Dekoration Titel 10. Kapitel

Zehntes Kapitel.
Nach langer Not zum heiligen Krieg.

In dem Sommer von 1812 hatte in Preußen keiner die rechte Freude an aller Sommerlust, an Sonnenglanz, blühenden, grünenden Wiesen und kühlem Waldesschatten gehabt, und als sich der Winter früh meldete, da klagte niemand dem Sommer nach. Mit Schnee und Eis, mit frostklaren Tagen und Nächten kamen zugleich über die Grenze Nachrichten geflogen, die jedes vaterlandstreue Herz erbeben ließen. Napoleon sei geschlagen, raunte es erst leise, bis dann die gewisse Kunde kam von dem Untergang der großen Armee. Im Wintersturm flohen die letzten Reste des einst so glanzvollen Heeres aus dem unbesiegten Lande.

Da hob ein Singen und Klingen in viel tausend deutschen Herzen an, und überall blühte die Hoffnung empor, daß der Freiheitskampf, nach dem sich alle sehnten, der sie vom Joch der Fremdherrschaft erlösen sollte, nun beginnen würde. Wie ein Gottesgericht erschien ihnen allen der furchtbare Schlag, der die übermütigen Eroberer getroffen hatte, aber die Freude zeigte sich nicht, als in kleineren Trupps, manchmal gar nur zu zweien und dreien, die letzten Überlebenden der großen Armee über die russische Grenze kamen. »Man muß sie vernichten,« hatte mancher gerufen, wenn er an die Härten des Sommers dachte, der mancher Familie den letzten Wohlstand geraubt hatte. Doch als die Flüchtlinge kamen, wahre Jammergestalten, da schwieg der Haß, und das Mitleid regte sich.

Durch Hohensteinberg kam an einem der ersten Tage des Jahres auch ein Trupp Flüchtlinge, und Joachim in seinem überschäumenden Knabenhaß rief, als er von ihrem Nahen hörte: »Man darf sie nicht aufnehmen, es sind Feinde!«

Nachher stand er neben seinem Vater auf dem Hof und sah das Trüpplein vor sich. Wohl fünfzehn Männer waren es; von Hunger, Kälte, dem langen Marsch und Krankheiten waren sie so erschöpft, daß nur ein paar noch klare Antwort geben konnten über ihre Schicksale, die andern starrten dumpf vor sich nieder, ein paar waren kraftlos in den Schnee gesunken. Die Knechte, Mägde, die Dorfleute, alle waren herbeigeeilt und umstanden in finsterem Schweigen die Unglücklichen, und der Freiherr fragte nach den Namen, der Herkunft. Da klang ein deutscher Name nach dem andern an sein Ohr: die Leute waren alle Süddeutsche, sie alle hatten den französischen Fahnen folgen müssen.

Die Hausfrau hatte die Flüchtlinge kommen sehen. Sie hatte nicht viel geforscht und überlegt, nicht viel nach Namen und Art gefragt, sondern sie war selbst in die Küche gegangen und hatte mit Jungfer Rosalie eine kräftige Mehlsuppe gekocht, und bald kamen aus dem Haus die Hausfrau mit ihren Töchtern und Mägden, und alle trugen Töpfe voll dampfender Suppe und Körbe voll Brot.

Ein Schreien, ein gieriges Schreien gellte auf, die erloschenen Augen der Flüchtlinge blitzten, zitternd streckten sie die Hände aus: Essen, warmes Essen nach so vielen langen, langen Tagen wieder!

Die Frauen mußten mahnen: »Ihr verbrennt euch, nicht so hastig!« Doch die Flüchtlinge rissen ihnen die heißen Töpfe fast aus den Händen, sie schluchzten, schlangen, und manch einem Mann rannen die Tränen über das hohlwangige Gesicht. Essen, Essen, eine warme Suppe, wie wohl das tat!

In tiefem Schweigen sahen die Männer und Frauen zu. Kein Schmähwort wurde laut, keine Hand ballte sich mehr zur Faust, vor diesem Jammer schwieg der Haß. Und als der Freiherr sich zu seinen Knechten wandte: »Räumt eine große Stube für die Leute aus, ihr könnt in den leeren Gastzimmern wohnen,« da boten sich eilig ein paar Bauern zur Hilfe an, und ein paar Frauen sagten, sie könnten wohl noch allerlei Sachen aus ihrem Vorrat hergeben.

Schweigend folgte auch Joachim den Knechten und half räumen und Strohlager herrichten, und manchmal streifte sein Blick die Flüchtlinge voll tiefen Mitleids, die, in Lumpen gehüllt, die Beine mit alten Fellen und Stroh umwickelt, auf dem Kopfe wohl Frauentücher und Hauben, in nichts mehr den siegesfrohen Kriegern des Sommers glichen. Und alle waren Deutsche. Des Jünglings Herz krampfte sich zusammen, und in dieser Stunde begriff er völlig die Schmach seines Vaterlandes.

Man hatte auf Hohensteinberg noch manchmal Gelegenheit, den Flüchtlingen zu helfen, und alle auf dem Schloß und im Dorfe taten es mit christlichem Erbarmen. Ein paar der Leute starben, andere wurden gesund, einige kehrten in die Heimat zurück, andere aber blieben, blieben, um in das preußische Heer einzutreten und für ihrer Brüder Freiheit zu kämpfen.

Es regte sich überall. Laut sprachen die, die bisher hatten schweigen müssen, von dem bevorstehenden Freiheitskampf, und keinem Krieg hatte man in Preußen so entgegengejubelt wie diesem, den der Frühling von 1813 bringen sollte und dessen Ausbruch man kaum erwarten konnte.

An einem Märztag, an dem es schon lenzlich sproßte und Büsche und Bäume im jungen Safte schwollen, gab es in Hohensteinberg eine bittere Abschiedsstunde. Vater und Sohn zogen beide in den heiligen Kampf, und aus dem Dorfe folgten ihnen alle Männer, die noch die Kraft in sich fühlten, mitzustreiten und mitzusiegen, denn Sieg war aller Gebet und Hoffnung.

Joachim wollte mit seinen Freunden, den Tugendbündlern, in das ganz aus Freiwilligen gebildete Reiterregiment, das Graf Lehndorf in Königsberg sammelte, eintreten. Daß nur Arnold von Berkow gerade die vorgeschriebenen siebzehn Jahre zählte, kümmerte sie alle nicht, sie hofften, niemand werde es so genau damit nehmen.

Es hatte in Hohensteinberg auch niemand daran gezweifelt, daß Joachim mitziehen würde, und Frau Maria, die bei aller Sanftmut doch eine starke, tapfere Frau war, brachte ohne Klagen das schwere Opfer. Die Frauen des Hauses trugen in dieser Zeit eine stille, gefaßte Miene zur Schau, keine wollte es den Scheidenden schwer machen. Als Gottlobe zuerst in Strömen von Tränen Trost suchte, hatte die Großmutter sie in der alten herben Art, von der seit Raouls Flucht nur wenig noch zu spüren war, angerufen: »Schweig! Eine Steinberg heult nicht.« Da war Gottlobe jäh verstummt, und nur der Schwester klagte sie. »O der furchtbare Krieg! Wenn doch kein Krieg käme!«

»Bist dumm,« erklärte Gottliebe, und in ihr weiches Gesichtchen grub sich die feste, harte Steinbergfalte, »ich wollte nur, ich könnte mit wie Joachim!« Gottlobes Entsetzen ließ die Schwester ungerührt, und es ahnte niemand, wie oft Gottliebe es wünschte, ein Junge zu sein.

Wenige Tage vor dem Aufbruch trat sie zu dem Vater in das Zimmer. Zu ungewohnter Zeit und ohne Erlaubnis wagten es die Kinder selten, des Vaters Zimmer zu betreten, und der Freiherr, der über Büchern und Rechnungen saß, schaute erstaunt auf sein Mädel. »Was willst du?«

»Vater!« Gottliebe preßte beide Hände an die Brust, und wie sie so vor dem Vater stand im schlichten, dunklen Kleid, ein weißes, feines Tuch um Hals und Brust geschlungen, das junge Gesicht von den blonden Locken umrahmt, sah sie unendlich lieblich aus, und des Vaters Augen freuten sich an der jungen Schönheit seines Kindes. »Nun,« fragte er noch einmal freundlich, als Gottliebe stockte, »was will mein Mariellchen?«

»Vater — ich —« Purpurglut lief über das Gesichtchen, »ich — will mich als Achims Bruder verkleiden, weißt du, als ob ich sein Bruder wäre und nicht seine Schwester, und mitziehen in den Krieg. Ich kann's, Vater, gewiß! Bitte, bitte, lachen Sie nicht, ich habe die Kraft und — ich schäme mich, daß ich nichts, gar nichts für mein Vaterland tun kann, nur ein Mädchen bin.«

»Nur ein Mädchen!« Der Freiherr zog sein Kind an sich. »Meine Liebe, mein tapferes Kind, was sagst du da? Nur ein Mädchen — ist es denn nicht etwas Schönes, ein Mädchen zu sein, eine Frau zu werden, zu sorgen und zu schaffen für der anderen Wohl? Ei, Liebe, was sollten wir Männer tun, wenn wir in den Krieg ziehen müssen und daheim nicht unsere Mütter, Frauen und Schwestern unsere Arbeit täten?«

»Es ist so wenig,« flüsterte Gottliebe, »es sind — keine großen Taten.«

Ein ernstes Lächeln glitt über des Freiherrn Gesicht. »Keine großen Taten? Du Kind du! Auch wir, die wir in den Kampf ziehen, wissen nicht, ob uns das Schicksal für große Taten bestimmt hat. Es wird mancher an einem Zaun verbluten und sein Leben lassen, der ein Held war, und dessen Name nie jemand nennt. Sieh hinaus, meine Mariell, dort grünen die Saaten, dort wächst die Ernte des Jahres heran, und es würde schlimm darum bestellt sein, wenn die Frauen nicht den goldenen Segen hüten wollten, und unsere Ställe und Kornkammern würden leer sein ohne der Frauen Arbeit, und wer diese Arbeit leistet, der tut auch etwas für sein Vaterland. Ich ziehe fort und Joachim, und wir wissen nicht, wann wir wiederkehren, und ob wir noch einmal die Heimat sehen. Da lege ich denn auf deine Schultern einen Teil meiner Sorge und Last: du sollst deiner Mutter ein Segen, ein Trost sein, ihre Helferin in den Tagen der Mühe, die kommen werden. Es wird dir wenig Zeit für heitere Jugendlust bleiben, aber ich weiß, daß du treu an deiner Stelle stehen wirst, und an der Liebe für die Deinen, für das Vaterland wird deine Kraft, dein Wille erstarken. Gott hat jeden an seinen Platz gestellt, und es braucht keiner zu sagen: Ich bin nur dies, nur das! der seine Pflichten in Treue erfüllt. Die Frauen unseres Geschlechts waren immer tapfer und treu und verloren nicht ihren Mut in den Zeiten der Not. Sei auch du eine Steinberg, mein Kind, und draußen im Wirrsal des Krieges will ich froh denken: Meine Liebe schafft daheim, meine Tochter. Gott sei Dank, daß mir der Himmel zum Sohne auch Töchter gab!«

Gottliebe schmiegte sich bebend an den Vater an, sie fand keine Worte. Erst als der Vater sie prüfend anschauend fragte: »Willst du noch verkleidet mitziehen, und bist du nun noch traurig, nur ein Mädchen zu sein, meine kleine Tugendbündlerin?« da sagte sie leise, mit einem feierlichen, frommen Klang in der jungen Stimme: »Ich will daheim bleiben!«

Es wurde nicht viel geweint und keine Klagen ertönten, als ein paar Tage später die freiwilligen Kämpfer Abschied nahmen. Alle waren ernst und gefaßt, selbst die weichmütige Gottlobe versuchte, tapfer ihre Tränen zurückzudrängen; Gottliebe aber stand dabei mit einem so ernsten, reifen Ausdruck in dem Gesicht, daß der Vater diese Tochter noch einmal mit besonderer Liebe umfaßte. »Ich weiß, daß ich mich auf dich verlassen kann, mein Mädel,« sagte er ernst.

Und die Zurückgebliebenen nahmen tapfer und willig die vermehrte Arbeitslast auf sich, und so emsig auch jeder schaffte, sie staunten in Hohensteinberg doch alle über Gottliebe. Mit einem Ernst, der ihre Jahre weit überragte, suchte sie sich selbst ihre Arbeit. Pfarrer Buschmann willigte ein, daß vorläufig die Stunden ausgesetzt wurden, und Gottliebe packte die Bücher fort, die sie so liebte; auch für heitere Mädchenlust und zärtliche Freundschaftsbriefe fand sie keine Zeit mehr. Schon nach etlichen Wochen nannte Frau Maria ihre älteste Tochter ihren kleinen Minister, und Jungfer Rosalie wollte fast eifersüchtig werden, aber die Freude über des jungen Mädchens ernsten Fleiß war größer als das kleinliche Gefühl der Eifersucht. Die weichere, schwärmerische Gottlobe ließ sich von der Schwester fortreißen, aber wenn Liebe schon vor Tau und Tag aufstand, um auf dem Hof nach dem Rechten zu sehen, dehnte sie sich doch noch oft im Schlafe, und sie konnte auch das Seufzen und Klagen nicht ganz unterlassen; trotzdem wurde sie in dieser Zeit doch auch ein tüchtiges, pflichtgetreues Mädchen, eine rechte Tugendbündlerin, wie es die Schwester nannte. —

Und es wurde manche in dieser harten, schweren Zeit zur Heldin, manche Frau lernte das tapfere Aushalten, und für manches Mädchen gingen Jugendlust und Freude unter in dem ernsten Alltag. Das Gefühl, in einer großen, gewaltigen Zeit zu stehen, befreite viele von kleinlichem Kummer, kleinen Fehlern, kleinen Gedanken.

Eine große, eine wunderbare Zeit war es. Als Herr von Steinberg mit seinem Sohne, Freunden und Heimatgenossen nach Königsberg zog, da hatte der König von Preußen sein Volk noch gar nicht gerufen, aber doch strömten von überall her die Freiwilligen zu den Fahnen. Das Volk selbst forderte den heiligen Krieg, es forderte ihn so einmütig, mit solcher Opferwilligkeit, daß die meisten fühlten, nur Sieg oder ein völliger Untergang konnte das Ende sein. In Ostpreußen aber fühlte man es vielleicht am tiefsten, daß das herrliche, tapfere Preußenvolk nicht untergehen konnte.

Aber auch aus den andern Ländern deutscher Zunge außerhalb Preußens strömte die Jugend herbei, um dem Bruderlande zu helfen. Da litt mancher schwer, weil das engere Vaterland sich noch zu Frankreichs Bundesgenossen rechnete, und mancher kehrte dem kleinen Vaterland den Rücken und eilte über die Grenze nach Breslau, wo König Friedrich Wilhelm weilte, um unter dem preußischen Adler zu fechten. Sie fühlten, daß es diesmal für Preußen kämpfen für die deutsche Sache überhaupt kämpfen hieß.

Gedanken-Punkte

Raoul von Steinberg träumte mit seinem Freunde Gottlieb auch viel von Kampf und Sieg, und in dem Ofenwinkel schmiedeten die zwei in den ersten Monaten des Jahres 1813 manchen kühnen Plan. Meister Käsmodel sagte nichts dagegen, wenn die Jungen laut von Kampf und Sieg sprachen; er war auch einer von denen, die voll Hoffnung auf den kommenden Sieg sahen, auch ihn bedrückte schwer die Schmach der deutschen Uneinigkeit, und er sagte manchmal: »Es ist wider die Natur, daß wir Sachsen Bonapartes Bundesgenossen sind. Herrgott, ich wollte, wir alle, die wir deutsch sprechen, hätten einen Kaiser, es wäre ein Reich.«

Das milde Klima des Pleißentales hatte in Leipzig schon im Februar hier und dort grüne Spitzen hervorgebracht, und es gab schon frühlingswarme Tage. Statt Schnee rann wohl auch der Regen in Strömen vom Himmel herunter, und an einem solchen platschenden, warmen Regentag kamen Raoul und Gottlieb mit einer solchen Eile, mit so viel Geschrei aus der Schule heim, daß ihr Rufen selbst das kleine blonde Minchen aus dem Puppenwinkel hervorlockte. Die Meisterin ließ den Kochherd im Stich, und der Meister kam mehlbestaubt aus der Backstube herbei. »Alleweil jetzt möcht' ich wissen, was das Geschrei soll, Bengels! Nächstens fällt noch unser guter, dicker Thomasturm um von eurem Geschrei.«

»Sie ziehen nach Breslau,« schrie Gottlieb und fuchtelte mit den Armen in der Luft herum, »und wir woll'n mit.«

»Wer — was zieht nach Breslau? Junge, rede doch vernünftig!« brummte der Meister.

»Die Hallenser Studenten ziehen nach Breslau, um dort als Soldaten einzutreten,« sagte Raoul heiß und erregt. »Sie sagen alle, dort würden neue Regimenter gebildet, und der Herr Konrektor hat's selbst erzählt, in einigen Tagen schon reisen die Studenten ab, sein Neffe ist auch dabei, und da — da — wollen wir mit.«

»Seid doch keine Studenten,« rief die Meisterin ärgerlich, die um ihren Sohn bangte, — »euch nehmen sie ja gar nicht, und die Studenten möchten sich schön umschauen, wenn so'n paar Dreikäsehochs mitwollten.«

»Hoho,« schrie Gottlieb empört, »wir sind fünfzehn Jahre, 'n paar Tage fehlen mir nur noch, sie nehmen uns schon.«

»Sie nehmen euch nicht! Mann, rede du doch etwas!« Die Meisterin sah bittend zu ihrem Manne hin. Sagte der denn kein Wort, redete der nicht den Buben den Unsinn aus?

Doch der Meister schwieg. Er sah von einem zum andern, und das Herz tat ihm weh, daß er die beiden Jungens aus dem Hause lassen sollte, aber — er selbst hätte es wohl verlangt, wenn er in ihrem Alter gewesen wäre, er verstand, daß die Jugend vor Kampfeslust glühte. »Du bist unser Einziger,« sagte er zögernd, »da ist's wohl allweil besser —«

»Das sagt Raoul auch,« schrie Gottlieb, und sein Gesicht flammte, »aber ich bleib' nicht hinterm Ofen sitzen, ich schäm' mich halbtot.«

»Mein Himmel,« stammelte die Meisterin entsetzt, »der Junge ist ja außer Rand und Band und soll nun mal ein richtiger, gesetzter Bäckermeister werden! Mann, schaff Ordnung!«

Doch dem Meister gelang es nicht, Ordnung nach dem Sinne des zagenden, sorgenden Mutterherzens zu schaffen. Er redete den Knaben gütlich und ernst zu, aber Gottlieb merkte wohl das heimliche Zögern des Vaters, und daß der im Herzen ihm recht gab, und er bat, flehte, trotzte auf, und im Bäckerhaus gab es ein paar stürmische, tränenvolle Tage. Die Meisterin wollte und wollte nicht einsehen, daß gerade sie ihren Sohn ziehen lassen müßte, und dabei schaute sie doch immer mit heimlichem Stolz auf Gottlieb. Es war, als wüchse der in diesen Tagen; er streifte viel Kindisches, Törichtes von sich ab, sein heißes Wollen, die brennende Sehnsucht, die in ihm gärte, reifte ihn, und endlich gab die Mutter nach und fügte sich mit blutendem Herzen darein, den Sohn ziehen zu lassen. Um des Vaters Einwilligung brauchte Gottlieb nicht zu ringen.

»Wartet es doch wenigstens ab, bis man wirklich weiß, ob es losgeht,« bat die Meisterin, der jeder Tag Aufschub ein Geschenk schien; aber dann brachte Meister Koch eines Tages die Nachricht, daß die Hallenser Studenten wirklich nach Breslau zu ziehen gedächten. Da gab es kein Halten mehr. Gottlieb und Raoul eilten zu ihrem Konrektor und erbaten sich einen Empfehlungsbrief an dessen Neffen, und der redete nichts dagegen, sondern gab ihnen das Schreiben. Beim Abschied sagte er dann: »Ich glaube, Gottlieb, du wirst ein besserer Soldat als Lateiner werden, trotz deiner Jugend. Nun, Gott befohlen, ihr Jungen! Es wird eine heiße Zeit werden, und ich wollte, ich könnte euch erst wieder auf der Schulbank sehen, dann freute ich mich wohl selbst an deinem Fehlergewimmel, Gottlieb!«

Auch Meister Käsmodel hatte sich ein paar Empfehlungsschreiben verschafft, und so fuhr er selbst eines Morgens die beiden Knaben heimlich nach Halle. Es schien ihm gut und vernünftig, wenn die beiden sich den Hallenser Studenten anschlossen. Das war eine bitterschwere Abschiedsstunde in der kleinen Ladenstube. Die Meisterin hielt ihr Minchen an der Hand und schluchzte herzbrechend: »Nun bleibt mir nur das eine von meinen Kindern.«

»Ich komme wieder, Mutter, haben Sie keine Sorge,« flüsterte Gottlieb, dem nun doch der Abschied so schwer wurde, daß er die Zähne zusammenbeißen mußte, um nicht laut zu heulen. Er starrte immer geradeaus an der Mutter vorbei. Da lagen die Brote auf dem Schrank, eins, zwei, drei, vier, fünf, zählte er in Gedanken, eins, zwei, drei, vier — er schluchzte auf und rannte plötzlich hinaus und kletterte auf den Wagen. Herrgott, das hätte er nicht gedacht, daß ein Abschied eine so schlimme Sache war!

Raoul war gefaßter, doch als er des Freundes Kampf, der Mutter Jammer sah, dachte er an die bitteren Abschiedsstunden, die er schon durchlitten hatte. »Frau Meisterin,« sagte er rasch und faßte die Hand der Frau, »ich halt' zu Gottlieb, wie's auch kommt!«

Da war's, als glitte ein schwaches Leuchten über das vergrämte Gesicht der guten Frau, und sie strich über des Knaben Haupt. »'s ist mir ein rechter Trost, daß du dabei bist,« murmelte sie. »Fahrt mit Gott!«

Ein letztes Winken und Grüßen, und wie damals, als er nach Hohensteinberg gefahren war, rasselte das Wäglein die Straße entlang, und Raoul warf einen letzten Blick auf das spitzgieblige Haus; nun eine Biegung, es war nicht mehr zu sehen. Gottlieb schaute sich nicht einmal um; er saß ganz zusammengekauert da, und erst als Leipzig weit, weit hinter ihm lag, richtete er sich auf und fragte ein wenig unsicher: »Glaubst du, Raoul, daß uns die Studenten auch mitnehmen?«

»Freilich,« antwortete der Freund sorglos, und auch der Meister meinte gewichtig: »Warum denn nicht? Ich habe gute Empfehlungsschreiben.«

Die Steinbergs. (Seite 153.)
Die Steinbergs.       (Seite 153.)

Es gab auf dem Marktplatz zu Halle aber ein lautes Hallo und Geschrei, als der Leipziger Bäckermeister auf ein dort versammeltes Häuflein Studenten zutrat und sein Anliegen vorbrachte. »Sind wir Kindermuhmen, sind wir Magister, die kleine Buben in Zucht und Lehre nehmen?« schrie ein baumlanger Kerl in Samtrock, der aus einer Pfeife rauchte, die beinahe so lang wie Meister Käsmodel selbst war.

»Euer Brot ist noch zu frischgebacken, wohllöblicher Bäckermeister,« spottete ein anderer und schaute lachend auf Gottlieb. Und ein dritter höhnte: »Schick den Backofen mit auf die Reise, damit die Büblein es gut warm haben.«

Heisa, da fuhr der Meister aus! Sein Gesicht glühte ihm wie ein gutgeheizter Backofen selbst, und seine Stimme dröhnte laut über die anderen hinweg. »Was schert es euch, ihr Herren, wenn den Buben ein paar Jährlein fehlen? Seid ihr der König von Preußen selbst? Sollte meinen, lang ist das allweil noch nicht her, als ihr selbst die Schulbänke drücktet! Nennt ihr das Vaterlandsliebe, aus langen Pfeifen schmauchen, in Samtkitteln einherlaufen und über ehrsame Bürgersleute spotten? Ein Paar junge Arme sind viel wert in dieser Zeit, und mein Gottlieb tut seine Sache vielleicht besser als so ein Bücherschnüffel, und mein Pflegesohn da, — dem sein Vater selig, der ist bei Saalfeld gefallen, und sein Sohn wird ihm Ehre machen. Gehabt euch wohl, ich meinte, in der Zeit müßte einer wie'n Bruder zum andern stehen, aber mir scheint, ihr zieht auf den Tanzsaal mit Lust und Übermut und allweil nicht in den heiligen Krieg fürs Vaterland.«

Der dicke Meister wischte sich danach den Schweiß von der Stirn, die Rede war kein leichtes Stück gewesen, aber sie hatte eine gute Wirkung getan. Die Studenten sahen einander betroffen an, dann trat einer vor und sagte höflich: »Nichts für ungut, so arg war's nicht gemeint, und wenn der Herr Meister uns die Söhne anvertrauen will, ich will sie wohl mitnehmen.«

Die andern fielen ein, so sei es recht, und nach ein paar Minuten war der Friede geschlossen, und es wurde abgemacht, daß Raoul und Gottlieb mit ungefähr zwanzig Studenten am nächsten Morgen die Fahrt nach Breslau antreten sollten. Mit festem Handschlag wurde brüderliche Treue gelobt, und Gottlieb, der schlechte Lateiner, der unerbittliche Feind aller Grammatik und Orthographie, hatte in dieser Minute beinahe Respekt vor sich selbst, vor diesem Gottlieb Käsmodel, der ein Genosse der Studenten geworden war. »Raoul,« flüsterte er, »von der Schule aus brächte ich's nie so weit, wenn — die nur nicht lateinisch reden.«

Aber daran dachten die Musensöhne nicht, sie redeten ein kräftiges, kernfestes Deutsch in dieser Zeit, und es zeigte sich bald, daß sie wirklich mit heiligem Ernst in den Krieg zogen. Der Meister wurde rasch gut Freund mit ihnen, und etliche versprachen ihm: »Wenn wir nach Frankreich marschieren und durch Leipzig kommen, dann vergessen wir es nicht, Meister, bei Ihnen Einkehr zu halten.«

»Das ist ein Wort,« rief der Meister, »aber so weit sind wir allweil noch nicht, und ehe ihr den Musjeh Bonaparte in seinem Frankreich selbst aufsuchen könnt, mag noch viel Wasser die Berge herabrennen.«

Mit schmetterndem Gesang ging es am nächsten Morgen frohgemut mit der Extrapost zur Stadt hinaus. Meister Käsmodel sah das Trüpplein davonfahren, und er lüftete ehrerbietig seine Kappe, als es stolz und froh in den kühlen Vorfrühlingsmorgen hinausschallte:

»Eine Ernte ist getreten
Von dem Feinde in den Kot,
Eh' ihn unsre Schwerter mähten,
Doch wir wuchsen auch in Not.
Eine Saat ist aufgestiegen,
Drachenzähne setzt die Brut;
Mag es brechen, will's nicht biegen,
Jugend hat ein heißes Blut.« —

Schon von Mitte Februar an zogen in Breslau die ersten freiwilligen Kämpfer ein, und als nach einer Fahrt, mit mancherlei List und Vorsicht, denn noch gab es überall französische Besatzungen, die Hallenser mit Raoul und Gottlieb an einem Märztage ihr Ziel erreichten, da herrschte auf den engen Straßen schon ein ungewöhnliches Leben. In Scharen kamen die Freiwilligen an, jeder hatte sich ausstaffiert, wie es gerade ging, und manch einer trug noch einen alten Säbel, den sein Vorfahre schon unter des großen Fritzen siegreichen Fahnen geschwungen hatte. Die Uniformen waren wunderlich zusammengestoppelt: ein bunter Kragen auf dem Alltagsrock — das war manchmal das einzige Zeichen, welchem Regiment einer zugehörte. Auch Gottlieb und Raoul waren noch nicht ausgerüstet, sie liefen in ihren Schulkleidern mit, als die Studenten sich einschreiben ließen. In dem großen Saal, in der Menschenmasse, den vielen höheren Offizieren gegenüber wurde es den Buben dann seltsam beklommen zumute. »Sie nehmen uns nicht,« flüsterte Gottlieb entmutigt, aber Raoul beharrte: »Sie müssen uns nehmen, ich muß mitziehen.«

In einer Ecke des großen Saales standen einige ältere Offiziere zusammen in eifrigem Gespräch. Ein hochgewachsener Mann in der Uniform der preußischen Landwehr erzählte lebhaft, wie es droben in Ostpreußen aussehe, und die andern lauschten aufmerksam seinen Schilderungen. Nur manchmal warf einer einen Blick auf die Schar der eben angekommenen Freiwilligen, von denen einer nach dem andern vortrat und seinen Namen und Stand nannte. Doch plötzlich horchten alle auf, das Stimmengewirr hatte sich jäh gelegt, und in die Stille hinein gellte eine helle Knabenstimme: »Ich muß mit, ich muß mit! Nehmen Sie mich doch, ich bin stark genug! Ich heiße Steinberg, und mein Vater fiel bei Saalfeld.«

»Steinberg, hören Sie, da ist einer Ihres Namens,« wandte sich ein General an den stattlichen Mann in preußischer Landwehruniform, und der drehte sich blitzschnell um. »Ein Steinberg, wo?« Da traf sein Blick Raoul, der blaß, hochaufgerichtet vor dem Tisch stand, auf dem die Listen der Eingeschriebenen lagen. Senkrecht grub sich in die Stirn des Knaben die tiefe Falte, und seine Augen sprühten und blitzten, eine so feste Entschlossenheit lag in dem jungen Gesicht, daß der General unwillkürlich sagte: »Donnerwetter, um den wär's schade!«

»Raoul!« Der Freiherr von Steinberg war rasch vorgetreten, da stand er, der verlorene Neffe, der Knabe, der so eigenmächtig sein Schicksal in die Hand genommen hatte. »Raoul, du hier?«

O diese Stimme! Raoul wandte sich jäh um und stand nun seinem Oheim Auge in Auge gegenüber. Eine tiefe Glut überflog sein Gesicht, aber seine Augen hielten doch den Blick des Oheims aus, und dem war es, als schaute er durch diese dunklen, ernsten Augen hindurch auf einen lichten, reinen Grund. Er legte seine Hand auf des Knaben Haupt: »Was ist's denn mit dir?«

»Ich bin zu jung, Gottlieb und ich sind zu jung,« rief Raoul, der jetzt nur an die Gegenwart dachte, rasch des Freundes Hand ergreifend, der einen Schritt hinter ihm stand.

»Zu jung, zu jung! Erst fünfzehn Jahre. Siebzehn müssen es sein,« sagte der Protokollführer und wiegte bedauernd den Kopf.

»Tretet zurück,« sagte Herr von Steinberg, »ich werde sehen, was sich tun läßt,« und ohne ein Wort weiter zu sagen, schob er Raoul vor sich her, stellte ihn vor den General hin und sagte: »Mein Neffe, der Sohn meines Bruders, der bei Saalfeld fiel, und noch ein Steinberg, der mit will. Mein Sohn, der auch noch nicht seine siebzehn hat, zieht auch mit. Ein Steinberg kann nicht daheim bleiben in dieser Zeit.«

Der General musterte Raoul von Kopf bis zu Füßen. »Ein wackerer Bursche,« sagte er anerkennend, »und ein Steinberg, das ist ein guter Empfehlungsbrief. Ich denke, wir können hier auch über die fünfzehn hinwegkommen. Aber was ist der andere?«

»Mein Freund Gottlieb Käsmodel aus Leipzig,« sagte Raoul, denn Gottlieb war ganz verstummt. »Wir sind zusammen gekommen.«

»Auch nicht älter?«

»Nein!«

»Na, dann muß der schon heimziehen, nur Jungen können wir doch nicht gebrauchen. Ist er ein einziger Sohn? Was ist sein Vater?«

»Ja, sein Vater ist Bäckermeister in Leipzig.«

»Ein gutes Gewerbe! Zieh heim, mein Sohn, und hilf dem Vater ordentlich,« sagte der General freundlich.

Raoul atmete tief auf, dann trat er einen Schritt vor, und seine dunklen Augen unverwandt auf den General gerichtet, rief er: »Wir müssen beide mit. Der Gottlieb ist mein Freund, ich hab's ihm gelobt, zusammen oder — nicht.« Seine Stimme schwankte. »Er hat noch mehr Kräfte als ich, wir halten's beide ganz bestimmt gut aus!«

Nun irrte sein flehender Blick zu seinem Oheim hin, und dessen Herz schlug.

So war seines Bruders Sohn, so treu, so tapfer! Er trat an den General heran und erzählte ihm leise kurz des Neffen Geschichte, und immer wohlwollender ruhten die hellen Reiteraugen des Generals auf den beiden Knaben. »Uns wird's nicht fehlen, Kameraden,« sagte er zu den umstehenden Offizieren, »wenn solche Jugend für des Vaterlandes Freiheit ficht. Tretet jetzt zurück und wartet draußen, ihr beiden, ich werde an eure Sache denken.«

Und nebeneinander, Raoul größer, schlanker, Gottlieb kleiner und untersetzter, mit brennenden Wangen und strahlenden Augen gingen beide durch den Saal und harrten dann vor der Türe in Zuversicht, daß sich ihr Schicksal entscheiden werde. »Der Oheim zürnt nicht,« sagte Raoul leise, froh.

»Jetzt begreif' ich's allweil nicht,« flüsterte Gottlieb, des Vaters Lieblingswort unwillkürlich gebrauchend, »warum du da ausgerissen bist. Aber gut war's, denn ohne dich schickten sie mich heim.«

Sie saßen beide auf einem Holzbänkchen im Winkel, und es dauerte lange, ehe der Freiherr herauskam. »Das ist er,« flüsterte Raoul und schnellte in die Höhe, und kerzengerade, viel größer geworden in dem einen Jahr der Trennung, stand er vor seinem Oheim. »Junge, Junge,« rief der mit bewegter Stimme, »weißt du denn nicht, welche Sorge du uns gemacht hast? Ahnst du nicht, wie wir uns gegrämt haben um dich?«

»Es war eine Dummheit,« bekannte Raoul offenherzig, »es war unrecht.«

Da zog der Mann ihn an seine Brust. »Sieh von jetzt ab deinen Vater in mir, und wenn wir heimkehren, dann soll dir Hohensteinberg wirklich eine Heimat sein!«

Raoul drückte nur fest des Oheims Hand, er konnte nicht sprechen, und Gottlieb zog ein Gesicht, als wäre er dabei, eine Literflasche voll Essig auszutrinken. Da wandte sich der Freiherr zu ihm: »Du bist also der Gottlieb, von dem meine Mariell, deine Namensschwester, mir so viel erzählt hat! Schau nicht so finster drein, ich will dir den Freund nicht nehmen, so gute Freundschaft hält, meine ich, das ganze Leben. Gib mir die Hand, Gottlieb, auf gute Freundschaft auch zwischen uns zweien. Deinen Eltern und dir bin ich viel Dank schuldig für das, was ihr an meines Bruders Sohn getan habt!«

Gottlieb war puterrot geworden. Er hätte gern etwas recht Kluges, Feierliches gesagt, aber eine große Verlegenheit schnürte ihm fast die Kehle zusammen. Er trat von einem Bein auf das andere und platzte endlich heraus: »Raoul, warst du'n Esel! Vor so'nem Oheim wär' ich doch nicht davongelaufen!«

Der Freiherr lachte, daß ihm die Tränen über die Backen liefen, und herzhaft schüttelte er immer wieder die feste Bubenhand. »Du bist ein Prachtkerl, Junge!« sagte er. »Nun aber kommt noch hinein, es ist mir gelungen, eure Aufnahme durchzusetzen, da es euer Wille ist und deine Eltern, Gottlieb, doch einverstanden sind?«

»Freilich,« rief der und gab Raoul einen Puff. »Erzähl, wie's war!« Und Raoul erzählte dem Oheim kurz, wie sie hergekommen waren, und daß Meister Käsmodel sie selbst nach Halle gebracht hatte.

»Na, dann kommt!« sagte der Freiherr und betrat mit den beiden nochmals den Saal. Sie wurden eingeschrieben, und mancher wohlwollende Blick traf die beiden Jungen, und mancher dachte auch wie Herr von Steinberg: »Wie wird ihr Schicksal sein? Werden sie heimkommen aus diesem harten Kampf, der vor uns steht?«

Am nächsten Tage schon trennte die Unruhe der Zeit den Freiherrn von den beiden Knaben: er mußte nach Ostpreußen zurück, die Jungen aber blieben in Breslau. Es war ein kurzer Abschied. Auf Wiedersehen riefen die Knaben hoffnungsfroh, aber der besonnene Mann setzte ernst hinzu: »Gott gebe es uns, daß wir uns als Sieger wiedersehen.«

Dekoration Ende 10. Kapitel