Zweiundzwanzigstes Kapitel
Die drei Getreuen

Die ältesten Bewohner Meißens erinnerten sich nicht, die Stadt jemals in so großer Aufregung gesehen zu haben, wie an diesem Abend. Die Häuser standen leer, jedermann war auf die Gasse geeilt. Wie zu Kriegszeiten herrschte fieberhaftes Leben unter der Einwohnerschaft. Hinter vielen Fenstern brannte Licht, so daß die Gassen hell waren.

Auf dem Markt standen vier hohe Böcke, die mit Pech gefüllte, eiserne Schalen trugen, aus denen rote, rußige Flammen emporloderten. Vor dem Rathaus bauten Zimmerer ein hölzernes Gerüst. Eine unabsehbare Menge drängte sich unaufhörlich daran vorbei. Die hellen Hammerschläge drangen scharf durch den Lärm. Jeder verstand, was sie verkündeten: morgen früh sollte auf diesen Brettern dem Burgemeister Georg Waltklinger durch den aus Dresden zu erwartenden Henker der entblößte Rücken mit Ruten gepeitscht werden.

Zwar war eine Abordnung der Bürgerschaft unter Vorantritt Peter Sorgenfreis nach Dresden geeilt, um die Gnade des Herzogs anzurufen. Aber sie waren abgewiesen worden!

Der Herzog hatte die Männer wohl empfangen und sein Bedauern ausgesprochen, daß er ihre Bitte abschlagen müsse. Den ausgezeichneten Ruf ihres Burgemeisters kenne er. Gleichwohl dürfe er dem Spruch des Gerichts nicht entgegentreten. Die unbesonnene Handlung sei ein schwerer Angriff gegen Gesetz und Obrigkeit, und das Leben eines hohen Beamten des Landes, den der Herzog als einen seiner besten bezeichnete, wäre ihr um Haaresbreite zum Opfer gefallen. Nur insoweit könnte das Urteil gemildert werden, als der Besitz des Schuldigen nicht um den dem Staat bei der Ausweisung zufallenden Teil geschmälert würde.

Traurig kehrten die Männer heim. Wie der Herzog bei Einführung der Reformation seine Tatkraft bewiesen, ebenso unbeugsam war er, wenn es galt, eine Verletzung der Würde des Gesetzes zu sühnen.

Das Gewühl in den Gassen wurde immer ärger, und dasselbe Bild, das große Zusammenläufe einer erregten Menge überall bieten, zeigte sich auch hier. Anfänglich schoben sich die Menschen stumm durcheinander. Der Geist der Ordnung leitete sie noch. Allmählich gewann aber die Erregung Oberhand, die die Masse berauschte. Die Unbesonnenen begannen damit, drohende Rufe auszustoßen, und die friedlich Gesinnten wurden davon angesteckt. Dazu tat der genossene Wein seine Wirkung. Nichtsnutziges Gesindel beging Ausschreitungen und riß durch sein Beispiel nüchterne Zuschauer, die aus Neugierde auf die Gasse gegangen waren, mit fort.

Man fragt sich, wo diese lichtscheuen Elemente in ruhigen Zeiten ihre Schlupfwinkel haben, – inmitten eines erregten Volkshaufens blüht ihr Weizen, und sie sind wie aus der Erde gestampft da. Sie laufen Sturm wider Gesetz und Ordnung, wiegeln die Friedfertigen auf und sitzen mit dem Aufruhr zu Tische. Ihr Handwerk ist um so gefährlicher, als sie es am liebsten heimlich betreiben. Droht ihnen Gefahr, so ducken sie sich. Und greift der eiserne Arm des Gesetzes ein, dann sind sie wie weggeblasen und überlassen den bürgerlichen Mitschreier seinem Schicksal. – Parasiten!

Vor der Fronfeste, wo gleichfalls Pechpfannen brannten, gab es wüste Auftritte. Stimmen wurden laut, die die gewaltsame Befreiung des Gefangenen forderten. Und gegen die am Eingang stehenden bewaffneten Burgknechte fielen wilde Drohungen. Ein Haufe von Schreienden und Betrunkenen zog durch die Gassen, den Tumult steigernd.

Als auf dem Marktplatz der Bau des Gerüstes beendet war, hatte sich ein Mann darauf geschwungen, der mit einer zündenden Rede das Volk aufforderte, den durch den Herzog abgeschlagenen Gnadenakt selbst zu vollziehen. Es war der Bruder Antonius. Seine Beredsamkeit stachelte das Volk auf, daß es seinen Worten Beifall schrie. Aber die Besonnenen unter der Menge schritten ein, verwiesen dem Mönch seine Rede und beschwichtigten die Aufgeregten.

Die Bürger, die die Nachtwache hatten, gingen umher, ermahnten das Volk zur Ruhe und versuchten, es zum Heimkehren zu bewegen. Aber diese Zirkler sahen bald ein, daß sie heute machtlos waren. Die Aufregung war zu groß, und es waren ihrer zu viel, die in den Gassen tobten.

Dazu gab es selbst Bürger, die die wachsende Leidenschaft insgeheim anstachelten. Der alte Anesorge lief durch die Menge und reizte sie auf. Die ungeheure Spannung und das vergebliche Harren auf die noch immer erwartete Begnadigung hatten ihm fast den Verstand geraubt.

Während nun auf den Gassen der drohende Aufruhr sein schauerliches Lied sang, war es in der Zelle des Gefangenen der Fronfeste still. Der Lärm drang nicht durch die dicken Mauern und starken, eichenen Fensterladen. Der Raum war schmal. Ein Tisch, ein Stuhl und ein eisernes Bett bildeten seine dürftige Ausstattung.

Georg Waltklinger lehnte mit dem Rücken gegen den Tisch. Sein Haar war in Unordnung, das Gesicht bleich. Vor ihm stand der weißhaarige Edelbeck, der Hüter der Fronfeste. Er war soeben eingetreten, hatte die Tür sorgsam hinter sich geschlossen, die brennende Laterne niedergestellt und den großen Schlüsselring dazugelegt.

»Nein, Herr Burgemeister,« versetzte der Alte, »nun kann ich's nimmer mit ansehen. Euer Unglück zerbricht mir das Herz.«

Waltklinger seufzte und machte eine Handbewegung, die sagen wollte: mir ist nicht zu helfen.

»Wie geht's deinem Sohn, dem Heinrich?« fragte er mit müder Stimme, um den Alten abzulenken.

»Von ihm wollte ich eben sprechen,« antwortete Edelbeck. »Wieviel Gutes habt Ihr an dem getan! Herr Burgemeister, wenn Ihr wüßtet, wie der Junge an Euch hängt, wohl ebenso, wie an seinem leiblichen Vater.«

»Laß es gut sein,« versetzte Waltklinger, »'s war nicht der Mühe wert.«

»Wie, ich sollte das gering anschlagen? Es war ein schlimmer Abend,« nickte der Alte. »Der wilde Junge, der aber doch zu lenken war wie ein Kind, hatte im Jähzorn einen Mitspieler mit dem Messer gestochen. Ihr kanntet meinen Heinrich, war er doch Euer Lehrbursche und Geselle, und Ihr hattet ihn wahrhaft lieb. Ein braves Kind, dein Heinrich, sagtet Ihr manchmal zu mir. Da kam das Unglück. – Ich rang vor Euch die Hände: helft, helft, daß mein Heinrich vor Schande bewahrt bleibe! Meine Verzweiflung rührte Euch. Ihr versaht den Jungen mit einem guten Stück Geld und ließt ihn bei Nacht und Nebel heimlich entweichen. Den Schwergetroffenen, der sich nur langsam erholte, suchtet Ihr auf, gabt ihm Schweige- und Schmerzensgeld und nahmt Euch seiner Familie an. Noch heute empfängt sie ja Eure Wohltaten.«

Waltklinger sah nachdenkend nieder.

»Nun ist der Junge im Hessischen,« erzählte der alte Edelbeck weiter, »und es geht ihm gut. Und seine Frau, die sich fast zu Tode ängstigte, als ihm der Prozeß gemacht werden sollte, ist mit den Kindern wohlbehalten bei ihm angekommen. Er schreibt, daß sein neuer Meister mit ihm recht zufrieden sei. Als dieser hörte, daß er das Handwerk bei Euch gelernt habe, hat er den Jungen eingestellt. Denn Euer Name war ihm bekannt. Wenn Ihr den Heinrich damals nicht vor dem Schlimmen bewahrt hättet, wie anders wär' es gekommen! Seine brave Frau und die lieben Kinder hätte der furchtbare Schlag schwer getroffen.«

Den Alten übermannte die Rührung, daß ihm die Sprache versagte. Er schwieg eine Weile und fuhr mit der Hand über die feuchten Augen. Dann begann er wieder:

»Und wie meinem Heinrich das Unglück damals zugestoßen, ebenso seid auch Ihr hineingeraten: das heiße Blut hat Euch hingerissen. Wie manchem prächtigen Menschen hat der Jähzorn nicht schon schwere Stunden gebracht!«

Der alte Wärter brach hier kurz ab, wandte den Kopf nach der Tür und lauschte angestrengt. Von dem lärmenden Volkshaufen war nichts zu hören. Nur der verworrene Klang einzelner Worte drang in die Zelle, die von den wachehabenden Burgknechten kamen.

Da trat Edelbeck nahe an den Sitzenden heran und sagte mit gedämpfter Stimme:

»Herr Burgemeister, seitdem Ihr in der Fronfeste sitzt, ist der Schlaf meinen alten Augen ferngeblieben, und ich habe meinen Kopf zerquält um Euretwillen. Nun weiß ich, was ich tun muß. Euch ist bekannt, daß der Turm zwei Ausgänge hat: den gewöhnlichen, den die Knechte bewachen, und den nie benutzten, der aus meiner Wärterstube unmittelbar ins Freie führt. Die drei größten Schlüssel an diesem Bund öffnen die eiserne Tür.«

Georg Waltklinger horchte auf.

»Es wäre jammerschade, wenn ein so geachteter und verdienter Mann, wie Ihr seid, dieselbe erniedrigende Strafe erleiden sollte, wie der gemeine Verbrecher. Und ich müßte mich noch in der Sterbestunde einen schlechten Kerl nennen, wenn ich Euch heute den Dienst nicht vergelten wollte, den Ihr meinem Heinrich getan habt. Also geht auf und davon, Burgemeister! Freilich – – – na, wie soll ich's sagen, – Ihr wißt ja, ich hab's zugeschworen, meine Gefangenen treu zu bewachen. Auf meinem weißen Haar haftet kein Stäubchen Unehre, und ich darf vor den Menschen nicht meineidig werden. Wie ich freilich mit dem droben fertig werden soll, – na, kümmert Euch nicht viel darum, das wird mir schon gelingen! Ich tu's ja für meinen Heinrich und die herzigen Kinderchen – – – Ihr könnt noch unendlich viel Gutes tun, um mich alten Mann ist es nicht schade! – Die Tür ist unverschlossen, die Treppe bis zu meiner Stube frei – – nehmt den spitzen Stahl, der mir an der Seite hängt, Burgemeister – und – – stoßt zu – – –«

Waltklinger war den hastigen Worten des Alten mit höchster Spannung gefolgt. Jetzt stand er erschüttert auf, umarmte den Wärter und sagte:

»Edelbeck, was du da sprichst, verrät dein gutes Herz. Wie soll ich dir's danken! Du bist ein Held! Deshalb ist der Preis zu hoch, mit dem ich mir die Freiheit erkaufen sollte. Ich will in den Augen unseres lieben Herrgotts zwar gern weniger gelten als du, aber ich möchte vor ihm nicht als Wicht dastehen. Und das wäre ich, wenn ich dein Angebot annähme. Du hältst viel auf mich, Alter, – das freut mich! Aber gerade darum, weil ein solcher Ehrenmann, wie du mich schätzt, muß ich über meinen Ruf streng wachen. Sonst sagen die Leute: an dem Waltklinger ist doch nichts gewesen!«

Dem Alten war bei diesen Worten der Kopf auf die Brust gesunken. Nun wandte er sich langsam um, nahm das klirrende Schlüsselbund auf und verließ, ohne noch ein Wort zu sprechen, die Zelle. Georg Waltklinger sah eine Weile in das matte Licht der auf dem Boden stehenden Laterne. Dann setzte er sich, stützte den Kopf auf und versank in tiefes Nachdenken.

Da hörte er, wie der alte Edelbeck wieder eintrat.

»Herr Burgemeister,« sagte dieser, »ein Weib hat an meine Tür geklopft und so dringend gebeten, zu Euch gelassen zu werden, daß ich ihr's nicht abschlagen mochte.«

Waltklinger sah sich um.

»Wen soll es jetzt so dringlich nach einer Unterredung mit mir verlangen? Es ist doch nicht meine Tochter? Ich möchte ihr den Schmerz meines Anblicks ersparen …«

»Das Weib ist verhüllt, aber Eure Tochter ist es nicht.«

Waltklinger schwankte einen Augenblick.

»Laß sie kommen,« sagte er alsdann.

Der Alte ging. Eine kurze Weile verstrich. Da hörte Waltklinger ein leises Geräusch, und wie er sich umwandte, sah er auf der Schwelle eine Frau stehen. Ihr Kopftuch war herabgeglitten. Aber das Licht der Laterne brannte so trübe, daß er die Züge der Eintretenden nicht erkennen konnte. Waltklinger erhob sich und tat ein paar Schritte nach der Tür. Plötzlich blieb er überrascht stehen. Die Frau ging zu dem Bett und setzte sich erschöpft darauf.

»Ja, Georg, ich bin es,« sagte sie unter raschen Atemzügen. »Unser Kind ist gestorben.«

»Lea,« schrie der Mann auf, »Mirjam ist tot – – –?«

Die Frau nickte mit dem Kopf.

»Sie ist tot,« wiederholte sie.

Georg Waltklinger sank auf den Stuhl nieder, stützte die Ellenbogen auf den Tisch und barg das Gesicht in beiden Händen. So saß er unbeweglich. Nur das fast unmerkliche Jucken seiner breiten Schultern verriet den großen Schmerz, der in ihm arbeitete.

Die Frau betrachtete den Erschütterten lange. Dann ging sie zu ihm hin. Zögernd legte sie ihre Hand auf seine Schulter.

»Georg,« sagte sie in weichem Tone, »ich glaubte immer, du hättest sie aus deinem Herzen gestoßen. Jetzt weiß ich's, wie lieb du sie behalten hast.«

Waltklinger wandte sich zu ihr.

»Deine Botschaft ist tieftraurig, Lea, hab' aber Dank, daß du gekommen bist. Willst du mir nicht etwas von unserm Kind erzählen?«

Die Frau setzte sich wieder auf das Bett und beschrieb Mirjams Krankheit und Hinscheiden. Waltklinger war es feierlich zumute. Zwar hatte er das Mädchen, wie es die engen Verhältnisse der kleinen Stadt mit sich brachten, im Laufe der Jahre oft gesehen. Aber er hatte sie nie angesprochen und durch nichts verraten, daß er ihr Vater war. Die Scheu vor der Öffentlichkeit, mehr aber noch das Gelöbnis, das er der Mutter einst gegeben, hatten ihn abgehalten, den Schleier zu lüften, der auf Mirjams Geburt lag. Innerlich war er ihr jedoch nahe geblieben, und es hatte ihn geschmerzt, sie als Fremde ansehen zu müssen. Nun aber, wo er ihren Tod vernahm, fühlte er, wie nahe sie seinem Herzen immer gestanden hatte.

»Du bist hart zu mir gewesen, Lea,« sagte Waltklinger schmerzlich. »Aber ich darf mit dir nicht rechten, denn ich hatte deinen Frieden schwer gestört. Wie viele Jahre seitdem auch dahingegangen sind, der Kummer darüber ist nicht von mir gewichen. Durch aufopferndes Wirken für andere habe ich versucht, mein Gewissen zu beschwichtigen. Aber seine Stimme hat nie stillgeschwiegen.«

»Wenn ich deine Seelenpein mildern kann, Georg, will ich's gern tun. In so bitteres Leid der Tod den Menschen auch stößt, wenn er ihm sein Alles raubt, so ist er doch ein Bote des Himmels. Und sein gewaltiger Schmerz erweicht das Gemüt. Ich durfte dir wohl zürnen, aber ich war grausam. Das tut mir heute weh! Der große Schmerz trifft uns beide, er soll uns aussöhnen. Auch Mirjam hat dir nicht gezürnt. Sie ging mit einem Gebet für ihren Vater auf den Lippen.«

Waltklinger blickte schmerzlich auf.

»Deine Worte geben mir viel Tröstung, Lea; ich danke dir!«

»Georg,« sagte die Frau und trat zu dem Sitzenden, »ich kann dich nicht so leiden sehen. Dein Schicksal rührt mich tief.« Sie zog aus der Tasche ihres Kleides ein Fläschchen. »Hier nimm,« flüsterte sie, »es ist ein sicher wirkender Trank, der dich friedlich einschlafen läßt. Unsere Familie behütet sein Geheimnis seit Jahrhunderten. Du bist ein ehrenhafter, stolzer Mann, Jörg, und wirst den Tod der erniedrigenden Strafe vorziehen. Das Herz würde mir vollends brechen, wenn – –«

Sie schwieg und sah zur Seite.

Der Gefangene griff überwältigt nach ihren beiden Händen und antwortete:

»Liebe Lea, so weit also geht deine Güte für den, der dich betrog? Du beschämst mich. Dein Vorschlag will mein Bestes, aber ich kann ihn nicht annehmen! Ich habe gefehlt! Deshalb darf ich mich meinen irdischen Richtern nicht entziehen, so unerträglich mir ihre Strafe auch scheint. Dem himmlischen Richter kann ich doch nicht entgehen. Und er würde viel schwerer geneigt sein, mir zu vergeben, wenn ich handelte, wie du mir rätst. Ein aufrechter Mann darf nicht zurückschrecken, wenn getane Schuld an ihm gesühnt werden soll.«

Die Frau weinte leise.

»Ich habe es geahnt, daß du so sprechen würdest,« stammelte sie.

Enttäuscht barg sie das Fläschchen wieder in ihrer Tasche und wischte die Tränen aus den Augen. Dann reichte sie ihm die Hand zum Abschied und sagte:

»So tröste dich der Allmächtige, Jörg. Mit seiner Kraft wirst du das Schwere überwinden.«

»Mag er auch dein Weh mildern und in bangen Stunden an deiner Seite stehen. Lebe wohl, Lea!«

Eine Sekunde darauf war Waltklinger allein. Er lauschte noch aufmerksam den sich entfernenden Tritten, bis sie ganz verklungen waren. Dann streckte er sich ermattet auf das Bett. Wieder war ein lieber Mensch von ihm gegangen! Und eine innere Stimme sagte ihm, daß auch unter der Bürgerschaft viele innigen Anteil an seinem Geschick nähmen. Da fühlte er, wie sich langsam seine Augen füllten. Es waren Freudentränen, und er schämte sich ihrer nicht.

Bald öffnete sich die Tür wieder; der alte Edelbeck erschien noch einmal.

»Herr,« versetzte er, »unten wartet ein Kapuziner, um Euch geistliche Stärkung zu bringen.«

»Ein Mönch?« fragte Waltklinger. »Er muß doch wissen, welchen Glaubens ich bin. Teile ihm mit, daß ich heute von einem Diener meiner Kirche bereits Tröstung empfangen hätte.«

»Das sagte ich dem Kuttenträger schon, aber er ließ sich nicht fortschicken.«

Waltklinger lächelte trübe.

»Er will mir eine vermeintliche Wohltat erweisen; dafür gebührt ihm Dank. Schick' ihn herauf.«

Mit diesen Worten erhob er sich vom Bett und ging mit großen Schritten auf und ab. Da trat der Mönch in die Zelle, die Kapuze auf dem Kopf. Er horchte noch einmal in den Gang hinaus. Aber es war nichts Verdächtiges zu hören, nur ein dumpfer, verworrener Lärm, der vom Frauenmarkt heraufdrang. Nun schloß er die Tür und wandte sich zu dem Gefangenen.

Rasch löste er den Knoten des hanfenen Strickes, der um seinen Leib geschlungen war, riß die Kutte herab und warf sie von sich. Ein hochgewachsener Jüngling von schlankem Körper, an dessen Seite ein gerader Degen hing, stand jetzt vor dem Erstaunten.

»Bernhard von Miltitz!« rief Waltklinger, »Ihr hier? Und was soll diese Verkleidung?«

»Es ist das drittemal, Herr Burgemeister, daß ich Euch unter die Augen trete. Heute werdet Ihr mich nicht von Euch weisen.«

Und des Jünglings Atem flog, als er hinzusetzte:

»Ich bringe Euch Befreiung! Schlüpft in diese Kutte und begebt Euch von hinnen. Keiner der Burgknechte wird argwöhnen, daß dieses Ordenskleid seinen Träger gewechselt hat. In den Gassen tobt eine aufgeregte Menge; es kann Euch nicht schwer werden, im Gewühl unerkannt zu entkommen. Der Wächter des Jüdentores ist bestochen, er wird öffnen. Am Einfluß der Triebisch in den Strom liegt ein Boot; der vertraute Fährmann rudert Euch über die Elbe. Drüben wartet Georg von Komerstadt Eurer. Von da mögt Ihr auf windschnellem Rosse über Königsbrück in das böhmische Land entkommen. Eilt, daß keine kostbare Minute verrinne!«

Georg Waltklinger war starr vor Überraschung. Endlich fragte er:

»Was bewegt Euch dazu, Junker, mich aus meinem Gefängnis zu befreien?«

»Die Liebe zu Eurer Tochter,« rief dieser. »Unsere Herzen sind unlösbar verbunden. Ich habe heute mit Sonnhild von Eurer Rettung gesprochen, ohne ihr meinen Plan zu verraten. Aber sputet Euch!«

»Und wenn ich Euer Anerbieten annähme, was würde dann aus Euch

»Ich bleibe an Eurer Stelle im Turm!«

»Ist es Euch bekannt, daß Gefangenenbefreiung mit schwerer Freiheitsstrafe gesühnt wird, die auch Euer Vater von Euch nicht abwenden könnte?«

»Ich weiß es. Doch unterlaßt alle Worte und nehmt das Kleid,« drängte der Jüngling in fiebernder Hast.

»Bernhard von Miltitz, Ihr seid ein edelmütiger Jüngling, und ich schulde Euch großen Dank. Euer Plan ist verlockend, und seine Ausführung würde wohl glücken. Aber ich muß Eure Hilfe ausschlagen.«

»Ausschlagen? Was ficht Euch an, Herr Burgemeister?«

»Meine Freiheit wäre zu teuer erkauft – –«

»Sorgt Euch nicht um andere, denkt an Euer Kind. Klopft Euer Vaterherz nicht rascher bei dem Gedanken, das Werk für Sonnhild zu tun?«

»Tut Ihr es für sie?« fragte Waltklinger.

Da schoß dem Jüngling die Röte in das Gesicht.

»Ich sagte es Euch ja schon, – – – aber, – auf denn! Wozu die Worte! Die Gunst möchte sich von der Ausführung des Plans bei weiterem Zögern wenden.«

»Ich bleibe!«

Der Jüngling fuhr auf. Draußen wurden eilende Schritte hörbar.

»Geht doch,« rief Bernhard, »das ganze Lebensglück Eures Kindes steht auf dem – –« Da flog krachend die Tür auf, und drei Bewaffnete stürzten herein.

»Im Namen des Herzogs, Junker von Miltitz, Ihr seid mein Gefangener!« rief der vorderste Knecht, indem er auf Bernhard eindrang.

Dieser riß seinen Degen aus der Scheide und hieb den schlanken Holzschaft des ihm entgegengehaltenen Spießes mittendurch. Ein anderer Knecht sprang mit großem Ungestüm an die Stelle des Wehrlosen. Bernhard sah den Stoß der Pike kommen und wich blitzschnell zur Seite. Ein scharfes Knirschen – und die stählerne Spitze zersplitterte an den Steinquadern der Mauer. »Ergebt Euch!« rief der dritte Knecht und kam mit wagrechtem Spieß heran. Da sprang Bernhard hinzu, griff mit nerviger Hand nach der Waffe und ruckte so heftig daran, daß der Knecht jählings auf den Fußboden der Zelle geschleudert ward und besinnungslos liegenblieb.

Jetzt riß der Jüngling in schäumendem Zorn den Degen in die Höhe, als Caspar von Carlowitz, der Schloßhauptmann, der mit Bernhard erst heute von der Reise zurückgekehrt war, mit dem blanken Schwert in der Faust atemlos in die Zelle trat.

»Kein Blut fließe!« befahl er. »Bernhard, den Degen weg!«

Aber die maßlose Erregung des Junkers war damit nicht zu beschwichtigen. Er sah in dem plötzlich Erschienenen nur einen neuen Feind. Und er drang auf die beiden Knechte ein, die das Untergewehr gegen ihn gezogen hatten. Da stieß Caspar von Carlowitz sein Schwert in die Scheide, kreuzte die Arme über der Brust und rief:

»Sinnloser Knabe! Wenn du Blut vergießen mußt, so wähl' das meinige!«

Diese Worte schlugen in die Seele des Ergrimmten. Der zum Streich ausgeholte Arm sank schlaff herab. Ein Zittern überlief die schlanke Gestalt, und der Degen entglitt der Faust und fiel klirrend zu Boden. Und dann sank der Jüngling mit lautem Aufschluchzen an die Brust des väterlichen Freundes.


Unterdessen war der Lärm und die Bewegung in den Gassen zu solcher Höhe angewachsen, daß Peter Sorgenfrei, um einen etwa ausbrechenden Aufruhr niederzuhalten, drei Fähnlein der Bürgerwehr aufgeboten hatte.

Das erste war unter seinem Viertelsmeister, den die schwarz-gelbe Binde kenntlich machte, in Reih und Glied vor dem Rathaus aufmarschiert. Das Fähnlein des zweiten Bezirks war vom Jahrmarkt her im Sturmschritt auf den Frauenmarkt gerückt, und der dritte Haufe zog unter Trommelschlag durch die Jüdengasse ebenfalls vor die Fronfeste.

Hier hatte sich die Verwirrung aufs höchste gesteigert. Der Schloßhauptmann war mit einer Wachtverstärkung angekommen, was einen Unsinnigen veranlaßt hatte, das Gerücht auszusprengen, dem Burgemeister solle ein Leids zugefügt werden. Dem alten Anesorge wiederum war der Gedanke aufgestiegen, die Menge trunken zu machen, daß sie geneigt werde, eine Gewalttat zu begehen. Zu diesem Zweck hatte er neben der Frauenkirche einige Oxhoft Wein aufstellen lassen, der in tönernen Krügen herumgereicht wurde. Er selbst fuhr durch das Gewühl und feuerte die ärgsten Schreier an, die Fronfeste zu stürmen und den Burgemeister zu befreien.

Das Heulen in den Gassen wuchs, und der Ruf »Feuerjo!« ertönte von allen Seiten. Ein Eiferer war auf den Kirchturm geeilt, und schon gellte die Feuerglocke über die Stadt hin. Die Bürger des Feuerschutzdienstes liefen nach der Spritze. Bald darauf rasselte diese durch die Elbgasse nach dem Marktplatz.

Am schlimmsten ging es am Turm zu, von dessen Eingang die Bürgerwehr die Menge zurückgedrängt hatte. Hier war das Gerücht von einer Befreiung des Burgemeisters durch List laut geworden. Der Wächter vom Jüdentor habe den Plan verraten, und das Dazwischentreten des Schloßhauptmanns hätte das Werk vereitelt.

Ein ohrenzerreißender Lärm hallte über den Frauenmarkt. Peter Sorgenfrei stand auf dem von Menschen freigemachten, kleinen Raum vor dem Tor der Fronfeste, den zu betreten bewaffnete Bürger die Menge zurückhielten. Da wandte sich Sorgenfrei gegen den ärgsten Lärmmacher in der vordersten Reihe – Bruder Antonius –, der jäh verstummte, als der riesige Fleischhauer auf ihn zutrat. Der Mönch stand wie versteinert, nicht das Weiße im Auge zuckte. Nur der Blick hing starr an der erhobenen, gewaltigen Faust. Wenn diese niederfiel – das wußte er –, zerschlug sie seinen Schädel wie einen irdenen Topf. Doch ging das Verhängnis noch einmal an dem alten Landstreicher vorbei.

Da machte die Menge eine Bewegung und drängte, allen Anstrengungen der Bürgerwehr zum Trotz, bis nahe zum Eingang des Turmes vor.

Zur gleichen Zeit öffnete sich das Tor der Fronfeste und Caspar von Carlowitz trat heraus. Acht bewaffnete Burgknechte folgten ihm, in deren Mitte mit leichenblassem Gesicht Bernhard von Miltitz ging.

»Eine Gasse im Namen des Herzogs!« rief der Schloßhauptmann der dichtgedrängten Menge zu.

Keiner rührte sich, der Aufforderung nachzukommen; nur ein verstärktes Geheul erbrauste als Antwort.

Jetzt klang Peter Sorgenfreis gewaltige Stimme in den Lärm hinein:

»Will die allzeit gesetzestreue Bürgerschaft Meißens dem Herzog Heinrich die Reformation mit Aufruhr und Empörung danken?«

Das wirkte. Stille trat ein, und die Menge teilte sich.

Caspar von Carlowitz ging voran und winkte den Knechten, ihm zu folgen.

Da geschah etwas Unerwartetes. Ein Weib drängte sich durch die vordersten Reihen und flog mit dem schrillen Ruf »Bernhard!« auf den Gefangenen zu. Einer der Knechte, den die drohende Haltung der Menge und ihr Geschrei kopflos gemacht, glaubte, daß eine gewaltsame Befreiung des Gefangenen versucht würde. Er hob den Spieß, stach zu und – traf einen Jüngling, der blitzschnell vor das Mädchen gesprungen war. Der Gestochene brach lautlos zusammen. Das Mädchen aber schlüpfte zwischen den Knechten hindurch und schlang die Arme um den Gefangenen.

Der rasche Vorgang war von tiefer Wirkung auf die Umstehenden. Jeder kannte das Mädchen, es war die Tochter des Burgemeisters. Und wer war der unglückliche Gefangene, der Waltklingers Befreiung heldenmütig versucht hatte?

Da rief eine Stimme:

»Ist das nicht der Junker von Miltitz?«

Der Ruf schlug ein. Die Menge ahnte, was sich hier abspielte, und war ergriffen. Die Liebenden waren die Kinder der feindlichen Väter! So dichtgedrängt das Volk den Frauenmarkt auch bedeckte, herrschte doch jetzt tiefes Stillschweigen.

Inzwischen waren Caspar von Carlowitz und Peter Sorgenfrei zu den Umschlungenen getreten und hatten gütlich auf sie eingesprochen. Darauf flüsterte Bernhard der Geliebten noch ein paar Worte zu und löste alsdann ihre Hände schonend von seinem Hals. Während Sorgenfrei nun die Gebrochene beiseite führte, setzten sich die Burgknechte mit dem Gefangenen in ihrer Mitte in Bewegung.

Dieser Auftritt hatte die Menge plötzlich ernüchtert. Keiner besaß noch Verlangen, den Lärm fortzusetzen. Alle fühlten, daß sich etwas Großes zugetragen hatte. Das allgewaltige Schicksal war mit leisem Flügelrauschen über ihren Häuptern hingezogen.

Rascher, als er entstanden, zerstreute sich der Auflauf, und die Gassen wurden leer. Nur die letzten der Heimkehrenden sahen noch, wie der Schloßhauptmann auf schäumendem Pferde die Burggasse herabgesprengt kam und über den Markt und durch die Fleischgasse galoppierte. Schon in geraumer Entfernung vom Fleischtor klang seine befehlende Stimme:

»Torwart, hallo, – Tor auf!«

Der Torwart sprang hinzu, riß die schweren Torflügel auseinander, und Caspar von Carlowitz ritt hindurch. Donnernd schlugen die Pferdehufe den Triebischsteg. Und dann sprengte er den Plossenberg hinan, – die Straße nach Siebeneichen.


Nachdem Peter Sorgenfrei das zitternde Mädchen aus der Menge geführt, ließ er sie allein und eilte zum Turm zurück. Da bemerkte Sonnhild an der Kirchhofsmauer einige Männer, die einen auf der Erde Liegenden umstanden.

Das Mädchen ging zu der Gruppe; sie wußte, daß dort ihr heldenmütiger Retter lag. Als sie sich zu ihm hinabbeugte, erkannte sie ihn. Es war der junge Spielmann. Der Stoß des Knechts auf seine Brust war so stark gewesen, daß er den Körper durchbohrt hatte. Die Fiedel, die der Bursche auf dem Rücken getragen, lag neben ihm. Des Spießes Spitze hatte sie zertrümmert.

Sonnhild kniete mit zusammengepreßten Lippen zur Seite des Spielmanns nieder. Die glanzlosen Augen des Verscheidenden leuchteten auf, als er das Mädchen erkannte.

»Jungfrau,« flüsterte er in hohem Glücksgefühl, »welch schöner Tod!«

Sonnhild drängte das furchtbare Weh zurück, das ihr die Brust zerriß.

»Edler Jüngling,« sprach sie erschüttert, »wie soll ich's Euch danken, was Ihr für mich getan!«

Aber der Spielmann wehrte ihren Worten.

»Sprecht nicht also. Das Bewußtsein, Euch gedient zu haben, ist mir Danks genug.«

»Ihr habt mein armseliges Leben um eine kurze Spanne verlängert, indem Ihr Euer junges Leben als Einsatz gabt. Unerträglicher Gram hat mein Herz gebrochen; wie lange noch, und es steht still. Ihr hättet Euch nicht aufopfern sollen.«

Da lächelte der Spielmann beglückt.

»Ihr werdet noch ungezählte Tage erleben, und die Sonne wird freundlich auf Euern Weg fallen. Was liegt an mir?«

Ein hellroter Blutstrahl brach aus seinem Munde und machte ihn verstummen. Große Schwäche kam über ihn. Er fühlte, es war sein Letztes. Mit äußerster Kraft widerstand er noch einmal dem Ruf aus dem Jenseits und stammelte:

»Jungfrau, ich mußte von hinnen, weil ich Euch liebte – er mag mir's verzeihen. Das Leben hätte mich bedrückt, aber der Tod für Euch beseligt mich! Grüßt mir den edlen Junker; – ihm – und – Euch – meine – – Segens – wün – sche – – –«

Mit diesen Worten starb der Spielmann. Sonnhild sah sein Auge brechen, nachdem es ihr noch einmal gelächelt. Da deckten die Männer einen Mantel auf ihn und trugen ihn fort. Nun war Sonnhild allein. Der Mond schien hell und ließ alle Gegenstände deutlich erkennen.

Ohne zu wissen wohin, lief Sonnhild fort von dieser Stelle, bis sie vor einer Mauer stand. Jetzt sah sie sich um. Sie befand sich auf dem Friedhof der Franziskaner, und dicht vor ihr war das Beinhaus.

Eine Weile lang versuchte das Mädchen, alle Kraft zusammenzunehmen, daß sie der übermächtigen Schwächeanwandlung, die sie fühlte, nicht erliege. Dann brach sie in die Knie, lehnte die Wange an die Mauer des Beinhauses und schrie auf vor Schmerz.