Zwanzigstes Kapitel
Das Schönste, was ihr der Spielmann gesungen

Nachdem Sonnhild die schwerleidende Mirjam verlassen, hatte diese lange Zeit still gelegen, die weitgeöffneten Augen nach der Decke gerichtet. Ihr Atem ging immer schwächer. Aber der sonnige Glanz, der über das ergebungsvolle Gesicht gebreitet war, hatte sich nicht vermindert.

Da schlugen mit einem Male schmeichelnde Töne an ihr Ohr. Mit Anstrengung richtete sie sich auf und sah zwischen den Blumentöpfen auf dem Fensterstock hinab. Drunten lehnte am Zaun ein junger Spielmann und strich die Geige. Und als er sie bemerkte, sang er mit weicher Stimme:

»Das Menschenherz ist eng und klein,
Und wohnt ein großes Glück darein,
Dann klingt's.
Ist aber heimlich über Nacht
Ein schwerer Kummer drin erwacht,
Dann springt's.«

Mirjam lehnte sich gegen das Fenster, dessen einer Flügel geöffnet war, und preßte die Stirn an die Scheibe, damit ihr kein Wort entgehe. Als der Sänger geendet, wurde sie traurig, denn sein Lied war ihr zu Herzen gegangen.

Freilich paßte der Schluß dieser schwermütigen Weise nicht auf sie; in ihrer Brust frohlockte es.

Da hob der Spielmann von neuem den Bogen. Seine Augen schwammen in Wehmutstränen. Und als wenn es gelte, sich allen Kummer vom Herzen zu singen, stimmte er voll Inbrunst an:

»Wie schallte mein Lied einst aus jubelnder Brust,
Und wie süß klang die Geige den Ohren,
Da sah ich ein Mägdlein – o himmlische Lust!
An sie hab' mein' Ruh' ich verloren.
Mein Auge ist trüb und das Herz, ach, so schwer,
Und die Wolken tief hangen hernieder,
Die Fiedel klingt schmeichelnd wie einstens nicht mehr,
Und vergessen sind all meine Lieder.
Nun wandre ich wieder hinaus in die Welt,
Das Kuhhorn zum Abschied tut blasen.
Was ist doch ein Spielmann, dem's Leben vergällt!
Ach, läg' ich doch schon unterm Rasen.«

In den Augen der Kranken perlten Tränen des Mitleids. Auch dieses Lied war nicht für sie. Aber aus seiner Seele heraus hatte es gesprochen. So jung und schon so viel Weh! Vielleicht ward auch ihm heilsame Tröstung.

Der Bursche wollte schon wieder wandern, als er noch einmal zum Fenster hinaufsah. Da begegnete sein Blick dem mitleidvollen des Mädchens. Ihre großen, strahlenden Augen erinnerten ihn unwillkürlich an ein anderes Augenpaar, das unvergeßlich in seiner Erinnerung stand. Auf die weiße Stirn der Schauenden und auf ihr schwarzes Haar hingen leuchtende Fuchsienblüten herab.

Da griff der Spielmann noch einmal zur Geige, und der süßeste Wohllaut, der in ihren Saiten schlummerte, klang zu dem Mädchen hinauf, als er sang:

»Ein Mensch, den trog das Leben schwer,
Rief: Wenn es doch zu Ende wär',
Was andern ward zur Freude,
Das schlug mir aus zum Leide.
Der Herrgott hat gar feine Ohrn,
Drum ging der Notschrei nicht verlorn,
In seinem Allerbarmen
Ruft er zu sich den Armen.
Doch schüttet er in seinen Schoß
Vorher ein reiches Menschenlos,
Damit ihm von der Erden
Der Abschied schwer sollt' werden.
Der Arme wirft den Reichtum hin,
Nicht mehr nach Ird'schem stand sein Sinn,
Er faltet fromm die Hände
Und spricht, wie's geht zum Ende:
Hab' Dank, o lieber Vater mein,
Daß du verkürzest meine Pein.
Um deiner Himmelsfreuden
Will gern von hier ich scheiden!«

Als das Lied geendet, lehnte Mirjam regungslos am Fenster. Ihr lebensmüdes Herz schlug noch einmal zum Zerspringen. Das war das Schönste, was ihr der Spielmann gesungen!

Sie nahm eine der rotglühenden Rosen und warf sie dem Sänger hinab. Der griff danach, um der großen, blauen Augen willen, und steckte die Rose vorn in das Wams.

Jetzt sank Mirjam erschöpft auf das Bett zurück. Sie fühlte ihr Herz beklemmt, schob die Bettdecke zurück und riß das Hemd auf. Die abgezehrte, marmorweiße Brust, mit feinen, blauen Adern durchzogen, ward sichtbar. Da nahm sie die dunkelrote Rose und legte sie an ihr Herz. Draußen klang der Tritt der Mutter, und gleich darauf trat diese in die Kammer.


Sonnhild hatte vergebens gehofft, von dem Ausrufer eine weitere Besserung des Kranken aus Siebeneichen zu hören. Da auch während des Nachmittags die Nachricht sich nicht veränderte, verließ das Mädchen den Platz am Fenster und machte sich zu Mirjam auf.

Wie sie in das Torhaus trat, schien es Sonnhild, als ob ihr ein kalter Hauch entgegenwehe. Vor der kleinen Tür blieb sie stehen und holte tief Atem. Dann trat sie ein.

Mirjam lag mit gefalteten Händen unbeweglich auf dem Rücken. Ihre Brust war bloß; an ihrem Herzen lag eine rote Rose. Die Augen waren geschlossen und die bleichen Lippen leicht geöffnet, als ob sie flüstere. Himmlischer Frieden verschönte die Züge. Ihr reines Herz hatte aufgehört zu schlagen.

Vor dem Bett kniete Mirjams Mutter. Sonnhild ließ sich neben ihr nieder, legte die Stirn auf die Bettkante und betete. Der letzte der drei Menschen, der sie liebte, war von ihr gegangen. Nun war sie allein – – –

Als Sonnhild wieder aufstand, fühlte sie sich gestärkt. Noch einmal betrachtete sie das friedliche Gesicht der Dulderin und berührte zum letztenmal die durchsichtigen Hände. Mirjam hatte ausgekämpft! Wann würde ihr geängstigtes Herz Ruhe finden?

Alsdann ging sie. Mirjams Mutter folgte dem Mädchen.

Im Hausflur reichten sich beide Frauen wortlos die Hände. Keine von ihnen vermochte die andere zu trösten.

Als Sonnhild nach Hause zurückkehrte, erschien sie den Vorübergehenden noch bleicher als in den letzten Tagen. In ihrem Zimmer angekommen, setzte sie sich müde ans Fenster und wartete geduldig. Da drang der Ton der Klingel heraus. Sie öffnete, beugte sich hinaus, und – das Herz wollte ihr stillstehen.

Noch lange, nachdem die Worte auf dem Markt verklungen waren, stand sie am Fenster. Dann sank sie in den Stuhl zurück. Die furchtbare Verkündung schallte unaufhörlich in ihren Ohren: »– – morgen früh auf dem Marktplatz gestäupt und auf zehn Jahre aus dem Lande verwiesen – – –«

Das Mädchen war vernichtet. Die Schwester tot, der Vater entehrt und schimpflich verjagt und der Geliebte weit entfernt, – jetzt konnte nur noch das Himmelsgewölbe auf sie niederbrechen. Als die Bäume sich in diesem Jahre belaubten, vermochte sie das große Glück kaum zu fassen, das ihr die Vorsehung beschieden. Nun, wo die Blätter bald abfielen, war sie der ärmste Mensch auf Erden! O du furchtbares Schicksal! – Und keine Träne wollte ihr die Brust erleichtern!

Da schlug sie die Augen auf und fuhr voll Entsetzen im Stuhl zurück. Spottete nun auch noch die Phantasie ihrer?

»Sonnhild,« hörte sie eine Stimme sprechen. Dann schritt jemand auf sie zu, kniete vor ihr nieder und legte die Arme um sie. Ihre umflorten Augen konnten kaum die Umrisse des Knienden erkennen. Sie tastete nach ihm und fragte leise:

»Bernhard, bist du es?«

»Ja, Geliebte, dein Bernhard!«

Da beugte sich das Mädchen herab und sagte:

»Bernhard, du darfst mich nicht länger lieben! Ich bin deiner nicht mehr wert.«

»Sonnhild,« rief der Jüngling schluchzend, »du Reine!«

»Morgen wird mein Vater ehrlos sein – – –«

»Tausende werden sein unbeflecktes Bild nicht aus ihrer Seele verdrängen lassen – – –«

»Die Tochter eines Entehrten weist jeder von seiner Schwelle.«

»Dein furchtbares Geschick wird dich vor Gott und den Menschen nur erhöhen!«

»Aber dein schwerkranker Vater!« stammelte das Mädchen.

»Geliebte, ich bringe dir gute Nachricht,« rief der Jüngling aufspringend. »Mein Vater ist vor wenigen Stunden zum Bewußtsein gekommen, und die Ärzte haben erklärt, daß schlimme Folgen des Sturzes sich nicht einstellen würden.«

Da erhob sich das Mädchen, legte ihren Kopf an die Brust des Geliebten und wehrte ihm nicht, als er ihre Stirn küßte.

»Sonnhild,« raunte ihr Bernhard ins Ohr, »deinem Vater darf kein Leid geschehen, ich befreie ihn aus dem Gefängnis.«

Das Mädchen schreckte zusammen.

»Heute zur Mittagstunde bin ich mit Caspar von Carlowitz heimgekehrt,« sprach er weiter. »Er begab sich auf die Burg, um sein Amt als Schloßhauptmann wieder anzutreten, und ich eilte nach Siebeneichen, wo ich den Vater schon bei Bewußtsein fand. Ich habe nicht gewagt, mit ihm über die Ursache seines Sturzes zu sprechen. Aber er war sehr gütig. Gegen Abend habe ich große Müdigkeit infolge der weiten Reise vorgeschützt und bin zu dir geeilt, während sie mich in meiner Kammer wähnen. Der Plan zur Befreiung deines Vaters steht in mir fest, er muß gelingen!«

Bei diesen Worten schlug in Sonnhild die Flamme der Begeisterung für das Befreiungswerk hoch auf. Dunkle Röte schoß in die bleichen Wangen, und ihre Augen glänzten.

»Der Turm ist in die Stadtmauer eingebaut,« sprach sie mit fliegenden Worten. »Wir nähern uns außerhalb der Stadt der Fronfeste und rufen meinen Vater ans Fenster. Dann werfen wir ihm einen Stein zu, an den ein Faden gebunden ist, und lassen ihn eine Strickleiter emporziehen und Werkzeuge, mit denen er die eisernen Stäbe vor dem Fenster durchfeilen kann – – –«

Bernhard sah der Geliebten in das glühende Gesicht. Bewunderung und Wehmut erfüllten ihn. Der Plan war unausführbar. Denn am Fuße des Turms, außerhalb der Mauer, stand ein Pikett Burgknechte, wie er gesehen, als er die Umgebung der Fronfeste betrachtet hatte. Aber in seinen Augen flackerte es, und auf seinem ernsten Gesicht stand die Entschlossenheit, mit der er seinen Plan ausführen würde. So gefahrlos, wie Sonnhild wähnte, war das Werk freilich nicht zu verrichten.

»Geliebte,« antwortete der Jüngling zärtlich, »sorge dich nicht! Du hast in den vergangenen Tagen viel Schweres durchkämpfen müssen. Nun laß mich an deine Stelle treten. Mein Plan ist ein anderer, – will's Gott, daß er gelingt! Auf ihn wollen wir bauen. Wirf deinen großen Kummer von dir. Wenn mich nicht alle Gunst des Himmels verläßt, befindet sich dein Vater morgen früh in Sicherheit. Jetzt aber entlaß mich, damit ich noch die letzten Vorbereitungen für das Werk treffen kann.«

Sonnhild schmiegte sich an den Geliebten. An seiner Brust fühlte sie sich geborgen. Und ihr Vertrauen auf seine Umsicht und Entschlossenheit war felsenfest.

»Was du auch tust, du stehst unter dem Schutze des Höchsten, mein Geliebter,« sprach sie mit Innigkeit, »ich werde für dich und für meinen schwergeprüften Vater beten!«

Aufs tiefste bewegt, drückte Bernhard das Mädchen an sich, als wenn es gälte, Abschied für immer zu nehmen – – –