„Die Linien des Lebens sind verschieden
Wie Wege sind und wie der Berge Grenzen.
Was hier wir sind, kann dort ein Gott ergänzen
Mit Harmonien und ewigem Lohn und Frieden.“
Sie schwiegen lange.
Benno sagte: „Ergänzen, ja. Zu Moll das Dur und zu Dur das Moll; und doch wird es Ergänzung nicht allein sein, sondern das — andre, das — von hier, wird mit darin sausen, und das wird die Vollkommenheit sein, die weder Dur ist und weder Moll. Und das hat Bach gewußt.“
Es war wieder still. Georg versank in ihm selber Unbewußtes.
Plötzlich — als sei es genug — sah er undeutlich Sigurds Haltung sich lösen; er setzte den Fuß an die Erde neben den andern, beugte sich vor, legte die Hände um eines der Bücher auf dem Tisch und sagte in seiner kurzen Weise:
„Wissen Sie, Georg, — ich wollte Ihnen immer schon etwas sagen. Wegen Esther. Sie wissen ja: meine Schwester gehört mir, mir ganz allein. Ich habe sie erzogen von Kind auf; sie ist — mein Werk. Es gab eine Zeit, wo sie den Leuten langweilig war, so sehr war sie ein Abguß von mir und sprach mit meinen Worten. Und was wissen wir schließlich von solch einem Wesen?“
Er brach ab. Ja, was wissen wir, dachte Georg. Sie geht umher und sieht süß aus. Alles, was wir wissen, sind Dinge, die sich auf uns beziehn. Obendrein antwortet sie nur, schweigt, spricht selten von selber, oder ganz Belangloses, Tatsächliches. Und dabei diese Wandelbarkeit, als hätte sie gar keinen Kern! Mit jedem Kleid, in jedem Hut, ohne Hut, im Mantel, in der Jacke ist sie ein andres Wesen; heut ein Kind, morgen abwesend, eine kühle fremde, Verirrte, jetzt sanft und hülflos, morgen sicher und verständig, ja scharfsinnig, heut altklug und morgen unbewußt —, als ob sie immer und nur auf geheime Unterweisung sei und handle, — aber immer ist sie verführerisch und gefällig mit Miene und Lächeln. Ja, wenn ich das Sexuelle auch so überschätzte, wie Alle es tun, so würde ich denken, ich sei in sie verliebt, bloß weil ich ab und an den zärtlichen Wunsch habe, sie auf den Arm zu nehmen und irgendwohin zu tragen. — Während er sich dies sagte, betrachtete er Sigurd, der, die Zunge im Munde wälzend, das Buch hin und her drehte, und dachte, falls er, wie es schien, ihm etwas mitteilen wollte, sei es das beste, zu schweigen. Richtig fing Sigurd auch wieder an:
„Was wissen wir von ihnen? Ihre Gedanken laufen doch immer wo anders hin. Nun sind sie in Amerika. Sie giebt bekanntlich vor, einen jungen Mann zu lieben, da drüben ...“
„Warum: giebt vor?“ fragte Georg.
Sigurd blickte wegwerfend auf: „Ich sagte ja, daß sie mir gehört, also liebt sie in Wirklichkeit mich, nur ist sie eben meine Schwester und merkt es nicht. Und überhaupt nun diese sogenannte Liebe. Esther ist immer von irgendwem geliebt worden und hat immer irgendwen geliebt. Endlich kommt einer und sagt, er muß sie heiraten, und da muß sie nun auch. So ists immer, Alle heiraten aus Zufall, und nachher ist das Unglück da.“
Georg glaubte sich zu erinnern, daß er das selbe schon einmal von einem andern Menschen gehört hatte, — war es nicht Ulrika? ... Aber Sigurd war aufgestanden, lehnte sich mit der rechten Schulter gegen das Bücherregal, den Kopf gesenkt, hier und da einzelne Bände tiefer ins Fach klopfend, während er sprach:
„Ich will sie nicht hergeben, ich brauche sie, wofür lebe ich denn?“ Er wandte sich zu Georg. „So etwas kennen Sie natürlich nicht,“ sagte er mit verächtlicher Traurigkeit in den schweren Augen, „Geschwisterliebe. Nicht Frau, nicht Geliebte, nicht Freundin, aber von jeder ein Hauch, — und andrerseits, wenn ich denke, ich könnte eine andre Frau lieben, so würde mir das Verwandtschaftliche bitter fehlen.“
„Irgend etwas“, sagte Georg weise, „fehlt immer.“
„Esther,“ fuhr Sigurd fort, ohne hinzuhören, „Esther hat diese Macht über die Menschen, dies Verlockende, das ihr eigentliches Wesen ist. Sie kann nicht anders, sagen Sie selber: wenn sie mit Ihnen allein ist, ist sie da nicht ganz eine andre, als wenn Andre dabei sind? Unter Vielen ist sie überhaupt nichts, da steht sie wie ein kleiner Hund im Regen ...“ Er lachte verlegen, Georg lachte gefällig mit.
„Nun also der in Amerika“, fing Sigurd wieder an. „Ein außerordentlich tüchtiger Mensch, müssen Sie wissen. Unglücklicherweise nahm er an einem Monatsletzten — als er noch hier war — dreißig Mark aus der Kasse, um sie am Ersten wieder hineinzulegen, da kam die Revision. Es gelang mir natürlich,“ sagte er mit innerlichem Stolz, „den Chef zu überzeugen, daß er keine Anzeige machen durfte und ihm ein Zeugnis ausstellte auf Tüchtigkeit und Fleiß mit dem Vermerk: verläßt seine Stelle nach Übereinkunft. Ja, und trotzdem verfiel der arme Junge so in Verzweiflung, daß er in die Staaten hinüberging. Oh auf ihn kann man sich verlassen, aber auf Esther? Warum soll sie nun grade den immer und ewig lieben, nachdem sie sich so oft geirrt hat? Aber ihr Gefühl für mich, das ist immer das gleiche geblieben. Sie fängt nach einem halben Jahr an, sich zu langweilen, immer mit dem selben Mann, wohin soll sie sich noch entfalten?“
„Ja, ja,“ lachte Georg, „Sie haben recht: unter mehreren Männern ist sie die bescheidene und kluge Lauscherin — Leonore im Tasso —; mit einem allein entfaltet sie sich zart — Leonore mit Tasso.“
„Achtzehn Jahre ist sie alt,“ sagte Sigurd kopfschüttelnd, „und bildet sich wahrhaftig ein, dieser Kaufmann drüben sei in Europa und Amerika der einzige Mensch, mit dem sie das Leben zu Ende führen kann.“
„Sie sind närrisch,“ meinte Georg, „Liebe und Überlegung ...?“
„Ja, soll sie ihn lieben!“ brauste er auf, „aber warum denn um Himmels willen heiraten? Wie schön ist die Liebe, wie ideal ist die Liebe! Sie erregt alle heftigen Gefühle, Sehnsucht, alle Empfindungen nach — hinaus, nach oben, ins Offne, ins Unbegrenzte, — und dann wird geheiratet.“ Er lief an Georg vorüber und hinter seinem Rücken im Zimmer hin und her.
Georg fiel Cora ein, die er seit Monaten einfach vergessen hatte, und sagte: „Ideale, das wissen Sie doch, Sigurd, sind dazu da, daß man sie hat, nicht daß man danach lebt. Zum Leben brauchen die Menschen Ziele.“
„Na, und was machen Sie da wieder für einen psycho-philosophischen Unterschied?“
„Ein Ideal“, sagte Georg ernsthaft, „ist keines — nicht wahr — innerhalb erreichbarer Grenzen; ein Ideal ist doch nichts Persönliches, nichts, was man für sich allein hat, oder käme es nicht mehr von Idee her? Ideal ist Religion. Wie ich schon sagte, nicht wahr: auch Religion müssen die Menschen haben, aber wer lebt danach? Für ihr Leben haben sie ihre Gesetze und sonst praktische Wegweiser, was ich Ziele nannte. Wegmarken braucht der einfache Mensch, um zu sehn, woher er kommt und worauf er zugeht, und daß er sich bewegt.“
„Ach, Sie denken immer so artistisch! Dem Künstler freilich sind seine Werke solche —“
„Dem Künstler“, griff Georg mit Festigkeit ein, „sind seine Werke niemals Ziele, sondern stets Ideal. Was er erreicht — im Werk —, das mag Andern, ja mag ihm selber ein Ziel scheinen, eine Wegmarke, eine Stufe, um höher zu steigen: im Grunde bleibts ideal, weil unvollkommen gegenüber seiner Idee. Ein vollendetes Kunstwerk, nicht wahr — das kann niemals mehr heißen als: ein fertiges. Selbst Gott hat nur gesagt, es wäre sehr gut, und ich bin überzeugt, daß sein Ideal von Welt hoch, aber höchst anders ausgesehn hat!“ Georg, nachdem er seine Sätze auf das eifrigste hervorgesprudelt hatte, stand auf, ging hin und lehnte sich gegen die Bücherwand. In der Tiefe des dunklen Raumes sah er Sigurd neben dem Pensieroso stehn, der vor ihm saß, unbekümmert wie je, den Handrücken unterm Kinn, sinnend.
„Es giebt so viele Worte“, sagte Sigurd. „Wie alt sind wir eigentlich? Unsereins sieht immer über die rationalen Dinge hinweg, als ob Gott und Welt und Ewigkeit das einzige wäre, was uns anginge, als ob wir sie im Sack hätten, als ob sie nur so um uns herumstünden wie Schränke. Übrigens haben Sie davon angefangen.“
„Ja, Sie merken doch alles, Sigurd“, sagte Georg sardonisch. „Glauben Sie wirklich nicht, daß das Alltägliche genügt, um es zu tun? Soll man auch davon reden?“
„Nicht vom Alltäglichen,“ versetzte Sigurd kurz, „das ist eine Unterschiebung. Ich sprach vom Realen oder Tatsächlichen und bin nicht der Meinung, daß es so einfach ist, daß Tun genügt.“
„Ich kenne eine Frau,“ erwiderte Georg nachlässig, „deren Ideal wäre es, die Geliebte eines Prinzen zu sein. Jawohl, Sie bemerken ganz recht: der Prinz bin ich selber.“ Sitzt mir die Maske? fuhr es durch ihn hin. Er sammelte sich und fuhr fort. „Ich sage Ideal, Sie würden sagen Ziel.“
„Weil Sie,“ Sigurd lachte spöttisch, „weil Sie ihr dies Ziel nicht erfüllen wollen? Also ein idealisches Ziel, wie Ihr Kunstwerk, wie der Himmel für den primitiven Frommen, den Moslem oder so: solange man danach strebt, Ideal, wenn mans hat, Ziel.“
„Ach, Unsinn!“ murrte Georg. „Der Himmel (und die Hölle genau so gut) sind keine Ideale für den Frommen, sondern einfach Ziele, weil sie mit zum Irdischen gehören, weil sie in seinem Dasein inbegriffen sind.“
„Also leugnen Sie überhaupt Religion?“
Es klopfte. Die Tür zum Flur wurde geöffnet, und Esther stand über der Treppe in einem dicken bräunlichen Regenmantel, den Kragen hochgeschlagen, kaum sichtbar das kleine Gesicht mit den funkelnden Augen unter tiefen Scheiteln und der Kappe aus schwarzem Haar, die sie heute trug. Sie hatte einen Brief in der Hand.
„Ein realer Brief,“ sagte Sigurd, indem er näher trat, „siehst du, Esther, der Prinz leugnet alle Religion außer Buddhismus.“
Ich dachte an Märtyrer, sagte Georg sich schweigend, indem er Esther die Hand gab und fand, daß sie wie ein gutes, schwärzliches Tierchen aussah, süß zum Wegtragen und Füttern. — „Als wir anfingen, Esther,“ sagte er, „sprachen wir von Ihnen; nun sind wir glücklich beim Nirwana.“
Sie lächelte. „Das ist eben das Gute an uns, daß ihr von uns überall hingeraten könnt! Ihr müßt immer bei uns anfangen, ihr Männer.“
„Und von überallher zu euch zurückkommen“, schloß Georg lachend. „Ihr seid der Kreis und seid im Mittelpunkt.“
„Ja, Kreis“, wiederholte Sigurd, am Schreibtisch stehend, Georgs Malaiendolch in der Hand. „Was ist mit dem Brief?“ schloß er kurz.
Esther erklärte munter, wie sie, um den Brief in den Kasten zu werfen, vor die Tür gegangen, wie die Nachtluft so herrlich nach dem Regen gewesen sei und nach nassem Pflaster geduftet habe, daß sie hergelaufen sei, um Sigurd abzuholen, — und den Brief habe sie dabei in der Manteltasche vergessen. Georg verschlang sie mit Augen dieweil und hörte kaum ihre Worte. Sigurd nahm ihr den Brief wortlos fort, während Georg, ihr aus dem Mantel helfend, freundschaftlich fragte: „Für wen ist denn der dicke Brief, kleine Esther?“
„An meinen Verlobten,“ hörte er sie abgewandt sagen, und einen Stich im Herzen, fiel ihm ein, daß Sigurd ihm ja etwas hatte mitteilen wollen, Esther betreffend. Was konnte das wohl gewesen sein? — —
Nun saßen sie schweigend alle Vier, bis Esther mahnte: „Sagt doch was, Kinder, seid ihr immer so schweigsam?“
„Ja, Benno!“ — Benno saß ganz grade auf dem Vorderteil seines Sitzes, dieweil eine Dame zugegen. — „Benno hat den ganzen Abend noch nichts gesagt. Also Benno ...“
Benno lachte erschütternd. Er habe alles, was ihm für heute zu reden gegeben sei, schon vor Esthers Anwesenheit gesagt. „Nun müßt ihr reden!“
Esther schlug vor, Georg möge etwas vorlesen.
„Ja, Georg!“ bat Benno schmelzend und glitt erwartungsvoll unbedacht tiefer im Sessel, richtete sich aber gleich wieder auf. Georg wehrte jedoch ab; er habe nichts Rechtes. Als Sigurd nun aus der Ecke am Kamin fragte, ob und was Gutes Georg zurzeit lese, fühlte er einigen Ärger über Sigurds schlankes Abbiegen und sagte nachlässig bloß: „Jean Paul.“
Keiner von den Dreien erwiderte etwas. Der Name löste wohl zwiespältige Empfindungen aus, die nicht zu Worte gelangten.
„Natürlich,“ sagte Georg, „wenn man Jean Paul sagt, sind Alle wie auf den Mund geschlagen. Habt ihr Jean Paul gelesen? Haben Sie Jean Paul gelesen, Esther?“ — Esther murmelte etwas vom Katzenberger.
„Dieser ewige Katzenberger! Als ob das nun Jean Paul wäre, nicht wahr! Katzenberger! Das ist wie — wie so eine hornhäutige Ferse am Absatz eines Engels; als solche ja ganz merkwürdig. Aber den Engel solltet ihr reden hören! Wartet —“ Sich im Stuhl drehend griff er den kleinen schwarzen Band vom Schreibtisch hinter sich. „Flegeljahre,“ sagte er, „ich will euch nur eine Stelle vorlesen, nur eine, und ihr sollt —“ Er blätterte erregt. „Nein, wartet mal, wo war doch das! Richtig, ich hatte doch ein Zeichen ... An der Stelle ging mir zum ersten Mal mit blendender Klarheit der Unterschied zwischen Dichtersprache auf und — wie soll ich sagen? — da ist die Stelle!“
Georg hatte sein Zeichen gefunden, nahm es heraus, bog das Buch auf und las:
Walt setzte sich schon im Bette auf, als die Spitzen der Abendberge und der Thürme dunkelroth vor der frühen Juli-Sonne standen, und verrichtete sein Morgengebet, worin er Gott für seine Zukunft dankte. Die Welt war noch leise, an den Gebirgen verlief das Nachtmeer still, ferne Entzückungen oder Paradiesvögel flogen stumm auf den Sonntag zu ...
„Das ist es!“ rief Georg, „das ist es: ferne Entzückungen oder Paradiesvögel flogen stumm auf den Sonntag zu. Ja, was denkt ihr euch dabei? Ist das irgend etwas Vorstellbares? Ist das nicht unbeschreiblich imaginär? Entzückungen, die fliegen? stumm? auf den Sonntag zu? Und da quillt einem doch das Herz über von etwas geisterhaft Irdischem und Unirdischem in wunderbarster Vermengung, und die Seele über von unsagbaren Visionen des Morgenhimmels und der Dämmerstunde. Und deshalb — nicht wahr — was liegt an den Worten? Das überwogende Empfinden des Dichters schwemmt sie hervor, — vom Rhythmus, der alles ist, ergriffen, ankristallisiert, schwemmt es sie hinüber in uns, wo sie zergehend wieder ausschäumen in Empfinden und in Vision. So spricht der Dichter.“
Still waren die Andern. Wie, keine entzückte Bejahung? — Endlich sagte Sigurd:
„Und wie, meinen Sie, sprechen wir?“
„Wir? Wir machen uns verständlich. Wir wollen verstanden werden, wollen wirken und suchen den passenden Ausdruck, den treffenden, nicht wahr, Deutlichkeit. Der Dichter will sich niemand verständlich machen, nicht wahr, sondern muß singen, nachsingen, was der Dämon vorschreibt, und dies eben, nicht wahr, daß er vollkommen weiß: er kann sich auf unsre Weise nicht ausdrücken, weil dann nur Deutlichkeit entstünde, aber nicht — Empfinden, Sichtbarkeit, Fühlbarkeit, das — nicht wahr — giebt ihm die Gegensprache vom Ausdruck, das — eigentlich ists ein Verhüllendes, nicht wahr, das — Bild, Gleichnis, die Gestalt, das heißt: er stellt dar. Darstellung und Ausdruck, das sind die beiden.“
„Dagegen“, sagte Sigurd nach einer Weile, „ließe sich wohl nichts einwenden. Wie Sie aber — in dem, was Sie zuerst sagten — das Wort so erniedrigen, zum Mittler des Gefühls erniedrigen können, das verstehe ich nicht. Ich —“ Georg, obwohl sprachlos vor Überraschung, daß er erniedrigen sollte, er, dem wie keinem Andern die Einzigkeit, die vollkommene Aristokratie des Wortes bewußt war, — kam nicht zum Einfallen. „Ich empfinde“, sprach Sigurd weiter, „da ganz anders. Ich empfinde —“ Vorgebeugt in seiner Ecke, die Ellenbogen auf den Knien, legte er Gelenke und Fingerspitzen der gewölbten Hände mit kleinen formenden Bewegungen gegeneinander — „ich empfinde — den Leib des Wortes. Ein tiefes Erfülltsein, Umschlossensein; kein Überströmen.“
Esther, die sich bislang unteilhaft verhalten hatte, nickte jetzt beistimmend und schüttelte den Kopf. Auch Benno drehte sich.
„Nein, da müssen Sie mich mißverstanden haben“, sagte Georg. „Das Wort als Mittler? Auch ich —“ die Zeile Jean Pauls wie auf einer langen Fahne vor sich, ließ er sie auf sich wirken, und sagte, langsam seinem Gefühl nachsprechend: „Ich empfinde das Wort, Leib und Seele. Die Seele aber flutet über die Ränder und — bildet, mich erfüllend, den Leib noch einmal in mir. Und das geht — hin und her, nicht wahr; immer ist eines im andern. Die Seele freilich — auf die kommt es doch allein an — die Seele des Worts ist die mächtigere, die immer wieder überflutet und mich — ahnen läßt, tausendmal mehr ahnen, als das Wort enthält.“
„Sie lassen Ihre Phantasie spielen, Georg. Sie sind Romantiker,“ sagte Sigurd, „und —“
„Ich bin kein Romantiker, was fällt Ihnen ein?“
„Dann denken Sie eben an besonders romantische Gedichte, die es ja giebt, die von dieser überfließenden Art sind.“
Esther und Benno nickten lebhaft.
„Aber ich bitte euch!“ widerstritt Georg. „Nehmt doch etwas andres, nehmt — was ihr wollt! Nehmt ‚Der Wald steht schwarz und schweiget — Und aus den Wiesen steiget — Ein weißer Nebel wunderbar ...‘ Was liegt denn an den Worten? am schwarzen Wald und weißen Nebel? Aber eine golden verschattete Welt steigt auf, und das ist die Kunst, wie ich sagte: mit einem Wort hundert und tausend mal mehr zu geben, als es enthält.“
„Und das ist romantisch“, beharrte Sigurd.
„Ja, Georg,“ wagte Benno sich hervor, „handelt es sich hier nicht um etwas andres? Das ist doch — Landschaft. Die soll gemalt sein, gesehen werden, und da wirkt natürlich die Phantasie. Hier tut sie’s auch bei mir. Sonst aber — verhüllt sie sich eher —“
„Verhüllt sich!“ sagte Sigurd. Esther nickte und lächelte.
„Zum Beispiel, wenn du an das von George denkst, dies Wunderbare, du lasest es neulich: ‚So war dein sanfter Sang der Sang des Jahres — Und alles kam, weil du es so bestimmt.‘“ Benno verhauchte beseligt. Sigurd am Regal lehnend, die Finger in den Westentaschen, das Gesicht vornüber gesenkt, sagte kurz, nach innen grübelnd:
„Es muß etwas andres sein. Sie nehmen die Dinge ästhetisch. Es muß ein ethischer Vorgang sein.“
„Da komme ich nicht mit“, erklärte Georg. „Jeder Vorgang ist an sich rein ästhetisch, nicht wahr? Ethisch wird er allein durch die Erkenntnis — Sie verstehen, Esther —, durch Erkenntnis von Werden und Entstehn, von den Zusammenhängen, von der Form. Hier aber, hier handelt es sich ja um Vorgang und nur um Vorgang. Das Ethische können Sie ja dazu haben, aber — was hat das mit Dichtung zu tun? Das ist doch — abstrakt.“
Benno war nicht einverstanden, und Sigurd bewegte stumm den gesenkten Kopf. „Warum abstrakt?“ fragte Benno und mit ihm Esther aus den Augen.
„Warum? Also — — also wenn ich sage: Bauen, — nicht wahr? Wer baut? Einer schleppt Steine, einer legt sie aufeinander, einer macht Fenster, Türen, Fußböden, einer das Dach. Wer baut denn nun? Der Architekt macht Pläne, beaufsichtigt, das alles sind die Vorgänge. Was aber alle zusammen tun, nicht wahr, und auch allein der Architekt durch Planen und Beaufsichtigen, das sehen wir im Begriff ‚Bauen‘. Begriff! der kann ethisch sein, aber wie wollt ihr den empfinden, nicht wahr? Wo das Wort so voll Vorgang ist, so voll Vorgang!“
„Das können Sie nicht sagen, Georg!“ Sigurd hob voll die heißen Wangen und brennenden Augen gegen ihn.
„Ich empfinde das eben.“
„Ich auch, Georg!“ rief Benno.
„Du auch? Ich hatte sonst sagen wollen: Sie, als Jude, nicht wahr, — seien vielleicht eher begabt für das rein Gedankliche.“
„Das sind wir. Herz und Intellekt wohnen bei uns näher zusammen als bei euch.“
„Und darum überschätzen Sie das Wort!“
„Ach das Wort, Georg, doch nicht das Wort!“ Benno lief aufgeregt mit schwingenden Armen in den Raum. „Wie wäre es dann mit der Musik, die wortlos ist? Wärens da Töne, Akkorde, Septimen, Quinten und Quarten? Ist es nicht —“
„Und die Musik,“ rief Georg aufspringend und sich zu ihm drehend, „die Musik, da du davon sprichst, wie läßt die erst überwogen, sich auflösen, ins Namen-, ins Uferlose, ins —“
„Bei dir, Georg, aber doch nicht bei mir!“ schrie Benno vom bronzenen Borgia her. „Die Musik ist eine so völlig klare, gesättigte Sprache wie die der Dichter. Ja, das ists! Sprache, Georg, Sprache! Nicht das Wort, das Ganze — eben — Musik!“
„Das ist wieder was andres, Benno. Meinen Sie das?“
Sigurd nickte.
„Dann also — meint ihr — den Rhythmus, nicht wahr?“
„Es ist mehr, Georg, es ist —“
„Unter Rhythmus“, erklärte Georg, „meine ich die innerste Essenz, die wieder Destillat ist aus dem allen: Worten und Takten, nicht wahr, Reim, Bildern und ihrer Wahl und Ordnung, der Glut der Stunde vor allem — was man Stimmung nennt, nicht wahr? — der Duft, die Seele — und der Leib — all das, all das strömt zusammen zum Rhythmus, der die Seele des Gedichts ist, die Seele der Form. Mit einem Wort, die Form meint ihr, das ganze Gedicht. Ja, dann freilich, — das ist bei mir natürlich auch so. Das Gedicht tritt in mich ein und —“
„Nun kommen wieder Ihre überquellenden Ränder“, sagte Sigurd, der ein Buch aus der Reihe vor ihm gezogen hatte und es eben aufschlagen wollte. Er ließ es aber in der Hand hängen und fuhr fort, zur Bekräftigung damit Stöße gegen Georg führend:
„Der wirkliche Vorgang ist: den Leib des Wortes, samt der Seele, die ganze Form: noch einmal aufrichten, noch einmal baun. Er ist, wie alles in Wahrheit Ethische — ein Schaffen, Neuschaffen von Grund aus.“
„Ja, Georg, ja, Sigurd!“ jubelte Benno aus dem Hintergrund, kam hervor gestürmt und stand nun im Licht so lang er war, hoch gerötet in großer Gebärde mit flammenden Augen und fliegender Stirn.
„Georg!“ rief er mit ganz unterdrückter, inbrünstig eindringen wollender Stimme, „hast du’s denn nie gefühlt? Nie dies tiefe Glück empfunden im Empfangen der Form, das — den — den Einklang, das Vollkommene, die ewige Harmonie des Irdischen mit dem Unirdischen, vollzogen im göttlichen Augenblick? Musik, seht ihr, sie ist nicht der Himmel selbst, aber — sie ist das Zwischengebiet, von uns erreicht, ja von uns erzeugt mit unsern irdischen Kräften und unserm überirdischen Glauben, — wo das Himmlische irdisch ward und das Irdische himmlisch — himmlisch im Tönen, himmlisch in der geschaffenen Form, in der wir nun aufgehn, aufgehn, Georg, in beiden — und doch nur eins noch empfinden: Glück.“
„Wundervoll, Benno, ja, aber das, was du da sagst, das habe ich im Tiefsten immer empfunden. Das ist allerdings ethisch, und es ist dann so, daß ich es unbewußt empfand. Ich kann ja — wenn ich überhaupt ein ethischer Mensch bin — nur hierin das Wunder der Kunst erfahren, und — ja, es ist doch so, nicht wahr: die meisten Menschen — nun, ethisch sind sie natürlich alle, denn wenn einer es sein kann, müssen alle es sein. Sie alle haben, nicht wahr, einen ethischen Grundstoff. Von dem wissen die Meisten gar nichts und können deshalb nur moralisch empfinden, das heißt: das Stoffliche. Die Nächsten gelangen bis zur Anschauung, zum Empfinden der Form, also zum Ästhetischen, nicht wahr, und das sind die, die wir gemeinhin Ästheten nennen. Die Dritten haben nicht nur die Erkenntnis des Ethischen, sondern auch — wie Sigurd, nicht wahr — das Empfinden davon. Und bei mir ist es nun so, nicht wahr, daß ich, als selber Schaffender, zwar die Erkenntnis haben und für sich allein auch empfinden kann, aber der Anschauung verhaftet bleibe. Ich habe Phantasie, ich kann sie nicht unterdrücken; alles was sie, die Anschauung mir zuführt, bewegt mich vor allem andern, und das Ethische — Vischer meinte es wohl auch, wenn er das ‚Moralische‘ sagte — versteht sich von selbst.“
„Ja, Georg, dann sind wir ja einig“, bekräftigte Benno mit gerührt sich verbiegendem Körper, als wären sie nach langer Verfehdung wieder Freunde geworden.
„Ja, und Sie, kleine Esther,“ sagte Georg, vor sie hintretend, „Sie haben überhaupt nichts gesagt.“
Ihre Augen glitzerten. „Oh ich,“ lächelte sie errötend, „ich freue mich, wenn kluge Männer sprechen, daß ich verstehen kann, wie sie es meinen.“ Sie lächelte mehr bei jedem beziehungsvollen Wort:
„Ich folge gern, denn mir wird leicht zu folgen,
Ich höre gern dem Streit der Klagen zu —
Wenn die feine Klugheit,
Von einem klugen Manne zart entwickelt,
Statt uns zu hintergehen, uns belehrt!“
Georg, die ganze Zeit, während sie sprach, stark und stärker versucht, ihr Gesicht in beide Hände zu nehmen und zu küssen, konnte es nun nicht lassen, wenigstens ihre Schultern leicht zu berühren, indem er lachend spottete:
„Aber das war ja auch nicht von Ihnen, Esther, das war ja von Goethe!“
„Wir müssen gehn“, sagte Sigurd. „Es ist höchste Zeit.“
Renate schrieb:
„Tage und Nächte, Tage und Nächte! Da liegst du nun auf der Lauer über deiner Arbeit wie ein Panther, und ich stehe dabei und weiß nichts. Wie in der Ermattung dein Menschliches von dir abfällt, so tritt alltäglich, daß ich ihn sehe, der Gott aus deiner Brust, sitzt da groß, durch Wind und Wolkenriß hinunterspähend auf das Werdende; Länderflucht und Wolkenschatten jagen durch seine unbewegten Augen. Warum muß ich ausgeschlossen sein aus deiner Seele, in einer andern Welt, sprachlos wie Echo in einem Walde, den niemand betritt? Will mir denn niemand dies Geheimnis lösen, warum dir alles sichtbar ist, nur nicht ich? Überstrahle ich sie nicht alle? Bringe ich nicht Glück hin, wo ich eintrete? Ach, daß ich alle Spiegel der Welt zerschlagen könnte und kein Bild mehr haben, damit du es merktest, wie ich dürste nach deinen verhängten Augen! Ich ertrage es nicht, du! daß ich dastehn muß wie unbekannt, unsichtbar vor dir in meiner Fülle, und dein Auge blinzelt nicht einmal! An wen soll ich mich denn wegschenken, sag, damit du endlich, endlich begreifst am Zerschlagenen, was dir aus den Händen fiel!“
Sie hielt ein, glühend über und über, fliegend, warf die Feder hin, knüllte ihr Taschentuch in der Rechten, faßte mit der Linken in den Ausschnitt ihres Kleides am Halse und zerrte. Sie schlug das Buch zu, löschte die Lampe vor sich und stand auf; teilte den Vorhang und sah hinaus. Da war nur Finsternis, undeutlich, aber nach Augenblicken wurde der schwarze Schattenriß des Kapellendaches sichtbar über dem Gewipfel gegen den gestirnten Himmel, dann auch darunter da und dort der gelbliche Schein und die Form zweier Fenster. Dort saß er! dahinter saß er! Saß, malte und sonst nichts. — Sie preßte die Stirn gegen das kühle Glas, atmete tief und wurde ruhiger. Es ist beschämend, dachte sie, ich muß es jetzt vergessen; man könnte es mir ja vom Gesicht ablesen, was ich in das Buch schrieb. — Sie sah in die Tiefe ein wenig rechts und gewahrte den Lichtschein, der aus dem Verandazimmer breit in den Garten fiel, darin die Schlagschatten, über Weg und Rasen hin, der dünnen, rankenumwundenen Pfeiler und der hangenden Reben voll Weinlaub; grau schimmerte, wo die Helligkeit am Boden endete, der Sandsteinsockel der Sonnenuhr. Nun sah sie auch, daß eine weiße Gestalt zwischen den Büschen umherging, jenseit des Rasenplatzes; bald kam sie unten zum Vorschein auf dem Wege, langsam dahinschlendernd, ging durch den Lichtschein — es war Magda — die Unterarme hinter dem Rücken zusammengelegt, am Hause vorüber und wieder in die Tiefe, wo sie schwand, aber nach einer Weile wieder sichtbar wurde, stehen blieb und nach oben schaute. Einen Augenblick glaubte Renate, sie spähe nach ihr, aber sie stand ja im Dunkel und war dunkel gekleidet. So blickte sie wohl zu dem gotischen Fenster empor, wo Georg und Esther unter der Lampe saßen; sie hatte ja dort auf einmal weglaufen müssen, um zu schreiben.
Magdas weiße Gestalt wendete sich wieder und ging zurück und kam abermals wieder und verschwand auf dem Weg zum Gemüsegarten. Renate, all ihr Eigenes kräftig niederdrückend, folgte ihr zärtlich mit Gedanken. Sie öffnete leise das Fenster und beugte sich hinaus. Gleich drang mit der schönen Nachtkühle und dem Geruch des vielerlei Blühenden eine gedämpfte Musik undeutlich an ihr Ohr — o, sie übten ja an ihrem Brahmsquartett in der Kapelle —, und nun standen deutlich sichtbar alle drei spitzbogigen Fensters, dunkelgelb leuchtend, im Finstern. Über den blütenlosen Massen der Baumwipfel war das Heer der Sterne in reicher, strahlender Stille aufgezogen. Ganz fern zur Linken schimmerte noch Weißes, — wohl Magdas Kleid.
Renate dachte, daß sie das grüne Fenster von unten gesehen haben müsse, wie sie selber immer wieder leise betroffen von seiner Stille im Schweben, und es wurde ein alter Vers in ihr wach, — vielleicht summte auch Magda ihn im Gehen vor sich hin, sie kannte ihn ja:
Gottesauge still und klar
Zwischen dem Gezweige!
Wandellos im Sternenjahr,
Dulde, daß ich wandelbar
Meine Seele vor dir neige,
Die verzweifelt war ...
Bist du nun am Land, Kind? dachte Renate. Du bist es, ich weiß. Deine Gedanken gehen kleine Wege, wie deine Füße im wohlbekannten Garten von selber sich durch das Dunkel finden; gehen ein Stückchen neben Georg, laufen zu Bogner, der unbekümmert um das musikalische Getöse hinter seinem Rücken vor seinem Wandstück sitzt und mit Kohle Landschaft und Gestalt in den großen Linien festhält. Du brauchst deine Gedanken, die dir nicht mehr weh tun, wenn sie sich nur bewegen, nicht mehr zu hüten; es giebt kein Hinaus mehr aus der wunderbaren, nur mit Gottes Hülfe zu begreifenden Schmerzlosigkeit, die all deine Poren erfüllt ...
Sie atmet leicht, sagte Renate, ich weiß es. Ihre Gedanken halten sich ans Geschaute, rühren an die alltäglichen Vorgänge, an Menschen und Dinge umher nun mit einem sicheren Gefühl und machen sie milde. Nein, es gab nichts Hartes mehr für sie; ein wenig schattenhaft war alles geworden, ein unveränderliches Abendrot von unirdischer Gläubigkeit ruhte am Himmel aus, von dem die sehnsuchtslosen Schatten ein sanftes Dasein bekamen; da mußten alle Stimmen leiser gehn, auf den Gesichtern lag das starke, aber milde Leuchten des Sonnenscheidens, — hatte sie ihr selber nicht einmal gesagt, wie durchsichtig die Gesichter ihr schienen, bis ins Innerste der Gedanken; von ihrem eignen, Renates, Antlitz hatte sie es gesagt und hinzugefügt, was sie Saint-Georges einmal von ihm hatte sagen hören: Niemals kann es welken ...
Da war sie schon wieder bei sich. Ein halbes Jahr jünger war die Freundin als sie und schien älter fast um zehn Jahre. Sie aber stand im Anfang ihres Herzens und — Renate richtete sich auf und ging durch das dunkle Zimmer hinaus.
Im Treppenhaus blendete sie das grelle Licht, und als sie durch das erleuchtete Verandazimmer gehen wollte, erschrak sie plötzlich vor einer schönen und großen Gestalt, die auf sie zuschritt in einem großen, dunkelgrünen Kleide, — bei Gott, sie selber wars, vor der sie erstaunte, die aus dem Empirespiegel auf sie zugeschritten kam. Sie blieb stehn, lächelte verzweifelt zu der drüben hin und spottete sie an: Ist es wohl nun zu begreifen, daß du hier herumgehst so groß wie ein Pferd, und kein Mensch sieht dich? — Achselzuckend trat sie an den Tisch; dort standen Früchte in Schalen, Brombeeren und Himbeeren, auch Bananen und mächtige Trauben von schwarzblauen Beeren. Von denen nahm sie eine in jede Hand, drückte sie zu beiden Seiten unterm Kinn gegen den Hals, trat so vor den Spiegel, aber das half alles nichts, im Gegenteil dachte sie, daß ihre Augen genau wie die Weinbeeren aussähen, und das ärgerte sie irgendwie, sie warf eine der Trauben wieder auf den Teller, erschrak aber und sagte: Nun mußt du sie auch essen, warum hast du sie angefaßt! — Warum nicht? Gerne! — So schlenderte sie auf die Veranda, nachdem sie der Verschwendung des elektrischen Lichts Einhalt geboten, sah ins Dunkel, aber es war niemand zu sehn. Sie trat an die Brüstung, legte eine der Trauben darauf, lehnte sich gegen den eisernen Pfeiler ins Rebgewind und fing an, Beere um Beere sachtsam ablösend, zu essen, und nach einer Weile, als ihre Hand sich mit den Schalen füllte, die folgenden in den Garten zu spucken. In diese Aufgaben vertieft, angenehm durchtränkt von dem süßen Saft, als ob sie Beeren aus Nachtkühle äße, hörte sie Schritte unten auf dem Sande, blickte auf und sah Jason al Manachs Schattengestalt und weißes Gesicht unverkennbar um die Hausecke kommen. In der Nähe der Stufen zur Veranda blieb er stehn und sagte: „Guten Abend.“
In der Meinung, er habe sie erblickt, wollte sie gerade antworten, als sie unter sich Magdas Stimme: „Guten Abend, Jason!“ sagen hörte, und sich überneigend gewahrte sie richtig Magda, die auf der Bank dicht unter der Veranda saß. Jason ging zu ihr und setzte sich neben sie.
Eine Weile blieb alles still. — Ich habe Lust, dachte Renate, hier stehen zu bleiben und zu hören, was sie reden. Vielleicht reden sie von mir. Vielleicht reden sie von Bogner. Sicher reden sie irgend etwas Gutes. Es muß angenehm sein, hier in der Nachtkühle zu stehn und gute Dinge zu hören, die im Dunkel beredet werden.
„Nun, Jason, woran denkst du wohl?“ hörte sie Magdas Stimme.
„Woran möchtest du denn, daß ich denke?“ kam es freundlich zurück.
„Wie ich vorhin im Garten herumging, mußte ich viel an Ulrika denken. Sie kommt mir so verwandelt vor. Was mag mit ihr sein?“
Minutenlang herrschte Stille. „Ulrika Tregiorni,“ hörte Renate Jasons Stimme ganz langsam, „Ulrika Tregiorni hatte bis zum Heimkehrtage Benvenuto Bogners, des Malers, niemals nachgesonnen über das Leben, seine Gewalt und Verhängnisse, vermochte also nicht zu wissen, daß es Menschen giebt, die eines Tages aus weiter Ferne herkommen, vielleicht um in ein Haus zu treten und zu jemand zu sagen: Tue dies! und wieder fortgehn, keiner weiß wohin, und unbekümmert um Verwirrung oder Zerstörung, die sie angerichtet haben mögen und hinter sich dort zurücklassen, wo Ordnung und gelassene Zufriedenheit das Gesetz aller Tage gewesen war.“
„Wie sonderbar du sprichst, Jason!“ klang Magdas Stimme. „Als ob du eine Geschichte anfangen wolltest.“
„Sind wir nicht Alle Geschichten?“ sagte er leise und sprach weiter: „Dies wußte sie nicht. Ihre kühlen, beschränkten Mädchenaugen hatten nie mehr als den Glanz gerader und gefälliger Oberflächen erfaßt; und sie hatte es nicht anders gekannt, als daß alle Dinge, zwischen denen sie aufgewachsen war, ihr dienten und ihr weiterdienen und mit ihr gehn und sich nie verändern würden, so wie sie selber einfach und geraden Weges aus einem Kinde ein Mädchen und Weib geworden war, das den natürlichen Gang des Geschehens auch darin erblickte — — nun, Ulrika, du kannst fortfahren, auch darin erblickte ...“ Richtig, da stand ja Ulrika Tregiorni, weiß gekleidet, im Dunkel vor den Beiden. „Spracht ihr von mir?“ fragte sie. „Worin soll ich was erblicken, Jason?“ Damit wurde sie für Renate unsichtbar; sie setzte sich wohl auf die Bank, zwischen die Beiden, kam es Renate vor.
„Ich sagte,“ wurde Jason wieder hörbar, „es sei außerordentlich natürlich für dich gewesen, eines Tages zu heiraten.“
„Ach, Jason, ist heiraten natürlich oder unnatürlich vielleicht?“
„Unnatürlich, Ulrika, ganz gewiß, denn man spricht von natürlichen Kindern.“
Renate, während die unten herzhaft lachten, biß sich auf die Lippen, um nicht laut zu werden.
„Ist Bogner in der Kapelle?“ fragte Ulrika. Einer von den beiden Andern mußte wohl genickt haben, denn sie sagte gleich darauf: „Er muß morgen wieder in die Haide, ich weiß nur noch nicht, wie ichs anstelle, er sieht ja schauerlich aus. Ich werde ihm alle Pinsel in Ölfarbe stecken.“
„Du bist doch ein glücklicher Mensch, Ulrika“, sagte Jasons Stimme.
„Hünde,“ sagte Ulrika, „Hünde, hörte ich einmal ein kleines Mädchen sagen, sind doch glückliche Menschen!“
Es gab wieder ein kleines Gelächter. „Glücklich?“ kam nach einer Weile Ulrikas Stimme. „Ja, da fand ich Hölderlins Gedichte oben auf dem Tische und darin die Worte, — er sagt vom Menschen: „Daß er verstehe ...“ Wie heißt es genau, Jason?“
„Alles lerne der Mensch, sagen die Himmlischen,
Daß er, kräftig genährt, danken für alles lern’
Und verstehe die Freiheit,
Aufzubrechen, wohin er will.“
Wieder war es still unten. Ulrika sagte, ein wenig leiser als zuvor: „Wie sonderbar du das betonst: daß er verstehe die Freiheit! Ganz so sagte mirs Bogner, als ich mit ihm darüber sprach. Und ich begreife noch nicht recht, daß Freiheit etwas so Sichtliches —, wie soll ich sagen, so einfach Vorhandenes sein soll, daß auf das Verstehen das meiste ankommt. Aber es wird schon so sein.“
Jason sagte: „Die Freiheit ist das Natürliche, mein Kind, das weißt du doch auch, denn die Natur ist frei, auch du, wie du da geboren bist und mit sämtlichen Gedanken. Wenn du dich einmal unterworfen haben wirst, wirst du auch verstehen, was Freiheit ist.“
Lange Zeit herrschte Schweigen; Renate hörte den Nachtwind in den Bäumen oben, dann tiefer unten. Es rauschte, bald hier, bald dort; es kam kühler aus der Tiefe. Eine leise Frauenstimme sagte dort gedankenvoll: „Ja, so meinte er es wohl“, ohne daß Renate erraten konnte, ob die Stimme den Dichter meinte oder Bogner. Jetzt war alles still, ein kleines Gelächter Ulrikas ward hörbar, und sie sagte:
„Eben fällt mir etwas so Nettes von ihm ein.“ (‚Ihm‘ sagt sie, dachte Renate betrübt, als ob es nur den Einen gäbe.) „Als wir neulich in ein Dorf marschierten und der Maler gerade mit seinem ungeheuren Baß eine schauerliche Musik machte, kam uns ein winziges kleines Mädchen entgegen, blieb bei unserm Anblick, andachtsvoll den Finger im Munde, stehn, rannte plötzlich aus Leibeskräften auf den Maler zu, der es anguckte, und hatte ihn schon bei der Hand erwischt, was er aber, immer herrlich singend, gar nicht recht zu merken schien; er schleppte es so am Zeigefinger mit sich, es trabte eifrig, da stolpert’ es, fiel hin und erhob ein so jämmerliches Geschrei, daß er es schleunig auf die Arme nahm. Was nun kommen sollte, wußte er augenscheinlich nicht, aber das Gesicht des Kindes — es war kränklich und schmutzig mit übergroßen braunen Augen — blieb mitten im Weinen stehn, und als er sich nun mit einem beruhigenden Gemurr darüber beugte, wurde es ganz still und sah ihn an. — Ich weiß nicht, was er da gesehen haben mag, aber später zeichnete er das Gesicht des Kindes in sein Buch aus dem Gedächtnis, und es war sonderbar, während er zeichnete, hatte sein Gesicht denselben Ausdruck wie vorher, als er das Kind anblickte, so daß es ruhig wurde und ihn ernsthaft ansah. Es läßt sich nicht sagen ... Er lächelte ein wenig, und von Güte, von Beruhigung, von Väterlichkeit, von Verständnis, von all dem war etwas darin.“
Einen Augenblick, nachdem sie geendet hatte, setzte die Musik in der Kapelle wieder ein mit einem schwunghaften Angriff aller Instrumente, deren jedes deutlich zu unterscheiden war, Klavier, die Geigen zusammen und die knarrende Stimme des Cellos. Renate hörte zwar wieder Sprechen nach einer Weile, doch war nichts zu verstehn. Sie wollte schon hinunter gehn, aber die Musik brach plötzlich ab, und Ulrikas Stimme wurde hörbar. —
„Nein, nie! Davon spricht er scheinbar höchst ungern, und ich habe ihn beinah im Verdacht, daß er mit seinem Schweigen bloß seine Dummheit bemänteln will, aber ...“ Sie lachte und fuhr fort: „Ich versuche es ja immer wieder, auf den verzwicktesten Umwegen ihn dazu zu bringen, aber kaum daß ich ihn habe, wo ich will, beweist er mir einen gräßlichen Irrtum und sagt: Da denken Sie nun mal schön darüber nach!“
Renate riet noch, um welch geheimnisvolle Sache es sich wohl handeln möge, als derselbe Angriff der Musik wieder aufbrach, so daß sie nichts mehr verstand. Nun wartete sie nicht ohne Ungeduld auf das Ende des Satzes; er war nicht lang, wie sie wußte.
Endlich war es still, aber auch im Garten herrschte Schweigen. Ein wenig übergebeugt, sah Renate alle Drei unten sitzen, Ulrika in der Mitte, die Hände um das übergeschlagene rechte Knie gefaltet. Gleich darauf sagte sie:
„Aber wie ich schon sagte: Nachdem ich ihm die schwierigsten Sachen vorgeführt, Technisches und Handwerkliches, den Orgelpunkt und auch Kontrapunktisches, soviel ich davon weiß, meinte er, es bestehe nicht der geringste Zusammenhang.“ Womit denn nun? dachte Renate verzweifelt, ich muß doch hinuntergehn, — während Ulrika weitersprach: „Alle Künste, sagte er am Ende, sind so völlig voneinander getrennte Gebiete wie die fünf Sinne, wenn sie auch alle an derselben Stelle verankert sind. Und seht ihr, so macht er’s nun! Mir fiel nämlich ein, daß es ja auch fünf Künste giebt, wie fünf Sinne, und ganz geschwind setzte ich ihm auseinander, wie das sich auch entspräche, denn Gehör und Gesicht haben ihre Kunst, auch der Geschmack, sicherlich, denn die Kochkunst und ihr Genuß, wenn ihr’s euch richtig vorstellt, ist eine wahrhafte Kunst, wie das Dichten und Gedichtegenießen; für das Gefühl steht die Dichtkunst, innerlich und äußerlich, denn unsre Sprache ist doch die Vermittlerin unseres Fühlens; nur der Geruch habe keine Kunst entwickelt, sagte ich, und das entspricht nun genau der Architektur, die auch keine Kunst an sich ist, sondern im Zweck wurzelt, versteht ihr, wie ich es meine? Der Geruch ist uns ganz Mittel geblieben, während die andern Sinne sich doch über ihre Zweckmäßigkeit zu reinem Empfinden, zum Genuß des Schauens und Hörens entwickelt — ist es nicht so?“
„Was für ein kluges Mädchen du doch bist, Ulrika!“ sagte Jason.
„Das hat er auch gesagt,“ versetzte sie gleichmütig, „und dann meinte er, es wäre alles Unsinn, und nun sollte ich mal drüber nachdenken, — ich sagte ja, so macht er’s.“
„Hast du schon?“ fragte Jason.
„Was?“
„Nachgedacht?“
„Noch nicht, aber vielleicht hilfst du mir!“
„Gerne,“ sagte Jason, „aber nun fängt die Musik wieder an, und Renate versteht kein Wort mehr.“
„Renate?“ fragte nach einer Weile Ulrika verdutzt. —
Renate lehnte sich über die Brüstung.
„Jason, du schmählicher Verräter!“ sagte sie leise.
Die beiden Frauen wandten die Gesichter herauf, auch Jason langsam. „Hast du uns wahrhaftig belauscht?“ rief Ulrika.
„Wahrhaftig. Es war so schön, hier oben zu stehn und euch sprechen zu hören. Der Wind rauschte, aber die Musik war vorhin wirklich zu laut. Nun sind sie ja am Adagio, und Jason kann ruhig weitersprechen. Auf eurer Bank ist ja sowieso kein Platz mehr. Los, Jason, was wolltest du sagen?“
Ulrika flüsterte Magda etwas zu, dann flüsterte Magda, dann waren sie still, und Jason fing an.
„Was denkst du eigentlich vom Tanzen, Ulrika?“ fragte er, „ist das keine Kunst?“
Ulrika schien betroffen. „Wenn man will ...“ sagte sie endlich zögernd.
„Nun, wolle nur!“ redete Jason ihr zu, „und denke auch gleich einmal an die Mathematik. Nicht an die angewandte, die du so kennst, sondern die reine. Und Reiten, wie steht es damit? Ist es keine Kunst, mit einem Tier so zu verwachsen, daß es keinen Willen mehr hat als dessen, der es lenkt? Und bedenke, was nötig war! Es muß doch Jahrhunderte gedauert haben, bis das Pferd so weit gebracht war, und gleichzeitig wurde obendrein das ganze Pferd umgewandelt und aus einem kleinen, bösen Vieh ein großes, seelengutes Tier. Für Gefühl hast du die Dichtkunst einfach eingesetzt, aber mir scheint, die Tanzkunst entspricht dem noch viel einfacher, da sie die empfangenden Nerven an die bewegenden anschließt, innere Wollust in erleichtertes Bewegen auflöst und wieder auf die Sinne zurückwirkt, betäubt und befreit, — und was meinst du, wäre ein tieferer Zauber aller Künste als eben der, zu betäuben und zu befreien, im Wechsel auf und nieder?“
„Mit dem Reiten“, sagte Renate von oben, „scheinst du mir zu übertreiben, aber das tat nach meinem Gefühl auch Ulrika, ich konnte es bloß nicht sagen vorhin, mit ihrer Kochkunst. Nur mit der Mathematik magst du recht haben, ich weiß nur nicht ganz, wie.“
„Ich will es erklären“, sagte Jason.
Ringsum war alles still. Jason sagte: „Was, meint ihr, ist denn nun Kunst? Ja, nun müßt ihr meine Worte recht verstehn, denn nun will ich vom Allerfeinsten reden, vom Gefühl, vom Empfinden, und das ist, als ob ich Seifenblasen mit Handschuhen anfassen wollte. Aber doch scheint mir ‚Heilen‘ das beste Wort. Kunst ist Heilkunst. In Heilkunst liegt Heilkunde zuerst, nicht wahr? Und Mathematik ist Zahlenkunde, da habt ihr schon einen kleinen Zusammenhang. Und nun denkt euch einmal ein Kunstwerk, eine Dichtung oder eine marmorne Figur, wie sie dasteht, wie sie einfach ist, wie sie klar ist, so leicht zu begreifen, so unweigerlich, so sichtlich und mit den zehntausend unsichtbaren Verknüpfungen in ganz unbekannten Schächten eurer Seelen verankert, euer Dunkel erhellend im Augenblick und tiefer vertiefend, — und nehmt dagegen eure Welt, alle Verworrenheit, alle Irrtümer, alle Unkunde, alles ewig Schmerzliche, den Tod und die Wege der Liebe, Trübsinn und Weisheit, Erraten und Verfehlen, Schwinden und Funkeln, Erstehn und Verfallen, die ungeheure Gesetzlosigkeit, die unzählbaren Ahnungen, — und wieder blickt nun zurück! Da stehen mitten in dieser traurigen, zerrissenen, unbekannten Welt zwei Dinge: die Zahl — und das Werk. Beide innig verbunden durch eins: Harmonie. Gott machte die Sterne, wir aber machen schöne Werke immerhin, die uns erfreuen, die, wie sie auch sein mögen, heiter und tragisch, bitter und schwer und voll Elend geschilderten Jammers, doch den tiefen Glanz der Ordnung haben, des Selbstgewollten, des Geregelten, der Harmonie. Den Schein immerhin von etwas Absolutem, das tiefe Feuer der Notwendigkeit, denn mußte nicht Kunst kommen? Mußte sie nicht, wie eines Tages die Zahl entdeckt wurde, daß sie sei und gelte allgegenwärtig? Heilkunde trägt die Kunst; unsre immerwunde, betrübte, seelenkranke Herzenswelt heilen wir mit dem schönen Werk, ja den Tod heilen wir und heben ihn auf mit dem unvergänglichen, dem unsterblichen, dem ewigen Werk. Und Heilkunde, Heilkunst ist auch die Mathematik, weil sie nach dem Reinen strebt, weil sie Gesetze erkennt, und so ein jedes Betreiben, ein jedes irdische Geschäft, das über irgendeinen alltäglichen Zweck hinausgeht gegen das Ewige; das mehr will als Menschliches, mehr als sich selbst, das Unabhängigkeit will, eignes Wirken, Freiwilligkeit, Freude, denn am Ende ist dies doch wohl das gute, einfache Wort.“
Jason schwieg, still blieb es im Garten, in der Nacht, bis mit so erschreckender Plötzlichkeit aus der Tiefe der Büsche die Stimme des Cellos, tief und inbrünstig, einen stürmischen Seufzer aushauchte, daß alles umher zusammenzuschaudern schien. Renate fühlte im Augenblick die Erinnerung an die Stunde vor dieser, oben in ihrem Zimmer, in sich heraufschießen mit einem so unermeßlichen Schmerz um Bogner, daß sie glaubte, es nicht ertragen zu können. Aber der Schmerz ebbte langsam und schwand später. Renate fühlte ihr Haar wehn auf der Stirn, kühle Atemzüge strichen über ihre Wange, ihre Stirn, den Hals, es rauschte allenthalben in der Nacht, es bewegte sich, Ulrika stand groß und weiß unten, die Hände im Nacken gefaltet, das Antlitz emporgerichtet. Die andern Instrumente hatten den Seufzer längst mit Beruhigung und Verschleierung in ihre sanftere Gemeinschaft zurückgezogen, gleich darauf verstummten sie nacheinander, der Garten lag schweigend.
Hinter Renate im Saal flammte das Licht auf, nach Augenblicken wurde Esther sichtbar, hinter ihr Georg, aber sie sahen Beide Renate nicht. Esther lief die Stufen hinunter, Georg folgte langsamer quer über den Rasen. So verließ Renate ihren Platz, schritt die Stufen abwärts, fand unten aber nur noch Magda, die ihr entgegensah. Jason war verschwunden. Ulrikas Gestalt entfernte sich zwischen dem Buschwerk nach der Kapelle hin. Renate, in unbestimmte Gefühle verloren, hörte Magda fragen, ob Obst im Zimmer stünde, nickte nur freundlich und ging weiter.
In der Kapelle herrschte Vergnügtheit. Esther stand da, drehte sich, als sie Renate hörte, zu ihr, rief „Fertig!“ und schwenkte einen herrlich glitzernden Kissenbezug. Ganz rechts in der Ecke hockte der Maler vor seinem Wandstück und rauchte. Über den Pulten und am Klavier, wo Benno glücklich saß, brannten rötlich die vielen Kerzen, Ulrika und Irene haschten nach Esthers Kissen. Ja, und der Prinz und Saint-Georges und Sigurd waren ja auch da. Gleich darauf erschien Magda mit den beiden Schalen voll Obst, und alles stürzte sich auf sie. Renate sah Ulrika eine Handvoll roter Himbeeren greifen und damit hinter den Maler schleichen. Über seinem Kopf hob sie die Hand empor und ließ die Beeren fallen; eine blieb in seinem Haar hängen, er faßte, völlig geistesabwesend das Gesicht herumdrehend, mit einer Hand danach und zerquetschte sie grausam. Was er zwischen den Fingern behielt, betrachtete er nachdenklich, bis Ulrika kam und ihm unter vielen Entschuldigungen mit ihrem Taschentuch die Finger putzte.
Erst als Esthers Kissen ihr an den Kopf flog, endete Renates Verwirrung.
Georg dachte: Sommer, o Sommer! Wie das alles hängt! Die heiße Luft in den grünen Wipfeln, in diesen schwer schlagenden Massen, und herein hängen die Wolken, weiße Ungeheuer, und das Blau hängt herein in all die glühende Enge. Wie glüht der graue Stein am Haus! Oben, die kleinen Barockfiguren auf dem Dach sehn aus, als wollten sie schmelzen in der blauen Glut, und sie schmachten nach dem eiskalten Schnee der Wolken, die über ihnen hinsegeln, — arme, kleine Tantalusse! O Sommer, o Sommer, o — — Sommer — — Som— —
Georgs Verstand blieb hier stehn. Durch seinen Traum gingen leichte Schritte, Schritte im Gras, Schritte aus Sonnenschein, aus Baumschatten, und etwas sah ihn an, Wesenloses, dann war’s weg, und in Meilenferne brüllten langgezogen die Helenenruher Kühe. Dann sprengte ein Schimmel über den Deich herauf, wiehernd und stampfend, Georg bestieg ihn und flog mit ihm davon, wunderbar leicht, nicht mehr als ein paar Fuß hoch über der Erde, und es wiegte wie ein Karussellpferd, es ging den Deich hinunter und über das Wasser, in dem eine kleine Insel schwamm, auf der sein Vater, Onkel Salomon und Professor Prager Skat spielten in Hemdärmeln, und Georg sah seinem Vater über die Schulter; der aber hatte keine Karten in der Hand, sondern lauter Photographien von Georgs Korpsbrüdern, sagte aber ganz richtig Solo an und spielte aus. Es war aber gar nicht Georgs Vater, sondern der Wachtmeister aus Wallensteins Lager, und sang in einem fort: Und ist die Nase noch so groß, das macht nichts für das Kinn! Esther aber saß derweil still zu seinen Füßen, war zehn Jahre alt und stickte ungeheure kupferrote und lavendelblaue Blumen auf einen eisengrauen Vorhang, vor dem sie saß, und —
Wo bin ich denn? dachte Georg, sich aufrichtend. Bin ich denn nicht in Helenenruh? Nein, da steht ja das Montfortsche Haus in der Sonne, heiß und grau, und hier ...
Im Grase sitzend, sah er neben seiner linken Seite das Postament der Sonnenuhr. Auf den Stufen zur Veranda vor ihm hüpften die Spatzen. Drinnen war es dunkel und schattig; die weiß und grün gestreiften Leinenvorhänge bauschten sich leicht gegen die Pfeiler und Glyzinienreben. Georg besann sich, daß er aus der Universität fortgelaufen und hergefahren war, nachdem er Esther nicht im Schlößchen gefunden hatte, aber hier ... Er rutschte etwas vorwärts und beugte sich vor, um an der Sonnenuhr vorüber zu sehn, und richtig, da saß, als hätte sie immer da gesessen, die Chinesin im Schatten des weiß und grün gestreiften großen Leinenschirms und arbeitete an etwas Winzigem in ihrem Schoß.
Ach, wie kühl sah sie aus! Weißgelblich war ihr Kleid und ihr Gesicht wie Marmor in dem grünlichen Licht. Aber als er kam, hatte doch nur ihr Stuhl dagestanden und Nähsachen auf dem Sockel der Uhr? — Esther sah auf, schien ihn aber nicht zu sehn, griff über sich auf die Platte der Uhr, nahm ein dickes Buch herunter, schlug’s auf und blickte längere Zeit hinein. Dann legte sie’s vor ihre Füße ins Gras, und flugs machte sich ein kleiner Sommerwind damit zu schaffen wie ein Meerschweinchen, drehte sich darin herum und schlug die Blätter hin und her, als ob was darunter zu finden wäre. Georg aber fand auf einmal Esthers dunkle Augen auf sich gerichtet, und sie lächelte paradiesisch.
„Habe ich geschlafen?“ sagte Georg. „Wo waren Sie denn? Warum sind Sie nicht in unserm Park?“
Esther sagte, sie hätte Brehms Tierleben gebraucht, und Renate hatte ihr gesagt, daß es in der Bibliothek ihres Onkels sei. — Georg rutschte noch etwas weiter nach vorn.
„Eben träumte mir,“ sagte er, „ich wäre in Helenenruh und ritte auf dem alten Trompeterschimmel von Magdas Vater, immer einen halben Meter über der Erde, o, es war wunderbar, und Sie saßen — wo saßen Sie doch? Ich weiß nicht mehr, aber sie stickten feurige Lilien ins Montfortsche Haus. — Vulnerant omnia —“ las er vom Sockel der Uhr ab.
„Was murmeln Sie da?“ fragte Esther.
Georg legte sich lang auf den Rücken und gähnte: „Vulnerant omnia, ultima necat sagte ich. Was auf der Sonnenuhr steht.“
Esther antwortete nicht. Es zwitscherte überall, es rauschte leise. Oben schoben sich die Wolken, lautlos, riesig, unaufhörlich.
„Helenenruh,“ sagte Georg, „da müssen wir einmal hinreisen.“
„Ist es so schön?“
„Helenenruh ist der ewige Sommer. Immer ist Sommer in Helenenruh und Ferien. Weiß der liebe Himmel, wann die Menschen da arbeiten. Es wird nur auf Schimmeln geritten. Gott, was rede ich für’n Unsinn.“ Ihm fiel Unkas ein, der See und Jason al Manach, — welch ein Tag, welch ein sonderbarer Tag! — Ach, heute war ihm wohl, endlich, endlich einmal wohl ...
„Helenenruh — — wissen Sie, wie das ist?“ sagte Georg. „Das ist bloß Wiese. Wiese nach allen Himmelsrichtungen, und da liegt man und brennt in der Sonne. Mit vier Jahren habe ich da gebrannt, mit fünfen, mit sieben, und immer so weiter. Die Grillen zirpen, weit weg brüllt eine Kuh, und manchmal kann man das Meer hören. Blau ist die Luft, man kann sie aus Tassen trinken. Oh, Helenenruh ist schön, Helenenruh ist ein Inbegriff.“
Esther sagte nichts. Georg richtete sich wieder auf, rote Flecken schwammen vor seinen Augen, die tränten. „Vulnerant omnia —“ las er wieder. „Wissen Sie was von Jason?“
„Ja, was ist das eigentlich für ein Mensch?“ fragte Esther, ohne von ihrer Arbeit aufzusehn. Sie hatte einen kleinen Pappdeckel im Schoß und stocherte mit einer Nadel drin herum.
„Was machen Sie denn da eigentlich?“ fragte er. „Sind das Perlen?“
„Richtig,“ sagte sie, „und er geht eigentlich immer nur herum und sagt gar nichts. Und — wissen Sie — einmal, nein, schon mehrmals, wenn ich so seine stillen Augen ansah, kam mir’s vor, als ob er wirklich alles wüßte, auch von mir, wenn er mich ansieht, und sogar, was einmal aus mir werden wird, aus mir und uns Allen.“
„Das ist ja unheimlich,“ sagte Georg, „nun, wenn ich einmal nicht weiter weiß, werde ich ihn fragen.“ Er stützte sich auf die Hände und sprang auf. „Jetzt will ich aber sehn, was Sie machen. Schmetterlinge?“ fragte er, eine Abbildung in dem offnen Buch erblickend.
Sie hielt ihm hin, was sie in der Hand hatte, einen fingerbreiten Streif aus lichtgrünen Perlen, aus dessen einer Breitseite ein halber Falterflügel herauswuchs, dunkelrot von Perlen mit hellgelbem Auge. — Esther erklärte:
„Dies wird ein schmaler Streifen, lichtgrüner Grund und lauter ganz bunte Schmetterlinge, so schräg hin und her nebeneinander, als ob sie flögen. Die Farben kann ich wohl selbst erfinden, aber die Formen nehm ich aus dem Buche.“
„Und wenn’s fertig ist?“
„Kommt’s um eine Lampe mit einer flachen grünen Kuppel.“
„Wie die auf meinem Schreibtisch?“
Esther lachte. „Sagen Sie mir nun, wie die Inschrift auf deutsch heißt!“
Georg stierte gegen die Inschrift. Er reckte sich, stöhnte, knickte zusammen und fühlte sich wunderbar sommerschlaff.
„Alle verwunden, heißt es, die letzte tötet. Es sind die Stunden gemeint.“ Ja, — ultima necat. Sollte das wahr sein? Gott sei gelobt, für die erste Hälfte stimmte es im Augenblick nicht. Danach kroch er vor Esthers Füße und legte sich zufrieden nieder. Durch halbgeschlossene Augen sah er den Saum ihres Kleides und die Spitzen leise in Wellen gehn, sah die weiße Haut durch den dünnen Strumpf schimmern und die kleinen Eindrücke um die Spitze des bronzenen Schuhs. Dies nicht zu küssen, ist schwer, dachte Georg.
Indem bemerkte er das kostbare gelbe Haupt einer Nelke an Esthers Kleidausschnitt und fragte eifersüchtig: „Esther, woher kommt die Blume?“
„Von Sigurd“, sagte sie gleichmütig.
„Das“, schrie Georg, „ist zum Tollwerden! Er hat mir vor drei Tagen, als ich mit Blumen zu Renate kam, den längsten sozial-ethischen Vortrag gehalten, was für ästhetische Albernheiten das wären!“
Esther zuckte die Achseln „Gott, Georg, Sie kennen doch Sigurd.“
„Jawohl kenne ich ihn!“ tobte Georg, „und wenn ich ihn jetzt darauf festnagelte, so würde er entweder schlank leugnen, oder er würde lächeln wie ein Waisenknabe und sagen: Ja, da habe ich wohl gelogen ...“
Esther nickte strahlend. „Ich liebe ihn,“ sagte sie, „er ist entzückend.“
„Merkwürdig ist er jedenfalls. In allen geistigen Dingen zuverlässig wie — Ajax, aber im Persönlichen wie eine berauschte Wetterfahne.“
„Er ist doch so reich, Georg!“ verteidigte Esther, „können Sie das nicht verstehn? Sehen Sie doch: er war immer Zionist; jetzt kam einer und zeigte ihm, wie kostbar, wie einzig gerade die nicht nationale, die kosmopolitische Seite des Judentums wäre, und —“
„Wetterwendisch und vaterländisch, wie er ist —“
„Und feurig, wie er ist, sah er nur das Große, Seltene, Tiefe drin und entbrannte dafür.“
Es ist ja schrecklich, dachte Georg, wie sie ihn liebt! — Er schwieg gekränkt.
„Und weiter, Georg. Kommen Sie ihm heute mit Psychoanalyse, so glaubt er sich dafür geboren, und morgen mit Chirurgie, so will er Chirurg werden. Haben Sie gesehn, wie er zeichnen kann? Bogner war sogar erstaunt, und —“
„Nun will er Maler werden?“
„Glauben Sie nicht, daß er’s sein könnte? Und wie spielt er Cello! — Ach, Georg,“ sagte sie plötzlich mit einer Wehmut, „glauben Sie, es ist schwer, so zu sein. Da hat er Stunden, daß man meint, die Sonne säße ihm in der Brust, und er könnte, und er möchte die ganze Welt hell machen. Ja, und dann liest er vielleicht über — über dementia, und denkt an seine Mutter und sagt, er wird wahnsinnig. Georg, man kann nicht lachen dabei, denn Sie kennen seine Bestimmtheit, und man sieht, wie er’s in sich frißt.“
„Aber Esther, Estherchen!“ Georg benutzte die Möglichkeit, ihr die Hand auf den Kopf zu legen, „es hält doch nichts vor bei ihm, es ist ja — alles nur Jugend, nicht wahr?“
„Aber kann so einer je alt werden? Stellen Sie sich vor!“
Georg tröstete mit Bestimmtheit, Sigurd würde sich ändern und ein Greis werden. Sie seufzte und wandte sich wieder zu ihren Perlen. Georg lagerte sich geschmackvoll zu ihren Füßen, tröstete sich selber mit dem Anblick seiner schön abgestimmten Kleidung, nämlich zur Flanellhose pfirsichgrüne Socken, gleichfarbiges Hemde und etwas dunkler getönter Schlips, ließ dessen kühle Seide durch die Finger gleiten und dachte nach, worüber er ablenkend reden könne.
„Wissen Sie, Esther,“ fing er träge zu sprechen an, „es ist ärgerlich mit den Träumen. Vor ein paar Monaten, da hat Renates Vetter Josef — Sie kennen ihn nicht? — mir so erstaunliche Dinge vom Träumen erzählt, daß ich alle Bücher darüber gewälzt habe. Sie haben sie wohl gelesen?“ Esther nickte und sagte: „Freud.“ — „Natürlich! Und nun — sehen Sie, was kommt heraus, nicht wahr? Gar nichts am Ende — abgesehen von dem Wert fürs Heilverfahren, der ja unschätzbar sein mag —, gar nichts, als daß der Zustand des Träumens ein fortgesetztes Wachen ist, bloß daß unsere logischen Verknüpfungen fehlen. Manchmal, so nach Tische, wenn ich nicht geschlafen, sondern nur so gedämmert habe, nicht wahr, — konnte ich genau beobachten, wie meine Vorstellungen allmählich in Bilder übergingen, traumhaft leibhaftig wurden, nicht wahr, wie die Zeitrechnung verschwand und — auf einmal alles ein Wirrwarr war und solche Albernheit, wie ich da eben geträumt habe, — nun weiß ichs nicht mehr ...“
„Ein Schimmel“, half Esther.
„Ja, gleichviel, und mein Vater war Wachtmeister und spielte Karten. Und das, sehen Sie, ist, was mich ärgert. Diese — Unfruchtbarkeit. Anstatt daß gerade unsere Verworrenheit, die im wachen Leben doch groß genug ist, — anstatt daß die sich auflöste, Klarheit, Ordnung, Erfahrung — nicht wahr — entstünde, — anstatt dessen die völlige Sinnlosigkeit, hinterdrein Vergessen, und das Ganze ist abgelaufen wie Wasser vom Stein. Es kann mich ganz unwirsch machen, wenn ich denke, was da vergeudet wird!“
„Aber nun giebts doch die Traumdeutung, Georg.“
„Ach, das ist ja viel zu umständlich! Und was kommt auch mehr dabei heraus, als was ich aus meinem wachen Zustand ebenso gut, vielleicht besser erfahren könnte, wenn ich mich nur gehörig beobachten würde. Eben das ist’s! Alles denken und Alles fühlen, unaufhörlich, nicht wahr, an diesen zehntausend Fäden unsers verworrenen Daseins hängen, — und dann noch beobachten, raten und knacken — das ist zuviel. Und wie wäre es da nicht einfach und schön und heilsam, wenn der Schlaf, der die Glieder und Sinne so liebevoll löst —“ Georg war träumerisch stolz, so gut sprechen zu können — „wenn er auch die Seele und das Schicksal nur ein wenig befreite, und wir kämen klarer hervor, als wir hineingingen.“
„Jason,“ sagte er nach einer Weile, da Esther schwieg, gedankenvoll, „Jason kann es vielleicht. Irgendeine Medizin muß er haben. Jason“, schloß er bescheiden, „ist ein guter Mensch. So sollten wir Alle sein.“
„Haben Sie,“ fragte Esther nach einer Weile, „haben Sie eigentlich auch dies merkwürdige Gefühl, wenn er fortgegangen ist, — als ob er überhaupt verschwunden wäre?“
„Gar nicht mehr vorhanden?“ fragte Georg. „Freilich, wenn ich mir ihn jetzt vorstellen soll, bringe ich es nur fertig, indem ich ihn mir irgendwo bei andern Leuten denke. Können Sie sich denken, daß er irgendwo allein ist, zu Hause bei sich, allein in einem Zimmer, lesend? oder schreibend? Oder wie er sich wäscht? Oder wie er im Bett liegt und schläft? Ich glaube, Esther,“ sagte er, sich überbeugend, ganz leise neben ihrem Ohr, „er ist ein Geist. Er braucht nicht zu essen und zu schlafen und sich zu waschen, er ist immer so, wie er uns erscheint, und nur in unsrer Gegenwart ist er wirklich. Sonst unsichtbar, ein Geist, nimmt er Gestalt an, wenn er zu uns tritt, es ist schauerlich, finden Sie nicht?“
Esther hatte zuhörend ihr Gesicht langsam zu ihm nach oben gedreht. Sie sahen sich in die Augen, und Georg dachte angstvoll: Erwartet sie jetzt, daß ich sie küsse? Oder macht das unsre Haltung bloß zufällig? Nein, sie erwartete es scheinbar nicht, denn sie sagte ganz nachdenklich:
„Es giebt soviel Seltsames. Da Sie von Träumen sprachen ... Hören Sie einmal zu.“
Georg setzte sich wieder vor ihre Füße, nahm eine Zigarette hervor und rauchte. Esther begann, ein wenig stockend und unbehülflich:
„Es hat aber eine Vorgeschichte. Ich kannte längere Zeit einen jungen Menschen, der war lungenkrank. Er liebte mich sehr. Um Weihnachten zogen seine Eltern von hier fort. Er schrieb mir öfters, ich hab ihm aber nie geantwortet, er verlangte das auch nicht. Lange Zeit kam kein Brief, und ich dachte niemals an ihn. Nun, — in der Nacht von Oster— Gründonnerstag nennen Sie’s, nicht wahr? — auf Karfreitag — übrigens war er Christ — träumte ich, — ja, wie soll ich das beschreiben? — Es war ein Kreuz, und daran ein Gesicht mit sterbenden Augen. Ich wußte, es war ein Sterbender, er schien mir auch bekannt, als ich aufwachte, aber ich konnte mich nicht besinnen. Ich war aber ganz verstört von dem Traum, Sigurd merkte es mir noch an, als ich zum Frühstück kam, und ich erzählte ihm, was mir geträumt hatte. Dann erfuhr ich eine Woche später durch Bekannte, der junge Mensch, der lungenkranke, sei gestorben, und da wußt ich im Augenblick, daß ich ihn im Traum gesehen hatte. Nun schrieb ich an seine Schwester, die ich kannte, sie möchte mir sagen, wann er gestorben sei, und sie schrieb —, aber ich muß erst sagen, daß sie etwas sonderlich war, altjüngferlich und pathetisch — und so war auch ihr Brief, nur drei Zeilen, ohne Anrede: Er starb in der Nacht von Gründonnerstag auf Karfreitag um ein Uhr morgens mit Ihrem Namen auf den Lippen.“
Esther schwieg. „Wie sonderbar!“ sagte Georg nach einer Weile halblaut. Er dachte noch nach, als er auf einmal Bogner bei der Sonnenuhr stehn sah, in seinem Malkittel, mit wüstem Haar, rotem Gesicht und verschwimmenden Augen. So starrte er auf das Zifferblatt der Uhr.
„Grüß Gott, Maler!“ rief Georg, „wollen Sie wissen, was die Uhr ist?“
Bogner sah ihn zerstreut und unwirsch an. „Ich wollte was,“ — sagte er, „aber nun hab ichs — vergessen. Ich wollte ins Haus und — — ah Streichhölzer!“ sagte er erleichtert. — „Ich hatte mir eine Pfeife —“ Er sah verwundert seine leeren Hände an, suchte in allen Taschen. „Nun habe ich die Pfeife liegen lassen!“ schrie er grimmig, machte kehrt und lief davon. Georg rief ihm nach, er sollte doch warten und sein Feuerzeug mitnehmen, aber er hörte nicht.
Georg wartete noch eine Weile, ehe er zu sprechen anfing, aber der Maler kam nicht wieder. „Nun hat er das Rauchen vergessen,“ sagte Georg, „der arme Kerl! Warten Sie einen Augenblick!“ stand auf und ging in die Kapelle. Ja, da saß er und hatte eine kalte Pfeife im Mund, malte aber tüchtig an etwas Schwefelgelbem. Georg entzündete ein Streichholz und hielt es auf den Tabak. Der Maler merkte, daß es brannte, sog kräftig, sah verworren auf und murmelte: „Danke! danke!“ Georg gab ihm den Rat, zu heiraten, aber er hörte nicht darauf, und Georg ging zu Esther zurück.
Die Arme auf der Sonnenuhr, den Zeiger in Händen, sagte er:
„Wissen Sie auch, Esther, was an Ihrem Traum das Seltsamste ist? Viel seltsamer als der Traum selbst?“ Sie hielt inne mit Arbeiten und sah ins Gras zu ihren Füßen. Er sagte: „Da war doch ein Sterbender, Esther, nicht wahr, einer, der Sie liebte, ein immer Kranker, der seine ganze, trostlose Liebe zu Ihnen in einen ungeheuren Augenblick zusammenpreßte und angesichts des Todes die Geliebte dachte! dachte, und es gelang, nicht wahr, und einen Augenblick zwischen Tod und Leben schwebte seine glühende Seele, einen Augenblick lang vollbrachte sie dies Riesenhafte, daß sie sich über die Natur erhob und eindrang in ein fremdes Dasein. Freilich war es wehrlos in dem Augenblick, es schlief, und vielleicht gelang es ihr nur deshalb, daß sie eindrang und Traum ward in Ihnen. Sie aber, Esther, Sie, der diese gewaltige Anstrengung galt, diese furchtbare Liebe zuströmte, — Sie hatten davon nichts als den leisesten Schauder. Furchtbar, wissen Sie, furchtbar finde ich diese Einrichtung. Liebe gilt nichts, so gewaltig sie sich ereifert; gilt nichts, gilt nichts, denn Sie schliefen, und ein dünnes Traumbild wurde aus der Verzweiflung. Ja, so können wir uns bemühn mit heißester Glut, wir können Blut und Tränen vergießen, alle Ängste um etwas leiden, unser ganzes Dasein zum Opfer bringen: all das, alle Anspannung, alles Säen nützt nichts, wenn keine Erwiderung da ist, keine Willigkeit im Boden. Liebe allein gilt nicht, nur Doppelliebe. Und — ja, was gilt nun hier der Traum, den Sie davon hatten!“