Er sah trübe zu ihr auf. Renate dachte gelähmten Herzens nur: Josef — und lügen, um sich einen Hintergrund zu geben? — „Aber ich habe dir Grüße auszurichten“, sagte er nun. „Ein gewisser Sigurd Birnbaum, weiland Cellospieler Renates, trug sie mir auf, mit dem ich gewisse Operationen auszuführen hatte, um einen gewissen Geheimbundsfreund in Tscheliabinsk aus der Katorga zu befrein.“
„Mein Gott, Sigurd,“ sagte Renate, „was ist aus ihm geworden?“
„Dort,“ erklärte Josef sehr ernst, indem er sich langsam erhob, „dort giebt es Idealisten. Aus Frankreich — es lebt sich dort angenehm, wenn man es versteht, für einen Franzosen gehalten zu werden, jedoch — aber das führt zu weit — jedenfalls kam ich von dort nach Russland und schloß mich der revolutionären Bewegung an. Dort verbrodeln die Menschen freiwillig und mit Gesang. Ich will dir etwas erzählen.“
Er setzte sich wieder hin. Was wird nur Onkel sagen? dachte Renate. Wird er ihn erkennen? Sie merkte, daß sie zitterte. Sie begann sich zu fürchten und hörte Josefs Stimme aus der Ferne, die langsam Satz um Satz hinsagte.
„Ein jüdischer Knabe war vierzehn Jahre alt, als er seine Eltern und deren ganzes, sehr großes Vermögen durch ein Pogrom verlor. Er ernährte sich selber, besuchte das Gymnasium weiter und wollte Apotheker studieren. Mit sechzehn Jahren wurde er bei einer Massendemonstration verhaftet, in Bausch und Bogen mit verurteilt und kam ins Gefängnis. Dort wurde er mit den sozialistischen Ideen bekannt, eignete sich das theoretische Wissen an und verließ das Gefängnis als Sozialist. Er verdiente Geld durch Unterricht, studierte, erreichte in der Bewegung bald eine führende Stellung, las viel und hungerte mehr. Als Redner bei einer Demonstration wurde er wieder verhaftet und kam für zwei Monate ins Gefängnis. Er und seine Arbeit waren für die Bewegung wichtig; daher ließ eine Studentin, mit der er zusammen gelebt hatte, sich jede Nacht in einem, dem Gefängnis benachbarten Holzlager einschließen, kletterte, obgleich auf sie geschossen wurde, zu seinem Fenster an der Mauer hinauf und tauschte Zeitungen und Berichte mit ihm aus. Er saß in Einzelhaft, durfte weder rauchen, noch lesen, noch irgend etwas tun. Er durfte eine einzige Stunde am Tage spazieren gehn und erhielt so Verbindung mit den sogenannten Kriminellen, das sind die wirklichen Verbrecher, unter denen er sozialistische Propaganda betrieb durch Reden und Broschüren, ihnen Verteidigungsreden anfertigte und sie vorbereitete. All dies durch die Klopfsprache, deren System ich dir ein andermal erkläre; man kann nach vier Seiten, oben, unten, links und rechts klopfen. Er organisierte unter anderm einen Hungerstreik wegen der Verurteilung von Leuten, die nichts mit der Bewegung zu tun hatten. Er war ein Idealist. Als er das Gefängnis wieder verlassen hatte, half er bei der Vorbereitung einer Revolution, reiste als Provisor, arbeitete in kleinen Orten, benutzte die Nächte zur Propaganda, zur Verbreitung gefährlicher Druckschriften, übernahm selbst deren Ausarbeitung und Druck, arbeitete zum Beispiel vier Wochen in einem Keller, um halb im Dunkeln eine Anzahl Broschüren mit der Handpresse zu drucken. Die Revolution brach aus, die Regierung organisierte eine Gegenrevolution, wie das da üblich ist, der Pöbel machte Pogrome, die Soldaten beteiligten sich an der Plünderung, die Sozialisten organisierten eine Miliz zum Schutz der Unbeschützten, und er wurde Hauptführer des Bundes jüdischer Sozialisten. Die Juden sind dort, wo er war, Fabrikarbeiter. Er wurde verhaftet und für lebenslang nach Sibirien verschickt. Nun ist in Rußland alles organisiert, auch die Bestechung; die Sozialisten haben eine eigne Gesellschaft gewissermaßen, auch eine Kasse, zur Befreiung der Militanten oder politischen Verbrecher. Er entkam während des Transportes mit einem Andern, sie fuhren sechzehn Tage auf der sibirischen Bahn als blinde Passagiere unter den Bänken der Waggons, verließen wenige Tagereisen vor Petersburg den Zug, hängten sich unter einen Wagen, um bei Nacht abzuspringen, aber der Freund hatte Angst, er mußte mit dem Revolver auf ihn schießen, sie sprangen ab und schürften sich die Haut. Die Organisation beförderte sie an die Grenze, er bekam einen falschen Paß, einen Verkehrspaß für Galizien, den dort jeder haben muß, darin stand leider, er sei ein alter Mann mit grauem Bart. Er wurde wieder verhaftet, brach allein aus, verschaffte sich Bauernkleidung, wanderte als Landarbeiter von Ort zu Ort, kam über die Grenze und durch Rumänien, Ungarn, Österreich, die Schweiz nach Frankreich. Als Ausländer wurde er an der Sorbonne nicht zugelassen, er arbeitete in einer kleinen Maschinenfabrik und organisierte dort einen Streik wegen schlechter Löhne. Seine letzte Kraftleistung war, den Fabrikbesitzer aus dem Fenster zu werfen; er arbeitete weiter in seinen Betrieben, als Buchbinder, lebte von dreißig Franken monatlich, aber seine Energie war zu Ende. Da kam aus Rußland jenes Mädchen, das ich erwähnte, die Studentin, sie brachte ihn in eine Apotheke als Laufburschen, wo er sich die französischen Namen der Medizinen aneignete. Er studierte wieder, es gelang ihm später, an der Sorbonne zugelassen zu werden, er studiert nun weiter. Die Examina sind dort in Pharmazie zahlreich und sehr schwer, er ist jetzt Provisor, um Geld zu verdienen, muß noch das Abiturientenexamen und Staatsexamen machen, um die Erlaubnis zum Besitz einer Apotheke zu bekommen. Ich lernte ihn kennen, da ich jenen Sozialisten, dem ich mit Sigurd zur Flucht verhalf, nach Frankreich brachte, wo er in Paris unter den Sozialisten eine bedeutende Stellung einnimmt.“
„Nun hast du wohl“, sagte Josef, „einen Begriff, wie andernorts Menschen leben. Im Vergleich zu ihnen — ich nannte eben absichtlich seinen Namen, denn es giebt mehr als einen solchen — lohnt es sich natürlich nicht, von mir zu reden. Ich nahm ja an alledem auch nur teil wegen der Bewegtheit, nicht wegen der Ziele. Sigurd Birnbaum übrigens studiert in Odessa, ist Assistent in einem Krankenhaus und der gute Heiland aller kranken Kindlein; übrigens — war er immer so finster? Er soll an Schwermut leiden und — ja, nun mußt du wohl zum Essen hinein.“ Er holte einen Zettel aus der Tasche. „Hier ist eine Adresse,“ sagte er, „wenn du Verlangen nach mir haben solltest, bin ich durch sie immer zu erreichen.“
Renate nahm das Blatt nicht, das er ihr hinstreckte, sah ihn nur an und sagte: „Josef!“
„Nein!“ versetzte er gebieterisch. „Bitte nicht, fordre nicht, es ist unmöglich. Du brauchst mir nichts zu sagen. Ich bin nicht erst seit heute in dieser Stadt, ich weiß alles, was sich während meiner Abwesenheit in diesem Hause zugetragen hat, ich weiß auch alles von dir, was sich durch dritte Hand wissen läßt. Vorläufig bleibe ich, ich bedarf etwas Ruhe.“ Er erfaßte ihre Hand, drückte den Zettel hinein und schloß sie darüber. „Willst du Gründe? Ein andermal wird Zeit dafür sein. Immerhin: ein Wort!“ Sein eines Auge starrte bedeutsam, während er schloß: „Erasmus; ich gedenke noch zu leben.“
Er zog die Uhr, hielt sie empor, um das Zifferblatt zu erkennen, und sagte: „Es ist hohe Zeit für dich. Daß du von mir schweigst, halte ich für selbstverständlich; es könnte sonst Unheil geben. Nun genug. Lebe wohl! auf Wiedersehn.“ Er bot ihr die Hand.
Renate erhob sich, legte die Hand auf seine Schulter und sprang von der Schaukel auf die Erde. Nun versuchte sie es noch einmal, richtete durch die Dunkelheit ihre Augen auf das seine und bewegte die Lippen. Angezogen, kam er ganz nahe, legte den Arm um ihre Schulter und, den Mund dicht vor ihrem, sagte er: „Was — —?“
Renate fühlte ihr Blut gerinnen. „Alles —“ sagte sie lautlos; und nach einem Augenblick: „— für deinen Vater.“
Er fuhr zurück, sein Auge starrte wütend, er stieß hervor: „Bist du denn wahnsinnig geworden?“ Drehte sich um und ging in Eile unter den Bäumen weg. Sie sah ihm fassungslos nach. Weiter unterhalb, wo es heller war über den Wiesen, kam noch einmal sein Schatten zum Vorschein. Sie fühlte den Zettel in der Hand, öffnete ihn und las trotz der Dunkelheit leicht das einsame Wort: Jason. — Sie sah etwas Weißes auf der Erde, bückte sich und fand das Paket, das er bei sich gehabt hatte; sein Stock lag darüber. Sie nahm beides und ging langsam in den Garten zurück, in die Kapelle, legte die Sachen auf einen Stuhl, ging hinaus, verschloß die Tür und ging durch den Garten ins Haus.
Vor der Tür des Eßzimmers hörte Renate von drinnen lautes Durcheinandersprechen und Gelächter; sie glaubte Ulrikas Stimme zu hören, legte die Handrücken gegen die Wangen und fühlte, daß sie glühten; die Hände waren eiskalt. Sie trat ein; ja, Ulrika war da, auch Bogner; Alle, Erasmus, Saint-Georges, sein Bruder und Magda saßen bereits essend um den Tisch. Renate blieb an der Tür stehn, klatschte, ihr Zuspätkommen und ihre Erregung zu verbergen, in die Hände und rief lustig: „Ach, sieh, der Maler mit den süffisanten Augen ist wieder da!“ Die Andern lachten, Ulrika rief, sie sollte sich schnell hinsetzen, sie kriegte sonst nichts mehr zu essen, fragte, was das heißen sollte: süffisante Augen, erklärte dann aber erst, daß sie und Bogner im Walde im Kreis gelaufen und wieder hergekommen seien. Nun bestand Bogner auf Erklärung seiner süffisanten Augen, aber Renate, in plötzlicher Mattigkeit, verwies ihn an Saint-Georges. Sie sah eine Tomate auf ihrem Teller, die dampfte, nahm die Gabel, löste den Deckel ab und zwang sich zu essen. Wie dröhnten denn die Stimmen? Selbst die ruhige von Saint-Georges summte bohrend in ihr Gehör.
„Dieser berühmte Maler“, sagte Saint-Georges, „pflegt die Dinge vereinfacht zu sehn, um nicht zu sagen, abstrahierend; er scheidet das Gewohnte aus und sieht, was fehlt, oder aber was da sein könnte, oder was zuviel ist, und was den Andern mißfällt, das gefällt ihm gerade, weil es krumm ist.“
„Ach,“ sagte Bogner heiter, „nun fällt mir ein, daß einmal jemand zu mir sagte, wenn ich ihn ansähe —“
„Bitte,“ unterbrach ihn Saint-Georges, „das hat er sicher nicht gesagt. Er hat gesagt: Wenn Sie einen ansehn — nicht ‚mich‘, nicht wahr? Die Gesellschaft ist ‚man‘, Renate, nicht ‚ich‘, das ist auch ein Eckstein davon.“
Renate sah seine Augen von drüben auf sich gerichtet; es kam ihr vor, als ob er alles wüßte. Sie nickte und senkte das Gesicht. Der Maler fuhr fort:
„Also, wenn ich einen ansähe, sagte er, hätte man immer das Gefühl, ein Westenknopf wäre offen, oder der Schlips säße schief, oder es wäre ein Fleck am Kragen, und man müßte immer an sich herumfummeln.“
„Siehst du,“ sagte Ulrika, „warum willst du auch niemals lachen! Du machst immer bloß so krumme Mundwinkel, und das sieht denn so heimtückisch aus.“
„Und dann vor allem,“ begann wieder Saint-Georges, „diese raffiniert sokratische Methode, alle Augenblicke zu sagen: Davon verstehe ich nichts.“
Renate zuckte zusammen; mein Gott, wie laut lachten sie denn, das prasselte ja nur so auf ihren Kopf herunter!
„Meinen Sie, daß Ihnen das einer glaubt, wirklich? Deshalb hält man Sie doch bloß für — entweder teilnahmslos — um nicht zu sagen: interesselos, oder hochfahrend, oder faul, oder für einen verkappten Anarchisten, Atheisten oder so.“
Plötzlich dröhnte Erasmus’ tiefe Stimme in das Gelächter, — aber nein, er saß ja ganz still da und sagte ruhig: „Wäre die Welt so undankbar, wie es nach Ihnen scheinen sollte?“
Ach, Erasmus war ein guter Mensch, und sein Bruder stob wie ein Windhund durch die Welt ... Renate griff nach der Tasse, um die aufsteigenden Tränen mit dem Tee herunterschlucken zu können, aber nun war der Tee so heiß, daß sie mit einem kleinen Schrei die Tasse wieder hinsetzte; sie lachte verlegen, die Andern verlachten sie, sie kühlte die Zungenspitze an der Serviette und war froh über ihr Ungeschick. — Magdas Stimme klang wohltuend leise:
„Ja, Erasmus, wenn man jemand so sprechen hört wie Saint-Georges, klingt alles so fremd, sieht so zerbrochen, so zerstückt aus, hoffnungslos, und die Menschen so ungütig. Ich kenne ja eine Menge Menschen, in Berlin, meinen Lehrer und ähnliche. Ja, sie lügen viel und beschwatzen sich, sie können ja niemals, wie sie wollen, sie hängen Alle voneinander ab, sie möchten gerne anders, ein jeder, aber —“ Sie stockte.
Ulrika hob die Achseln und meinte, die Künstler seien freilich die schlimmsten, nicht die Schaffenden, sondern die Darstellenden, die Virtuosen, denn da herrsche über alles der Agent.
Renate schlug nur das letzte Wort mit wildem Sinn ins Ohr, sie fuhr erschrocken auf und stieß hervor: „Was sagst du?“
Ulrika lachte. „Warum erschrickst du denn so?“ Renate wußte nichts zu antworten, hörte nichts mehr, nur Stimmengewirr, raffte sich endlich auf und sah, daß es Zeit sei, von Tische aufzustehn. Jähliche Todesangst im Herzen, zog sie Magda einen Augenblick an sich, strich ihr übers Haar, ging hinaus und trat über den Flur vor das Zimmer ihres Onkels. Sie glaubte, ihn nicht ansehn zu können, fühlte sich gleichwohl gezwungen, dies sofort zu versuchen, hinter ihr wurde die Tür geöffnet, sie drückte eilig die Klinke nieder und trat ein.
Der Schattenriß des alten Mannes war vor dem einen Fenster; er schien auf die Straße zu blicken; in den Fenstern stand das blaue Zwielicht. Gleich darauf fiel heller gelber Schein von unten herauf durchs Zimmer; die Laterne war draußen angezündet. Schritte waren hörbar und entfernten sich.
„Onkel!“ flüsterte sie. Er drehte sich langsam um, sie sah im Lichtschein seine Augen, einen Augenblick fast gedankenvoll. Schnell ging sie auf ihn zu, legte die Stirn an seine Schulter, umfaßte ihn an den Armen, hoffte inbrünstig, er möchte ihrem Leib anfühlen, was sie wußte. Sie zitterte, als sie seine Hand auf ihrem Rücken fühlte; Gott sei gelobt, dachte sie, er ist ruhiger geworden, er muß etwas empfunden haben, ja vielleicht wußte er es schon eher als ich! — Leise versuchend hob sie das Gesicht. Er sah wieder auf die Straße.
Aber nun schob er sie sanft von sich, sie trat zurück, er ging an ihr vorüber, legte die Hände auf den Rücken und begann im Zimmer auf und nieder zu gehn. Da fiel ihr ein, daß sie schon seit einigen Tagen seinen Schritt im Zimmer gehört hatte — ach, es war sicher, er — nein, ruhiger war er nicht geworden, das war ja Unsinn, er war ja immer die Ruhe selbst gewesen! Unruhig war er geworden, er ging umher, er sah auf die Straße, wartete, lauschte, suchte.
Im Augenblick überfiel sie gewaltig die Ahnung, die Gewißheit, daß Josef nicht fortgegangen oder daß er inzwischen wiedergekommen war, daß sie ihn finden konnte ... Aufgeregt schritt sie zur Tür und hinaus, lief die Treppe hinunter — seltsam, es war alles leer! wo waren denn die Andern? — Nun durch den Garten, den Weg hinab durch die Büsche; am Pförtchen lehnte ein Mensch, es war Georges. Ihr Herz sprang verzweifelt auf und stürzte. „Georges!“ rief sie halb weinend, „bist du allein?“ Sie mußte sich von ihm halten lassen, bebte an allen Gliedern und weinte. „Ich habe ihm alles versprochen,“ schluchzte sie, „was soll ich denn tun, mein Gott, was soll ich denn?“
Langsam fühlte sie sich wieder geborgen, ermannte sich, trat zurück und trocknete ihr Gesicht.
„War Josef da?“ fragte er leise. Sie nickte.
„Wenn er zurückgekommen ist,“ fuhr er begütigend fort, „wird er auch eines Tages ins Haus treten. Ich kenne ihn nicht, aber — er hat wohl kein Verbrechen begangen, aber das verwirrte Herz seines Vaters wird ihn doch herumtreiben und anziehn.“
„Ach, Georges,“ klagte Renate, „was hat er denn getan? Du weißt ja, was ich dir von seinem Vater erzählte, und da siehst du wieder: was ein Mensch tut, das allein macht das Unheil nicht aus; das Unheil, weißt du nicht mehr, damals sagtest du es selber, ja, Georges, du hast es mir erklärt: das Unheil bildet sich im Herzen. Josef ging nur fort, was war auch dabei? aber sein Vater nahm es als Strafe vom Himmel für eigenes Verschulden.“
Saint-Georges antwortete nicht. Sie standen schon wieder auf dem Gartenweg, Renate ging langsam zum Haus zurück. Beim Anblick der Kapellentür fielen Josefs Paket und Stock ihr ein, sie sagte Saint-Georges davon und bat ihn, die Sachen an sich zu nehmen, vielleicht in seines Bruders Zimmer zu bringen.
Sie gingen in die Kapelle, er machte Licht, Renate nahm das Paket auf.
„Vielleicht braucht er es aber“, sagte sie, streifte nach kurzem Zaudern die Hülle ab und hielt einen Lederkasten in der Hand, wie eine flache Zigarrenkiste groß. Am Ende ists etwas für mich! dachte sie und öffnete den Deckel, hatte aber kaum hineingesehn, als sie entsetzt alles fallen ließ, und was da am Boden lag, war Josefs halbes Gesicht; es sprang und rollte wie aus Kautschuk und lag still, eine halbe Maske. Saint-Georges hob sie auf.
„Sei ganz ruhig,“ sagte er, „es ist nichts Schreckliches, eine Maske.“
Sie trat voll Furcht und Abscheu näher, er drehte das Ding in den Händen, ja, es war ein halbes Gesicht, dem Josefs so ähnlich in der Tönung, Kinn, Wange, Stirnansatz und ein furchtbar blickendes schwarzes Auge, daß es sie durchschauderte. Sie stammelte ein paar erklärende Worte von Josefs Aussehn.
„Elfenbein“, sagte Saint-Georges, zwei Bänder durch die Hand gleiten lassend, die an der Stirn hingen; am Halsstück war eine, fast zum Kreis gebogene Spange aus Elfenbein, die wohl den Hals umschließen sollte. Saint-Georges entdeckte und wies ihr chinesische Schriftzeichen an der Innenseite und meinte, wenn es mit Josefs Gesicht so sei, wie sie sagte, so könnte die Halbmaske wohl in der Dämmrung oder bei halber Beleuchtung ein ganzes Gesicht vortäuschen; es sei kostbare Arbeit, nur ein Chinese könnte dergleichen anfertigen, ohne Zweifel würde sie ausgezeichnet schmiegsam passen. Seine Erklärung beruhigte Renate nicht; die Maske ihm aus der Hand nehmend, wieder schaudernd, dachte sie: die andre Gesichtshälfte von ihm habe ich nun in der Hand — und kann kein Ganzes daraus zusammensetzen. — Dann überließ sie Saint-Georges die Maske, der sie wieder verpackte.
Aber danach, zur Ausgangstür vorgehend, glättete sich ihr Empfinden. Fast, fühlte sie, hätte er mich hineingerissen in seine Fremde. Wie toste es schon, Meerflut, Inseln und fliegende Sterne, allein — wie hatte doch Georges gesagt? ‚Sie bleibt gleichgültig, regt sich nie auf und nimmt sich Zeit.‘
Indem sah sie ihn selber neben sich in der Türe stehn, die Blicke durch das Dunkel ruhig in die ihren senkend, und sie lächelte, die Augen schließend, ohne zu wissen warum.
Als sie dann ins Freie traten, fühlte Renate erquickend den vollen Strom der herbstlichen Nachtluft, und siehe da, über den Bäumen — ach, wie lange hatte sie es nicht gesehn! — schwebte Josefs Fenster in der Nacht, schöne, sanfte, grüne, gotische Fläche. Magda, oder auch Ulrika und Bogner mußten dort oben sein. Sie konnte die Augen nicht abwenden von dem tröstlichen Schein, folgte endlich Saint-Georges, der voraufgegangen war, minder verzagt und hoffenden Herzens.
Georg, aus seinem Schlafzimmer am Abend hervortretend, wo er die Koffer für Berlin geschlossen hatte, erschreckte sich vor einer geduckten kleinen Gestalt, die im Geisterlicht der Sphäre am Treppenfuß stand: Hesekiel. Ärgerlich auf Egon, der trotz häufigen Tadels wieder einmal zu faul gewesen war, nur die Stufen hinunter zu gehn, um die Kurbel der Hängelampe zu drehn, fragte er: „Nun, was ist denn, Hesekiel? noch ein Brief?“ indem er die Schreibtischlampe aufflammen ließ. Ja, Hesekiel hatte einen Brief, einen großen, sonderbar dicken Brief. Als Georg, im Stuhl sitzend, ihn aufschnitt, kam ein ganzer Pack beschriebener Blätter zum Vorschein, um den ein gleichfalls beschriebener Briefbogen geschlagen war; alles Cordelias Schrift. Georg klappte den Briefbogen auseinander und las:
„Die arme Seele sendet ihrem Gebieter diesen letzten Gruß.
Glück und Segen! Es ist alles gekommen, wie es beschlossen ward in dem himmlischen Rat, so wird auch das letzte bald geschehen sein. Glück und Segen! das Bett ist gemacht, bereit steht der Becher, bereit ist die arme Seele. Glück und Segen über das heilige Leben dessen, der dies liest.“
Georg flimmerten die Augen. Esthers dunkelfarbiger Schmetterlingskranz um die Kuppel der Lampe zuckte leuchtend und tanzte. Das Herz vom Angstkrampf zusammengezogen, starrte Georg. Das Ende, sagte er, das Ende ... Cordelia war ... war ...
Er nahm das Blatt wieder vor, seine Hände flackerten, er mußte es auf die Tischplatte legen, er las:
„Glück und Segen, die arme Seele ist nun nicht mehr da. Wo bist Du, Geliebter? Glück und Segen, ich bin schon den kleinen Fluß hinuntergeschwommen, schon rauscht der ewige Strom, ich hebe noch einmal die wieder verarmte Hand, es rauscht — horch, es rauscht ...
Glück und Segen, Glück und Segen!
Im großen, dunklen Meerstrom sind alle Wellen einander gleich. Was macht so dunkel den Strom, so groß, und die Wellen so gleich? Das ist die ewige Liebe. — Doch einmal, wenn Abend ist über der schweren See, die Rose, die himmlische, entfaltet ist an der unsterblichen Brust, so blinkt eine Welle auf ganz fern, die Du kennst, eine lächelnde Welle, die Dich erinnert an: Einmal ... Und Du sinnst: arme Seele, bist du’s?
Und so gehn die Jahre, so wandert die Zeit. Ist auch Dein Herz nun alt geworden, geliebte Jugend, Dein Haar ergraut, faltig Dein Mund? Die Berge stehn dunkel, so ernst sind die Sterne, nicht mehr lang ist der Weg, schon hörst Du den Strom.
Glück und Segen, das Leben war schön! Sang es der Wind, klang es der dunkelnde Baum? O mein sinkender Freund, es war die arme Seele! —
Viele Menschen kommen herein und stehn um einen Schläfer in friedlichem Schlaf. Da kommt auch die arme Seele mit ihrer Blume und ihrem Dank. Sie hatte einmal die Hände voll Gold — es ist alle geworden. Nun legt sie die kleine Blume auf die erstorbene Brust, ihr Amt ist nun aus, sie wandert ins Meer und vergeht. Wo bist Du, Geliebter?
Gute Nacht, schlafe wohl! Es muß wohl sein. In meiner Brust sitzt eine goldene Schlange, die will seit ewig hinaus, aus der himmlischen Schale zu trinken. Gott ist allzeit gut.
Ich liebe Dich, Geliebter, auch dort, wo Du mich nicht mehr siehst. Das Blatt ist aus, aus ist das Licht, aus ist das Leben. Geküßt tausendmal! Abschied — ich kann nicht mehr — alles gut.
Cordelia.“
Georgs Kopf sank langsam vornüber auf das Blatt und lag fest. Als die Umnachtung wieder gewichen war, sprang er auf, riß alle Kraft, die zu erreichen war, zusammen in das Jagen seines Herzens, sah Hesekiel stehn und sagte: „Weißt du, was geschehen ist, Hesekiel?“
„Is ein Unglück geschehn, Herr Doktor?“
„Es — es scheint so, Hesekiel. Sage mir jetzt — kannst du mirs genau sagen: warst du allein im Haus, als du gingst?“
„War ganz allein, Herr Doktor, sell kann i —“
„Wann bekamst du diesen Brief?“
„Gestern abend, Herr Doktor. Gnä Frau gab ihn mir. Gestern abend wars, so um halber acht herum.“
„Und was sagte sie?“
„Sehr lieb und gut war s’, wie halt immer. Gab mir den Brief und sagte, daß ich ihn bringen soll, heint, wenn dunkel wär. Ach, Herr Doktor, is am End gar g’storm, gnä Frau?“ Hesekiel fing an zu weinen.
Georg legte ihm bewußtlos die Hand auf die Schulter. — „Ich muß sie sehn,“ fuhr er dann auf, „ich muß wissen, muß — Hesekiel, sage mir — besinne dich, sage mir: weißt du die — die andre Wohnung von gnä Frau?“
„Sell weiß i net, Herr Doktor.“ Georg sah es wieder dunkel werden. „Man könnt am End — am End könnt ma nachschlagen im Adreßbuch ...“
Natürlich, mein Gott! das gabs ja, Adreßbuch ... Georg lief ins Ankleidezimmer, wühlte Mütze und Mantel hervor, dann stand er wieder vor Hesekiel, sah gleichzeitig den Stoß Blätter noch ungelesen auf dem Tisch liegen, raffte ihn samt dem Brief auf und steckte ihn in die Tasche. Hesekiel nahm er mit sich ins Freie und schickte ihn mit irgendwelchen Worten nach Haus.
Cordelia nicht mehr da! Nicht mehr da, mehr da, mehr da ... Das Ende ... das Ende ... Georg jagte die Allee hinab, über den Platz, auf ein erleuchtetes Schild ‚Schloßwende‘ zu, stand dann vor einer Theke, eine Frau gab ihm ein Adreßbuch, er blätterte, suchte, er fand endlich: Severin, Karl, Tischler; Severin, Doktor; Severin — plötzlich, furchtbar deutlich: Severin, V., Privatiere, und C., Schauspielerin, Inselbrückstraße 9, Hinterhaus 2 Treppen.
Georg lief wieder durch schwarze, nasse Straßen mit Laternen. Inselbrückstraße — ganz in der Nähe — Gerberstraße — Inselbrücke — da war die Hartwigstraße, er bog ein ... Severin, V., Privatiere ... O, sie hatte eine Schwester! — Georg mußte an einer Laterne stehen bleiben und den Schweiß von der Stirn trocknen. Er merkte plötzlich, daß er sich fürchtete. Inselbrückstraße, eine verrufene Gegend ... Er schüttelte den Kopf und ging weiter mit lahmen Füßen, dann wieder schneller durch die enge Buchbinderstraße, wo es fast finster war. Er hörte Schritte hinter sich, längere Zeit, plötzlich eine Stimme, die seinen Namen sagte, blieb stehn und drehte sich um. Ein großer, breitschultriger Mensch zog den Hut, es war — war? — Josef von Montfort. Merkwürdig sah sein Gesicht aus ...
„Aufs höchste entzückt, lieber Prinz! Sie erinnern sich doch meiner?“ Der fast schmerzhafte Händedruck brachte Georg zu sich. „Ja, da streift man so herum durch abenteuerliche Gegend, und da findet man die Erlauchten. Aber — mein Gott, Prinz, wie sehen Sie aus? Was ist Ihnen?“
Georg fühlte, daß sich ein Arm um seine Schulter legte, daß er weitergeführt wurde, und vergaß sein Erstaunen über die Begegnung vor großer Erleichterung.
„Ich verstehe, ich verstehe schon“, hörte er begütigend hinter sich sprechen. „Ein Unglück, ein Schmerz, eine Tote vielleicht? Kopf hoch, mein Junge, nur ruhig, nur ruhig! Wohin geht der Weg?“
Georg sagte: „Zur Inselbrückstraße. Ich bekam einen Brief. Ich — jemand wohnt dort, der ... Ich war nie dort ... Ich wäre dankbar ...“
„Gewiß, aber gewiß! Nun nur ruhig! Wir werden alles an uns herankommen lassen. Inselbrückstraße — eine böse Gegend. Und die Nummer? Sehen Sie, da ist die Brücke schon!“
Die Brücke, überragt von eisernen Trägern und Balken, lag schwarz im Schein ferner Laternen, umrieselt von leuchtendem Nebel. Georg nannte die Hausnummer. Als sie fast hinüber waren, sah er zu seiner Linken, am gemauerten Flußufer hinunter die Inselbrückstraße, Laternen, dampfend, dunkle Häuser und helle Fenster. Montfort, der die Hand unter seinen Arm geschoben hatte, schwieg. Gestalten kamen, nicht als ob sie gingen, sondern wehten, weibliche, in Pelzen und riesigen Hüten, ein Mann schlich an der Hauswand, zwei weibliche blieben stehen, Georg sah ihre gefärbten Gesichter deutlich im Vorbeigehn. Er hörte Montfort etwas murmeln, fühlte sich angehalten und blieb stehn. Nun bekam er sich wieder fest, las von einem, viereckig um eine Lichtkugel gebogenen Glasstreifen ‚Unionkino‘ in roten Lettern und sah eine transparente Glaswand darunter leuchten von Schrift und gemalten Indianern. Daneben war ein schmaler Hausflur und daneben eine große, dunkle Torfahrt mit geschnitzter Tür, über der in einem kleinen blauen Oval deutlich eine goldene Neun erschien. Montfort erfaßte den Drücker und bewegte ihn, die Tür war zu.
„Das war zu denken“, sagte er. „Und dies Haus —“
Indem lehnte sich zu einem offenen Parterrefenster neben der Torfahrt ein fettes Weib heraus, rief: „Man Geduld, meine Herren, ich komme sofort!“ und verschwand.
„Um Gottes willen, das ist ein Bordell!“
„Ja, da wollen wir nicht hinein. Kommen Sie, es wird sich anders machen lassen.“ Montfort zog ihn zu dem Hausflur, in dem Georg jetzt einen Billettschalter entdeckte. Montfort bezahlte, empfing zwei rote Billetts, sie traten auf einen Vorhang zu, der den Flur versperrte, doch wurde er im selben Augenblick von drinnen zurückgeschlagen. „Erster Platz!“ rief eine weibliche Stimme, ein Mann ließ sie eintreten, Georg sah Finsternis, dann einen Lichtkegel, der aus dem Hintergrund breit nach vorn flutete, darunter eine Menge beleuchteter Gesichter, ebensolche gerade vor sich, etwas höher, Stehende, die nun vor ihnen bereitwillig auseinander wichen, da der Mann sie den Gang hinunter führte. Sein Gesicht war Georg plötzlich ganz nahe, indem er sagte: „Einen Augenblick, meine Herren, es wird gleich hell.“ Dann ging er wieder nach vorn.
Eine Weile standen sie, und Georg sah das Flimmern und Zucken der schwärzlichen Bildfetzen auf der Leinwand. Dann fühlte er sich an der Hand ergriffen, Montfort zog ihn zu einer Tür, über der ein Licht war und auf einem Pappdeckel ‚Erfrischungsraum‘ zu lesen stand. Nun war da ein kleiner Flur mit Türen links und rechts und schräg gegenüber. Auf der linken stand wieder ‚Erfrischungsraum‘, über der rechten ‚Toilette‘, Montfort trat zu der gegenüberliegenden — ein rotes Licht neben der Aufschrift ‚Notausgang‘ brannte darüber —, öffnete sie, sie standen in einem dunklen Hof. In der Nachthöhe hier und da schwebte ein leuchtendes Fenster. In der Rückseite des Vorderhauses waren viele große Fenster hell, und Georg konnte durch ein offenes in einem erleuchteten Raum einen Mann sehn, der sich ein wollenes Hemd über den Kopf streifte, worauf ein gelber Vorhang davorfiel.
Und nun fiel ihm ein, daß er hier Cordelia suchte ...
Im Finstern hinten waren zwei wandgroße Öffnungen, in denen es gräulich dämmerte. Montfort murmelte etwas von Speichern und dem Fluß, während Georg hinter ihm über das glitschige Pflaster ging. Eine Türöffnung war da, ein Flur, ein Treppenhaus, und auf einmal ein kleiner Lichtkegel, der umher tastete. „Wieviel Treppen?“ fragte Montfort; Georg erwiderte: „Zwei!“ Sie tasteten sich vorwärts, stolperten über Stufen, dann sah Georg im Lichtschein der kleinen Taschenlaterne das Geländer und die Stufen der Treppe und folgte Montfort hinan, krampfhaft bemüht, zu vergessen, was bevorstand. Das Steigen dauerte endlos, die Hand am Geländer. Endlich stand Montfort vor einer Türe still und sagte: „Wir sind oben.“
Sie mußten unter dem Dach sein. Der Lichtkegel schöpfte aus der Tür ein Porzellanschild heraus, auf dem klar und leserlich der Name ‚Severin‘ stand. An der glatt braun gestrichenen Türfläche war nur ein metallener Knopf. Indem erlosch das Licht.
Das dauerte wieder endlos ... Anklopfen — Warten — Anklopfen, lauter. Die Schläge dröhnten durch das Haus. — „Wir müssen öffnen“, sagte Montfort. Das Licht blitzte wieder auf und erlosch, Georg hörte rütteln; gleich darauf flog die Tür gegen seine Stirn, daß er zurückfuhr.
„Nun bitte ruhig sein,“ flüsterte Montfort, „ich werde vorangehn. Aber da ist ja Licht!“ Er zauderte.
Undeutlich quoll das rötliche Leuchten aus dem Hintergrund, wie es schien, über eine Wand empor, die halbhoch war. Im wiederaufleuchtenden Laternenschein gewahrte Georg Schränke, einen Stuhl, ein Sofa an den Wänden eines kleinen Korridors, dann erlosch das Licht wieder, und Montfort sagte leise: „Ich habe etwas gesehn, warten Sie“, worauf Georg ihn nach links hinüber gehn sah.
Dort — er zuckte zusammen — stand ein Mensch, stand ganz gerade und still; nur den Kopf hielt er tief gesenkt. Darüber war das bleiche Quadrat eines schrägen Fensters im Dach.
„Nein,“ hörte er Montfort laut und langsam sagen, „das kann sie nicht sein“, und trat zitternd näher. „Machen Sie doch Licht“, sagte er.
„Man muß nicht alles beleuchten.“
Und nun sah Georg, da das Dunkel sich aufhellte, einen Kopf mit weißlichem Haar, das Genick und eine Schnur, die nach oben verlief. Arme standen seitlich ab. Alle Kraft zusammennehmend, zischte er wütend: „Machen Sie doch Licht!“ — Aber er fuhr doch gepeitscht zurück, als er die kleine, in Kleidern schlottrige Figur mit abstehenden Armen und hängendem Kopf dastehen sah, die zwischen Zahnreihen hervorstehende Zungenspitze, das Zahnfleisch, zurückgeraffte Lippen, die lange spitze Nase im weißen Gesicht und nun auch das Weiße in halboffenen Augen, aus denen ein schiefer, listiger Blick zu ihm sprang. Dennoch fiel eine Berglast von seiner Brust. „Das Gespenst“, flüsterte er heiser. Und dann, erklärend: „Ihre Schwester.“
„So, so. Aber was hat sie denn da?“ Indem machte der Arm des Leichnams einen Ruck und hielt Georg einen langen Papierstreifen hin. Montfort lenkte den Lichtkegel darauf, faßte das Handgelenk und drehte es herum, fing dann an zu lesen:
„Unser keiner lebt ihm selber, und unser keiner stirbt ihm selber. Leben wir, so leben wir dem Herrn, sterben wir, so sterben wir dem Herrn, darum wir leben oder sterben, so sind wir des Herrn.“
Er hatte schön und ruhig gelesen, und als Georg jetzt hinzutrat, konnte er sehn, daß es Cordelias Schrift war. In plötzlicher Kälte und Gelassenheit drehte er sich darauf um, öffnete eine lose kleine Tapetentür und fand sich in einem großen Raum mit zur Hälfte schrägem Dach, in dessen Hintergrund auf einem Tisch ein schöner messingner Tempelleuchter mit einigen halb herabgeschmolzenen Kerzen brannte. Darunter funkelte etwas Blutrotes, ein Glas, und dahinter, an der Wand, stand ein Bett, über das Cordelias schwarzer Seidenmantel gebreitet war, weit, bis auf den Fußboden herab.
Lange Zeit kam Georg nun nicht weiter. In seine Augen brannte der rote Becher, und dahinter zeigten sich unbekannte Erscheinungen: eine Frau in einem dunklen Laden mit einem Kopftuch, ein Schaufenster voller Lampen und Geschirr auf Regalen, ein altes, plumpes Kirchenschiff, — bis er plötzlich, weit rechts von dem Glase, am Ende des Bettes, zwei weiße Füße gewahrte, die gegeneinander gewinkelt emporstanden. Und jetzt zog Cordelias Antlitz wehend vorüber in einem schmerzlichen Gefühl. Er trat näher an das Bett, es waren Umrisse eines Körpers unter den schwarzen Seidenfalten zu erkennen, die stark glänzten. Hier sollte Cordelia liegen ... Und dies waren ihre Füße ...
Und nun sollte der Mantel von oben aufgehoben werden, dann würde etwas — da — sein ...
Georg wußte nicht, wie, doch nun hatte er den Mantel aufgeschlagen, und dort lag ein Gesicht und — es schien Cordelias Gesicht.
Er beugte sich darüber und sah von oben auf zwei festgeschlossene Augenlider unter einer fremden, sehr reinen Stirn, von der das braune Haar zur Seite gestrichen war. Aber dann — ein Schauder, nie gekannt, rieselte durch seinen ganzen Leib — sah er das Lächeln eines Mundes, das ausströmte, mit einem namenlosen Triumph, gegen sein Herz.
Plötzlich war alles in ihm ausgelöscht und vernichtet. Nur das Lächeln noch strömte sich unaufhörlich aus. Das ganze, weiße, weiche, sanft gerundete Antlitz unter ihm schwieg in tiefem Schlaf; schwieg sich in Ewigkeit aus, schwieg, leuchtete ihn an mit grenzenlosem Schweigen. Und auch das Lächeln schwieg, schwieg und gebot Schweigen. Da war nur dieser Mund, der sein Lächeln festhielt; festhielt mit beiden hochgebogenen Winkeln, um nicht aufzuhören mit Lächeln, nicht auf-, nicht aufzuhören mit Lächeln.
Und dies war jenseits; jenseits von allem, von jedem Ahnen und jedem Wort. Sie lag und wußte; wußte, daß sie schlief; lächelte, lag, lächelte, weil sie wußte, alles wußte, alles, alles ...
Georg wandte sich langsam fort. Hier war nichts mehr. Kein Tod, kein Schmerz, kein Verlust. Nur — Ende. Sie war drüben.
Aber, unwollend die Hände in die Manteltaschen senkend, fühlte er Papiere in der einen und erkannte beim Herausziehn Cordelias Schrift. Längere Zeit verging, während es ihm einfach schien, die Blätter in eine der Kerzenflammen zu halten, allein das Gefühl: Cordelia, jene, die Andre, habe sie geschrieben und für ihn bestimmt, hielt ihn zurück. Nach einem Stuhl umherblickend, hörte er ein leises Geräusch; in der rötlichen Lichterdämmerung des Raumes stand die hohe und dunkle Gestalt Josef von Montforts, der zum Bett hinsah — seltsam, mit einem lebendigen und einem starren Auge, und wie der Länge nach mittwärts gespalten schien sein Gesicht. Georg winkte ihm, näherzukommen, sah ihn herzutreten und vor das Bett, worauf er nach einem Blick auf das Antlitz überrascht zurückfuhr, dann wieder sich überbeugte und in dieser Haltung verblieb, so lange, daß Georg, einen Stuhl entdeckend, ihn herbeitrug. Nun stand Montfort wieder aufrecht, den Blick in die Leuchterflammen geheftet, und sagte nach einer Weile wie zu sich selber langsam: „Das war ja fast zum Fürchten ...“ Dann wandte er sich zu Georg.
„Sie wollen etwas lesen?“ fragte er mit Zartgefühl gedämpft. „Ich werde nicht stören. Sie werden mir aber erlauben, daß ich Sie nicht allein lasse in diesem Hause.“
Er neigte ernst den Kopf, und Georg sah ihn auf den Fußspitzen durch den Raum zurückgehn und hinter der kleinen Tür verschwinden, — wobei er sich nun des abscheulichen Leichnams erinnern mußte, der dort hing, doch hinderte ein Streifblick auf den unwandelbar lächelnden Mund alle weiteren Gedanken. Er stellte den Stuhl neben das Bett, setzte sich so, daß er das schlafende Antlitz mit jedem Blick über den Rand des Papiers erreichen konnte, faltete die Bogen auf und las.
Ein ganzer Monat fast ist vergangen, seit ich Dich zum erstenmal sah, und zu einem Entschluß bin ich nicht gekommen. So bin ich hierher gefahren in den kleinen Haideort, dessen wunderlicher Name Cananoë lieblich an Kindheit und die geheimnisvollen Kähne der Indianer erinnert, die man Kanoee nannte. Es ist kühl, windig, der Himmel bewegt — zum Abschied, zum Willkommen? — er selber weiß es kaum, wie es scheint, ob es Herbst ist oder April hier unten in der Welt. Meine Fenster zu ebener Erde im kleinen Bauernhaus gehen auf den Obstgarten hinaus, der noch ganz kahl ist, und ich kann beim Schreiben durch den Raum hinten die braune, kahle Haide zu Hügeln mit schwarzen Wacholderstauden ansteigen sehn, und dahinter den blauen Himmel, in den kleine und größere Wolkenballen lichtweiß unaufhörlich hineinquellen ... Und unaufhörlich wechseln Sonnenschein und Beschattung. Zu hören ist nichts als der Wind und fernes Schnattern von Enten.
Und so will ich denn einmal mein ganzen Leben ausbreiten vor mir und vor Dir, denn ich ahne wohl, daß Du einmal diese Zeilen lesen wirst. Ausbreiten wie ein elendes Gewand, an dem alles und alles zerrissen ist. Und muß wohl anfangen mit dem Anfang. Wie soll der Anfang heißen? — Es war eine arme Seele.
(Denn sie war ein paar Jahre im Paradiese der Kindheit und dann immer im Fegefeuer.)
Das Haus, in dem sie geboren wurde, hätte seinem Namen nach das allerheiterste sein müssen, und für die arme Seele, die sieben Kinderjahre darin verlebte, war es das auch. Viele schöne, blondhaarige und schwarzhaarige Wesen in himmelblauen und rosenfarbenen Gewändern waren im Wachen und Träumen um sie her, pflegten sie, badeten und liebkosten sie und lachten beständig, und als sie erst so alt war, daß sie Märchenbücher lesen konnte, wußte sie ganz genau, daß es Feen waren, und sie ein Königskind, alldieweil nur solch eines Feen und Elfen zu Dienerinnen haben konnte, alle Tage Schokolade trinken und Zuckerwerk essen, soviel sie mochte. Dazu gab es allezeit, besonders aber am Abend, eine himmlische, geheimnisvolle Musik zu hören, auch des Nachts, wenn sie einmal aufwachte, Musik und Gesang, Gelächter und Gläserklirren aus den schönen Zimmern und Sälen voller Spiegel und Lampen und kostbarer Teppiche. Und von Allen wurde sie liebgehabt, wurde geküßt und gedrückt, war immer die einzige ihrer Art und führte das wunderbarste Leben. Du verstehst wohl, daß es ein Freudenhaus war. — Ihre Mama, eine große, dunkle Frau mit blitzenden Steinen in den Ohren, war die Herrin, der all die Schönen dienten und zuweilen böse von ihr gescholten wurden. Dann legte die arme Seele sich ins Mittel, es gab Gelächter, und alles war in Ordnung.
Diese herrlichen Tage dauerten, bis die arme Seele sieben Jahre alt war. Da kam auf einmal ein großer Jammer und Aufruhr, die Mama lag ganz bleich zwischen Kerzen und grünen Bäumen, Alle weinten, obschon es sehr feierlich war und nicht traurig, also weinte sie auch. Dann kam ein großer, starker Mann mit einem schwarzen Schnurrbart, der schon manchmal die arme Seele auf seine Knie genommen hatte, wenn er einmal da war, und gesagt, er wäre ihr Papa. Er gefiel ihr nicht besonders; böse schien er nicht zu sein, aber er roch häßlich und nahm die arme Seele mit fort.
Nun wurde es beinahe noch herrlicher. Die Feen waren zwar weg, aber dafür kamen die Tiere. Alle Tiere aus den Bilderbüchern kamen, waren ganz zahm und fraßen aus der Hand, Pferde, ganze Reihen und in allen Farben, schwarze, braune und weiße, die buntesten Katzen, Hunde aller Arten, vom kleinsten Rehpinscher bis zum riesigen Neufundländer, Affen in bunten Soldatenjacken, ein großes Schwein, eine Menge Gänse, Ziegen und Esel und die ernsten Kamele, und vor allem zwei ungeheure, graue Elefanten. O und auch wilde gab es, die einen durchdringenden, ganz betäubenden Geruch ausströmten und nur durch Eisenstangen gesehen werden konnten, Löwen, Tiger, Jaguare und Leoparden, und das war mit das herrlichste, ganz klein im Dunkel zu stehn und in dem wilden, starken Geruch und sie hinter den Gittern am Boden liegen zu sehn, ganz schlaff wie Häute, aber sie atmeten heftig, und auf einmal, wenn sie den Kopf hoben, erschienen ihre gelben Augen, die eine Weile Ausschau hielten in weite Ferne ...
Die Menschen dahier waren mit der armen Seele stets lustig und freundlich, jedenfalls die Männer, die fürchterlich stark waren oder fürchterlich gelenkig; sie meinten es gewiß gut, wenn sie die arme Seele mit einer Hand an die Decke schwangen, aber ihr Geruch war schwer zu ertragen. Die Frauen hier kümmerten sich weniger um die arme Seele, gingen bei Tage grau und mürrisch umher und strahlten erst am Abend, wenn die Vorstellung kam und alles anfing zu glänzen.
Und alle paar Tage gabs eine andre Stadt zu sehn und dazwischen wundersame Reisen in der langen Wagenkolonne. Sind denn alle Wandertage durch das flache Land Sommer- und Sonnentage gewesen? Die wenigsten waren es wohl, aber nun ist da nur ein unendliches Lerchengetriller, unendliches Himmelsblau, sind die gelben Wände der Kornfelder, aus denen man mit vorsichtigen Armen große rote Mohnblumen und blaue Cyanen herausholen durfte, sind die weißen Landstraßen mit den vielen Schatten der grünen Wagen und der Pferde, die kurzen, wunderlichen Schatten, die unter einem fortzogen, wenn man sich abmühte, darauf zu treten, und sind die schmalen grünen Streifen zwischen Straße und Grabenrand, auf denen man sich immer wieder lange, lange bis zum Schreien und Winken der ganz klein gewordenen Kolonne vergessen konnte, im Suchen nach einem Vierblatt unter den aberhundert kleinen grünen Blättern des Klees.
Ein komischer alter Mann war da, der immer kaute, ganz vertrocknet im Gesicht, schief, mit einem Holzbein, ein gewesener Clown, dem einer von den Löwen das fleischerne zerrissen haben sollte, der war ihr Lehrer. Er muß viel mehr Kenntnisse gehabt haben, als die arme Seele damals ahnte; viel später merkte sie erst, was alles sie gelernt hatte, ohne je in eine Schule gegangen zu sein.
Im Zirkus zu arbeiten brauchte sie nicht. Sie hatte sich gleich beim ersten Versuch etwas gebrochen, wobei sich herausstellte, daß ihre Knöchlein zu zart waren für diese gefährliche Arbeit. So wars ein glückliches Leben, und das ‚Schönste‘ darin ist noch nicht einmal beschrieben.
Später aber wurde alles immer blasser und farbloser, sie wuchs heran, und eines Tages starb auch ihr Vater. Sie und ihre Schwester kamen damals zu einem Onkel ins Haus, der sie ungern nahm, sich aber später mit der armen Seele ganz gut vertrug, ein strenger, trockner Mann, knochig und wortkarg, der einen kleinen Weißwarenladen hatte in einer süddeutschen Stadt und Guttempler war. Hier ging die arme Seele auch eine Zeitlang in eine richtige Schule, aber dann kam eine böse Zeit endloser Kämpfe und Schmerzen, denn sie wollte nun Schauspielerin werden. Sie hatte schon im Zirkus alle möglichen Dichter und Stücke gelesen, und schon als sie noch klein war, angefangen, die Leute dadurch zu belustigen, daß sie ihnen vormachte, wie sie waren, worin sie es mit den Jahren zu großer Fertigkeit brachte. Und die Kämpfe gingen vorüber, die arme Seele bekam einen Lehrer, und einen andern Lehrer, sie kam in eine andre Stadt, lernte und lernte, und das Leben bestand nur noch aus Lernen und Theater und Theaterleuten, und eines Tages hatte sie ausgelernt, und jeder prophezeite ihr eine glänzende Zukunft. Sie hatte auch schon einen schönen großen Vertrag mit einer guten Bühne in der Tasche, und die lange, lange Qual fing an.
Ja, wie ist das? Man meint, man hat eine feurige Sonne in der Brust, und nun wird nur der Vorhang hochgezogen, und die Sonne strahlt, daß alle Bühnenlampen erblinden müssen. Und wie ist das? Ein Theater ist da, da soll man spielen. Aber da sind Viele, die spielen wollen, für jede Rolle bald zwei und drei, man muß warten, o man hat ja Geduld, die Sonne brennt, es tut weh, aber sie brennt, und man wartet. So spielt man die kleinen Rollen, kommt in ein Zimmer, verneigt sich, giebt die Hand, wie mans gelernt hat, und man wartet und hat viel Zeit, weiter zu lernen und — da sind nun die Männer. Man mag sie nicht, sie riechen schlecht und haben böse Augen und — man wartet vielleicht auf einen, denn — man ist eine arme Seele, die nicht viel weiß von der Welt.
Da geht man zum Feind, der der Direktor ist, und bittet um eine Rolle. O, ja, gewiß, die Rolle ist da, sie wartet schon, der Direktor ist einfach und kühl, und man möchte sterben vor Schreck und Beseligung: die große Rolle!
Da kommen nun die Proben, und es geht ja nicht? Was ist nur, warum es nicht geht? Es ist alles schlecht und verkehrt, was man sich in den langen, langen Nächten ausgedacht und geprobt hat und so sicher wußte, und es sind ja nun auf einmal lauter Feinde da, die lachen und kaum noch antworten, und kaum noch nicken, wenn man grüßt. Der Regisseur ist da, ein Feind, der gerät ganz außer sich über das unmögliche Spiel. Wo ist denn die Kraft geblieben? Wartet nur bis zum Abend, Geduld, es wird besser werden, die Sonne brennt, — aber sie ist so klein geworden, täglich wird sie kleiner und schwächer, sie sieht einer Sonne gar nicht mehr ähnlich, vielleicht war es gar keine? Alle lachten und sehen, wie klein sie ist, Alles und Alle sind kalt, und die Sonne erlischt, man hat die Rolle nicht mehr, man steht auf der Straße.
Oder war es vielleicht nicht so? Vielleicht war es ganz anders? Es ist lange her ...
Da ist eine andre Bühne. Da ist ein Freund, ein guter Mensch, nun wird alles gut werden. Eine Rolle ist da, nicht so groß, aber gut genug, um zu zeigen, wieviel heller die Sonne brennt, und es geht ja vorzüglich, der Freund hilft, Alle staunen. Ein Tag kommt, da ist der gute Freund nicht mehr der Freund, er riecht, er ist ein Feind geworden, aber was schadets? Die Sonne ist da, die Sonne genügt.
Der Abend ist da, die Sonne kann nicht ihre ganze Kraft brauchen, aber man sieht sie hell genug, und daß sie heller sein könnte. Man ist zufrieden, man schläft wieder einmal, man hofft — aber was steht denn in den Zeitungen? Es war nichts, es war alles so übertrieben, kein Verständnis für den Umfang der Rolle, in ganz verkehrten Händen, eine Anfängerin, die bescheidener sein sollte ...
Sinds denn schon Jahre geworden? War es denn so? War es nicht ganz anders? viel mehr? Wie gingen denn die Jahre? Ging man denn immer spazieren im Park, im Feld, in den Straßen? Nähte man die alten Kleider immer noch einmal um? — sie lachen schon lange im Salonstück, so geht es nicht weiter, mein Fräulein! — Aber meine Gage ...
Gage liegt auf den Straßen reichlich genug zum Aufheben. Die arme Seele will die Gage von der Straße nicht, sie wartet, sie hat ja Geduld, sie steht Tag für Tag im häßlichen Zimmer und lernt, für später, die Sonne brennt, sie vertausendfacht ihre Kraft in tausend Gestalten, Alle haben die Sonne in der Brust, sie sehnt sich, sie lernt, sie lernt, sie hungert, sie weint längst nicht mehr ...
Ach, kann man das schreiben? Es war ja nicht so, es war ja alles ganz anders. War die Welt etwa schlecht? Warfen sie sich Alle über die eine arme Seele her und wollten sie zerdrücken? Die Welt ist nicht schlecht, die Menschen sinds nicht, es will, sagt der kluge Georg, ein jeder nur das Seine und will sich nicht hindern lassen dabei, aber — die arme Seele hatte kein Glück.
Kein Glück? Es sind Jahre geworden, aber nun ist das Glück da, der Tag ist da, der — Tag ist. Eine Rolle ist da, und alles geht sehr schnell, eine Aushilfe, der Direktor zuckt die Achseln, aber man kann ja die Rolle, im Schlaf kann man sie, und man spielt, und die Sonne brennt und strömt aus Augen und Kehle, aus den Gliedern und dann — am Morgen nach dem glückseligen Abend, wo sie Alle ihr um den Hals fielen, der armen Seele, und sie küßten und weinten, und sie kaum schlief vor Trunkenheit — was steht in den Zeitungen der kleinen Stadt? O welche Empörung! War das nicht Babel? War das nicht abscheuliche Realistik? (Und war doch nur Stil gewesen, nur Stil, so dumm ist die kleine Stadt!) Die Welt war nicht gut am Morgen, die Menschen hatten alles vergessen, was die arme Seele für unvergeßlich gehalten, in den Zeitungen stand, daß man es vergessen müßte, der Direktor war ja nicht unfreundlich, es tat ihm leid, aber — Sie sehen, Severin, Sie sind nicht für hier ...
Aber die Sonne, ein Widerglanz ganz klein saß er doch in einer Zeitungsspalte, ein Keim, der aufging, und da war man in einer andern Stadt und spielte sich aus, das Glück war da, die Sonne brannte, brannte sehr schön im klassischen Stück. Aber im klassischen Stück war das Parkett leer, im Salonstück saßen die Offiziere und Damen, — die Toiletten der Severin waren unmöglich, und waren doch so schön, wie die größere Gage erlaubte, die Sonne brannte ...
Warens schon viele Jahre?
O der wahn—witzige Durst! O die wütende Sehnsucht! O die Verzweiflung! All die vergebene Arbeit und Müh! Man ging wieder spazieren. O brennende Nächte, Fleiß, Fleiß, Fleiß, und Darben, die arme Seele wurde mager und häßlich, was schadete das, sie wartete auf den Tag, sie hatte keine Sorge mehr um Hunger, um Scham und Verzweiflung, wenn eine Rolle kam und ihr wurde ein Hemd angezogen, das reichte kaum zu den Knien, und die Stimme des alten Feindes sagte: Sie müssen wohl selber sagen, Severin, mit den Beinen ... Tage und Nächte. Alle Bücher gelesen, alle Rollen studiert, alle Werke, Geschichte, Kostümkunde, Biographien, die Sonne brannte, ein Morgen kam, grau, grau, sie war allein, kein Licht mehr.
Schon viele Jahre ...
Da kam ein Mensch. O zart, o schön und ganz sanft wie ein Engel. Sein Blick durchbohrte die arme Seele, er war rein. Verkündigung, dachte sie, o Engel, bist du’s? Ein Dichter, er hatte ein Stück geschrieben, Theodosis, das wurde aufgeführt, die arme Seele sollte spielen, sollte sagen: