig trommelte er mit den Fäusten auf den Tisch und schrie in einem fort: »Traminer! Traminer!« Und als er den Wirt zaudern sah, warf er einen vollen Dukaten auf den Tisch und schrie dann noch ärger: »Tra – mi – ner!«
Im Nu standen sechs Krüge auf dem Tisch, und von allen Seiten griffen Hände nach den Gläsern.
»Das Lied muß mit Fledermausblut auf Menschenhaut geschrieben und im Gasthof zur Dürren Henne zum ewigen Andenken aufbewahrt werden,« schrie einer zum Klang der Gläser.
»Hol mich dieser und jener!« rief Bruder Antonius, »das war das Beste, was ich mein Lebtag gehört habe. Doch, wo ist der Bursch? Er soll einen guten Rekompens haben!«
Alle sahen sich nach dem Spielmann um, aber keiner entdeckte ihn. Er hatte den Tumult benutzt und sich hinausgestohlen.
»Laßt ihn laufen, er entgeht seiner Belohnung nicht,« versetzte der Mönch. »Der verliebte Schäfer wird allein sein wollen. Die Holzweibchen und der höllische Nachtjäger rüsten sich schon, durch den Wald zu fahren; dazu will er ihnen aufspielen.«