Frau Magdalena von Miltitz saß beim Schein der Lampe im Familienzimmer des Schlosses Siebeneichen. Sie war unbeschäftigt, und ihr Blick hing nachdenklich an dem offenen Fenster. Leise Unruhe quälte sie.
Sie ging zum Fenster und lehnte sich hinaus. Es war ein prächtiger Herbstabend. Die Mondscheibe hing scharf umzeichnet am Himmel, und das silberne Licht umwob schmeichelnd die Zweige und Blätter der Bäume. In der Tiefe glitzerte das breite Band des Elbstroms. Fledermäuse huschten vorbei, und von Zeit zu Zeit erklang der Ruf eines Kauzes.
Jetzt vernahm Frau Magdalena Pferdegetrappel. Eilends verließ sie das Zimmer und begab sich auf die nach dem Schloßhof gelegene Veranda. Da trabte auch schon ein Reiter durch das Tor. Sie erkannte Caspar von Carlowitz und rief ihn an.
»Base,« hörte sie seine Stimme im Näherkommen, »wie ist das Befinden deines Mannes? Kann ich ihn sogleich sprechen?«
Damit hielt er vor der Veranda. Frau Magdalena sah in sein mondbeschienenes Gesicht; es war tiefernst, wie sie es noch nie gesehen.
»Du triffst Ernst nicht zu Hause,« antwortete sie. »Kaum war er heute zum Bewußtsein zurückgekehrt, so erkundigte er sich nach dem Schicksal Waltklingers. Als er die Strafe erfuhr, war er aufs tiefste betroffen. Während des ganzen Nachmittags stand er unter dem Eindruck dieser Nachricht. Mit einem Male erklärte er, daß er zum Herzog fahren und um Milderung der Strafe bitten wolle. Die Tat sei in der heftigsten Gemütserregung geschehen, Waltklinger wäre als Mensch und Burgemeister hochachtbar, und was er ähnliches mehr sprach. Und da Bernhard die Nachricht aus Dresden mitbrachte, Herzog Heinrich werde noch heute nach Prag reisen und als Liebhaber nächtlicher Fahrten gegen Mitternacht aufbrechen, ließ Ernst alsbald anspannen und fuhr davon. Sein Zustand war recht gut; dennoch bange ich um ihn. Doch mochte ich ihn nicht von der Fürbitte zurückhalten.«
Frau Magdalena schwieg. Während ihrer Rede war der Vogt aus dem Pferdestall auf den Hof getreten.
»Ich muß gleichfalls zum Herzog,« stieß der Schloßhauptmann aus. »Welche Stunde ist es, Vogt?«
»Fast elf,« antwortete dieser.
»Vetter Carlowitz,« sagte Frau Magdalena, »dein Gebaren ist ein wenig seltsam. Du ängstigst mich. Was bewegt dich zu dem nächtlichen Ritt? Sag' es mir.«
»Nichts, nichts, Base,« beschwichtigte dieser erregt. »Vogt, ziehe sofort das schnellste Pferd aus deinem Stalle! In zwei Minuten muß ich reiten.«
Der Vogt verschwand in großer Eile.
»Soll dich nicht wenigstens Bernhard begleiten?« drang Frau Magdalena in den Schloßhauptmann.
»Bernhard?« entfuhr es diesem.
Beim Klange dieses einen Wortes stutzte Frau Magdalena.
»Nun ja,« sagte sie gepreßt. »Er begab sich heute schon früh zu Bett – – Doch, nein, – wie ist mir, – sein feines Ohr hätte unser Gespräch längst schon vernommen und er wäre ans Fenster getreten – –«
Frau Magdalena warf einen geängstigten Blick zu den Fenstern hinauf.
»Vetter!« rief sie. »Du verbirgst mir etwas! Laß es mich wissen, was es auch sei!«
Caspar von Carlowitz erwiderte:
»Nun du es ahnst, kann ich das Schlimme nicht mehr verschweigen.« Und er erzählte mit hastigen Worten, was sich zugetragen.
Frau Magdalena erbleichte bis in die Lippen hinein.
Jetzt führte der Vogt das rasch gezäumte Pferd vor. Der Schloßhauptmann sprang von dem seinen und bestieg das junge, mutige Tier.
»Wie lange rechnest du mit ihm bis zum Dresdner Schloß?« fragte er.
»Wenn Ihr ihm die Zügel laßt, Herr, dann trägt Euch der Hengst in weniger als einer Stunde dahin. Habt Ihr erst Wilsdruff hinter Euch, so wird er davonschießen wie ein Pfeil.«
»Es ist gut.«
Carlowitz nahm die Zügel fest in die Faust und ritt dicht an die Veranda heran.
»Mut, Base,« raunte er, »du kennst den Edelsinn unseres Herzogs.« Und als er ihren starren Blick sah, fügte er hinzu: »Wir stehen alle in Gottes Hand. Kein Haar fällt ohne seinen Willen von unserm Haupt!«
Da beugte sich Frau Magdalena über die Brüstung, reichte dem Schloßhauptmann die Hand und sprach gefaßt, aber mit zuckenden Lippen:
»Reite unter seiner Hut, Vetter!«
Carlowitz drängte sein Pferd zurück und trabte zum Hoftor hinaus. Bald hatte er die Landstraße erreicht, die hell beschienen wie eine gerade Linie durch die Landschaft lief.
Da schnalzte er mit der Zunge; der Hengst prustete und spitzte die Ohren. Jetzt drückte ihm der Reiter die Sporen in die Weichen. Das junge Tier gewahrte die Zügelfreiheit und galoppierte an. Eine Sekunde darauf flog Carlowitz wie eine spukhafte Erscheinung durch die stille Nacht.