Fünftes Kapitel.
Das Ende der Welten!

»Nach der Trübsal jener Tage wird die Sonne verfinstert werden, der Mond wird seinen Schein nicht mehr geben, die Sterne werden vom Himmel fallen und die Kräfte des Himmels werden erschüttert werden!«

(Matth. 24, 15–35.)

Als ich noch ein kleiner Knabe war, da ging ich eines Morgens in den Osterferien einmal hinaus ins Feld.

Ein Bauersmann pflügte dort mit seinen Pferden. Als er mich sah, winkte er mir! Ich ging zu ihm hin, und er zeigte mir drei große Kugeln, die er ausgeackert hatte. Sie stammten aus den Tagen der Hussiten!

Diese hatten einst auch unser Dörflein von ihrer Wagenburg aus belagert und mit ihren Lederkanonen beschossen.

Ich nahm mir eine Kugel mit und legte sie im Garten meines Vaterhauses, – des Schulhauses im Dorfe, – auf einen steinernen Sims. Hier hat sie viele Monate gelegen. Die Kugel war aus Sandstein und zeigte von dem langen Liegen in der Erde tiefe Gruben. Sie sahen aus, wie Narben. Im Winter hüllte die Kugel der Schnee ein und manchmal war sie, wenn es am kalten Tage geregnet hatte, mit einer dicken Eisschicht überzogen. In den Narben stand dann Wasser und auch dieses gefror hart. Im Frühjahre, wenn die Sonne wärmer schien und die Kugel auftaute, dann erschienen Sprünge auf ihrer Oberfläche die einige dieser Pockennarben miteinander verbanden.

Tafel 14.
Das astrophysikalische Observatorium auf dem Königsstuhl bei Heidelberg.
(Eine der bedeutendsten Sternwarten des Erdballes.)

Eines Tages wurde in unserem Garten ein Baum gefällt, und man schleifte ihn unvorsichtig hinaus. Die Äste kamen dem Sims und der Kugel zu nahe. Sie wurde zur Erde geworfen und zerschellte in Stücke!

Ich war traurig, daß man mir eine unschuldige Freude zerstört hatte und nahm die Scherben in die Hand. Sie waren morsch und schwammig und, da sie wertlos waren, warf ich sie hinaus auf die Straße.

Heute, wenn ich an jene Geschichte mit der Kugel denke, weiß ich, daß ich als Kind an der alten »Hussiten-Kugel« im kleinen einen Vorgang sich vollziehen sah, der sich auch an den Weltenkugeln im großen abspielt!

Betrachte ich einmal den Mond in meinem Fernrohre, dann muß ich an meine alte Kugel aus der Hussitenzeit denken, denn auch sie zeigte Pockennarben und Sprünge wie der Mond, weil sie morsch geworden war. Sollte der Mond auch morsch und schwammig geworden sein, gleich jener Steinkugel?

Vielleicht! –

Der Astronom sagt uns, daß er den Mond für einen erstorbenen und verbrauchten Körper ansieht. Auf ihm ist alles Leben erloschen, und er hat weder Luft noch Wasser, oder doch davon nur so wenig, daß es sich kaum lohnt, darüber zu reden. Die Kälte des Weltenraumes, – 273 Grad Celsius unter Null, – umgibt den Mond. Vierzehn Tage lang ist er der Kälte ausgesetzt, und vierzehn Tage wieder hüllt ihn die feurige Glut der Sonne ein. Dieser Kampf der Hitze gegen die Raumkälte muß den Mond langsam aufreiben. Er wird also im Laufe der kommenden Zeit allmählich zerbröckeln. Die abgebröckelten Stücke werden dann die ganze Bahn bedecken, auf der der Trabant die Erde umwandert und, wenn der Begleiter der Erde ganz zertrümmert ist, dann wird unser Planet von einem Staub- oder Meteorring umgeben sein, wie wir es bei unserer Sonne im Zodiakallicht und beim Saturn in seinem Ringsystem sehen können.

Oder, – der Mond wird einst auf die Erde, aus der er sich bildete, niederstürzen und auf ihr zerschellen. In diesem Aufprall wird er aber auch die Erde in Stücke schlagen und dabei eine solch' enorme Hitze erzeugen, daß beide Körper sofort verbrennen! –

Auf alle Fälle würde der Niedersturz des Begleiters unseres Planeten auf diese einen schrecklichen Weltuntergang heraufbeschwören, und zwar für die Lebewesen, die auf Erden dann noch wohnen.

Der Erde kann aber noch auf eine andere Weise das Ende drohen! – Auch sie wird im Laufe der kommenden Zeiten Luft und Wasser verlieren und, – von der Raumkälte umgeben, – zu einem Eisklumpen erstarren. Wir wissen, daß unsere Gebirge immer mehr verwittern und abbröckeln. Das Gleiche aber geschieht mit der Erde selbst. Sie wird ebenfalls morsch werden und in Trümmer zerfallen, und diese werden dann, wie ein Staubring, die Sonne umgeben.

Es wurde angedeutet, daß die Räume zwischen den einzelnen Körpern in unserem Sonnenreiche mit einem feinen Staube angefüllt sind, der vom Zodiakallicht herrührt und auch von den Überresten der Kometen (den Meteoriten). –

Unter diesen, die ziel- und regellos das Reich unserer Sonne durchwandern, kann es aber solche geben, deren Durchmesser mehrere Kilometer beträgt. – Träfe nun unsere Erde auf ihrer Wanderung um die Sonne mit einem solchen Trümmerstücke zusammen, dann würde sie in ihrem schnellen Laufe aufgehalten und eine unheilvolle Katastrophe wäre unvermeidlich.

Man hat ausgerechnet, daß es genügen würde, die Erde, die 103mal schneller als eine Kanonenkugel um die Sonne herum fliegt, dann sofort in einen Gasnebel zu verwandeln, wenn man sie in ihrem Laufe nur um einen Kilometer aufhält.

Wir hörten, daß die Bahnen der Planeten um die Sonne herum, – also auch die unserer Erde, – nicht ganz kreisförmig, sondern elliptisch sind.

Auf ihrer Wanderung um die Sonne muß die Erde nun unaufhörlich einmal jenen überaus feinen Stoff verdrängen, der das ganze Weltall bis zu den fernsten Sternen hin erfüllt und den wir Äther nennen. Sie muß aber dann auch eine große Menge von Staub (Zodiakallicht- und Meteoritenstoff überwinden, der unser Sonnenreich noch anfüllt. Die Sonne übt eine sehr große, anziehende Kraft auf alle Körper aus, die um sie herum kreisen. Sie will sie auf ihre Oberfläche herabziehen! Damit dies aber nicht geschieht, besitzen die Körper, die um die Sonne wandern, eine Kraft, die sogenannte »Fliehkraft«. Vermöge deren heben sie die zu starke Anziehung der Sonne auf, und so kommt es wieder, daß die Planeten in geordneten Bahnen um das Tagesgestirn herumwandern!

Die Erde hat also auf ihrer Reise um die Sonne unaufhörlich einen Widerstand zu überwinden, den nämlich, den ihr Äther und Weltentrümmer (Meteoriten) entgegenstellen. Sie wird demnach unaufhörlich, – wenn auch kaum merklich, – in ihrer Bewegung gehemmt. Die Folge davon ist, daß unsere Sonne die Erde immer näher an sich heranzieht. Mit andern Worten ausgedrückt heißt dies, die Bahn der Erde wird eine Spirale! Nun wissen wir aus der Küche unserer Mutter, daß der wie eine Spirale aussehende Schneeschläger nach dem Stiele hin immer engere Windungen zeigt. Denken wir uns an diesem Stiele die Sonne. Je enger also die Bahn wird, die die Erde um die Sonne herum beschreibt, umso größer wird die Anziehungskraft der Sonne. Eines Tages aber wird diese anziehende Kraft der Sonne so groß sein, daß die Fliehkraft, die die Erde besitzt, ihr nicht mehr Trotz zu bieten vermag. Unser Planet wird dann in die Sonne hineingerissen werden und in diesem »Feuerpfuhle« sofort mit allem, was auf ihm ist, verbrennen. In diesen Flammentod wird unserer Erde der Mond folgen, wenn er noch am Leben sein sollte!

In der gleichen Weise, wie es hier von unserer Erde und von unserem Monde geschildert wurde, werden alle Planeten und alle übrigen Monde im Reiche unserer Sonne ihr Ende finden!

Sie müssen in der Form, in der wir sie heute am Firmamente prangen sehen, vergehen.

Auch die Sonne kann nicht ewig dauern! –

Noch erblicken wir sie in einer zum Teil feurigflüssigen und zum Teil gasigen Gestalt; aber sie wird einst erkalten, so wie die Erde fest geworden und erkaltet ist. Wenn sie auch unvorstellbar lange Zeiten in diesem erkalteten Zustande dann noch verharren kann, so muß sie doch allmählich morsch werden und zerbröckeln. Sie wird also ebenso zerfallen, wie die Kometen, die die Sonne auflöst, und, wie meine Steinkugel aus der Hussitenzeit, die in der Erde und in deren Feuchtigkeit morsch geworden und verwittert war.

Das wäre die eine Möglichkeit, die unsere Sonne vernichten könnte. Es gibt aber noch andere!

Unsere Sonne eilt mit den Kindern ihres Hauses, – den Planeten, – durch den Raum, und zwar nach dem Bilde des »Herkules«, nach anderer Ansicht nach dem Sternbilde der »Leier«, – hin. Auf dem Wege nach dort kann sie einer erkalteten, also nicht mehr leuchtenden Sonne begegnen und mit ihr zusammenprallen. In diesem fürchterlichen Anpralle würden beide Sonnen zertrümmert und in den Raum hinausgeschleudert werden! Wahrscheinlicher aber ist es, daß durch den Zusammenstoß eine solch' ungeheuere Hitze erzeugt würde, daß beide Sonnen samt allem, was zu ihnen gehört, sofort verbrannt, also in einen Gasnebel verwandelt würden.

Es wäre dies ein schrecklicher Weltuntergang für alle Lebewesen, die sich auf den Planeten im Gefolge der beiden Sonnen befänden.

Unsere Sonne kann auf ihrer Reise durch den Weltenraum und nach dem »Herkules« hin aber auch durch eine Wolke aus kosmischen Staub (Meteorwolke) gehen. Dieses Hindurchgehen durch die Wolke kann stunden-, tagelang andauern, wenn die Wolke sehr groß und dicht ist. Die Sonne würde bei ihrer Wanderung durch diese »Wolke aus Weltentrümmern« kaum merklich aufgehalten; aber die Hemmung würde sich sofort, und zwar in großer Hitze verraten! Die Stäubchen, aus denen die kosmische Wolke bestünde, würden zu glühen anfangen und die Glut, die dadurch entstünde, genügte vollauf, um sowohl die Sonne, als auch die Planeten, die zu ihr gehören, in die gasige, – also in die Nebelform, – aufzulösen.

Was unsere Sonne aber treffen kann, das kann auch all' den übrigen Sonnen am Firmamente zustoßen. Daß dies in Wirklichkeit geschieht, lehren uns, – wir hörten es ja, – die »Neuen Sterne!« Diese sind »Brand- und Totenfackeln« in den Räumen des Weltalls, die uns verkünden, daß überall da, wo sie aufflammen, Sonnen zusammenstießen und in diesem Zusammenstoße vernichtet wurden oder, daß Sonnen mit dem Gefolge ihrer Planeten in eine Wolke aus kosmischem Staube eindrangen. In der Hitze, die bei diesem Eindringen erzeugt wurde, nahmen sie entweder einen schweren Schaden oder sie wurden in die Nebelform umgewandelt!

Immer wieder sinken also Sonnen am Ende ihrer Tage in das Grab des Nebels, – in den Urzustand, – zurück!

Solange es Sterne am Firmamente gibt, werden sich solche Katastrophen ereignen!

Einmal aber muß der Tag kommen, an dem alle Sonnen am Firmamente die Altersstufen durchschritten haben, die ihnen der Schöpfer in seinem Willen gönnte. Ist diese Stunde für die letzte Sonne am Himmel gekommen, dann wird auch sie in das »Grab des Nebels« hinabsinken und alles, was einst in lichter Pracht den weiten Raum erfüllte, wird in den Urzustand, – in den Urnebel, – zurückkehren!

Vielleicht wird Gott am Ende der Zeiten dann auch den Urnebel noch vergehen lassen, und er, – der große Allgeist, – wird allein übrig sein von Ewigkeit zu Ewigkeit! –

Wenn die letzte Sonne am Firmamente ihren letzten Lichtstrahl ausgehaucht hat, dann ist die Sterbestunde der sichtbaren Welt angebrochen und, wenn der Urnebel, der am Schluß der Zeiten übrig bleibt, auch vergehen muß, dann wird in diesem Vergehen der »Tod des Universums« gekommen sein! –

Das, was Gott mit dem Urnebel, in den alles wieder zurücksinkt, am Ende der Welt und der Tage vor hat, das wissen wir nicht! Ob er Zeit, Raum und Firmament weiter bestehen läßt oder, ob er aus dem Urnebel neue lichte Sonnen hervorruft, ist sein Geheimnis! –

Die größten Denker aller Zeiten haben darüber nachgedacht; aber sie sind zu keinem Ergebnis gelangt! Hier heißt es, zu schweigen und in Andacht den zu verehren, der so Gewaltiges und Erhabenes, so Schönes und Vollkommenes einst schuf, – nämlich das Firmament mit allen seinen Lichtern! –

Diese sind die »Augen Gottes«, mit denen er unaufhörlich zur Erde und zu den Menschen herabblickt. Sie sind die sichtbare Offenbarung des Ewigen, der die Sterne auf schweigender Bahn durch das Weltall führt, – uns zur Freude, – viel mehr aber noch zum Nachdenken!

»Wie freut sich des Emporschauens zum Sternenheere, wer empfindet,
Wie gering er, und wer Gott, welch' ein Staub er, und wer Gott,
Sein Gott ist! O sei dann, – Gefühl
Der Entzückung, – wenn auch ich sterbe, mit mir!« –

(Klopstock.)