Lektion 2.
Das Nest des Spechtes.

(Zweites Vollbild.)

Eines Nachmittages lagen wir im Walde im Schatten der Bäume. Alles war still, als wir plötzlich einen sonderbaren Schrei hörten. Es war, als ob jemand mit jauchzendem Lachen frohlockte: Kjück kjück kjück oder Glück glück glück glückglücklik. „Das ist der Specht“, sagte Grete. „Seid still und paßt auf, was er tun wird.“

So lagen wir ganz still unter dem Baume. Bald kam der Ton näher, und ein großer schwerfälliger Vogel, größer als eine starke Drossel, flog auf uns zu. Es war ein schöner Vogel. Seine Flügel und seine Brust waren grün. Der Schwanz war gelbgefleckt. Sein Kopf war rot, und auch am Halse hatte er einen roten Streifen. Der Schnabel war lang und grau. Er kam ganz dicht zu uns herangehüpft. Dann saß er still, und eine lange glänzende Zunge kam aus seinem Schnabel und wurde so schnell wieder zurückgezogen, daß wir sie kaum sehen konnten.

„Er frißt Ameisen“, sagte Grete. „Die Spitze seiner Zunge ist klebrig, und damit zieht er sie in seinen Schnabel.“

Dann begann er in drolliger Weise den Baum zu erklettern. Sein Schwanz ist ganz steif und borstig; er drückt ihn gegen den Baum und schiebt sich hopp, hopp hinauf, indem er sich mit seinen scharf gekrümmten Zehen festhält. Er hüpfte zuerst nach rechts, dann nach links; dann lief er um den Baum herum und kam auf der anderen Seite wieder hervor.

Während der ganzen Zeit untersuchte er die Rinde mit dem Schnabel. Poch, poch, poch. Zuletzt fand er eine weiche Stelle. Dort riß er die Rinde ab und fraß die Larven, die den Baum an dieser Stelle wurmstichig gemacht hatten. Darnach kletterte er wieder am Baume hinunter.

Es war so spaßig, ihn zu beobachten. Er kam rückwärts herab, mit dem Schwanze voran, den er zum Festhalten brauchte. Dann breitete er seine Flügel aus und flog langsam fort.

Wir schlichen ihm nach, und bald hielt er an einer alten Ulme an und umflog dieselbe. Dann sahen wir ihn nicht mehr.

„Sein Nest muß in diesem Baume sein,“ sagte Peter. „Laß mich auf deinen Rücken steigen, Paul, und ich werde es bald finden.“

Nest eines Spechtes.

So ließ Paul Peter auf seinen Rücken klettern, bis er die Zweige des Baumes erreichen konnte. Dann faßte Peter die Zweige und kletterte am Stamm empor.

„Hier ist es,“ rief er endlich. „Da ist ein kleines Loch, gerade so groß, daß die Vögel hineinschlüpfen können. Aber sie haben ein ganz großes Loch im Inneren des Baumes. Ich kann gerade hinunterreichen.“

Dann zog Peter die Hand zurück mit dem weiblichen Specht darin. Der Kopf war nicht so rot wie der des männlichen Spechtes und hatte keinen roten Streifen. Er ließ den Vogel fliegen und nahm dann sechs weiße, glänzende Eier heraus.

„Ich kann eine Menge von weichen Holzspänen unten auf dem Boden des Loches fühlen,“ sagte er. „Soll ich die Eier wieder hineinlegen?“

„Natürlich,“ sagte Paul; „dann wird die Mutter zurückkommen und sich wieder daraufsetzen, und wir werden wiederkommen und die kleinen Vögel besehen, wenn sie ausgebrütet sind.“

So gingen wir fort. Aber alle Tage, wenn wir aus der Schule kamen, machten wir einen Umweg, um nachzusehen, ob die kleinen Spechte schon ausgekrochen wären.

Endlich sahen wir eines Tages, wie die alten Spechte Insekten in das Loch trugen. Nach einiger Zeit sahen wir die Jungen außerhalb des Loches auf dem Baume. Sie konnten noch nicht fliegen, aber sie liefen an den Zweigen entlang und hüpften so spaßig mit ihren steifen Schwänzen.

Eine Woche später sahen wir sie umherfliegen, und als wir wiederkamen, waren sie alle fort. Peter kletterte hinauf und fand das Nest ganz leer.

Spechte.
Alter männlicher Vogel (unten); junger flügger Vogel (oben).

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