Ein schöner Herbstmorgen brach an. Schon zu früher Stunde wurde es in den Gassen lebendig. Von der Erregung vom Abend vorher war nichts mehr zu spüren. Die Menschen trugen ernste, sorgenvolle Mienen, und unwillkürlich dämpfte jeder die Stimme im Gespräch mit dem andern.
Die Menge wuchs. Heute dachte niemand daran, sein Tagewerk zu beginnen. Unaufhörlich strömten die Neugierigen nach dem Markt, und das Gerüst war von einem undurchdringlichen Menschenring eingeschlossen.
Da flog plötzlich von der Fronfeste her ein Gerücht durch die Menge. Wer es vernahm, schreckte zusammen und glaubte ihm nicht, obwohl es jedes Herz in neuer Hoffnung schlagen machte.
Ernst von Miltitz wäre gestern unter schwerer Gefahr für seine Gesundheit nach Dresden zum Herzog geeilt. Im Schloß angekommen, sei er infolge der Wagenfahrt sehr schwach gewesen. Endlich habe er sich wieder erholt und den Herzog vor der Abreise noch am Wagenschlag um Gnade für den Burgemeister gebeten. Herzog Heinrich hätte die überraschende Bitte freundlich aufgenommen. Im Begriff, seinem Geheimschreiber eine Milderung der Strafe zu diktieren, sei Caspar von Carlowitz auf fast zusammenbrechendem Rosse herangesprengt. Auch dieser habe um Gnade gefleht, und zwar für den Sohn des vor dem Herzog stehenden Vaters, der für seinen Feind bat. Als Herzog Heinrich die unüberlegte Tat des edelmütigen Jünglings vernommen, sei er ergriffen gewesen. Und wie er seinen geschätzten Amtmann, ob des Ungeheuerlichen, das sein Sohn gewagt, habe erbleichen sehen, da sei es rasch von seinem Lippen gekommen: ›Volle Gnade für beide!‹
Vor wenigen Minuten hätte Caspar von Carlowitz dem Burgemeister die Begnadigung verkündet.
Aus dem dichtgedrängten Haufen erscholl nicht ein einziger Ruf der Freude. Man mußte erst Gewißheit haben, bevor man das gepreßte Herz frei machte. Wie grausam wäre ein Irrtum gewesen.
»Auf, zur Fronfeste!« rief laut eine Stimme, und die Menge drängte ungestüm durch die Jüdengasse nach dem Frauenmarkt.
Das Gerücht beruhte auf Wahrheit! Noch in der Nacht waren Ernst von Miltitz und Caspar von Carlowitz von Dresden zurückgekommen. Und als der Morgen dämmerte, hatte beim Wächter des zu Füßen des Burgfelsens gelegenen Wassertors ein Jüngling um Auslaß gebeten. Außerhalb der Stadtmauer war er sodann elbaufwärts geeilt, bis er Siebeneichen erreicht hatte.
Zu derselben Zeit, als in Meißen die Kunde des herzoglichen Gnadenaktes laut wurde, saßen Ernst von Miltitz, Frau Magdalena und Bernhard beim Morgenimbiß. Eine schwere Stunde lag hinter ihnen. Bernhard hatte seinen Vater um Verzeihung für seine Tat gebeten. Die Liebe zu der Tochter des Burgemeister habe ihn zu diesem Beginnen bewegt. Auch habe er geglaubt, die schwere Strafe von dem Mann abwenden zu sollen, um deren Milderung der Vater sicherlich würde gebeten haben, wenn er das verhängnisvolle Geschick Waltklingers gekannt hätte. Der väterliche Bittgang, nachdem er das Urteil erfahren, bestätige dem Sohn, daß er die Großmut des Vaters seinem Feinde gegenüber richtig eingeschätzt.
Wohl verurteilte Ernst von Miltitz die rasche und gegen das Gesetz gerichtete Tat des Jünglings. Aber mit geheimem Stolz erkannte er auch den Edelmut, der den Sohn zu dieser Handlung getrieben. Deshalb verzieh er ihm aus vollem Herzen, und ihre Aussöhnung vertrieb selbst den Schatten, der seit jenem bösen Auftritt zwischen ihnen gestanden.
Frau Magdalena hatte ihren Sohn stumm in die Arme geschlossen. Sie kannte ihn nur zu gut. Er war das treue Abbild seines Vaters. Eine übereilte Handlung konnte der Jüngling, bis das Leben seinen Charakter gereift, wohl begehen, aber nie eine Tat, die einen Makel auf ihn geworfen hätte. Und die warme Regung, die ihn getrieben, war doch ebenfalls das Erbe seines Vaters.
So saßen die drei mit übervollem Herzen beieinander.
Da hörten sie die Tür gehen. Und wie sie sich umschauten, gewährten sie auf der Schwelle zwei Menschen: ein junges, blasses Mädchen und einen gebeugten Mann. Die schönen Augen des Mädchens waren mit Tränen gefüllt; ihre Hand lag in der des völlig fassungslosen Begleiters. Keines von beiden sprach ein Wort. Da tat der Mann an der Tür ein paar unsichere Schritte ins Zimmer. Dann versagte ihm die Kraft. Langsam breitete er die Arme aus, sank auf die Knie nieder und stammelte:
»Ernst von Miltitz, – Ihr habt – – –«
Hier brach seine Stimme.
Der Amtmann sprang vom Stuhl auf und ging zu dem Knienden.
»Georg Waltklinger,« sagte er gütig, »steht auf. Nicht mir, unserm gütigen Herzog gebührt Euer Dank!«
Der Kniende haschte nach den ihm entgegengestreckten Händen und hielt sie fest.
»Herr Amtmann,« stammelte er, »meine schwere Schuld drückt mich bei Eurem Anblick nieder, – und so will ich mit Euch sprechen. Eure Großmut mag meinem Dank wehren, für den mir alle Worte zu schwach sind, aber mein Geständnis müßt Ihr anhören. Ich bin Euch übel gesinnt gewesen, und was ich über Euch gesprochen, mag mir Gott verzeihen. Als einen rechthaberischen Mann ohne menschliches Mitgefühl habe ich Euch betrachtet. Und wäre das Schlimme nicht über mich gekommen, so hätte ich Euch wohl für immer bitter unrecht getan. Darum preise ich die Prüfung! Meine Hoffart habt Ihr mit Edelsinn erwidert. Ernst von Miltitz, Ihr habt mich besiegt! – Könnt Ihr verzeihen?«
Während dieser Rede waren die Ratsherren und noch einige andere angesehene Bürger Meißens in das Zimmer getreten. Alle waren sichtlich ergriffen.
»Ich verzeihe Euch gern, wenn Ihr eine Schuld gegen mich fühlt,« antwortete der Amtmann bewegt. »Die Überlieferung aus vergangenen Zeiten ist es gewesen, was Euch verhinderte, mich gerechter zu beurteilen. Und was Ihr erlitten, mußtet Ihr für die Feindschaft büßen, die Adel und Städte so lange schon trennt. Vielenorts wird der Wunsch laut, das alte Zerwürfnis zu beseitigen. Beginnen wir damit! Wollt Ihr das Versprechen besiegeln, allen Hader zu vergessen und mir Euer Vertrauen für die Zukunft zu schenken, so reicht mir die Hand.«
»Das will ich, Herr Amtmann!« versetzte Waltklinger freudig und schlug ein.
»Ich danke Euch, Herr Burgemeister! Und Ihr sollt es erfahren, wie ich Euch schätze. Nun aber steht auf.«
Peter Sorgenfrei dankte jetzt im Namen des Rats für die hochherzige Fürbitte. Aber Ernst von Miltitz wehrte ab.
Da trat ein Greis vor den Schloßherrn. Es war der alte Niclas Anesorge. Seine Züge waren verfallen, und es schien, als wenn die Aufregungen der letzten Tage den verbissenen Weißkopf an den Rand des Grabes gebracht hätten.
»Herr Amtmann,« murmelte der Alte, »mir müßt Ihr noch erlauben, zu Euch zu sprechen. Ich hab' Euch am schlimmsten mitgespielt! Und wenn man's gewahr wird, daß es ein guter Mensch gewesen, den man verunglimpft hat, so tut das bitter weh! Ich werde mir's nimmer verzeihen können – –«
Der Alte senkte den Kopf und weinte. Als Ernst von Miltitz ihn getröstet, ging er kopfschüttelnd hinaus.
»Was Ihr unserm Burgemeister erwiesen, Herr Amtmann,« hob Peter Sorgenfrei noch einmal an, »das empfindet jeder einzelne der Bürgerschaft, als wenn Ihr's ihm getan hättet.«
Bei diesen Worten hatte Sorgenfrei das Fenster geöffnet.
»Möchtet Ihr nicht einmal herantreten?« fragte er.
Ernst von Miltitz stellte sich neben ihn und sah hinaus. Den ganzen weiten Park füllte, Kopf an Kopf, eine dichtgedrängte Menge, die mit entblößten Häuptern in feierlichem Schweigen harrte. Ergriffen sah der Amtmann hinab. Da brausten plötzlich vielhundertstimmig die Rufe durch die Luft:
»Ernst von Miltitz! – – – Herzog Heinrich! – –«
Und zu dem lauten Jubel schwenkten die Meißner die Hüte und Mützen, und aus ihren Augen las Ernst von Miltitz Dankbarkeit und ehrliche Beschämung.
Sich zu den im Zimmer Versammelten zurückwendend, fielen des Amtmanns Blicke auf seinen Sohn, dessen Augen vor innerer Bewegung mit Tränen gefüllt waren.
Da wandte sich Ernst von Miltitz nach allen Seiten um, als wenn er jemand suche. Plötzlich schritt er durch den Kreis der Ratsherren nach der Tür, wo Sonnhild lehnte. Er sprach leise ein paar väterliche Worte zu ihr, faßte sie alsdann bei der Hand und führte sie vor ihren Vater.
Mit niedergeschlagenen Augen stand das Mädchen mitten unter den Versammelten. In ihren Zügen war von dem großen Glück, das ihr Herz erfüllte, nichts zu lesen. Die Freude war zu jäh gekommen, und die Leiden waren zu schwer gewesen. Das feine Gesicht Sonnhilds war bleich, und die edelgeformten Schläfen, die das leuchtende Haar halb bedeckte, zitterten noch ob der furchtbaren Aufregung der letzten Tage.
»Burgemeister Waltklinger,« hob Ernst von Miltitz an, »hier Eure Tochter, die mit ihren schwachen Kräften von allen wohl am meisten gelitten hat!«
Bei diesen Worten schossen Tränen in Waltklingers Augen.
Ernst von Miltitz ergriff mit der freien Linken die Hand Bernhards.
»Was erwidert Ihr, Georg Waltklinger, wenn ich jetzt als Brautwerber meines Sohnes vor Euch trete und bitte: gebt ihm die Hand Eurer Tochter!«
Da überlief die hohe Gestalt Waltklingers ein so starkes Zittern, daß Peter Sorgenfrei an seine Seite trat und ihn stützte. Über die Wangen des Tiefergriffenen rannen die Tränen, und seine Augen gingen in unaussprechlicher Dankbarkeit zu dem edelmütigen Jüngling, der das Leben furchtlos an seine Befreiung gesetzt hatte. Die Bewegung, die den starken Mann erzittern machte, war so tief, daß er kaum ein paar Worte sprechen konnte.
Nun legte Ernst von Miltitz die Hände der Liebenden ineinander. Bernhard sah, wie eine feine Röte in Sonnhilds bleiches Gesicht stieg. Und als das Mädchen die wunderbaren Augen zu ihm aufschlug und ihre Blicke sich trafen, da erwachte in ihren beiden jungen Herzen die Zuversicht, daß die bangen Tage nun zu Ende waren und eine glücklichere Zukunft verheißungsvoll für sie anbrach.
Frau Magdalenas feines weibliches Empfinden ermaß von allen am besten, was Sonnhild gelitten. Und da sie bemerkte, daß die Rührung das tapfere Mädchen zu überwältigen drohte, führte sie es aus dem Kreis und zog im jähen Aufwallen ihrer mütterlichen Liebe die junge Tochter an ihre Brust.
Meißen ist die älteste Stadt der Mark; von ihr ging einst die deutsche Kultur über das ganze Land. Seine geheimnisvolle Anziehungskraft, die schon im Mittelalter die Fahrenden verspürten, übt ihre Wirkung auch auf die Menschen unserer Tage aus. Ein großer Strom von Reisenden flutet alljährlich dahin. Aufmerksam betrachten sie das alte Rathaus und die noch erhaltenen alten Häuser in den engen Gassen.
Sie bestaunen den prächtigen Dom, diese vornehme Pflegstätte des protestantischen Gottesdienstes, mit seiner tief auf das menschliche Herz wirkenden Schönheit, – die Albrechtsburg, das herrliche Baudenkmal aus mittelalterlicher Zeit, deren Anfänge auf ein Jahrtausend zurückschauen, – die Fürstenschule, eine der ersten Bildungsstätten Deutschlands, die bald nach Einführung der Reformation gegründet wurde, – und die berühmte Porzellanmanufaktur, deren Erzeugnisse, kenntlich durch die gekreuzten Kurschwerter, in der ganzen Welt hochgeschätzt werden.
So finden Kunst, Wissenschaft und Gewerbefleiß in Meißen vorzügliche Pflege; – die Enkel verstehen es, den Ruf, den ihre Väter der Stadt erwarben, hochzuhalten!
Umgrenzt von Bergen und Rebenhügeln, von Feld und Wald, liegt die Stadt malerisch zu beiden Seiten des Elbstroms. Wie der Drang und Wechsel der Zeiten sich auch gestalten möge, die herrliche Gottesnatur, die sie umgibt, wird der alten Markgrafenstadt für alle Zeiten einen guten Platz unter den schönsten deutschen Städten sichern.
Der Tag, mit dessen Anbruch unsere Erzählung schließt, neigte sich seinem Ende zu. Im Schlosse Siebeneichen war alles still. Die Dämmerung ließ das gegenüberliegende Ufer mit seinen lieblichen Weinbergen nur noch schwach erkennen. In der Tiefe rauschten die Wasser des Stroms ihre dumpfen, jahrtausendealten Gesänge.
An den Stamm eines der alten Bäume gelehnt, die dem Schloß seinen Namen gegeben, standen schweigsam zwei junge Menschen eng umschlungen und blickten in die zunehmende Dunkelheit. Zuweilen erschauerte das Mädchen. Dann drückte sie der Jüngling an sich, und sie beruhigte sich dabei.
Tiefer Frieden erfüllte die Seelen beider, und in der weiten Natur herrschte feierliches Schweigen, in das nichts anderes hineinklang als eine wundersame, geheimnisvolle Melodie: das leise Rauschen der sieben Eichen.