„... gnädigstes Schreiben ... ehrerbietigst zu beantworten ... Kenntnis genommen ... Nachsuchen in den Archiven so lange verzögert ... allerdings gefunden ... dürfte aber von einer Art scheinen, daß die Verwirklichung sich nicht ohne Bruch der Reichsverfassung durchführen ließe ... und infolgedessen rätlich sein, daß Euer Durchlaucht sich vielleicht gleich an die hierfür zuständige Stelle ...“
Was war das für ein Unsinn? — War das Hohn? Was hieß das?
Er legte den Bogen zusammen, entfaltete ihn wieder, las, fand keinen Rat. Sollte der Vertrag ungültig sein? Aber sein Vater ...! Nun versteh ich die Welt nicht mehr, murmelte er und sah sich dastehen wie Meister Anton bei Hebbel ...
Nicht ohne Bruch der Reichsverfassung ...? Er dachte an Töpfer. Aber wie sage ichs ihm? Sein Herz klopfte heftiger. Sagen wir ihnen, wer wir sind, dachte er hochfahrend und ging zur Tür. Er mußte plötzlich die Stirn daran lehnen. Er suchte nach Gedanken, dabei fiel ihm ein, daß es besser sei, ihm den Vertrag selbst zu zeigen, ging wieder zum Bücherschrank, öffnete und fuhr zusammen, da Cordelias Rubinglas ihm entgegenfunkelte — — drohend. Sich zusammennehmend, griff er in die Tiefe hinter dem noch verschlossenen Türflügel, öffnete den Truhendeckel und holte den Vertrag heraus, schloß die Tür — mit dem Gefühl, er schlösse eine Tür vor einem Menschen — das Glas noch dahinter sehend —, richtete sich auf, ging hinaus und klopfte bei Töpfer.
Drinnen gab er ihm den Vertrag und bat ihn: sich das mal anzusehn. Kalt und zitternd setzte er sich, nahm eine Zigarette und steckte sie an. Töpfer las stillschweigend, es dauerte endlos. Aber er sah doch einmal auf, lächelte hocherfreut zu Georg, dann auch zu dem Levite hin und sang:
„Ein sehr interessantes Dokument, das Sie da haben! Ist es echt? Aber fabelhaft interessant! Also — oder muß ich schweigen?“
Da Georg nickte, fuhr er zu dem Polen fort: „Herr Topf, denken Sie, giebt mir hier einen Vertrag zwischen dem ehemaligen Herzogtum Trassenberg und dem jetzigen Großherzogtum Beuglenburg, aus dem Anfange des vorigen Jahrhunderts. Damals wurde Trassenberg wie so viele andre kleine Staaten mediatisiert und kam an Beuglenburg. In einem Geheimvertrag aber, diesem, den Sie hier sahen, wurde beschlossen, daß dies nur für hundert Jahre der Fall sein, daß danach Trassenberg wieder selbständig ...“
Er brach ab, während in seinen Zügen das gleiche Lächeln aufbrach wie im Gesicht des Polen. Der streckte die Hand mit einer kleinen Verneigung gegen Georg, nahm den Vertrag, sagte auch, immer lächelnd und den Kopf wiegend: „Sehr interessant!“ las da und dort und gab Georg das Papier zurück.
„Ich habe gehört,“ sagte er, „von diesem Herzog Traßberg. Man nennt ihn: der Genosse, es ist ein Scherz, aber er ist ein kluger Mensch, ein guter Mensch. Wenn wären alle Fürsten ihm gleich, wir hätten längst — der soziale Staat.“
„Ja, und nun,“ sagte Georg ungeduldig, „was meinen Sie eigentlich von so einem Vertrag?“ Sich verwirrend, da es ihm widerstrebte, noch von seinem Vater wie von einem Fremden zu sprechen, fuhr er fort: „Ich meine: gilt er heutzutage oder ...?“
Die Beiden lächelten wieder, und Töpfer sang hoch auf:
„Da Sie, verehrter Herr Topf, dies Papier in den Händen haben, so sehen Sie ja, was es wert sein mag!“ Georg, zornig, als könnte er ihm doch das Gegenteil beweisen, nahm das Schreiben des Hofmarschallamtes aus der Tasche und gabs hin. Töpfer entfaltete es achtsam, las die Überschrift, stutzte, las weiter, blickte auf und fragte mit den Augen. Georg, lächelnd wider Willen: „Na ja, also ich bin der da!“
Töpfer sprang auf, schlug die Hände zusammen, merkte aber alsbald die Unordnung seiner radikalen Gefühle, ward hochrot und krähte:
„Ja, da sage man nun gar nichts mehr! Herr Levite, der Herr Topf hier ist der Prinz Trassenberg!“
Der Pole lächelte hocherfreut, streckte Georg die Hand hin und versicherte ihm seine Freude, ihn kennen gelernt zu haben.
„Also Sie haben diesen Vertrag eingeklagt?“ verwunderte Herr Töpfer sich höchlich. „Aber da wundert es mich doch sehr, daß Ihr Herr Vater Ihnen nicht abgeraten hat! Ja, nun sehen Sie mal an! Ein neuer Staat in Deutschland — bedeutet das nicht ein neues Mitglied des Bundesrats? O lieber Herr Top— verzeihen Sie nur! — Herr — glauben Sie, daß Preußen, daß irgendein anderer Staat einwilligen würde, daß eine Gegenstimme in den Bundesrat gerät? Da müßten denn doch schon sehr schwerwiegende Gründe, sehr schwerwiegende, das heißt im Sinne der Fürstenversammlung schwerwiegende Gründe vorliegen, wenn etwas Derartiges ...“ Die Stimme überschlug sich und zwang ihn, still zu schweigen.
Georg sagte: „So!“ Er sprang auf und lief im Zimmer hin und her.
„Ja, nun sagen Sie aber bloß,“ sang hinter ihm Herr Töpfer, „warum wollen Sie denn nun gerade Herzog werden? Nun, nun, Sie sind ja noch jung und denken sich das so.“
Da Georg keine Antwort fand, lange Erklärungen scheute, so begütigte Töpfer sich selber, indem er meinte, es gebe ja viele gute Dinge im Leben zu verrichten ... Er schien nun doch verlegen, der Levite schwieg gänzlich, so raffte denn Georg seine Papiere wieder zusammen und bat, leutseliger, als er sein wollte, erbittert auf sich selber, die Herren, ihn zu entschuldigen, reichte jedem die Hand und wollte gehn. Der Pole aber hielt seine Hand fest, legte auch die linke darauf und sagte, Georg ganz einhüllend in die tiefe Wärme und Gutherzigkeit seiner Augen:
„Ich sehe, Sie sind ein Aris—tograt, ich habe gern Aristograten des Herzens, aber das will sein sehr gelernt. Gehen Sie su Ihrem Herrn Vater, junger Prinz, grüsen Sie ihn, er gennt meinen Namen wohl, er ist nicht su stolz bei meinem Gruß, sagen Sie ihm, daß er Sie soll lernen zu sein gans Aristograt, so werden Sie gutt lebben, und es wird geben Glück und Segen für eine Menge Volk. Leben Sie wohl!“ Er drückte ihm innig die Hand, und Georg ging. —
Ein breites, dunkelrotes Band schlug qualmend aus dem Lampenzylinder nach oben; voll von schwarzem weichem Flockenfall war die Luft, so daß Georg mit der Hand danach schlug. Er schraubte die Lampe tiefer und riß das Fenster auf, atmete mit Heftigkeit die hereindringende Kälte, aber der Rußflockenregen war unerträglich, er löschte die Lampe, ging hinaus, nahm den Überzieher, den Hut vom Haken und ging auf die Straße.
‚... als nicht existent im Eigensinn — bürgerlicher Konvention — in und aus ...‘ Was war das? Von Morgenstern. ‚An die Bezirksbehörde in ...‘ Es ging ihm schon lange im Kopf herum. Er glitt im Gehen aus, sah den Bürgersteig mit einer pelzigen Schicht von Regenschnee bedeckt, von Fußspuren zersetzt. Regentropfen wehten ihm kalt gegen das erhitzte Gesicht. Oben schaukelten die Bogenlampen an den Drähten. ‚Untig angefertigte Person — — als nicht existent im Eigensinn ...‘ Georg sah den Polen und den Radikalen unter der Gaslampe sitzen, die Rede vom Aristokraten klang ihm im Ohr, die weichgesummten S-laute, die reinen Vokale und Konsonanten, die langsame Sprechart und wieder das Wort Aristokrat, bei dem der Nihilist in seiner fremden Sprache wohl etwas ganz anderes empfand als ... ‚als nicht existent im Eigensinn ...‘ Georg kam nicht los von dem Unsinn ... ‚bürgerlicher Konvention‘, redete es in ihm fort. ‚Untig angefertigte Person, tief bedauernd nebigen Betreff ...‘ Er wollte nun die Teile zusammensuchen, aber es gelang ihm nicht, immer wieder kam nur: als nicht existent im Eigensinn, Eigensinn, Eigensinn! Endlich machte er einen Strich, strengte sich an, den Vertrag, die Herren im Zimmer zu sehn, und hörte Töpfer sagen: — daß Ihr Herr Vater Ihnen nicht abgeraten. — ‚Untig angefertigte ...‘ Ein Rätsel, ein reines Rätsel. Das Gegenteil hatte sein Vater getan! — Georg glitt wieder aus, fand sich vor einer Querstraße, fand sich unfähig, hinüberzugehn, fröstelte, drehte sich im Winde und machte kehrt. Schwer mit dem Winde kämpfend, ging er zurück.
Der dunkle Korridor lag warm und still; an seinem Ende die Mattscheibe in der Tür leuchtete nicht unbehaglich. Die da saßen, waren gute Menschen, ihre Herzen waren die weichsten, und sie waren doch Radikale und Nihilisten. Ja, weshalb auch nicht? dachte Georg ermattet, indem er sein Zimmer betrat. Kalt wars drin, aber in der Gegend der Heizung glühte noch immer die Luft. Er schloß das Fenster, machte Licht, fand, daß Tisch, Bett, Papier, alles mit Ruß bedeckt war, und streckte sich auf dem Sofa aus.
Also es war nichts mit den Sternen ...
‚Korff erhielt vom Polizeibüro‘ —, fuhr es hell durch ihn hin. Er gab nach und fuhr fort: ‚— ein geharnischt Formular — Wer er sei, und wie, und wo.‘ — Da riß es wieder ab; er tastete ... ‚Ob ihm überhaupt erlaubt, hier zu wohnen ...‘
‚Wieviel Geld er hat, und was er glaubt.‘ —
Wieder zu Ende.
‚... und
Drunter stand: Borwosky, Heck.
Korff erwidert schlicht und rund ...
... meldet laut persönlichem Befund
Untig angefertigte Person
Als nicht existent im Eigensinn
Bürgerlicher Konvention ...
... vor und aus und zeichnet, wennschonhin
Tief bedauernd nebigen Betreff ...‘
Nein, jetzt kam:
‚... vor und aus. An die Bezirksbehörde in —.
Staunend liests der anbetroffne Chef.‘
Georg schnaubte ein Lachen durch die Nase, das er nicht empfand. ‚Als nicht exist— —‘ na, nun wars schon genug! — Plötzlich fuhr er hoch und rieb sich die Augen. Er war am Einschlafen gewesen. — Ich verstehe Vater nicht, dachte er kopfschüttelnd. Was hat er dabei gedacht? Er hat ihn mir doch selber gegeben? — Ach, gleichviel, gleichviel, es war aus, und damit gut, gut, gut!
Georg glaubte zu verkommen an Überdruß über sich selbst. Zum Weinen verbittert gedachte er Renates. Erst vernachlässigte ich sie über Esther. (Ach, ich glaube, ich hätte Esther heiraten sollen!) Dann bildete ich mir ein, ich weiß nicht mehr, weshalb, ich dürfte erst wagen, Renate in meine Kreise zu ziehn, wenn alles gesichert sei. Ich wollte ihr ja das Herzogtum zu Füßen legen. So gehörte sichs. Ah, dazu führten nun meine nationalökonomischen Studien! Keine Ahnung, daß ein Vertrag nach hundert Jahren noch einer ist. Ach, ich bin müde und will schlafen, dachte er, sich ergebend, knöpfte die Weste auf und trat an den Tisch, um den Inhalt seiner Taschen darauf zu legen, Uhr und Kette, Feuerzeug, Brieftasche, Schlüsselbund, Taschentuch. Da lagen die Blätter über die Zustände von Herrn Topf auf dem Bett. Er nahm sie, stopfte sie in die Lade. Da mußte er sich im Zimmer umsehn. Ja, hier lebte er seit ein paar Monaten und hatte sich, von allem Tiefsten abgesehn, ganz wohl darin befunden. Gegen früher war nichts verändert. Er gähnte, dachte an Helenenruh, an grüne Wiesen, an gackernde Hennen. Ach, die ersten Ferientage der Kindheit, das fremde Erwachen in Helenenruh, Sonne im Zimmer, draußen das ganz sonnige Gackern der Hennen, der krähende Hahn, ganz fern die jungen Hähne im Dorf, und dann der erste Blick aus dem Fenster, damals, als ich noch im Nordflügel wohnte, auf die Felder hinaus, die leise wogten, und mitten drin die Dächer vom Dorf, der Kirchturm, und unten vorm Fenster schritten die gesprenkelten Hennen, scharrten mit dem Fuß, sahen links und rechts und gingen weiter ...
Und daß alles dies eigentlich gar nicht mir gehört ...
Er hielt die ausgezogenen Hosen in der Hand, ging nun zum Schrank und hängte sie hinein, nahm Rock und Weste vom Sofa und hängte sie fort, setzte sich und begann, die Stiefel auszuziehn. Den ersten niedersetzend, erinnerte er sich Magdas, ganz sehnsüchtig. Vielleicht liebte ich doch sie am meisten, besann er sich trübe. Er zog den zweiten Stiefel vom Fuß, setzte beide unters Bett, zog die Steppdecke zurück und holte das Nachthemd hervor. Nun kann ich ja also zu meinen rohseidenen Schlafanzügen zurückkehren, dachte er verloren. Ich glaube, morgen fahre ich nach Altenrepen. Vielleicht kommt auch morgen ein Brief vom Vater. Da durchkreuzte sich dies Wort mit dem Gedanken, daß sein Vater nicht sein Vater sei, die Galle stieg ihm hoch, er schleuderte das Taghemd von sich, streifte das Nachthemd über, blies hastig die Lampe aus, merkte, daß er noch in Unterhosen und Strümpfen war, streifte sie ab, warf sie aufs Sofa, legte sich ins Bett und schlief gleich darauf ein.
Georg, in einem dumpfen, verbitterten Traumzustand seit Tagen, jetzt durchbohrt von Ungeduld, in andre Kleider und zu Renate zu kommen, verließ den Berliner Schnellzug und schob sich durch vielerlei Reisemenschen die Treppe hinunter und durch den Tunnel in die große Halle, doch heimatlich berührt vom Altenrepener Gesicht. Er trat in eines der Portale, sah nachmittäglichen Sonnenschein auf dem alten Platz, es war warm und roch nach März. Da! Esther! durchfuhrs ihn, — aber sie war ja tot ... Aber die da vor ihm im Wagen saß, nein, Esther war es ganz und gar nicht, nur ihr Mund wars mit dem süßen, schwärzlichen Flaum an den Winkeln; das Gesicht war ähnlich blaß und zart, wie es häufig das Esthers gewesen war. Diese saß im Rücksitz des weiten Kaleschwagens — ein großes schwarzes Pferd stand stämmig und ruhig davor — tief hineingelehnt, in schwarzem glatten Pelzwerk; die Spitze ihrer Nase war zarter und hochmütiger gekrümmt als Esthers Nase; sie trug einen schwarzen Hut aus Filz mit hochgebogener Krempe, postillionartig, und vor ihr, einen Fuß auf dem Wagentritt, stand ein Herr im Pelz und sprach mit ihr. Nun bewegte sie das Gesicht her, und Georg sah in dem kleinen Dreieck erschreckend groß die Augen mit sehr langen Wimpern von —? — Gott, wie hieß sie denn noch? — Schley, Virgo Schley! — Ein Träger, Taschen unter dem Arm, einen Koffer auf der Schulter, schob sich dazwischen, aber ihre Augen kamen unverändert hervor, unverändert in der Richtung auf die seinen, ohne Erkennung darin, — und nun er selber, er dachte nichts mehr, fühlte nur und erwiderte ein wunderbares, tiefes Anschaun, das dauerte — — dauerte — —. Jetzt wandte der Herr sich um — war er ihrem Blick gefolgt? — Georg sah undeutlich sein Gesicht, es schien ihm bekannt, es war Schley. — Der nahm den Zylinder ab, trat auf ihn zu und sagte: „Georg, lieber Junge, seh ich dich wieder?“
Überrascht und erfreut sah Georg das Einglas aus dem langnasigen Gesicht tropfen. Sie schüttelten sich die Hände. Die Frau im Wagen hatte sich aufgerichtet und sah herüber.
„Ja, wie ist es denn mit dir?“ fragte Georg, „du mußt entschuldigen, ich weiß nichts Rechtes, ich habe so für mich gelebt ...“
Der Adel sei dahin, sagte der Freiherr, sonst nichts; er habe ihn seinem guten alten Papa mit in den Sarg gegeben.
„Ja, und nun bist du Abgeordneter, nicht wahr?“
„Jawohl, jawohl, für den Fortschritt, vorläufig, jetzt will ich eben nach Berlin, es ist noch Zeit, komm, ich stelle dich — ah, du kennst ja meine Frau!“
Er zog Georg zum Wagen und sagte: „Hier ist der Prinz Trassenberg, du erinnerst dich wohl? Ja, hör mal, Georg —“
Sie reichte ihm die Hand. Lachte leicht und sagte:
„Damals sahen Sie aber hübscher aus, — was haben Sie denn für Falten bekommen? Daß wir Brüderschaft getrunken haben, hab ich aber vergessen!“
Hatten sie Brüderschaft getrunken? — „Schade,“ meinte Georg, „aber ich verdiene es wohl nicht — für damals.“
Georg hörte Schley lachen und von jenem Abend reden. — Wie seltsam ängstlich ihre Augen waren. — Ihr Mann blickte auf die Uhr, meinte, es würde Zeit für ihn, und küßte seiner Frau die Hand, ermahnte sie, guten Mutes zu sein, drückte Georg die Hand und ging. Nun stand Georg näher vor ihr, sah auf sie herab, aber sie sah ihn nicht an, sondern nach drüben hinaus. Endlich blickte sie auf: ob es ihm recht wäre, sie habe ein Stück die Allee hinunterfahren wollen. Oh, das sei reizend, meinte Georg, da wohne er ja. Er setzte sich in die andre Ecke des Rücksitzes, der Kutscher sah sich um, der Wagen setzte sich langsam in Bewegung.
Georg vermied es, sie anzusehn: sie hielt das kleine Gesicht gesenkt, drückte zuweilen den kleinen schwarzen Muff dagegen, sprach kein Wort. Auch wars allzu lärmend herum, der Verkehr drängte fast in den weit offnen flachen Wagen, vorüber- oder mitfahrende Radler sahen zu ihnen herein, eine lange Zeit blickte vom Hinterperron einer Trambahn ein Halbdutzend Augenpaare auf sie herunter, nun waren sie über den Platz am Café und rollten leichter die breite Straße hinab, plötzlich blendend überflutet vom Untergang der Sonne, in die sie gerade hineinfuhren, die alles umher glühend färbte und Georg zwang, sich im Wagen auf und vornüber in den Schatten des Vordersitzes zu setzen.
Virgo Schley, dachte Georg. Eine Waise, hatte er gehört, die Adoptivmutter eine sondre, alte Frau, — der Vater des Freiherrn hatte sich vor kaum drei Jahren erst den Adel gekauft, der war freilich nicht viel wert. Langsam kehrte ihr erster Blick in ihm wieder, wie war der doch geschwisterlich gewesen, heimatlich ... Da lenkte der Wagen auf die andre Straßenseite und hielt gleich darauf.
„Ach,“ hörte er sie leise sagen, „hier ist ja der Obstladen ... ich wollte ... bitte, helfen Sie mir heraus.“
Georg sprang eilfertig auf den Bürgersteig und hielt ihr die Hand hin, sie streifte, als koste es sie die schwerste Anstrengung, die Decke von den Knien, erhob sich, — und Georg konnte nun die leichte Schwellung ihres Leibes sehn, wie der Kleidrock sich, von der Decke unten gehalten, straffte: sie war guter Hoffnung. Schwer auf seinen Arm sich stützend, stieg sie mit unendlich langsamer Vorsicht aus. Im Laden kaufte sie unter hundert Zweifeln, Zurücknahmen und Änderungen eine Menge Trauben, Ananas und Birnen, so schöne, gelbe, daß Georg, auch aus Mitleid mit der Verkäuferin, für sich einige von ihnen kaufte. Als sie wieder im Wagen saßen, war sie völlig erschöpft, lachte aber nun ein wenig über sich selbst und fing an zu plaudern, fragte, ob Georg noch studiere, ob er Berlin nicht hasse, und Georg wurde redseliger und versuchte, ihr diese und jene absonderliche Schönheit von Berlin zu beschreiben, so einen Frühlingsabend, wie er ihn eben noch gesehn, wenn in den Körben der Verkäuferinnen in den schon grauen Straßen die Blumenberge leuchteten, gelb von Primeln und Narzissen, feuergolden von Tulpen und blaurot von Rivieraveilchen, und dann die gewaltigen Schattenmassen der Häuserblocks mit ihren Schloten und Türmen in einer brandigen, schwärzlichen Röte, die ins sanft Klare rauschte, in durchsichtig weißes Gold, und über allem der grüne Himmel, locker bemalt mit vergehenden silbernen Rändern von unsichtbaren Wolken, höher hinauf so blau wie das Meer auf japanischen Holzschnitten.
Sie rollten schon auf dem Fahrweg neben der kahlen Allee; angenehm trabten durch die Stille die großen, ebenmäßigen Hufschritte. — Da bist du nun ... hatten ihre Augen gesagt — da bist du nun — da bist du nun ... Ein süß beklemmendes Mitleid bedrängte sein Herz. Bereitete sich hier der Frühling vor, den er eben beschrieb? Nacktschwarz und wie hineingesteckt standen die Gesträuche auf dem graugrünen Rasen, der Himmel war rein und leer; Georgs Gesicht wurde im Fahren durch entgegenschwimmende laue und kühlere Wellen gezogen. Schwere Krähen, wie aus Metall gemacht, schritten im weichen Grasboden, spreizten die Fittiche auf, grün schillernd im Schwarzen, sprangen ab, schwebten zwei Schritte überm Boden ein Stück, landeten hart und in kurzen Sprüngen. Ach, nicht denken, stammelte Georg innerlich, nichts denken! Einfach hinnehmen! Wie entsetzlich war dieser Winter! — Ich will sie in mein Haus tragen, sie ist ja wie ein verkümmerter Vogel. — Er sah sie wieder an und sagte sich: Ich werde sie lieben — so wie Esther —, ich kann nicht anders, mein Herz folgt einmal jedem Stern, um so lieber, je zarter und hülfloser er scheint, ich muß immer brüderlich sein und beschützen. Nun, der Wagen rollte von selber den Weg durch die Anlagen hinunter, schräg auf die Sternwarte zu. Georgs Herz fing an zu pochen, sie kamen näher, das Schlößchen wurde sichtbar, da standen die Kandelaber, Gott sei Dank, er war wieder zu Hause.
„Bitte, halten Sie“, sagte er zum Kutscher, als sie in der Nähe der kleinen Tür waren, und faßte sich ein Herz. „Ach, bitte, kommen Sie nun mit, ich zeige Ihnen meinen Garten ...“
„O, wie gerne!“ sagte sie gleich, kindlich erfreut, und siehe da, es ging durchaus leichter diesmal mit dem Aussteigen, und sie lief mit kleinen, leichten Schritten neben ihm her. —
Lächelnd erschien der blasse Egon. — Das Zimmer war vorbereitet, Blumen in allen Vasen — alles war wie einst. — Sie sah sich neugierig um, den Kopf drehend. „Wie hübsch ist es hier!“ meinte sie; sonderbar, das hatte doch noch niemand gesagt! — „Die Menge Bücher! Lesen Sie so viel? — Später werden Sie mir vorlesen, mögen Sie gern Verse? Ich mag nur Verse.“
Ach, da war nun ein Mensch, der nicht das geringste von ihm wußte, und er von ihr — — ja, was war da wohl viel zu wissen. Sie war ganz dicht zu ihm getreten und sah zutraulich zu ihm auf; ganz rasend überfiel ihn das Verlangen, sie in die Arme zu schließen, er sah, daß sie einen Handschuh ausgezogen hatte, ergriff ihre Hand und zog sie zum Munde empor. Da sie nicht wieder fortgezogen wurde, küßte er sie langsam von allen Seiten — o wie war sie glatt und warm und weich und lebendig, ohne Ring, ohne alles! — küßte den Rücken, das Gelenk, die Finger einzeln, den kleinen, weichgekrümmten Daumen, der ein kleines, runzliges Gesicht hatte.
„Ja, was machen Sie denn?“ hörte er sie nach einer Weile fragen. Klein stand sie vor ihm, den Arm hochhaltend, die Brauen ein wenig gerunzelt, aber der Mund lächelte — lächelte atemberaubend.
„Soll ich nicht?“ fragte er.
„Ach, warum nicht,“ meinte sie achselzuckend, „wenn es Freude macht. Aber nun muß ich sitzen.“
Georg mußte ihr einen Sessel vor die Gartentür schieben, dort versank sie, zog auch den andern Handschuh aus, aus dem ein locker sitzender Reifen von Gold zum Vorschein kam, den sie gleich abzog und ihm gab. Er sollte ihn auf den Tisch legen, er sei ihr immer zu schwer. „Aber nicht vergessen nachher, daß ich ihn mitnehme!“ rief sie leicht und lachte in sich hinein.
Georg war ratlos. Sie war ja ein Kind — und Mutter — — und hieß Virgo? — Sie legte die Handflächen gegeneinander über dem Muff im Schoß, neigte das Gesicht und sah nach oben, gegen den verblaßten Himmel, großen, gläubigen Auges. Bald darauf nestelte sie den Hut los — es sei ihr alles zu schwer —, fuhr mit den Händen ins braune Haar, das kurzgeschnitten war und lockig um das kleine dreieckige Gesicht stand; im Nacken war sie völlig ein Knabe. Sie sah wieder gradaus; Georg, nicht weit hinter ihr an der Schreibtischkante lehnend, konnte die Augen nun nicht mehr wegwenden von ihrem Gesicht, und bald kamen die ihren langsam herbei. Die Nasenflügel blähten sich ganz leise auf, Georg sah es deutlich, — es erinnerte ihn an — an ein Kind, das sich im Schlaf bewegt, aufatmet und tiefer schläft.
„Heißen Sie wirklich Virgo?“ fragte er. Sie nickte lächelnd.
„Komisch, nicht?“ Ernster dann, und mit seltsam tiefer Stimme, und doch nicht ohne — ohne etwas Verlockendes in Blick und Stimme, sagte sie: „Denken Sie nur! Ich hatte keinen Vater und keine Mutter, eine alte Frau nahm mich zu sich, die nannte mich Virgo.“
„Pflegt sie nicht in Hosen zu gehn?“ fragte Georg, sich dunkel erinnernd, „und Pfeife zu rauchen?“
Virgo lachte. Sie wäre selber immer in Hosen gegangen, es sei herrlich, und ihre Stiefmutter sei um die Wette mit ihr geritten und habe Hurra geschrien, Georg sollte sie kennen lernen. Nach einem Schweigen sagte sie süß und ganz langsam: „Georg ist ein schöner Name!“ —
Georgs Herz fiel in Stücken auseinander. Cordelias Worte ... Himmel, diese Wiederholungen! — Schwer sich bewegend, nahm er einen Stuhl, er glaubte, sie nicht mehr ansehn zu können, setzte ihn neben ihren Sessel und ließ sich nieder. Ein Weilchen später legte er seinen Arm auf das weiche Lederpolster der Lehne ihres Sessels, und es dauerte nicht lange, so glitt eine leichte, warme Flocke darauf, ihre Hand; ihre Finger schoben sich in die seinen, sie sagte ganz leise wieder:
„Ich habe mich immer“ — jetzt ward ihre Stimme ganz tief — „so namenlos gefürchtet vor — dem Kind. Am meisten vor Wolfgang —“ Die Stimme wechselte wieder und tönte hell: „— nun bei Ihnen ist es gut, und ich kann alles vergessen.“
Georg rührte sich nicht. Ihm war sonderbar zufrieden zumut, ja, glücklich. Dies Kind eine Weile zu schützen, das war sehr gut. Er glaubte, getrost den Arm um ihre Schulter legen zu können, obwohl er es seinetwegen tun mußte, nicht ihretwegen, aber kam es nicht allein darauf an, wie sie es empfand? — So löste er die Hand aus der ihren, legte dafür die andre hinein und den Arm um ihre Schulter. Als sie sich gleich tiefer hineinlehnte, mußte er sich sagen: Sie trägt ja ein Kind — wie kann sie mich empfinden? — So saßen sie schweigsam zusammen, sahen die Schar der qualmenden Fabrikessen in der Ferne langsam undeutlicher werden in der sinkenden Dämmerung, fühlten warm ihre Hände und waren jeder — Georg sprach es sich aus — in einem Reich für sich — aber doch hielten sie einander und spürten Wohltat. — Als es fast dunkel im Zimmer war, machte sie ihre Hand frei und flüsterte, sie müsse gehn, sie würde erwartet. Sie erhob sich dann, Georg reichte ihr den Hut, sie setzte ihn auf, nahm Handschuh und Muff aus seiner Hand, stand noch ein Weilchen und sah sich um. Dann ging sie leicht hinaus.
Aus dem Wagen die Hand streckend, sagte sie nur: „Ich komme bald wieder.“
„Morgen?“ fragte Georg.
Sie lachte hell und kindlich: „Morgen früh! Los, Krischan!“ rief sie dem Kutscher zu. Hinter dem davonrollenden Wagen erschien im Dunkel der Bäume langsam das kleine, bläßliche Dreieck ihres Gesichts fast wie ein leerer Wappenschild, in dem dann langsam die beiden Augen aufgingen. Georg suchte schwereren, aber nur von süßer Ratlosigkeit und Hoffnung schweren Herzens sein Zimmer wieder auf, setzte sich an den Schreibtisch, und etwas fiel zu Boden, rollte und blieb klirrend liegen. So —! Ihr Ring — natürlich hatten sie ihn vergessen. Er suchte, fand ihn nicht, machte Licht und sah ihn vor der Bücherwand liegen, glänzenden Auges wie ein erwischter Igel. Er hob ihn auf, trat zur Lampe, ließ sie aufflammen und suchte nach einer Schrift im Innern des Reifens. Wolfgang Theodor stand darin, 24. Mai. — Georg wog den Ring in der Hand, schob ihn dann in die Westentasche, dachte: Ich will ihn ihr bringen, dann seh ich sie gleich — —, aber er entschlug sich des Wunsches. Da lag die Tüte mit Birnen auf dem Tisch. Ja, Birnen! dachte er erfreut, drehte den Sessel, in dem sie gesessen hatte, gegen das Licht, holte eine Birne hervor, riß durstig den Stiel aus und biß von oben hinein wie als Junge. Der Saft tropfte, er verschlang sie mit Stumpf und Stiel atemlos und griff nach einer zweiten. Indem er sie in der Hand wog, hörte er sagen: Das sind so Sexualitäten. — Er lachte schnaufend durch die Nase. Wo hatte er das —? Richtig, in jenem Tanzsaal in Halensee, zwei solche Handlungsgehülfen standen zusammen, und als zwei Mädchen vorbeitanzten, fragte der Eine: Was sind das für welche? Ach, das sind so Sexualitäten, sagte der Andre. — Georg zertrat den Gedanken ergrimmt. Sie ist Mutter, dachte er, ja, wie ist das zu glauben? Da war ihr knabenhafter Nacken, ja, so mußte Marias Nacken gewesen sein und so geneigt, als der Engel eintrat und die Lilie gegen sie neigte, und sie konnte nichts begreifen ...
Nein, keine Birne mehr! sagte er. Die erste war unübertrefflich, eine Birne ist besser als zwei Birnen, das ist klar, Wiederholung wirkt tödlich. Oh, und nun wird es womöglich eine Wiederholung Esthers geben. — Die Frucht in der Hand, die langsam warm wurde, sah er ins Licht und dachte: Liebe Esther! Es war ihm, als hielte er eine Hand umschlossen, langsam begann es in ihm zu wogen, auf einmal hielt er die Worte: Wer noch so jung ist wie du ... Weiter ... Wie weiter? — Wer noch so jung ist wie du — Fühlt noch der Schmerzen Gewalt ... Behutsam stand er auf, legte die Birne fort, setzte sich vor den Schreibtisch, nahm Bleistift und den Notizblock und schrieb:
Wer noch so jung ist wie du,
Fühlt noch der Schmerzen Gewalt;
Später wird alles gelinde,
Gram und die Lust und der Tod.
Geh auf die Flamme nur zu ...
Wie nun? Sollte auf die ersten Zeilen gereimt werden? Er fand:
Blasse, geliebte Gestalt.
Flamme verzehrt nur ...
Er suchte ... Not, Rot, blinde, Binde, Gewinde, umloht, bedroht ... Ja! Und er schrieb:
Flamme verzehrt nur die Rinde,
Aber du bleibst unbedroht.
Damit war es aus. Laß ihr die goldenen Schuh ... fing er noch wieder an, aber er merkte, es war nichts mehr, und dann warf er wütend den Stift hin und hätte sich mit Entzücken selber auf den Kopf gespien. Das verfluchte Sieb ist es ja nur! verschwor er sich, das verfluchte Berliner Sieb, durch das man seine Empfindungen rührt; unten tropfen die Verse heraus, und in der Brust bleibt nichts zurück als Schale und Satz, und man ist so kalt, so schlaff und so traurig wie nach dem Liebeskrampf. Herrgott, Herrgott im Himmel, was soll bloß aus mir werden! —
Aus seiner verzweifelten Erstarrung weckte ihn das Geräusch des blassen Egon im Eßzimmer, der den Tisch für den Abend deckte. Er sprang auf, trat zur Gartentür, öffnete sie und tat zwei Schritte in den Garten. In der kalten Stille stand das Gesträuch und das Geäst der Bäume regungslos, kaum sichtbar; sichtbar nur oben, wo weiße Sterne waren.
Kommt nun wieder das Frühjahr, wieder die alte, seltene Lust, die immer neue, die nie bekannte? Kommen wieder die Schwalben und wecken das Herz, lieblich tönend im leichten Raum, und kommt das große Sprießen über die Erde und das Buschwerk, in dem Vogelstimmen laut werden, als wären sie gewachsen im Gezweig? Kommt wieder über das empfindungslose Herz der allgemeine Schauder, kommen wieder Winde und Gewölk, die Musik der Halmefelder, und kommt auch wieder, wieder das alte Hoffen?
‚Und so verbürgt es die Form der Sonnenblume‘, hörte er tonlos sagen. Ihn fror leicht. Er ging ins Zimmer zurück, trat an die Bücherwand und suchte Carossas Doktor Bürger. ‚Und so verbürgt es die Form der Sonnenblume‘, das war der Ausgang des Satzes, aber wie hieß es ganz? Das Buch war nicht zu finden, vielleicht hatte Benno es genommen. Da stand Egon in der Tür.
„Weiß Herr Prager, daß ich zurück bin?“ Egon zuckte die Achseln. Er habe für ihn gedeckt. — Georg ging nach nebenan, hörte aber jetzt das Telephon anwecken, ging wieder zurück, hob den Hörer auf und sagte: „Georg Trassenberg.“
Eine kleine, fremde Stimme fragte: „Georg?“
Wer war denn das? Ach, um Gottes willen ... „Virgo?“ fragte er.
Er hörte sie leise lachen. „Wie gehts Ihnen denn?“ fragte sie.
„Ach, wunderbar!“ versicherte er, „wunderbar!“
Eine Weile wars still, er wollte eben fragen, ob er nicht kommen dürfe, da hörte er sie sagen: „Lieber guter Georg, ich konnte es eben gar nicht sagen, ich wollte ...“ Sie verstummte.
„Was denn?“ fragte er liebevoll.
„Ich habe die ganze Zeit denken müssen, wir haben doch Brüderschaft ...“
„Ja, Est—,“ brach es aus seiner Brust auf, „— ja, Schwesterchen, ja, ich habe es auch immer gedacht.“
„Wie schön!“ sagte sie aufatmend. „Da werd ich einmal gut schlafen heut.“
„Ja, das mußt du auch“, bekräftigte er sänftlich.
„Dann, gute Nacht!“
„Gute Nacht, kleine Schwester!“
Georg legte den Hörer hin, stützte die Knöchel auf die Schreibtischplatte, starrte vor sich hin.
So ist es gut, murmelte er tonlos, so ist es gut — so — ist — es — gut — —
Georg sah beim Betreten des Arbeitszimmers, links nahe der Treppe, zu seiner Begrüßung zurechtgestellt, einen langen Gehrock, davor eine Hand, die einen umflorten Zylinder hielt, und darüber eine goldene Brille, streckte die Hand aus und sagte: „Herr Hofkammerrat?“
Der verbeugte sich, nicht eben sonderlich tief. Unterhalb der Brille erschien jetzt das nach unten zurückfallende Kinn; kein Bart, ein ältliches Gesicht mit rötlichen, kleinen, scharfen Augen ohne Brauen und Wimpern, vielleicht — jesuitisch. Im Zimmer klang es trocken:
„Durchlaucht — —, ich komme vom Beuglenburger Hofe, — mit einer Trauernachricht.“
Georg zuckte zusammen. Beuglenburg ... Trauer ...? Er war am Hofkammerrat vorüber zum Schreibtisch gegangen, drehte sich nun langsam herum, hörte:
„Ich bin Überbringer der traurigen Nachricht vom Ableben Seiner Hoheit des Erbprinzen Adolf Emil; er verschied gestern abend gegen sieben Uhr nach langem schwerem und mit unsäglicher Geduld ertragenem Leiden.“
Die ruhige und trockne Stimme erlosch. Georg glühte auf am ganzen Leibe und zitterte über und über, — warum bloß? Was war — —? Da hörte er sich schon sagen: „Mein tiefempfundenes Beileid, Herr Hofkammerrat, das ich auch Seiner königlichen Hoheit auszusprechen bitte.“ Er setzte sich, machte eine Handbewegung und drehte den Schreibstuhl herum gegen seinen Besuch. — Der Hofkammerrat setzte den Zylinder fort, sank in den tiefen Sessel, lehnte sich zurück, schlug die Beine übereinander und fing an, die Handschuhe auszuziehn. Es sauste Georg in den Ohren, er wußte, daß er etwas sagen mußte, er dachte, ohne es zu verstehn: Erbprinz, Großherzog, Sigune. Eine dünne englische Stimme rief ganz fern durch einen Garten: „Gunny! Gun—ny!“ — Mit aller Gewalt nahm Georg sich zusammen, setzte sich grade, da verließen ihn alle Gedanken, er sah den Grafen gelassen, tiefer als er, im Sessel sitzen; nun hob er die linke Hand, weiß und flach, klopfte mit den Fingerspitzen gegen den Mund und räusperte sich. Eine Redewendung schoß Georg auf, die er gleich hersagte: er zweifle gleichwohl nicht, daß die Übermittelung dieser Nachricht nicht der Grund sei für das persönliche Kommen ... Und nun hatte er sich einigermaßen wieder.
Die Stimme des Hofkammerrats war wieder hörbar, trocken und leicht hinbewegt, fast herablassend. Er erklärte, es sei dem Prinzen voraussichtlich bekannt, daß nunmehr von drei Kindern dem verwitweten Großherzog noch eine Tochter Sigune, nunmehr im neunzehnten Lebensjahre stehend, verblieben sei; als bekannt dürfe er wohl auch voraussetzen, daß nach Zinnaschem Hausgesetz die Regierung erblich sei im Mannesstamm des Hauses Siegen-Zinna nach dem Rechte der Erstgeburt bis zum letzten Grade nachweisbarer Verwandtschaft mit der Linie, und daß die weibliche Linie auch nach dem Erlöschen des Mannesstammes von der Erbfolge ausgeschlossen bleibe.
Georg hatte kein Wort verstanden. Er dachte verzweifelt nach. Der Erbprinz ... Tuberkeln — — immer krank, richtig. Mein Vertrag, mein Vertrag — mein Vertrag — — Ihm war eiskalt. Wie bin ich denn verwandt mit ...? Er glaubte, dunkel zu wissen, daß außer ihm noch ein Verwandter ... Derweilen fuhr der Hofkammerrat fort, vom Großherzog zu reden und ihn einen armen, kranken, gequälten, der Geschäfte und des Lebens müden Mann zu nennen, durch den Tod des Sohnes völlig gebrochen und gewillt, schon jetzt zugunsten eines Verwandten auf die Regierung zu verzichten. — Nun komme ich, nun komme ich! schrie da etwas in Georg. Ja, — der Großherzog, — magenleidend, von Kind an grämlich, trübsinnig, — sexuelle Anormalität ... verheimlicht ... Seine Frau machte einen Fluchtversuch vor der Heirat ... armes Geschöpf! — — Erster Sohn kam tot ... Sie starb ... Herzschlag — — oder — freiwillig? —
Auf einmal hatte Georg das Gefühl, als ob ihn dieser Mensch unablässig beobachte. Er zog sich im Stuhl zurück, kreuzte die Beine, ließ die Mundwinkel fallen und sagte, da der Graf schwieg: „Bitte, reden Sie weiter.“ Der setzte die Ellbogen leicht auf, lehnte die Fingerspitzen beider Hände zu einem Dach gegeneinander und sprach; seine Augen blieben Georg unsichtbar hinter den zwei scharfen, weißen Ovalen der Brillengläser; die Spiegelung der Fenster, auch Geäst waren darin erkennbar.
Er sprach nun von dem Vertrage, bedauerte obenhin die Unerfüllbarkeit, meinte aber, es würde sich vielleicht ein andrer Weg finden zur Verwirklichung von Georgs Hoffnungen. Dann sprach er von der Verwandtschaft des Zinnaschen Hauses, nannte Georgs Vater, — der habe bereits früher aus einem gewissen Anlaß seine bekannten Grundsätze offiziell betont, die ihm die Übernahme der Regierung unmöglich machten ... Ferner den regierenden Grafen Beuglenburg-Lipsch, Georg Egon, — und schließlich Georg selbst; der Grad der Verwandtschaft Beider mit dem Hause Zinna sei genau der gleiche; immerhin sei der Graf bereits in höheren Jahren, sei zudem zwar verwitwet, aber katholischen Bekenntnisses und katholisch getraut gewesen, so daß eine neue Ehe folglich ausgeschlossen sein dürfte ... Georg dachte noch, daß auch die Zinnas katholisch seien, da schlug ihm das Satzende erst aufs Herz. — Ich soll Sigune heiraten! dachte er, bewegte gleichzeitig die Lippen und hörte sich fremdartig sagen: „Ich bitte Sie nun, Herr Hofkammerrat, sich Ihres vollkommenen Auftrages zu entledigen.“
Nun ließ der seine Hände fallen, setzte sich im Sessel vor, faßte flüchtig nach den Brillenstäben, entschloß sich dann, die Brille ganz abzunehmen, kniff mit zwei Fingern den rotgesattelten Nasenrücken und sagte, die goldene Brille ganz leise in der Linken hin und her bewegend, — er hat ganz gute Augen, dachte Georg, nun, wo er mich grade ansieht —:
„Mein königlicher Herr, der Großherzog, hat den innigen Wunsch, seine Tochter als Ihre Gemahlin, Durchlaucht, zu sehn und damit Sie selber, Durchlaucht, unter der Krone, — unter einer Krone, welche die beiden Lande, Beuglenburg und Trassenberg, vereinigen würde. Sollte Ihnen, Durchlaucht, wie ich wohl annehmen darf, besonders an dem Titel eines Herzogs von Trassenberg liegen, so —“ schloß er ganz schnell und oberflächlich, „würde sich das ja leicht ermöglichen lassen.“
Georg mußte sich zusammennehmen, nicht durch die Nase zu blasen, und glaubte, vor Wut zu explodieren. So. Nun kam es. Erst verzichtete man, fand sich ab, fand sich hinein, ging seiner Wege, — ja, erst hatte man den schönsten Plan, arbeitete dran Jahre lang, rüstete sich, freute sich, kam näher, und dann — wars nichts. Dann — fand man sich ab, war schon ganz wo anders, und jetzt — — fing es wieder an, aber: zum Nichtwiedererkennen abscheulich entstellt! Und — und warum hat Papa nur geschwiegen? Fast zehn Tage geschwiegen? — Dumpf, hinter unbeweglichem Gesicht die Zähne zusammenbeißend, hob er die linke Hand gegen das Gesicht, betrachtete sie aufmerksam, konnte endlich fragen:
„Bitte, — ehe wir weitergehn, haben Sie vielleicht die Güte, mir zu sagen, wie Prinzeß Sigune selber sich zu dem Wunsche ihres Vaters verhält.“ Mn — dachte er, das war ein Faux pas, daß ich auf den väterlichen Wunsch gar nicht eingegangen bin, aber das ist mir — Wurst!
Der Hofkammerrat lächelte. Ja, er lächelte ganz freundlich und sagte: „Die Prinzessin hat selbstverständlich keine andern Wünsche als ihr Vater.“
Georg sah dies Mädchen, mager, eckig, unschön, allzublond, schrecklich schüchtern, — neun Jahre war sie damals. O lieber Gott, nein, diese ganze kranke Familie! Sicher war sie mondsüchtig. — Der Kammerrat derweil sprach ganz freundlich weiter:
„Die Prinzessin ist leider ein körperlich nicht besonders starkes Kind; was aber die Natur hier versagte, das, kann ich wohl sagen, hat sie durch eine reiche, innere Fülle, an geistigen, ganz besonders aber an seelischen, an Herzensgaben ausgeglichen. Dies weiß vielleicht, ja ich möchte ruhig sagen: dies weiß sicherlich niemand so gut wie ich, da sie mir in langen Jahren ihrer — leider — allzueinsamen Jugend fast wie ein eignes Kind geworden ist. Ich bin freilich eine — ich möchte sagen, philologische Natur, andre würden es auch nennen: lehrhaft, — immerhin — die Prinzessin, —“ er bog plötzlich ab und fuhr fort: „Ich selber habe die Prinzessin von diesem sie betreffenden Ereignis in Kenntnis gesetzt. Die Antwort, — obwohl, wie ich der Wahrheit halber gestehen muß, nicht leicht zu erlangen, war derart, wie ich — nun, wie ich sie erwarten durfte. Und meinen Standpunkt in dieser Angelegenheit werden Durchlaucht bereits erraten haben.“ Er hatte seine Brille wieder aufgesetzt, stand auf, griff nach seinem Zylinder und sagte: „Ich habe den Auftrag, Euer Durchlaucht eine Bedenkzeit von einigen Tagen zu überlassen. Der Tod des Erbprinzen, so sehr er die Entschließungen meines königlichen Herrn beschleunigte, bedingt einigen Aufschub. Immerhin, sollten Euer Durchlaucht willig sein, auf die Ideen des Großherzogs einzugehn, so möchte ich mir gleich erlauben, einen Besuch Euer Durchlaucht in Zinna etwa nach Ablauf von drei oder vier Wochen in Vorschlag zu bringen.“
Georg hatte sich erhoben, stützte die Hände auf die Schreibtischplatte und blickte angestrengt aus dem Fenster. Er fühlte die Wut verraucht und sich kraftlos und müde. Ich könnte ihn gleich wegschicken, dachte er gleichgültig. Ohne seine Stellung zu verändern, drehte er Schultern und Gesicht nach dem Dastehenden herum und sagte möglichst ruhig und nicht unfreundlich:
„Ich möchte Ihnen keine allzugroßen Hoffnungen machen. Sie kennen mich nicht, Graf, Sie haben vielleicht von mir gehört, jedenfalls — ich bin kein Mensch —“ hier fiel ihm ein, daß gewiß schon Viele, in der selben Lage wie er, die gleichen Worte gebraucht hatten — „der sich —“ er wollte sagen: auf den Befehl eines alten Trottels, sagte jedoch kurz abschließend: „auf Wunsch verheiratet.“
Danach wandte er das Gesicht nach dem Fenster. Der Graf räusperte sich hinter ihm. Er möchte nicht denken, hörte Georg ihn sagen, daß er eine von dieser sehr verschiedene Antwort erwartet habe. Immerhin gebe es ja noch andre Wege für den Großherzog, und Georg dürfe glauben, daß dieser Weg kaum beschritten worden wäre, ohne Georgs eigne, vorangegangene Initiative, die seine Absichten, zur Regierung zu gelangen, offenbart hätten. — Ja, also nun bin ich noch selber schuld! — dachte Georg gekränkt.
„Also bitte,“ sagte er, sich umdrehend und locker die Hand hinhaltend, „kommen Sie morgen wieder.“
Er fühlte seine Hand kurz ergriffen und wieder losgelassen. Der Graf wich zur Treppe zurück, Georg folgte mit zwei Schritten empor und öffnete, draußen stand Egon und öffnete die Haustür, Georg sagte Adieu, schloß die Tür und blieb stehn. Das Gefühl, niesen zu müssen, ließ ihn das Taschentuch ziehn, er schneuzte sich, nieste dann ein paar Mal heftig, die Augen tränten ihm, er dachte: ich habe mich im Saal erkältet. Nun fühlte er auch Schmerzen im Rücken, wünschte, sich auszustrecken, aber es war kein Sofa da. Langsam ging er in sein Schlafzimmer und legte sich auf das Bett. Im Fenster war der traurige Märzhimmel und Geäst; er lag fast wie in Berlin.
Sie kann ja einen Andern heiraten, und der kann Regent werden. Oder der Beuglenburger Lipsch kriegt einen Konsens und heiratet sie. Ach, was geht das mich an! Nein, ich bin diese Sache nun müde. Merkwürdig! fuhr es durch ihn hin, habe ich eben wohl nur einen Augenblick bedacht, daß ich der gar nicht bin, für den er mich hielt? Genug, genug mit dem Ganzen! — Er warf sich herum, fühlte seine Nase dumpf und verschlossen, legte sich auf die Seite, das Gesicht nach der Wand und zog heftig Atem. Langsam erleichterte sich das rechte Nasenloch und wurde frei. Ob Papa dies alles wohl gewußt hat? — fragte er sich plötzlich. Der Erbprinz war ja immer krank gewesen. Oder weiß er vielleicht einen andern Weg? Und wenn ich nein sage, was dann? — Sein Kopf glühte, er stützte sich auf den Ellbogen, die Nase war wieder fest verschlossen, die Mundhöhle klebrig, und er drehte sich herum und sah nach dem Fenster; das blendete, ah, kam doch die Sonne? Aufspringend, lief er zum Fenster und sah nach oben. Ja, eine silberne, weißliche Quelle bewegte sich da oben im Grau, Gewölk wurde sichtbar, die Bäume regten sich, nun fiel ein blasser, gelber Streifen. Ach, wie sah auf einmal alles anders aus! — Ich bin so gräßlich nervös geworden, dachte Georg, so wie die Sonne wechselt, fühle ich mich froh oder trübe. —
Er ging nun wieder ins Nebenzimmer und setzte sich an den Schreibtisch, nieste heftig, schneuzte sich, — die Sonne war wieder fort. Man könnte es als ein Opfer ansehn, dachte er schwer. Renate, — das war noch eine Versüßung; und — es war zuviel, ein Doppeltes an Gewinst, — es soll aber das eine sein, das reine Ziel. Ach, wie schön, wie schön hätte es werden können! Beuglenburg obendrein — was gab es da nicht alles zu tun! Sigune — —? Wer weiß, was sie heute für ein Wesen ist? Zart, gutherzig würde sie jedenfalls sein, lenksam, willenlos. Freiheit genug würde ihm bleiben. Und Renate — sie konnte ja auch nicht wollen. — Vielleicht sehe ich sie mir einmal an; wenn sie gar zu schlimm ist, bin ich stark genug, auch rücksichtslos zu sein. Möglich auch, — ich sage ihnen dann, wer ich in Wahrheit bin! — Da sah er schon die ganze Szene, Minister, Hofkammerrat, denen er schlichte aber klirrende Worte hinwarf.
Aufstehend setzte er sich auf den Schreibtisch, streckte absichtslos die Hand nach dem Telephon aus, und da er dies getan, nahm er auch den Hörer auf und bat den Hausmeister, ihn mit Benno zu verbinden. Gleich darauf hörte er Bennos Klavier, es brach ab, Schritte kamen, er sagte: „Benno?“ —
„Ja, hier bin ich“, antwortete Bennos Stimme. Georg sprach matt und langsam weiter:
„Ich soll heiraten, Benno, die Beuglenburgsche Prinzessin, ja. Und Großherzog werden, — ja. Na, was meinst du?“
Benno, mit unterdrückter Stimme vor Erregung, sagte: „Ich bin außer mir! Georg! das kannst du nicht! Das ist Gewalt!“
Ach, der gute Benno, dachte Georg und wiegte sich, so ist die Sache denn doch nicht in Fürstenhäusern.
„Ja, lieber Benno, du drückst das ein bißchen stark aus. Wer was erreichen will, muß Opfer bringen. Neigungsheiraten, weißt du, sind an Fürstenhöfen sowieso verpönt. Denke, ich könnte König von Holland werden oder dergleichen, — und die Prinzessin ist vielleicht sehr nett.“
„Ist sie schön?“ fragte Benno.
„Ich weiß nicht, ich glaube nicht; aber sie soll sehr gut sein. Ich kann sie ja denn wenden lassen.“
„Du bist ja gar nicht so zynisch, wie du tust, Georg!“
„Ach, der Teufel“, schrie Georg, „soll da nicht zynisch werden! Na, danke schön, Benno, ich wollte bloß mal hören ... Also du rätst ab?“
Benno stammelte etwas, Georg lachte, er sollts schon gut sein lassen, und legte den Hörer hin. Die Nase juckte ihm wüst, er bearbeitete sie mit dem Taschentuch, indem er spöttisch dachte: Alles ist immer so einfach für die Unwissenden. Ich glaube, ich werde doch mal hinfahren. Ach, wenn man bloß nicht so allein wäre! Wer hilft einem denn? Aber nein, nein, nein, gut so, dies muß ich allein ausführen. Ich will schon fertig werden!
Er dehnte sich, und jetzt schwoll ihm die Brust vor unbestimmtem Verlangen nach Thronen und Fürstendasein. Er sah sich in stiller Arbeit, stiller, freundschaftlicher Gemeinschaft mit einem stillen weiblichen Wesen, das ihn liebte, das er gern sah und das er beschützte. Es könnte doch recht — schön — werden —, sagte er sich leise. Ach, man fühlt doch wieder, daß man lebt! Ziele sind da, Wege, Kreuzungen, Widerstände! — Er faßte nach seinem schmerzenden Rücken, dachte: Vorläufig werde ich wohl Influenza kriegen, und wünschte sich zu Virgo. Er ging auf den Flur, klingelte nach Egon, ließ sich den Mantel anziehn und verließ das Haus.
Renate trat aus der Kapelle, schloß die Tür, zog den grünen Schal fester um die Schultern und blickte eine Weile in den kahlen Garten. Es dunkelte schon; hinter den schwärzlichen Maschen des Buschwerks und der Bäume lag das Haus, stumm und lichtlos, grau, kalt. Frierend lief sie durch den Garten, die Stufen zur Veranda empor und schlüpfte in die angelehnte Tür. Während sie zuriegelte, wurde hinter ihr die Tür zum Flur geöffnet; dann kam vornübergebeugt, auf einen Stock gestützt, ein großer Mann herein, den sie im Halbdunkel nicht erkennen konnte. Drei Schritte kam er vor, die Füße absonderlich hochhebend, die Augen im großen, rasierten Gesicht fest auf sie gerichtet, lachte leicht auf, und — „Herzog!“ rief Renate und schlug die Hände zusammen. Er richtete sich auf und hob den Stock hoch.
„Was sagen Sie nu?“ rief er stolz.
„Ist es die Möglichkeit!“ sagte Renate und ging eilig auf ihn zu. Er nahm ihre Hand in seine Linke, sie merkte, daß sie selber es war, die ihre Hand fast gegen seinen Mund drückte.
„Es ist zwar“, sagte er, sie küssend, „unschicklich in Norddeutschland, einer unverheirateten Frau die Hand zu küssen, aber das macht nichts.“
„Sie gehen! Sie können gehen! Nein, wie mich das freut!“ Renate legte die Hände wieder zusammen und meinte, sie könnte schon ihre Freude recht deutlich werden lassen. „Und so verschönt, so verschönt! Welche Ehre mir da widerfährt!“
Sie ging zu einem der Sessel in der Nähe des Kamins und zeigte ihm einen andern. Nicht unbeholfen ging er draufzu und setzte sich. Zwischen Beiden kniete das Hausmädchen und machte Feuer unter den Holzscheiten. „Recht so,“ sagte der Herzog, „mich friert ausdermaßen. Setzen Sie sich schnell zu mir, ich habe genau zwanzig Minuten Zeit, dann geht mein Zug, ich muß nach Beuglenburg, es giebt die größten Umwälzungen, unterwegs hat mein Chauffeur mich umgeworfen, vielmehr gegen einen Baum gefahren, weil der Bauer nicht so wollte wie er, da bin ich mit dem Zuge gekommen.“
Das Mädchen ging, Renate setzte sich. Er reichte ihr noch einmal die Hand. Sie mußte sich Mühe geben, sein ihr bekanntes Gesicht wiederzufinden. Die Oberlippe war sehr schmal, der Mund schien größer und kräftiger, das Kinn war erstaunlich groß und stämmig. — Sehr ernst sagte er:
„Ich wollte Ihnen vor allem danken. Wenn mir etwas geholfen hat, waren es Ihre Briefe. Sie sind ein guter Kamerad, ich will dafür sorgen, daß Sie’s bleiben. Ja, da habe ich gehen gelernt. So wie’s gewesen ist, wirds ja nicht wieder werden, nicht einmal so, wie es hätte werden können, wenn ich gleich damals angefangen hätte, sagt der Arzt, aber —“ er setzte sich fest, „man muß zufrieden sein. Nun sagen Sie — wie geht es Ihnen denn? Ich fürchte, Sie sahen besser aus im Sommer.“
Renate lächelte nur und war froh. „Wollen Sie mir nun nicht erzählen, was das für Umwälzungen sind?“
Der Herzog sah auf die Uhr. „Bloß noch sechzehn Minuten,“ sagte er, „vielleicht könnt ich doch einen andern Wagen mieten, ich bin im allgemeinen kein Verschwender.“
„Ja, so nehmen Sie doch meinen!“ rief Renate und sprang auf.
„Augenblicklich!“ sagte der Herzog, „wenn Sie mit mir kommen. Sie können in zwei guten Stunden zurück sein!“
Renate, schon an der Tür, klingelte, versicherte, sie komme gerne mit, trug dem Mädchen auf, dem Chauffeur Bescheid zu sagen, und setzte sich wieder. Die Scheite im Kamin glommen langsam und widerwillig auf. Renate kreuzte behaglich die Arme und sah den Herzog erwartend an.
„Also,“ sagte er, „mein Sohn will Großherzog werden. Es ist eine hundsföttische Angelegenheit, mit Erlaubnis! Vor drei Tagen ist der Beuglenburger Erbprinz gestorben. Er hatte Tuberkeln, seit Jahren schon wurde sein Ende erwartet, ja, vor drei Jahren gaben sie ihn schon auf, aber er erholte sich wieder. Sein Vater ist — also — nur noch eine Masse. Erbschaftsberechtigt sind: erstens ich hier, mein Sohn und ein schon bejahrter Graf Beuglenburg-Lipsch, der gerne möchte. Ich falle aus, für mich ist das nichts. Mein Sohn — ja, was meinen Sie eigentlich? Sie kennen ihn doch ...“
Renate sagte: „Ich schrieb Ihnen ja ... Kenne ich Georg? Ich mag ihn gern, er ist klug, sehr fein und bescheiden. Freilich, was heißt das ...!“
„Nun, lassen Sie mich erst weiter erklären“, unterbrach er. „Außer dem verstorbenen Sohn ist da noch eine Tochter Sigune, neunzehnjährig, eine gute Seele, glaub ich, sehr fromm vermutlich, die Beuglenburgs sind katholisch, die Kleine war und ist — was ich leider nicht wußte — ganz in den Händen ihres Erziehers, der Hofkammerrat am Hof ist und nicht nur sie, sondern den ganzen Hof beherrscht. Jesuitisch erzogen übrigens. Die Entwicklung wäre daher die, daß die Beiden heiraten, mein Sohn und die Sigune. Und das scheint mir bedenklich. Georg hat Spätlingsnerven, hat gar kein Talent zur Brutalität, denkt von außen nach innen und ist noch sehr jung. Der Gedanke, daß er erbt, hat ja nun für mich alles Bestrickende. Trassenberg war bis über Achtzehnhundert hinaus selbständig, kam dann zu Beuglenburg. Aber Trassenberg gehört mir. Solange der alte Großherzog regierte, hatte ich keinerlei Schwierigkeiten. Alle Beamtenstellen in Trassenberg besetzte ich. Kommt der Beuglenburger Graf zur Regierung, so habe ich die Jesuiten im Land, und es giebt den ungeheuerlichsten Schlamassel; in jeder Beziehung. Das brauche ich nicht zu erklären. Ich könnte freilich selber regieren, ich bin der nächste, aber — ich will einmal nicht. Doktor Birnbaum ist zwar dagegen, stabiliert nach wie vor sein heiligstes Menschenrecht, nämlich das, jeden Augenblick seine Meinung ändern zu können, aber — ich habe mich an diese Meinung zu sehr gewöhnt, bin auch zu alt zu Neuerungen.“ Er lachte kurz und griff nach einem imaginären Bart.
Indem trat der Chauffeur ein und meldete, der Wagen sei bereit. Der Herzog stand auf. „Fahren wir nur,“ sagte er, „ich bin so schon ungeduldig genug.“
Eine Weile später saß Renate unterm schwarzen Pelz in der Wagenecke, der Herzog in der andern, der rechten, die er sich ausbedungen hatte, da er auf dem rechten Ohre taub sei. Wie Bogner! fiel es Renate ein, wo war Bogner? Oh dies war auch ein Mensch, dieser nicht regierende Herzog! Das Automobil bog gleich in den Wald ein, die Lampe unter der Decke glühte auf, das Gesicht des Herzogs erschien rötlich; eng und warm war der Raum um sie, die Scheiben beschlugen schnell.
Der Herzog war plötzlich verstummt. Renate mochte ihn nicht stören, da er sicherlich viel im Kopfe hatte, auch genügte ihr vollkommen die Wohltat der Fahrt und das Dasein des fremden, immerhin doch — kaum bekannten Menschen. Sie glaubte, in sich versunken, wohl eine Viertelstunde bereits im Fahren zu sein, als sie ihn sprechen hörte, ohne daß er sie ansah.
„Sehen Sie,“ sagte er, „man tut doch immer zu wenig. Oder man ist immer nach einer Seite hin geblendet, und aus den wunderlichsten Ursachen. Jahrelang, jahrzehntelang lag diese Sache nun vor mir, ward sie geplant, beleuchtet — und — den Gedanken an diese Heirat habe ich ebensowenig mit kalkuliert, wie ich einen starken Einfluß des Hofkammerrats, an dieser Stelle, ahnte. Es ist bei Gott, als ob er sich versteckt hätte. Denn nun hat der Gedanke: Georg und Sigune, die verteufeltste Ähnlichkeit mit dem Kolumbusei: solange ungedacht — ists eben nichts — und sobald gedacht das einzig Naheliegende und Natürliche ...“
Nun wars wieder still, lange Minuten, bis auf das Rauschen der Fahrt.
„Ich habe das eben so obenhin gesagt,“ fing der Herzog wieder an, „das mit dem Altsein, aber ich meinte es nicht. Nein, ich bin nicht alt.“ Er beugte sich mit einem Ruck vor, faßte seinen Stock und schlug damit auf seine Stiefelspitzen unter der Decke. „Absichtlich habe ich diese Kraftanstrengung gemacht mit dem Gehenlernen. Ich — ich glaube, es war die Ungeduld von zwei Jahrzehnten, die auf einmal losbrach, und da habe ich denn nachzuholen versucht, was meine Frau in denselben zwanzig Jahren in ihrem Käfig hat abwandern müssen. Nun denke ich mir alles sehr schön. Mein Sohn und ich waren immer gute Kameraden, Birnbaum ist auch da und liebt Georg wie der ihn, es könnte ein Triumvirat, es könnte sehr, sehr gut werden.“
Er schien Renate noch erregter, als sie nach seinen Worten allein erkennen konnte. Sie sagte, es sei sicher viel Gutes in Georg, er beobachte vielleicht ein wenig zuviel sich selbst, aber — „Nun ja,“ murmelte der Herzog, „in diesen Jahren, da ist sich ja jeder ein Labyrinth und sieht an jeder Straßenecke den Minotaurus das Bein hochheben. Ja, entschuldigen Sie nur, ich denke immer noch, ich rede mit Birnbaum wie in all den Jahren. Nun, sehen Sie, so ist Georg. Ich sagte Ihnen, glaub ich, schon einmal, daß ich ihm unbegrenzten Kredit gab. Sie wissen, was das ist.“ Renate schüttelte den Kopf. „Nun, das schadet nichts, es heißt jedenfalls so viel, daß er Geld verbrauchen konnte, soviel er wollte. Es war ein Risiko von mir, eine Probe, bankerott machen konnte er mich ja nicht, und so dachte ich: versuchs lieber auf die Weise, als daß er dich hintergeht, Schulden macht und den Namen versaut. Schulden kann ich auf den Tod nicht leiden. Was tut Georg? Braucht — im Verhältnis — überhaupt nichts. Nun würde das an sich nichts heißen, wenn er ein — also von Natur ein Asket wäre, ein Einsiedler, ein zarter, scheuer Mensch, dem das Bunte der Welt nichts bedeutet. Er aber ging ganz frisch in die Welt hinein, machte Dummheiten, ruinierte ums Haar seine Gesundheit. Aber — —! Was hätte er nicht — —? er hätte einen Rennstall halten können, drei Rennställe, unermeßlich pokern, Mätressen, Automobile, Paläste, Jachten, was weiß ich, halten können. Nichts davon. Was er am Grunde seines Lebens sucht, ist ihm wahrscheinlich so geheim wie mir selber, und wenn er heute Großherzog sein will, so will er vielleicht morgen Dichter sein — nun, es giebt schlimmere Schwankungen. Einmal, das will ich gestehn, war ich mißtrauisch. Ich hatte ihm eines Tages eine — ja, eine schwierige Eröffnung zu machen; er hatte sich zu entschließen. Ich schickte ihn ins Freie, saß und wartete auf ihn. Es ward dunkel; da kam er. Ich dachte: Er braucht sich nicht entschlossen haben, es eilt nicht, aber, dacht ich: Was wird sein erstes Wort sein? Man hat seine abergläubischen Momente, und ich lag selber im Graben. Soll ich Licht machen? fragte er. Ich weiß nicht, das schien mir nicht sehr vielversprechend. Er hätte Licht machen sollen — nun — aber — ich bin wieder davon abgekommen. — Und nun möcht ich rauchen“, bat er, seine Zigarrentasche schon in der Hand. Renate nickte, freute sich, die große Zigarre von Helenenruh wieder zu erkennen, und atmete nicht unbehaglich den zarten Geruch der ersten Wolke. Man muß ihn reden lassen, dachte sie weich.
Der Herzog saß weit vorgebeugt, wischte zuweilen mit der Hand an der Scheibe und sah hinaus, während er sprach. Jetzt blickte er wieder eine lange Zeit schweigsam hinaus, setzte sich dann zurück, drückte den Rücken fest, sah Renate kräftig forschend an, dann wurden seine Züge weicher, er sagte:
„Gute Freundin! Ich habe nie Gelegenheit gehabt im Leben, unaufrichtig gegen einen Menschen zu sein, diesen und jenen Halsabschneider ausgenommen, gegen einen nahen Menschen also, deshalb möchte ich es auch gegen Sie nicht sein. Da ich Sie also einmal mit dieser Angelegenheit behelligt habe — und es tut mir aufrichtig wohl, daß ichs durfte —, so sollen Sie auch den Rest wissen. Georg ist nicht mein Sohn. Er ist — aber das ist gleich, das würde viel zu weit führen, und es genügt ja, wenn Sie die Tatsache wissen. Nun — was sagen Sie dazu?“
Renate wollte heftig erschrocken abwehren: Nein, nein, lassen Sie mich nichts dazu sagen! besann sich aber rechtzeitig mit der Erinnerung an sein Vertrauen, schlug die Augen gegen ihn auf und sah ihn dasitzen, das Kinn auf die Brust gedrückt, die Oberlippe zwischen den Zähnen, unter der geneigten Stirn aufblickend, nun doch zweiflerisch vor ihrer Antwort. Sie machte ihren Blick herzlich, murmelte für sich: Einen Menschen sollst du messen ... und sagte leise:
„Von meinem Freund schrieb ich Ihnen hier und da, Saint-Georges, den ich immer zu fragen pflege, wenn ich etwas nicht weiß. Der schenkte mir einmal den Spruch: Einen Menschen sollst du messen — Wenn du in seiner Haut gesessen. — Und“, fuhr sie, die Hände faltend und mit wärmerem Lächeln in seine Augen blickend, fort: „Wenn Sie geglaubt haben, daß trotz dieser Tatsache er als Ihr Sohn gelten solle, dann habe ich kein Recht, anders zu urteilen.“
„Danke schön“, sagte er und nickte. „Ich muß noch hinzufügen,“ erklärte er dann, „daß erst vor zwei Jahren auch mir dies mitgeteilt wurde, ja, übrigens spielte der Vater unsrer Magda dabei eine verfluchte Rolle, na, der ist nun auch tot. Und dies war die Eröffnung, von der ich eben sprach, die ich ihm zu machen hatte. Mein Sohn und ich — wir haben also alles beim alten gelassen. Sie haben nicht in meiner Haut gesessen, nein, und ich nicht in der seinen, denn schließlich ist er hier ja derjenige, auf den es allein ankommt, aber — ich glaube doch: wir haben alle drei recht.“
Renate sann hin und her, aber das Ganze war ihr allzu fremd, als daß sie sich in solcher Schnelle, wenn überhaupt je, hätte hineinfinden können ...
„Und nun“, hörte sie den Herzog sagen, „können Sie sich immerhin denken, wie dies Geschehnis auf mich wirken mußte. Nicht wahr: Ich hatte ihn verloren, als Sohn, — Sohn meiner Helene; ich behielt ihn aber, ich hatte also — gesetzt, dies sei möglich — noch einmal so väterlich um ihn zu sorgen, als ob er mein echter Sohn sei. Ob möglich oder nicht: dies war mein Gefühl, dies hatte es zu sein.
„Und nun diese Heirat,“ fuhr der Herzog nach einer Pause fort, „wie? was ist?“ unterbrach er sich. Renate, die bemerkt hatte, daß der Wagen, wie bereits mehrere Male, ganz langsam fuhr, reinigte die beschlagene Fensterscheibe mit dem Handschuh und blickte hinaus. Schwarze Nacht wars; der Wagen stand still. Sie ließ das Fenster ein Stück weit nieder, eiskalt drang die Luft ein. Sich hinausneigend sah sie vorn den mächtigen Schattenriß des wulstigen Rades, drohend überwölbt vom Schutzblech, die metallene Halbkugel der Wagenlampe dicht darüber, aus der ein Strahlenkegel weit in die Nacht fiel, schwarz den sargartigen Kühler und blinkende Tropfen an der Glasscheibe vor dem Fahrer. Kalkweiß stand ein gesträubter Chausseebaum im Licht. Gleich darauf tauchte ein zottiger Hund neben einer Weibsgestalt auf, ein Handwagen dahinter; sie hörte den Chauffeur etwas fragen, der Handwagen zog weiter, ein großer Kerl, hinterdrein stolpernd, wandte sich halb im Gehen, schwang die Arme und rief etwas in unverständlichem Plattdeutsch; der Wagen ruckte an, der Motor rauschte, sie rollten.
„Noch zehn Minuten höchstens,“ sagte der Herzog, „aber nun müssen Sie das Ganze hören. Sie haben sich wahrscheinlich bereits gefragt, wie Georg zu der ganzen Sache steht. Ich wills Ihnen sagen. Es fängt mit meinem Urgroßvater an. Der war sehr sonderbar; Astrolog; nicht Astronom, sondern Astrolog. Anfang des achtzehnten Jahrhunderts wurde Trassenberg mediatisiert, aber mein Urgroßvater schloß mit Beuglenburg einen Geheimvertrag, nach dem Trassenberg zwar an Beuglenburg kam, jedoch nur auf hundert Jahre, kündbar. Warum dies, ist unbekannt. Er hatte die merkwürdigsten mystischen Neigungen! In seinem Nachlaß fand sich unter vielen andern Seltsamkeiten, Horoskopen, Prophezeiungen eine Vorhersagung: Im Anfange des zwanzigsten Jahrhunderts würden beide Häuser, Trassenberg und Beuglenburg, oder Zinna, auf zwei Augen stehn; von diesen Augen würde es abhängen, ob die Stimmen beider Gewalt im Rate der deutschen Völker erlangen oder für immer verstummen würden, — die Weissagung besteht aus lateinischen Distichen, astrologische Wendungen, die Gestirne, Venus, Jupiter spielen eine unverständliche Rolle darin. Weissagung und Vertrag haben beide sich in unserm Geschlecht vererbt, und zwar wars üblich, daß diese Erbschaft am Tage der Mündigkeitserklärung vom Erstgeborenen angetreten wurde. Nun konnte es sich nur noch um Georg handeln, aber jetzt lag die Sache folgendermaßen ...
„Der Zinnasche Erbprinz, Bruder eines Totgeborenen und einer schwächlichen Schwester, selber nur mit Mühe und aller Kunst von Geburt an am Leben gehalten, war für mich allezeit — nicht dasjenige Augenpaar, auf dem die Schicksale der beiden Länder ruhen sollten — das heißt: ich füge meine Ausdrucksweise nach der Prophezeiung, die für mich keinen bedenklichen Wert hat noch hatte. Nun: im Sommer werden es drei Jahre sein, Georg zog zur Universität, trat ins Leben, ich hielt es für an der Zeit, ihn wissen zu lassen, was ihn in Zukunft erwartete, um so mehr — bei seinem Hange zur Dichterei und dergleichen schönen, aber wenig weltlichen Dingen. Nun griff eins ins andre. Nämlich: ihn spekulieren zu machen auf den Tod eines noch Lebenden, das widerstrebte mir. Ich hatte aber den Vertrag, der heutzutage — das vergaß ich zu erwähnen — ich will zwar nicht sagen: keine, aber doch keine nennenswerte Gültigkeit — an sich — hat, wenn der Andre nicht will. Wollt ich ihn durchsetzen, so handelte es sich schließlich nur um die Geneigtheit des Bundesrats, und da von den drei Stimmen, die Beuglenburg und Trassenberg gemeinsam drin haben, zwei schon immer in meiner Hand waren, so — nun, Sie verstehn. Also war zu kalkulieren: ist der Erbprinz einmal tot, soll dann weiter geerbt werden im Mannesstamm, so kommt zuerst Georg in Frage, und der Vertrag liegt da als Fundament, als Stütze, wie man will. Also ... wo blieb ich stehn? — So — ich benutzte also Georgs politische Unkenntnisse (sie hielten länger vor, als ich damals ahnte) und sprach ihm damals schon, drei Jahre früher als üblich, von dem Vertrage und seinen Möglichkeiten in bezug auf ihn. Er war daher, bis vor zehn Tagen etwa, war er in dem Glauben, in der Zuversicht: Herzog von Trassenberg werden zu können. Nun vor allem: das Ganze wäre ums Haar schon vor zwei Jahren zum Klappen gekommen, da der arme Junge Adolf Emil sich bereits zum Sterben anschickte, aber wieder — ich argwöhne sehr — gegen seinen Willen daran verhindert wurde, für mich ein Beweis, wie richtig ich gegen Georg verfahren war. Hopla!“ sagte der Herzog, denn der Wagen war aufs Pflaster gerollt und schüttelte erbärmlich. Durch das trübe Glas der Wagenfenster fiel gelbes Licht herein zu dem rötlichen Inneren, Laternen, Schaufenster, Menschenschatten, ein Wagen zogen vorüber. Gleich darauf stand der Wagen still.
„Ja, nun muß ich doch abbrechen,“ bedauerte der Herzog, „oder bringen Sie mich noch bis oben, eine kleine Viertelstunde“, sagte er verlockend.
Renate nickte, der Herzog ergriff das Sprachrohr und befahl dem Chauffeur sich nach dem Schloß hinauf weiter zu fragen. Bald darauf rollte der Wagen weiter, durch Straßen, Pflaster und Asphalt, hin und her, währenddem sie schwiegen, Renate gespannt, als läse sie Balzac. Kaum rollte der Wagen wieder sanfter dahin, begann auch der Herzog:
„Also weiter. Zu Neujahr gab ich Georg den Vertrag; zwei Tage vorher nämlich schreibt mein Agent, aus Zinna: der Erbprinz liegt im Sterben, diesmal ists sicher! (War aber wieder gelogen, er hat noch zehn Wochen gelebt, es war ein Jammer!) Georg geht hin und klagt den Vertrag ein, und — nun kam die Enttäuschung für uns Beide: bekam eine schlichte, ja schnöde Abweisung. Nun, was weiter —
„Er schreibt mir, er steht vor einem Rätsel ... Ich tu’s selber, ich schreibe nach Zinna, es giebt ein unverständliches Hin und Her, endlich kommts denn zu Tage: Georg heiratet Sigune.
„Ich fahre selber nach Beuglenburg. Der Großherzog, wie ich immer wußte, ist eine Null, vor der dieser oder jener seiner Umgebung, am häufigsten sein Hofkammerrat, ein halber oder ganzer Jesuit, zusammenleg- und entfaltbar, jede beliebige Ziffer von zehn bis neunzig formiert. Mit ihm selber ist nichts anzufangen, seine Umgebung schwört: er reagiert nur auf Fremde nicht, beinah hätten sie gesagt: in ihren Händen sei er Wachs, denn das ist er. Ihrer Aussage nach also besteht er auf seinem Willen, das Erlöschen seines Namens um jeden Preis zu verhindern. Na, nun giebt es ja allerlei Möglichkeiten. Der alte Beuglenburger Lipsch kann päpstlichen Konsens erhalten, um wieder zu heiraten. Immerhin — dies ist des Hofkammerrats Vorzugswort — immerhin scheint er — der Hofkammerrat — für seine Sigune — er hat sie erzogen, und da sie aufs äußerste an ihm hängt, muß er wohl auch seine guten Seiten haben; wem fehlen die schließlich nicht? — er scheint also dem jüngeren Georg doch den Vorzug vor dem alten Lipsch zu geben, sagt sich vielleicht auch, daß aus Alter und Krankheit kein brauchbarer Nachwuchs zu hoffen ist und das Erlöschen Zinnas bloß aufgeschoben, nicht -gehoben. Schließlich sind auch Erbschaftsgesetze nichts Unabänderliches, das heißt: die Sigune kann irgendeinen andern von fünfzig gut katholischen Prinzen heiraten, dessen Sohn erbschaftsberechtigt wird. Wir müssen gleich da sein, der Wagen steigt schon mächtig, merken Sie die Serpentinen? Sehen Sie, da liegt das alte Nest!“
Hinausblickend sah Renate das rötliche, qualmende Lichtertal der Stadt unter sich, ein altes Stadttor, den schwarzen, rötlichen Fluß, dahinter Nacht und den braunen Himmel.
„Ich bin ja auch nun am Ende“, sagte der Herzog. „Georg hat man inzwischen Mitteilung von seiner Heirat gemacht, hinter meinem Rücken, die Schurken! Bei alledem ist das Unglück, daß der Großherzog darauf besteht, noch morgen, am liebsten schon heute abzudanken, also seine Tochter so stracks wie möglich zu verheiraten, wobei ich ahnungslos bin, wiederum, ob das sein Wille oder der seines Hofkammerrats ist. Georg schreibt mir einen verzweifelten Brief nach dem andern: Was denn das heiße, er begriffe nicht — er hüte sich natürlich vor jeder Kritik — aber er begriffe nicht, was ich mir je gedacht hätte, er könnte doch das kranke Mädchen nicht heiraten und so weiter.“