In dem Erker des Turmzimmers im Schlosse Siebeneichen saß Frau Magdalena von Miltitz. In ihrem Schoß lag ein Kleid von grauem Leinen, an dem sie eifrig nähte.
Die Schloßherrin von Siebeneichen war eine große, schöne Frau von noch nicht fünfzig Jahren. Ihre Gesichtsfarbe war ein blühendes Rot, und in das braune Haar hatte sich noch kein einziger Silberfaden gestohlen. Deshalb hielt man sie allgemein für jünger. Sie war eine kluge und entschlossene Frau, die ihre Pflichten im Hause vortrefflich ausübte und die von ihrem Gatten als eine verständige und liebevolle Ehegattin hoch geschätzt wurde.
Frau Magdalena war eine geborene Pflug. Ihr Vater war der angesehene Herr auf Zabeltitz, Heinrich Pflug. Derselbe, der einmal auf die Frage, warum er das Wörtchen »von« doch nie vor seinen Namen setze, geantwortet:
»Warum das? Die Pflugs gehören zu den vier Prinzipalgeschlechtern des meißnischen Heldenadels und wurden immer an erster Stelle genannt. Das weiß jedes Kind!«
Der Stolz des Vaters hatte sich auf die Tochter vererbt. Zwar war sie weit davon entfernt, hochmütig zu sein. Aber tief im Herzen fühlte sie die heimliche Freude, einem uralten, hochgeachteten Adelsgeschlecht zu entstammen.
Frau Magdalena ließ das Kleid sinken. Und während die fleißigen Hände einmal ruhten, schweifte ihr Blick zum Fenster hinaus. Tief unten rauschte die Elbe. Am jenseitigen Ufer stiegen hohe Weinberge empor, hinter denen sich das Land in einer weiten Ebene verlor. Ihre Augen glitten achtlos über das schöne Bild hinweg; sie dachte an ihren Sohn Bernhard. Seine älteren Brüder weilten draußen in der Welt, er, der Jüngste, war ihr verblieben. Dazu hatte er ihrem Mutterherzen heimlich immer am nächsten gestanden. Denn dieselben Eigenschaften, die sein Vater besaß, zeigten sich auch bei ihm recht deutlich.
Schon während seiner Kindheit war der hervorstechendste Zug ihres Jüngsten die Ritterlichkeit gewesen. Mit heimlicher Freude hatte sie immer beobachtet, wie der Knabe sich bemühte, gegen seine Mutter artig und zuvorkommend zu sein. Und als er noch nicht den Kinderschuhen entwachsen war, zeichnete er sich durch selbstbewußte Höflichkeit gegen Frauen vor allen Altersgenossen aus. Auch die vornehme Gesinnung des Vaters hatte er geerbt, und dessen ruhiges Wägen, bevor er handelte.
Freilich wußte Frau Magdalena, daß Bernhard auch die Schwächen seines Vaters besaß: den zuweilen aufflammenden Zorn und die trotzige Beharrlichkeit, die keine Strenge beugen konnte.
Da schreckte sie aus ihrem Nachdenken auf. Draußen hatten hastige Schritte geklungen. Und wie sie den Blick nach der Tür richtete, trat Bernhard ins Zimmer. Frau Magdalena erkannte alsbald, daß ihn etwas bewegte. Seine sonst blassen Wangen waren von einer leichten Röte verfärbt.
Bernhard von Miltitz besaß für seine jungen Jahre ein großes Maß von Beherrschung. Mit dem vollendeten Anstand eines Jünglings aus edlem Geschlecht begrüßte er seine Mutter. Als er sich jedoch zum gewohnten Handkuß vor ihr verneigen wollte, umschlang sie ihn, und er fühlte ihre Lippen auf seiner Stirn. Das machte ihn betroffen, denn er wußte, daß solche Beweise von Zärtlichkeit bei seiner Mutter selten waren.
Frau Magdalena hatte die Hände an des Sohnes Schläfen gelegt und sah ihm liebevoll ins Gesicht. Und bevor sie ihn freiließ, küßte sie ihn noch einmal.
Dieser Ausdruck von mütterlicher Liebe stimmte Bernhard weich, daß er plötzlich den Drang empfand, mit seiner Mutter von dem zu sprechen, was sein Herz erfüllte. Und so begann er denn mit stockenden Worten:
»Mutter, heute nachmittag bin ich mit einem fremden Fräulein in unserm Park gelustwandelt …«
Frau Magdalena horchte auf.
Da fuhr er schon im Sprechen fort. Aber jetzt kam der Redefluß leicht von seinen Lippen:
»Ein vornehmes Fräulein, lieblich, zierlich und anmutig zugleich. Keine, die ich je sah, glich ihr! Ihr Antlitz ist süß, wie das der heiligen Maria, und ihre Gestalt zart, wie die eines jungen Rehs. Und ihr Fuß, ihr kleiner, schmaler Fuß, liebe Mutter, ist so gewölbt, daß sich ein Vöglein darunter verstecken könnte …« Hier brach die Schilderung jäh ab, und eine dunkle Röte bedeckte das Gesicht des Sprechers.
Frau Magdalena war vor Überraschung sprachlos. War das ihr Sohn Bernhard, der jungfräuliche Reize so beredt schildern konnte? Ihr Jüngster von dem sie wußte, daß er es wohl verstand, Frauen ritterlich zu dienen, dessen junges Herz aber, wie sie wähnte, von kühler Gelassenheit beherrscht wurde?
»Du verstehst dich ja meisterlich darauf,« versetzte sie endlich, »die Schönheit junger Fräulein zu rühmen! Aber sag' mir doch vorerst, wer ist denn dieses Mädchen?«
Bernhard war an eines der hohen Erkerfenster getreten und sah, scheinbar gefesselt von dem Fernblick, hinaus. Er kämpfte sichtlich mit einer leichten Verlegenheit. Deshalb wandte er sich auch nicht um, als er antwortete:
»Sie ist ein Meißner Bürgerkind, Mutter.«
»Ich dachte es schon,« versetzte diese. »O ja,« fuhr sie nach kurzem Schweigen fort, »die Bürgersleute von Meißen sind sehr achtbar, und sie werden ihr Kind sicherlich ebenso vortrefflich erzogen haben, wie du es anmutig findest. Der Stolz der Bürger, solange er nicht zur Hoffart wird, ist wohlbegründet in ihrer Tüchtigkeit. Aber sieh, Bernhard, wir gehören nun einmal nicht zu ihnen, und sie mögen uns auch gar nicht zu den ihrigen zählen. Wie heute die Verhältnisse liegen, sollen Adel und Bürgertum hübsch voneinander bleiben. Und, lieber Sohn, der Frieden im Herzen einer Jungfrau ist sehr bald gestört. Hüte dich davor! Was du als ritterliche Aufmerksamkeit betrachtest, wird leicht anders gedeutet. Ein gesittetes Bürgermädchen aber mit schönen Worten zu betören, danach, mein lieber Bernhard, wird es dich nicht verlangen.«
Der Jüngling wandte sich hastig um.
»Nimmermehr!« rief er. »Ich bin ein Miltitz und werde immer nur das tun, was mein Gewissen gutheißt. Dürfte aber die Kluft zwischen Bürger und Adel ein Hindernis für die Vereinigung zweier Herzen sein? Verstieße solches, so man es verlangte, nicht gegen die göttlichen Gebote?«
Diesen mit edler Wärme gesprochenen Worten folgte tiefes Schweigen. Bis Bernhard in ruhigem Tone fortfuhr:
»Die Jungfrau, von der ich sprach, besitzt eine reine, herrliche Seele. Ihr Vater trägt einen hochangesehenen Namen, er ist der Burgemeister …«
»Waltklinger?« Frau Magdalena richtete sich steil auf.
Bernhard sah verwundert auf.
»Ja, liebe Mutter,« antwortete er, »Sonnhild ist die Tochter des Burgemeisters Georg Waltklinger.«
Frau von Miltitz schöpfte tief Atem. Dann sagte sie:
»Nein, Bernhard, der jahrhundertealte Zwist zwischen Adel und Bürgertum darf Herzen, wo sie sich nähern, nicht im Wege stehen. Aber wir können es ruhig denen überlassen, sich hierüber zu verständigen, die es angeht. Für dich mit deinen achtzehn Jahren ist dieses Gespräch zu ernst. Und ich will dir auch sagen, warum ich erschrak, als du vom Burgemeister sprachst. Du bist erst zu kurze Zeit wieder hier, daß du wissen könntest, wie zwischen deinem Vater und dem Rat der Stadt Meißen gegenwärtig eine starke Spannung besteht. Wie dir bekannt, ist vor einigen Jahren drüben im Kurfürstentum Sachsen die Reformation eingeführt worden, während sie bei uns herzoglichen Sachsen vergeblich um Einlaß angeklopft hat. Darüber ist die Bürgerschaft Meißens erbittert, weil sie die lutherische Lehre zur Staatsreligion erhoben sehen möchte. Aber unser Herzog Georg ist ein Feind des Wittenbergers. Deinem Vater fällt es nun als Amtmann von Meißen zu, die widerspenstige Einwohnerschaft in Schach zu halten, wofür er vom Herzog ausreichende Vollmacht erhalten hat. Das Haupt dieser Religionsbewegung ist in Meißen aber der Burgemeister Waltklinger. Dieser stolze und adelsfeindliche Mann betrachtet deinen Vater als einen böswilligen Widersacher und ist ihm bitter gram. Was müßte dein Vater nun empfinden, so er erführe, sein Sohn hofiere dem Burgemeistertöchterlein, und wie müßte das Mädchen leiden, wenn solches dem Waltklinger zugetragen würde. Denn der Jähzorn dieses Mannes soll schlimm sein.«
Frau Magdalena hatte sich bei den letzten Worten erhoben.
»Ich weiß, daß ich mich auf deine Klugheit und auf dein Zartgefühl verlassen kann. Du wirst nie vergessen, welches Maß von Rücksicht du dem Namen, den du trägst, und deinem Vater schuldig bist.«
Hier verließ Frau von Miltitz in mühsam verhehlter Erregung das Zimmer. Bernhard hatte ihre Rede stumm angehört. Jetzt sah er in starrer Haltung noch eine Weile auf die Tür, durch die seine Mutter ihn verlassen. Dann trat er in den Turmerker und schaute lange hinaus über das weite Land.