Es ist nun schon eine Reihe von Jahren her, daß sich in Arkansas, dem damals noch ziemlich wilden „Territorium“ der Vereinigten Staaten von Nordamerika, ein gar sonderbarer Kauz herum trieb, über den seiner Zeit viel gesprochen wurde, vorzüglich, weil er seinen Aufenthaltsort so oft und meist immer heimlich wechselte. Weshalb das freilich geschah, wußte Niemand.
Der Mann, der zu jener Zeit etwa dreißig Jahre zählen mochte, hieß Martin — gab wenigstens nie einen anderen Namen an, und war bald in sämmtlichen Ansiedlungen (oder der range, wie man dort sagt) eine allbekannte Persönlichkeit. Er hatte auch etwas Auffallendes in seinem ganzen Wesen, das ihn leicht kenntlich machte. Erstlich besaß er eine für seine Jahre ungewöhnliche und vollkommene Glatze, so daß er nur hinten im Schopf und an den Schläfen spärliches rothes Haar zeigte; sonst war er mehr klein als groß von Statur, mit einem, eigentlich gutmüthigen Gesicht, dem nur der unstäte, rastlose Blick widersprach, so daß man leicht hätte glauben können, er trage irgend ein drückendes Gewicht auf seinem Gewissen, und habe deshalb auch vielleicht keine Ruhe. Trotzdem gab es keinen gutmüthigeren und fleißigeren Menschen im weiten Wald als ihn. Er war die Gefälligkeit selber, und besonders mit Kindern sorgsam und geduldig wie eine Mutter, was die backwoods Frauen vorzüglich zu würdigen und auch wohl zu benutzen verstanden. Dabei hatte ihn Jeder gern und die Jahre, die er sich in jenem wilden Theil des Landes aufhielt, konnte er mit Recht sagen, daß er in jeder Hütte willkommen sei — aber er kehrte nie auf einen Platz, auf dem er einmal gearbeitet hatte, zurück.
Suchte er einen neuen Aufenthaltsort, so blieb er, ohne etwas über seine Absichten zu sagen, als Gast im Haus, um sich, wie es schien, vor allen Dingen erst einmal das Terrain anzusehen, und die Bewohner der nächsten Nachbarschaft kennen zu lernen. Dann erbot er sich in Arbeit zu treten, was ihm willig zugestanden wurde, und er dingte dann auf das Genauste um den höchsten Lohn. Niemand aber konnte sich rühmen, ihm auch nur je einen einzigen Dollar für Monate lange Dienste gezahlt zu haben, denn wenn er sechs bis acht Wochen, oft auch ein Vierteljahr, anstrengend und treu gearbeitet hatte, war er plötzlich, wie in den Boden hinein, verschwunden, und tauchte erst nach längerer Zeit an einem anderen entlegenen Theil der range wieder auf, um dort dasselbe Spiel von Neuem zu beginnen.
Nun kamen allerdings die backwoodsmen dann und wann bei besonderen Gelegenheiten zusammen, und es konnte nicht fehlen, daß ein oder der Andere, bei welchem Martin gearbeitet, ihm da oder dort wieder begegnete. Sagte er ihm nachher: „Aber Martin, Ihr seid ja weggelaufen ohne Euren Lohn zu nehmen; so kommt doch herüber und holt ihn,“ so erwiderte er stets: „Ja wohl Mr. — ich komme in der nächsten Zeit;“ aber man sah es ihm an, daß ihm selbst die Erwähnung der gethanen Arbeit unangenehm war, und er dachte außerdem gar nicht daran, den verlassenen Platz je wieder zu betreten.
So hatte er es mehrere Jahre getrieben und indessen an zahlreichen Stellen gearbeitet, ohne auch nur einen Cent Lohn dafür erhalten zu haben. Nur wenn er an Kleidern und Schuhwerk entschieden abgerissen war, ließ er sich einzelne nöthige Stücke auf Abschlag geben. Ohne Geld kam er übrigens zu jener Zeit und in jenem Distrikt vollkommen gut aus, denn wirkliche Münze besaß Niemand, und die meisten Verpflichtungen wurden nur durch Tausch erledigt. Nur Fremde, welche das Land durchzogen und an der großen County-Straße übernachteten, brachten baar Geld mit.
Daß sich die Jäger und Ansiedler anfangs die wunderlichsten Gedanken über Martin’s so außergewöhnliches Betragen machten, ist natürlich, und man vermuthete sogar einmal eine Zeitlang, er müsse irgend ein schweres Verbrechen in irgend einem Staat begangen haben, und dann flüchtig geworden sein. Nach und nach aber, als sie vertrauter mit ihm wurden, sahen sie das Grundlose eines solchen Verdachts ein, und Martin machte auch nicht den geringsten Hehl aus den Orten, wo er sich früher aufgehalten, ja nannte besonders Illinois als sein Heimathland. Nur über seine eigene Familie gab er keine Auskunft, und es stellte sich auch bald heraus, daß „Martin“ eigentlich nur sein Vorname sei, bei dem er sich hier nennen ließ. So konnte es denn nicht fehlen, daß ihn die jungen Burschen bald anfingen zu necken, und da er nichts weniger als hübsch war, lachten sie oft zusammen und meinten, er sei nur aus seiner Heimath fortgelaufen, weil sich die jungen Mädchen so um ihn gerissen hätten, daß er seines Lebens nicht mehr froh geworden wäre.
Andere machten ihm wieder den Vorschlag, — besonders wenn bei irgend einer Gelegenheit eine größere Zahl versammelt war, daß er doch heirathen und sich bei ihnen häuslich niederlassen sollte, und das Kapitel schien für ihn das unangenehmste von allen, ja er konnte sogar, wenn sie es zu weit trieben, böse darüber werden.
In Arkansas hielt sich damals ein junger Bursch auf, ein Virginier von Geburt, mit Namen George Willis, der eigentlich diesen Staat besuchte, um sich einen Platz zur Uebersiedlung auszuwählen, und nur weit länger als es seine Absicht gewesen, bei uns in der Niederung — den sogenannten Sümpfen blieb, weil wir da so vortreffliche Jagd hatten. Durch seinen Humor und oft schlagenden, wenn auch nicht selten boshaften Witz, war er dabei rasch der Liebling Aller geworden, und nur Martin konnte sich nicht recht mit ihm befreunden, und ging ihm am liebsten aus dem Weg, ja hatte sogar einmal eine Farm verlassen, weil er dort ebenfalls seinen Aufenthalt nahm. Willis war aber selber nicht lange dort geblieben, sondern auf einem seiner Streifzüge zu uns herübergekommen und traf da nun wieder mit Martin zusammen, dessen Eigenheiten er schon kannte und sich oft darüber amüsirte.
Wir hatten einen Jagdzug gemacht, um einen Bären aufzuspüren, der anfing, den Schweinen nachzugehn, denn die Eichelmast war in dem Jahr nicht besonders ausgefallen. Der alte Bursche schien aber ein anderes Revier aufgesucht zu haben oder gerade nicht zu Hause zu sein. Wir fanden wohl sein Bett und hetzten mit den Hunden, konnten ihn aber selber nirgends aufspüren, und lagerten endlich an einem kleinen Hügel, um unsere Pferde weiden zu lassen und uns selber ein wenig auszuruhen.
Martin schloß sich solchen Expeditionen nie an; er war selber kein Jäger und hatte uns oft versichert, er habe noch nie in seinem Leben eine Büchse abgedrückt. Sehr natürlich kam aber das Gespräch, als wir da so lagerten und mitsammen plauderten, auch auf ihn und sein wunderliches Benehmen in der Ansiedlung, und Willis rief plötzlich, als wir auf dies und jenes riethen, was ihn dazu bewogen haben könnte und sein ganzes Wesen vielleicht ziemlich richtig einer geistigen Störung zuschrieben:
„Boys, ich will Euch was sagen: hol’ mich dieser und jener, wenn ich nicht glaube, der ist daheim seiner Frau ausgekniffen und zieht jetzt nur so in der Welt herum, weil er Angst hat, daß sie ihn wieder auffindet.“
Wir lachten; Willis aber, den Gedanken weiter verfolgend, fuhr auf: „Was ist denn auch natürlicher! Ihr wißt doch Alle, wie er es hier macht; gut! das nämliche hat er zu Hause gethan. Wie er nun daheim geheirathet und wie ein Pferd gearbeitet hatte, um seinen Hausstand ordentlich einzurichten und seine Felder klar zu haben, lief er, sobald er damit fertig war, in der verrückten Idee davon, daß er dafür bezahlt werden sollte, denn vor Geld hat er eine Heidenangst und wird blaß, sowie man es nur erwähnt. Meinen Hals wollt’ ich deßhalb verwetten, daß er seiner Frau ebenso davon gerannt ist, wie allen denen hier, bei denen er sich eine Zeit lang eingeheimst.“
Es wurde jetzt viel darüber gelacht, und die Idee ausgearbeitet, und die Folge davon war, daß sich von der Zeit an das Gerücht in den Ansiedlungen verbreitete, Martin sei seiner Frau daheim fortgelaufen. Besonders die Frauen und jungen Mädchen faßten das auch mit Begierde auf, und wie das mit allen solchen Gerüchten geht, Jeder thut sein Theil dazu, so daß man nach einiger Zeit schon genau wußte, wie sie geheißen und wo sie gewohnt habe, und jetzt mit einem Kind, einem prächtigen kleinen Jungen, verlassen in Illinois sitze und den verlorenen oder abhanden gekommenen Gatten beweine.
Unter solchen Umständen konnte es auch nicht fehlen, daß die Sache selber Martin, als der Hauptperson, zu Ohren kam. Zuerst fielen einzelne Andeutungen, dann wurde er direkt von Einigen der am wenigsten Rücksichtsvollen offen damit geneckt, zeigte aber auf keine Weise, daß er sich dadurch getroffen fühle, sondern ging weit eher auf den Scherz ein und lachte darüber. Aber das Gerücht setzte sich fest. Bald gab es keine einzige Wohnung mehr im ganzen County, wo man nicht auf das Bestimmteste wußte, daß Martin „seiner Frau durchgebrannt wäre,“ und sobald irgend ein Jäger zu einem Platz anritt, wo er sich befand und seiner ansichtig wurde, lautete auch die stete, unausweichliche Frage:
„Halloh Martin, wie gehts, alter Junge? Lange Nichts von Eurer Frau gehört, heh?“
Es unterliegt wohl kaum einem Zweifel, daß Martin, obgleich stark von Gliedern und sonst gesund, mit seinen geistigen Fähigkeiten weit hinter seinen Körperkräften zurückgeblieben war. Es mußte irgend wo in seinem Hirn „eine Schraube los sein,“ und er gehörte möglicher Weise zu jenen zahlreichen Individuen, die ruhig und ungestört an der unmittelbaren Grenze des Wahnsinns durch das Leben gehen, so lange der eigentliche Nerv nicht berührt wird, der ihre Tollheit zum Ausbruch bringt. Ihr Charakter zeigt sich allerdings in oft kleineren, oft größeren Excentricitäten, und man nennt sie „überspannt“ oder „Originale“. Die Meisten von ihnen leben auch so hin, bis sie der Tod abruft und ahnen vielleicht eben so wenig wie die, welche mit ihnen in nächster Nähe verkehrten, welcher Gefahr sie Beide ausgesetzt gewesen, und deren Ausbruch nur an einer Zufälligkeit, wie an einem seidenen Faden hing. Bei Anderen — Wenigen, Gott sei Dank! — bricht aber der Teufel, der in ihnen schläft, einmal plötzlich los und sie enden ihr Dasein in einer Zwangsjacke.
Ich selber hatte Martin immer in Verdacht, daß es mit ihm „nicht ganz richtig“ sei, und sein wunderliches Benehmen entschuldigte oder rechtfertigte auch wohl einen solchen Glauben, aber ich wurde auch wieder irre daran, wenn ich sah, wie verständig und ordentlich er sich in jeder anderen Hinsicht benahm. Nur dies Weglaufen aus der Arbeit konnte er nicht lassen, und er verschwand dann auch bald plötzlich wieder aus unserer Gegend, wobei ich Willis im Verdacht hatte, daß er diesmal die Ursache gewesen, da Jenem wohl die Neckerei zu arg geworden.
Auch Willis verließ bald darauf die range, denn das Klima sagte ihm nicht zu, er bekam das kalte Fieber, jene fatale Plage der Sümpfe, und zog ab, um sich einen gesunderen Aufenthaltsort für seine künftige Heimath zu suchen. Wie er äußerte, wollte er einmal nach den Ozark-Gebirgen hinüber, welche Gegend auch bei uns oft, ihres Jagdreichthums wegen, war erwähnt worden.
Martin sollte in dieser Zeit, wie wir von einem Jäger erfuhren, an der andern Seite des Arkansas gesehen sein, schien sich aber dort nicht recht zu gefallen, denn seinem ewigen Weglaufen verdankte er einen unangenehmen Zwischenfall. In der Nachbarschaft war nämlich ein Mord verübt worden, und da unser unverbesserlicher Freund zufällig in der nächsten Nacht seinen bisherigen Arbeitsplatz in altgewohnter Weise heimlich verließ, fiel der Verdacht des Sheriffs auf ihn und er wurde verfolgt und eingebracht. Glücklicher Weise kannte man aber den wirklichen Mörder; seine Unschuld stellte sich deshalb gleich heraus und er kam frei, wollte nun aber auch nichts mehr von der dortigen Gegend wissen und verschwand wieder in der Wildniß.
Ich verließ Arkansas bald darauf, ging nach dem Norden und kehrte erst nach länger als einem Jahr in den alten Staat zurück; diesmal aber auch nicht in die Sümpfe, denn auch mich hatte das kalte Fieber tüchtig abgeschüttelt, sondern in die Gebirge, wo ich einen längeren Aufenthalt zu nehmen gedachte, und dort ausschließlich von der Jagd lebte. Zufällig hörte ich da, daß Willis ganz in der Nachbarschaft einen Platz gekauft habe, und mit seiner jungen Frau und deren älteren Schwester hierher gezogen sei, und säumte nicht, ihn aufzusuchen, wurde auch auf das Freundlichste von ihm begrüßt.
Er hatte sich ein prächtiges Weibchen mitgebracht, und seine Schwägerin, eine junge Wittwe von vielleicht sechs- oder achtundzwanzig Jahren, aber voller Leben und Muthwillen, schien sich schon die Herzen der ganzen Nachbarschaft gewonnen zu haben; man mochte, welche Hütte man wollte, betreten, so hörte man ihr Lob.
„Und wißt Ihr was Neues?“ rief mir Willis zu, als ich kaum meine Büchse in die Ecke gestellt und die „ladies“ begrüßt hatte, „Martin ist wieder in der Nachbarschaft und wir haben einen capitalen Spaß mit ihm vor.“
„Hört einmal Willis,“ sagte ich ihm, gar nicht etwa darüber erfreut, „wenn Ihr meinem Rath folgen wollt, so laßt Ihr den armen Teufel zufrieden; er ist unglücklich genug durch sein rastloses Wesen, und viel zu harmlos, um ihn zur Zielscheibe Eures Spottes zu nehmen. Erinnert Euch nur, wie gutmüthig er damals den Scherz mit der böslich verlassenen Frau hinnahm.“
„Ja, das ist ja aber eben das Kostbare an der Geschichte,“ rief Willis, „daß er Alles, was wir ihm damals vorgeschwatzt, jetzt selber glaubt.“
„Daß er seine Frau verlassen hat?“
„Gewiß — bei Roberts drüben hat er es selber erzählt und den Alten um Rath gefragt, und als der meinte, da bliebe ihm nichts Anderes übrig, als zurück zu gehn und für sie zu sorgen, versicherte er ihn mit der traurigsten Miene von der Welt, daß er gar nicht wisse, wo sie sei und wo er sie finden solle.“
„Er ist rein verrückt und Ihr werdet ihn noch verrückter machen.“
„Bah, ein Bischen mehr oder weniger schadet nicht,“ lachte Willis, „und hier Fanny (seine Schwägerin) hat versprochen uns zu helfen.“
„Thun Sie es nicht,“ bat ich.
„Es ist ja nur ein Scherz,“ lächelte die junge Witwe, „lieber Gott, was hat man denn in diesem entsetzlichen Land voller Bäume weiter für Unterhaltung, wenn man jedem Spaß aus dem Wege gehen will — wir stürben ja vor reiner Langeweile!“
„Und was wollen Sie thun?“
„Es wird nicht vor der Zeit geplaudert,“ rief Willis dazwischen, „aber morgen ist großes Klötzerollfest bei Warners drüben und da dürft Ihr auch nicht fehlen. Nach der Arbeit wird dann getanzt.“
Mir war das Ganze, wie gesagt, nicht recht, denn Martin dauerte mich. Wo sollte er denn Ruhe finden, wenn er auch noch überall verspottet und geneckt wurde, aber es war eben Nichts zu machen, und die beiden jungen Frauen freuten sich besonders auf den „Scherz“, wie sie es nannten. Ich mußte ihnen auch fest versprechen, Martin, wenn ich ihn zufällig früher zu sehen bekäme, Nichts zu sagen, oder sie würden mir das nie im Leben verzeihen, und ich ließ eben geschehen, was ich doch nicht ändern konnte.
Uebrigens erhielt ich an demselben Abend noch eine besondere Einladung zu Warners, und beschloß also dort keinesfalls zu fehlen. Vielleicht konnte ich dem armen Teufel doch noch beistehen, wenn sie’s eben gar zu arg mit ihm trieben. Jedenfalls wollte ich wissen, was sie vor hatten.