Unmittelbar nach der Entdeckung des Californischen Goldreichthums, während Alles diesem Eldorado noch zuströmte und der einzige Gedanke der Reisenden war, das ersehnte Land nur so rasch als möglich zu erreichen, wurden auch die verschiedensten Straßen aufgesucht, um dies zu ermöglichen. Während eine Gesellschaft daran ging, die Panamá-Landenge zu untersuchen und einen Durchstich oder eine Eisenbahn in Angriff zu nehmen, warf sich eine andere nach Nicaragua und zögerte auch nicht, kleine Dampfschiffe auf den See zu setzen. Zu gleicher Zeit segelten zahllose Schiffe um Cap Horn, und riesige Caravanen zogen durch die weiten Prairieen des amerikanischen Westens den Felsengebirgen zu, um darüber hin ihre Bahn nach dem Goldland zu finden.
Die letztere Route schien aber die beschwerlichste und auch vielleicht gefährlichste von allen, denn erreichten diese Züge nicht die andere Seite der Berge noch in der guten Jahreszeit, so waren sie dem furchtbaren Schnee der Felsengebirge preisgegeben; die Zugstiere fanden kein Futter mehr und verhungerten an ihren Deichseln, während viele Familien selbst in den Bergen zu Grunde gingen.
Allerdings war schon ein Weg über die Landenge von Panamá eröffnet — Dampfboote liefen dorthin, und die Reisenden fuhren zuerst den Chagresfluß hinauf, um dann auf Maulthieren durch die Sümpfe und über die Höhen des Isthmus zu kommen; aber auch diese Passage bot noch die unglaublichsten Schwierigkeiten, und die Amerikaner, die gar nicht daran dachten, sich durch irgend etwas zurückhalten zu lassen, warfen sich endlich, da die Schiffe doch nicht Alle befördern konnten, selbst nach Mexico, um quer durch das Land nach dem stillen Ocean zu gelangen und dort eine Schiffsgelegenheit zu suchen.
Das Klima der mexikanischen Hochebenen war dabei gesund, und nicht todbringend wie das der Chagressümpfe. Man konnte dort ebenfalls (was auf Panamá der Masse der Reisenden wegen häufig nicht der Fall war) Maulthiere bekommen, soviel man brauchte, und hätte man wirklich auf der andern Seite kein Schiff gefunden, so blieb der Weg, an der Küste hinauf, bis zum nächsten Hafen nicht so entsetzlich weit, um davor zurückzuschrecken.
Zahlreiche amerikanische Gesellschaften zogen deshalb die Reise nach Californien über Vera-Cruz, das sich außerdem leicht von New-Orleans aus erreichen ließ, den übrigen Routen vor und wie sie dort erst einmal die Bahn gebrochen, folgten auch von Californien nach den Staaten zurückkehrende glückliche Goldwäscher den nämlichen Fährten.
Nun gab es allerdings in Mexico eine Menge Gesindel — denn Raubanfälle auf offener Landstraße gehörten keineswegs zu den Seltenheiten; die kleinen Caravanen waren aber auch gewöhnlich gut mit Waffen versehen und konnten derartige Strauchdiebe leicht von sich abhalten. Schwerer freilich wurde es den verhältnißmäßig kleinen Trupps, die von Californien selber zurückkehrten, und die Räuber fanden auch bald heraus, daß sich ein Angriff auf diese besser lohne.
Die aus den Staaten kommenden Reisenden führten gewöhnlich Nichts bei sich, als ihr dürftiges Reisegeld. Weit anders war es dagegen mit den „Californiern“ bestellt, die nicht selten schwere, mit Goldstaub gefüllte Katzen um den Leib geschnallt trugen, und so häufig wurden zuletzt die Angriffe auf diese, daß sich die Regierung genöthigt sah Militär aufzubieten, um die Straße doch so viel als irgend möglich zu sichern. Uebrigens verbreitete sich sehr bald das Gerücht, daß es nicht blos Mexikaner seien, welche hier am Weg den goldbeladenen Wanderern auflauerten, sondern daß sich, besonders in letzter Zeit, auch viele eingeborene Amerikaner dieses Geschäfts angenommen hätten und — allerdings in mexikanischer Tracht, um den Verdacht und die Verfolgung von sich abzulenken — die kecksten Raubanfälle ausführten.
Das Nämliche hatte schon auf der Landenge von Panamá begonnen, jetzt pflanzten sich auch die Banden nach Mexico hinüber und setzten die Reisenden besonders durch die vielen dabei verübten Mordthaten in Angst und Schrecken. Die Mexikaner selber hatten früher wohl auch ihre Opfer überfallen und geplündert, aber nur in einzelnen seltenen Fällen Blut vergossen; jetzt aber schienen rauhere, erbarmungslosere Hände bei der Arbeit beschäftigt zu sein, und der Angriff auf kleine Caravanen oder einzelne Reisende geschah nicht mehr mit einer Aufforderung, sich zu ergeben, sondern Revolver und Büchsenschüsse warfen die Unglücklichen von ihren Thieren hinab, und der fast stets zu spät eintreffenden Polizei blieb es dann überlassen, die aufgefundenen Leichen zu begraben.
Ein paar Mal hatten sich die Ueberfallenen allerdings mit Erfolg zur Wehr gesetzt und den Angriff abgeschlagen, auch einige der Räuber dabei getödtet, wonach es sich denn stets herausstellte, daß sie zur verworfensten Klasse der menschlichen Gesellschaft, zu der der amerikanischen professionirten Spieler gehörten, denn sie trugen außer ihren Revolvern und Bowiemessern auch noch regelmäßig ihre falschen Karten bei sich, für welche in den Vereinigten Staaten besondere Fabriken bestehen, die sie zu Tausenden fertigen. Aber die Race starb nicht aus, und obgleich sich diese Bursche mit betrügerischem Spiel ihr Geld wohl auch leicht und rasch verdienten, schien es ihnen doch hier noch rascher zu gehen, wo sie die californischen Goldgräber gleich von der Quelle fort „pflücken“ konnten, wie sie es nannten.
Die Kunde über diese, schnell einander folgenden Verbrechen drang auch bald nach Californien hinauf, und Viele, die sich mit schwerer Arbeit ein Vermögen erworben, oder doch eine hübsche Summe von Gold zusammengebracht, scheuten sich jetzt der Gefahr entgegen zu gehen, das Alles — noch vielleicht mit dem Leben — auf einer mexikanischen Landreise wieder einzubüßen. Wo sie deshalb nur Schiffsgelegenheit um Cap Horn erhalten konnten, zogen sie den allerdings viel weiteren aber auch sicheren Weg vor, und das Geschäft in Mexiko wurde dadurch flauer.
Alle konnten aber freilich nicht auf Schiffen befördert werden, denn gerade in damaliger Zeit verließen noch sehr wenige Fahrzeuge die Häfen wieder, da ihnen meistens die Matrosen in die Minen desertirten und neue Mannschaften nicht so rasch aufzutreiben waren. Wer allerdings seine Zeit abwarten wollte, durfte auch darauf rechnen Gelegenheit zu finden, aber die heimkehrenden Leute besaßen selten so viel Geduld, und so fanden sich denn auch selbst jetzt noch kleine Trupps zu den abenteuerlichsten Zügen zusammen, die bald durch Neu-Mexiko, bald auch über Acapulco das atlantische Meer zu erreichen suchten, und, bis an die Zähne bewaffnet, einem feindlichen oder räuberischen Angriff Trotz boten.
Im Herbst des Jahres 1849 hatten sich solcher Art ebenfalls sechs junge Amerikaner mit einem kleinen Küstenfahrzeug nach Acapulco eingeschifft, und obgleich sie dort gewarnt wurden, ihre Reise nicht gleich fortzusetzen, da gerade in letzterer Zeit wieder viele Raubmorde stattgefunden, während in den nächsten Tagen eine Militärpatrouille eintreffen mußte, die ihnen dann völlige Sicherheit bot, wollten sie doch nicht hören, sondern mietheten sich Maulthiere und einen Führer und traten ihren Marsch dann ohne Weiteres an.
An der Küste selber war der Weg außerordentlich belebt. Ueberall dicht an der Straße oder in kurzer Entfernung davon lagen bald größere, bald kleinere Ranchos, und Maulthier- und Eselzüge, welche ihre Lasten in die Hafenstadt brachten, begegneten ihnen fast ununterbrochen; ein klarer, sonniger Himmel spannte sich dabei über sie aus, und die Seebrise kühlte die Luft so herrlich ab, daß sie ihre Thiere ganz tüchtig konnten austraben lassen. Sie waren auch vortrefflicher Laune, denn Californien hatte — was in der That nur wenige weiter von sich sagen konnten — ihre Erwartungen fast übertroffen, indem ihr gutes Glück sie gleich von allem Anfang an so reichhaltige Stellen finden ließ, daß sie schon, nach kaum sechsmonatlicher Arbeit, an den Heimweg denken konnten. Und die Gefahren der Reise? Bah! sie waren ihrer Sechs, Alle gut mit Revolvern und Messern bewaffnet, dabei kräftig, jung und gewandt. Da hätte schon ein starker Trupp Räuber dazu gehört, um sie mit Erfolg angreifen zu können und nicht mehr Blei als Gold zu bekommen. Sie würden auch wahrlich gar nicht mehr an die in Acapulco so zahlreich gehörten Räuber- und Mordgeschichten gedacht haben, hätte sie ihr Führer nicht immer und immer wieder auf’s Neue daran erinnert.
So schwer es im Anfang gewesen war, ihn zu dem Transport ihrer selbst und ihrer Sachen zu bewegen, so unsicher schien er sich jetzt zu fühlen, da sie weiter in das Land hineinrückten und die Straße einsamer und öder wurde. Eine Schreckensgeschichte nach der anderen erzählte er dabei von verübten Gräuelthaten, bis sich ihm selber die Haare auf dem Kopfe sträubten, und er würde die jungen Amerikaner vielleicht ebenfalls zu fürchten gemacht haben, hätten sie nur die Hälfte von dem, was er ihnen vorjammerte, verstanden. So aber, des Spanischen wenig mächtig, kümmerte sie die Schilderung dieser ungesetzlichen Handlungen nur sehr wenig, und erst als sie etwas weiter in die öde genug aussehenden Küstenberge hineinrückten, fingen sie an stiller zu werden und etwas mehr auf den Weg zu passen.
Die Scenerie war hier nichts weniger als freundlich und die Höhen der Kuppen lagen ziemlich kahl, nur mit einer Unmasse der verschiedenartigsten Kaktus- und aloëartigen Pflanzen bedeckt. Neigte sich der Weg aber in ein Thal hinab, so daß er in die Nähe irgend eines Baches kam, so zeigte sich niederes Gebüsch mit Weiden und lorbeerartigen Bäumen, das oft feste Dickichte bildete. Unangenehm blieb dabei, daß man nie eine längere Wegstrecke übersehen konnte, da die Straße fortwährend Biegungen machte, und allerdings bot eine derartige Gegend einem gesetzlosen Treiben den größten Vorschub.
Stieg man auf eine Höhe hinauf, so öffneten sich freilich die Büsche und der Blick konnte frei nach rechts und links hinüberstreifen, aber derartige Strecken dauerten nie lange, und enge Schluchten folgten dann wieder, in die man hinabsteigen, oder darin aufklettern mußte.
Hier begegneten sie nur selten einem Trupp Arrieros, die ihre beladenen Thiere der Hafenstadt zutrieben, und machten endlich in einem einzelnen Rancho Halt, wo sie aber schon einen Fremden einquartirt fanden.
Es war allem Anscheine nach ein Mexikaner, mit sonngebranntem Gesicht, schwarzem krausem Haar und Bart und dunklen, lebendigen Augen, aber dann auch jedenfalls der reicheren Klasse angehörend, denn er trug eine der feinsten, dort gebräuchlichen Serapes (der Poncho der Süd-Amerikaner) mit Goldfäden durchwirkt und von prachtvoller Weberei, die an den Seiten offenen Sammethosen mit silbernen Knöpfen besetzt, und eben solche Knöpfe an den Aermeln seiner kurzen Jacke, die manchmal sichtbar wurde, wenn er mit dem Arm unter dem Ueberwurf heraus kam, um das vor ihm stehende Glas mit Wein an die Lippen zu heben. Ein Panamá-Hut vom feinsten Geflecht lag neben ihm auf dem Tisch und seine gestickten Unterbeinkleider, die durch den Schlitz der oberen Hosen sichtbar waren, zeigten, daß er nicht allein den besten Stoff dazu gewählt, sondern auch auf Sauberkeit hielt. Selbst der kleine, zierliche, in Glanzlederstiefeln steckende Fuß paßte zu dem Allem und die nicht sehr großen, hübsch geformten Sporen von dunkler Bronce, die er dazu trug, hatten kleine Kugeln am Radträger befestigt, daß sie bei jeder Bewegung des Beins ein klingendes Getön gaben.
Sein Antlitz sah eher ernst als freundlich aus und um die Lippen spielte sogar, so weit es der Bart erkennen ließ, ein etwas spöttischer Zug, was aber auch wohl von einer schmalen Narbe herrühren konnte, die sich dort in den Bart, nach dem Mundwinkel zu, hineinzog.
Als die Fremden den offenen Rancho, in welchem sie übernachten wollten, betraten und mit einem buenos Dias grüßten, neigte er leicht und freundlich das Haupt, ohne ein Wort zu sagen, strich sich dann mit der feinen weißen Hand, an der ein großer Brillantring funkelte, den Bart bei Seite, und leerte das vor ihm stehende Glas.
Der Mexikaner indessen brachte den neuen Gästen ebenfalls Wein, mit dem besonders Peru und Chile die Westküste versehen, und versprach ihnen ein Abendbrod nach besten Kräften herzurichten. Viel gäbe es freilich nicht, wie er meinte, da die Passage auf der Straße im letzten Monat so stark gewesen und besonders erst gestern eine Abtheilung von Polizeisoldaten seinen Rancho verlassen habe, die hier acht Tage auf der Lauer gelegen, um ein paar berüchtigte Straßenräuber abzufassen. Uebrigens wolle er sehen, was er noch zusammenbringe, die Señores sollten schon zufrieden sein.
Die jungen Amerikaner machten in der That keine großen Ansprüche, und von dem warmen Ritt heute erschöpft verlangten sie viel eher nach einem kühlen Trunk, als nach anderen Lebensmitteln. Der Wein war aber vortrefflich und mundete ihnen ausgezeichnet, und die jungen Leute fühlten sich bald von dem ungewohnten Genuß erregt, und lachten und plauderten zusammen, ohne sich viel um den fremden „Señor“ zu bekümmern; verstand er ja doch ihre Sprache nicht, und sie die seine nur so unvollkommen, um eine wirkliche Unterhaltung unmöglich zu machen.
Natürlich interessirte sie aber dabei das besonders, was sie von der Polizeimacht gehört, denn es stand mit ihrer ferneren Reise in Verbindung und schien allerdings die Unsicherheit des Weges zu bestätigen. Sie erkundigten sich auch genau nach der Richtung, welche die Patrouille genommen, da sie ihr auf dem Wege nicht begegnet waren, und ob man in letzter Zeit etwas von neuen Raubanfällen auf der Straße gehört habe.
„Quien sabe, Señores,“ sagte der Wirth achselzuckend und mit einem vorsichtigen Blick auf seine bewaffneten Gäste, denn die Mexikaner waren unter sich schon lange darüber einig, daß die meisten dieser Raubanfälle jedenfalls von den Fremden selber ausgingen, und wer bürgte ihm dafür, daß er es hier nicht gerade mit einer solchen Gesellschaft zu thun hatte — weshalb erkundigten sie sich auch so eifrig nach der Polizei. — „Manche von den erzählten Geschichten ist wohl übertrieben und Caballeros, die so gut bewaffnet sind wie Sie selber, haben gewiß nicht das Geringste unterwegs zu fürchten.“
„Fürchten? Ach, wir fürchten auch nichts,“ lachte Einer der jungen Burschen, „und was wir sauer verdient haben, werden wir auch schon vertheidigen. Die Polizei muß aber den nämlichen Weg eingeschlagen haben, den wir gehen, sonst wären wir ihr doch unterwegs begegnet.“
„Quien sabe,“ erwiderte der Wirth auf’s Neue — „manchmal reiten die Herren auch nur eine Strecke in die Chaparal hinein, um bald an dieser, bald an jener Seite wieder aufzutauchen. Sie wollen natürlich nicht, daß man gewisse Kunde von ihnen erhält, wo sie sich befinden.“
Der Señor in der bunten Serape hatte dem Gespräch anscheinend vollkommen theilnahmlos zugehört, und dabei eine der kleinen Papiercigarren geraucht, die er sich selber drehte; jetzt warf er den Stumpf weg, hob noch einmal das wieder gefüllte Glas an seine Lippen und sagte dann, aber im reinsten Amerikanisch, daß sich die Reisenden überrascht nach ihm umsahen:
„Die Straßen hier in Mexiko, Landsleute, sind eben so sicher, wie bei uns daheim, und die Wenigen, die darauf beraubt wurden, hatten es sich gewiß in den meisten Fällen selber zuzuschreiben.“
„Alle Teufel, Ihr seid ein Amerikaner? Ich hielt Euch für einen der Señores aus dem Land hier,“ rief ein junger Illinoiser.
„Ich gehöre auch zu denen,“ lächelte der Fremde, „wenn ich freilich in Amerika geboren bin. Ich habe, eine Estancia in der Nähe von Puebla, wo ich mich nach dem Krieg niederließ und eine Landestochter heirathete. Deshalb darf ich mich auch wohl jetzt als Mexikaner betrachten.“
„Und wo geht Ihr jetzt hin, Fremder?“ fragte ein Anderer, „nach Acapulco?“
„Nein, ich komme von daher, und bin gerade im Begriff, nach Hause zurückzukehren.“
„Dann haben wir ja einen Weg, wie? und können zusammenreiten?“
„Gewiß, die Gesellschaft wäre mir allerdings willkommen,“ lächelte der mexikanisirte Amerikaner, „denn allein ist immer ein einsames und monotones Reisen.“
„Hurrah!“ lachte ein Anderer, „dann hat unsere kleine Truppe auch wieder Unterstützung bekommen, und Ihr könnt uns unterwegs auch dolmetschen, denn das verdammte Gibberich bricht mir bald die Zunge ab.“
„Mit dem größten Vergnügen,“ lächelte der Fremde, „wenn die Gentlemen mit meiner Gesellschaft zufrieden sind.“
„Zufrieden? caracho!“ lachte ein langer Hoosier aus Indiana, und es war dies das einzige und jedenfalls auch gleich das schlechteste Wort, das er aus der ganzen spanischen Sprache gelernt hatte; „sehr vergnügt sind wir darüber, Mate. Aber weshalb sitzt Ihr da noch an Eurem Tisch so allein? Rückt doch mit Eurem Wein zu uns herüber es ist gemüthlicher.“
Der fremde Landsmann ließ sich nicht lange bitten; mit großer Höflichkeit aber, die er sich jedenfalls unter den „Spaniolen“ angewöhnt haben mußte, denn den jungen Amerikanern war das förmliche Wesen vollkommen fremd, nahm er Flasche und Glas zu den Uebrigen hinüber und setzte sich mit den Worten „mit Eurer Erlaubniß, Señores,“ zu ihnen an den Tisch.
Das Gespräch wurde jetzt allgemein und erstreckte sich besonders auf das Land selber, das sie eben durchreisen wollten, und das ihr neu gewonnener Freund natürlich genau kennen mußte; gab er ihnen doch auch in der That jede nur gewünschte Auskunft.
„Und war er selber noch nicht in Californien gewesen?“
„Lieber Gott,“ schmunzelte er, „die Verführung ist allerdings groß genug, denn wenn man fast alle Tage arme Teufel dort hinüberpilgern, und dann mit goldgefüllten Beuteln zurückkehren sieht, prickelt’s Einem ordentlich in den Füßen und man möchte wohl selber einmal das fabelhafte Eldorado besuchen, aber — wer kann wider sein Schicksal ankämpfen. Wenn man erst selber Frau und Kinder hat, verbieten sich solche Reisen schon allein. Sollten Sie übrigens den kleinen Abstecher nicht scheuen und mir die Freude machen, mich auf meiner kleinen Hacienda zu besuchen, so würden Sie mir selber zugestehen müssen, daß ich nicht gut thun würde, ein solches Paradies zu verlassen, um in einem fremden, unwirthlichen Lande nach Gold zu graben.“ Er hatte, wie er hinzusetzte, sein Gold hier in Mexiko gefunden, und gäbe es nicht um alle Minen der ganzen Welt.
Es war indessen spät geworden, und die Leute suchten endlich ihr Lager, von dem sie aber schon mit Tagesanbruch ihr neu gefundener Reisegefährte weckte, da er ihnen die Morgenkühle als die beste und bequemste Zeit zu einem langen Ritte anrieth.
Es dauerte auch nicht lange, so waren die jungen Leute wieder im Sattel und bemerkten jetzt, daß ihr neu gefundener Landsmann einen prachtvollen schwarzen Rappen ritt, dessen Zaum und Sattelzeug mit Silber ordentlich bedeckt war. Es mußte jedenfalls ein sehr reicher und hier in Mexiko auch wohl vornehmer Herr sein; der Wirth war wenigstens außerordentlich devot gegen ihn, und sprang, als er in den Sattel steigen wollte, selber hinaus an sein Thier, um ihm den Steigbügel zu halten.
Und wie verstand er das feurige Pferd zu bändigen und zu regieren; es war eine ordentliche Freude, ihn da oben, auf dem ungeduldig tanzenden und courbettirenden Thier sitzen zu sehen. Es kostete ihm auch Mühe, das rastlose Roß der weit ruhigeren Gangart der Maulthiere anzupassen, und anfangs mußte er ihm in der That ein paar Mal den Zügel lassen, daß es wie ein von der Sehne geschnellter Pfeil mit ihm über die Straße dahin flog und das silberne Gebiß, wenn wieder eingezügelt, mit Schaum bedeckte. Endlich aber hatte es doch ausgetobt, oder der Reiter ließ ihm vielmehr nicht länger seinen freien Willen, daß es sich jetzt, geduldig wie ein Lamm, ihm fügte. Aber auch die Maulthiere waren durch die Gesellschaft des lebendigen Kameraden angeregt, und trabten weit rascher aus, als sie es gestern gethan, so daß sie ziemlich schnell von der Stelle rückten.
Der Fremde schien sich dabei aber, während er ihnen am vorigen Abend Alles bereitwillig erzählt, was er selber von Mexiko wußte, heute so viel mehr für Californien zu interessiren, und ließ sich ununterbrochen von dort erzählen. Besonders neugierig war er auf die Art der Minenarbeiten und was wohl ein Mann dort verdienen könne — was sie z. B. dort verdient hätten, und ob es denn wirklich so harte und schwere Arbeit wäre.
Die jungen Burschen plauderten auch von der Leber weg. Ihr Landsmann in seinem prachtvollen fremdländischen Aufzug hatte ihnen imponirt; seine cordiale und doch so höfliche Weise, mit ihnen umzugehen, bestach sie noch mehr, und kaum zwei Stunden mochten sie unterwegs sein, als sie ihm Alles anvertraut hatten, was sie selber wußten, ja ihn sogar um Rath für ihr künftiges Leben fragten: Was sie nämlich mit dem gewonnenen Golde anfangen sollten, und ob er es nicht am Ende für rathsam hielt, daß sie gar nicht gleich nach den Staaten zurückkehren, sondern lieber hier in Mexiko irgend etwas beginnen sollten.
Er hielt das allerdings einer weiteren Ueberlegung werth, mußte aber freilich dazu wissen, was ihre eigentlichen Beschäftigungen waren; und wie viel Mittel sie in Händen hielten. Das auch theilten sie ihm aufrichtig mit, und er lud sie jetzt nochmals ein, sämmtlich einmal ein paar Tage auf seiner Hacienda zuzubringen, und sich das Farmerleben Mexiko’s erst ordentlich anzusehen; nachher könnten sie ja so viel leichter einen allerdings wichtigen Entschluß über ihre künftigen Pläne fassen.
Das war eine neue Aussicht für das junge Volk, denn wenn ihnen auch die bisher gesehene Scenerie nicht besonders gefiel, so gab ihnen doch der Fremde, der sich kurzweg Brown nannte, eine so glühende Schilderung von dem inneren Land und seinen Schönheiten, von der Leichtigkeit, mit der man hier sein Fortkommen finden und Geld verdienen könne, von den liebenswürdigen Eigenschaften der spanischen Race und von den reizenden Mädchen, die sie überall treffen würden, und die eine besondere Vorliebe für estrangeros hätten, daß sie schon halb und halb mit sich einig waren, ehe sie nur einmal den Hauptplatz gesehen, dies Land auch nicht so rasch wieder zu verlassen, als es Anfangs ihre Absicht gewesen.
So mochten sie etwa vier Stunden mitsammen geritten sein, und die Sonne fing schon an ziemlich scharf auf ihre Köpfe niederzubrennen, als sie eine kleine schattige Thalschlucht erreichten, durch welche ein klarer, murmelnder Quell rieselte. Ein einladenderer Platz zu einem Haltepunkt hatte sich noch nicht auf der ganzen Reise geboten, und Browns Vorschlag, hier von den mitgenommenen Provisionen zu frühstücken, wurde mit Jubel begrüßt.
Die Stelle selber schien auch eine gewöhnliche Station für des Weges kommende Wanderer zu sein, denn an verschiedenen Orten bemerkten sie die Feuerplätze anderer Caravanen, die sich bald da, bald dort im Grünen niedergelassen und im Schatten der dichten Lorbeerbüsche die heiße Mittagszeit verträumt haben mochten. Es wurde deshalb augenblicklich Halt gemacht, und während die Amerikaner ihre Reise- oder Satteltaschen, in welchen sich die erworbenen Schätze befanden, zusammentrugen und auf einen Haufen legten, entzündete der Eigenthümer der Maulthiere, der auch für diese unterwegs zu sorgen hatte, rasch ein Feuer und nahm dann seinen Thieren Sattel und Gebiß ab, damit sie selber in dem saftigen Gras weiden konnten.
Dort, auf dem weichen Rasen, wurde nun ausgepackt, was Jeder mitgebracht hatte, und Brown selber holte aus seinen Satteltaschen ein paar Flaschen alten Brandy hervor, den die jungen Leute mit Jubel begrüßten. Sie sprachen auch dem Brandy wacker zu, und achteten gar nicht darauf, daß ihr neuer Bekannter, der seinen eigenen silbernen Becher bei sich führte, sich selber nur zum Schein einschenkte und so that, als ob er tränke; wie hätten sie ihn auch irgend einer tückischen Handlung für fähig halten sollen.
Während sie noch so lagen und lachten und erzählten, kam ein Reiter vorübergesprengt — ein Mexikaner — zügelte einen Augenblick sein Pferd ein und nickte lachend, als Brown ihm einen Schluck „agua ardiente“ bot. Der Amerikaner ging auch selber zu ihm hinüber und reichte es ihm auf’s Pferd und der Bursche hob es dankend an die Lippen.
„Alle bereit?“ flüsterte er ihm aber dabei mit leiser Stimme zu.
„Alle, Señor,“ sagte der Mexikaner, indem er den Becher zurückgab, und dann, als ob er selber keine Zeit habe, sich aufzuhalten, setzte er seinem Pferde wieder die Sporen ein und verfolgte seinen Weg nach Acapulco zu.
Den Amerikanern wurden die Augen schwer; die Sonne brannte gar so sehr; der Brandy war so stark gewesen — die ungewohnte Anstrengung, auch das monotone Rauschen des kleinen Bergwassers: — sie fingen an einzuschlafen. — Der Arriero war drinnen im Busch bei seinen Maulthieren, da sich die Thiere mehr und mehr in das Dickicht gezogen hatten. — Nur das Pferd des Fremden stand gleich unterhalb der Stelle, an der sie lagerten, den Zügel übergehangen, unmittelbar am Bach, um dort das süße Gras abzuweiden.
Durch die Büsche schlichen eine Anzahl dunkler Gestalten — vorsichtig und leise, und jedes Geräusch, jedes Knacken eines dürren Zweiges ängstlich vermeidend. Der Amerikaner Brown stand, seine Serape jetzt über die rechte Schulter zurückgeschlagen, einen gespannten sechsläufigen Revolver in der Hand, mitten zwischen den Schläfern. Die unheimlichen Gestalten krochen in’s Freie — es waren meist dunkle, mexikanische Gesichter, aber Einzelne auch von lichterer Farbe, und vielleicht einem andern Land angehörend — zwischen ihnen der nämliche Bursche, der vorher den Platz passirt hatte. Wie Geister glitten sie aus dem Dickicht hervor — es waren acht Männer — Brown winkte sie zu den vier Amerikanern hin, die etwas abseit lagen, und sagte dann mit ruhiger, fast tonloser Stimme:
„An die Arbeit, meine Burschen!“
Zu gleicher Zeit bog er sich zu den beiden, ihm nächsten Schläfern nieder, und rasch nach einander krachten zwei kurze, scharfe Revolverschüsse durch den stillen Wald, jede Kugel das Hirn eines der Unglücklichen zerschmetternd — der Dritte sprang erschreckt empor — Brown feuerte auch auf ihn, aber fehlte. Der arme Teufel, das Entsetzliche seiner Lage ahnend, aber noch immer nicht begreifend, suchte nach der eigenen Waffe, da trafen ihn rasch hinter einander zwei Kugeln, und er brach stöhnend in seine Kniee.
Indessen hatten sich die Räuber auf die anderen drei geworfen, die sie aber kaum im Stande waren zu bezwingen, bis der Fremde auch mit seiner letzten Kugel den Schädel des Einen zerschmetterte. Die anderen Beiden warfen sie, in ihrer Uebermacht, zurück auf den Boden und hielten sie dort.
„Jetzt fort mit den Satteltaschen, zwei von Euch,“ sagte Brown, indem er kaltblütig daran ging, seinen Revolver wieder zu laden, „schafft sie in den Busch, wenn wir etwa gestört werden sollten. Sind Eure Thiere bereit?“
„Si, Señor — Alles in Ordnung,“ lachten die Burschen.
„Mörderische Bestie!“ schrie da der lange Indiana-Mann, indem er sich unter dem Griff der Mexikaner wand — „nichtswürdiger Hund von einem Dieb! war das Deine Freundschaft? bist Du ein Amerikaner?“
„Entschuldigen Sie mich einen Augenblick, Gentleman,“ sagte der Mörder mit furchtbarer Ruhe, „ich habe gleich wieder geladen und werde Sie dann ebenfalls bedienen. — Fort mit den Taschen, ihr Burschen, haut den Gesellen indeß ein paar über den Kopf, damit sie ruhig liegen — ich fertige sie nachher ab.“
Diesem Befehl wurde blitzschnell gehorcht und ein paar Säbelhiebe trafen die so schon Wehrlosen, daß sie betäubt zusammen brachen. Im Nu hatten die Räuber dann die werthvollen Taschen aufgegriffen und sonst auch noch die Erschlagenen bis auf das Letzte geplündert, als plötzlich Hufgeklapper auf der Straße laut wurde.
„Alle Teufel!“ brummte der Amerikaner vor sich hin, „sollten wir Besuch bekommen? Fort mit Euch in Euer Versteck — und verpaßt nicht, den Pfad zu decken — fort.“
Scheu und erschreckt glitten die Räuber in das Dickicht, um den Raub zu bergen, und Brown, von seinen Opfern forttretend, ging ein paar Schritt auf der Straße hinaus, um die nächste Biegung derselben besser übersehen und hinaushorchen zu können. Aber sein scharfes Ohr hatte ihn nicht getäuscht — in voller Carriere sprengte ein Trupp mexikanischer Uhlanen die Straße entlang — gerade auf die Stelle zu.
„Teufel!“ rief Brown ingrimmig, zwischen den zusammengebissenen Zähnen durch, aber es blieb ihm auch keine Secunde zum Ueberlegen. Mit zwei Sätzen war er neben seinem Pferde und hatte dort wahrlich kaum Zeit, ihm nur die Zügel überzuwerfen. Die Hufe donnerten heran — die am besten berittenen Cavalleristen hatten schon fast den Platz erreicht, als er, im Sattel, auf die Lichtung sprengte. Wie unwillkürlich hob er dabei den Revolver, um ihn auf die Feinde abzufeuern, aber das Nutzlose eines solchen Angriffs im Nu fühlend, warf er sein wackeres Thier herum, und wie es nur die Sporen fühlte, flog es auch wie ein Pfeil die Straße hinab.
„Halt! Caracho!“ hörte er die Schreie hinter sich, und die Uhlanen, in dem Flüchtigen mit Recht einen der gesuchten Räuber vermuthend, trieben ihre Thiere in wildem, jubelndem Ingrimm hinter ihm drein — wie hätte ihnen Jemand zu Pferd entgehen können. — Aber dem Rappen waren sie trotzdem nicht gewachsen. Anfangs schien es zwar, als ob sie gleiche Distance mit ihm hielten, ja an ihr gewönnen, denn Brown hatte sein Thier absichtlich eingezügelt, um sie in dieser Meinung zu halten, und seinen Helfershelfern so viel mehr Zeit zu gönnen, sich aus dem Bereich jeder Entdeckung zu bringen. Wie er aber nur erst einmal die Entfernung für groß genug hielt, ließ er dem Rappen den Zügel, und mit Gedankenschnelle trug ihn das flüchtige Roß aus dem Bereich der Feinde.
Damit freilich erreichte er, was er gewollt. Die größte Zahl des aus zwanzig Mann bestehenden Uhlanentrupps hatte der Versuchung nicht widerstehen können, den gebotenen Wettlauf anzunehmen, und erst als sie das völlig Nutzlose einer weiteren Verfolgung sahen, warfen sie fluchend ihre erschöpften Thiere herum und galoppirten langsam den eben so rasch verfolgten Weg zurück, um sich den Kameraden wieder anzuschließen. Der Offizier der Truppe zügelte aber, mit fünf und sechs der Seinen, als er den Schauplatz des Blutbades erreichte, sein Pferd ein und war aus dem Sattel gesprungen, um die Ermordeten zu besichtigen und zu sehen, ob sich von da keine weiteren Spuren fänden.
Er ließ auch seine Leute, ohne sich erst lange bei den Todten aufzuhalten, augenblicklich absitzen und den Busch nach allen Seiten durchstreifen, und dort entdeckten sie allerdings bald einen betretenen Pfad, der in den Wald hineinführte, gerade aber wo er in das Dickicht mündete, war ein riesiger Kaktusstamm — allerdings frisch abgehauen, mitten hineingeworfen, und bis sie den zerhacken und aus dem Weg ziehen konnten, da sie nicht wagen durften, mit den Händen in die langen Stacheln zu greifen, verging viel Zeit.
Die zurückkehrenden Uhlanen wurden nun freilich beordert, den aufgefundenen Fährten ohne Weiteres zu folgen, um doch wenigstens Einen oder den Anderen der Bande zu fassen und ihn nachher zu einem Geständniß zu bringen, aber alle ihre Mühe war umsonst. Gar nicht weit von dort zweigte der Pfad wieder, einen Hügel hinanlaufend, in die dichte Chaparal aus; dabei war der Boden dort zu hart und steinig, um noch eine Spur erkennen zu können, und als sich auch die Sonne mehr und mehr dem Horizont neigte, mußten sie endlich die Verfolgung der Verbrecher aufgeben.
Der Offizier hatte indessen die blutenden Körper aufheben und untersuchen lassen, auch von dem nun herbeikommenden Arriero das Nähere über die Unglücklichen erfahren und eine genaue Beschreibung des Fremden erhalten, der sich ihnen zugesellte. Und dem gerade war er auf der Spur gewesen, denn von einem Streifzug mit den Seinen zu dem Rancho zurückkehrend, wo die Amerikaner übernachtet, hörte er schon von dem Wirth dort, der ihn wahrscheinlich genauer kannte, als er eingestehen mochte, welchen gefährlichen Reisebegleiter die Fremden gefunden, und war ihnen dann mit den Seinen, so rasch sie die Pferde trugen — gefolgt — leider aber auch zu spät eingetroffen, um die Unthat und den Raub zu verhindern.
Uebrigens zeigten sich noch bei Zweien der Armen Spuren einer Lebensthätigkeit. Vier waren rettungslos verloren; drei hatten die Schußwunde gerade durch das Hirn erhalten, und der Vierte eine Kugel durch die Lunge, eine andere durch die Kehle. Er röchelte allerdings noch, als der Offizier zu ihm trat, aber es war auch das letzte Lebenszeichen gewesen, das er gab. Im nächsten Augenblick streckte er sich aus — ein Zittern flog über seinen Körper — er war todt.
Zwei aber hatten nur Säbelhiebe über den Kopf bekommen, und wenn auch die Wunden bös genug aussahen, war doch Hoffnung da, sie vielleicht wieder herzustellen. Der Offizier sorgte auch wirklich auf das Wackerste für sie. Acht von seinen Uhlanen mußten absitzen und zwei Tragbahren herrichten, zwischen deren Stangen ein bequemes Lager durch die Satteldecken hergerichtet wurde. So trug man sie dem nächsten Rancho zu. Bei den Leichen sollte der Arriero zurückbleiben, bis Leute mit Werkzeug hingesandt werden konnten, um sie an Ort und Stelle zu beerdigen. Was hätte es genützt, die Cadaver noch zu transportiren.
Lange lagen die beiden armen Teufel — der Indiana-Mann und sein Freund, der Illinoiser — auch zwischen Leben und Sterben, auf das Sorglichste aber von den gutmüthigen Mexikanern gepflegt. Besonders der Erstere, Hudson, ein junger, kräftiger Gesell, phantasirte Wochen hindurch im heftigsten Wundfieber und es mußte Hülfe vom nächsten Rancho herbeigeholt werden, um ihn nur auf seinem Lager zu halten. Endlich brach sich die Krankheit auch bei ihm, während sein Kamerad schon lange wieder aufsitzen konnte und auf dem Weg der Besserung war.
Es war jetzt möglich, sie nach Acapulco zu transportiren, und schon an Ort und Stelle, wie später in der Hafenstadt, mußten sie ihre Aussagen des Ueberfalls wie der vorhergehenden Stunden machen. Aber wenn sie auch den Mörder, den das Gericht übrigens zu kennen schien, auf das Genaueste beschrieben, waren sie doch nicht im Stande, Näheres über den Anfall selber auszusagen. Durch die Revolverschüsse aus dem, einer Betäubung ähnlichen Schlaf geweckt, denn jedenfalls war der getrunkene Brandy mit irgend einem schädlichen Stoff gemischt gewesen, fanden sie sich in den Händen der Räuber, sahen nur, wie jener Mann, der sich Brown genannt, noch einen ihrer Kameraden niederschoß, und wurden dann selber, ebenfalls auf seinen Befehl, von den übrigen Mördern niedergehauen.
Daß man sie dabei all ihres Goldes beraubt hatte, verstand sich von selbst, und es wäre verlorene Mühe gewesen, danach zu suchen. Die Behörden dachten ebensowenig daran, sie zu entschädigen, noch dazu da gar kein Zweifel blieb, daß sogar ein Landsmann, also ein Fremder, sie beraubt hatte. Nach allen Seiten wurden allerdings Patrouillen ausgesandt, um den sehr kenntlichen Burschen einzufangen, oder wenigstens seinen jetzigen Aufenthalt zu erspähen, und hunderte von Polizeispionen waren nach jeder Richtung hin thätig. Umsonst; er schien nach dieser letzten Unthat, bei der ihn die Vergeltung auch fast ereilt hätte, den Schauplatz seiner bisherigen Verbrechen verlassen zu haben — hatte er hier doch auch lange genug ungestraft gesündigt, und alle ausgesandten Boten kehrten mit der nämlichen Nachricht zurück, daß er in keinem Theile des weiten Reiches mehr gesehen worden.
Die armen Teufel von Amerikanern befanden sich indessen in einer keineswegs beneidenswerthen Lage, denn was sollten sie nun, ihres ganzen Eigenthums beraubt, anfangen? Nach den Staaten zurückkehren, wie es Anfangs ihre Absicht gewesen — ohne einen Cent in der Tasche, und dort das mühselige Leben schwerer Arbeit von Neuem beginnen? Ja sie hatten nicht einmal Geld genug, die Reise dorthin zu bestreiten, wenn auch die Regierung hier in Acapulco wenigstens für ihren Unterhalt sorgte, und sie keine Noth leiden ließ.
Da legte zufällig ein amerikanisches und nach San Francisco bestimmtes Fahrzeug dort an, das von New-York kam und wegen Wassermangel genöthigt gewesen war, einen Hafen zu suchen. Der Capitain hörte ihre Leidensgeschichte und erbot sich freundlich, sie kostenfrei zurück nach Californien mitzunehmen. Dort konnten sie dann schon eher, wenn sie wirklich heimkehren wollten, ein amerikanisches Schiff finden, oder auch noch vielleicht eine Weile in den Minen arbeiten, um wenigstens einen Theil des Verlorenen zu ersetzen.
Den Vorschlag nahmen sie auch mit Freuden an und hatten nun die Aussicht, da wieder von vorn beginnen zu müssen, wo sie sich schon am Ziel ihrer Wünsche gesehen. Aber Californien war ja auch das Land der Hoffnungen, und doch lieber noch einmal arbeiten, als mit leeren Händen nach den Staaten zurückzukehren. Außerdem that ihnen die kurze Seereise körperlich wohl; ihre, doch sehr angegriffenen Nerven kräftigten sich wieder, und als sie endlich in San Francisco an’s Land sprangen, war ihnen von den erhaltenen Wunden nur noch die Erinnerung — und die Narbe geblieben.
Jetzt aber blieb es vor allen Dingen die Frage, in welchen Minen sie ihr Glück auf’s Neue versuchen sollten. In den Stanislaus-Gruben hatten sie früher ihr Gold gefunden und dort lag auch noch mancher unbearbeitete Platz: aber sollten sie zu den alten Kameraden und Bekannten zurückkehren, von denen sie jedenfalls ausgelacht und verspottet wurden? — es war ihnen das ein gar so fatales und unbehagliches Gefühl und sie konnten sich auch nicht dazu entschließen. Ja um nur Niemandem mehr zu begegnen, der wissen konnte, daß sie Californien schon einmal verlassen, um nach Hause zurückzukehren, beschlossen sie, die „südlichen“ Minen ganz zu vermeiden und hoch in den Norden hinauf, an den Featherriver zu gehen. Dort sollte auch viel Gold gefunden sein, und wenn sie Glück hatten, wurde es ihnen eben so gut da, wie weiter südlich bescheert.
So gingen sie denn rüstig wieder daran, um das Verlorene, oder vielmehr Geraubte wieder einzubringen; aber lange nicht mehr mit dem frischen Muth, mit welchem sie das erste Mal begonnen. Es lag fortwährend das drückende Gefühl auf ihnen, eine schon gethane Arbeit noch einmal über zu arbeiten, und da sich die Ausbeute auch an den von ihnen versuchten Stellen lange nicht so reichhaltig erwies, als sie gehofft und es früher auch gewohnt gewesen, so schafften sie wohl fleißig, ja, aber nicht mit der rechten Lust. Wenn sie nur wieder nach dem Süden gegangen wären — so dachten Beide bei sich, ohne es aber gegen einander auszusprechen. Dort kannten sie die Berge, und das Gold war dort auch viel grobkörniger und reichhaltiger — wie sie glaubten.
Hudson brach zuerst das Schweigen:
„Hol’s der Teufel!“ rief er, und warf die Pfanne, mit der er gewaschen, ärgerlich auf den Boden. „Das ist ja hier eine wahre Schinderei um gar nichts, und wir waschen den ganzen Gottes-Erdboden durch, ohne mehr als unser „tägliches Brod“ darin zu finden. Deshalb sind wir aber nicht nach Californien gekommen, das hätten wir zu Hause bequemer haben können.“
„Wenn der blutige Schuft, jener Brown, nur bei lebendigem Leibe verfaulen müßte,“ fluchte Carman, der Andere der Beiden, indem er seinen Spaten ingrimmig in den Boden rannte — „ich kann den Hund nicht aus den Gedanken bringen.“
„Das hilft Nichts mehr,“ sagte Hudson kopfschüttelnd, „der sitzt jetzt irgend wo drüben in den Staaten an irgend einer behaglichen Stelle und verzehrt unser Geld.“
„Daß er daran ersticke.“
„Mein Wunsch ebenfalls, Kamerad, aber das bringt uns hier nicht weiter, und wir müssen uns schon selber helfen. Wie wär’s, wenn wir in unsere alten Arbeitsplätze zurückkehrten? Ich habe hier keine rechte Freude mehr am Waschen.“
„Ja, bei Jimmy!“ rief der Andere, „ich wäre ja schon längst nach dem Stanislaus gegangen, wenn ich nicht geglaubt hätte, Du möchtest nicht.“
Eine Verständigung wurde jetzt bald erzielt, und schon am nächsten Morgen wanderten die Beiden, ihr Geschirr auf einen dort oben gekauften Esel geladen, dem Featherriver zu Thal folgend, nach Sacramento zurück und schritten von dort, da in der gerade trockenen Jahreszeit die Niederungen passirbar waren, zu den Wassern des San Joaquin, nach Stockton hinüber. Von den alten Kameraden, die sie noch hie und da trafen, wurden sie freilich mit Jubel begrüßt, aber Alle lachten auch und erklärten die Geschichte mit den Räubern in Mexiko für leeren Schwindel. Nach San Francisco seien sie gekommen, so behaupteten sie, und weiter nicht, und dort hätten sie ihr Geld in den Spielhöllen verspielt — das sei die ganze Raub- und Mordgeschichte. Erst wenn sie die erhaltenen und noch deutlich sichtbaren Narben zeigten, konnten sie die Wahrheit des Gesagten den Anderen aufnöthigen, und man ließ sie zuletzt zufrieden. Solche Raubanfälle waren ja auch in der letzten Zeit etwas so Gewöhnliches geworden, daß die davon Betroffenen nur noch Gott danken konnten, wenn sie mit dem Leben davon kamen.
Die beiden Freunde gingen jetzt hier oben wieder an die Arbeit, und wenn sie das Gold auch nicht mehr so rasch und leicht fanden, als bei ihrem ersten Versuch in den Minen, trafen sie doch wenigstens reichere Stellen, als in den nördlichen Bergwassern, und fingen an, mehr zu verdienen, als sie brauchten.
Das Goldwaschen ist dabei allerdings eine entsetzlich schwere Arbeit, denn unaufhörlich müssen tiefe Löcher gegraben werden und Wasserausschöpfen, Hacken und Schaufeln hört nicht auf; aber es hat auch wieder einen ganz eigenen Reiz, denn wie man nur ein neues und tiefes Loch gegraben hat, und dann die Erde auszuwaschen beginnt, so ist es beinah, als ob man sich bei der Ziehung einer Lotterie befindet, bei der man den Einsatz aber mit seiner Arbeit bezahlt hat. Es kann ein sehr hoher Gewinn herauskommen — vielleicht auch nur der Einsatz — Tagelohn. — Möglich auch, daß man eine Niete findet, aber die Hoffnung geht nie aus, und wieder und wieder getäuscht, oder doch wenigstens nicht vollständig befriedigt, gräbt der Goldwäscher weiter, bis er endlich einmal Ersatz für seine Quälerei erhält oder auch — freilich in den meisten Fällen — zu der Ueberzeugung kommt, daß er mit anderer, viel leichterer Arbeit jedenfalls eben so viel, wenn nicht mehr, verdienen könne.
Gerade dieser Reiz des Ungewissen aber hält die Leute am Längsten in den Bergen, und da doch auch manche Glückliche zuweilen einen reichen Fund thun, so wird zehn und zwanzig Mal getäuschte Hoffnung immer wieder von Neuem belebt.
Unsere beiden jungen Amerikaner aber, an harte Arbeit ihre ganze Lebenszeit gewöhnt, dabei mit dem Bewußtsein, schon einmal einen Erfolg gehabt zu haben, sahen freilich, daß es diesmal nicht so rasch ging, als früher, ließen sich aber auch nicht irre machen, hackten und schaufelten ruhig fort und fanden bald, daß sie sich wieder eine hübsche Summe einbrächten. Nach sechs Monaten harter Mühe hatten sie denn auch wieder ein paar tausend Dollars beisammen und beschlossen jetzt, in Stockton einen großen Wagen und ein paar Pferde zu kaufen, um damit Waaren in die Minen zu transportiren, was damals noch außerordentlich gut bezahlt wurde. Da sie selber dabei speculirten, mehrte sich ihr Gewinn, und nach noch fünf Monaten hatten sie so viel, daß sie auf’s Neue nach den Staaten zurückzukehren beschlossen.
Bis dahin waren aber auch die Verhältnisse in Californien geregelter geworden, und es hatten sich große Geschäftshäuser in San Francisco etablirt, die gute Geschäfte dabei machten, für Goldwäscher und Händler — gegen gewisse sehr hohe Procente natürlich — das gewonnene Gold in die Heimath zu schicken. Dadurch entgingen diese jedenfalls der Gefahr, es unterwegs zu verlieren, ja es war sogar gegen Schiffbruch versichert. Carman selber fuhr deshalb mit ihrem kleinen Schatz nach San Francisco, um die Summe dort in einem solchen Hause zu deponiren, während sein Kamerad Hudson indessen in Ludville, einer nicht unbedeutenden Minenstadt, blieb, um Wagen und Pferde, wie noch einen kleinen dort lagernden Waarenvorrath zu verkaufen. Der Ertrag desselben reichte dann auch vollständig aus, um ihre Passage nach New-York, selbst Cajütspassage auf einer der indeß etablirten Dampferlinien zu decken. Carman sollte sich dann gleich in San Francisco nach der nächsten Schiffsgelegenheit umsehen, denn jetzt, den Entschluß zur Abreise aus Californien erst einmal gefaßt, fing ihnen auch der Boden an unter den Füßen zu brennen.
Carman besorgte, was er zu besorgen hatte, rasch und pünktlich, und Hudson, der, um eine Schuld einzukassiren, noch einmal an den Macalome mußte, übergab die Pflege der Pferde indessen einem Mexikaner, den sie die letzten drei Monate als Wagenführer in Diensten gehabt. Dieser hielt übrigens die Gelegenheit für passend, mit den beiden Thieren zu verschwinden. Die Amerikanos hatten, seiner Ansicht nach, Gold genug, und doch im Begriff, abzureisen, würden sie sich kaum noch länger in Californien zurückhalten lassen, nur um ein paar, überdies nicht sehr werthvollen Pferden nachzuforschen.
Hudson schien aber sein Geschäft, wider Erwarten, sehr schnell beendet zu haben. Er kehrte rascher nach Ludville zurück, als er Anfangs selber geglaubt, und zwar an dem nämlichen Tag, an welchem sich sein betrügerischer Wagenführer mit den Pferden aus dem Staub gemacht. Nicht gesonnen aber, den Burschen so leichten Kaufs davon zu lassen, folgte er seinen Spuren und es dauerte auch nicht lange, so traf er seine beiden Thiere, aber nicht mehr im Besitz des Diebes, sondern in dem Rancho eines anderen Mexikaners oder Californiers, der aber erklärte, die Pferde von einem durchreisenden Arriero gekauft zu haben, und sie nicht wieder herausgeben wollte.
Hudson würde nun zu einer anderen Zeit wohl wenig genug Umstände mit dem wahrscheinlichen Hehler des Diebes gemacht und die Pferde ihm einfach weggenommen haben, aber er wollte nicht noch in den letzten Tagen Streit anfangen. Dort gerade anwesende Mexikaner standen auch ihrem Landsmann bei, und er eilte deshalb zurück nach Ludville, um den Burschen zu verklagen. Die Sache war so einfach, und der jetzige Besitzer der gestohlenen Sachen auch dort seßhaft, daß sie jedenfalls rasch entschieden werden konnte.
In jener Zeit aber lagen die Rechtsverhältnisse der jungen, noch fast nur aus Zelten bestehenden Stadt sehr im Argen, und besonders erzählte man sich von dem, seit drei Monaten dort eingesetzten Richter, einem Mr. Black, die wunderlichsten Dinge. Er war dabei erste und letzte Instanz in Ludville, und an eine Appellation bei Kleinigkeiten gar nicht zu denken. Wie er einmal entschied, so blieb die Sache, und man konnte allerdings größere Kosten, aber nie einen anderen Erfolg bei einem Weitertreiben derselben erwarten.
Uebrigens schien dieser Richter Black ein durchaus gescheuter Advokat, der sich nicht leicht in dem Recht oder Unrecht der vorgetragenen Fälle täuschen ließ, und wo sein eigenes Interesse nicht mit in’s Spiel kam, fielen seine Urtheile meistens richtig aus. Er machte auch nie lange Umstände; an einem einzigen Morgen wurden manchmal zwanzig verschiedene Prozesse oder Klagen vorgebracht, untersucht und erledigt, die Strafen aber, die er dictirte, fielen nur in „Unzen“ aus, und da das Meiste davon Sporteln für ihn und den Sheriff bildete, so wollte man ihm nachgerechnet haben, daß er sich schon in der kurzen Zeit ein bedeutendes Vermögen zusammengescharrt haben müsse.
Hudson erkundigte sich jetzt bei seinen Bekannten, in welcher Art eine Anklage gestellt werden müsse. Alle aber, die er sprach, riethen ihm ab, Richter Black, oder auch Dr. Black, wie er genannt wurde, zu belästigen, denn es sei allerdings kein Zweifel, daß der jetzige Besitzer der Pferde diese herausgeben und möglicher Weise auch noch Strafe dazu zahlen werde, er selber könne sich aber ebenfalls darauf verlassen, daß er nur Umstände und Lauferei davon habe, und seine Thiere, ehe er sie in die Hände bekomme, jedenfalls noch einmal vorher bezahlen müsse.
Hudson beschloß deshalb, da die Sache überhaupt nicht von einem Tag abhing, Carmans Rückkehr zu erwarten, der auch schon am nächsten Morgen eintraf. Dieser aber ärgerte sich so über den Diebstahl, daß er unbedingt für eine Klage stimmte. Mußten sie den Werth der Pferde denn auch selber noch einmal bezahlen, was schadete das, der Mexikaner sollte sich wenigstens nicht rühmen können, sie betrogen zu haben. Ueberdies hatten sie noch fast vierzehn Tage Zeit, bis der nächste Dampfer nach Panamá abging, also auch in dieser Hinsicht Nichts zu versäumen.
Hudson wurde also mit der Klage beauftragt und ging in das Zelt hinüber, das gegenwärtig zum Gerichtszimmer benutzt wurde. Dort traf er auch zeitig genug ein, um noch Zeuge von ein paar sehr drastischen Rechtssprüchen zu sein.
Der Doctor, ein sehr elegant gekleideter Herr in schwarzem Frack und weißer Halsbinde — Figuren, wie man sie sonst in den Minen eigentlich nie zu sehen bekommt, saß, mit dem Hut auf dem Kopf, hinter seinem etwas erhöhten Tisch; neben ihm räkelte sich der Sheriff auf einem anderen daneben stehenden Sessel, und zerschnitzte denselben aus Mangel an besserer Beschäftigung mit dem Federmesser.
Der erste Fall betraf einen Franzosen, gegen den ein Californier klagbar war, ihm bei einer Zahlung zwischen dem Waschgold etwa anderthalb Unzen Bronzestücken von einer alten zerdrehten und unächten Uhrkette mit hineingemischt zu haben. Der Franzose leugnete, der Californier aber brachte Zeugen und Doctor Black entschied ohne Weiteres, daß der Betrüger dem Betrogenen den doppelten Werth der eingeschwärzten Stücke und als Strafe für das Gericht zwei Unzen bezahlen müsse.
Der Franzose wußte, daß kein Sträuben half, und holte das Gold heraus, wie er aber zum Tisch trat und die bei Seite geschobenen Bronzestücke betrachtete, erklärte er: Die Stücke habe er gar nicht eingemischt. Er gab zu, einen Betrug versucht zu haben, weil er geglaubt hätte, daß hier in Californien doch Alles „für Gold ginge“ — da wäre aber auch ein Stück von einer alten Hutschnalle und ein Knopf dabei, die er in seinem ganzen Leben nicht gesehen hätte, und die müßte der Californier jedenfalls noch dazu gethan haben, um das Gewicht zu vergrößern.
„Er wäre ein Esel, wenn er’s nicht gethan hätte, Sir,“ entschied aber Richter Black ganz ruhig, — „hätte ich Euch verklagt, so könntet Ihr Euch darauf verlassen, daß Ihr ein Dutzend Knöpfe darunter finden solltet.“
Der zweite Fall betraf einen gemeinen Diebstahl, den sich ein Amerikaner hatte zu Schulden kommen lassen. Ein Italiener, den er bestohlen, klagte wider ihn, und der Missethäter, ein armer Teufel und erst seit kurzer Zeit in den Minen, gestand denn auch endlich nach kurzem Kreuzverhör seine Sünde ein, und producirte sogar das Gestohlene — eine goldene Taschenuhr, die er die ganze Zeit bei sich getragen. Richter Black war aber so entrüstet über diese Thatsache, daß er in vollem Zorn ausrief:
„Schämst Du Dich nicht, Du Lumpenkerl, der Du Dich einen Amerikaner nennst, hier in Californien, wo Jeder sein Brod verdienen kann, auf so gemeine Art zu stehlen? — Fort mit Dir, Du Canaille, Du bist ein so erbärmlicher Charakter, daß ich mich gar nicht weiter mit Dir einlassen mag. Schmeißt ihn hinaus, Sheriff.“
Dem Burschen geschah in der That, und wahrscheinlich zu seiner sehr freudigen Ueberraschung, gar Nichts weiter, als daß er die gestohlene Uhr abliefern mußte und hinausgeworfen wurde. Der Kläger aber, von dem man wußte, daß er Geld hatte, sah sich genöthigt, die Kosten zu bezahlen — zwei Unzen, wie gewöhnlich für derartige Bagatellsachen — erhielt dann seine, vielleicht anderthalb Unzen werthe Uhr, und durfte den Gerichtshof verlassen.
Hudson, um den sich Niemand kümmerte, hatte sich in der Zeit damit beschäftigt, das Wesen der beiden Amtspersonen, Richter und Sheriff, wie diese selber genauer zu beobachten, und wie es manchmal im Leben geschieht, daß uns durch irgend ein Wort, einen Ton, oder irgend einen anderen, noch so geringfügigen Umstand irgend ein Moment unseres Lebens in’s Gedächtniß gerufen wird, so starrte er plötzlich den Richter an — gerade als dieser einmal laut auflachte, und war von dem Augenblick an so zerstreut, daß er gar nicht mehr wußte, was um ihn her vorging und nur den Mann fortwährend im Auge behielt.
Wo um Gottes Willen hatte er denn diesen Mr. oder Dr. Black schon gesehen — das Gesicht kam ihm so bekannt vor und war ihm doch dabei wieder so fremd. Der Mann trug ächt amerikanische Züge — eine etwas lange gerade Nase, einen kleinen scharfgeschnittenen Mund. Auffällig an ihm war das dunkle, ganz kurz geschnittene Haar und ein entschieden und sogar außergewöhnlich zurückstehendes Kinn, das er sich nicht erinnerte je gesehen zu haben, und doch schienen ihm die Züge so bekannt, daß er hätte darauf schwören mögen, schon mit ihnen zusammengetroffen zu sein.
Jetzt kam die Reihe an ihn; der Sheriff mußte ihn zweimal rufen, ehe er nur die Aufforderung hörte, so vertieft war er in seinen Gedanken. Mr. Black brachte ihn aber bald wieder zu sich, indem er ihn einfach aufforderte, eine Unze (etwa 16 spanische Dollars) gewissermaßen als Entrée zu bezahlen, um seine Klage anhängig zu machen.
„Aber, Sir,“ sagte Hudson ganz verdutzt, „Sie wissen ja noch gar nicht einmal, ob die ganze Geschichte so viel werth ist.“
„Lieber Freund,“ erwiederte aber Mr. Black sehr ruhig, „unsere Zeit ist beschränkt, redet also keinen Unsinn. — Ob die Klage Euch eine Unze werth ist, weiß ich nicht, geht mich auch gar Nichts an — mir ist sie es aber, also zahlt oder geht Eurer Wege.“
Hudson lachte, denn das Verfahren war zu eigenthümlich; er zahlte aber die verlangten Sporteln und während er den Betrag auf den Tisch legte, sagte er kopfschüttelnd:
„Ihr müßt viel Geld verdienen, Richter, wenn Ihr Euch ein so hohes Eintrittsgeld bezahlen laßt.“
„Thu’ ich auch, Freund,“ nickte der Mann wohlgefällig, indem er das Geld einstrich, „und ist auch der Zweck, weshalb ich nach Californien gekommen bin — eben so gut wie Ihr — und was habt Ihr mir nun zu sagen?“
Es war in dem Augenblick, als ob alles Blut Hudson’s den Körper verlassen hätte und nach dem Herzen geströmt wäre. Er konnte kaum Athem holen und mußte nach Luft schnappen, wie ein Fisch auf dem Sand.
„Nun, Sir?“ wiederholte aber ungeduldig der Richter und sah dabei nach seiner Uhr — „Sie haben vielleicht schon zu Mittag gegessen, müssen aber bedenken, daß andere Leute ebenfalls Hunger spüren — also was wollen Sie?“
Hudson hatte sich indessen wenigstens soweit gesammelt, um seine Klage vorbringen zu können. Mr. Black ließ sich dann Namen und Wohnort des Mexikaners angeben, und er wurde auf morgen früh neun Uhr wieder vor Gericht beschieden. Dann klappte Mr. Black das vor ihm aufgeschlagene Buch — vielleicht ein Codex der Vereinigten Staaten, vielleicht irgend ein Roman, in dem er bis jetzt geblättert — zu, steckte die Hände in die Taschen und verließ mit den Worten: „Kommt zum Essen, Sheriff,“ den Saal. Die noch wartenden Kläger wurden auf morgen früh wieder bestellt.
Hudson ging wie in einem Traum hinter ihm drein und verwandte keinen Blick von ihm, so lange er ihm mit den Augen folgen konnte. Erst als er in dem nächsten Speisehaus verschwunden war, schien er selber seine volle Besinnung wieder zu erhalten und eilte jetzt, so rasch ihn seine Füße trugen, zu dem Zelt zurück, wo er wußte, daß Carman ihn erwartete.
„Nun?“ rief ihm dieser entgegen, — „hast Du Deinen Mr. Black gefunden?“
„Meinen Mr. Black nicht, John,“ sagte der junge Indianamann, indem er seinen Arm in den des Freundes schob, und ihn ein Stück von der Thür weg, auf den offenen Platz hinaus führte, „aber meinen Mr. Brown.“
„Was soll das heißen?“ frug der Illinoiser verwundert, „ich denke, der Richter nennt sich Black?“
„So nennt er sich, ja, aber beim Himmel!“ rief der junge Mann, „das ist der nämliche Schuft, der sich damals in dem Rancho in Mexiko uns als Reisebegleiter anschloß und unsere vier Kameraden umbrachte.“
„Alle Teufel!“ rief Carman herumfahrend, „das ist aber nicht möglich — der kann doch hier nicht Richter in Ludville sein?“
„Nicht möglich?“ lachte Hudson bitter vor sich hin — „was ist hier in Californien nicht möglich, und wer weiß hier was von der Vergangenheit eines Menschen, wenn der es den Leuten nicht selber auf die Nase bindet.“
„Und hat er Dich auch wieder erkannt?“
„Schwerlich, denn wir Beide haben uns seit der Zeit außerordentlich verändert — aber in verschiedener Weise. Ich, der ich früher dicke, rothe Backen hatte, bin in der Krankheit und mit dem Hieb über den Kopf bleich und hohlwangig geworden und habe auch den, damals auf dem Bett stehen gelassenen Bart noch nicht wieder rasirt. Brown dagegen hat sich, wie es scheint absichtlich, vollkommen entstellt und im Gesicht allein würde ich ihn nie wieder erkannt haben. Erstlich trägt er nicht mehr die mexikanische Tracht, sondern Frack und Hut, dann hat er sich das schwarze lockige Haar kurz abgeschnitten und den Bart vollständig abrasirt; ein sehr zurückstehendes Kinn macht ihn dabei wirklich vollkommen anders aussehn.“
„Dann ist er’s auch wahrscheinlich gar nicht, und Du hast Dich geirrt.“
„Bei Gott nicht,“ rief aber Hudson. „Ehe ich vorkam, hatte ich übergenug Zeit, ihn zu betrachten, und ich fand im Augenblick etwas Bekanntes in dem Gesicht des Mannes, das aber eben durch das zurückstehende Kinn auch wieder so entstellt wurde, um mich vollständig im Dunkeln zu lassen, wo ich das Gesicht schon einmal gesehen haben könnte. Wie er mich aber zu seinem Tisch rief und ich den großen Brillantring an seiner weißen Hand sah, ja schon wie ich ihn lachen hörte, war es mir plötzlich, als ob mir Jemand einen Stich in’s Herz gäbe. Auch die Narbe auf seiner linken Backe erkannte ich wieder, wenn sie jetzt auch, da der Bart fort ist, ihm bis zum Kinn hinunter läuft.“
„Und wo ist er jetzt?“ rief Carman plötzlich.
„Gleich dort drüben in dem Speisehaus — mit dem Sheriff ißt er dort zu Mittag.“
„Komm, laß uns hin,“ sagte der Freund entschlossen — „ich will ihn auch sehen und hast Du Recht, dann wollen wir überlegen, was wir thun, und wie wir den Burschen fassen können.“
„Und wenn er uns auch erkennt? Bei dem Einzelnen war das nicht so leicht zu fürchten; er hat täglich mit so vielen Menschen zu thun, — wenn er uns aber zusammensieht —“
„Du hast Recht — so bleib Du da,“ erwiderte Carman — „ich werde allein gehn und dort ebenfalls essen, mich auch anscheinend gar nicht um ihn kümmern.“
„Wenn Du nur sein Lachen hörst, erkennst Du ihn augenblicklich wieder; es ist beim ewigen Himmel der niederträchtige, blutige Schuft, der uns damals so schändlich verrathen und mißhandelt hat.“
„Gut — erst müssen wir Gewißheit haben, und Zwei sehen mehr als Einer, nachher wollen wir den Burschen schon kriegen. Ich habe, während Du oben bei ihm warst, hier einen Schulkameraden von daheim getroffen. Er war früher Advokat, ist aber hier jetzt Händler, und einen bessern Hülfsmann können wir uns nicht wünschen. Bleib’ nur indessen im Zelt, daß wir nachher einander nicht verfehlen,“ und ohne weiter eine Antwort abzuwarten, schritt er rasch dem bezeichneten Kosthaus zu, in dessen Thür er verschwand. Er blieb auch nicht übermäßig lange, und als ihm Hudson, der trotzdem schon ungeduldig war, rasch entgegentrat, faßte er ihn unter den Arm und flüsterte ihm, ihn mit fortziehend, zu:
„Du hast Recht, es ist beim ewigen Himmel jener Raubmörder, der hier ganz gemüthlich über ehrliche Menschen zu Gericht sitzt und sich mit einer Frechheit benimmt, die Nichts zu wünschen übrig läßt.“
„Aber wo willst Du jetzt hin?“
„Zu Collins, meinem Freund, dem Advokaten,“ rief Carman, „der muß uns jedenfalls in der Sache beistehn, denn ich glaube, daß wir den Burschen jetzt sicher haben — der läuft uns nicht mehr fort.“
„Und hat er Dich nicht etwa erkannt?“
„Gott bewahre — er saß mit einem anderen Mann oben am Tisch.“
„Das war der Sheriff —“
„Möglich — jedenfalls ein gefährlicher Nachbar für ihn, denn der muß ihn selber hängen — wenn noch Gerechtigkeit in Californien ist — und sie tranken Wein und aßen und kümmerten sich den Henker um die anderen Gäste. Ich hatte Zeit genug ihn zu beobachten, ohne daß er irgend etwas merken konnte; ich brauchte aber auch nicht lange dazu. Das zurückstehende Kinn störte mich Anfangs auch, und ich glaubte schon, Du hättest Dich doch vielleicht geirrt; wie ich ihn aber lachen hörte, war ich meiner Sache ebenfalls sicher. — Da — hier wohnt Collins. Das ist sein Zelt.“
Sie fanden den jungen Amerikaner, der sich hier — nachdem er das Goldwaschen eine Weile mit nur sehr mittelmäßigem Erfolg versucht, als Händler niedergelassen hatte. Er war selber allerdings ein wenig über die Entdeckung erstaunt, hörte aber vollkommen ruhig ihre Erzählung an, lächelte dabei nur still vor sich hin, und nickte manchmal mit dem Kopf dazu, unterbrach aber die Erzähler, die sich wechselsweise ergänzten, mit keiner Sylbe. Nur als Hudson ausrief, er wolle jetzt augenblicklich selber nach San Francisco, um einen Verhaftsbefehl für den mexikanischen Räuber und Mörder auszuwirken, sagte er ruhig:
„Und glauben Sie wirklich, Freund, daß Sie den dort bekommen würden?“
„Nicht bekommen?“ rief Hudson — „amerikanische Gerichte werden doch bei Gott einen solchen Schurken nicht beschützen, der amerikanisches Blut vergossen hat?“
„Bah,“ sagte Collins ruhig, „Sie kennen Californien nicht, denn wir leben hier vor der Hand noch in einem vollständigen Ausnahmszustand. Was haben wir denn für Behörden? nicht etwa von den Vereinigten Staaten herüber gesandte, sondern lauter Leute, die hier hergekommen sind, um Gold zu graben — wie ich selber auch — und die, als das nicht ging, sich auf etwas Anderes warfen, um Geld zu verdienen. Den Beweis finden wir ja in San Francisco selber, wo Raub und Mord an der Tagesordnung sind, und die Verbrecher, wenn man sie wirklich einmal einfängt, doch immer ungestraft davon kommen. Es kocht und gährt auch schon in der Bevölkerung, und es wird fast offen davon gesprochen, das Gericht in eigene Hand zu nehmen und das Lynchgesetz gegen alle ertappten Diebe und Mörder anzuwenden. Wäre das jetzt wirklich der Fall, so hätten wir die Hoffnung, etwas auszurichten, denn wir könnten an das Volk appelliren. Wie die Sachen aber gegenwärtig stehn, so mögen Sie einen Proceß gegen den Richter anstrengen, ja, und der dauert denn auch wahrscheinlich so lange, bis wir andere Zustände bekommen, aber weiter richten Sie Nichts aus.“
„Das ist ja ganz unmöglich!“
„Unmöglich ist hier gar Nichts,“ sagte der Advokat achselzuckend. „Ja, wäre der Ueberfall auf amerikanischem Grund und Boden geschehen, so könnte man doch vielleicht auf einen Erfolg rechnen — aber in Mexiko — beweisen Sie diesem, mit allen Hunden gehetzten Mr. Black oder Mr. Brown einmal, daß er überhaupt je in Mexiko war, und zehn gegen eins, er bringt Ihnen fünf, sechs Zeugen, die Ihnen Alle mit der größten Bereitwilligkeit vor Gericht schwören, daß sie ihn hier schon zwei volle Jahre in Californien gekannt haben, und daß er in der ganzen Zeit das Land mit keinem Fuß verlassen hat. Außerdem ist dieser Mr. Black, dem ich persönlich zutraue, was Sie mir von ihm erzählt, hier in Ludville eine renommirte Persönlichkeit und gerade mit allen Rowdies — dem nichtswürdigsten Gesindel der Staaten, den Spielern, eng befreundet. Er spielt selber ziemlich stark und soll — doch das ist nicht verbürgt, wird aber hier erzählt, früher sogar ein professionirter Spieler gewesen sein und in San Francisco im Anfang Bank gelegt und einen Tisch gehalten haben. Der Sheriff steckt mit ihm ebenfalls unter einer Decke und wir würden da in ein Wespennest hineinstören, aus dem wir nicht wieder ungestochen zurückkämen.“
„Aber es ist doch nicht denkbar, daß solche Zustände unter dem Sternenbanner stattfinden könnten!“ rief Hudson.
„Denkbar ist hier Alles,“ sagte der junge Händler achselzuckend. — „Daß es mit der Zeit — vielleicht sogar sehr bald — besser werden wird, bezweifle ich keinen Augenblick, aber schon die Existenz der Spielhöllen, die in den Staaten bei Zuchthausstrafe verboten sind, beweist Ihnen, wie geringe Macht die oberste Behörde hier noch ausübt, denn sie darf nicht wagen, sie aufzuheben. Die Rowdies würden Sheriff und Constabler sonst massacriren, und besonders hier in Ludville hat diese Bande so überhand genommen, daß wir bald nicht einmal mehr unseres Lebens sicher sind. Da — seht Ihr dort das Kugelloch in meiner Zeltwand, gerade über meinem Bett? das haben sie mir gestern Nacht bei einer Straßenrauferei hindurch geblasen, als ich dort lag und schlief. Wenn der Lump, der den Revolver abfeuerte, einen halben Fuß niedriger hielt, schoß er mich in meinem eigenen Bette todt.“
„Und nicht einmal einen wirklichen Raubmörder sollte man hier vor Gericht stellen können?“
„Oh, gewiß,“ lachte der Händler, „wenn’s ein Mexikaner oder ein anderer Fremder wäre — und viele Umstände machten sie mit dem sicher nicht — er hinge in der nächsten Viertelstunde; aber Mr. Black? ich möchte der wenigstens nicht sein, der ihn anklagte, denn nicht fünf Cent gäbe ich nachher für mein eigenes Leben in den Minen. Die Bande hängt zusammen wie ein Sack voll Nägel, und wenn Ihr meinem Rath folgen wollt, so laßt ihn ruhig laufen.“
„Ich will verdammt sein, wenn ich’s thue,“ sagte Hudson, und des Freundes Arm ergreifend, führte er ihn hinaus vor das Zelt, um ihm einen anderen Plan mitzutheilen. Er traute dem Advokaten selber nicht. —