Es war Abend geworden. In der zu ebener Erde gelegenen Stube im Torwarthause am Lommatzscher Tor saßen einsam zwei Menschen. Auf dem Tisch stand eine tönerne Schale, gefüllt mit Mohnöl, worin ein Docht brannte. Der Schein der Lampe erhellte das Zimmer nur spärlich. Dem Tisch gegenüber stand ein großes Bett, worüber ein weißes Laken gebreitet war.
Vornübergesunken hockte zu Füßen des Bettes auf dem Boden eine Frau. Im Hintergrunde der Stube saß in einem schweren Armstuhl ein würdiger Greis von dem Aussehen eines altbiblischen Propheten. Sein Kopf war mit einer wahren Löwenmähne langen Haares bedeckt, und der schlohweiße Bart, der von dem runzeligen Gesicht nur die scharfe Hakennase und die mächtige Stirn freiließ, hing tief auf die Brust herab. Über den blinden Augen wölbten sich buschige Brauen. Die Arme des Greises lagen auf den Seitenlehnen des Stuhles.
Drückende Stille herrschte in dem Raum.
Da fuhr das Weib auf:
»Zwanzig Jahre der Qual und Verzweiflung – Jehova rast wider uns!«
Dann sank sie von neuem vornüber.
»Der furchtbare Schlag hat dein Gemüt umdüstert, Lea,« antwortete Rebbe Liebmann mit tiefer Stimme. »Der Herr hat uns schwer geprüft. Aber selbst aus dem tiefsten Leid sollen seine Kinder die köstliche Zuversicht schöpfen, daß sie dereinst reich belohnt werden.«
»Unser Geschlecht ist verflucht!« murmelte das Weib in dumpfer Verzweiflung.
»Die Ratschlüsse des Ewigen sind unerschöpflich; was er tut, ist wohlgetan.«
»Warum knechtet er gerade sein Volk mit blindwütiger Grausamkeit! Zuerst zerstreute er es in alle Welt. Dann ließ er zu, daß die Völker der Erde die Flüchtlinge wieder vertrieben oder aus ihrer Gemeinschaft ausstießen. Tief verhaßt und unentbehrlich, begehrt und verflucht sein war unser Los. Waren nicht unsere Väter von allem entrechtet? Haben nicht – auch in den deutschen Landen! – die grausamsten Judenverfolgungen jahrhundertelang angehalten und unzählige Leben vernichtet und mühsam erworbenes Gut geraubt? Man beschuldigte uns, das Vieh krank gemacht, die Brunnen vergiftet und Mißwachs herbeigeführt zu haben, um die unmenschlichsten Missetaten an uns zu verüben. Wie kurz ist erst die Zeit, die vergangen, seitdem unser Volk nicht mehr die gelbe Kokarde an den Rücken trägt – das schimpfliche Abzeichen der Unreinen – – –«
Das Weib hielt keuchend inne. Ihr Gesicht trug den Ausdruck maßloser Erbitterung.
»Und wie die Gemeinschaft,« fuhr sie fort, »verfolgt er erbarmungslos auch den einzelnen.«
»Lea,« fiel der Blinde beschwörend ein, »deine Rede ist lästerlich. Laß den reinen Spiegel deiner Seele nicht trüben von den dunkeln Wolken des Zorns, die darüber hinziehen, und wende dein Herz nicht von dem Herrn aller Himmel! Zwei Jahrzehnte hast du die teuflischen Geister des Grolles und Hasses bezwungen – – –«
»Jetzt reißen sie die schwachen Schranken nieder,« schrie das Weib, sprang auf und stampfte den Boden mit den Füßen, »die die versagende Kraft jeden Morgen von neuem aufrichten mußte. Fallt ab von mir, schwachherzige Geduld und schimpfliche Geneigtheit zur Vergebung! Es ist ein Kampf wider die Natur. Der Gott, der mich erschaffen, muß es an seinem Werke büßen, daß es mißraten. Einst war ich groß im Lieben, heute bin ich's im Hassen! Haha!«
»Wer so frevelt wie du, mein Kind, dem wird es dereinst schwer werden, vor dem Richterstuhle des Ewigen Worte zu finden.«
»Soll ich den lieben, der mich betrog und mein Kind zum Bankert machte?«
»Und doch kenne ich eine,« klang des Greises eindringliche Stimme, »die zu Gott dankte, als er ihren Schoß segnete.«
Da verstummte das Weib. Der Greis aber fuhr fort:
»Hast du ihm nicht alles abgeschlagen, was er in leidenschaftlicher Liebe für dich und das Kind tun wollte? Und wie er vor der Wiege des Neugeborenen kniete und mit gerungenen Händen dich anflehte, du möchtest ihm verzeihen, was sprachst du da? Ich verzeihe um den Preis der völligen Entsagung auf das Kind! Er umklammerte deine Füße, – du stießest ihn. Da versprach er's und ging. Aber in wieviel ungezählten Nächten haben wir nicht die wohlbekannten Schritte vor dem Hause und das leise Klopfen an der Tür vernommen, bis nach stundenlangem Harren der Tritt in der Ferne verhallte. So ging es, bis sich die Wunde in seinem Herzen geschlossen haben mochte.«
Am Stadttor tönte der eiserne Klopfer, draußen stand jemand, der Einlaß begehrte. Aus einer Nebenkammer ging der Geselle hinaus. Die schweren Ketten rasselten und fielen herab, und das Tor kreischte in den Angeln. Eine kurze Weile, dann entfernten sich stadtwärts Schritte. Das Tor schlug zu, und der Geselle kehrte wieder in seine Kammer zurück. Die zwei Menschen hörten es kaum, so gefesselt waren all ihre Sinne.
»Mein armes Kind,« klang des Greises Stimme wieder, »laß das herzzerreißende Weh, das sich in deine Seele hineingebohrt, nicht Herr über dich werden. Nach unsern Werken der Liebe werden wir einst belohnet oder gerichtet werden. Der Gute vergißt über dem eigenen Schmerz nicht den Schmerz des Nächsten. Du weißt, daß er ein Unglücklicher ist und wie schwer er jetzt leidet.«
»Heute sind alle Wunden wieder aufgerissen,« klagte das Weib tonlos, »die er meinem Herzen geschlagen. Und ich fühle, daß ich gelogen, als ich ihm verziehen.«
»Dann verzeihe ihm nun aus vollem Herzen.«
»Wer meinen Gram und meine Verzweiflung ermessen kann, die schlimmer peinigen als Höllenqualen, der wird nicht verlangen, daß ich ihm ein zweites Mal vergebe.«
»Nicht zweimal sollen wir vergeben, fordert der Allmächtige des Himmels und der Erden, sondern siebenmal siebzigmal.«
»Aber ich vermag es nicht!« schrie das Weib grell auf.
Da erhob sich der Blinde, ging mit sicheren Schritten zu dem Bett und schlug das weiße Laken zurück. Seine großen lichtlosen Augen auf die Tochter gerichtet, sprach er:
»So lerne das Verzeihen von deinem Kinde, das mit einem Gebet für den Vater von uns gegangen ist.«
Die Frau erschrak und stützte sich schwer auf das Fußende des Bettes. Ihr Atem flog und ihre weitgeöffneten Augen waren starr auf die abgezehrte Gestalt im weißen Sterbehemd. Das blasse Gesicht der Toten war verklärt von dem Ausdruck tiefen Friedens, den Mirjam beim Verscheiden empfunden. Zwischen den gefalteten Händen hielt sie die dunkelrote, welke Rose.
Sekunden verstrichen. Als wenn sie einem zermalmenden Druck trotzen wollte, verharrte die Frau hartnäckig in gebeugter Haltung. Dann brach sie vor dem Bett lautlos nieder.