Dekoration Titel 2. Kapitel

Zweites Kapitel.
Das Schreiberlein des Herrn Advokaten Schnabel.

»Mit der Frau von Steinberg steht's nicht gut, Mann,« sagte die Meisterin ein paar Tage später, als ihre Hausgenossin gerade von einem Ausgang zurückkehrte und langsam, die schlanke Gestalt vornübergeneigt, den dämmrigen, schmalen Flur durchschritt.

»Ach, Unsinn! Weiberleut müssen sich allweil ängstigen,« knurrte der behäbige Bäcker, aber auch er sah der bleichen Frau ernst nach. Stufe auf Stufe stieg diese die Treppe empor. So himmelhoch und endlos wie heut waren sie ihr noch nie erschienen. Sie hatte an diesem Tage selbst eine Haube forttragen müssen zu einer wohlhabenden Kaufmannsfrau, die verlangt hatte, sie solle ihr das Kunstwerk gleich einmal aufsetzen.

Der Weg bei dem rauhen, unwirtlichen Wetter war Madeleine von Steinberg sehr schwer geworden, und als sie auf der zweiten Treppe angelangt war, mußte sie sich einen Augenblick an die Wand lehnen; fast unmöglich erschien es ihr, hinaufzukommen, noch so viele Stufen, noch die mühsame Leiter gab es zu erklimmen.

»Mama, was fehlt dir?« Raoul von Steinberg fuhr ein paar Minuten später erschrocken auf und ließ das Buch, in dem er gelernt hatte, zu Boden fallen. »Um Gotteswillen, Mama, Mutter!«

»Ich — es ist nichts, mein Junge, mein — armer Junge!« Die Frau taumelte und wäre zu Boden gefallen, wenn nicht des Knaben starke junge Arme sie gehalten hätten.

Ein Hilferuf gellte durch das Haus, ein weher, verzweifelter Angstruf. Er drang auch hinunter in das warme Bäckerlädchen, schreckte die Meisterin auf und trieb Gottlieb aus seinem Ofenwinkel heraus. Der Meister kam auch, die Magd mit den beiden Kleinen lief herzu, oben im Hause, in dem ein Warenlager untergebracht war, wurden Türen geschlagen, man hörte rufen, und dann stand von allen Hausgenossen doch die rundliche Bäckermeisterin zuerst oben im Mansardenstübchen, hinter ihr tauchte Gottlieb auf, und beide sahen Frau von Steinberg wachsbleich, mit blutbeflecktem Kleid in Raouls Armen liegen.

»Die Mutter stirbt,« schrie der Knabe verzweifelt, und seine heißen Tränen mischten sich mit dem roten Blut der Mutter, das tropfenweise dem blassen Munde entströmte.

Die Meisterin griff herzhaft zu, und als nach wenigen Minuten auch die andern Hausgenossen im Zimmer erschienen, trieb sie alle hinaus, nur die Magd durfte bleiben und die Kranke in ihr Bett legen helfen. Gottlieb rannte zu einem Arzt, der in der nahen Nikolaistraße wohnte, und Raoul saß im Winkel und sah mit heißer Angst zu, wie die Meisterin die Mutter bettete, sie rieb und mit warmen Tüchern umwickelte. Auf seinem Herzen lag dumpf und schwer die Ahnung kommenden Leides.

Bange Tage folgten, lange Wochen des Leidens kamen, Frau von Steinberg siechte langsam dahin. Wohl stand sie nach etlichen Tagen wieder auf und machte den Versuch, wenigstens die bestellten Arbeiten zu vollenden, aber es war nur ein mühsames Ringen mit versagenden Kräften. Immer wieder entsank die Nadel ihren müden Händen, immer wieder mußte sie stundenlang still auf ihrem Lager ruhen, unfähig, auch nur etwas zu tun.

Raoul pflegte, von der Meisterin Käsmodel tatkräftig unterstützt, seine Mutter, so gut er nur konnte. »Du mußt ihr eine Stütze sein, darfst selbst nicht klagen und nicht trübselig dreinschauen,« hatte die Meisterin zu ihm am ersten Tage der Krankheit gesagt, und danach richtete sich der Knabe, wenn es ihm auch noch so schwer fiel. Er nahm seiner Mutter alle Arbeit in der kleinen Wirtschaft ab, er kehrte, wusch und kochte wie eine Dienstmagd, und dann rannte er draußen noch stundenlang herum und tat Botengänge für kargen Lohn. Die Geschäfte gingen schlecht, die Not der Zeit drückte alles nieder, jeder sparte, wo er konnte, und recht gering war das, was da ein halbwüchsiger Junge verdienen konnte. Er brachte jeden Pfennig mit strahlendem Gesicht heim, noch ahnte er ja nicht, wie schwer die Sorge auf der Mutter lag. Aber dann, an einem hellen, sonnigen Februartag war es, der wie ein erster heiterer Frühlingsgruß über die Erde ging, mußte Frau von Steinberg doch das erste Goldstück ihres heimlichen kleinen Schatzes nehmen. Sie konnte ihren Sohn nicht hungern lassen, sie wollte aber auch nicht von den gutherzig gegebenen Gaben der Bäckersleute leben, dazu war sie zu stolz.

»Zahl' unten die Miete und das Brotgeld! Käsmodels wollen es nicht, ich will aber nichts schuldig bleiben, Raoul,« sagte sie leise, und eine Träne fiel brennend auf die ausgestreckte Hand des Sohnes.

Tief erschrocken sah der Knabe aus, und in diesem Augenblick verstand er voll die Sorge der Mutter. In wild ausbrechendem Schmerz schlang er seine Arme um sie und flehte: »Weine nicht, ach, weine nicht! Im Frühling wird alles gut, du wirst gesund, und ich finde schon einen Verdienst.«

»Im Frühling — ja,« flüsterte die Mutter und küßte zärtlich ihr Kind, »du hast recht, dann wird alles gut.«

Ach, sie fühlte es ja gerade an diesem sonnigen Tage, der von dem kommenden Lenz zu erzählen wußte, daß ihre Stunden auf der Erde gezählt waren, und daß sie nicht mehr lange über ihrem Kinde wachen konnte. Und als Raoul gegangen war, überwand sie endlich ihren Stolz und schrieb an den Bruder ihres Mannes, an den Freiherrn Wolf-Friedrich von Steinberg auf Hohensteinberg, schilderte ihm ihre Lage und bat ihn, sich ihres Kindes anzunehmen, wenn sie tot sei. Sie schloß auch ein Brieflein für die Mutter mit ein. Für sich bat sie um nichts, nur Hilfe für den Sohn wollte sie. Den Brief trug die Meisterin Käsmodel selbst auf die Post, zahlte das Porto und sandte dem Schreiben ihre guten Wünsche nach, denn sie billigte im innersten Herzen den Schritt, den ihre Mieterin getan hatte. Sie ahnte nicht, daß ein böses Geschick den Brief tief im Grunde eines Postsackes festhielt, viele, viele Wochen lang.

Ein paar Tage später stürmte Raoul am Nachmittag hastig und aufgeregt in das Zimmer. »Mama,« rief er, »Herzensmama, denke doch, ach denke doch, welch ein Glück mir widerfahren ist!« Er umschlang stürmisch die bleiche Mutter, und an ihr vorbeisehend, damit sie ihm nicht in die Augen blicken konnte, denn die sahen gar nicht glücklich aus, erzählte er hastig: »Der Meister war mit mir beim Advokaten Schnabel in der Burgstraße; dem ist sein junger Schreiber davongelaufen, und der Meister meinte, schreiben könnte ich so gut wie er backen. Wir sind also hingegangen, und der Herr Advokat hat uns vorgelassen. Der hat gleich geschrieen: ›Das ist ein Kind, der ist zu jung, zu jung, zu jung, 's ist nichts damit!‹«

Bei der Erinnerung an diese Szene kam in Raouls Augen nun doch das Lachen. Er blickte seine Mutter froh an, als er fortfuhr: »Meister Käsmodel hat sich einfach auf einen Stuhl gesetzt, und allemal, wenn der Herr Advokat schrie: ›Zu jung, zu jung,‹ hat er genickt, und endlich hat er gesagt: ›Alleweil jetzt, Herr Advokat, ist der Junge schon etwas älter geworden, und Jugend hat noch nie jemanden geärgert, höchstens das Altwerden.‹ Erst machte der Herr Advokat ein ganz bitterböses Gesicht, dann fing er an zu lachen. Ich mußte schreiben, das gefiel ihm, und nun, Mama, bin ich angestellter Schreiber und bekomme — zwei Taler vorläufig auf den Monat. Ist das nicht schön? freust du dich auch?«

»Sehr schön,« flüsterte Frau von Steinberg, »ich freue mich sehr, mein guter Junge du.« Sie kämpfte krampfhaft die aufsteigenden Tränen zurück, und Mutter und Sohn hielten sich lange umschlungen. Sie sahen sich nicht in die Augen, denn jedes fürchtete den heimlich getragenen Schmerz sehen zu lassen. Ein Freiherr von Steinberg, Enkel des Grafen Turaillon, eines der vornehmsten Würdenträger am Hofe Ludwigs XVI., ein Schreiberlein mit zwei Talern Monatsgeld. Der Mutter zog sich das Herz zusammen, wenn sie daran dachte, und sie sah sich im Geist mit dem geliebten Gatten an der Wiege ihres Kindes sitzen und hörte wieder die so früh verklungene Stimme: »Mein Sohn soll einmal dem Namen Steinberg Ehre machen,« und nun mußte dieser Sohn als armes Schreiberlein ein kümmerliches Brot verdienen.

Raoul sollte am nächsten Morgen bereits seine Stellung antreten. Die Meisterin hatte ihm versprochen, sie wollte für seine Mutter sorgen, aber er stand doch noch früher als sonst auf und fegte erst die Stube aus, kochte fürsorglich die Morgensuppe für die Mutter und sich, und dann eilte er rasch nach kurzem Abschied davon. Er hatte es nicht weit, und geschwind lief er über den Marktplatz, bog in ein schmales Gäßchen ein und langte bald in der Burggasse an. Dort kletterte er eilfertig in einem uralten Hause zwei enge Treppen empor und zog die Klingel an Advokat Schnabels Wohnung. Eine Magd öffnete und brummte unwirsch: »Jemineh, der neue Schreibbursche! Nee, so'n Dreikäsehoch aber auch! Da hast'n Besen, nun kehre mal flink die Schreibstube aus. Rasch, rasch, tummle dich, sieh nicht erst 'n Loch in die Türe!«

Raoul stieg das Blut in das Gesicht. Er war ein stolzer, kleiner Bursche, und es demütigte ihn tief, daß er solche Dienste verrichten sollte und sich von der Magd so grob anfahren lassen mußte. Am liebsten wäre er gleich umgekehrt, aber er preßte die Lippen fest aufeinander, um nicht eine patzige Antwort zu geben. Das Zimmer, das er betrat, lag nach dem Hof hinaus, die graue Rückwand eines Hauses nahm jede Aussicht, nur wer sich weit aus dem Fenster bog, der konnte den Turm der nahen Thomaskirche aufragen sehen. Einen Augenblick blieb Raoul unschlüssig an der Türe stehen und überschaute den Raum, der ihm fortan tagaus, tagein Aufenthaltsort sein sollte. Bis zur Decke hinauf krochen die Ständer, angefüllt mit dicken Aktenbündeln, ein paar von Tintenflecken übersäte Tische standen dicht an den Fenstern, deren Scheiben gewiß lange nicht geputzt waren. Seufzend begann Raoul mit dem Auskehren, er dachte dabei immer nur: Zwei Taler, zwei Taler, wie wird sich die Mutter freuen!

Er war noch nicht mit seiner Arbeit fertig, denn Staub und Schmutz lagen dick in allen Winkeln, als die Türe mit einem lauten Krach geöffnet wurde und zwei noch junge Männer hereinkamen. Der eine war lang und dünn, sein Gesicht, seine Hände, sein Anzug sahen grau, ungewaschen und ungebürstet aus; der andere war klein, verwachsen, er hatte etwas Zartes, Sanftes in seiner ganzen Erscheinung. Der Lange schaute Raoul von oben bis unten an; er kniff dabei die Augen zusammen, und der Knabe erschrak vor dem unangenehmen Ausdruck des Gesichtes. »He, ist er der Neue, wie heißt er denn?«

Raoul sagte ruhig seinen Namen, ohne den Adel, den er auf Wunsch des Advokaten selbst nicht nannte, und sah dabei mit seinen schönen, dunklen Augen offen zu dem langen Schreiber empor. Der grinste und schrie dem Verwachsenen zu: »Ein halber Franzos! Du Napoleonfresser, das ist was für dich, hihihi! Da, junger Dachs, nehm er meinen Rock, mein Schreibkittel hängt dort im Schrank. Flink, er weiß wohl gar nicht, was sich gehört?«

Der Verwachsene war still an den Schrank getreten, hatte einen abgeschabten, zerflederten Rock herausgenommen, der so schmutzig war, daß Raoul sich ekelte, ihn anzugreifen. Den reichte er dem Knaben, damit er ihn dem Langen brächte, er selbst zog sich ein paar Schreibärmel über, und da gleichzeitig im Nebenzimmer Schritte laut wurden, eilten die Schreiber an ihre Plätze. Der Lange, der Paul Neumann hieß, wies Raoul grob einen Platz neben sich an, aber kaum saß der Knabe und hatte begonnen, mit dem Gänsekiel ein Aktenstück zu kopieren, als ihn sein Nachbar anfuhr: »Trag das hinüber, flink, marsch! Er schläft wohl?«

Da schrak Raoul so zusammen, daß ein dicker Klecks auf sein Papier tropfte, und ein Hagel von Scheltworten brauste auf ihn herab. Er hörte Worte, die er noch gar nicht kannte, die roh und gemein in seinen Ohren gellten. Er war froh, als ein paar Leute kamen und der lange Schreiber in das Nebenzimmer gerufen wurde. Den ganzen Vormittag ging das so fort: einer nach dem andern kam, und Paul Neumann lief wichtig hin und her, er war einmal von unterwürfiger Höflichkeit zu den Klienten seines Herrn, das andere Mal grob und hochfahrend, dann wieder vertraulich, machte alberne Späße, je nach Rang und Stellung der Kommenden.

Der kleine Verwachsene, Karl Wagner genannt, blieb immer ruhig an seinem Tisch sitzen und schrieb emsig. Raoul, der die Arbeit des andern übersehen konnte, staunte, wie schnell sich in schöner, klarer Schrift Wort an Wort reihte. Der Verwachsene sprach nichts, nur ein paarmal warf er seinem jungen Genossen einen guten, freundlichen Blick zu, einen, der zu trösten und aufzumuntern schien. Aber dennoch war es dem Knaben, als schlichen an diesem Tage die Stunden unendlich langsam dahin, und er atmete erleichert auf, als mit tiefem Dröhnen der Schall der Mittagsglocke in die Schreibstube hineintönte.

Raoul hatte gemeint, er würde nun eilig davonlaufen können und mit der Mutter die karge Freistunde genießen; das gab es aber nicht. Erst mußte er noch für Paul Neumann einen Gang tun, und es waren schon zehn Minuten seiner Freizeit verronnen, ehe er heimwärts laufen konnte. Dann rannte er freilich wie der Wind, und heiß und atemlos kam er oben im Mansardenstübchen an. Kaum sah er der Mutter in das liebe, sanfte Gesicht, da wurde es ihm auch wieder leicht ums Herz, und ganz heiter erzählte er von seinem ersten Vormittag als Schreiberlein. Ja, nun er nicht mehr in der Schreibstube saß, erschien ihm alles, was er gesehen und erlebt hatte, recht lustig und abwechslungsvoll zu sein, und er schwatzte so munter drauf los, daß ein Lächeln das Gesicht der Mutter verklärte.

Aber waren die Vormittagsstunden wie Schnecken dahingeschlichen, so raste die Freistunde vorbei wie ein wild gewordenes Pferd. Es hieß wieder scheiden, und Raoul nahm zärtlich Abschied. Er rannte zurück, und als er das graue Haus in der Burgstraße wieder betrat, war es ihm, als sinke eine schwere, schwere Last auf ihn herab.

Mit der Arbeit schien es am Nachmittag, solange der Advokat selbst nicht in seinem Zimmer war, gar nicht eilig zu sein. Karl Wagner schrieb zwar still und unverdrossen weiter, aber der lange Neumann hatte die Feder hinters Ohr gesteckt und redete laut von allerlei, und Raoul mußte ihm zuhören und antworten. Der Schreiber gehörte zu jenen, die in kriechender Schmeichelei Napoleon huldigten; er hatte sogar ein Gedicht angefangen, in dem er seinen Helden verherrlichte, zu seiner großen Betrübnis wollte ihm aber das Dichten nicht gelingen. »Kannst von Glück sagen, Bursche,« meinte er an diesem Nachmittag mit herablassendem Grinsen, »daß du einen französischen Vornamen hast. Ist doch was Feines! Aber ich, wenn ich auch nur einen elenden deutschen Namen führe, habe doch einmal den Kaiser gesehen, habe ihn gegrüßt und er hat mir gedankt! He, was sagt er zu der Ehre, Musjeh? Bewunderst ihn auch, gelt?«

»Ich? Nein,« schrie Raoul. Er war jung und unbesonnen und wollte gerade rasch und heiß seine Verachtung aussprechen, als ihn Karl Wagner ganz scharf anrief: »Reich mir dort den Aktenstoß her! Schnell, scheinst mir ein rechter Faulpelz zu sein!«

Erschrocken sprang Raoul auf, von dem sanften Genossen hatte er einen so groben Anruf nicht erwartet, und holte hastig das Gewünschte herbei. In diesem Augenblick ertönte nebenan eine Stimme, und der Advokat rief: »Neumann, die Akten Müller gegen Hohmann!«

Der Lange raffte geschwind ein Aktenbündel zusammen und entschwand im Nebenzimmer, Karl Wagner aber zog Raouls Kopf zu sich herab und flüsterte: »Halt deinen Mund, Junge, und hüte dich vor dem Neumann, sag' nichts gegen Napoleon!«

»Aber ich hasse ihn doch, er ist ein Tyrann, er —« Raouls Augen flammten; er war es nicht gewöhnt, seine Gedanken und Gefühle zu verschweigen. Daheim und bei Meister Käsmodel durfte man schon ein freies Wort sagen. Aber der Verwachsene legte ihm rasch die Hand auf den Mund: »Schweig, mein Kind, wir müssen stille sein und warten, bis die Zeit kommt. Und sie kommt,« fügte er hinzu; seine graublauen Augen leuchteten begeistert, das blasse kümmerliche Gesicht erstrahlte und schien dem Knaben auf einmal seltsam schön und anziehend zu sein. Er hätte gern noch mehr mit Karl Wagner gesprochen, aber der lauschte eine Sekunde nach dem Nebenzimmer hin und sagte dann leise: »Geh an deine Arbeit.«

Als kurze Zeit darauf der lange Neumann in das Zimmer trat, herrschte tiefe Stille. Die beiden schrieben eifrig, und Karl Wagner schien seine mißtrauischen Blicke nicht zu merken. Da der Advokat nebenan blieb und die Türe offen stand, konnte das Gespräch nicht fortgesetzt werden, denn Paul Neumann war immer dann fleißig, wenn es sein Herr sah, war der nicht daheim, rührte er keine Feder.

Wieder schlichen die Stunden langsam, träge dahin, und Raoul sehnte den Abend herbei. Dieser erste Arbeitstag war ihm bitterschwer geworden, aber dennoch trat er auch am Abend heiter bei der Mutter ein. Er schwatzte ein bißchen lauter und aufgeregter als sonst und ahnte nicht, daß die Mutteraugen tief in sein Herz hineinsahen und hinter aller erzwungenen Fröhlichkeit doch die Last sahen, die auf den jungen Schultern ihres Kindes ruhte.

Raoul dachte jetzt oft: Sind die Tage lang, und sind die Sonntage und Abende kurz! Wenn er bei der Mutter saß und die fiebrige Röte aus den eingefallenen Wangen kindlich für ein Zeichen wiederkehrender Gesundheit nahm, oder wenn er mit Gottlieb lernte und sie sich gegenseitig ihre Erlebnisse erzählten, dann war er glücklich und vergaß die düstere Schreibstube und seines langen Genossen Quälereien.

Paul Neumann hatte es, trotzdem Raoul schwieg, doch bald herausbekommen, daß der Bube kein Kaiserbewunderer war. Seitdem quälte und peinigte er ihn noch mehr, als er es sonst getan hätte. Der lange Schreiber war wohl unendlich demütig zu denen, die über ihm standen, aber er ließ gleich alle seine Roheit aus an denen, über die er Gewalt hatte, denen er befehlen durfte. Er war in der Schreibstube der Erste, und es half Karl Wagner nicht viel, wenn er Raoul in Schutz nahm; nur ganz heimlich durfte er dem Knaben helfen. Sah Paul Neumann das Einverständnis, dann rächte er sich und jagte Raoul hin und her, namentlich in der Mittagsstunde, und es kam oft genug vor, daß dem Knaben nicht einmal so viel Zeit blieb, zur Mutter zu laufen und sein Mittagbrot zu essen.

Endlich kam aber doch der Tag, an dem Raoul seine ersten zwei Taler nach Hause tragen konnte. Aber gerade an diesem Abend hielt ihn Neumann mit allerlei Aufträgen zurück, und Minute auf Minute verrann. Raoul zitterte vor Ungeduld heimzukommen, und er atmete erlöst auf, als der Advokat selbst kam und noch einmal seinen ersten Schreiber sprechen wollte. Da entwischte Raoul, obwohl er wußte, daß er es morgen doppelt schwer haben würde. Wie der Wind jagte er die steilen Treppen hinunter, die Burgstraße entlang, durch die Gäßchen über den Marktplatz. Er jagte so, die beiden Taler krampfhaft in der Hand, daß er den dicken Metzgermeister Mayer, der just zu einem Abendschöpplein gehen wollte, beinahe über den Haufen rannte. Bums! stieß er an dessen Bauch, es dröhnte ordentlich, und wütend holte der Meister zu einer gewaltigen Ohrfeige aus, aber hui, ging die in die Luft, denn Raoul war schon fort, die dunklen Laubengänge des Rathauses verbargen ihn den zornigen Blicken des Meisters. Atemlos kam er oben an. Die letzten Stufen der steilen Treppe hastete er so empor, daß er beinahe wieder hinuntergefallen wäre, und dann stand er vor seiner Mutter und hielt ihr stumm, glückstrahlend die beiden Taler hin.

Frau von Steinberg nahm sie wortlos, und wortlos umschlang sie ihr Kind, und Raoul fühlte, wie heiße Tropfen auf seine Stirne niederrannen. »Mama,« flehte er bang, »Mama, freue dich doch!«

»Ich freue mich, mein lieber, tapferer Junge du,« hauchte die Frau, kaum fähig, sich noch aufrecht zu halten. Ein Schwindel überfiel sie, und der Knabe mußte sie stützen und auf ihren Stuhl zurückleiten. »Bist du wieder krank?« forschte er angstvoll, »soll ich die Frau Meisterin heraufholen?«

»Nein, nein, ich bin gesund, ganz gesund, nur die Freude war es — allein die Freude,« murmelte die Mutter und strich liebkosend über ihres Kindes braunes Gelock. »Gott segne dich, mein Sohn, du mein Glück!«

Viel später dachte Raoul noch oft an diese Stunde zurück, an diesem Abend ließ die Freude, daß der erste Monat vorbei war, die ersten zwei Taler errungen waren, keine trüben Gedanken in ihm aufkommen. Er war sehr vergnügt, vergaß alle Quälereien des langen Schreibers und brachte mit seiner Heiterkeit zuletzt auch die Mutter zum Lachen. —

Weil es Frau von Steinberg jetzt so schwer fiel, die Treppen zu steigen, kam nach dem Abendbrot noch oft die Meisterin hinauf, mit einem Eimerchen glühender Holzkohlen beladen. »Weil es unten sonst unnütz verbrennt,« sagte sie jedesmal entschuldigend, damit die Hausgenossin nur ja nicht merken sollte, daß sie immer darnach trachtete, ihr eine warme Stube zu verschaffen. Auch Gottlieb folgte der Mutter an diesem Abend, und nach einem Weilchen tappte selbst Meister Käsmodel die Stiege herauf, und alle drei bewunderten ehrlich und herzlich den verdienten Reichtum.

»Aus dem wird allweil noch mal was,« sagte der Meister schmunzelnd zu Frau von Steinberg, »das ist gute Art.«

Dankbar sah die Mutter zu dem biederen Manne auf; die Freude über ihren Sohn, die feste Zuversicht, daß er eines tüchtigen Vaters Ebenbild werden würde, ließ sie an diesem Abend heiterer in die Zukunft sehen. Ein heller Glanz kam in ihre Augen, ihr Lachen mischte sich leise und froh in das der anderen, und die Meisterin sagte nachher zu ihrem Mann: »Vielleicht irrt der Doktor sich doch, und Frau von Steinberg wird gesund.«

Daß nach einem frohen Abend nicht immer ein heiterer Morgen folgt, merkte Raoul am andern Tag. Als er ging, schien ihm die Mutter wieder schwächer und matter als sonst zu sein, und als er das Schreibzimmer betrat, kam es ihm auch noch düsterer und dumpfiger vor als sonst, denn draußen braute ein dicker Nebel, und nur karges Licht fiel in das Gemach. Grau wie der Nebel draußen war auch Herrn Paul Neumanns Laune: er war an diesem Morgen entschieden mit dem linken Fuß zuerst aufgestanden. Die Magd, zu deren Tugenden die Ordnung nicht gehörte, hatte vor der Türe einen Wischlappen liegen lassen, über den stolperte der lange Schreiber in das Zimmer hinein, und bei dem Versuch, sich an einem Stuhl festzuhalten, plumpste er mit samt dem Stuhl um und rutschte, so lang er war, in das Zimmer hinein.

Diesem bösen Anfang folgte eine Flut von Schimpfworten, die alle Raoul galten. »He, er spitznasiger, eingebildeter Zierbengel er, warum ist er gestern abend weggelaufen, he? Er hat wohl die Faulkrankheit, was? Denkt wohl, so ein Sündengeld verdient man mit Herumvagabondieren?«

Raoul sagte kein Wort, er wußte genau, daß eine Widerrede oder der leiseste Versuch, sich zu verteidigen, nur die Sache verschlimmern würde.

»Laß ihn sich austoben,« hatte einmal Karl Wagner geraten, aber an diesem Morgen dauerte das Toben recht lange. Zum Unglück war der Herr Advokat selbst nicht da, so konnte der lange Schreiber schimpfen und schreien nach Herzenslust, und Raoul bekam so viele Schelte, so viele harte Worte zu hören, daß es ihm war, als prassele ein Hagelwetter auf ihn herab.

Endlich, endlich, nachdem er dies hatte tun müssen und jenes holen, konnte er sich an seinen Arbeitsplatz setzen. Eben setzte er an, um zierlich und fein geschnörkelt einen Satz zu beginnen, als Paul Neumann ihn unsanft an den Arm stieß. Ein Schrei, und über den großen Aktenbogen rann eine dunkle Tintenflut.

»Was hat er da wieder angerichtet, er Dummerjan?« schrie der Schreiber wütend, aber da klang plötzlich ganz ruhig in das Schreien hinein Karl Wagners Stimme: »Du hast ihn gestoßen, er kann nichts dafür!«

Der kleine Verwachsene hatte zwar schon oft die Erfahrung gemacht, daß seine Verteidigung dem armen Schreiberlein wenig nützte, er brachte es aber nicht fertig, zu dieser Ungerechtigkeit zu schweigen, und just wollte er noch etwas sagen, als eine mächtige Ohrfeige auf Raouls Wange herniedersauste. »Will doch sehen, ob der nicht Strafe bekommt, der sie verdient,« rief der Lange zornig.

Mit einem Schrei war Raoul emporgefahren, Tränen der Wut und Scham entstürzten seinen Augen. »Ich lasse mich nicht schlagen,« schrie er, »ein Steinberg läßt sich nicht schlagen!« In leidenschaftlichem Zorn wollte er sich auf seinen Peiniger stürzen, aber da fühlte er sich von hinten festgehalten, und Karl Wagners ernste, graue Augen sahen ihn mahnend, liebevoll an. »Sei ruhig!« und ganz leise, nur ihm verständlich, klang es an sein Ohr: »Denk an deine Mutter!«

Stumm senkte Raoul den Kopf. Die Mutter, ihre Freude gestern, sein Stolz, seine Hoffnung, ihr immer mehr eine Stütze werden zu können, — alles fiel ihm ein. Er mußte still sein, aushalten, sein Amt durfte er nicht verlieren.

»Die Madame läßt sagen, das wär'n Lärm wie auf der Messe und nicht wie in 'ne anständige Schreibstube, und sie würd's dem Herrn berichten,« kreischte mit einemmal die Magd in das Zimmer hinein, und schwapp krachte sie die Türe mit solcher Gewalt wieder zu, daß leise der Kalk von den Wänden herabrieselte.

»Da sieht er's, was er angerichtet hat,« knurrte Neumann, dem es sehr unangenehm war, daß man drinnen in der Wohnung des Advokaten den Lärm gehört hatte. Herr Schnabel pflegte in solchen Fällen nicht ihn allein nach dem Grund zu fragen, und daß Karl Wagner nicht auf seiner Seite stand, fühlte er. Darum hielt er es für besser zu schweigen, der Blick aber, den er Raoul zuwarf, verhieß nichts Gutes für die Zukunft.

Als der arme, kleine Schreiber zu Mittag heimeilen wollte, — die Schreibstube war trotz des Langen Zorn zu rechter Zeit geschlossen worden, — hielt Karl Wagner ihn fest. »Komm mit mir,« sagte er freundlich. »Hast du ein paar Minuten Zeit?«

Raoul nickte nur, er konnte nicht sprechen, die gewaltsam unterdrückten Tränen erstickten ihn fast, und der Gedanke, so niedergeschlagen und gedemütigt vor seine Mutter treten zu müssen, lastete schwer auf ihm. Er war zum erstenmal froh, daß der Heimweg hinausgeschoben wurde, und willig folgte er Karl Wagner in die nahe Thomaskirche, die dieser durch eine Seitenpforte betrat.

Die Kirche war völlig leer. Das trübe Licht des Nebeltages fiel nur matt durch die bunten Fenster in den gewölbten Raum, den ein schönes, sanftes Klingen durchrauschte. Jemand spielte die Orgel, der Kantor von Sankt Thomas, Herr Müller, war es, wie Karl Wagner leise seinem Schützling zuflüsterte. Vorsichtig, den Schall der Schritte dämpfend, gingen die beiden bis in das Mittelschiff und setzten sich dort nieder.

Raoul war noch nie in einer leeren Kirche gewesen, er hatte auch noch nie ein so wundervolles Orgelspiel gehört.

»Den Anfang, Mitt' und Ende, ach Herr, zum besten wende,« sang Karl Wagner ganz leise die Worte des Liedes nach, das oben der Kantor spielte.

Immer rauschender und voller, wie Bittgesang und Dankesjauchzen tönte es durch die Kirche, und ganz wundersam feierlich wurde es dem armen, geplagten Schreiberlein ums Herz. Sein Kopf sank leise an die Schulter des Verwachsenen, und die schmerzlichen Tränen, die er vorher krampfhaft herabgeschluckt hatte, rannen und rannen, und als sie endlich versiegt waren, da konnte er den Kopf wieder heben und wieder frei und mutig um sich schauen. Er dachte an seine Mutter, an ihre Freude gestern abend, und auf einmal schien ihm alles nicht mehr so schwer zu sein. Ich ertrag's schon, dachte er mutig, es muß gehen, Mama darf nichts merken!

Ein Weilchen saßen die beiden Schreibgenossen noch still zusammen, bis die letzten Töne verhallt waren und ein Klappen und Schließen oben anzeigte, daß auch der fromme Spieler heimging. »Vielen Dank,« sagte Raoul draußen und schüttelte herzhaft Karl Wagner die Hand, »es war schön!«

»Kannst du nun zur Mutter gehen?« fragte der Schreiber freundlich.

Raoul nickte froh. »Sie soll nichts merken, bestimmt nicht. Ich schluck's hinunter!«

»So ist's recht, immer tapfer voran! Nach bösen Stunden kommen auch gute. Nun Gott befohlen! Am Nachmittag sind wir allein, da wollen wir zusammen fleißig sein und nachholen, was wir am bösen Morgen versäumt haben,« sagte Karl Wagner und wandte sich rasch dem kleinen Haus im Winkel des Thomaskirchhofes zu, in dem er wohnte.

Einen Herzschlag lang sah Raoul ihm noch dankbar nach, dann lief er eilig den vertrauten Weg entlang. Er flog fast, so geschwind ging es, und die frische Luft kühlte ihm die heißen Wangen und Augen. Er kam sehr vergnügt bei seiner Mutter an, und diese merkte nicht, wie schwer der Morgen gewesen war. Nur Gottlieb erfuhr am Abend den Auftritt in der Schreiberstube, und er geriet darüber in einen solchen Zorn, daß er seine lateinische Grammatik aus den Boden warf. »Man muß ihn verdreschen, aber feste,« schrie er.

»Den langen Neumann?« Raoul mußte doch lachen; sein kleiner, stämmiger Freund und der lange dünne Schreiber schienen ihm auch ein zu ungleiches Paar zu sein. »Wie wolltest du das anfangen?«

»Ach was, das krieg' ich schon fertig,« brummte Gottlieb, »David ist mit dem Goliath auch fertig geworden. Freilich, merken dürft' er's nicht, von wem die Dresche stammt, sonst geht dir's schlecht. Vater sagt, Lehrjahre sind nicht Herrenjahre, und Ohrfeigen gehören dazu, die müssen sein!«

»Wenn's aber ungerecht ist,« rief Raoul finster, »nur aus Niedertracht, dann« — er seufzte, »ich muß doch still halten, um der Mutter willen!«

»Ja freilich,« stimmte Gottlieb kleinlaut zu, »aber — seine Dresche kriegt er noch. Aufgeschoben ist nicht aufgehoben, sagte unser Geselle immer, wenn er nicht alles auf einmal essen konnte. Er kriegt sie noch, aber feste!«

Mit dieser düsteren Prophezeiung trennte sich Gottlieb Käsmodel von seinem bewunderten Freund. Wer dem was tat, dem war er gram, der sollte sich vor ihm in acht nehmen.

Dekoration Ende 2. Kapitel