Fünftes Kapitel
Der Amtmann im Urteil der Bürgerschaft

Die Unterredung mit seiner Mutter hatte auf Bernhard von Miltitz einen tiefen Eindruck gemacht. Freilich war die Mutter im Recht! Bürger und Adel mieden sich am besten. Und sein grübelnder Verstand sagte ihm, daß die Abneigung dieser beiden großen Stände voreinander, der mancherorts bestehende Haß, nicht von heute zu morgen durch gütliche Vermittelung beseitigt werden konnten. Diese Zustände waren tief in den Zeitverhältnissen begründet; sie waren mit ihnen groß geworden. Der Adel konnte auf ein ruhmreiches Zeitalter zurückblicken. Aber seine Glanzzeit gehörte doch der Vergangenheit an. Damals zählte der Bürger freilich wenig. Allmählich hatten jedoch Adel und Bürgerschaft ihre Stellung im Staat vertauscht. Die großen Aufgaben des Rittertums waren längst erfüllt. Jetzt besaßen die Adligen zwar noch die vorherrschende Macht, aber ihre Bedeutung war beträchtlich gesunken.

Mit der Entwickelung der Städte und dem Aufblühen des Handwerks war die wirtschaftliche Überlegenheit bald auf die Seite des Bürgertums getreten. Aber auch der innere Wert des Bürgers war erheblich gestiegen. Die gediegenen Erzeugnisse des deutschen Handwerks hatten in kurzer Zeit die Aufmerksamkeit der andern Völker erregt. Allerorts fanden die Waren guten Absatz und taten sich durch ihre Güte vor allen Erzeugnissen hervor.

So war es gekommen, daß in der ganzen Welt das deutsche Handwerk gepriesen wurde und daß der deutsche Handel herrlich aufblühte. Eine große Anzahl von Städten tat sich zusammen und gründete den Hansabund, unter dessen kraftvollem Schutze die erzenen Kiele der mächtigen Segelschiffe die weiten Meere durchschnitten, um die Erzeugnisse deutschen Fleißes nach aller Herren Länder zu bringen.

Dieser glänzende Aufschwung erfüllte Handwerker und Kaufmann mit Befriedigung und Stolz und spornte sie an, emsig weiterzuarbeiten. Aber nicht nur deshalb, um große Vermögen anzusammeln – geschweige daß es dem Reichtum gelungen wäre, seine Erzeuger zu verweichlichen –, der deutsche Bürger setzte vielmehr sein alles daran, den guten Ruf seiner Arbeit stetig zu fördern. Und das gelang ihm.

Wohl kleidete man sich reicher als früher, und in den deutschen Landen fanden allerhand Genußmittel fremder Völker Eingang, die bis dahin unbekannt gewesen waren und Gaumen und Zunge schmeichelten. Der bisher einfache Tisch war reicher besetzt, und Gastmähler wurden gefeiert, bei denen die auserlesensten Speisen aufgetragen wurden und der köstlichste Wein in Strömen floß. Niemand verschmähte es mitzutun, die deutsche Gründlichkeit bewährte sich auch im Genießen.

Aber die Versuchungen, denen im Laufe der Weltgeschichte schon manches Volk erlegen, fanden ein aufrechtes, kraftvolles Geschlecht. Der Fleiß und die Beharrlichkeit des deutschen Handwerks erlitten dadurch keine Einbuße! Die sittlichen Werte des Volkes wuchsen immer mehr, es war sich der hohen Sendung bewußt, die es zu erfüllen hatte. Das Gemeinwesen wurde musterhaft, und die Städte entwickelten sich zu einer Macht, die der Herrlichkeit der Fürsten Glanz und Stütze war. Der Familiensinn vertiefte sich. Man war stolz darauf, von Vorfahren abzustammen, deren Namen seit Jahrhunderten mit Ehrfurcht genannt wurden.

Die Kinder wurden in wahrer Frömmigkeit und strenger Zucht erzogen. Die Achtung vor Gesetz und den Eltern vererbte sich vom Vater auf den Sohn.

So gab es im Handwerker- und Kaufmannsstande zahlreiche Familien, die, gestützt auf große Vermögen, nach außen viel Selbstbewußtsein bewahrten. Das Oberhaupt eines solchen Patriziergeschlechts fühlte sich in seinem Hause als ein Fürst. Hatten seine Vorfahren den Wohlstand und das Ansehen des Volkes nicht begründen und mehren helfen? Und was hatte dagegen seit aber hundert Jahren der Adel getan?

Das waren die Gedanken, die Bernhard von Miltitz jetzt unaufhörlich bestürmten. Er konnte zwar noch nicht in die Tiefen des verworrenen Zeitbildes blicken. Aber er war ein Grübler. Und wo sein Wissen nicht ausreichte, begann er, die Gedankenanfänge zu entwickeln. Bisher hatte er nur mit den Augen eines Abkömmlings aus adligem Geschlecht gesehen, denn die Kenntnis der wirklichen Verhältnisse war ihm nicht gelehrt worden. Seine Mutter war es gewesen, die ihn auf diese Anschauungen gebracht hatte. Und je öfter er nachsann, desto deutlicher enthüllte sich ihm die Wahrheit.

Sein junges Herz schlug laut für das entzückende Kind aus dem Bürgerstand. Ein seliges Gefühl überkam ihn, wenn er daran dachte, Sonnhilds Zuneigung zu besitzen. Zuneigung? Durfte er es so nennen? Nun, darüber mußte er sich Gewißheit verschaffen.

Am verabredeten Tage hatte sich Bernhard von Miltitz pünktlich auf der Höhe vor dem Lommatzscher Tor eingefunden. Es war derselbe Ort, an dem er Sonnhild zum erstenmal gesehen. Er konnte sich genau entsinnen: unter diesem hohen Baum hatte er gestanden, und dicht hinter ihm, wo jetzt ein Bündel Farren mit breiten Wedeln wuchs, hatte sie im Grase gelegen.

Dann trat er so weit vor, daß sein Blick ungehindert in die Weite schweifen konnte. Drüben auf dem andern Elbufer erhoben sich die Hügel, bedeckt von dem leuchtenden Grün der frischen Reben, und zu seiner Rechten, dicht vor der Stadt, ragten der Dom und die alte Markgrafenburg in das lichte Himmelsblau noch hinein. Auch heute lag leuchtender Sonnenschein über dem entzückenden Bild, und die Luft wehte weich und warm und spielte leise mit den Zweigen.

Bernhard war so in Gedanken versunken, daß er Sonnhild erst bemerkte, als das Mädchen neben ihm stand. Jetzt sah er auf, und ihre Blicke trafen sich. Sie trug ein enganliegendes weißes Kleid, das die schlanke Gestalt der aufblühenden Jungfrau deutlich erkennen ließ.

Der Jüngling war von Sonnhilds Schönheit aufs neue betroffen. Er sah eine kurze Weile stumm in das liebliche Gesicht, bis das Mädchen unter seinem Blick errötete und die Augen niederschlug. Da trat er rasch heran, und sie begrüßten sich.

Wie bei ihrem letzten Zusammensein brauchten sie erst eine Zeit lang, um ihre Verlegenheit zu überwinden. Dann aber drängten sich die Worte auf ihre Lippen und sie erinnerten sich beide daran, wie es vor fünf Jahren an dieser Stelle ausgesehen und was sie damals miteinander gesprochen.

So kamen sie ins Plaudern und gingen dabei tiefer in den Wald hinein, der sich neben der Landstraße auf der Anhöhe hinzog. Bernhard legte auch heute wieder seinen Arm behutsam in den der Jungfrau, ohne daß sie durch ein Zeichen peinliche Überraschung verraten hätte. War sie sich dessen im Eifer des Sprechens nicht bewußt geworden, oder erlaubte sie ihm diese Vertraulichkeit? Der Jüngling hoffte das letztere.

Dann pflückten sie die am Wege stehenden Waldblumen und banden sie zum Strauß. Bernhard ließ sich auf das Knie nieder und steckte den seinen in Sonnhilds Gürtel. Darauf trat das Mädchen heran und nestelte ihre Blumen an seinem Kragen fest. Dabei standen sie so eng beisammen, daß ihr Atem sein Gesicht streifte und er die feinen Härchen unterscheiden konnte, die Ohren und Wangen des Mädchens bedeckten. Als Sonnhild aber bei einer unwillkürlichen Bewegung mit der Stirn des Jünglings Wange leicht berührte, trat dieselbe dunkle Röte auf ihr Gesicht, die Bernhard schon wiederholt darin hatte aufsteigen sehen. Und ihre feinen Finger zitterten, bis es ihr gelang, die widerspenstigen Blumen zu befestigen.

Von da an blieb das Mädchen einsilbig, und wenn sie lachte, klang es nicht so natürlich wie sonst. Als Bernhard dies merkte, bemühte er sich, dem Mädchen die Beklemmung überwinden zu helfen, indem er harmlos weiterplauderte. Aber ihr Schweigen raubte ihm endlich die Unbefangenheit, und sein Redefluß versiegte.

Da sagte Sonnhild:

»Junker, ich weiß nicht, ob Euch hinlänglich bekannt ist, welch unseliger Zwist zwischen der Bürgerschaft und Eurem Vater besteht.«

Bernhard erschrak. Doch faßte er sich rasch und entgegnete, wie er wohl wisse, daß eine starke Bewegung zugunsten der Reformation in der Stadt sei. Seinem Vater liege es als Amtmann von Meißen ob, den Befehlen des Herzogs, der von der Einführung der Reformation im meißnischen Sachsen nichts wissen wolle, Geltung zu verschaffen. Und Bernhard fügte hinzu, das Volk würde die Wünsche seines Fürsten gewißlich achten und seine eigenen Wünsche fallen lassen.

Aber Sonnhild schüttelte den Kopf und versetzte mit wehmütigem Lächeln:

»Junker, Eure Harmlosigkeit von früher ist Euch verblieben. Wenn Ihr glaubt, daß die Bürgerschaft Meißens ihre Wünsche aufgäbe, weil der Herzog die Reformation nicht einführen will, dann täuscht Ihr Euch über die Gesinnung der Meißner. Die Gegensätze verschärfen sich mit jedem Tage. Und Euer Vater? Ich glaube bestimmt, daß er nichts anderes tut als seine Pflicht! Aber der ganze Groll der vielen unbefriedigten Menschen richtet sich zuerst doch nur gegen ihn.«

Hier sah Bernhard von Miltitz erstaunt auf.

»Gewiß, Junker, gegen Euern Vater! Der Herzog ist weiter entfernt, und er steht viel zu hoch, daß man es wagte, die gereizten Reden gegen ihn auszustoßen, mit denen die ergrimmte Bürgerschaft ihrem Herzen Luft macht.«

»Aber mein Vater ist doch nur ein Diener des Herzogs, und was er tut, tut er in seinem Namen,« warf Bernhard voll Eifer ein.

»Ich möchte Euch nicht wehtun, Junker,« entgegnete Sonnhild, »deshalb dürft Ihr auch nicht denken, die Worte, die ich jetzt spreche, seien meine eigene Überzeugung: die Bürgerschaft ist Eurem Vater bitter gram, weil sie meint, er schüre den Zwist zwischen ihr und dem Herzog, wo er nur könne, und bestärke diesen in seiner Abneigung gegen die Lutherische Lehre. Denn Euer Vater, Junker, gilt als ein fanatischer Papist.«

Diese Worte, so einfach sie gesprochen waren und obgleich ihnen jeder Ton des Vorwurfs fehlte, machten auf Bernhard einen tiefen Eindruck. Er erwiderte nichts und sah seitwärts in das Gebüsch. Da fühlte er eine weiche Hand, die sich leicht auf seinen Arm legte. Und wie er aufsah, blickte er in Sonnhilds große Augen, die traurig auf ihn gerichtet waren.

»Habe ich Euch doch eine Kränkung bereitet?« sagte sie leise. »Verzeiht, Junker, es war nicht bös gemeint!«

Bernhard war gerührt von dem weichen Ton in Sonnhilds Stimme und dem unaussprechlich lieblichen Ausdruck ihres Gesichts, das dem eines flehenden Kindes glich.

»Liebe Sonnhild,« sagte er herzlich, »was für ein edles Gemüt Ihr doch besitzt.«

Da nahm sie ihre Hand von seinem Arm. Und als sie sich abwandte, schlug ihr die Röte wieder ins Gesicht.

»Was Ihr da sagtet, Jungfrau,« begann Bernhard, »war eine Anklage gegen meinen Vater. Ich bin noch zu unerfahren, um urteilen zu können, ob mein Vater wirklich das tut, wessen man ihn bezichtigt. Wohl weiß ich, daß sein Einfluß auf den Herzog groß ist, und daß ihn dieser vor vielen anderen schätzt. Aber ich weiß auch, Jungfrau, daß mein Vater nicht nur nach Rang und Geburt ein Edelmann ist! Er ist streng, ja, das ist er! Er ist auch zuweilen – heftig. Das habe ich als Kind wiederholt fühlen müssen. Aber er ist auch gerecht! Und hinter seinem strengen Äußeren verbirgt sich ein mildes Herz! Schon als Knabe habe ich meinen Vater innig geliebt und tiefe Ehrfurcht vor ihm besessen. Jetzt aber, nachdem ich sein Inneres geblickt, ist es mein sehnlichster Wunsch, die Eigenschaften des väterlichen Charakters möchten sich auch in mir reich entwickeln.«

Sonnhild warf einen warmen Blick auf Bernhard, ohne daß dieser es bemerkte. Von dem Ernst seiner Rede ganz erfüllt, fuhr er fort:

»Mein Vater ist ein strenggläubiger Christ. Ob er der neuen Lehre feindlich gegenübersteht, weiß ich nicht.«

»Ich glaube Euern Worten, Junker,« versicherte Sonnhild. »Dieser unselige Zwist! Wieviel Tränen und Ärgernisse hat er nicht schon gekostet. Wenn doch nur der Herzog die evangelische Lehre freigeben wollte! Meint Ihr nicht auch, daß es Gott gleich gefällig ist, ob man ihm nun so oder so dient? Nicht die Form ist doch hier das Wertvolle, sondern der Inhalt.«

Bernhard wurde leicht verlegen. Es hätte ihn geschmerzt, dem Mädchen zu widersprechen. Deshalb sagte er nur:

»Ich kenne nichts anderes, als den alten Glauben. Aber wir wissen ja, daß es allein darauf ankommt, dem Höchsten mit ganzer Seele anzugehören.«

Damit war Sonnhild zufrieden.

»Für heute,« sprach sie, »ist es aber genug, Junker! So Ihr jedoch kommenden Samstag für ein Stündchen Zeit hättet …«

»Aber Jungfrau, wie mögt Ihr nur so fragen,« erwiderte Bernhard, indem er bemüht war, seiner Stimme einen Anflug von Vorwurf zu geben.

Sonnhild lächelte.

»Und wieder hier?« fragte sie neckend.

»Wieder hier,« antwortete er und drückte voll Wärme die Hand, die sie ihm reichte.

Dann sah er ihr lange nach, bis die jungfräuliche Gestalt seinen Blicken entschwand.

Langsam ging er darauf quer durch den Wald, bis zur Landstraße, die er stadtwärts verfolgte. Da holte ihn ein junges Mädchen ein, das ihn aufmerksam betrachtete und alsdann dicht in seiner Nähe blieb.

Bernhard fühlte, wie ihn die Unbekannte dreist ansah. Auch als er seinen Blick verweisend auf sie richtete, fuhr sie fort, ihn anzustarren.

Sie mochte zwanzig Jahre zählen. Ihr Körper war gut gewachsen und von leichter Fülle. Beim Gehen wiegten die Schultern ein wenig, und der wohlgerundete Busen schwebte auf und nieder. Ihr Gesicht war sehr bleich, fast durchsichtig. Unter den starken, schwarzen Brauen glänzten zwei herrliche Augen. Die schmale Nase besaß eine scharfe Krümmung. Das Mädchen war eine Jüdin.

Bernhard sah von ihr weg. Aber er empfand, daß sie kein Auge von ihm ließ. Ihrem abgenutzten Kleide nach stammte sie aus dem niederen Volke.

Nachdem beide ein Stück fast nebeneinander gegangen waren, sah er wieder zu ihr hin und blickte eine kurze Weile in ihre großen, blauen Augen.

Ein seltsames Gefühl überkam den Jüngling. Erinnerten ihn diese Augen nicht an Sonnhild? Er verwarf den Gedanken. Doch mußte er bald eingestehen, daß die Augen des Judenmädchens denen Sonnhilds glichen. Aber sie sahen ihn ganz anders an. Die Augen Sonnhilds leuchteten wie zwei Sterne am nächtlichen Himmel, die der Jüdin blickten starr und frech. Und verhaltene Glut blitzte in ihnen.

Da sah er zum drittenmal hinüber, und ihre Blicke trafen sich wieder. Eine magnetische Kraft schien von diesen Augen auszugehen.

Bernhard wurde ärgerlich, schwieg aber. So gingen sie bis zum Stadttor. Hier angekommen, blieb das Mädchen stehen, während er durch das Tor weiterging. Als er sich aber in geraumer Entfernung noch einmal umsah, bemerkte er die Jüdin unbeweglich neben dem Torhaus an die Stadtmauer gelehnt, ihm nachschauend.

Unwillig wandte er sich um. Aber lange hatte er das Gefühl, als ob die starren Augen noch immer auf ihn gerichtet seien.