Drittes Kapitel.
Die Welt der Kometen!

»Wenn ein hellstrahlender Komet
In den obersten Lüften steht,
Werden gar große Reiche zerstört,
Wie wir solches oft haben gehört!« –

(Inschrift auf einem alten Kometenflugblatte
aus dem Jahre 1580.)

Im Geiste versetzen wir uns einmal um mehrere Jahrhunderte, – sagen wir an den Beginn des Mittelalters, – zurück!

Kriegsgeschrei tönt durch die Lande, und die Pest zieht mit grauenhafter Macht von Stadt zu Stadt, von Dorf zu Dorf, um Tod und Elend zu verbreiten. Die Menschheit ist in Angst und Sorge und fürchtet, daß noch Unheilvolleres komme.

Da, – eines Abends, als die Sonne untergegangen ist und die Sterne neugierig aus ihren Himmelsfenstern zur leidvollen Erde herabsehen, flammt unter ihnen ein ungewöhnliches Gestirn auf. Es steht am westlichen Horizonte und besitzt einen langen, lichten Schweif, den es über einen großen Teil des nächtlichen Firmamentes hinwegspannt.

Als die Menschen dieses flammende Zeichen erblicken, wird ihre Angst und Furcht noch größer, denn die »Rute am Himmel« bringt ihnen neue Not, neue Kriege und Krankheiten!

Im Glauben unserer Vorfahren waren ja die Kometen, – diese seltsamen, glanzvollen und geschweiften Gestirne, – nichts anderes, als »Unglücksboten und Geißeln Gottes«!

Wenn wir die alten Chroniken, die aus jenen Tagen stammen, nachschlagen, finden wir dies in ihnen zur Genüge bestätigt.

»Bald«, – so heißt es in den Schriften aus jener Zeit, – »zeigte sich ein Schweifstern, der aussah, wie ein Schwert, wie ein Speer, wie ein Menschenantlitz oder wie eine Mißgestalt! Achtfach ist das Unheil, das solch' ein Gestirn über die Erde und die Menschen bringt, nämlich Fieber, schwere Zeit, große Dürre, Krieg, Frost, Erdbeben, großer Menschen Tod und Umwälzungen in den Staaten!« –

Der Komet des Jahres 1460 wurde als ein »Sendbote des Satans« von den Menschen jener Tage angesehen und, als der große »Halleysche Komet« im Jahre 1682 in den Räumen des Weltalls erschien, da schrieb von ihm ein Professor in Marburg, daß dort eine Henne aus Angst vor dem Gestirne drei Eier gelegt habe, auf denen das Bild des Schweifsternes deutlich zu sehen war! –

Von all' dem Aberglauben, den unsere Vorfahren an diese prachtvollen Himmelserscheinungen geknüpft haben, ist in moderner Zeit nichts übrig geblieben. Vor dem prüfenden Blick moderner Forschung hat jener Wahnwitz nicht Stand zu halten vermocht! –

Die moderne Himmelsforschung hat gefunden, daß die schönen Schweifsterne nichts mit Hungersnot und Pest, nichts mit Krieg und anderem Elend zu tun haben, sondern, daß sie friedlich und harmlos auf ihrer Himmelsstraße einherziehen, wie alle die anderen Sterne!

Der Himmelsforscher der Gegenwart weiß ferner, daß die Kometen nichts anderes sind, als Ballen aus weltbildendem Stoffe, daß sie also aus jenem Urstoffe bestehen, den wir am Eingang dieses Buches bereits kennen gelernt haben.

Solche Urstoff- oder Nebelballen wandern durch den Sternenraum, ja es ist sogar sehr wahrscheinlich, daß unsere Sonne mit ihren Planeten zur Zeit durch ein Gebiet im Weltall schreitet, das mit viel Urstoff angefüllt ist, denn die zahlreichen Kometenerscheinungen in den letzten Jahren lassen diese Vermutung zu.

Wenn nun ein solcher Nebelballen in die Nähe eines Sonnenreiches kommt, dann wird er von dessen Zentralkörper, – also dessen Sonne, – angezogen. Auch die unserige zieht ihn an, wenn er in die Nähe ihres Reiches kommt. Der Nebelballen eilt nun auf die Sonne zu und in diesem Hineilen unterliegt er einer Reihe von Veränderungen, und zwar hinsichtlich seiner Gestalt und seines Aussehens! –

In einer gewissen Entfernung von der Sonne nämlich beginnt der Nebelballen, – der Komet, – einen Schweif zu bilden. Mit diesem geschmückt, eilt er an der Sonne vorüber, verliert dann aber allmählich den Schweif und wird endlich wieder ganz unsichtbar.

Ist der Komet nun etwa verloren gegangen oder verschollen? Nein! – Er wanderte nur nach dem Punkte hin, wo er der Sonne am fernsten steht. Der Astronom nennt diesen Punkt das Aphel! In jenem sonnenfernsten Punkte indes können wir den Kometen weder im Fernrohre noch mit der Camera entdecken. Vom sonnenfernsten Punkte, – dem Aphel, – aus kehrt er nach Ablauf einer bestimmten Zeit wieder in den Punkt zurück, wo er der Sonne am nächsten steht. Wir nennen diesen Ort das Perihel. Dann erst sehen wir ihn wieder, und zwar mit dem bloßen Auge!

Nun gibt es aber Kometen, die uns niemals zu Gesicht kommen, sondern nur dem Teleskope vorbehalten sind. Diese nennt man deshalb »teleskopische Kometen«, und es werden jahraus jahrein eine Anzahl von ihnen entweder mit dem Teleskope oder in neuerer Zeit auch mit der photographischen Platte entdeckt.

Diejenigen Kometen, die aus dem sonnenfernsten Punkte – dem Aphel – immer wieder in den sonnennahesten Punkt – das Perihel – zurückkehren, nennen wir »periodische«. Sie sind Bürger unseres Sonnensystems. Zu ihnen gehören die größten und schönsten, die wir kennen, auch der große Halleysche, von dem später noch die Rede sein wird.

Jeder große Komet besteht aus drei ganz auffallenden Merkmalen, – nämlich aus einem Kopfe, einem Kerne und einem Schweife.

Der Kopf des Kometen ist der Nebelballen (die Urstoffwolke), die entweder aus dem sonnenfernsten Punkte kommt und auf das Tagesgestirn dann hineilt oder aus den Tiefen des Weltalls in unser Sonnenreich eindringt.

Ein solcher Kometenkopf kann einen Durchmesser von über einer Million Kilometer haben.

In seiner Mitte zeigt dieser Kometenkopf eine Verdichtung der Urstoffteilchen, aus denen er sich aufbaut. Diese Verdichtung hat ein sternartiges Aussehen und leuchtet hell. Wir nennen sie den Kern des Kometen!

Lange Zeit hindurch hat man geglaubt, daß uns der Kern eines Kometen einmal dann gefährlich werden könne, wenn die Erde mit ihm in Berührung komme. Die Kometenkerne sollten, – in der Meinung früherer Jahre, – aus Gesteins- oder metallischen Massen bestehen. Nun sind wir aber schon wiederholt durch die Köpfe und durch die Schweife von Kometen hindurch gegangen, und es ist uns nichts passiert. Auch hat die Himmelsforschung der Gegenwart gefunden, daß die gefürchteten Kometenkerne nichts anderes sind als Gasmassen, die, – ähnlich dem Sonnen- und Erdkern, – unter einem hohen, auf ihnen lastenden Drucke starr wie Glaserkitt werden!

Tafel 11.
Der Komet 1911 – c (Brooks).
(Aufgenommen mit dem photographischen Refraktor der K. Sternwarte zu Wien von Dr. Josef Rheden, Originalaufnahme. 56 Minuten Belichtungsdauer.)

Durch diese wissenschaftliche Annahme ist die Furcht vor den Kometenkernen so gut wie vernichtet. Die Strahlen der Sonne lösen die Spannung in der gasigen Kernmasse dann auf, wenn das Gestirn der Sonne immer näher kommt. Die Gase des Kernes strömen nun aus dem Kopfe des Kometen aus, und so entsteht der oft Millionen Meilen lange Schweif.

Der Schweif ist das prächtigste am ganzen Gestirn und verleiht diesem auch den Beinamen »großer Komet«! –

Bald sieht der Schweif des Gestirnes bandartig, bald federförmig gespalten, bald gerade und bald gebogen aus. Einige Kometen zeigten sich uns mit mehreren Schweifen, so die der Jahre 1744 und 1861.

Unsere Vorfahren behaupteten, daß Kometenschweife ausgesehen hätten wie das aufgelöste lange Haar einer Frau. Deshalb haben die Kometen auch bis zum heutigen Tage den Namen »Haarsterne« beibehalten. –

Die Photographie, die man, – wie überall in der Himmelsforschung, – auch bei der Entdeckung und Beobachtung von Kometen heute anwendet, hat uns noch verraten, daß die Schweife der Kometen Einbuchtungen, Riffe, Knicke und Ablenkungen zeigen. Das deutet auf heftige Vorgänge im Innern des Kometen hin, wie wir solche Erscheinungen ja auch im Innern und auf der Oberfläche unseres Tagesgestirns schon kennen lernten.

Es sind starke elektrische Entladungen, welche diese Veränderungen in den Schweifen der Kometen hervorrufen. Sie helfen aber andererseits auch den Kometen erleuchten. Ein Schweifstern strahlt also im eigenen Lichte; dann aber auch noch im Lichte der Sonne, deren Strahlen sich an den Teilchen aus Urstoff brechen, aus denen, – wir hörten es schon mehrfach, – der Komet besteht.

Aus dem Wenigen ersehen wir klar und deutlich, daß die Schweifsterne ungemein zart, groß, aber auch interessant und noch recht rätselhaft sind!

Zu den schönsten Kometen, die im Laufe der letzten Jahrhunderte am Himmel erschienen, gehören die der Jahre 1680, 1744, 1843, 1858 und 1861.

Zu den berühmten Schweifsternen der letzten Jahrhunderte zählt man die Kometen der Jahre 1680, 1811 und 1910 (der große Halleysche).

Im Januar des Jahres 1910 erschien ganz plötzlich an unserem westlichen Firmamente ein Schweifstern, der nur kurze Zeit sichtbar blieb. Man hat ihn den »Johannisburger Kometen« genannt, weil er auf der südafrikanischen Sternwarte zu Johannisburg zuerst gesehen worden war. Der Schweifstern gehört nicht zu den Kometen, die Bürger unseres Sonnensystems sind, also immer aus dem Aphel in das Perihel zurückkehren, sondern er kam aus den Tiefen des Weltalls und kehrte in dasselbe wieder zurück, nachdem er an unserer Sonne vorübergezogen war.

In dem gleichen Jahre erschien noch ein anderer Komet, der, – wie schon gesagt wurde, – eine historische (geschichtliche) Berühmtheit erlangt hat.

Es ist der große Halleysche Komet. Er wurde nach dem Berechner seiner Bahn um die Sonne herum, – nämlich nach Edmund Halley, – benannt. Dieser Schweifstern soll auch der Stern gewesen sein, der nach der Bibel die Weisen aus dem Morgenlande zur Krippe Christi geführt hat. Immer nach 75 Jahren kehrt er in den Punkt zurück, wo er der Sonne am nächsten steht und dann auch für unser Auge sichtbar wird.

Im Jahre 1985/1986 werden wir ihn wieder am Firmamente sehen.

Die Bahnen der Kometen sind Ellipsen, das heißt, sie haben die Form des Eies; aber diese Ellipsen sind oft so groß, daß sie weit hinaus in die fernen Sternenräume reichen. Man neigt heute immer mehr der Ansicht zu, daß auch die nichtperiodischen Kometen, also die »Kometenfremdlinge«, zu denen ja der Johannisburger Komet gehörte, auf solchen gewaltig großen, elliptischen Bahnen dahinlaufen. Wir sehen immer nur das Stück der Kometenbahn, das in der Nähe unserer Sonne liegt. Dies aber sieht aus wie ein Hufeisen. Man nennt eine solche hufeisenförmige Bahn eine Parabel! –

Wir haben gehört, daß ein Kometenkern von den Strahlen der Sonne langsam aufgelöst wird; indes nicht bloß der Kern, sondern der ganze Komet verflüchtigt sich nach und nach. Nun kommen aber gerade die Kometen von allen Körpern, die wir in unserem Sonnenreiche kennen, dem Tagesgestirne am nächsten, oft bis auf wenige tausend Kilometer.

Daß Kometen von der Sonne nach und nach aufgelöst worden sind, dafür haben wir eine ganze Anzahl von Beweisen. Zu ihnen gehört zum Beispiel der sogenannte »Bielasche Komet«, – benannt nach dem österreichischen Hauptmann Biela, der die Bahn des Schweifsternes um die Sonne herum berechnete. Dieser Komet teilte sich erst vor den Augen der Astronomen in zwei Teile und erschien dann gar nicht mehr. Die Astronomen vermuteten, daß die Sonne ihn nach und nach aufgelöst habe und daß die aufgelösten Teilchen über die ganze Bahnstraße, in der der Komet um die Sonne lief, zerstreut worden seien. Diese Annahme war richtig, denn als in der Nacht vom 27. zum 28. November 1872 unsere Erde die mit aufgelösten Teilchen besäte Bahn des »Bielaschen Kometen« um die Sonne durchschnitt, da entzündete sie die Teilchen, und wir sahen in jener Nacht einen wundervollen Sternschnuppenfall. Die kleinen Teilchen, in die sich der »Bielasche Komet« aufgelöst hatte, rieben sich nämlich am Luftmantel der Erde und erhitzten sich infolgedessen so stark, daß sie zu glühen begannen. Sie verglühten und vergasten, und wir sahen dies als Sternschnuppen!