Renate schrieb in ihrem Zimmer am späten Abend:
„Hellwach wie ich bin, will ich gleich suchen, Einiges von diesem Abend festzuhalten.
Nachmittags gegen sechs Uhr fuhr ich zu Irene hinaus (ich mußte es einmal wagen; Saint-Georges versprach, auf Onkel achtzugeben, und es ist nichts geschehn). Es war so warm, daß ich unterwegs das Verdeck zurückschlagen ließ, und so war es schön, durch den weiten Frühling zu fahren, zwischen den unendlichen, tiefgrünen, saatgrünen Flächen, auf den Himmel zu, den weit fernen, bläulich weißen, goldgestreiften von der tiefen Sonne, an den kleinen Gehöften vorüber, die stets schräg mit der Stirnseite zur Straße stehn, unter Bäumen, kaum ergrünten. Einzelne Primeln waren auf den Wiesen zu sehn, und alle Rinder waren schon draußen, grasten fromm der untergehenden Sonne nach, oder standen still an einer Planke, einem Graben, den sie im Vorsichhinweiden erreichten, hörten mit Käuen auf und sahen nach dem schwarzen Ungetüm, in dem ich, hoch sitzend, dahinrollte; lange Schatten warfen sie, wie alles umher.
Unterwegs griff ich noch Jason auf; mit einmal sah ich ihn ein paar hundert Meter vor mir am Rande der weißen Straße dahinwandern, ein wenig krumm und die Hände auf dem Rücken. So läuft er, dacht ich, um die ganze Welt fürbaß in seinem schwarzen Anzug, da hielt auch schon der Wagen neben ihm still, es war wie Zauberei, als ob er es befohlen und ihn mit dem Rücken gesehn hätte, — aber Reinhold, der ihn kannte, hielt natürlich von selber. Dann saß er zufrieden in seiner Wagenecke, blickte stolz umher und sagte: Der gute Mensch trifft immer Wagen, die ihn zu schönen Orten tragen.
Wo er so lange gewesen sei, fragte ich ihn, denn ich hatte ihn beinah drei Wochen nicht gesehn. In Schleswig, sagte er, bei der Familie des Kreisphysikus Liegel, Odysseus Liegel, ja, so heiße er richtig. Eine zahlreiche Familie sei das, vier Söhne, drei Töchter, Eltern, Großmutter und Urgroßmutter, in einem kleinen Hause Alle beisammen, und sie fürchteten sich samt und sonders vor spitzen Gegenständen, besonders die Urgroßmutter, die könnte überhaupt nichts Spitzes sehn, ohne furchtbare Zustände zu kriegen, bei den Andern sei es verschieden, der eine reagiere nur auf Taschenmesser, ein andrer auf Nähnadeln, wieder eine habe Angst vor Löffelstielen oder Hutnadeln, und sie ärgerten sich Alle fortwährend gegenseitig damit, das heißt zum Spaß, sie meinten es nicht böse, und nur der Vater freilich, der sei immun, auf den würde überhaupt nicht geachtet. Eigentlich sei er wohl immer leise betrunken von holländischem Likör, das dufte gar nicht so unangenehm, und meist sitze er ja in seinem Zimmer oder machte Krankenbesuche, wo er dann immer zwei, drei kleine Schnäpse trinke, das mache schon ein paar Dutzend am Tag. Die Söhne aber seien große Kerle, blond und bärtig, der eine Lloydoffizier, einer Kaufmann, und zwei Studenten; die hätten die ganze Kraft der Familie an sich gerissen, gingen schallend umher und schubsten alles beiseite; Gott sei Dank seien selten mehr als einer oder zwei anwesend. Die Töchter seien alle Drei ein bischen welk und kümmerlich, mit viel Heiratsplänen behangen und sehr arbeitsam. Ja, die Mutter sei das Tüchtigste dieser Familie. Ganz klein sei sie, habe ein Gesicht wie eine Backbirne und eine lahme Hüfte, oder eigentlich seien es zwei; kein Mensch wisse, wie sie es eigentlich fertigbringe, zu gehn, sie gehe aber, und zwar immer ganz schnell. Als sie alt genug gewesen war, zu heiraten, hatte sie es darauf angelegt, diesen Odysseus Liegel zu heiraten, und es gelang ihr auch. Darauf gründete sie ihm eine Praxis, in der sie viele Jahre immer am Hungertuche her lebten; auch jetzt hänge es noch immer in einer Ecke und verstaubte niemals gänzlich. Eines Tages hatte sie von einer Freundin gehört, daß es in gewissen kleinen Städten Stipendien, Legate gäbe, ausgesetzt von verstorbenen Wohltätern für Knaben, in der Stadt geborene, um ihnen ein Studium zu ermöglichen, und die brave Frau soll es fertigbekommen haben, durch Herumreisen in diesen Städten zur Zeit, wenn sie ein Kind erwartete, dreien ihrer Söhne je ein Legat zuzuschieben. Oh es sei eine ganz herrliche Familie, sagte Jason. Die Mutter würde verherrlicht von Allen, sie wäre ganz ungeheuer geizig, sie hatte immer nur einen einzigen Groschen auf der Tischkante liegen sehn, und wenn man ihr etwas mitbrächte, dürfe man nie unterlassen, zu sagen, was es koste, denn erst wenn sie das wisse, könnte sie sich freun. Aber nur Kleinigkeiten dürften es sein. Was ist das? sagte sie dann wohl, mit braunen Fingern und kurzsichtigen Augen zugreifend, eine Banane? Oh herrlich! Was kost die? Zehn Pfennig. Nun sieh mal einer, zehn Pfennig für solch eine herrliche Frucht. Und dann wollte jedes von ihren zehn Kindern die Banane haben ... Zehn, Jason? — Sie machten noch für viel mehr Lärm, sagte er vergnüglich, du solltest sie einmal hören. —
Auf dem Weg durch den Gemüsegarten kam uns die kleine Nora entgegen, Dora Vehms Tochter, langsam und ernsthaft wie immer, nur mit den vergrößerten Augen sich freuend, nicht im geringsten mich, sondern ganz allein Jason unerschütterlich anblickend. Als der aber fragte: Wo ist denn dein Vater? — sagte sie mit ihrer tiefen, langsamen Stimme: Der sitzt auf dem Klosett. — Wie peinlich für ihn! sagte Jason, nun wollen wir bloß nicht nach ihrer Mutter fragen. Da kam Irene, blond und lieblich wie immer, uns auf dem Gartensteig entgegen, so entzückend anzusehn, daß mir das Herz lachte: wie eine versehrte Blume, nämlich in einer engen grünen Taille, Filetguipure am Halsausschnitt und den halben Ärmeln, kleine Falten quer über der Brust und mit vier spitzen Schößen, vorn, hinten und über den Hüften, gleich den grünen Kelchblättern einer Blume, aus denen die große schwarze Tulpenglocke des seidenen Rockes nach unten schwoll und abstand, — und während so ihr Kleid und Körper eine Blume darstellte, war es ihr ganz glühend rosiges und von Haar goldenes Gesicht, das blühte. Sie erzählte, es sei gerade ein Freund ihrer Schwägerin gekommen, ein Dr. Ägidi aus Stuttgart, Journalist, den ihr Mann durch Doras Vermittelung für seine neue Zeitschrift gewonnen habe. Da die Beiden sich jahrelang nicht gesehen hatten und jetzt in der Halle saßen, gingen wir in die ‚Hecke‘ und trafen dort Georg, der im Grase lag und mit Doras Pallu spielte. Eigentlich heißt er Paul, aber das konnte er nicht sagen und taufte sich Pallu.
Wir aßen dann oben in Irenens Zimmer zu Abend, ein wenig eng in der Ecke neben dem Kamin, zu eng vor allem, wie mir schien, für die Stimmung unter uns. Irene war völlig geistesabwesend; sie hat es sich ja nun so angewöhnt, sich zu erlauben, was ihr gefällt. Ich merkte aber, daß diese Abgekehrtheit irgendwie mit ihrer Schwägerin und mit Dr. Ägidi zusammenhängen mußte, die mir auch wieder heißer und röter schienen, als selbst ein Wiedersehn nach zwei Jahren — — doch was geht das eigentlich mich an? Ja, insofern wohl, als eben diese Stimmung auch mich ergriff und mich, ängstlich, unsicher und sonderbar, wie ich Onkels wegen an sich schon bin, mit dunklen Empfindungen bewegte. Es wäre vielleicht noch sonderbarer gewesen ohne Jason, der wohl alles haargenau wußte, freilich keine Miene verzog und keine Geste zeigte, sondern nur viel sprach, in dieser unendlich hinfließenden Art, und so sehr jeden, den er anblickt, mit Augen fesselnd, daß man selber zu reden glaubt, — nun, ich werde das nie beschreiben können. Übrigens war Doras Mann nicht anwesend; er hat ein Darmleiden, und zudem ist er noch lungenkrank und schon halb auf dem Wege nach Arosa.
Schön, dunkel und funkelnd sah diese Dora aus (und übrigens in einer prächtigen Tunika, die ich mir merken muß, aus einem dunkelblauen, lockern Seidenstoff mit eingewebtem, gleichfarbigem Blumen- und Rankenmuster, die sie über den Kopf gezogen hatte; braune Pelzstreifen an den offenen Ärmeln und am Halsausschnitt). Ihre tägliche Arbeitsleistung, von der Georg mir erzählte, ist ja erstaunlich. Ich glaube wohl, sie möchte noch viel mehr Kinder haben. Ihr Mann sah auf einer Photographie still, fremd, abgeschlossen aus; ein sehr zartes Gesicht mit tiefen Augen, sehr spitzem Kinn und einem seltsam übertriebenen dunklen Schnurrbart wie der Nietzsches, doch tiefer hängend. — Wenn ich sie ansehe, muß ich sie für eine schlechterdings glückliche Frau halten. Aber ob sie nicht mich ebenfalls — —? Was wissen wir?
Ich wollte mir doch einiges von dem merken, was gesprochen wurde? Ach, nein, die Geschichte, die Jason der kleinen Nora erzählte, als sie im Bett lag, muß ich doch wieder zusammenbringen. Sie hieß, glaube ich: Der liebe Gott und das kümmerliche Telephon, oder so ähnlich und fing an:
Prrrrr! machte das Telephon. Kruzitürken, sagte der liebe Gott und nahm den Hörer auf, was ist denn das schon wieder! Hat man denn keinen Augenblick Ruhe? — Du, Onkel Jason, sagte Pallu von gegenüber her, der liebe Gott flucht aber wüst. — Türken, versicherte Jason, wären Heiden und darum würden sie geflucht. Da hörte der liebe Gott ein kleines Mädchen ganz unten auf der Erde ins Telephon piepen: Hier ist das Knasterlein und hat so furchtbare Bauchschmerzen. (Das Knasterlein soll zu allem gut sein in Jasons sämtlichen Geschichten.) Ha, da hat sie Zwetschenkuchen gegessen, dachte der liebe Gott und sagte: Aber liebes Kind, du mußt doch nun nicht bei jeder Kleinigkeit ... Sprechen Sie noch? sagte das Fräulein am Amt. Pallu stellte sich auf den Kopf und sagte: Kruzitürken, die kommt ümmer dazwischen, ümmer. — Jawohl, Fräulein, ich spreche noch, sagte der liebe Gott, — ja, da hast du wohl zu viel Zwetschenkuchen gegessen? — Ja, sagte das Knasterlein. — Ist denn der Doktor schon dagewesen? — Och, lieber Gott, mein Papa ist doch selber Doktor! — Hier entspann sich, glaube ich, ein großer Streit zwischen Nora, ihrer Mutter und Jason wegen der ungenauen Kenntnis des lieben Gottes, wobei er sich, fürcht ich, damit ausredete, der liebe Gott habe das verwechselt. Also der Doktor war jedenfalls dagewesen, und der liebe Gott war sehr erstaunt, was Knasterlein denn nun noch von ihm wollte. Was zum Einschlafen, sagte es, es könnte doch nicht schlafen. Das wollen wir gleich haben, sagte der liebe Gott und murmelte: Abadra, kadrabra, maleborus, maleborus, widdewiddewitt fi—na—le! — Sprechen Sie noch? fragte das Amt. Scht! machte der liebe Gott und legte ganz leise den Hörer hin, worauf sich denn Knasterlein in Nora verwandelte, die sich mit tief ernstem Gehorsam umdrehte, die Decke bis an die Augen zog und nach einem großen Seufzer und unerschütterlich auf Jason gerichtetem Blick sich augenblicks einzuschlafen bemühte. — —
Wovon sprachen wir noch beim Essen? Richtig, Jason, — da er alle Menschen kennt, so kannte er auch Ägidi, von irgendeiner Universität her —, nein, zuerst war ja von Herzbruchs’ Zeitschrift die Rede, von der Sozialdemokratie und — ich weiß nicht mehr, wie das so kam, — jedenfalls äußerte Jason gleich eine Meinung, die dann zu einer ganzen Rede wurde. Die Sozialdemokratie, sagte er, hätte zwei Fehler, und der eine sei die mangelnde Schulbildung. Wenn ich zum Beispiel, fuhr er munter fort, einen Reichstagsbericht lese, was fällt mir auf? Ein großer Mangel an Lebensart, nicht etwa bei der Sozialdemokratie allein, nein, bei den Angehörigen sämtlicher Parteien ganz gleichmäßig. Nun aber ist die sozialdemokratische Partei die einzige, bei deren Vertretern dieser Mangel sich auf den genannten, nämlich die fehlende Schulbildung zurückschieben läßt, was denn jedenfalls fleißig von allen andern Seiten geübt wird, und hinwieder kann man den andern Parteien bei gutem Gewissen diesen Vorwurf nicht machen, da sie ja alle über eine ganz vortreffliche Schulbildung verfügen. Also, sagte er, die Sozialdemokraten hätten somit nichts Besseres und Eiligeres zu tun, als sich diese Schulbildung zu erwerben, womit sie ja gleichzeitig alle übrigen Parteien auch an Lebensart übertreffen müßten, oder das Gegenteil würde der eben aufgestellten und bewiesenen Behauptung vor den Kopf stoßen, daß eben in der mangelnden Schulbildung ... Hier legte ihm wohl Herzbruch die Hand auf den Arm und veranlaßte ihn wohlwollend, zu dem zweiten Mangel überzugehn. Ja, das sei nun wieder ein Überfluß, fing er frisch an, nämlich ein nicht hoch genug zu veranschlagender Überfluß an Sanftmut. Drei Mittel nämlich, erklärte er, hätte die Internationale an der Hand, um ihre Ziele durchzusetzen, ohne doch nur ein einziges zur Anwendung zu bringen, nämlich erstens das ein wenig veraltete des allgemeinen und gleichen Revolutionierens, mit Barrikaden, Kopfab und allen Schikanen, aber, was ihn angehe, so schalte bei seiner angeborenen Abneigung gegen alles Blutvergießen dieses Mittel für ihn aus. Das nächste sei der Generalstreik natürlich, wogegen er wenig mehr einzuwenden habe, als daß ihm das dritte Mittel besser gefalle, zudem auch dem angedeuteten sanftmütigen Charakter dieses Menschenschlages am meisten zu entsprechen scheine ... nämlich die passive Sabotage. —
Denkt euch, sagte er, einen nach dem andern von uns mit überredenden Blicken ins Auge fassend, denkt, welche Zeit anbrechen würde. Passive Sabotage ohne Generalstreik. Alle Arbeiter würden in der Arbeit bleiben, und vielleicht sogar ein wenig Überstunden machen. Alsbald würden sich die Erzeugnisse der Industrie und Waren aller Art in den Speichern, den Fabriken und Silos häufen, sie bis zum Rande füllen und überquellen, und die Lebensmittel würden zu erstaunlichen Preisen herabsteigen, ja womöglich verschenkt werden, und man könnte sich wohl denken, daß jemand, der ein Ei kaufen wolle, eine Dreschmaschine oder ein Karussell als Zugabe erhielte. Und nun aber, bei allgemeiner Einigkeit und Zufriedenheit, welche Stille in Stadt und Land! Vom festgesetzten Uhrenschlage an verließ kein Schiff die Rheede, kein Brief den Kasten, kein Telegramm den Drahtkorb des Beamten, kein Postwagen die Remise, kein Eisenbahnzug den Bahnhof. Auf den von Automobilen, Geschäftsrädern, Autobussen und Trambahnen herrlich leeren, breiten, befreiten Straßen ergösse sich eine festlich gekleidete Menge, von deren heiteren Antlitzen jede Spur des alten Hastens und Jagens miteins verschwunden sei. Fröhliche Scharen von Post- und Telegraphenbeamten mit ihren munteren, rotgestreiften Mützen veranstalteten singende Umzüge unter Entfaltung ihrer schön gestickten Innungsfahnen, und die Straßenkehrer hingen unter Absingung fröhlicher und patriotischer Lieder ihre Besen und Gummirechen an den Kreuzen längst erloschener Laternen auf. Was sei aber all dies gegen die wunderbare Stille draußen im ländlichen Land. Da wandre sichs leicht, die mitgenommenen Butterstullen in die letzte Zeitung eingeschlagen, auf der unverlierbaren Linie der mit sanftem Grase überwachsenen Bahndämme, wo die Wärter vor ihren Häuschen mit Frau und Tabakspfeife behaglich feierten, wo die Weichengestelle bald unter üppig wucherndem Ginster verschwanden, die Schlagbäume und Signalmaste schon vom weiten den munteren Wallern ihre bunten Fahnen von Hopfenranken und blühenden Glyzinien entgegenschwenkten, während zu beiden Seiten aller Straßen Eppich, Crimsonrosen, Bohnenblüte und rankende Winde aus den Telegraphenstangen und ihren Drähten farbige Triumphgirlanden, gleichsam über Nacht, geschaffen hätten; an den Straßen übrigens, auf den die wieder hervorgeholten schönen alten Planwagen, mit welchen die bäurische Bevölkerung die mühelosen Erzeugnisse ihres Bodens zur Stadt führten, um sie gegen geringes Entgelt einzutauschen, — auf ihnen erzähle nur selten die bereits überrankte und moosbewachsene Ruine eines Opel- oder Horchwagens vom bestraften Frevelmut seines Besitzers, der ohne Mechaniker eine verzweifelte Geschäftsreise zu unternehmen gewagt habe. Und schließlich, da inzwischen auch die Arbeit aus Überfluß an allen Dingen eingestellt sei, so hetze sich nunmehr niemand ab, als einzig an ihren Schreibtischen die nimmermüden Erfinder, emsig bemüht, Ideen zu entwickeln zur Ausnützung des Überflüssigen, also zum Beispiel ein Verfahren, aus schlecht gewordenem Schweinefleisch gut sitzende Anzüge zu verfertigen ...“
Mitternacht. Leichtfüßig erschreckte Renate der silberne Schlag der kleinen Uhr hinter ihr im stillen Zimmer. Sie wandte sich halb, warf einen Blick über ihre Schulter in die dämmrige Tiefe der Wände und verhaltenen Möbel und schrieb weiter:
„Ich mußte mich umsehn, die Stille gewahren in diesem sanften Raum, in diesem ganzen, schlafenden Hause. Ach, es tat wohl, einmal draußen, einmal weit weg gewesen zu sein, im immer wieder zauberhaften Menschenwald, wo auf den stillsten Lichtungen — große Spinnen in den Silberrädern ihrer Netze — die Geschicke weben, ach, zum Heil oder Unheil, ich wills nicht wissen, denn jedes, jedes, das weiß ich, ist besser als nichts. Aber weiß ich denn, ob nicht das meine schon längst über mir schwebt, mich zu umschlingen und zu binden, ob ich nicht längst schon ergriffen vielleicht, gehalten und — abgetan bin? Denn vom Himmel — wir wissen es doch — vom Himmel stürzt kein jählichster Blitz, der nicht in einem kleinen Korn auf Erden gesät und draus aufgegangen wäre, und der Schlag, der heute das Haupt trifft, zu ihm war ausgeholt, als noch unsre Mutter nicht von uns träumte.
Wacher und wacher sehe ich in die vergangenen Stunden zurück. Wieder um den runden Tisch sehe ich uns sitzen, enge beisammen in der Ecke am Kamin, sehe an der Hängelampe vorüber das tief und tiefere, seltsame Blau der Dämmerung draußen, die nur im Vorfrühling so leuchtet, sehe die bleichen Vorhänge sacht auffliegen und empfinde die leichten Atemstöße des hereingeneigten Windes. Unsre beleuchteten Gesichter kann ich sehn, das hübsche, schmale, blasse des Doktor Ägidi mit kleinem, kurzem und schwarzem Schnurrbart, das selten aufsieht zu dem unaufhaltsam plätschernden Jason; rechts von ihm das Doras, bräunlich, gerötet, mit starken Brauen und feurigem Auge, und Herzbruchs Hornbrille daneben, hinter der hervor er ab und an auf Irene oder sonst jemand einen unbestimmt und halb abwesenden Blick schießt, und sein massives Gelehrtengesicht kraust sich häufig und häufiger im verhohlenen Gähnen zusammen; und dort Irenens ganz rosiges Gesicht, und dort das schlanke, überaus ehrliche Georgs, der von Allen allein ganz bei der Sache scheint, lacht und auf Jason schaut, während die Augen aller Übrigen meist auf den Teller gesenkt sind. Herzbruch nur aus Müdigkeit, aber Alle waren sie froh über Jasons Phantasmagorien, und als er schwieg, lachten sie wohl ein wenig, waren aber dann sämtlich still. Auch mir fiel nicht gleich etwas ein, ich vergaß die Übrigen, glaubte wohl im weiten Lande draußen Fragmente von Jasons bunter Vision unterm Hauche des Abends dahingleiten und entleuchten zu sehn, und ich weiß nicht mehr, ob ich selber es war, die ihn nun fragte, er habe vorhin auch die Ziele der Sozialdemokratie erwähnt, ob er nicht auch davon eine ähnliche Rede halten möchte, aber er winkte ab. Nein, das will ich nicht, sagte er, ich habe so schon Ägidis Neigung verscherzt, freilich aus Mißverstand, da ich doch nicht seine Partei, sondern im Gegenteil die Anwesenden ganz sanft verspottet habe. — Wieso denn das? fragte Irene laut und verständnislos, aber er sagte erst nach einer Weile, und nachdem er eine ganze Sprotte gehäutet und zerlegt hatte, und mit einem fast kalten Ernst auf einmal: Taucht nur immer euer allabendliches Butterbrot in Tränenwasser vom Tartaros; es kommt einmal der Tag, wo die es euch nicht gedenken werden, die unter Brückenbogen der Themse schlafen, die in verfaulten Speichern ihre Kinder zur Welt bringen, die zwischen Betten der Liebeskrankheit aufwachsen, und die, Stück für Stück ihres ausgemergelten Leibes, zwischen den Zähnen der Maschine aufgezehrt werden. Nicht gedenken werden sie es euch, daß ihre Seele zersprang wie ein schlechter Topf, derweil ihr plaudertet von ihren Zielen. —
Irene fuhr rot, zornig und verlegen auf mit einem zerdrückten: Man kann doch reden ... Wir andern schwiegen, Herzbruch brummte zustimmend, und Dora und Ägidi — — sahen nach den Fenstern, als sähen sie sich an.
Es gebe ja aber andre Sachen in Hülle und Fülle, von denen zu reden wäre, fing Jason wieder an, und wie wäre es zum Beispiel mit einem Vortrag von Irene über den Vorzug des Einzelschlafzimmers vor dem gemeinsamen? Statt des Tellers, wie sie gern gemocht hätte, warf sie ihm nun ihre Serviette an den Kopf, sprang auf und stammelte, wir wären wohl fertig mit Essen. — —
Nun werde ich doch ein wenig müde. — Aber ich will nun nicht aufhören, ehe ich auch das Letzte von diesem Abend geschrieben habe, denn solange ich schreibe, glänzen mir seine Farben noch reich; dann wird es wieder für lange still und eintönig werden ...
Später war Jason auf einmal verschwunden, Herzbruch mit Ägidi im Rauchzimmer nebenan, um sich geschäftlich mit ihm zu besprechen, Dora hinunter zu ihrem Mann. Ich hatte am großen Vogelbauer der armen Esther das übergehängte Tuch gelüftet, um darunter zu schaun, und sah, wieder fortblickend, Irene unter den Blumenstöcken des breiten Fensters auf dem schwarzen Roßhaarsofa sitzen. In ihrem ausgebreiteten schwarzen Faltenrock, das heiße, rote Gesicht in die Hand gestützt, den Ellbogen auf dem Knie, sah sie wieder so fein und lieblich aus, daß ich zu ihr ging, ihr Gesicht in die Hände nahm und sagte: Du bist heut so unwirsch, Irene! Sie sah mich verloren an, streifte meine Hände weg, ihren Rock glatt und sagte endlich — es klang recht komisch bei ihrer Ernsthaftigkeit —: Es ist alles so symbolisch ... Ich antwortete nichts, dachte, sie würde schon von selber anfangen, und setzte mich in die Sofaecke. Richtig fing sie nach einer Weile an.
Am Nachmittag sei Ägidi gekommen. Eine halbe Stunde vorher, da sie selber gerade auf der Treppe gewesen sei, habe sie ihre Schwägerin aus der Stadt kommen hören und sei, um sie zu erschrecken, mit einem Schrei ins Zimmer gesprungen, Dora sei aber ganz ruhig geblieben, denn sie habe sie im Spiegel kommen sehn. — Das fand ich schon so symbolisch, — weißt du — ich sagte es auch Dora —. Man sollte immer solch einen Spiegel bei sich haben, — alles trifft einen immer so schrecklich unvorbereitet, — ja, ich dachte das nun mal, und eine Zeit später, als wir schon von ganz andern Sachen geredet hatten, sagte Dora, es sei viel tüchtiger, unvorbereitet und doch beschirmt zu sein, den Panzer zusammenzureißen im Augenblick, sagte sie, glaub ich. Ja, und nun — — gerade bevor du kamst — Ägidi war ja nun da — war ich so beim Herumschlendern im Garten halb die Treppe der kleinen Vorhalle hinaufgeraten, von wo man durchs Fenster in die große Halle sehn kann, und da sah ich die Beiden. Dora saß, und er auf der Lehne ihres Stuhls hielt ihre Hand, und so sprachen sie, und — nun jedenfalls: es war etwas in ihrer Haltung, das andere als — ja. Du weißt wohl gar nicht, — sie waren Freunde, sonst nichts, ich weiß es bestimmt von Dora, die nicht lügt, — sie haben sich kaum einmal im Leben gesehn, aber jahrelang in fast täglichen Briefen zusammen gelebt, und ob nun das Wiedersehn, — jedenfalls — — Irene brach hier ab, stand auf und sagte: Einen Augenblick, bevor wir Alle zum Essen hinaufgingen, war ich allein mit ihr. Ich hielts für aufrichtig, ihr zu sagen, daß ich sie gesehn hatte, und: Was war denn das? fragte ich. Sie schwieg eine ganze Weile, sagte dann sehr ernst: Ich glaube, — das war unvorbereitet. Sonst nichts, und das — genügt ja wohl auch. —
Wie sie nun im Zimmer stand, die Hände gefaltet, nachdenklich und so anmutig, war es wieder die alte Irene, die draußen am Zaun stand und meine Orgel hörte und symbolische Träume träumte. — Sie setzte sich dann zu mir und fing an, von ihrer Schwägerin zu erzählen, was sie von Otto Herzbruch gehört hatte, über ihre Verheiratung: daß niemand begriffen habe, warum das reiche, kräftige, schöne Mädchen den kränklichen, seltsamen, ein wenig kümmerlich scheinenden Mann genommen habe, was er nun freilich nicht sei, vielmehr erfülle ihn eine ganz unsägliche Güte, er sei der zarteste Arzt, und sicher beklagten es Viele, daß er sich an den Tuberkulosebetten seiner Kassenpraxis infiziert hatte. Doch durch mehrere Jahre hatte sie seine wiederholten Anträge abgelehnt, schließlich mußte sie wohl doch einmal heiraten, es war Zeit, das Mitleid mit ihm kam hinzu, und dann hatte sie ihn mit der Zeit gewiß sehr liebgewonnen.
Warum aber, fragte Irene nun, warum glaubst du, ist ihr Leben so angefüllt mit hundert guten, fleißigen, wertvollen Dingen, hundert Dingen, die sie für sich allein, an denen ihr Mann keinen Teil hat! — Irene nannte den Namen einer bekannten Arztfrau, die ihren Mann zuerst mit Handreichungen, bei Narkosen, bei Mandeloperationen der Kinder und dergleichen unterstützt, und die mit der Zeit so viel bei ihm gelernt habe, daß sie nun selber ihr Examen gemacht und eine Frauenpraxis ausübe. Keine Frau, sagte sie heftig, die Verstand hat und sich bemüht, braucht eine Beschäftigung außerm Hause zu suchen, und jeder Mann braucht und hat gern eine Hülfe, zumal an einer Frau, und zumal wenn sie klug ist ...
Ich sagte kein Wort, wartete stillschweigend, daß sie selber stutzen und sich sagen würde, wie sehr sie, anti domum, wie man wohl sagen kann, gesprochen hatte, aber siehe da, mein Herz Irene merkte nicht das geringste — ja, wie sehr befangen in sich selber muß sie sein! — sondern war zu Doras Kindern übergegangen, die in Wahrheit, trotz Volksspeisungen und Gesang und Frauenverein, ihr tiefes und einziges Glück seien. —
Nun fallen mir die Augen zu. Ein wenig später kam auch Dora, dann wurde Irene schläfrig, und ich fuhr heim. Ägidi nahm ich mit in die Stadt, doch sprachen wir nur über Literatur und dergleichen. Ein Zug in seinem Gesicht schien mir — nun was soll das? — — — —“
Die Augen schließend und wieder öffnend, nahm Renate in diesem Augenblick das kleine, auf seinem schmalen Halse wie eine zarte Blüte vorgestreckte Antlitz von weißem Gips, über ihr auf seinem Pfeiler im Winkel, wahr. Verzaubert, als sähe sie es zum ersten Mal, liebenden Auges, fast schmerzlich geöffneten Mundes, nahm sie, ohne hinzusehn, die Feder auf und schrieb, ohne hinzusehn, regellos über das Blatt, die Lippen bewegend, weit offnen Herzens:
„Da aber gehst du wiederum über mir auf, schönes, ewiges weißes Antlitz des Sonnenkönigs; da meines müde ruhen will, Ech-en-Aton, mein weiser Freund, zeigst du mir das deine, emporgewendet unermüdlich zu dem unermüdlichen Gestirn, das nur fortging zu fremden Völkern, nicht unterging, um zu ruhn. Deine Tempel und deine Stadt, die du zum Dienst der Sonne errichtest, sind lange, lange in ungestalteten Staub zerfallen, du aber lebst immer, immer! Unerschöpflich deine unsterbliche Seele glüht in unendlichen Verwandlungen, immer sehnsuchtsvoller nur, immer eifriger nur, der einen, unaufhörlichen Flamme des Himmels zu, die Ewigkeit kostet dein sehnsüchtig immer küssend gewölbter Mund, meine Augen hängen an ihm, von selber findet die Feder ihren Weg, dein Antlitz wandelt sich magisch in der tiefen Nacht, atmet nicht schon die samtige Haut, rötet sie sich nicht unter der Berührung der gelben Strahlen? Unbeweglich steht dein Auge, steht das Auge deiner Seele, ganz in Flammen, ganz in Inbrunst, durch Jahrtausend um Jahrtausend, unverrückbar, unverbrüchlich, selig, seliger, vor dem Ziel.“
Georg, geblendet, schwer schlaftrunken, riß die Augen auf und kniff sie heftig wieder zu. Große rote Flecken sausten heran, schwebten, hielten still, dazwischen flackerte brennend Grünes, grüne Blätter, Baumwipfel, und Himmelblaues. Er rieb die Augen, merkte, daß er in der Hängematte lag, die Lider fielen ihm schwer wieder zu, in allen Gliedern knackte, sauste und prickelte der jählings abgebrochene Schlaf, der verdampfte. Ringsum brodelte der Juni, und da, seltsam fern, mitten im Sommer, schönem Schatten, Baumstämmen und Sonnenlichtern und herein leuchtendem Himmelsblau stand Egon mit seinem schwarzen Haarwisch in der Stirn und lächelte. Georg gähnte wie ein Löwe und kaute hervor, wie spät es sei? Durch eine Wand von Schlaftrunkenheit hörte er Egons Stimme: Gleich fünf Uhr. Und Herr Bogner sei eben gekommen, und auch ein Telegramm. — Georg brachte die Augen nicht auf im Gähnen, streckte die Hand aus und dachte: Ach, Bogner, — richtig, er brachte das Bild, für Helene ... Er zerrte die Füße aus den Maschen der Hängematte, saß da, krümmte die Arme gewaltig, dann den Rücken, reckte und dehnte sich, daß es krachte. Schließlich hockte er im Netz, den Kopf schwer vornüber hangend, in dem es kribbelte und summte; die Schläfen brannten, die linke Wange war wie Feuer von Jucken, und er kratzte sich wütend; eine Mücke mußte ihn im Schlaf gestochen haben. Was träumte ich nur? dachte er. Das war ja sehr sonderbar! Ich ging mit Bogner im Walde, und auf einmal war noch jemand da, ein großer, blasser Fremder, mit dem Bogner eifrig sprach, und ich blieb zurück, es war dämmrig im Walde und sehr grün, und dann, — dann war da, glaub ich, Saint-Georges, den fragte ich: Wer ist denn das eigentlich? und er sagte erstaunt: Das wissen Sie nicht? Es ist doch Christus. — Ja, das war, weil Bogners Bild den Gang nach Emmaus darstellen soll. Und dann gingen wir weiter, und ich dachte, wenn wir jetzt aus dem Walde kommen, muß gleich links Helenenruh sein, aber Helenenruh kam nicht, sondern ein fremdes dunkles Tal, und Bogner und — der Andre entwichen schon fern drüben zwischen den Stämmen, und gleich rechts stieg Renate ganz einsam den steilen Hang hinauf. Aber als ich ganz froh und zitternd zu ihr kam, wandte sie das Gesicht her, und da war es — Helene, — ja, und sie hatte das seltsame Antlitz wie auf Bogners Bild ... Sonderbar, wie so alles durcheinanderging, Bogners Bild und Helenenruh, wohin ich — ach, bald — bald fahre, zu Renate, die dort ist ...
Immer noch sehr dumpf, und schwer imstande, die Augen ganz zu öffnen, brach er nun das Telegramm auf und las mühsam die Maschinenschrift von dem sonneflimmernden Blatt: Lieber Georg, Ihre Mutter ist eben sehr schwer erkrankt, Sie müssen sofort kommen und auf alles gefaßt sein. In Liebe Renate.
Gott im Himmel, Gott im Himmel, Gott im Himmel ... Das Blatt wurde blutrot vor Georgs Augen, die Schriftbänder verbogen sich und zerfielen. Braun und leuchtend stand da der Kiefernstamm, schwarzfleckig; hoch oben breiteten die grünbehangenen Äste sich ins flammende Blau. Schwer erkrankt ... auf alles gefaßt sein ... In Liebe ... Das hieß? In Liebe ... Tot, dachte er, tot, — — sie ist tot. In Liebe hätte sie nicht in ein Telegramm geschrieben, sondern es hieß: in Mitleid. Georg bewegte schwer im Mund die klebrige Zunge; die Augenwinkel schmerzten, langsam ward es um ihn klar, er stand auf und ging auf schwachen Füßen, wankend davon, auf das Haus zu. Da war die weiße Tür, Bogners Gesicht. Georg blieb stehn, schnob ein verächtliches Lachen durch die Nase und dachte unter furchtbar aufsteigender Angst: Das Bild, das Mutter zum Geburtstag haben ... Sein Kinn zitterte, im Halse würgt’ es, seine Augen wurden feucht, beizend. — Da stand er vor Bogner, streckte ihm wortlos das Telegramm hin, fiel auf einen Stuhl und schluchzte zwei, dreimal trocken und würgend.
Aber wenn sie doch noch lebte?! Besinnungslos sprang er auf, taumelte erst, denn es war alles rot umher, und vom Schreibtisch, den Fenstern, der Lampe gab es nur fliegende Bruchstücke. Dann entdeckte er den Telephonapparat, stürzte darauf zu, nahm den Hörer ans Ohr, hörte die weibliche Stimme, wußte im Augenblick die Nummer nicht, erhaschte sie dann, sagte heiser: Achtundneunzig — achtundneunzig bitte! und wartete. Eine schnarrende Stimme schrie ihn an: Hier Adlerwerke! — Nun stammelte er zusammen, er habe neulich schon ein Automobil gehabt, ob er wieder einen solchen Wagen ... oder besser einen schnelleren, einen Rennwagen, jedenfalls den schnellsten, der da wäre ... Dazwischen nannte er seinen Namen, hörte dann, daß ein Wagen geschickt würde, er bat noch um einen guten Fahrer und um Benzin für sieben, acht Stunden. —
Sieben, acht Stunden, dachte er stumpf, am Schreibtisch hockend. Ohne zu denken, öffnete er die Schieblade und nahm einen Plan auf Leinwand heraus. Da fahr ich wieder zu einem Toten, murmelte er hülflos. Wenn sie nur noch lebte, nur noch ... Auf ein Räuspern hinter seinem Rücken wandte er sich um und sah Bogner dasitzen, das Telegramm in der Hand, das er nun langsam zusammenlegte. Dann blickte er auf, sah ihn ruhig an und sagte:
„Sie können trotzdem mein Bild ansehn. Ich will es hereinholen.“
Er sah Bogner aufstehn, zur Tür und auf den Flur treten, wo an der Wand das Bild lehnte, mit einem Tuch verhangen, so hoch wie Bogners Schulter. Er trug es herein, löste die Tücher ab, — es hatte noch keinen Rahmen, — und lehnte es schräg gegen den Pfosten der Schlafzimmertür.
Georg schauderte leise. Da war Nacht, tiefes Dunkel, braun, grünlich, das herunterhing; ganz tief unten zur Linken war Helle und ganz kleine Gestalten. Die Höhe des Raumes schien ungeheuer, er stieg oben in die Nacht auf, undeutlich waren Pfeiler sichtbar, ganz fern, aber kein Gewölbe, nur Nacht und ein, zwei weißliche, gelbliche Flecken von Sternen. Unten links war eine Fensteröffnung, durch die breit ein Lichtstrom hereinschwoll und zerstäubte an einer stehenden Gestalt in der Mitte des Bildes, die einen Arm, vom Schreck betroffen, nach links von sich streckte. Unterm Fenster, im vollen Licht war ein Tisch gedeckt, dahinter, geduckt vor Schrecken, ein Mensch. Und links daneben, hochangelehnt, die Arme leicht ausgebreitet, die flachen Hände auf der Tischplatte, ganz golden von Licht, — der Christ.
Emmaus ... zog es fern durch Georgs Staunen. Oh diese ungeheure Nacht! Und Nachtstille und Geschehn. Das Göttliche blühte schweigend aus dem Lichtstrahl auf und sah sich um. In der Nacht draußen war die ganze Welt, Sterne, Raum, Ebene, Getier, das Meer, die Finsternis, in unendlicher Stille.
Von der Gartentür her sagte der Maler:
„Ich sah dies in einer Kirche in Venedig. Die Wölbungen waren nicht so hoch, es war dunkel, nur in einem fernen Seitenschiff ein Lichtschein. Als ich hinging, saßen dort ein paar Priester und spielten Karten. Das alles hat sich im Laufe der Jahre sehr verändert.“
Nach einer Weile hörte Georg des Malers Stimme wieder:
„Und als ich eines Tages zufällig Conrad Ferdinand Meyers Gedicht zu lesen bekam, ‚die tote Liebe‘ heißt es, glaube ich, Sie werden es kennen ...“ Georg hörte die Eingangsverse: Entgegen wandeln wir — Dem Dorf im Sonnenkuß — Fast wie das Jüngerpaar — Nach Emmaus ... Und den Schluß: Da ward die Weggesellin — Von uns erkannt — Da hat uns wie den Jüngern — Das Herz gebrannt ... und dazwischen die Stimme des Malers weiter: „Da traf mich dies einmal: Da hat uns wie den Jüngern — Das Herz gebrannt ... Denn — — es ist so, daß wir wie die Blinden daherwandern, und die Augen gehen uns auf, wenn es zu spät ist, immer hinterdrein, und — wir wissen es nie gut; wir wissen es immer nur besser.“
Da hat uns wie den Jüngern das Herz gebrannt ... Immer wieder schlugen die Worte an. Wir wissen es nie gut, — wir wissen es immer nur besser ... Und nun war Helene tot, die — Mutter tot, — Mutter, — nicht meine, dachte Georg ratlos und konnte nichts anfangen mit dem Gedanken. Gott sei Dank, sie hat es nie gewußt! mußte er aufatmen. Aber wenn sie doch noch lebte? — In Liebe Renate. Ach, aus diesem Grunde schrieb sie: in Liebe! Georg biß sich auf die Lippen, jagte den Gedanken davon und fragte sich: Warum hat Magda nicht telegraphiert? Warum hat sie nicht telephoniert? Weil sie mich neulich schon zu einem Toten rief. —
Und — ach du mein Gott — nun schon wieder fort von Cordelia! Sein Herz verbitterte sich! Ist man einmal glücklich, so kommt was dazwischen! Ja, dann muß ich alles verschieben, jetzt länger in Helenenruh bleiben und mit Renate, — aber wie kann ich es recht anfangen mit ihr, wenn Trauerzeit ist? Schöne Gedanken, mein Georg, schöne Gedanken! — Er biß sich auf die Lippen. —
Sieben Stunden dauerte die Fahrt wenigstens, — oh diese Ungewißheit! — Georg schwankte, ob er nicht in Helenenruh anrufen sollte, — oder in Trassenberg, aber bis die Verbindung hergestellt war, konnte eine Stunde vergehn. Nein, nein, lieber die Ungewißheit! — Er erhob sich und klingelte. Zu Egon, der alsbald eintrat, sagte er, er müsse gleich nach Helenenruh, er habe schon einen Wagen bestellt, seine Mutter ... Egon sollte mit den Koffern im nächsten Zuge fahren. —
Unterdes hatte Bogner die grüne Stoffhülle vom Boden aufgenommen. Georg trat auf ihn zu, faßte seine Hand und brachte heiser hervor, der Maler möchte das Bild dalassen, er wisse nicht, was er ihm dafür geben könne, — und da der Maler freundlich und abwesend lächelte, so lächelte auch Georg und meinte:
„Ich hoffe, Sie schenken es mir, — ich werde sehn, — ich finde schon, was ich Ihnen als Gegengeschenk — — wenn erst alles ...“
Der Maler nickte und sagte: „Ich weiß ja ...“
Georg blickte noch einmal auf das Bild. Ja, — Christus war tot und mußte wieder kommen, damit sie alle glaubten. Eine hielt ihn für den Gärtner, die andern gingen, sprachen, aßen mit ihm, — dann erkannten sie ihn, und — ihnen brannte das Herz. — Er fühlte sein Gesicht glühend, schüttelte sich frierend und wandte sich ab.
Minuten später stand er vor einem flachen grauen Wagen, mit Radreifen und Benzintanks beladen, und hörte zu, wie ein Mensch ihm dies und jenes erklärte. Dann saß er am Steuer, riß den Hebel an, der Wagen stieß von unten, brauste auf, rollte, er drehte das Steuer, der Wagen, gehorsam, wandte sich mit ihm um und rollte die weiße Straße hinab in den grünen Sommer. Bald lag schon das heftig durchkreuzte Getümmel der Stadt, Plätze, Lärm und Getöse, Menschen, Automobile und Pferde hinter ihm, vor ihm, schnurgerade, die Chaussee, zwei Baumreihen, in der Ferne zusammenschmelzend, unterm glühenden Himmel, und der Wagen schnurrte darüberhin, daß Georgs Körper und sein Herz erzitterten. Verschwommen kreisten die Flächen der Haide, braun, dann Moore, wieder Haide, die Straße senkte sich und stieg so schnell, daß es kaum zu sehn war, wundervoll ruhig tuckte der Motor im Innern, Georg sah in der Glasröhre neben seinem linken Fuß das schwärzliche Öl langsam tropfen und undeutlich den beweglichen Zeiger des Manometers; sein Gesicht kühlte sich wohlig im eisigen Wind, ihn packte die Lust, hinzustürmen über die sich drehende Erdkugel, schnarrend wie ein Uhrwerk. Automatisch, wenn ein Pferd, ein Wagen fern sichtbar wurde, sah er die Hand des Mechanikers nach unten greifen und den Auspuff schließen. In der Ferne dröhnte hin und wieder die eigene Hupe. Ehern, rein blau, feurig blieb das Gewölbe des Himmels. Gehöfte unter Eichen, beschnittene Hecken, Hoftore, Eggen, Dämmerblicke in Kuhställe, Geranien vor Fenstern, heranlaufende Kinder, mitflüchtende, endlich querüber jagende schneeweiße Gänse, flatternde Hühnerscharen, locker vorbeischwebende, riesige fahrende Heuberge, der fliegende blaue Schleier einer vermummten Frau in einem Automobil, das überholt wurde, — all das flackte und spritzte in Fetzen auf und herum, und verflüchtigte sich in Augenblicken immer wieder in den stabgraden weißen Strich der Chaussee, die niemals endete, im Endlosen immer wieder aufgebrochen wurde, soviel sie in der Ferne zusammenzulaufen schien. Als die Flächen umher sich abendlich beschatteten, überließ Georg das Steuer dem Mechaniker, setzte sich in den Wagen und schloß die Augen.
Er verfiel alsbald in einen unruhigen Halbschlaf. Der Mückenstich auf seiner Wange brannte und juckte wiederum, er rieb und kratzte ihn und träumte dazwischen, so leicht, daß er selber wußte, er träumte. Er träumte, daß er im Automobil fuhr und in Helenenruh ankam, aber es kam nicht ganz dazu, er wachte wieder auf, schlief wieder ein und fuhr wieder, gelangte auch nach Helenenruh, aber es war alles dunkel, kein Mensch zeigte sich, und das Haus war ein ungeheurer, niedriger Langbau, an dessen Fenstern zu ebener Erde er hinunterging; hinter einem von ihnen sah er Menschen in einem Zimmer, die ihm etwas Liegendes verdeckten, und er dachte: Sie wollen es mir nur verbergen ... Seine Wange juckte wieder, er war wach, scheuerte sich und sah, daß es dunkel war, und daß die Chausseebäume, von den Scheinwerfern weithin beleuchtet, vorauseilten, kalkbleiche Gestalten zu Hunderten; dann tauchten drei Radfahrer auf und glitten dicht an ihm vorbei, zuletzt eine Frau in roter Bluse, die halbumgedreht einem kleinen weißen Hunde etwas zuschrie, der kläffend gegen den Wagen ansprang.
Georg ging nun an einer langen Mauer hinunter, er wollte zum Begräbnis seiner Mutter, es war schon spät, und er konnte den Eingang zum Friedhof nicht finden, der hinter der Mauer lag. Auf einmal kamen dunkel gekleidete, ernste Leute von allen Seiten, die sonderbare Gegenstände, unenträtselbare, in den Händen hielten, und er dachte bei sich: es sind die Leid Tragenden. Dabei merkte er, daß er selber nichts hatte, er mußte seines zu Hause vergessen haben, suchte vergebens und mit großer Verzweiflung an sich, aber es war nicht zu finden, — es zu holen, war es viel zu spät, er war auch schon mitten unter den Leuten und hielt sich beschämt dicht hinter den vor ihm Gehenden, immer besorgt und beklommen, daß es gemerkt würde. Nun sah er aber, daß sie gar nicht Alle etwas hatten, — nein, es hatte überhaupt niemand etwas, er atmete auf und schalt sich, daß er sich eingebildet hatte, man müsse etwas haben, und indem verschwanden die Letzten durch ein kleines Mauerpförtchen. Als er dort anlangte, kam gerade Benno von der andern Seite, unbegreiflich gekleidet, und fragte ernst: Willst du auch zum Grabe? — Ganz erleichtert wußte Georg nun, daß nicht seine Mutter tot war, sondern Christus, aber das war schon lange her, und hier war sein Grab zu sehn, es war in Jerusalem. Als sie nun durch einen großen Garten gingen, wo unter weitstehenden, mächtigen Bäumen hohe, gelbe Narzissen, einzeln und in Gruppen, aus dem niedrigen Grase ragten, sagte er zu Benno: Sonderbar! so hatte ich mir Palästina gar nicht vorgestellt. — Ja, so ist es in Okrodia, sagte Benno, und Georg verstand nun alles, nur war es jetzt nicht Benno, mit dem er ging, sondern einer der beiden Jünger von Emmaus, und er selber war der andre. — Nun war da vom weiten ein Gebüsch zu sehn, große, dichte Hügel von blühendem Rhododendron, rot und auch etwas weiß, und daneben kniete Maria Magdalena, Menschen in langen Kleidern standen um sie herum, auch andre in Gruppen anderwärts, und durch diese hindurch sah Georg die Tür des Grabes an einer Felswand offen, und Benno sagte: Das Begräbnis ist doch schon vorüber, wir können aber hineinsehn. — Georg geriet im Weitergehn an eine Gruppe von Menschen, die sich unterhielten, er dachte: sie beratschlagen wegen Pilatus, aber als er zuhören wollte, sprachen sie gar nicht, sondern standen bloß da, und keiner sah ihn an, er stand bei ihnen und schwieg und dachte: Das dauert ja endlos ... Zwischen den Beinen der Leute wurde Maria sichtbar, es war Cordelia, sie kniete und suchte auf der Erde, weinte heftig und sagte: sie haben ihn fortgetragen ... Ja, weiß sie denn nicht, daß er auferstanden ist? dachte Georg verwundert und wollte es ihr sagen, aber nun war er am Grabe und sah hinein. Stufen führten hinunter, ein großer, fremder Mann lehnte halb sitzend unten an einem Tisch, vor ihm stand Bogner und sprach unaufhörlich, und der Fremde war Josef von Montfort. Georg dachte enttäuscht: so habe ich es mir nicht vorgestellt! und ging an der andern Seite zur Tür hinaus, wo er Magda und Renate ganz eilig in ein kleines, dunkles Tal hinuntergehn sah; er folgte ihnen, indem er dachte: Sie wissen den Weg ja gar nicht, nach Emmaus geht es doch auf der andern Seite! aber er konnte sie nicht einholen, da seine Knie sich nicht bewegen ließen, er blieb immer auf der selben Stelle, stöhnte und ächzte verzweifelt, konnte endlich die Füße einen um den andern sehr langsam vorbringen, aber nun waren die Beiden verschwunden, ihm war sehr beklommen, daß er sie hatte falsch gehen lassen, er bewegte sich mit qualvoller Anstrengung weiter, wußte, daß er viel zu spät kommen würde, sah aber nun ein helles Licht aus der Ferne nahn, einen Menschen, der einen strahlenden Silberkelch vor sich trug. Das Gesicht war das seines Vaters, aber der Mensch war sein Vater nicht, es war Christus, und Georg brach in Tränen aus vor unsäglichem Glück, daß er ihm hier entgegenkam, er legte den Kopf an jene Brust und weinte endlos lange, in namenloser Wonne, zu weinen.
Als Georg erwachte, war ihm die ganze Brust noch so voll von Tränen und Schmerzensglück, daß er die Trockenheit seiner Augen nicht begriff. Es war Nacht, der Fahrtwind umsauste kalt sein Gesicht, im mächtigen Licht der Scheinwerfer bog sich die Doppelreihe schimmernder Stämme vor ihm auseinander und gleichfalls die Doppelreihe von hohen und aufrechten, kalkweißen Steinen, ähnlich Leichensteinen, die zwischen den Bäumen am Grabenrand standen; dahinter war die erst dämmrige, dann dunkle Grotte der Wipfel, auf die der Wagen zuschoß, ohne sie je zu erreichen.
Georg suchte nach seinem Traum, aber es zerstob alles vor ihm, nur das sonderbare Wort, das Benno gesagt hatte, schwebte noch eine Weile vor ihm, hieß aber dann richtig Arkadien, worauf ihm einfiel, daß sein Korpsbruder Schwalbe ihm einmal die Birken seiner Heimat so beschrieben hatte. Seltsam, daß auch Montfort, dieser Träumedeuter, hineingeraten war ... Und so blieb ihm schließlich nur sein Weinen unvergeßlich. Ach, dachte er, wo gäbe es eine Brust, an der sich so weinen ließe! — Renates gedachte er, nun würde er sie sehn, aber wie war alles anders! Er würde wohl für eine Weile mit seinem Vater nach Trassenberg gehn müssen, wenn der nicht etwa in Helenenruh blieb, aber seine Mutter würde doch jedenfalls in Trassenberg beigesetzt. — Da merkte er, wohin seine Gedanken voraufgeeilt waren, schalt sich erbittert, der Vers fiel ihm ein: Da hat uns wie den Jüngern das Herz gebrannt ... aber das seine brannte nicht, ihm war kalt vom Winde und heftiger Erregung vor dem Kommenden. Frierend zog er seinen Mantel an, hockte vorgebeugt und trieb innerlich mit wilder Ungeduld Fahrer und Motor an, schalt halblaut, wenn immer wieder gebremst wurde, da ein Dorf durchkreuzt werden oder der Fahrer eine Wegtafel lesen mußte. Gottseidank! er erhaschte von einem Wegweiser das Wort Böhne und die Buchstaben km, aber die Zahl entging ihm. Nun wartete er in immer kälterer Erregtheit, endlich tauchten die ersten Häuser von Böhne auf; der Wagen rauschte laut und langsam durch dunkle Straßen mit wenig Laternen, an erleuchteten, großen und gardinenverhangenen Scheiben der Restaurants vorüber, über den schräg ansteigenden Marktplatz, wo innerhalb der Lorbeerbäume und Efeuhecken in Kästen vor dem erleuchteten Ratskeller noch Menschen saßen, dann in enge Gassen hinein, um eine Ecke, wo Georg durch eine offene Tür mit geriffelten Gläsern über drei Stufen die Ecke eines Holztisches sah, einen Kutscher in blauem Fuhrhemd vor der Theke, dahinter die blanken Messingkrahnen und unter einem bunten Öldruck der Kaiserin den Wirt, ein rotes Gesicht, der von drei Gläsern mit hellem Bier mit einem kleinen Brett den Schaum niederstreifte. Nun über die Brücke, das Wasser war von schwarzen Bäumen und Zweigen verhangen, der Wagen warf sich hin und her auf dem Kopfsteinpflaster der Gartenstraße, wo in der Tiefe der Gärten, hinter Bäumen und Gebüschen die weißen Landhäuser schliefen, und nun endlos die Eisenbahnstraße neben dem Plankenzaun hinunter; eine Rangiermaschine schnaufte roten Funkenregen, da flog der gelbe, häßliche Bahnhof mit erleuchtetem Zifferblatt links vorbei, sie waren auf der Landstraße, der Wagen ruckte an und schoß davon wieder in die Nacht, zwischen den Stämmen der schwertragenden Apfelbäume auf die dunkle Laubgrotte der Ferne zu.
Noch fünf Minuten, sagte Georg. Eigentlich mußte es eine schöne Fahrt sein durch die Nacht, aber er empfand es nicht, saß eiskalt und zitternd, die Uhr, deren Zeiger er nicht sehn konnte, in der Hand, an der Aufziehkurbel drehend, ganz heiß war die Uhr. Plötzlich tauchten Rampe und Fensterreihen und der vorderste weiße Turm von Helenenruh aus der Nacht, hell sichtbar im Scheinwerferlicht, es ging die Rampe empor, der Wagen stand vor dem erleuchteten Portal, aus dem ein Diener eilte, der den Schlag aufriß, und Georg sah Magda im Innern über der Stufenreihe, blaß und viel verweinter, als nach dem Tode ihres Vaters. Sie kam herunter, Georg verwickelte sich mit den Füßen im Aussteigen in die Reisedecke, strauchelte und fiel Magda in die Arme; er atmete den wohlbekannten Duft ihres Haares, als sie die Stirn an seine Schulter drückte, stammelnd unter heftigem Schluchzen: „Alle — — Alle — gehn fort! Esther, — und Papa, und nun —“
Also tot ... tot ...
Ja, es war furchtbar für sie, furchtbar ... Georg streichelte ihren Rücken, sie machte sich los, trocknete ihr Gesicht, nahm seine Hand und führte ihn über die Treppen in den Klaviersaal, wo ihm Renate entgegenkam, schwarz gekleidet und mit verweinten Augen. Er warf den hellen Mantel ab und ging in seiner kalten, schrecklichen Beklemmung durch all die hellerleuchteten, fremd anmutenden Zimmer, voll steifer Möbel und großer, reicher Schränke mit Schnitzwerk oder Einlegearbeit, bis zum Zimmer seiner Mutter. In der Tür blieb er stehn.
Es roch stark nach Rosen. Der große und hohe Raum war mit Nacht gefüllt, in der Tiefe brannten zwei silberne Armleuchter mit vielen, rötlich strahlenden Kerzen; unter ihnen war ein weißes Lager, davor Rücken und Hinterkopf von Georgs Vater, der gebückt saß. Im Schatten hinter den Lichtern sah Georg die runden Wipfel von Lorbeerbäumen. Zu seiner Rechten sah er an einem, vor langer Zeit einmal erblickten, dunklen Empireschreibtisch unten die vergoldeten Löwenfüße schimmern, aus denen die Säulen wuchsen, dann auch das Gold an Eckenbeschlägen und den Knäufen kleiner Schiebladen; rötlich glänzte die Politur. — Georg stand furchtsam, hülflos, traurig und gelähmt. Endlich zwang er sich vorwärts zu gehn.
Sein Vater bewegte sich nicht. Georg blieb hinter ihm stehn, — es ist ja nicht meine Mutter, dachte er verstört und sah über einer goldenen Decke zwei steife, gelbliche Hände mit den Fingerspitzen gegeneinander gelegt; darunter kam ein Lilienkelch hervor. Dann steifes Leinen und Spitzen, eine Halskrause, und nun ein Gesicht, ganz klein, gelblich mit sehr hagrer und gebogner Nase, — mein Gott, wer ist das? — fragte Georg sich tief erschreckt und gewahrte nun die große, dunkle Locke, die unter der Ohrmuschel hervorquellend vorn auf den Spitzen am Halse lag, und sie erinnerte ihn an seine Mutter. Aber das Haar war in der Mitte gescheitelt, — nein, es war ein ganz fremdes Gesicht! und wie war dieser Mundwinkel seltsam gebogen! wie — hülflos ...
Georg sah und konnte es nicht verstehn. Es ist, sagte er sich, es ist — ja, — es ist ein Gebilde, was ist es nur? Es lebt ja nicht, Gott, es ist ein Mensch, aber sie lebt ja nicht! Es kann sich nicht bewegen, und wie gelb es ist, — es ist ja gar nicht wie — wie von Natur, es ist — — erstarrt, aber — — das giebt es doch nicht ... Ein Leichnam ... dachte er schwer und fühlte sich fast erleichtert, da die Tote nichts wahrnehmen konnte. Oh Gott, dachte er zerknirscht, dies ist ja nur zum Begraben, was soll man damit, wo ist denn die Seele? —
„Vater —“ sagte er leise.
Der Herzog bewegte sich, nahm das Gesicht aus den Händen und wandte es. Undeutlich sah Georg die vom Licht abgekehrten Züge, Augen, einen starrenden Bart und darüber, vom Licht durchsickert, das zerrüttete Haar. Eine Hand ergriff seine Linke und preßte sie schmerzhaft, dann stand er dicht vor der Toten, hörte eine rauhe Kehle etwas hervorstoßen und sich räuspern, dann die Worte: „Wohl ist ihr — — wohl — — und —“
Es brach ab; Georg sah, wie sein Vater den Kopf in die Hände stieß und sich schüttelte und so maßlos schluchzte, daß ihm selber die Tränen in die Augen stiegen, und er legte zaghaft eine Hand auf die Schulter unter ihm.
Wie sie Alle weinen, dachte er bekümmert und fremd. — Ach, sie weinten über das, was sie verloren hatten, — ja, freilich, — ich habe nichts verloren, dachte er bitter und vorwurfsvoll gegen sich selber. — Irgend etwas ward ihm plötzlich zuviel, er drehte sich um und ging leise wieder hinaus.
Im Klaviersaal fand er Renate und Magda am Harmonium. Renate saß, Magda lehnte müde, halb sitzend am Deckel. Sie sahen sich schweigend an, dann fragte Renate etwas leise, das er nicht verstand. Unfähig gegenzufragen, sagte er:
„Gestern“, sagte Renate, zu Magda aufsehend, „ging es ihr so viel besser, nicht wahr? sie sagte noch, sie fühlte sich ordentlich jung. Den ganzen Nachmittag und Abend war sie mit uns zusammen. Heut morgen kam sie auf einmal zum Frühstück herein, — ich sehe sie noch, in ihrem gelblichen Morgenkleid, ich stand am Fenster, du warst noch nicht im Zimmer. Dann — dann frühstückten wir zudritt, und auf einmal — sah sie uns groß an und sagte — ihr würde so sonderbar ...“ Renate schwieg. Ganz leise sagte sie dann: „Plötzlich — — plötzlich sagte sie: Ich glaube, ich —, senkte den Kopf und legte die Stirn auf den Tisch. Und dann — — dann fiel der eine Arm herunter.“
Renate schluchzte plötzlich auf und stammelte, das Gesicht im Taschentuch.
Georg hätte gern den Arm um sie gelegt, verbot es sich heftig und dachte: Darüber weint sie nun? Seltsam, worüber Frauen weinen.
Er ging wieder durch die Zimmer zurück zu seinem Vater und fragte ihn leise, ob er sich nicht niederlegen wolle, er selber würde wach bleiben die Nacht. — Eine Zeitlang blieb sein Vater unbeweglich, erhob sich dann, Georg reichte ihm seine Stöcke und fühlte sich plötzlich von ihm an die Brust gerissen und heftig geküßt. — Nun hat er nur noch mich, dachte er beschämt und angstvoll. — Er sah seinen Vater hinaushumpeln, stand noch eine Weile, ging dann durch die Zimmer zum Klaviersaal, löschte dort und zurückkehrend überall das Licht und setzte sich auf den Stuhl neben die Tote; aber bald schon stand er behutsam auf, fühlte Müdigkeit und ging zum Schreibtisch seiner Mutter. Im Stehen zog er diese und jene kleine Lade auf, sah Briefbündel darin, ein Medaillon, kleine Stöße alter Photographien, und öffnete endlich die breite Schieblade unter der Platte. Sie war unordentlich gefüllt mit hineingeschobenen Briefen, mit und ohne Umschlag, zusammengefalteten und ausgebreiteten Blättern. Obenauf lag eine Mappe, mit einem alten Brokatstoff überzogen. Georg nahm sie heraus, die Bänder hingen offen, er schlug die Deckel auseinander und sah, daß es die Verse waren, die er seiner Mutter zu Weihnachten abgeschrieben hatte, mehrere große Bogen ineinander. Auf der Titelseite stand in gemalter Lateinschrift der alte Sonnenuhrspruch: Vulnerant omnes, ultima necat. — Alle verwunden, die letzte tötet. Georg übersetzte es sich, an den Anfang eines Gedichts erinnert, das er nach dem Uhrspruch gemacht hatte. — Darunter stand: einige Gedichte für meine Mutter zu Weihnachten von Georg. —
Er setzte sich nun traurigen Herzens und dachte, die Gedichte zu lesen, warf einen Blick, halb andächtig, halb bittend auf die Tote zurück und las das erste Gedicht: