Lektion 11.
Der gefräßige Fremdling.

Mitte April dieses Jahres hörten wir zum ersten Male den Kuckuck. Wir hören ihn gern, denn er sagt uns, daß der Frühling da ist. In diesem Jahre hatten wir Glück. Wir sahen einen jungen Kuckuck in einem Neste aufwachsen.

Dies trug sich folgendermaßen zu. Wir hatten den Kuckuck eine ganze Zeitlang gehört, und es schien, als ob eine ganze Menge dieser Vögel riefen. Eines Tages hörten wir ein sonderbares Geräusch, so wie kik-kik-kik. „Aha!“ sagte Grete, „Vater sagt, daß dies der Ruf des Weibchens ist, das Eier legt.“

„Nun“, sagte Peter, „wenn es hier in der Nähe ist, können wir vielleicht eins von seinen Eiern finden. Ich möchte so gern einen jungen Kuckuck sehen.“

Ungefähr eine Woche darauf fand Paul das Nest einer kleinen Heidelerche. Es war in einem dicken Grasbüschel am Abhange in der Nähe des Waldes. Zwei kleine mattgraue, braungefleckte Eier lagen darin. Am nächsten Tage, als wir zur Schule gingen, waren es drei und am übernächsten Morgen vier. Aber als wir an dem Nachmittage desselben Tages aus der Schule zurückkamen, waren fünf Eier da.

„Die Heidelerche kann nicht zwei Eier an einem Tage gelegt haben,“ sagte Peter. „Es soll mich wundern, ob der Kuckuck nicht eins von seinen Eiern hierher gebracht hat.“

Wir wissen ja, daß der Kuckuck seine Eier auf den Erdboden legt und sie dann in seinem weiten Schnabel in das Nest irgend eines anderen Vogels trägt. Wir sahen vierzehn Tage lang täglich nach. Die kleine Heidelerche war so an unser Kommen gewöhnt, daß sie nicht einmal vom Neste aufflog. Es war ein hübscher kleiner Vogel mit braungefleckten Flügeln und gelblicher Vorderseite.

Nach vierzehn Tagen krochen zwei junge Heidelerchen aus und am nächsten Tage noch zwei. Sie sperrten die Schnäbel nach Futter auf, und der Vater flog hinaus ins Feld und brachte Insekten und Raupen, um sie zu füttern. Aber die Mutter saß noch auf dem fünften Ei.

Zwei Tage später kam der fünfte Vogel aus. Er hatte einen gekrümmten Schnabel und gebogene Zehen mit kurzen scharfen Krallen. Zwei Zehen standen nach vorn und zwei nach hinten. Heidelerchen haben gerade Schnäbel, und von ihren Zehen stehen drei nach vorn und eine nach hinten.

So erkannten wir den jungen Kuckuck an dem Schnabel und den Zehen.

Rufender Kuckuck.

Am nächsten Tage sahen wir wieder nach. Die kleinen Heidelerchen hatten Kiele auf ihren Flügeln, wo die Federn wuchsen, und ihre Augen waren geöffnet. Der Kuckuck war nackt und blind. Aber er hatte zwei kleine Heidelerchen aus dem Neste gestoßen, und sie lagen tot auf dem Abhange.

Der Kuckuck war während eines Tages sehr gewachsen, und die alten Heidelerchen fütterten ihn fortwährend mit Insekten, während er mit weit offenem Schnabel dasaß. Während wir ihn betrachteten, wühlte er im Neste umher und schob eine andere kleine Heidelerche an den Rand desselben. Wir setzten sie in das Nest zurück und mußten dann zur Schule gehen. Als wir zurückkamen, saß der Kuckuck allein im Neste. Die vier kleinen Heidelerchen lagen alle tot auf der Erde. Er hatte sie alle herausgestoßen.

Die alten Vögel schienen ihre toten Jungen nicht zu sehen, so geschäftig waren sie, um den großen, hungrigen Fremdling zu füttern. Sie fütterten ihn fünf bis sechs Wochen lang, selbst nachdem er schon aus dem Neste heraus war.

Es war zu komisch. Der Kuckuck war größer als eine Drossel und die Heidelerchen nicht größer als ein Sperling. Jedoch der große Vogel saß auf einem Zweige mit offenem Schnabel und ließ die kleinen Vögel alle Nahrung herbeitragen.

Zuletzt flog er fort. Wir hörten im August einen Kuckuck rufen, als die alten Vögel schon fort waren. Wir hätten gern gewußt, ob es unser junger „gefräßiger Fremdling“ war.