Georg nahm sein Taschentuch heraus und trocknete sich die Stirn. Es regnete Glut über ihn, und er sah betroffen, als wär es das erstemal, daß der schräge Weiser vor ihm einen Schattenstreifen über das abgeschliffne Erz zog. Esther saß still da, bewegte einmal die Lippen, zog die untre ein wenig in den Mund, sagte aber nichts.
Es war Mittag, der Vogellärm schwieg. Vor Georgs Augen lag der geheimnisvolle Schatten des Sonnenzeigers, der in unendlicher Wandrung um seine Wurzel unzählbare Stunden anzeigte, spurlos auf der metallenen Fläche von Ewigkeit. Aber es bewegte sich etwas über Georg, irgend etwas wurde in seinem Augenfelde sichtbar, und über den Verandastufen stand Renate, schön wie Elysium, winkte mit ihrem Lächeln, und Georgs doppelt ergriffenes Herz riß in zwei Stücke mit lautem Stöhnen.
Renate, an einem Abend im späten September ihr Gedächtnisbuch schließend, in das sie eine Eintragung gemacht hatte, hörte jemand an die Tür klopfen; sie antwortete nicht, in dem Glauben, es sei ihre Zofe, welche die Eigenart hatte, ihr Eintreten durch ein leises Pochen anzumelden, legte das Buch in eine Schieblade, schloß zu und erhob sich. Indem klopfte es wiederum, sie ging zur Tür, öffnete und sah ihren Onkel draußen stehn, gebückt und wartend.
„Oh du bists,“ sagte sie erschreckt, „aber bitte, komm doch herein.“
Etwas übermannte sie so, daß sie an das Fenster treten mußte und hinaussehn; freilich sah sie nichts in der Nacht.
Oh so war er nun! Stand geduldig draußen und wartete, und so ging er ja immer im Hause herum, als ob er nur geduldet würde und jedes Recht verloren hätte. Tränen zurückdrängend wandte sie sich und sah ihn im Zimmer stehn, das rötliche Gesicht ein wenig schief haltend; die Ellbogen angezogen, rieb er die Knöchel der Linken mit der rechten Hand. Wie waren seine Schläfen doch eingefallen und grau geworden. Das Lampenlicht funkelte in den stark geschliffenen Gläsern des goldenen Kneifers, hinter dem die hellen Augen kaum zu sehn waren. Schnell trat sie auf ihn zu und legte den Arm um seine Schulter. Er sah flüchtig zu ihr auf, sagte leise, wie schön sie es hier hätte, das freute ihn, ja, es sei doch alles in der Ordnung. — Sie führte ihn zum Sofa, aber er setzte sich auf einen Stuhl, wobei er plötzlich mit beiden Händen eine geschwinde Bewegung nach den Schläfen machte, ohne sie zu berühren, worauf er nach seinem Halskragen tastete und am Schlips schob, eine erschreckend hülflose Gebärde, die Renate wohl kannte. Er machte sie, ohne es zu wissen, manchmal auch wenn er die Zeitung las, am Abend, und Renate von fern nach ihm sah in Besorgnis, da es schien, als habe er das Zeitungsblatt nur vor sich, ohne es zu sehn. Da stand sie wieder auf, trat zu ihm, faßte seinen Kopf, lehnte ihn zart gegen ihren Leib und streichelte leise seine Wange. Er nahm den Kneifer ab, sah zärtlich und dankbar auf.
„Wolltest du mir etwas sagen?“ fragte sie. Er nickte, ergriff ihre linke Hand, drückte sie und schob sie von sich. Da setzte sie sich in die Sofaecke. Er sagte nichts, setzte den Kneifer wieder auf und sah nach den Bildern umher, die Lippen bewegend und ein-, zweimal nickend. Endlich nahm er den Kneifer wieder ab, legte ihn auf den Tisch, senkte den Kopf und sagte, den Kneifer in den Fingern drehend:
„Ich möchte mich nun doch zurückziehn, weißt du, aus dem Geschäft. Ich habe ja“, sprach er eilig weiter, „seit — seit dem Tag damals die technischen Angelegenheiten fast ganz Erasmus überlassen, der es ja auch alles unübertrefflich besorgt, viel besser als ich, großzügiger, und die Gesellschaft steht ja prachtvoll. Dafür habe ich mich mehr mit unsern Wohlfahrtseinrichtungen beschäftigt, an die ich früher viel zu wenig gedacht habe, und die, ich kann wohl sagen, jetzt gleichfalls in einem recht guten Stande sind, so daß ich —, jedenfalls —“ er stockte.
Lange Zeit drehte er an den dünnen Enden des weißrötlichen Schnurrbarts und schien sich anstrengend zu besinnen. Das vorher fleischige, feste Gesicht war schrecklich locker geworden, das Haar weit zurückgetreten über der breiten, runden Stirn, locker auch das geringfügige Kinn. Renate beugte sich vor, legte die Hand über seine auf dem Tisch und bat: „Wir reisen, Onkel, nicht wahr? Diesmal giebst du nach! Nach Italien oder Spanien, gelt? Hast du mir nicht lange schon den Prado versprochen?“
Er sah sie unsicher an. „Versprochen, — so? Ja, ich glaube, — freilich! aber —“ Er zog die Hand weg, schob beide ineinander, rieb sie verlegen und brachte endlich hervor, er wollte allein reisen.
Renate fröstelte seltsam. Was war nur mit seinem Gesicht? War es nicht eine Maske, hinter der es dämmerte wie — wie das Skelett des Kopfes? Als sollte Haut und Fleisch auf einmal abfallen und — Sie schüttelte den Gedanken ab und begann leise zu widersprechen, alles mögliche zu reden, was sie selber kaum vernahm; er ließ das sanftmütig über sich ergehn, er hatte sich wohl so in seine Bescheidenheitsrolle gewöhnt, daß er nicht zu widersprechen wagte, und machte schon dieser Gedanke sie verstummen, so bewirkte das obendrein die Bewegung nach den Schläfen, die jetzt wieder kam. — Die Arme an den Leib gepreßt, faltete sie die Hände mit heftigem Druck und hielt den Atem an vor plötzlicher Angst.
Ja, nun war es zu spät! Nun war es wahrscheinlich zu spät. Warum hatte sie sich so wenig um ihn bekümmert, ihn nicht zu stören gewagt, wenn sie ihn lesend fand, sich immer beruhigt, wenn sie es doch einmal versuchte und er bescheiden und verlegen abwehrte. Nie hatte sie erfahren, was in ihm vorging, nun hatte sich wohl alles angesammelt und brach seines Weges auf, und sie saß dabei.
„Ich reise in einer großen Unruhe fort,“ hörte sie ihn nun reden, „ja, in einer großen Unruhe, mein Kind, oder ich kann fast sagen, es ist Angst, es ist etwas furchtbar Bedrückendes, Abscheuliches —“ er suchte nach seinem Tuch in den Taschen — „nein, nein, bleib sitzen, mein Kind, ich befehle dir, — das heißt, das muß jetzt alles ausgesprochen werden, ich habe soviel gegrübelt und gedacht die ganze Zeit, daß ich schon nicht mehr weiß, ob das, was ich sagen wollte, will, nicht vielleicht ganz unsinnige Gedanken sind, die mir nun“ — er suchte lange nach einem Wort — „erwägungswert scheinen. Ja, es betrifft meinen Sohn Erasmus.“
Er hielt inne und atmete auf. Nach einer Weile sagte er geistesabwesend, an sich selbst gewendet, seufzend: „Er ist ein harter Mensch, mein Sohn Erasmus.“ Plötzlich drehte er sich nach ihr herum, versuchte, sie anzusehn, senkte die Augen und fragte: „Du — wie ist es, ich meine —, du könntest ihn nicht heiraten?“ Wieder flogen seine Hände zu den Schleifen und endeten hülflos in der Luft.
Renate fand lange kein Wort. Dann hörte sie auch schon wieder seine Stimme aus der Ferne in ihre wirren Gedanken, sie solle ihm nicht antworten, es habe ja Zeit, vielleicht später, und anderes mehr, das sie nicht verstand. Sie fühlte nur nach einer Weile, daß sie ihn vergessen hatte über sich selber, weckte sich auf und sah ihn dasitzen, tief im Schatten des Zimmers, nach der gelben Schirmlampe auf dem Schreibtisch blickend.
Er sagte: „Du entsinnst dich Ruths — Josefs Mutter? Ach Gott, verzeih nur, du warst ja damals noch gar nicht geboren. Ja,“ fuhr er in tiefer Verlegenheit fort, „ich habe leider kein Bild von ihr, ich habe sie damals alle verbrannt, und übrigens, was ich sagen wollte ...“ Er hielt inne, fragte dann plötzlich ganz lauernd: „Denkst du viel an Josef?“ Renate verneinte einfach, und er seufzte auf.
„Damit du mich verstehst,“ begann er jetzt beruhigter, „ja, ich möchte wohl, daß du mich ein wenig verstehst, und möchte dir deshalb etwas von mir sagen. Sieh mal, zwischen deinem Vater und mir war ein sehr großer Unterschied. Kinder wurden ja zu meiner Zeit noch anders erzogen als heute, strenger und mehr in Furcht vor ihren Eltern, oder wenigstens ihrem Vater, und du weißt vielleicht, ein wie strenger und — ja, trockner, einsamer Mensch mein Vater war. Da er mich früh von der Schule nahm und ins Geschäft steckte, so blieb ich immer in seiner Zucht.
„Von meiner Jugendzeit ist sehr wenig zu sagen. Ich tat eigentlich nur nichtsnutzige Dinge, war wohl ganz fleißig, führte ein geselliges Leben, ja, na, — damit brauche ich dich nicht aufzuhalten. Eines Tages ließ ich mich dann auch verheiraten. Mein Vater beschloß es und führte es aus. Von meiner ersten Frau hast du wohl ein Bild gesehn? Schön war sie ja nicht, aber doch ganz anmutig, ein wenig dürftig, ja, das war sie, aber meinem Vater genügte ja der Reichtum und der gute Name. Ich willigte wohl um so leichter ein, als ich hoffte, dadurch selbständiger zu werden. Damals war es ja so, daß eine Heirat den jungen Menschen plötzlich veränderte in den Augen der Umwelt; vorher war er Kind, und nun wurde er gewissermaßen Vater und damit selbständig.“ Er lächelte, und Renate war ganz glücklich, doch einen Hauch seines Geistes wieder wahrzunehmen.
„Ich veränderte mich auch; ich versuchte erst, mich mit unsern technischen Betrieben besser zu beschäftigen, aber — abgesehn davon, daß mein Vater meine Bemühungen mit Kühle abwies — konnte ich auch für dies Verfahren, das damals gerade aufkam, die Benutzung der Photographie zur Vervielfältigung von Bildern, — bis dahin gabs nur die Heliogravüre, ein Wort, das du vielleicht schon gar nicht mehr kennst, also, was wollte ich sagen? Ja, ich hatte meinen Umgang meist unter Künstlern, Landschaftern, die damals zuerst von unsrer Haide verlockt wurden, und ihnen, und mir deshalb auch, entsprach diese Popularisierung von Kunst — aber was rede ich davon? Jedenfalls, ich zog mich zurück, ich gewann auch meine Frau sehr lieb, wir zogen damals in dies Haus, das ich nun so schön gestaltete, wie ich nur konnte, aber dann kam schon diese — ja, diese Entfremdung.“
Renate, ein kleines, mattes Aquarell der lange Verstorbenen vor Augen, geriet, ihr selber unerklärlich, in um so kältere Erregung, je geordneter und sicherer, auch eiliger ihr Onkel sprach. Mit Anspannung hörte sie weiter:
„Es muß wohl eine, — ja, ich weiß nicht, welche Störung in ihr diese Entfremdung bewirkte, die im Augenblick von Erasmus’ Geburt begann. Kaum, daß sie mich das Kind sehen ließ. Sie richtete sich ein Schlafzimmer allein ein, und dahinter lag das Kinderzimmer, das ich nur durch das ihre betreten konnte. Und so weiter ... In so einer Art Trotz verkapselte ich mich nun selber, fing an zu sammeln damals, auch den Rosengarten legte ich an, — nun, für meinen Charakter war das alles ja sehr gut; ich fing an, Bücher zu lesen, die Philosophen, glaubte schöne und reiche Quellen in mir zu entdecken, und wurde recht eigentlich damals erst der, den du kennst. Ja, und plötzlich war sie dann tot. Von jenen Jahren weiß ich sehr wenig. Und nun war dieser verschlossene, rätselhafte Junge da, der alles tat, was man ihm sagte, der nie etwas gab, keine Widerrede, keine Bitte und keinen Dank, der nie eine Miene verzog, so — das dachte ich damals — so als ob ihm im Verborgenen von seiner Mutter ein böser Geist eingeflößt, — nein, nicht böse, was sage ich denn! nur diese Verstocktheit, dies furchtbar einsame Wesen. Ich ließ ihn gehn, — ja — ich — ließ — ihn — —“
Er hielt inne und schien sich zu verlieren; sein Kinn fiel ab, er starrte vor sich hin. Aber er ermannte sich, richtete sich grade, atmete und sprach weiter.
„Als ich Ruth zuerst sah, war ich zwanzig Jahr. Du weißt, daß sie von der Mutter her Jüdin war, und auch, daß sie schön war, fast so schön wie du, ja, ja.“ Er lächelte vor sich hin. „Freilich ganz anders als du, eher so wie deine kleine Freundin, Esther heißt sie ja wohl, nur viel größer, eher stattlich und wie aus Marmor. Damals heiratete sie einen Kaufmann, und der starb nun einige Jahre nach dem Tode von Gabriele, und da ich sie immer von fern sehr verehrt hatte, und auch weil ich glaubte, daß mein Sohn eine Mutter haben müsse, bewegte ich sie, mich zu heiraten. Sie sagte, bevor sie mir ihr Wort gab, in der ihr eigentümlichen, entfernten Weise — übrigens war sie nach der Meinung der Leute ohne Herz — also sagte sie, es gebe in ihrem Leben etwas, danach dürfe ich nicht fragen, und das sei es, warum sie so sei, wie Alle sie kennten, — nun — ich habe es nie erfahren, ich liebte sie auch nicht mit solcher Leidenschaft, daß es mich beunruhigt hätte, ich war zufrieden, sie mein zu nennen, was man so mein heißt.“ Immer fließender, aber auch mit immer mehr Hast und oft unter sonderbarem Zucken der Schulter oder eines Arms sprach er weiter:
„In Wahrheit weiß ich nicht, ob sie imstande war, eine Wärme für irgend etwas zu empfinden. Davon wüßte Erasmus vielleicht etwas zu sagen, denn mit ihm war sie gewissermaßen — befreundet. Er hielt sich in ihrer Nähe, ließ sich auch bei seinen kleinen Arbeiten von ihr helfen, er lernte unsagbar schwer, ja, ich glaube — das ganze Leben war für ihn von Anfang an eine ungeheure Aufgabe, die er jeden Tag vom frischen angreifen mußte, und ich weiß nicht, ob er jemals richtig aufgeatmet hat ... Nun, aber ich wollte —“
Da stockte er wieder völlig, die Hände gingen empor, er fuhr zusammen, warf einen scheuen Blick nach Renate, schloß die Hände, beugte sich vor und saß nun so, die Ellbogen auf den Knien, die Hände hart gefaltet, mit den Augen drüberhin auf den Boden starrend, während er redete.
„Er war nicht imstande, das Pensum einer Klasse anders als in zwei Jahren zu erledigen, hatte keine Spur von Gedächtniskraft, aber einen fürchterlichen Pflichteifer, so daß er sich auf das härteste Tag und Nacht mit Dingen peinigte, die Andre im Vorbeigehn erledigten. Freunde hatte er nicht, er war unbeliebt bei Lehrern und Schülern, ich glaube, wenn er nicht aus so guter Familie gewesen wäre, — das spielt ja immer eine Rolle, aber so wurde sein Fleiß doch anerkannt, und all das wurde auch besser in den Jahren, wo der Unterricht in Mathematik, Naturwissenschaften und Physik begann, wo er sich denn gleich auf wahrhaft erstaunliche Weise hervortat. Seiner Stiefmutter aber diente er auf so eine verborgene Art, wie ein kleiner Sklave, geriet aber in grausame Wut, wenn irgend jemand einen seiner kleinen Liebesdienste entdeckte. Vielleicht war sie für ihn die Königin eines Feenreiches und er ein dienstbarer Gnom, — ich habe freilich nie bemerkt, daß er sich mit Büchern und Märchen abgegeben hätte; er war immer ein Bastler und Ingenieur, der Dinge zusammentrug, verglich und zusammenstellte, als er noch klein war, und der aus allen ein Werkzeug oder Kasten hervorbrachte, als er größer wurde. Eines Tages stand dann wohl im Zimmer seiner Mutter oder auch in meinem ein Segelboot, oder etwas Gepapptes oder eine kleine Maschine; aber davon durfte man nichts sagen ... Seine Mutter duldete all dies ohne Aufhebens, und so vertrugen sie sich.“
Ohne daß er seine Haltung veränderte, richtete er jetzt seine Augen gerade auf die Renatens, seine Blicke aber gingen durch sie hindurch, weich wie Spätsonnenstrahlen, in die Erinnerung, während er sagte:
„Ich habe sie unendlich geliebt von dem Augenblick an, wo sie mir sagte, daß sie Mutter —, nein, sie hat es mir nie gesagt, ich sah es, und in diesem Augenblick fing ich auch schon an, um ihr Leben zu zittern. Sie war ja nicht mehr jung. Ich habe damals an Liebe nachzuholen versucht, was ich im Leben vorher versäumt hatte, habe sie in einen Garten kostbarer Dinge gesetzt, sie durfte nur Schönheit sehn, nur Reinheit atmen, nur Stille trinken, und der Sohn, den ich mir erhoffte — —, ja, er ist ja auch wohl so geworden, so schön und ...“ Die Augen wieder auf die Hände senkend, sagte er leise: „Es giebt im Talmud eine Anekdote, die erzählte sie mir damals, in ihrer sparsamen Art, in dem sie nach einem langen Schweigen plötzlich anfing, — eine Anekdote von einem Rabbi, der sich am Frauenbade aufzustellen pflegte, damit die Schwangeren ihn sähen und sich versähen an seiner Schönheit. Von ihm wird auch erzählt, so sagte sie langsam vor sich hin, daß, als Rabbi Elieser im Sterben lag, dieser Jochanaan bei ihm eintrat, und, da es dunkel im Gemache war, so erhob er einen Arm, streifte den Ärmel zurück, hielt ihn hoch und erleuchtete die Finsternis mit der Weiße seines Arms. Elieser aber weinte, und nachdem er drei Fragen Jochanaans nach dem Grunde seiner Tränen verneint hatte, sagte er endlich: Ich weine, weil auch deine Schönheit einmal im Grabe faulen wird ...“
Renate schauderte leise, aber nach einer kleinen Stille fuhr er eilig fort:
„Bald danach hatte ich den zweiten Sohn, und sie war tot. Wie sie gestorben ist, weiß ich nicht; es drang nichts nach außen. Einmal sah sie mich an und sagte: Danke. — Sie lag mit offnen Augen und schwieg. Später waren ihre Augen geschlossen; noch später war sie kalt. Ihren Sohn hat sie nicht gesehn.
„Es muß ungefähr ein Jahr später gewesen sein, da fand ich Erasmus — er war neunjährig — über das Bett seines Bruders gebeugt. Du weißt nicht, wie — ja, wie abstoßend sein finstres Gesicht anzusehn war, denn es war fast nur Stirn und Augen, — die untere Hälfte war verkümmert und wuchs sich erst spät und spärlich aus. Dies Gesicht hob er zu mir und sagte in seiner furchtbaren, kindlichen Ruhe und mit seiner tiefen Stimme: „Die Leute sagen, meine Mutter starb, weil mein Bruder auf die Welt kam. Also hat er sie umgebracht?“ Ich vergesse das nie. Damals schrie ich wohl: er nicht, er nicht! Ich, ich selber habe es getan! — Ob er es verstanden hat, weiß ich nicht, er war von den sonderbarsten und entsetzlich schweren Begriffen, die er sich in seiner Einsamkeit selbst anfertigte von dem, was ihm zuflog, und die er dann so behielt, unveränderlich, nicht daran zu rütteln.“
Jetzt war es sie selber, Renate, gegen die seine Augen andrangen aus einer grausamen inneren Verhärtung, da er sagte:
„Nun weißt du,“ ganz langsam setzte er die Worte hin, „nun weißt du, was meine Söhne wurden. Nun weißt du, was an ungeheuerlicher Schuld in jenen Jahren von mir angehäuft wurde. Nun weißt du, daß der eine Sohn mir alles, alles, und der andre mir nichts, nichts war. Nun weißt du, welche Gerechtigkeit mich jetzt heimgesucht hat, da ich zwei Söhne habe und doch keinen, denn der eine ist nicht da, und der andre rührt mich nicht. Dieser aber wuchs auf wie eine schöne Blume, zart, süß, kräftig, blühend. Der hatte alle Leichtigkeit, alle Anmut, der war ein Windspiel, ein — ein Herrscher, so trat er von Anfang an auf, nur sein Wort, sein Blick galt im Haus, alles war ihm untertan, aber — die Leute sagten, er habe kein Herz. Wenn seine Mutter keins hatte, ja, wie sollte dann er ...“ Er hielt den Kopf in den Händen, er schüttelte sich plötzlich und streckte die Hände nach ihr aus. Auf den Knien vor ihm liegend, sein Gesicht an ihre Brust drückend, hörte Renate ihn stammeln: „Ich kann doch nicht fort, ich kann doch nicht! Wenn er wieder kommt, und ich bin nicht da ...! Und Erasmus wird ihn töten, er hat ja schon als Knabe einmal mit dem Messer ...“
Laut aufschluchzend weinte er wie ein Kind jämmerliche, erstickte, zerbrochene Worte heraus, er fürchte sich namenlos vor Erasmus, er müsse doch fort, er könne nicht, Renate solle ihm verzeihn, er wäre elend, er habe mit ihr den Erasmus bestechen wollen, und er wisse ja, daß Beide sie liebten.
„Warum willst du ihn denn nicht?“ rief er, sich losmachend und ihre Augen mit seinen heißgeweinten suchend. „Ist er denn nicht gut, mein Sohn Erasmus?“ bat er mit ausgestreckten Händen, „ist er nicht adlig und tüchtig und gehorsam und — ach, du mein Gott, was für ein Engel ist er gegen seinen Vater und seinen Bruder. Und der Herr sah gnädiglich an Abel und sein Opfer, aber Kain und sein Opfer sah er nicht gnädig an. Kannst du denn, kannst du denn nicht diese entsetzliche Angst von mir nehmen, ehe ich fortgehe, und ich will fortgehn, und will nicht wiederkommen, und unstät und flüchtig werden ...“
Er verstummte, weil sie seinen Mund mit ihrer Wange verschloß, sein nasses Gesicht in den Händen an der Brust, selber am ganzen Leibe zitternd, frierend, entsetzt. Danach machte er sich los, keuchte ein paar Mal heftig, umklammerte ihre Handgelenke und flehte mit den Augen. Da raffte sie sich auf, küßte flüchtig seine Stirn und sagte: „Ich will versuchen ...“
Ein welkes Versprechen. Hatte sie ihn wirklich damit beruhigt? Sie stand abgewandt, die Hände unter dem Kinn gefaltet, auf ihre Lampe blickend; hinter ihr sagte er halblaut, er sei von Sinnen; dreißig Jahre habe er ein Leben in Gedanken- und Planlosigkeit geführt, und das solle nun sie ihm bezahlen. Nun, sie solle nur ruhig sein, er sei es auch, er habe es ja nun vom Herzen herunter, und nur die Nerven wären wohl schuld, eine Reise würde ihn bald wieder aufrappeln ...
Sie hörte ihn kaum. So war es nun mit Allen. So trug Erasmus das Seine, jahrelang wortlos, so hatte Bogner jahrelang schweigsam unerschütterlich sein Leben vollführt, bis sie ihn einmal zum Reden brachte; so flammte mancher wohl einmal auf, aber hinterdrein — so waren sie Alle — zogen sie schon wieder den Mantel knapp um sich und wollten nichts mehr wahr haben. Dann waren die Nerven schuld. Was sagte der Onkel jetzt? Er fuhr fort, alles so hinzustellen, als ob es auch ebensogut ganz anders sein könne, als er es eben dargelegt. — War das nun wieder ihretwegen, die für Alle so eine schöne Sache war, unter einer unsichtbaren Glasglocke? Nein, nein, woher nur diese grausame Eifersucht auf unsre Leiden, auf unsre Schmerzen? Die sind freilich unser einziges und letztes Eigentum, so eins, das man wohl einmal zeigt, aber an dem keiner teilhaben darf, und sie —, ja, würde sie vielleicht anders sein? Wie angewachsene Hermen, dachte sie, so stehen wir da an den Lebensstraßen, unsre Füße bleiben immer im Stein, einmal schreien wir zum Nachbarn hinüber. Josefs Mutter, wie sie schwieg ... Keiner konnte helfen, keiner. Was? Konnte, sollte sie denn nicht? Ja, um Gottes willen, war denn das etwas Denkbares, dies mit Erasmus? Sie verstand nicht mehr. Hier saß der Onkel und tat, als wäre alles nichts, und hier stand sie vor einem Wirbel, aus dem es toste. —
„Verzeih!“ hörte sie ihren Onkel hinter sich sagen, wandte sich um und sah, daß er eine Zigarette in der Hand hielt und Streichhölzer. Verloren in sich selbst, ging sie zum Schreibtisch, nahm eine kleine blutrote Steinschale und setzte sie vor ihn. Er rauchte und sah miteins ruhig, gefaßt, beinahe jovial aus. So ging sie auf ihn zu, legte die Hände auf seine Schultern, zauderte und sagte:
„Also laß uns reisen. Oder — möchtest du lieber, daß ich bleibe, falls — falls Josef kommt?“
Er lächelte trüb, meinte, der komme ja nicht, und stand auf.
„Ja, falls ich reisen sollte, möchte ich dich wirklich bitten, zu bleiben,“ sagte er bescheiden wie im Anfang, „wirklich. Ich möchte auch allein sein, ich — nun —“ Er brach ab, küßte sie freundlich auf die Stirn und ging hinaus.
Lange stand sie mit hängenden Armen, ermüdet und kraftlos; dann ging sie zur Wand, rückte die kleine Genellizeichnung, die dort hing, gerade, warf sich, die Arme vor dem Gesicht, gegen die kalte Tapete, schluchzte ein paarmal tränenlos, schlich matt zu einem Sessel und fiel darauf nieder. Ein wenig Tabaksrauch schwebte süßlich im Raum, und das war der Rest. Sie warf den Kopf auf den Tisch und seufzte: Ach! — Bogner kam doch niemals. Ob sie Saint-Georges fragen sollte? — Sieh, sagte sie spöttisch zu sich selbst, du bist doch nicht so und schleppst deinen Kummer gleich zu jemand anders. Er ist freilich auch danach, dieser Kummer. — Überdem stand sie auf und begann gedankenlos ihr Kleid zu öffnen, ließ es zu Boden fallen, öffnete die Untertaille, merkte, was sie tat, raffte das Kleid auf, ging müde ins Schlafzimmer, kleidete sich aus, legte sich und löschte das Licht. — —
Hatte sie schon geschlafen? Sie setzte sich auf im Finstern, rieb die Augen. Was für eine wunderliche Trunkenheit? Aber da war ja Licht — sie erschrak — im Nebenzimmer; die Tür war angelehnt. Bleich um sie her war der Raum, die weißen Schränke still, dunkler der dreifache Spiegel dort hinten, voll Geheimnis, wie ein Schrein, der sich geöffnet hatte, während sie schlief. Hatte er etwas entlassen? Wollte er empfangen? — Sie versuchte, sich zu ermuntern, doch gelang es nicht, und so, seltsam trunken und gefangen stand sie auf, ging nacktfüßig zur Tür und blickte mit leiser Furcht in den Raum. Still war es drin, o so still! Was war hier doch vorgegangen, am Abend? Still, nur ihr sanftes Wesen verbreitend, stand die gelbe Schirmlampe auf dem Schreibtisch, geduldig weiter brennend, ohne Vorwurf, daß sie vergessen war, — ach, und wie blühte darüber die geisterhafte Blume, das Angesicht des ägyptischen Königs mit dem küssend gewölbten Mund, einsam auf seinem Pfeiler! Still war alles, und lebte doch. Gespräche, die sie unterbrochen, schienen überall gestockt zu sein; es knackte im Sofa; in seiner kornblumenblauen glänzenden Seidenbespannung schien es ganz eine himmlische Höhle; nur die einzelnen Bücher auf dem Tisch davor schienen in sich gekehrt und zu schlafen. Mächtig, aufrecht, geziert ragte das Lilienbüschel hoch empor. Leise funkelte es aus der Vitrine, im Schliff der Scheiben glänzte es gelb und rötlich. Welch fremdes Reich, das sie hier überraschte! Oh all dies gehörte sich selber an, jeder Stuhl, der Teppich, der Schreibtisch, die Vasen, die Bilder, jedes gehörte sich selber allein in einem stummen, aber starken Leben, und nicht ihr. — Eilig ging sie zum Fenster, öffnete es und bog sich hinaus, fast zurückgestoßen jedoch von einem graden, kalten Wind, der sie gewaltsam umschloß. Da erinnerte sie sich: er war das Rauschen gewesen, das sie, während der Onkel sprach, unablässig fernher gehört und — auch das wußte sie jetzt — längere Zeit für das ferne Wehr im Fluß gehalten hatte. Die Nacht war völlig schwarz; in den unsichtbaren Wipfeln sauste und tobte es, — ach, es war ja September, längst ... Morgen früh würde sie den noch verschonten Garten zerrissen finden wie von einer sinnlosen Hand, und sicherlich war der gestrige der letzte der weißen und goldenen Nebelmorgen gewesen. — Hastig, nicht weiter zu denken, schloß sie das Fenster, löschte die Lampe und tastete sich in das Schlafzimmer.
Aber nun war sie doch wacher geworden. Und, verlockt von der dunklen Höhle des Spiegels, ging sie hin, wiederum leise erschreckend, da ihre weiße Gestalt ihr von fern entgegenschwebte und gegenüber stillhielt. Eine Fremde, murmelte sie, eine Fremde ... und griff, ohne zu denken, nach der Kurbel. Starkes weißes Licht senkte sich von oben, sie schloß die Augen, öffnete sie wieder, und da gingen in dem Spiegelantlitz die beiden dunklen, blauen Feuer auf, tief leuchtend, beseelt, aber ganz so fremd wie die eines zweiten Menschen, in dessen Innres kein Eingang war. Als sie zu lächeln versuchte, sich lächeln sah und von der Bewegung der Lippen im Spiegel die Bewegung der eigenen Lippen empfand, erkannte sie wohl, daß sie selber es war, aber hinter diesen Augen, dieser Stirn war Unbekanntes, blieb Fremde. Sie sah das Heben und Sinken ihrer Brust unter dem Hemd, streifte es von den Schultern, ließ es zu Boden rinnen, und nun, wie in einem weißen Ring von Wellenschaum nackt dastehend, die Hände, sich vorbeugend, links und rechts gegen die andern beiden Glasflächen der Flügelspiegel gestützt, sah sie sich schaudernd an, fühlte schaudernd verdoppelt die schöne Lebendigkeit des weißen Leibes, dahinter, tief im Grunde, sonderbar in das Gegenüberzimmer hineingestellt, das Fußende des weißen Bettes, ein Stück der zusammengeschobenen Decke und die Dämmerhelle der nächtigen Stunde. An ihrem rechten Knie zitterte leise das Ende der einen, nach vorn herabgefallenen, lichtbraunen Flechte. Sie grüßte sich, sie murmelte unbedacht: „Nein, Erasmus, nein, nein“ ... Darüber sanken ihr die Augen zu, mit geschlossenen Lidern ertastete sie die Kurbel, drehte sie, raffte ihr Nachtkleid auf, streifte es über, erreichte ihr Bett, verhüllte sich fröstelnd, atmete tief und schlief ein.
Georg, mit Sigurd aus der Universität herübergekommen, der ihm an diesem Wochentage eine Stunde lang zwischen zwei Vorlesungen Gesellschaft zu leisten pflegte, fand sein schönes Zimmer hell im vollen Licht der Sonne, obgleich sie, noch die Fenster nicht erreichend, nur über den Herbstgarten sich ausgoß. Aus den Nischen zwischen den Bücherregalen flammten die mächtigen Farben der Oktoberblumen: gelbe Dahlien und weinschwarze, schneeweiße Lockenhäupter der Chrysanthemen, violette Asternsträuße, und stämmige Büschel rotgeflammten und gelben Laubes.
„Sie haben,“ fragte Georg schläfrig und etwas verdrossen, da Sigurd, ohne von alledem etwas zu sehn, seine Mappe in einen Sessel gleiten ließ und zu den Büchern ging, „Sie haben wohl nie bemerkt, daß das Jahr mit denselben Farben beginnt und schließt.“
„Davon versteh ich nichts, Georg“, bemerkte er nur, seitwärts den Kopf tief hinunter beugend, um einen Titel im untersten Fach längs des Buchrückens zu lesen.
„Nämlich gelb und violett. Gelbe und violette Krokus, Primeln, Veilchen und Narzissen, und Astern und Sonnenblumen im Herbst.“
„Schön. Wills mir merken“, murmelte Sigurd und schob die Unterlippe vor, zog plötzlich ein schmales Buch heraus, blies über den Schnitt und klappte es auf. „Kassner,“ sagte er. „Von den Elementen der menschlichen Größe. Das kenn ich noch nicht. Würden Sie mirs leihen?“
„Gern.“ Georg rollte stöhnend einen Sessel über die Teppiche, gab ihm einen Schwung, daß er vor die offene Gartentür flog, rückte ihn zurecht und ließ sich hineinfallen. Seine Zigarettendose und Feuerzeug hervorziehend, murrte er: „Was haben Sie bloß von all den Philosophen! Von Kassner verstehe ich nicht ein einziges Wort. Sie sollten Verse lesen. In drei Zeilen von Rilke steckt mehr Wissen von den Dingen als in — ich weiß nicht was.“ Den ersten, tiefen Zug aus der Zigarette in die Lungen schlürfend, dehnte er die Brust empor und sprach mit tiefem Aufatmen:
„Als wäre die Gebärde
einer Mädchenhand
auf einmal nicht wieder vergangen ...
Ja das! Und das von dem Panther:
Dann geht ein Bild hinein,
geht durch der Glieder angespannte Stille
und hört im Herzen auf zu sein ...
Und so tausend andre! Merken Sie denn, wie einen da die Seele der Dinge anhaucht, durch Mark und Bein? Wie sie alle menschlich werden, und in der Vermenschlichung schon halbgöttlich?“
„Die Seele der Dinge?“ hörte er Sigurd hinter sich. „Nun, das ist in diesem Falle wohl nicht viel mehr als das Empfinden des Dichters von ihnen.“
„Ich fürchte, Sigurd, unsre ganze Seele ist nichts andres als unser Empfinden von unserm Leben. Sehen Sie mal ...“ Die Lider halb schließend, blinzelte Georg in die Sonne, „ich meine so: zur Zeit als der Mensch — nämlich der, der er anfangs gewesen sein mag — den Unterschied zwischen seiner Zeitlichkeit bemerkte und dem, — was er damals Ewigkeit nannte; Ewigkeit, nämlich die länger als sein Ablauf scheinende Dauer seiner Umwelt, bis zu Sternen hinauf, — da — nicht wahr — hielt er sie für ewig und gab diese Ewigkeit einem Gott oder mehreren zur Wohnung, wie er selber in der Zeit wohnte. Da stand also der Mensch — gleich Zeit — gegen Gott — gleich Ewigkeit.“
„Schöne Spekulationen“, hörte er Sigurd kurz hinter sich murmeln. „Vorher, meinen Sie, stand bloß Mensch gegen Mensch?“
„Vorher“, sagte Georg, „nahm der Mensch den andern Menschen als Teil seiner Umgebung, — das heißt, ich meine so: daß Mensch gegen Mensch, gegen seinesgleichen stehe, das konnte er erst als Schicksal empfinden, als er seine Einsamkeit und Kleinheit gegenüber der Ewigkeit spürte, so daß dies Gefühl erst wuchs durch jenes.“
„Die Seele also“, fragte Sigurd, „wäre ein — eine Wunde des Daseins?“
Georg versetzte: „Ja, sehen Sie, ich dachte folgendermaßen: der Körper atmet durch Poren, der Geist — durch Wunden. Die Seele ist eine Wunde; die Wunde des Geistes. Ich kam auf andre —“
„Freilich,“ hörte er Sigurd erwidern, „die Lust am Dasein, jedes Wollustempfinden ist denkbar, ohne Seele. Erst die feindlichen Empfindungen, das Bewußtsein ... Sie wissen ja: ein Hund fürchtet sich beim Gewitter, ohne zu wissen warum ... also: das Bewußtsein übernatürlicher Mächte, unverständlicher Gewalten und Peinigungen, das Bewußtsein von allem Schmerzlichen und Zerstörenden, das macht erst den Menschen.“
„Natürlich! das Feindliche!“ sagte Georg. „Die freundlichen Naturmächte nahm er einfach und unbedenklich hin, erst die feindlichen rüttelten ihn auf, mit ganz physischen Mitteln: er mußte sich wehren. Lust bringt nichts hervor, Schmerz macht erfinderisch, Schmerz ist zeugend allein. Lust zweifelt nicht, Lust will bekanntlich Ewigkeit, das heißt Dauer — ihr erster Schmerz ist die Ahnung, daß sie enden muß —, Schmerz will Erkenntnis.“ Er verstummte, nicht unerfreut über diese Leistung. — Dann, da Sigurd still blieb, bog er sich um die Rückenlehne seines Sessels, entdeckte aber erst nach einer Weile Suchens ganz hinten nur seinen hohen Kopf zur Rechten der Treppe vor den Büchern; das Übrige seiner hockenden Gestalt war hinterm Schreibtisch verborgen.
„Hören Sie mir eigentlich zu?“ fragte Georg unzufrieden. Da schnellte er plötzlich zu seiner Länge empor, und Georg mußte lachen, weil er richtig ein Buch aus der Tiefe heraufgetaucht hatte.
„Ja, jetzt weiß ich, wie Sie’s machen“, sagte er. „Sie ziehen in jeder Bibliothek die Bücher heraus, lesen Titel und Verfasser, dazu einen Abschnitt auf Seite siebenundvierzig, und dann kennen Sie’s.“
Sigurd schmunzelte geringfügig, ohne übrigens so auszusehn, als ob er gehört hätte, ging zum Schreibtisch und setzte sich davor, worauf Georg die Beine über die Sessellehne warf, um ihn im Auge zu haben.
„Wovon sprachen Sie denn eben?“ fragte Sigurd, sein Buch aufschlagend.
„Von den ersten Menschen“, erwiderte Georg zweideutig.
„Die im Paradiese,“ äußerte Sigurd aufblickend, „wenn Sie die meinen, kannten freilich Gott. Ob sie aber deshalb schon Menschen waren?“
„Gott?“ fragte Georg. „Nein. Gott war wohl mehr ihresgleichen. Und sie wußten doch nichts von Zeit, und daß alles einmal enden könnte.“
„Ach, Georg, Sie glauben ja nicht an Gott. Haben Sie übrigens je bemerkt, daß jenes Verbot im Garten Eden, wegen des Apfels, nur an Adam erlassen ist? Neulich fiel mirs auf, als ich zufällig den Text nachlas; Eva war noch gar nicht erschaffen. Wie sollte sie also nachher begreifen? Sie mußte sich einfach auf den Mann verlassen, der es ihr mitteilte, und das gefiel ihr natürlich nicht.“
„Von da an, bis jetzt,“ sagte Georg lächelnd, „hat sie sich immer auf den Mann verlassen sollen, aber sie ist immer dagegen angegangen und hat ihn immer zum Essen verlockt.“
Sigurd schien zu lesen. Ich habe doch einmal an Gott geglaubt, dachte Georg angestrengt. An Gott? Ja, an einen einfachen guten Menschengott, — wann war das? Und auf einmal war er fort. Ich wurde konfirmiert, — nein, damals schon, — aber ich entsinne mich doch genau, was für Kämpfe ich seinetwegen gehabt habe, und wie wir Jungens uns stritten halbe Nächte lang — aber, es kommt mir doch vor, als ob schon alles über ihn entschieden war, ehe die Kämpfe begannen. Sie waren mehr der Form wegen, und aus Angst, aber damals fürchtete man sich ja nicht vor der Welt, so getraute man sich schon, es allein, ohne Gott, mit ihr aufzunehmen. Da wars um Gott geschehn. Wann aber glaubte ich wirklich an ihn? — Als ich noch rot werden konnte, durchfuhrs ihn, und er fühlte, wie ihm das Blut ins Gesicht stieg. Ich erröte ja noch! dachte er — nein, nein, dies ist ein andres Erröten, ich erröte vor mir selber; ich meinte aber das Erröten vor der Welt, in der Gott war, das Erröten, das von Gott kam, nicht dies aus mir selber. — Jetzt klappte Sigurd sein Buch zu, legte es auf den Tisch und sagte:
„Außerdem, fällt mir ein, steht auch von einer Strafe nichts im Buche. In der Bibel, mein’ ich. Er sagte nur: ihr dürft nicht. Hätte er gleich zu Anfang gesagt: dann werdet ihr ausgetrieben —“
„Dann“, sagte Georg, „würden sie sich wohl auf den Apfel gestürzt haben!“
„Wie?“ fragte Sigurd zerstreut und sprach weiter: „Er verbot nur, wie sollten sie das verstehn? Adam sagte es Eva, worauf sie vermutlich gedacht haben wird: Verboten hat er es zwar, — aber wenn ichs doch tue? — er hat doch gesagt, er wäre ein lieber Gott ... Und Adam dachte: Was wohl geschehn wird, wenn ... Sehn Sie, er konnte ja nicht anders, er mußte zweifeln, ihm konnte nichts genügen, ihn hungerte nach Erkenntnis, nach dem Apfel, nach Schmerz ... Sie sehn, es kommt auf das selbe hinaus.“
Georg, mitgerissen, sagte nachdenklich: „Und schon kam die Angst — Gott hatte noch nichts gesagt! — sie versteckten sich.“ Plötzlich wieder in seinen eignen Gedanken, sagte er langsam: „Er muß ganz rot geworden sein, als er aß.“
„Wie meinen Sie?“ fragte Sigurd. Georg besann sich; Sigurd, das Gesicht in den Händen, sah auf den Teppich.
„Das Verstecken“, sagte er, „war eine Dummheit. Schuldgefühl verdammt von vornherein. Die Frauen, wie Sie schon sagten, glauben an einen liebenden, verzeihenden Gott — nämlich deshalb, weil sie ihre Schuld gern für geringer halten, als sie ist, denn sie können nicht abwägen —, der Mann an einen gerechten Gott.“
„Nach dem Talmud“, versetzte Georg.
Sigurd schwieg. Nach einer Weile, sich aufrichtend, ohne Georg anzusehn, bemerkte er, das wären so deutsche Unterhaltungen ...
„Wieso?“
„Der Deutsche redet am liebsten von Dingen, von denen er zwar nichts versteht, an denen sich aber sehr viel raten läßt, herumraten.“
„In Rußland allerdings“, biß Georg zu, „wird nur von Rußland geredet. Und wissen Sie,“ lachte er, „was das Deutscheste an unserm Gespräch ist?“
„Nun, sagen Sie’s schon.“
Das Telephon zirpte, Georg erhob sich. „Daß wirs hinterher kritisieren; oder wenigstens feststellen, wovon es gehandelt hat. Nun können wir ja noch —“ Das Telephon zirpte abermals — „feststellen,“ sagte Georg, indem er hinging, „daß wir festgestellt haben, daß der Deutsche gern feststellt —“ Lächelnd den Hörer abnehmend, über den Tisch gebeugt, sagte er: „Georg Trassenberg.“
„Grüß Gott, Georg,“ hörte er Esthers Stimme, wie es schien ein wenig matt. „Ist Sigurd da?“
„Grüß Gott, Esther! Ja, er ist hier. Wie gehts Ihnen denn?“
„Danke ...“ Das kam zögernd; danach nichts mehr.
„Augenblick, Esther!“ Georg reichte den Hörer an Sigurd, der noch am Tische saß.
„Ja, Esther. — — Nein, ich wollte heute erst später kommen. Was ist denn?“ — — Georg wanderte langsam bis vor den Pensieroso, Sigurd weiter hörend in Pausen: „Du sollst kommen? — Ja, dann fahr doch.“
Georg — sonderbar härtlich hatte das Letzte geklungen — wagte es, den Kopf ein wenig zu drehn, allein Sigurd — er war aufgestanden — drehte sich fort.
„Natürlich mußt du fahren.“ Das klang wieder wie immer, kurz angebunden, — doch so war er. „Nach Hamburg erst? Ja, natürlich, sie warten ja darauf. Wie? Sie warten darauf, sag ich. Wann geht denn das Schiff?“ Georg zuckte zusammen. Schiff? — Er lauschte mit wildem Herzklopfen plötzlich, doch kam nun endlose Zeit nichts, und er stand, flimmernd Buntes und Grünes vor den Augen, gemartert von der unhörbaren Stimme in der Ferne, die alles sagte. Endlich hörte er Sigurds Stimme wieder.
„Ja, dann wirds am besten — wie? — am besten wirds übermorgen — ja, Fräulein, ich spreche noch!“
Wieder alles still. Also nach Amerika. Fort. Einfach fort. Esther. Das war unmöglich. — Georg hörte seinen Namen, dann deutlich Sigurd, der ihn ans Telephon bat.
„Ja, was ist denn, Esther?“
„Mein Verlobter hat geschrieben, Georg. Er wartet ja schon seit einem, seit dreiviertel Jahr bald. Und er schreibt von einem Schiff, das ich benützen soll, — es fährt Mitte nächster Woche, und —“ Georg glaubte, sie Atem schöpfen zu hören. „Und nun erwarten Verwandte von uns in Hamburg, daß ich sie erst noch besuche. Also —“ Ihre Stimme erlosch, raffte sich dann wieder auf. „Also werde ich wohl übermorgen fahren. Dann hab ich noch morgen den ganzen Tag zum Packen und —“ Es kam nichts mehr.
„Ja, Esther, wenns sein muß. Was kann man da machen?“ Böse, einen Stich im Herzen, fuhr er gleisnerisch fort: „Es tut mir nur leid, daß ich Sie dann nicht zur Bahn werde bringen können. Morgen muß ich fechten, und das wird ziemlich schlimm werden, ich — ja, ich kann Ihnen das so nicht gleich erklären, warum. Dann —“ seine Brust zog sich zusammen — „dann sehn wir uns wohl gar nicht mehr.“
Keine Antwort. — „Sind Sie noch dort, Esther?“
„Ich — ich könnte ja heute noch — — wenns Ihnen recht wäre ... Ich habe jetzt Zeit.“
„Aber natürlich, Esther, herrlich! Also kommen Sie? Auf Wiedersehn! Wollen Sie Ihrem Bruder noch — — Sind Sie noch dort?“
Georg legte, schwer atmend, den Hörer auf, sammelte sich und sah sich nach Sigurd um. Er saß auf der Lehne von einem der Sessel in der Kaminecke, den Kopf gesenkt; das Gesicht war heiß, die Augen finstrer als je. Langsam, die Lippen vor und hin und her schiebend, fing er an zu sprechen.
„Einmal mußt’s ja sein. Nun ist’s zu spät.“
Georgs Zunge bewegte sich schwer. „Wieso: zu spät?“
Sigurd bückte sich tief, den einen Fuß anhebend, zupfte an einem Faden im Hosenaufschlag und riß. „Um sie zu halten“, stieß er dabei undeutlich hervor.
„Ja, wer kann sie halten, wenn sie heiraten wollen“, witzelte Georg unglücklich.
„Halten kann man sie schon“, äußerte Sigurd verdrossen und sah in die Luft. — Sonderbar! Das war ja fast wie ein — ein Wink? — Indem fiel Georg ein, daß Sigurd ihm doch einmal etwas hatte sagen wollen, in bezug auf Esther. War es das gewesen? — Er? Konnte er sie, hätte er sie halten können?
Sigurd war aufgestanden. „Also auf Wiedersehn, Georg“, sagte er, ihm die Hand hinhaltend, während er mit der andern seine Mappe aus dem Sessel nahm. „Sie kommt ja wohl her. Dann will ich nicht stören.“
„Adieu, Sigurd.“ Sigurd stieg die Stufen hinan. „Vielleicht versuchen Sie’s doch noch mal selber!“ rief Georg ihm nach. — Sigurd öffnete die Tür, schwieg, sagte dann: „Ach was!“ und ging hinaus.
Georg stand verstört. Vor sich niederblickend, entdeckte er plötzlich die farbigen Bänder auf seiner Brust, faßte wütend nach dem Porzellanknopf im Rücken unterm Rock, der sie zusammenhielt, zerrte wütender daran, bis er die Bänder endlich losgerissen hatte, schnellte sie hervor, ballte sie zusammen und schmiß sie auf den Tisch.
Wenn morgen, fluchte er, die Mensur nicht wäre, würde ich mit ihr in die Gegend fahren, und niemals käme sie fort, niemals! — O, wie verstört sie war! Warum? Warum? — Er hockte sich in einen Sessel, tat die Stirn in die Hände und fühlte Angst vor der Abschiedstunde. Ja, soll ich, will ich, kann ich sie denn halten? O Gott, liebe ich sie denn nun oder nicht? —
Da war Esther, da Renate. Da waren Renates Schultern, an dem verwünschten Festabend, — das Herz zog sich ihm zusammen. Und da war Esther, wenn sie frühmorgens aus dem Garten kam, kaum sichtbar hinter einer Garbe frohlockender Blumen, und er im Stuhl mit seinem verstauchten Fuß, und die langen, langen Tage. Und dann dies, — war es denn nun eine Dummheit gewesen? Sie kam herein, und er dachte: ich habe sie auf eine ebenso eigenartige wie ganz unschädliche Weise lieb und werde es ihr jetzt sagen. Da stand sie in der Tür zum Garten, lächelte zu ihm hin, und er nickte und lachte aus seiner Ecke, und wie sie die ganze Last von — Päonien oder Stockrosen, oder was es nun war, auf den Schreibtisch niederwarf, sagte er, nein, da rief er sie zu sich, nahm ihre Hände und sagte, nicht ohne starkes Herzklopfen und das deutliche Gefühl, er solle es lieber unterlassen: Eben, kleines Wesen, ist mir was Prächtiges eingefallen. Ich habe Sie so lieb, wie ich nie einen Menschen gehabt habe, auf eine ganz besondre Weise, was sagen Sie dazu? Ist’s Ihnen recht? — Auf ihrem Gesicht flog ein sonderlicher Schatten auf, ein — ja ein Lächeln gleichsam auf Stelzen. Sie ließ seine Hände los und sagte: O ja ... Sie ging zu den Blumen, nahm eine auf, warf sie wieder hin, nahm eine andre und roch daran, raffte den ganzen Haufen zusammen und trug ihn ins Speisezimmer.
Und danach, eine lange, endlose, atemlose, schreckliche Zeit, während der er sie nebenan gehen und hantieren hörte, Vasen zusammentragen, Stiele abschneiden, vor die Tür und an die Wasserleitung treten, und hörte, wie das Wasser rauschte, dunkel erst, dann heller, aufsteigend in den Gefäßen, saß er und rang mit sich um Unerkennbares im Herzen und sagte sich schließlich nur, damit die Zeit verginge, auf: Sie also auch, sie also auch, — ganz sinnlos, und dann: Da bin ich ja grauenhaft ungeschlacht gewesen. Sie wußte es nicht, und nun weiß sie’s.
Also liebte sie ihn? Und wollte doch nach Amerika. Sigurd wollte sie behalten, und er sollte das besorgen. Ja, wie hatte er doch gesagt? Sie hat immer irgendwen geliebt. Er hielt das also für einen Übergang, auch hier bei Georg, und im Grunde liebte sie eben ihn, ihren Bruder, und fand immer wieder zu ihm. Ja, konnten sie vielleicht einander noch in die Augen sehn, nachdem er damals dies zu ihr gesagt? Nein, sondern da war zwischen ihm und ihr eine Wand von Angst, Gefahr und Süße, durch die ihre Blicke nicht zueinander gelangen konnten, außer wenn sie lachten oder viele Menschen zugegen waren.
Eines Tags aber, würgte er weiter, sah ich Renate in einem goldnen Kleid. Das Unterkleid war erdbeerfarben, darüber das Oberkleid vorn offen und nach rückwärts geschweift, so daß es leicht wehte beim Gehn; es war wie Flügeldecken aus goldener, bräunlicher Seide, ach, und ihr Hals, ihr Hals! — Aber dennoch, — wenn ich es formulieren wollte, so wäre es so: Wäre Renate weniger schön, so würde ich sie lieben; wäre aber Esther weniger schön, so würde ich sie nicht lieben. Das soll heißen, daß ich Renate liebe wie einen schönen Gegenstand (zum Beispiel die Venus von Milo), und nur das Zufällige ihrer weiblichen Gestalt und der sexuelle Reiz spiegelt mir ein wahres Liebesempfinden vor. Esther dagegen, — ja, wie kann man nur zwischen Beiden schwanken? Esther war, — o sie war ja klug und alles mögliche, aber eigentlich war sie doch nur ein süßes Wesen, ja ein so süßes Wesen, daß ich eben unwiderstehlich davon verlockt werde, von den braunen Streifen im schwarzen Haar, von der Stelle der Stirn, an der das Haar ansetzt und das krause die kaum sichtbaren Schatten wirft, von ihrem Hals, und der Biegung zum Kinn, und — und was sollte denn daraus werden? schloß er langsam und stand auf.
Er öffnete die Gartentür, trat ins Freie ein paar Schritt vor und ging ins Zimmer zurück, erregter, angstvoller, wartend, daß sie komme.
Renate, schlechterdings, sie war zu einer fürstlichen Stellung geschaffen und gehörte ihm. Er nahm den kleinen Band der Odyssee vom Tisch unter der Lampe, blätterte, suchte und fand die Stelle: