Dekoration Titel 11. Kapitel

Elftes Kapitel.
Fürs Vaterland war es auch.

Der Sturm, der am Ende des Jahres 1812 durch Deutschland zu brausen begann, wurde stärker, sein Tosen gellte lauter und lauter, und immer höher schlugen die Flammen der Begeisterung. Als am 17. März König Friedrich Wilhelms »Aufruf an mein Volk« erschien, da strömten die Freiwilligen in immer größeren Scharen dem preußischen Adler zu, und es gab wohl kaum eine Familie, die nicht an Blut und Gut ihr Opfer dem Vaterland darbrachte. Und ein hartes, schweres Ringen um die Freiheit hub an. Die Völker vereinten sich, um Napoleons Joch abzuschütteln, doch der hatte nach der russischen Niederlage rasch neue Kräfte gesammelt. Ihn kümmerte es wenig, daß Frankreich selbst kriegsmüde und tief erschöpft war, er wollte nur seinen maßlosen Ehrgeiz befriedigen. Überall ließ er neue Soldaten ausheben, blutjunge Burschen mußten eintreten, und viele, viele Deutsche wurden wieder zum Kampf gegen die deutschen Brüder gezwungen. Das unglückliche Sachsen wurde zum Schauplatz des Krieges, sein König mußte Napoleons Bundesgenosse bleiben, der in Dresden residierte. Das Volk mußte namenlose Opfer aufbringen, das Landvolk namentlich war ganz der Willkür der Franzosen preisgegeben, und in Dresden und Leipzig lagen nach den Schlachten bei Großgörschen und Bautzen Tausende von Verwundeten. Die Lebensmittel wurden immer knapper, immer teurer, und in vielen Häusern, in denen einst blühender Wohlstand geherrscht hatte, war bittere Not eingekehrt.

Auch in dem Hause Meister Käsmodels sah es trübselig genug aus, und der Meister sagte manchmal: »Es ist keine Freude, Bäcker zu sein, wenn das Brot so sündhaft teuer ist.« Die Meisterin ging still und bedrückt einher. Sie zagte und bangte um den fernen Sohn. »Er steht bei den Feinden,« klagte sie oft.

»Er kämpft für die gerechte Sache,« sagte der Mann dagegen. Dieser einfache, schlichte Mann erkannte in dieser Zeit klarer als mancher gelehrte Würdenträger, wo das Heil für Deutschland lag, und so sorgenbeschwert ihm auch das Herz war, er hoffte doch unverzagt und gläubig, daß es den Verbündeten gelingen würde, das Land von der Fremdherrschaft zu erlösen.

Freilich der Sommer 1813 ging ins Land und wandelte sich zum Herbst, und noch immer schwankte die Wage hin und her. In einem langen Waffenstillstand suchte Napoleon von Dresden aus sein Heer zum entscheidenden Kampfe zu rüsten, aber seine Gegner waren in dieser Zeit nicht müßig gewesen: dem russisch preußischen Bündnis hatten sich Österreich und Schweden zugesellt. England gab Gelder her, und als sich im Oktober auf den weiten Ebenen um Leipzig herum die Völker zur entscheidenden Schlacht sammelten, da beseelte eine stolze Zuversicht die Führer der verbündeten Armeen.

Im grauen, feinen Regendunst sah Gottlieb Käsmodel seine Vaterstadt am Morgen des 16. Oktober zum erstenmal wieder. Als Feind stand er draußen vor den Toren, und wie er, so fragten sich zitternd die Bewohner der bedrohten Stadt: »Was wird unser Schicksal sein?«

Nebeneinander standen die Freunde an diesem Morgen. Der Frühling und Sommer dieses harten Jahres hatte in ihre jungen Gesichter tiefe Spuren gegraben, sie hatten im Schlachtenlärm gestanden, hatten Kameraden fallen sehen, hatten allen Jammer des Kriegs erlebt. Das hatte Gottlieb Käsmodels Knabenübermut gedämpft und Raoul noch stiller und ernster gemacht. »Wenn's zu einem Sturm auf Leipzig kommt!« murmelte Gottlieb und starrte in die Ferne, wo er ganz zart im Grau die vieltürmige Stadt liegen sah.

Raoul atmete schwer, auch seine Gedanken kreisten in dieser Stunde um das Bäckerhaus, in dem es ihm so wohl gewesen war. »Wir müssen unsere Pflicht tun,« sagte er herb und sah den Freund an. Der nickte: »Wir müssen durch — wenn ich nur wüßte, wie's drinnen aussieht!«

Seit Wochen fehlte den beiden jede Nachricht von dort, und drinnen weinte um diese Stunde die Meisterin in nicht enden wollendem Leid. »Mein Gottlieb, mein Gottlieb, wie mag's ihm ergehen! Nun steht er wohl draußen als Feind.«

Das kleine Minchen, das mit seinen fünf Jahren noch nicht den Ernst der Stunden erfaßte, hob plötzlich sein Fingerchen: »Mutter, das bummst so! Der liebe Gott donnert.«

Dumpf dröhnte und hallte der Kanonendonner über Leipzig hin, und im weiten Kreis um die Stadt herum raste der Kampf. Am Mittag wurde es stiller, und dann plötzlich fingen von den Türmen die Glocken zu läuten an, Sieg, Sieg!

»Herrgott,« schrie der Meister Käsmodel verzweifelt auf, »der Bonaparte hat wieder gesiegt! Verloren die gerechte Sache!«

Doch das Siegesläuten verstummte; nur ein Scheinsieg war es gewesen, den die Franzosen allzu schnell verkündet hatten: der alte Löwe Blücher hatte Bonaparte seine Klauen gezeigt und ihm schwere Wunden beigebracht.

Es waren fürchterliche Tage für Leipzig. Blutrot flammte der Himmel über der Stadt: es war der Widerschein der brennenden Dörfer ringsum. Die Straßen hallten wider vom Wehgeschrei der Verwundeten, die in Scharen in die Stadt hineinströmten, und Geschützwagen rasselten eilig dazwischen. Die öffentlichen Gebäude und Kirchen waren in Spitäler verwandelt worden. Am 17. Oktober, einem Sonntag, riefen die Glocken nicht wie sonst die Bewohner zur Kirche. In dumpfer Angst blieben alle in ihren Häusern. Wer nicht mußte, wagte sich nicht auf die Straße hinaus, viele verkrochen sich in die Keller und verrammelten Türen und Fenster ihrer Häuser. Am 18. Oktober stieg die Sonne in feuriger Glut über der Stadt und der weiten Ebene empor und bestrahlte den mörderischen Kampf dieses Tages. Zu Tausenden bedeckten Sterbende, Tote, Verwundete die Felder um Leipzig, wie Fackeln brannten die Dörfer, das Rollen und Donnern der Geschütze tönte unablässig fort, und die Bewohner von Leipzig sahen in dumpfer Verzweiflung ihrem völligen Untergang entgegen.

»Die Stadt wird gestürmt, die Stadt wird geplündert! Nun müssen wir das Bündnis mit Frankreich büßen, an dem wir schon so viel gelitten haben,« klagten die Bürger.

Dann flog plötzlich der Ruf durch die Stadt, wie ein Erlösungsschrei klang es: »Die Sachsen sind zu den verbündeten Heeren übergegangen.« Und als der Abend kam, drängten die fliehenden Franzosen in Scharen in die Stadt hinein und flohen in wilder Hast dem Ranstädter Tore zu, und Napoleon ließ die andern Tore noch verteidigen, um den Resten seiner Armee den Rückzug zu decken.

Die Steinbergs. (Seite 164.)
Die Steinbergs.       (Seite 164.)

Doch schon am nächsten Morgen drangen die Verbündeten von drei Seiten auf die Stadt ein. Laut brauste der Jubel der Einwohner ihnen entgegen. »Sieg, Sieg, Sieg!« hallte es durch die Straßen, jeder fühlte, daß der Sieg der Franzosen nur neues Leid, neue Schmerzen bedeutet hätte. »Sieg, Sieg, Sieg!« läuteten die Glocken und übertönten das Stöhnen und Ächzen der vielen Verwundeten, die, ein Obdach suchend, durch die Stadt irrten.

An alle Türen klopften Hilfesuchende, und bald war alles überfüllt. Auf den Straßen, den Friedhöfen lagerten die Unglücklichen, frierend, hungernd in der rauhen Luft des Oktobertages. Die Bürger nahmen auf, so viele sie konnten, aber Mangel und Not waren so groß, daß selbst die wohlhabenden Leute nur knapp zu essen hatten. Auch Meister Käsmodel hatte das Backen einstellen müssen; er war ein Bäcker ohne Mehl, nur für das eigene Hans gab es noch einen kümmerlichen Vorrat. Dafür lagen in den Stuben Verwundete, und die braven Meistersleute sorgten, so gut sie es vermochten, für die Unglücklichen. Nur Gottliebs und Raouls Kammer war unbesetzt, die Betten standen bereit. »Wenn die Jungen heimkommen, sollen sie doch ihr Unterkommen haben,« hatte die Meisterin gesagt.

Und bei jedem Klopfen an der Türe schraken Mann und Frau zusammen und liefen hinaus, und immer wieder kehrten sie enttäuscht zurück, — die Erwarteten kamen nicht.

Gegen Abend des 19. Oktober klopfte es wieder laut an die Haustüre, und als der Meister hinauseilte, sah er einen hochgewachsenen preußischen Offizier draußen stehen. Er leuchtete ihm mit seinem Laternchen forschend ins Gesicht, der Offizier fragte: »Bin ich hier recht bei Meister Käsmodel?«

»Das stimmt,« sagte der Meister. »Wenn ich nur wüßte, wo ich das Gesicht schon sah!«

»Steinberg ist mein Name,« erwiderte der Fremde, »ich —«

»Daß mich das Mäuschen beißt, das ist doch alleweil der Oheim von unserm Raoul!«

»Sie haben mich also doch erkannt?« fragte Herr von Steinberg, der war es wirklich.

»Treten Sie ein, Herr Baron,« sagte der Meister. »Unsere Frau von Steinberg, Gott hab' sie selig, hatte ein Bild von ihrem Manne, dem gleichen Sie aufs Haar.« Er ließ den Gast vorangehen und schloß dann eilig wieder die Türe, denn schon drängten andere in den Lichtschimmer des Laternchens. Rasch prüfte des Meisters Blick den Freiherrn, der bleich und erschöpft aussah. »Mir scheint's, Sie brauchen Ruhe!«

Herr von Steinberg nickte. »Die brauchen wir wohl alle. Ich bin auch verwundet an der Schulter, es ist nicht arg; doch darum kam ich nicht. Ihr Sohn Gottlieb liegt verwundet in einer Scheune bei Gohlis, ich komme, Sie zur Hilfe holen.«

»Mein Junge,« schrie der Meister, »er ist verwundet, aber er lebt? Sagen Sie mir, daß er lebt!«

»Ich hoffe, er lebt,« sagte der Freiherr ernst. »Ich sah ihn selbst nicht. Heute in der Frühe erhielt ich Botschaft: mein Neffe Raoul hatte gestern schon einen Ordonnanzoffizier gebeten, wenn er mich treffen sollte, mir diesen Zettel zu bringen.« Herr von Steinberg gab dem Meister einen Zettel, auf dem stand in eiliger Schrift: »Gottlieb Käsmodel liegt in einer Scheune links von Gohlis, drei Bäume stehen rechts, in der Nähe ist ein Wassertümpel. Wenn Sie nach Leipzig kommen, sagen Sie es, bitte, Meister Käsmodel, lieber Onkel. Raoul.«

»Und Raoul?« fragte der Meister zurück.

Der Freiherr zuckte die Achseln. »Ich habe nichts mehr von ihm gehört, der Zettel kam nur durch einen glücklichen Zufall in meine Hände. Sein Regiment soll große Verluste gehabt haben. Wer kann in diesem Wirrsal wissen, wo der ist und jener! Ich weiß auch nichts von meinem Sohn.«

»Einen Wagen kann ich wohl beschaffen,« sagte der Meister hastig, »aber werde ich hinauskommen?«

»Ich werde Sie begleiten, vielleicht gelingt es mir, uns Durchfahrt zu verschaffen.«

»Aber Sie sind verwundet, Herr Baron!«

»Was schadet das! Ein Streifschuß nur. Es war eine böse Sache heute am Grimmaischen Tor, nur« — der Freiherr stockte — »Hunger habe ich!«

»Hunger? Kommen Sie herein, schnell, schnell,« drängte der Meister, »meine Frau soll für Sie sorgen, und allweil schaffe ich einen Wagen herbei.«

Nach wenigen Minuten saß der Freiherr in der Backstube, in dem Raum, in dem seine Schwägerin so oft mit ihrem Sohn sich an kalten Winterabenden erwärmt hatte, und die Meisterin gab ihrem Gast, was sie nur hatte. Ihr flossen die Tränen im Leid um ihren Sohn, und die gemeinsame Sorge knüpfte rasch ein festes Band um die einfache Frau und ihren vornehmen Gast. Der sagte: »Ich kann's Raoul nicht verdenken, daß es ihm hier wohl war,« und die Meisterin gab schlicht zur Antwort: »Wir haben ihn alle lieb.«

»Is Raoul totgeschoßt?« fragte Minchen weinerlich am Knie der Mutter, und die seufzte schwer: »Wo mag er sein? Und wird mein Gottlieb noch leben?«

Nach einer Stunde kehrte der Meister zurück, es war ihm nicht leicht geworden, einen Wagen aufzutreiben, und als er ihn hatte, wäre er ihm noch beinahe auf der Straße von preußischen Soldaten fortgenommen worden; nur der Hinweis, der Wagen solle Verwundete holen, hatte geholfen.

Ein mühsames Fahren war es durch die überfüllten, schlecht beleuchteten Straßen. Am Halleschen Tor staute sich wieder die Menge, und wäre Herr von Steinberg nicht mit gewesen, dann hätte der Meister nie das Ziel erreicht. Endlich, die Nacht war schon hereingebrochen, gelang es den beiden, mit ihrem Wäglein hinauszukommen, und der Meister, der wegkundig war, fuhr in einem Bogen nach Gohlis hin. Es war eine schauervolle Fahrt. Noch glühte der Himmel rot, da und dort brannte es noch in weitem Umkreis in den Dörfern. Überall lagen Verwundete, Sterbende, Tote, Jammerrufe durchhallten die Nacht, und dann huschten Lichtlein hin und her, Wagen rasselten dumpf über die Felder, die Verwundeten wurden geborgen. Es war auch schwer, die Scheune nach Raouls Angaben zu finden in der Nacht: da war eine und da drei und da ein Trümmerhaufen, auch Bäume standen da und dort, und Verwundete lagen unter jedem Dach, und alle flehten um Wasser, baten mitgenommen zu werden.

Der Meister hatte vorsorglich die letzten zwei Flaschen Wein, die er besaß, und Brot mitgenommen, und er teilte aus bis auf einen Rest. »Der muß für meinen Jungen bleiben, aber die da jammern, haben's allweil so nötig,« meinte er.

Schon graute leise der Morgen, als die beiden endlich die Scheune entdeckten, die drei Bäume daneben und ein paar Schritte weiter einen schmutzigen, kleinen Tümpel. »Dort ist's,« riefen beide zu gleicher Zeit, lenkten den Wagen darauf zu und sprangen ab. Seltsame Töne klangen ihnen entgegen, als sie die Scheune erreicht hatten, und unwillkürlich blieben beide stehen. Drinnen sangen zwei, eine helle, durchdringende Stimme war es und eine, die tiefer klang, und in den grauenden Tag hinaus tönte es:

»Doch Brüder sind wir allzusamm',
Und das schwellt unsern Mut,
Uns knüpft der Sprache heilig Band,
Uns knüpft ein Gott, ein Vaterland,
Ein treues deutsches Blut!«

»Das ist allweil mein Gottlieb, der singt,« schrie der Meister und stürzte voran. »Gottlieb, Junge, bist du's?« rief er in die dunkle Scheune hinein, und jubelnd klang es zurück: »Vater, Vater, hier!« Dann brach die Stimme jäh, und viel matter tönte es nach: »Wir versingen uns Schmerzen und Hunger!«

Mit seinem Laternchen leuchtete der Meister voran. Da kauerten zwei im Winkel, und einer lag stöhnend daneben. »Ist Raoul dabei?« rief Meister Käsmodel.

»Nein!« antwortete Gottlieb und richtete sich etwas auf, »der hat mich nur herausgehauen, aber feste! Vater, wär' ich der König, dreimal kriegte er das eiserne Kreuz. Am Abend hat er mich dann hierhergeschleppt, aber wo er jetzt ist, das weiß ich nicht,« fügte er leiser hinzu.

»Die Unseren sind weiter gezogen,« sagte der zweite, der im Winkel kauerte, und als der Meister ihm ins Gesicht leuchtete, erkannte er in ihm den einen der Hallenser Studenten. »Ich bin's, Herr Meister, und mein Bein ist zerschossen, aber Viktoria, wir haben gesiegt!«

»Das stimmt allweil,« brummte der Meister und hob sacht seinen Sohn auf, »aber jetzt gilt's die Glieder zusammenflicken. Komm, Junge, ich trag dich, Mutter wartet schon auf dich.«

»Aber meine Kameraden müssen mit,« bat Gottlieb ächzend, dem das Aufheben bittere Schmerzen bereitete, »zwei Tage und Nächte liegen wir schon zusammen, wir müssen zusammen bleiben.«

»Allweil, das versteht sich, Junge,« sagte der Meister und biß die Zähne zusammen, um seinem Sohn nicht zu zeigen, wie sehr der ihn jammerte.

Herr von Steinberg half, und bald lagen die drei im Wagen, und die beiden Männer schritten nebenher; das magere Pferdchen hatte schwer genug an den Verwundeten zu ziehen.

Der Rückweg über das Schlachtfeld und durch das erstürmte Tor war im Morgengrauen noch fürchterlicher, aber es ging nun schneller vorwärts, und ernst und schweigsam langte der Zug noch am Vormittag am Bäckerhause an. Die Mutter unterdrückte tapfer jede Klage, als sie ihren Sohn wiedersah. Der lachte sie aber trotz aller Schmerzen an: »Mutter, wir haben gesiegt, und das da heilt schon. Wenn ich nur wüßte, wo Raoul wäre!«

Vorläufig kam der lange Student in die Kammer und in Raouls Bett, der dritte wurde noch unten untergebracht; es war auch ein junger Bursch, doch ihn hatten die feindlichen Kugeln zu schwer getroffen, er war nur in das Haus gekommen zu einem friedlichen Sterben.

Herr von Steinberg mußte, so voll das Haus schon war, im Bäckerhause im Quartier bleiben, bis seine leichte Wunde geheilt war. Er war froh darüber, denn alles war überfüllt, und es war schwer, nur ein Bett zu finden. Er benutzte die Zeit, um nach seinem Sohn und nach Raoul zu forschen. Joachim sei gefallen, sagten ihm seine Kameraden; das Regiment aber, bei dem Raoul stand, war wirklich, wie der Student gesagt hatte, weitergezogen. Jemand in den Lazaretten während dieser schlimmen Tage zu suchen, war fast unmöglich, Meister Käsmodel aber wußte einen guten Führer. Karl Wagner, der um seines Gebrechens willen nicht hatte mitziehen können, hatte sich als Pfleger gemeldet. Der kleine Schreiber war auch einer von jenen, deren stilles Heldentum unbemerkt bleibt; ihm dankte nur mancher erlöste Blick der Verwundeten, deren Leiden er nach Kräften milderte. Mit Hilfe dieses treuen Freundes von Raoul gelang es dem Freiherrn wirklich, seinen Sohn zu finden. Er lag mit vielen andern in der Kirche von St. Nikolai, er hatte eine schwere Wunde im Rücken erhalten. Mit einer kleinen Abteilung war er bereits am Morgen des 16. Oktober in einen Hinterhalt gefallen und von rücklings niedergeschossen worden, die große Schlacht war dann an ihm vorübergerauscht, er war gar nicht zum Kampf gekommen.

»Ich habe nicht einmal meinen Säbel gezogen, Vater,« klagte er bitter, als der Freiherr ihn fand, »so mußte ich fallen, so, ich, ein Steinberg, so ruhmlos untergehen.«

»Es kann in dieser Zeit nicht jeder sich als Held hervortun, mein Junge,« tröstete ihn der Vater, »du hast deine Pflicht getan, was willst du mehr? Bist du ausgezogen um des Ruhmes willen, oder weil des Vaterlandes Not dich bewegte?«

Da schwieg Joachim, nur sein schweres Stöhnen verriet dem Vater, wie sehr doch das heiße, junge, ehrgeizige Herz litt.

Im Bäckerhause war inzwischen Platz geworden, und Meister Käsmodel holte sich eines Tages selbst Joachim aus dem Spital, und Herr von Steinberg dankte es ihm warm, denn in den Spitälern rafften Fieber und andere ansteckende Krankheiten viele hinweg, und Joachims Wunde war schwer, sie bedurfte langer, sorgsamer Pflege. Joachim sträubte sich nicht, er fühlte wohl, wie gut es ihm war, daß er aus der kalten, von Fieberdünsten erfüllten Kirche herauskam, aber als er dann in Raouls Kammer, in des Vetters Bett lag, Gottlieb Käsmodel als Stubengenossen, da brach er in ein wildes Weinen aus. Er kam sich auf einmal tief, tief gedemütigt vor: er, der von Heldentaten geträumt hatte, mußte hier in dem Hause liegen, über dessen Bewohner er oft so hochmütig gespottet hatte, und die ihm nun so viel Liebe und Güte erwiesen.

Die Meisterin wollte mitleidig trösten, der Freiherr bat sie aber: »Lassen Sie ihn jetzt allein, er wird schon zu sich kommen.« Das klang schmerzlich, und Joachim hörte es wohl, und er schämte sich seiner kleinlichen Empfindungen, er wurde aber wieder einmal nicht Herr über sich selbst.

Man ließ ihn allein, nur Gottlieb schaute von seinem Bett aus unverwandt zu dem neuen Kameraden hinüber. Also das war der Joachim, auf den er aus lauter Freundschaft für Raoul oft heftig gescholten hatte! Jetzt fühlte er aber gar keinen Groll gegen ihn, und so sagte er aus tiefstem Herzen heraus: »Heul' nur feste weiter! Als Raoul mich in die Scheune geschleppt hatte, und ich von drinnen das Geknatter hörte, da habe ich auch geheult vor lauter Wut, weil ich nicht mehr dabei sein konnte, nachher habe ich aber gesungen!«

Joachim hob ein wenig den Kopf, ganz jäh überkam ihn plötzlich das Bewußtsein, daß er nur einer unter vielen war, daß Tausende litten wie er. »Du bist Gottlieb,« murmelte er und fand das brüderliche Du, das Gottlieb angeschlagen hatte, selbstverständlich. »Wie bist du verwundet worden?«

Gottlieb stützte sich ein wenig auf seinen Arm und erzählte. »Ich hatte ja gedacht, mich würde der Blücher mindestens selbst loben; aber weißt du, ich hab's schon in Breslau gemerkt, daß man auch nicht mehr ist wie — wie 'n einzelnes Brot im vollen Backofen.«

Ein Lächeln ging über Joachims bleiches Gesicht, dann schloß er aufseufzend die Augen: der andere hatte recht, aber ja, er hatte auch gedacht, Blücher selbst oder York der Eiserne müßten seinen Heldenmut anerkennen.

Da klang wieder Gottliebs Stimme zu ihm herüber: »Erzähl' doch, wie war's bei dir, oder bist du zu schwach?«

»Nein,« murmelte Joachim sich zusammennehmend, »aber ich habe nicht viel zu erzählen. Immer habe ich einen Posten auf verlorener Stelle gehabt, habe Wache stehen müssen und dergleichen, habe alles nur von ferne gesehen. Nun sollten wir drankommen, hier bei Leipzig, sollten einen gefährlichen Ritt machen und einen wichtigen Punkt besetzen. Kaum sind wir ausgeritten, da fühle ich ein Sausen, einen heftigen Schmerz — und schon lag ich am Boden; ich hörte nur Schreien, Schießen, dann verlor ich die Besinnung, auf einem Karren erwachte ich wieder. Das war alles!«

»Na, ich danke,« rief Gottlieb, »Wache stehen während einer Schlacht ist kein Zuckerbrot, und fallen muß jemand; wärst du's nicht gewesen, hätte es einen andern getroffen. Weißt du, als ich so fuchswild und wütend in der Scheune lag und mich nicht rühren konnte, da habe ich gedacht: Na, all die Wut, all die langen, langen Stunden, — schließlich einer muß es leiden, da war ich es eben, und fürs Vaterland war es auch. Gesiegt haben wir doch, und dabei waren wir!«

»Erzähl mir von Raoul,« bat Joachim plötzlich, und dann lag er still mit geschlossenen Augen und ließ sich von dem Vetter erzählen, wie sich der so tapfer durchgeschlagen hatte als Schreiberlein und dann nicht nach Paris gewollt hatte. Wenn Gottlieb auf Raoul kam, dann fand er so leicht kein Ende, und er hätte wohl noch lange erzählt, wenn die Mutter nicht gekommen wäre und Ruhe geboten hätte.

»Kranke brauchen Schlaf,« sagte sie. Und Gottlieb schloß auch gehorsam die Augen. Er fand trotz der Wunde bald Ruhe; es lag sich so gut nach all den harten Kriegslagern in der stillen Kammer des Vaterhauses. Aber Joachim lag lange, lange noch wach; Fieber und Schmerzen peinigten ihn qualvoll, und doch dachte er zum erstenmal nicht an sein Leid, sondern an den großen errungenen Sieg, und eine tiefe, heilige Freude kam über ihn, und Gottliebs Wort klang in ihm nach: »Fürs Vaterland war es auch!«

Dekoration Ende 11. Kapitel