In Bad Ems stand die Saison in voller Blüthe und der Platz war seit langer Zeit nicht so besucht gewesen, wie in diesem Jahre. Dazu begünstigte das außerordentlich freundliche Wetter nicht allein die Kur, sondern verstattete auch den Patienten, oder besser gesagt Badegästen, die weitesten Ausflüge in die Nachbarschaft, in der sich reizende Partieen nach allen Seiten machen ließen.
Früh Morgens wogte dann auch — während die nassauische Militairmusik unermüdlich, von ihrem Dirigenten selbst componirte Potpourris spielte — die Schaar der Lustwandelnden auf der Promenade auf und ab, während Mittags und Nachmittags — bis das Abendconcert wieder begann, der Hauptplatz wie ausgestorben schien.
Das war dann die Zeit, wo die geputzten Menschen — auf Eseln oder zu Fuß — in die schattigen Berge hinaufkletterten, um auf den Höhen zu lagern und von dort den sonnigen Badeplatz aus der Vogelperspective zu betrachten.
Nur im Spielsaale wurde es nicht leer. Die Gier nach dem dort roulirenden Gold regte die Leidenschaften auf, und was das heilkräftige Wasser am Morgen genützt, zerstörte Mittags wieder der grüne Tisch. — Was kam auch eigentlich darauf an, ob die Kranken das Bad geheilt verließen — die Actien der Spielbank stiegen von Jahr zu Jahr, und daß Schweiß und Blut an dem Gelde klebte, machte dem französischen Gesindel und seinen vornehmen Beschützern wenig Sorgen.
Wol muß einmal die Zeit kommen, wo dieser Fluch unserer Civilisation ausgerottet und jene Bande von Croupiers aus dem Lande und über ihre Grenze gejagt wird, und dann werden wir nicht begreifen können, wie es möglich war, sie so lange zu dulden. Jetzt aber grünt und blüht sie noch in unseren reichsten Gauen, und wenn sie im Herbste ihre geldgefüllten Koffer nach Frankreich hineinschleppt, lacht sie der Thoren, die sie auf der Leimruthe gefangen und gerupft.
Gott bessere es!
In Ems, wie im ganzen nassauischen Lande blühte ihr Geschäft aber noch flott, und während draußen der helle Sonnenschein auf den Bergen lag, und die Vögel zwitscherten und sangen und der blaue Himmel sich über die Erde spannte, drängte sich ein dichter Schwarm von Spielern um den grünen Tisch im reich geschmückten Saale, um mit lautlosem, peinlichem Schweigen den Urtheilssprüchen zu lauschen, die ihnen Glück oder Unglück kündeten.
Aus dem Saale trat ein junger Mann — er sah bleich und erregt aus und der stiere Blick flog unstät über den freien Raum. Grade in der Thüre begegnete er einer Gruppe von Herren und Damen, die eben die Spielhölle betreten wollten. Er sah sie aber gar nicht und drängte sich, die glanzlosen Augen am Leeren haftend, zwischen ihnen durch auf die Promenade.
Die Gesellschaft blieb stehen und sah ihm nach.
„Der hat verloren,“ lächelte ein Elegant mit einem spitzen Schnurr- und Knebelbarte — „aber er scheint noch ein Neuling zu sein, denn einem alten Spieler würde man es nicht ansehen dürfen.“
„Armer junger Mensch,“ flüsterte die eine Dame mitleidsvoll.
„Bah — weshalb spielt er,“ sagte der Erste wieder; „aber lassen Sie uns eintreten, meine Damen, wir bekommen sonst keinen Platz am Tische.“
Die Gesellschaft verschwand im Saale und der junge Spieler — so wenig seiner selbst bewußt, daß er nicht einmal den Hut draußen aufsetzte, sondern ihn noch immer in der Hand behielt, schnitt quer durch die Stühle und Tische am Promenadenplatze hin, rechts an den Kurgebäuden vorüber, der kleinen eisernen Brücke zu, die über die Lahn nach dem anderen Ufer hinüberführte.
Dicht vor der Brücke überholte er einen ältlichen Herrn mit zwei Damen, aber er sah oder beachtete sie gar nicht. Mit raschen Schritten eilte er über die Brücke, bis er etwa die Mitte derselben erreicht harte, warf dort zuerst einen Blick über das Geländer in die Fluth hinab, dann sah er sich wie scheu um, ließ plötzlich seinen Hut fallen, ergriff das Geländer mit beiden Händen, schwang sich hinauf und verschwand im nächsten Augenblicke in der über ihm zusammenschlagenden Fluth.
Die beiden Damen, welche indessen mit ihrem Begleiter ebenfalls die Brücke betreten hatten und unmittelbare Zeugen des Ganzen gewesen waren, stießen einen lauten Schrei aus, und sahen nur noch, wie vom anderen Ende der Brücke ein junger Mann, der den Vorgang ebenfalls bemerkt haben mußte, im flüchtigen Laufe herbeiflog, an der Stelle angelangt ohne Weiteres seinen Strohhut zu Boden warf, seinen Rock abstreifte, und sich dann, ohne auch nur einen Moment zu zögern, ebenfalls von der Brücke hinab in die Lahn warf.
Die beiden jungen Damen eilten jetzt der Stelle zu, um zu sehen, ob das Rettungswerk des wackeren Helfers gelingen würde; der ältere Herr dagegen, der die Sache viel kaltblütiger zu nehmen schien, folgte ihnen weit langsamer und blieb endlich am unteren Geländer stehen, um den Verfolg des kleinen Abenteuers von dort, wo er sich gerade befand, zu beobachten.
Uebrigens schien die verzweifelte That des Unglücklichen von beiden Ufern des kleinen Stromes aus gleichzeitig bemerkt zu sein, denn von beiden Seiten eilten Leute herbei und aus dem dicht am Ufer stehenden Polizeigebäude sprangen ein Paar Polizeidiener hinab und in ein dort befestigtes Boot, um wo möglich den Selbstmord zu vereiteln. Sie wären aber doch vielleicht zu spät gekommen, hätte der junge Fremde, der ein rüstiger Schwimmer schien, nicht den Unglücklichen schon gefaßt und, trotz seines Sträubens, über Wasser gehalten. Vergebens aber suchte er mit ihm das dort außerdem hoch ummauerte Ufer zu erreichen, und dabei kam ihm denn endlich das Boot zu Hülfe. Rasch erfaßte er dessen Rand und hielt jetzt den Unglücklichen so lange, bis ihn die beiden Diener der öffentlichen Sicherheit ebenfalls ergreifen und in das Boot ziehen konnten. Der Fremde folgte dann nach, und etwas weiter unterhalb landeten sie, um jetzt den jungen verzweifelten Menschen, der aber nicht den geringsten Widerstand mehr leistete, auf die Polizei abzuführen, damit er sich dort verantworte.
Wenn ihm die Sicherheitsbehörde auch das volle Recht eingeräumt oder doch wenigstens in der Spielhölle die Gelegenheit geboten hatte, über sein eigenes oder anvertrautes Geld zu verfügen, so schien sie ihn vollständig mit der Gewalt über sein eigenes Leben beschränken zu wollen. Er hatte zu einem Selbstmorde in Nassau keine polizeiliche Erlaubniß.
Indessen breitete sich die Nachricht über das beabsichtigte Vergehen blitzschnell in der Nachbarschaft aus. In einem Badeorte hat, die Kellner und Köche ausgenommen, Alles Zeit, und selbst das unbedeutendste Außergewöhnliche ist willkommen, um für einen Moment die Monotonie des Badelebens zu unterbrechen.
An beiden Ufern sammelten sich die Neugierigen, und als der wieder auf’s Trockene gebrachte arme Teufel abgeführt wurde, drängten die auf der anderen Seite Befindlichen rasch über die Brücke, um den interessant gewordenen jungen Mann auch einmal in der Nähe zu betrachten und nachher genau erzählen zu können, wie er ausgesehen habe.
Die beiden jungen Damen hatten indessen neben dem abgeworfenen Rocke und Hute des Fremden gestanden, was Beides noch auf dem Boden lag. Die Jüngste von ihnen bemerkte aber in der aufgekehrten Brusttasche des Rocks eine grünsaffiane Brieftasche, und als die vielen Leute vorüber eilten und Einige sogar auf den Rock traten, bückte sie sich unwillkürlich und hob ihn und den Hut auf. Der edle junge Mann, der so rücksichtslos sein Eigenthum von sich geworfen hatte, nur um einem anderen, jedenfalls fremden Menschen zu helfen und ihn zu retten, durfte doch nicht auch noch, als Dank für seine wackere Gesinnung, zu Schaden kommen. Es war das Wenigste, was sie für ihn thun konnten, daß sie Acht auf das Verlassene hatten.
Ihr älterer Begleiter kam jetzt ebenfalls heran und lächelte spöttisch, als er die junge Dame mit dem Rock und Hut des Fremden auf der Brücke stehen sah.
„Du siehst wirklich gut aus, Elise,“ sagte er, „und trägst Deine Last mit Würde.“
„Ich konnte doch die Sachen nicht auf der Brücke liegen lassen,“ erwiderte die junge Dame erröthend — „es liefen so viele Menschen vorüber und erst neulich las ich in einer Zeitung, daß ein junger Mann, der in einem ähnlichen Falle in Berlin einen Anderen aus dem Flusse gezogen, bei seiner Rückkehr keines der abgeworfenen Kleidungsstücke wiedergefunden habe.“
„Dagegen wolltest Du diesen jungen Herrn also sicher stellen?“ nickte ihr Begleiter, wo möglich noch spöttischer als vorher — „dann amüsire Dich gut, mein Kind — ich werde mit Bertha indessen voran in’s Hôtel gehen, denn Du darfst doch keinenfalls den Platz verlassen, bis Dein Schützling zurückgekehrt ist.“
„Da kommt er schon,“ rief Bertha, die andere junge Dame, „lieber Gott, wie naß er aussieht!“
„Wie eine gebadete Maus,“ lachte der ältere Herr — „ich würde Dir aber rathen, mein Kind, die Sachen wenigstens niederzulegen, Du kannst ja daneben stehen bleiben — oder willst Du sie ihm feierlich als ‚weiß gekleidete Jungfrau‘ überliefern?“
„Du bist unausstehlich heute,“ sagte das junge Wesen, indem sie tief erröthete, in aller Verlegenheit aber die Sachen doch neben sich auf den Boden legte. Das geschah aber zu spät, als daß es der jetzt auf die Brücke tretende Fremde nicht noch hätte bemerken müssen. Er wußte deshalb, wer sich seiner Sachen angenommen, und als er näher kam, sagte er — in seiner nassen Toilette doch auch ein wenig befangen:
„Nehmen Sie den innigsten Dank, mein gnädiges Fräulein, für Ihre unendliche Liebenswürdigkeit.“
„Bitte, mein Herr — es war“ — stammelte die junge Dame — nicht dem Fremden, sondern ihrem älteren Begleiter verlegen gegenüber, denn sie sah, daß sich dieser die größte Mühe gab, sein Lachen zu verbeißen. Er befreite sie aber auch ohne Weiteres aus dieser Lage, indem er ihr seinen Arm reichte und sie, mit einer leisen Neigung des Kopfes gegen den Fremden, über die Brücke hinüberführte.
Dieser blieb indessen, ganz in das Anschauen der holden jungen Dame versunken, mitten auf der Brücke stehen, und sah ihnen nach, soweit er ihnen mit den Augen folgen konnte. Endlich fing es ihn aber doch an in den nassen Kleidern zu frösteln; die Zähne schlugen ihm zusammen, und da sich auch weiter Niemand um ihn bekümmerte — war doch der Gerettete eine viel interessantere Persönlichkeit, als sein Retter — so setzte er seinen Hut auf, nahm den Rock in die Hand und schritt, so rasch er konnte, am Kurhause vorbei und seiner eigenen Wohnung zu, die Straße hinab.
Ein so wohlthuendes Gefühl es ihm aber auch hätte dabei sein müssen, ein Menschenleben gerettet zu haben, so überließ er sich sonderbarer Weise doch weit weniger diesem angenehmen Gedanken, sondern beschäftigte sich entschieden nur mit seinem augenblicklichen Zustand.
„Den Teufel auch,“ brummte er leise vor sich hin, „da muß mich der Böse plagen, daß ich gerade über die Brücke komme, wie der Holzkopf in’s Wasser springt — und ich hinterher. Wer von uns Beiden war nun der Dümmste? — Jedenfalls ich, denn er mußte einen Grund dafür haben und mich ging die ganze Geschichte eigentlich gar Nichts an. Und was habe ich jetzt davon? — Mein einziges gutes Paar Hosen auf unbestimmte Zeit gründlich ruinirt, und meine Stiefeln — na ja — ob ich es mir nicht gedacht habe: da klafft das ganze Oberleder weit auf und jetzt kann ich mich nur zwei Tage in’s Bett legen, bis mich Schuster und Schneider erst wieder restaurirt haben — und nachher die Rechnung in dem theueren Neste. Das geschieht Dir aber Recht, Florian — ganz Recht geschieht Dir’s, denn Du mußt Deine Nase in Allem haben, und wenn sie Dir nun indessen Deine Brieftasche mit Deinen letzten zehn Thalern gestohlen hätten, heh? — was dann? hättest Du Dich bei irgend Jemandem beklagen dürfen? Aber jener schützende Engel! — beim Himmel, wie aus Rosenduft und Lilienthau gewoben — noch ein Ideal! Heiland der Welt, wie viel Ideale habe ich eigentlich schon, und immer wieder taucht ein neues auf, und eins schöner und holdseliger als das andere. — Aber was nützt mir’s,“ setzte er nach einer kurzen Pause niedergeschlagen hinzu — „mir hilft’s doch Nichts, denn das ist jedenfalls irgend eine junge Comtesse oder Prinzessin, wie sie hier zu Dutzenden incognito herumlaufen, die mir aus reiner Gutmüthigkeit meinen Rock aufgehoben. — Jetzt geht sie denn in aller Gemüthlichkeit zu ihrem Diner, und denkt gar nicht mehr an den armen Teufel, und ich — madennaß wie ich bin, darf mich nicht einmal vor Jemandem sehen lassen. Das einzige Gute ist, daß mir heute Niemand gesegnete Mahlzeit zu wünschen braucht.“
Es wurde in der That nöthig, daß sich der junge Mann von der Straße entfernte, denn sein wunderlicher Aufzug theils, theils sein halblaut geführtes Selbstgespräch hatte schon eine Anzahl von jugendlichen Gestalten herbeigelockt, die anfingen, sich über ihn zu amüsiren. Seine Vorahnung schien sich auch zu bestätigen. Nur spärlich mit Garderobe ausgerüstet, mußte er in der That zwei volle Tage, wenn auch nicht gerade das Bett, doch sein Zimmer hüten, um seine Beinkleider und Stiefeln erst wieder in Stand zu bekommen, und erst am dritten Morgen durfte er wagen, sich auf’s Neue auf der Promenade sehen zu lassen.
Florian Heldenstern war übrigens nicht nach Ems gekommen, um eine Kur zu gebrauchen, ebensowenig, um sich zu amüsiren, denn — seine Mittel erlaubten ihm das nicht. Florian Heldenstern hatte aber trotzdem einen Zweck, und zwar einen literarischen, denn seinem Stande nach gehörte er zu den „Rittern vom Geiste“. Er war mit einem Worte Dichter, und machte hier — im Auftrag eines größeren Blattes, um Correspondenzen zu schreiben und vielleicht auch Stoff zu kleineren Erzählungen zu sammeln — Studien in der Badewelt, die ihm den Hintergrund zu seinen Novellen liefern sollten.
Einen eigentlichen Stoff hatte er freilich noch nicht; es fehlte ihm zu spannenden Novellen weiter Nichts, als piquante Persönlichkeiten und Verwickelungen; aber er hoffte das Alles hier zu finden und quartierte sich zu dem Zwecke in einem der billigsten Gasthöfe des etwas kostspieligen Ortes, im Hôtel Wolf, ein. Vergebens aber durchstreifte er die ersten acht Tage den Spielsaal, wie die benachbarte Umgebung, drängte sich in Picknicks und geschlossene Gesellschaften, erkletterte steile Bergrücken und langweilte sich halbe Nächte lang in den Concerten des Kursaals. Er konnte nichts Außergewöhnliches finden, denn Alles ging sein gewohntes alltägliches Geleis, was nicht regelmäßiger in irgend einer kleinen deutschen Provinzialstadt betreten werden konnte.
Morgens war Musik und die Kurgäste gingen dabei spazieren und tranken schlechtschmeckendes Wasser mit oder ohne Eselsmilch. Dann zog sich Alles in seine Apartements zurück oder machte Partieen. Ueber Mittag schien der Platz wie ausgestorben, und erst Abends bewegte sich die schöne Welt in exquisirter Toilette vor dem Kurhause auf und ab und füllte die Promenaden und Spielsäle, ohne irgend welche Leidenschaft zu zeigen.
Selbst am grünen Tische hatte er vergebens auf der Lauer gelegen, um irgend etwas Außergewöhnliches zu entdecken. Bei völliger Todtenstille wurde gesetzt und abgezogen und Gewinnst eingestrichen oder Verlust ignorirt. Keiner verzog eine Miene, und daß sich französische freche Loretten dazwischen drängten und für ihr oder anderer Leute Geld pointirten, bemerkte er wohl, konnte es aber nicht benutzen, da es schon zu oft beschrieben worden.
Da kam ihm, wie ein Gott gesandt, der versuchte Selbstmord des unglücklichen Spielers, dessen eigentliche Pointe aber seine eigene Gutmüthigkeit vollständig ruinirte. Er vergaß in dem Moment nicht allein sein eigenes Interesse, sondern sogar sich selbst, sprang über die Brücke, brachte den Ertrinkenden, über dessen Leiche er die interessantesten, bogenlangen Betrachtungen hätte anstellen können, lebendig ans Ufer zurück und besaß jetzt nicht einmal ein Paar Hosen und Stiefeln, um auf frischer That Nachforschungen über das Schicksal des Unglücklichen anzustellen und aus dessen eigenem Munde seine Lebensgeschichte zu erfahren.
Sein erster Ausweg, wie er sich wieder restaurirt sah, galt allerdings dem Zwecke, und er ging damit augenblicklich an die rechte Quelle: auf die Polizei. Aber er erfuhr dort nur, daß er zu spät kam. Der junge Mann war ein „Knopfreisender“ gewesen, der für die Firma So und So in Quedlinburg Geld eincassirt und dasselbe hier in Ems verspielt hatte. Da man ihm übrigens zutraute, seinen Selbstmordversuch zu wiederholen, was die „Bank“ gerade nicht gern sah, so hatte ihm diese 20 fl. Reisegeld gegeben. Dadurch kam er fort und konnte denn, wenn er es später für gut fand, seinem Leben im Rhein oder irgend einem anderen deutschen Strom ein Ende machen; Ems war jedenfalls von ihm befreit.
Florian Heldenstern verließ das Polizeiamt in einer wahrhaft verzweifelten Stimmung, denn wenigstens drei oder vier höchst interessante Kapitel waren ihm durch das Verschwinden dieses Individuums in’s Wasser gefallen. — Aber jenes schöne Mädchen, das er am Tage seines Abenteuers zum ersten und letzten Male gesehen — wenn er sie wenigstens wiederfand, so hätte das vielleicht einen Anknüpfungspunkt für weitere spannende Situationen gegeben. Wie hieß sie aber und wo wohnte sie? — Er wußte Beides nicht und es blieb ihm jetzt nichts Anderes übrig, als die Schwärme von Lustwandelnden genau zu mustern, um zwischen diesen seine verlorene Schöne wieder anzutreffen.
Das allerdings schien, gerade in Ems, nicht so schwer, da sich das Terrain für die Spaziergänger oder „Wasserläufer“, wie man sie besser nennen könnte, nur auf einen sehr kleinen Raum erstreckte. Nichts desto weniger suchte er mehre Tage lang Alles vergeblich ab, durchwanderte die Trinkhallen und den Platz vor dem Kurhause, trotzte selbst den endlosen Potpourris der Musik und stieg sogar zu den verschiedenen Ausgucks auf alle benachbarten Berge hinauf, von denen man eben so verschiedene Ansichten der kleinen Badestadt bekommt. Er begegnete dabei allerdings unzähligen und auch oft sehr hübschen Mädchen, theils in Begleitung eines Esels, theils im Sattel; er sah ländliche Familiengruppen und Berliner Picknicks, überraschte einzelne Paare beim Heidelbeersuchen und englische Gruppen, die sich einander todtschwiegen — aber die Gesuchte war nirgends unter ihnen und er glaubte schon — ja, mußte so glauben, daß sie Ems wieder verlassen hätte, um vielleicht eine Nachkur irgendwo am Rhein zu gebrauchen.
Er hatte es in der That auch vollständig aufgegeben, die „Verlorene“ wiederzufinden und fing schon an, in gereimten und ungereimten Versen für sie zu schwärmen. In der Erinnerung, während ihr Bild noch klar und deutlich vor seiner Seele stand, wurde ihm dieses letzte Ideal auch immer ideeller, immer märchen- und traumhafter. Auf der Brücke war sie ihm erschienen — sie mußte aus der Fluth zu ihm emporgestiegen sein und er begann ein größeres Idyll unter dem Titel „Die Nixe der Lahn“, wobei er sich schon überdachte, welchen Verleger er damit unglücklich machen wolle.
Einmal aber in dieses Geleis geistigen Schaffens hineingerathen, wurde er für seine wenigen Bekannten in Ems unausstehlich, denn er bemühte sich fortwährend, in Gedanken unmögliche Reime auf Nixe, Nymphe, Göttin und andere schwerfällige Worte zu finden und gab ausschließlich verkehrte Antworten auf an ihn gerichtete Fragen. Dabei saß er halbe Tage lang an dem Ufer der etwas unappetitlichen Lahn, schwärmte in der wahnsinnigen Hoffnung, daß die Geliebte mit halbem Leibe aus der Fluth emportauchen und mit einem goldenen Kamme ihr langes Haar kämmen solle, und ärgerte sich über prosaisches Volk, das ihn störte, und Brod in’s Wasser warf, um die Weißfische damit zu füttern.
Nach einer solchen Unterbrechung flüchtete er denn gewöhnlich in die Berge hinauf, um seiner Muse freien Raum zu gestatten, und war auch heute dahin auf dem Wege. Vorher nur kehrte er einmal im Schweizerhause ein, um sich durch eine Tasse dünnen Kaffee vielleicht auf seine Wassergöttin vorzubereiten; er ließ sich auch eben an einem der leer stehenden Tische nieder, als er blitzesschnell wieder emporfuhr, denn dicht neben ihm, gleich am nächsten Tische — es war keine Täuschung, denn er hätte sie unter Tausenden herauserkannt — saß seine „Nixe“ und trank ebenfalls Kaffee und neben ihr die andere, vielleicht um sechs bis acht Jahre ältere, aber auch noch sehr liebenswürdige Dame mit dem ältlichen Herrn.
Seine Schöne mußte ihn aber ebenfalls wieder erkannt haben, denn sie erröthete bis unter die Haarwurzeln hinauf und den schneeweißen Nacken hinab, und flüsterte auch gleich darauf ihrem Nachbar, dem ältlichen Herrn, etwas zu, worauf dieser sich langsam nach dem fremden jungen Manne umsah.
Florian Heldenstern fühlte sich jetzt seiner Sache gewiß, und in der unbestimmten Angst, das holde Wesen diesmal wieder so rasch zu verlieren, als das erste Mal, wenn er nicht im Stande war, seine bodenlose Blödigkeit zu bezwingen, faßte er sich ein Herz, ging auf die kleine Gruppe zu und sagte, freilich noch immer mit etwas befangener Stimme:
„Wenn ich nicht irre, meine Gnädigste, so habe ich in diesem Augenblicke das Vergnügen, jene — jene — jene holde Dame wieder vor mir zu sehen, der ich, bei dem neulichen kleinen Zufall, zu so vielem Danke verpflichtet bin, ohne bis jetzt im Stande gewesen zu sein, demselben die passenden Worte zu geben.“
Florian Heldenstern war „lyrischer Dichter“ und dadurch berechtigt, die unsagbarsten Gefühle auf seine eigene Art und Weise auszudrücken. Die junge Dame aber erröthete noch weit mehr, und nur der ältliche Herr schien seine volle Fassung zu bewahren, denn er sagte mit seiner vollen wohlklingenden Stimme und nur etwas fremdartigem deutschen Dialekt:
„Ah, mein Herr, Sie sind ja wohl der neuliche Lebensretter jenes verzweifelten Spielers. Nicht wahr, Sie sprangen neulich in die Lahn und gaben sich die sehr verlorene Mühe, jenen Selbstmörder dem Leben zu erhalten?“
„Mein Herr,“ sagte Florian sehr achtungsvoll, aber doch mit dem Gefühle gekränkter Menschenwürde — „verlorene Mühe? — Der Mann ist gerettet worden.“
„Allerdings,“ lächelte der Fremde — „aber bitte, wollen Sie nicht bei uns Platz nehmen, denn die beiden Damen haben schon lange gewünscht, Ihre nähere Bekanntschaft zu machen.“
„Ich wäre zu glücklich, wenn —“ stammelte Florian und sah sich dabei vergebens nach einem Stuhl um, den ihm aber ein aufmerksamer Kellner brachte.
„Sie wissen,“ fuhr aber der ältliche Herr fort, „Damen interessiren sich gewöhnlich für alles Außergewöhnliche — besonders in einem so langweiligen Nest wie dieses Ems ist, und Sie haben sich da jedenfalls ein Verdienst erworben.“
„Es war nur Menschenpflicht,“ sagte Florian bescheiden.
„Nein, ich meine nicht um den leichtfertigen Patron, der sein Leben so billig losschlug, weil er wohl am besten den Werth desselben kannte, sondern um die Badegesellschaft, der Sie damit auf wenigstens zwei Tage so sehr nöthigen Stoff zur Unterhaltung gaben.“
„Aber, mein sehr werther Herr,“ sagte Florian bestürzt, „Sie werden doch nicht die Unterhaltung einer Badegesellschaft höher anschlagen, als ein Menschenleben?“
„Menschenleben,“ sagte der ältliche Herr, aber mit einem spöttischen, fast verächtlichen Ausdruck. „Ich würde nie einen Selbstmörder an seinem Vorhaben hindern, wenn ich auch rechtzeitig dazu käme, am wenigsten aber Jemanden wieder aus dem Wasser holen.“
„Aber das Gefühl der That —“
„Bah,“ sagte der Fremde, „glauben Sie denn, daß Sie dessen Zustand gebessert hatten, als Sie ihn auf’s Trockene brachten? Erstlich blieben seine Verhältnisse nach dem kalten Bade genau dieselben, als vor dem Sprung in’s Wasser, außerdem brachte er noch das Bewußtsein seiner feigen That mit herauf, und drittens war er durch und durch naß — wo ist da die Verbesserung?“
„Aber die Spielbank hat ihm zwanzig Gulden Reisegeld gegeben,“ sagte Florian.
„Gut,“ nickte der Fremde, „die bringt er einmal so rasch als irgend möglich auf die Schwesterbank nach Wiesbaden, und dann kann er die ganze Geschichte noch einmal von vorn anfangen.“
„Aber wenn er nun doch den begangenen Fehler bereut,“ sagte schüchtern die ‚Nixe der Lahn‘ — Florian hatte noch keinen anderen Namen für sie — „wenn er wieder ein guter Mensch wird?“
„Er ist Knopfreisender,“ sagte der ältliche Herr trocken, „und — spielt. Uebrigens will ich es ihm von Herzen wünschen. Aber jetzt basta mit dem langweiligen Patron, von dem schon genug und übergenug gesprochen ist, und nun erzählen Sie uns einmal vor allen Dingen, wer Sie selber sind — denn wie gesagt, meine beiden Damen haben sich vor Neugierde kaum lassen können, da sie einen ‚Menschenretter‘ natürlich wie eine Art von überirdischen Wesen betrachten.“
„Sie beschämen mich,“ sagte Florian verlegen.
„Und womit?“ frug der ältliche Herr, „ich gebe Ihnen mein Wort, daß es bloße Neugierde ist, zu der auch ich mich mit einem Bruchtheile bekenne; denn ich muß Ihnen gestehen, daß ich selber aus Ihrer ganzen Erscheinung nicht recht klug werden konnte, obgleich ich mir sonst einen ziemlich richtigen Blick in der Beurtheilung fremder Charaktere zutraue.“
Es lag in den leicht hingeworfenen, fast spöttischen Worten eigentlich mehr Beleidigendes als Zutrauen Erweckendes, und Florian fühlte auch wirklich halb und halb heraus, daß ihn der ältliche Herr etwas obenhin behandele. Florian’s eigene Gutmüthigkeit half ihm aber darüber hinaus, und dann war er auch wirklich im Leben noch nie verwöhnt worden, um sich durch einen leisen Spott gekränkt zu fühlen. Erfolge hatte er noch nie, oder doch nur in seinen eigenen Augen errungen, und wenn er auch einigen seiner Gedichte die riesigsten Wirkungen zutraute und die feste Ueberzeugung hegte, sie würden wie ein Weltbrand durch Europa flammen, so befand er sich dabei in derselben Lage eines Johanniswürmchens, das auch den ganzen Wald zu erleuchten glaubt, weil es sich selber fortwährend in einem lichten Scheine sieht. Deshalb durfte er aber auch diese Gelegenheit nicht versäumen, den jungen Damen seinen Namen zu nennen — sie mußten ja das Bändchen bei F. A. Brockhaus erschienener lyrischer Gedichte kennen. Er zögerte auch nicht lange mit der Antwort und sagte bescheiden, aber doch mit innigem Selbstgefühl:
„Ich bin Schriftsteller, verehrter Herr — lyrischer Dichter — und mein Name ist Florian Heldenstern. Sollten die Damen vielleicht zufällig —“
Fast unwillkürlich griff er dabei mit der rechten Hand in die linke Brusttasche, denn einzelne Manuscripte führen alle lyrischen Dichter bei sich; der fremde Herr aber, der die drohende Bewegung merkte, streckte rasch und abwehrend seinen Arm aus und sagte:
„Lassen Sie stecken — wir glauben es Ihnen auf’s Wort. Die Damen müssen Sie aber entschuldigen, wenn sie in der deutschen Literatur nicht bewandert sind, denn wir kommen aus weiter Ferne, um die Heilkraft dieses Wassers zu erproben. Sie sind doch nicht etwa Bade-Dichter?“
„Bade-Dichter?“ sagte Florian verdutzt — „ich verstehe nicht —“
„Ah, dann nehmen Sie es nicht übel,“ sagte der ältliche Herr trocken — „ich kenne Ihre hiesigen Einrichtungen nicht, und glaubte, daß Sie vielleicht, wie Sie Badeärzte, Badecommissaire und dergleichen haben, auch vielleicht, zur Verschärfung der Kur, Bade-Dichter hätten. Die Schnelle, mit welcher Sie neulich in die Lahn tauchten, rechtfertigte auch einen solchen Verdacht in etwas. Aber, wie gesagt, wir sind hier so vollkommen fremd, daß wir Ihre inneren Einrichtungen nur sehr wenig kennen.“
„Aber woher kommen Sie, wenn ich fragen darf?“ sagte Florian schüchtern, denn noch wußte er ja weder Namen noch Vaterland der ‚Lahnnixe‘, die doch sein ganzes Herz erfüllte.
„Aus Amerika,“ sagte der ältliche Herr.
„Aus Amerika?“ rief Florian erstaunt — „aber Sie sprechen das Deutsche so geläufig.“
„Wir sind auch keine geborenen Amerikaner, sondern stammen aus Norwegen — meine Aeltern waren Deutsche.“
„Und Sie kehren nach Amerika zurück?“ fragte der junge Dichter scheu und bestürzt.
„Allerdings, sobald unsere Kur beendet ist — befremdet Sie das?“
„Mich? — o nein,“ stammelte Florian verlegen — „wie könnte es auch — ich — würde nur unendlich bedauern, wenn ich mir denke“ — er stak fest; der Fremde aber, der sich an seiner Verlegenheit zu weiden schien, sagte lächelnd:
„Bitte, vollenden Sie Ihren Satz. Man soll einen Schriftsteller nie unterbrechen, denn es gehen ihm dabei oft höchst kostbare und nie zu ersetzende Gedanken verloren.“
Florian befand sich schon in dem Falle, und war sich dabei nur noch nicht klar, ob er überhaupt einen Gedanken gehabt habe. Die junge Dame aber, die seine Verlegenheit wohl bemerkte, kam ihm mit ihrer unendlichen Liebenswürdigkeit zu Hülfe und sagte freundlich:
„Wir werden hier jedenfalls noch vierzehn Tage oder auch vielleicht drei Wochen verweilen, und hoffen dann noch öfter das Vergnügen zu haben, Sie zu sehen.“
„Sie sind sehr gütig,“ sagte Florian, und stand scheu von seinem Stuhle auf, denn er hielt das irrthümlicher Weise für eine leise Andeutung der Jungfrau, daß er sich gegenwärtig entfernen könne — „wenn Sie mir dann erlauben —“
„Bleiben Sie nur sitzen und trinken Sie Ihren Kaffee,“ rief aber der ältliche Herr, der sich vortrefflich zu amüsiren schien — „da bringt ihn der Kellner eben. Der Henker werde aus Ihnen klug — von der Brücke springen Sie, ohne sich einen Moment zu besinnen, in den Fluß hinunter, um einen Ertrinkenden zu retten, und hier thun Sie, als ob Sie nicht drei zählen könnten. Ihr Deutschen seid wirklich ganz verzweifeltes Volk. Sie fürchten sich doch wahrhaftig nicht vor den beiden Damen?“
„Ich? — o nein, sicher nicht,“ stammelte der junge Mann, der sich aber jetzt mit aller Gewalt zusammennahm, weil er das Schlimmste fürchtete, was einem Menschen in Damengesellschaft begegnen kann: sich lächerlich zu machen, „die beiden Damen sehen dazu viel zu lieb und gut aus. Ich — fürchtete nur, Ihnen als Fremder lästig zu fallen.“
„Bah,“ sagte der ältliche Herr, „wir sind hier Alle fremd, und wer sich findet, sollte sich deshalb aneinander anschließen, um dies verwünscht langweilige Leben nur in Etwas zu betäuben.“
„Ems bietet freilich nicht viel Unterhaltung,“ lächelte Florian, „und Sie scheinen vorlieb zu nehmen.“
„Das spricht wieder Ihre verwünschte Bescheidenheit,“ rief der Fremde — „kennen Sie nicht das Wort Ihres großen Dichters —
Uebrigens ist es mir ein höchst unbehagliches Gefühl, das Gewühl und Gewimmel dieser aufgeputzten Menschen in einem Badeorte zu sehen. Die ganze Gesellschaft kommt mir immer vor wie ein Korb voll noch rothbackiger, aber wurmstichiger Aepfel, die für den Augenblick noch den Schein für die Gesundheit bewahren, aber im Herzen schon den Todeskeim tragen. Ihnen scheint doch Nichts zu fehlen?“
„Mir? nein, Gott sei Dank,“ sagte Florian, „ich bin nicht zur Kur hier — und ich hoffe nur, daß —“ sein besorgter Blick streifte dabei der neben ihm sitzenden Lahnnixe Gestalt.
„Uns fehlt auch Nichts,“ lachte der Fremde, „und wir sind nur eigentlich in Begleitung einer älteren kranken Verwandten hier.“
„Und gefallen sich die Damen hier?“
„Warum nicht,“ lächelte die Jüngste — „uns ist das Alles doch nur neu und interessant; dieses Wogen und Drängen, dieser Putz und Staat, die Musik — das Spiel selbst mit seinen leidenschaftlichen Bewerbern, und kehren wir nach Amerika zurück, wird es uns immer eine liebe und angenehme Erinnerung bleiben.“
Das Gespräch wurde jetzt allgemein und Florian erfuhr wenigstens dabei, daß der fremde Herr Olaf heiße und im Panorama wohne. Gleich darauf kam aber ein Diener, der ihn zu suchen schien. Er flüsterte ihm in ehrerbietiger Stellung einige Worte zu und der ältliche Herr nickte langsam mit dem Kopfe. Dann stand er auf; die Damen folgten seinem Beispiele und mit freundlichen Grüßen zogen sie sich zurück, während Herr Olaf selber ihm noch die Hand reichte und viel herzlicher, als er bis jetzt gesprochen, sagte:
„Ich hoffe Sie einmal unten bei uns zu sehen — die Damen wünschen es ebenfalls.“ Damit reichte er Beiden seinen Arm und schritt mit ihnen langsam nach Ems hinab.
Florian Heldenstern blieb in einem wahren Taumel von Entzücken zurück, denn die junge Dame hatte die Einladung, die Bekanntschaft fortzusetzen, mit einem so freundlichen Blicke begleitet, daß er kaum daran zweifeln konnte, willkommen zu sein. Jetzt aber mußte er vor allen Dingen Näheres über die Fremden erfahren, und ließ sich deßhalb augenblicklich die Kurliste bringen, die sich ja in jedem Gasthause oder Café findet.
Den Anhaltepunct hatte er ja auch, Namen und Wohnort und das Uebrige mußte die Kurliste angeben.
Panorama — da stand es — alle Wetter, dort logirten lauter vornehme Leute — meist russische Fürsten und Würdenträger mit vollkommen unaussprechlichen Namen — aber da stand Olaf — er schüttelte enttäuscht mit dem Kopfe, denn daraus erfuhr er auch nichts Näheres:
„Olaf, Hr., m. Familie u. Bed. a. America“
das war Alles. Aber wozu brauchte er auch die Kurliste; das nähere Familienverhältniß konnte er sich doch selbst recht gut aus der äußeren Erscheinung der Fremden zusammenreimen. Die ältere Dame — obgleich noch in sehr jugendlichem Alter, war jedenfalls die Gemahlin des ältlichen Herrn — vielleicht seine zweite Frau, und die jüngere dann möglicherweise ihre Schwester? — Nein, das konnte nicht gut sein, denn die beiden Damen schienen auch nicht die geringste Aehnlichkeit miteinander zu haben. Die Aeltere hatte rabenschwarzes, die Jüngere goldblondes Haar, die erste dunkle, die andere blaue, seelenvolle Augen. Ebenso wenig konnte er in den Zügen Beider auch nur das Geringste finden, was selbst nur auf eine nahe Verwandtschaft schließen ließ. Die Jüngste war deßhalb jedenfalls die Tochter des ältlichen Herrn aus erster Ehe und Elise hieß sie — den Namen hatte er im Gespräche gehört — Elise — was für ein reizender Name, für den er schon einmal in früherer Zeit und unter anderen Umständen geschwärmt, ja sogar einige seiner gelungensten Sonette auf den Namen gedichtet. Er hätte ihr keinen anderen Namen wünschen mögen, wenn sich auch schmerzhafte Erinnerungen daran knüpften.
Und er durfte sie besuchen; am Liebsten wäre er freilich gleich herunter gegangen, aber das würde sich nicht geschickt haben — heute auf keinen Fall — er durfte nicht zudringlich erscheinen — morgen — morgen Nachmittag — und morgen früh traf er sie gewiß auf der Promenade. — Aber an dem Hause konnte er wenigstens vorübergehen — vielleicht sah er sie dann, wenn auch nur für einen flüchtigen Moment, am Fenster.
Florian befand sich wirklich in einem ganz gefährlichen Grad von Aufregung, die sich mit dem dämmernden Abend nur steigerte. Er fing auch an schon allerlei Pläne zu machen und Luftschlösser zu bauen, und lief noch lange nach zehn Uhr zwischen dem Hôtel de Paris und dem berliner Hof immer vor dem Panorama auf und ab, um hinter den hie und da erleuchteten Vorhängen die Gestalt der Geliebten zu träumen. Aber nicht einmal einen Schatten von ihr konnte er entdecken, und die Füße thaten ihm zuletzt so weh, daß er nach Hause mußte, um sich auszuruhen.
Er warf sich auch in der seligen Hoffnung auf sein Bett, jetzt nur von ihr zu träumen — und was Anderes erfüllte denn auch seine ganze Seele? Aber Gott bewahre! Es war ordentlich, als ob ihn der neckische Traumgott verhöhnen wolle; denn statt mit dem Bilde der holden Lahnnixe, wie er sie noch immer nannte, beschäftigte er ihn die ganze Nacht mit einer dicken, unangenehmen Polin, die er an demselben Mittage vor dem Kurhause in einem mit Spitzen bedeckten, aber schmuzigen weißen Kleide, auf zwei Stühlen hingeräkelt und mit einer Cigarre zwischen den dicken Lippen gesehen und sich darüber geärgert hatte. Mit der unterhielt er sich im Traume die ganze Nacht — mußte ihr Feuer zu einer Cigarre geben, ging mit ihr an die Spieltische, ließ sich von ihr verleiten, zu setzen, verlor sein ganzes Reisegeld, was er bei sich führte und wachte endlich, vor Angst in Schweiß gebadet und mit den heftigsten Kopfschmerzen, wieder auf, als die Sonne schon hell auf sein Lager schien.
Florian Heldenstern führte eine Kaffeemaschine bei sich und kochte sich selber Morgens seinen Kaffee, und rauchte dazu eine leichte Cigarre, weil er keine schweren vertragen konnte. Aber sein Blut war in der Nacht, trotz des häßlichen Traumes, abgekühlt und er überdachte die Vorgänge des letzten Tages ruhiger.
Allerdings war er darüber keinen Augenblick mit sich in Zweifel, daß er heute seine Elise aufsuchen und sie wiedersehen würde, aber er fing doch auch an, die Folgen eines solchen Zusammenlebens zu überlegen, an die er gestern mit keiner Sylbe gedacht hatte.
Was sollte daraus werden? — Er liebte Elisen, so viel war sicher, und wenn auch nicht mit der ersten, doch mit der zweiten Gluth seiner Leidenschaft — aber liebte Elise ihn wieder und würde er im Stande gewesen sein, die jedenfalls nicht fehlenden Vorurtheile ihres Vaters zu besiegen? — Was konnte er ihr bieten? Ich will gewiß nicht behaupten, daß Florian Heldenstern sein ganzes Selbstgefühl verleugnet und sich gar so gering geschätzt hätte; aber er besaß trotzdem zu viel gesunden Menschenverstand, um sich über seine eigenen Verhältnisse so gründlich zu täuschen, daß er nicht auch den möglichen Widerstand älterer und deshalb vernünftiger Verwandter in Anschlag bringen sollte.
In den Morgenstunden fließt außerdem das Blut des Menschen langsam durch die Adern, und er fühlte sich im Stande, das pro und contra der ganzen Sache ruhig zu überdenken.
Vermögen besaß er gar keines — schnödes wenigstens, das „Motten und Rost“ verzehren können — geistiges dagegen in Hülle und Fülle, aber damit bezahlte man allerdings keine Miethe und kein Wirthschaftsgeld, wie alle die tausend anderen entsetzlichen Bedürfnisse, die nun einmal zum bürgerlichen Leben gehören und das alte Sprüchwort: „Eine Hütte und ihr Herz“ lange außer Cours gesetzt haben. Er war auch viel zu practischer Natur, um das Alles zu ignoriren, und da konnte er sich denn freilich nicht der Ueberzeugung verschließen — Morgens beim Kaffee wenigstens — daß er der Geliebten nicht im Stande sei, etwas Weiteres zu bieten, als eben sein Herz. Es blieb nur die Frage, ob sie oder ihr Vater sich damit begnügen würden.
Allerdings philosophirte er ganz richtig: „Was ist eigentlich todter Mammon? — Eine eingebildete Größe, die nur allein durch die Habgier der Menschen ihren Werth erhält“ — aber die Sache blieb trotzdem dieselbe, und war er erst verheirathet, so verlangte der Bäcker diesen todten Mammon für Brod und der Metzger für Fleisch, wie die Modenwaarenhandlung noch für viele andere Nebenbedürfnisse.
Was hatte er dagegen in die Schaale zu werfen? — Seine Honorare? — Du lieber Himmel, er wußte selber am besten, wie schwer es ihm geworden, sich mit denen in den bescheidensten Verhältnissen durchzubringen. Er hatte keine Schulden, ja — aber das war weniger seine, als der Leute Schuld, die ihm Nichts borgen wollten, und er hätte nie hoffen dürfen, sich und Elisen mit dem, was er verdiente, „standesgemäß“ (wer nur das entsetzliche Wort erfunden hat!) durchzubringen.
Ihr Vater besaß jedenfalls Vermögen — er mußte reich sein, wenn er hier einen Monat lang „mit Familie und Bedienung“ im Panorama logiren konnte, wo sie die unverschämtesten Preise für Miethe allein forderten; aber würde der gerade geneigt gewesen sein, ihn, den armen Schriftsteller, damit zu unterstützen?
Sein Herz sank ihm, während er sich die Möglichkeit, ja die Wahrscheinlichkeit einer abschlägigen Antwort überdachte, und er blies den Rauch seiner hellgelben pfälzer Cigarre in matten, kräuselnden Wolken vor sich aus. —
Nur eine Hoffnung — nur ein Trost beseelte ihn noch: Elise liebte ihn — dessen fühlte er sich gewiß, und mit dieser Liebe hoffte er auch alle weiteren Schwierigkeiten zu überwinden, zu besiegen.
Freilich war das immer nur ein schwacher — aber doch ein Trost, und wenn es auch noch galt, wahre Gebirge von Hindernissen zu beseitigen, so glaubte er das doch mit Hülfe der Geliebten in’s Werk zu setzen. Vorläufig beschloß er aber, ihr zu entsagen — d. h. nur in einem Gedichte, das sich ihm auf die Lippen drängte und das er im Uebermaße seiner Gefühle niederschrieb: